Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe
Part 14
Die Unruhe, die einen schon vor New York überkommt, verläßt einen dort für keinen Augenblick. Man hat die ganze Zeit das Gefühl, als stünde man unmittelbar vor irgendwelchen Katastrophen des allgemeinen oder persönlichen Lebens, man wird es erst los, wenn man das Schiff besteigt, um nach Europa zurück zu fahren. Dann atmet man ordentlich auf. Der Grund dieser sonderbaren Aufregung ist, glaube ich, nicht in der fabelhaften Großartigkeit des äußeren Stadtbildes, auch nicht im schwindelerregenden Straßenverkehr und im rasenden Tempo des geschäftlichen Lebens zu suchen, obzwar auch dieses alles genügt, um in der ersten Zeit ein Durchschnittstemperament außer Rand und Band zu bringen. Aber schließlich sind London und Paris auch keine Dörfer, und zu Zeiten geht es dort ebenfalls recht lebhaft her. Endlich gibt es keinen Radau, an den man sich nicht gewöhnen könnte. Warum sollte also der New Yorker Straßenverkehr eine Ausnahme machen?
Nein, der Grund, weshalb man in New York innerlich nicht ruhig werden kann, liegt darin, daß man den prinzipiellen Unterschied zwischen den Begriffen »amerikanisch« und »europäisch« fühlt, und sich von Stunde zu Stunde mehr der unüberbrückbaren Kluft bewußt wird, die unseren guten alten Kontinent von der neuen Welt trennt, trotz des täglichen Verkehrs, der zwischen ihnen aufrecht erhalten wird.
Dem Nordamerikaner ist die Psychologie des Europäers ebenso fremd, wie diesem das Innenleben eines Schimpansen. Man versteht sich gegenseitig nicht, denn man ist aus ganz verschiedenem Material geknetet. Und ebensowenig, wie man den einzelnen Menschen versteht, begreift man die Formen, die das Leben dort angenommen hat. D. h. mit dem Verstande wohl, nicht aber mit dem Herzen. Das jedoch ist die Grundbedingung dazu, um sich irgendwo heimisch, oder auch nur gemütlich zu fühlen.
Dieser Umstand braucht einen nicht zu hindern, den Vereinigten Staaten den Zoll aufrichtiger Bewunderung zu entrichten. Es ist ein wundervolles Land, und man bedauert vielleicht schmerzlich, daß es einem innerlich immer verschlossen bleiben muß.
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Einen unvergeßlichen Anblick bietet die Bucht von New York, wenn man an einem sonnigen Sommermorgen die Einfahrt passiert. Weithin sichtbar erhebt sich die kolossale Freiheitsstatue auf ihrem breiten Granitsockel. Ihr goldenes Haupt scheint Blitze zu sprühen. Unzählige Dampfer, Segelschoner, Schaluppen schaukeln sich auf den Wellen, dazwischen schießen pfeilschnell in allen Richtungen Motorboote und die kleinen Dampfkutter, die den Verkehr zwischen der Stadt, den vielen Inseln der Bucht und den weiter gelegenen Vororten vermitteln. Es ist ein unwahrscheinlich buntes und belebtes Bild. Im Vergleich dazu scheint Cuxhaven der Vorhof einer Toteninsel.
Bald wird die Aufmerksamkeit von der nächsten Umgebung des Dampfers abgelenkt: vom Morgennebel noch ein wenig verhüllt zeichnet sich die Silhouette der Stadt in immer deutlicher werdenden Umrissen am Horizont ab. Im ersten Augenblick ist es schwer, sich über die Linie dieser Silhouette klar zu werden. Sie hat so merkwürdig viele Ecken und gerade Linien, die hoch in den Himmel hineinragen. Wenn man näher kommt und einzelne Bauwerke unterscheiden kann, begreift man, was man vor sich hat.
Das also sind die berühmten Wolkenkratzer! Vom Meer aus erfaßt man ihre Dimensionen noch ganz und gar nicht. Sie sehen nur so merkwürdig aus, weil sie vereinzelt dazustehen scheinen, denn die Häuserzeile mit Gebäuden unter zehn Stockwerken bleibt unbemerkt.
Es dauert überhaupt eine ganze Weile, zum mindesten einige Tage, bis man das Straßenbild von New York mit vollem Bewußtsein in sich aufzunehmen vermag. Wir sind solche Dimensionen nicht gewöhnt; der Blick gleitet darüber hinweg, ohne daß der Verstand erfaßt, was das Auge sieht. Erst allmählich lernt man begreifen, was man vor sich hat, und erst dann kann man anfangen zu staunen.
Alle Achtung vor den amerikanischen Architekten, deren berühmtester übrigens -- eine Frau ist. Sie verstehen es, die kolossalen Steinmassen so zu gliedern, daß man sich von den enormen Gebäuden, die die Straßen umsäumen, keinen Augenblick bedrückt oder eingeengt fühlt. Zählen lassen sich übrigens die Stockwerke der Wolkenkratzer ebensowenig, wie etwa die Waggons eines vorüberfahrenden Güterzugs. Man hat keine Anhaltspunkte. Ist man glücklich in die Gegend von zwanzig gekommen, so muß man sicherlich wieder von vorne anfangen.
Kurz vor unserer Ankunft war das höchste Gebäude New Yorks, auf das sogar die Amerikaner ganz besonders stolz sind, fertig geworden. Es steht in vollster Pracht, von Gerüsten befreit, am Broadway da. Es ist die Kleinigkeit von siebenundsechzig Stockwerken hoch, d. h. es soll so viele Etagen haben. Nachzählen habe ich sie nicht können. Bei einem Zählversuche muß hier auch das sicherste Auge versagen, aus dem einfachen Grunde, weil man in der schwindelnden Höhe der obersten zwanzig Stockwerke keine einzelnen Fenster unterscheiden kann, man mag noch so weitsichtig sein. Man kann sich von den Dimensionen des Gebäudes annähernd eine Vorstellung machen, wenn man erfährt, daß es fast dreihundert Meter, d. h. beinahe ebenso hoch wie der Eifelturm ist. Da es trotzdem durchaus den Eindruck eines Hauses und nicht den eines Turmes macht, kann man sich denken, welch einen enormen Flächenraum es bedeckt. Wie mag es den Leuten zumute sein, die etwa im sechzigsten Stockwerke wohnen und eine Fernsicht fast bis Europa genießen? Unsereines hätte sicherlich nicht die innere Ruhe für solch ein luftiges pied-à-terre, das übrigens in diesem Falle lieber pied-en-air heißen sollte. Schon der Feuersgefahr wegen. Es brennt in New York täglich an allen Ecken und Enden, und zwar vorzugsweise in den Wolkenkratzern. Kein Mensch regt sich mehr darüber auf. Die Zeitungen registrieren ganz geschäftsmäßig die Zahl der Leichen.
Die Wolkenkratzer in New York rangieren nicht als gleichberechtigt unter der großen Masse der übrigen Häuser. Sie sind Aristokraten, und werden individuell behandelt. Bei den Lebenden leugnet die demokratischste aller Nationen den Adel ab, unter toten Gebäuden schafft sie ihn sich. Das äußert sich darin, daß jeder »sky-scraper« seinen Namen hat. Dieser Name bezeichnet entweder den Besitzer des Gebäudes: »Astor-Haus«, oder eine Bestimmung: »Rubber-building«, »Times-building«, oder ist einfach aus freier Phantasie geschöpft: »Atalanta«, »Independencia« usw. Dieser Name genügt natürlich als Adresse, sowohl der Post, als auch den Lenkern der Verkehrs-Vehikel.
Das Wolkenkratzer-Viertel ist die Geschäftsgegend der Stadt, New York-City. Es beschränkt sich auf die Straßen, die den Anfang des Broadway durchqueren. Dieser Broadway ist übrigens eine unfaßliche Straße, nach europäischen Begriffen wenigstens. Er ist -- sage und schreibe -- 45 Kilometer lang. Wenn man als Kind an einem Ende ausgeht, kommt man als Greis am andern an.
Seine Häuser individualisiert New York, die Straßen dagegen nicht. Es gibt nur wenig Straßen, die einen Namen haben. Die Numerierung der Straßen erleichtert einem zwar das Orientieren in der Stadt, hat aber im übrigen etwas Geisttötendes an sich, ebenso, wie die »Linien« auf dem »Wassili-Ostrow« in Petersburg. Längelang wird die Stadt vom Broadway und zwölf Avenuen durchschnitten, von denen nur eine einen Namen hat: die »Amsterdam Avenue«, quer durch gehen ca. 270 Straßen, deren jede ihre Nummer hat, durch zwei Zahlen und die Hausnummer läßt sich also jede beliebige Stelle der Stadt genau fixieren. Dieses Verfahren ist ebenso bequem wie langweilig, was sich übrigens auch von manchen anderen »amerikanischen« Einrichtungen sagen läßt.
Von den Avenuen ist die großartigste die berühmte »Fünfte«. Die verwegenste Rechenkunst muß an dem Exempel versagen, wieviele Milliarden schwer die Bewohner dieser Straße sind. Im Rayon der ersten siebzig bis achtzig Querstraßen ist die 5. Avenue die vornehmste Kaufstraße New Yorks. Die ganze »Rue de la paix« und »Avenue de l'Opéra« von Paris, die »New-bond-street« aus London haben hier ihre Filialen. Am meisten ins Auge stechen die fabelhaften Juwelierläden und die märchenhaften Blumengeschäfte. Nebenbei bemerkt, trägt jede fashionable New Yorkerin, die die 5. Avenue zu Fuß oder im Auto passiert, einen ziemlich umfangreichen Blumenstrauß im Gürtel, meistens Orchideen oder Rosen.
Beim sogenannten »Central-Park«, einem entzückend gepflegten Stadtgarten, beginnt die vornehmste Wohngegend New-Yorks, der Rayon der »Einfamilienhäuser«. Hier hat sich unter anderem die ganze Dynastie Vanderbilt angesiedelt. Ein Palast steht neben dem anderen. Jeder Chauffeur nennt einem die Bewohner der einzelnen Häuser und erzählt gerne und ausführlich ihre Familiengeschichten. Die Paläste der Dollarkönige zeugen übrigens von einigem Geschmack der -- Architekten. Nur dokumentiert sich in fast allen eine gewisse Vorliebe für schwere klobige Steinmassen und wenig Lichtfreudigkeit. Die Häuser sind meistenteils in etwas finster anmutendem romanischem Stil erbaut.
Von den Bewohnern weilt übrigens jetzt kein Mensch in der Stadt. Die ganze 5. Avenue hinauf sind alle Fenster ohne eine einzige Ausnahme verhängt. Ohne sie zu sehen, kennt man diese Bewohner, wenn man einen schwatzhaften Chauffeur hat. Man weiß auch bald, wieviel Geld sie haben, ob sie in glücklicher oder unglücklicher Ehe leben, wieviel ihre Häuser gekostet haben usw. Das teuerste Haus besitzt ein Sohn des berühmten Cornelius Vanderbilt. Es soll die Kleinigkeit von 7 Millionen Dollar gekostet haben, sieht aber nicht danach aus. Einen verhältnismäßig bescheidenen Eindruck macht das Haus des jüngst verstorbenen Pierpont Morgan. Es ist nicht an der 5. Avenue, sondern in einer ihrer Querstraßen gelegen. Der Besitzer hat die wenig geschmackvolle Idee gehabt, mitten zwischen die umgebenden Mietskasernen einen griechischen Tempel für seine weltberühmte Bildergalerie hinbauen zu lassen. Das ganz aus weißem Marmor aufgeführte Gebäude ist an sich wunderschön, ideal in den Proportionen, rein und edel in allen Linien, doch nimmt es sich an dieser Stelle aus, wie eine Edelpalme auf einem Kohlfelde.
Von den öffentlichen Gebäuden New Yorks ist das schönste die »Carnegie-Hall«, ein stilvoller Tempelbau in der vornehmen Umgebung der 5. Avenue. Er beherbergt unter anderem eine wundervolle Bibliothek, in deren Zeitungssaal ich täglich die hauptsächlichen Moskauer Zeitungen lesen konnte.
Schöner noch als die 5. Avenue, wenngleich sie für etwas weniger vornehm gilt, ist die sogenannte »River-side«, das hochgelegene Ufer des imposanten Hudson-River. Unter den herrlichen Villen, die dort stehen, erregt am meisten Bewunderung die Besitzung eines gewissen Mr. Schwab, des getreuen Mitarbeiters Andrew Carnegies. Es ist eine altdeutsche Burg, ungefähr von den Dimensionen des Münchener Nationalmuseums.
Entzückend sieht der Hudson-River mit seinen grünen Ufern an sonnigen Sommertagen aus. Unzählige Segel- und Motor-Jachten beleben seine glänzende Wasserfläche. Einen unbeschreiblich großartigen Eindruck machen die vier Riesenbrücken, die ihn überwölben und die Verbindung zwischen New York und Brooklyn herstellen. Der Anblick dieser zwei Kilometer langen Brücken, die in kühnem Bogen die beiden gegenüberliegenden Ufer verbinden, und mit ihren kolossalen Strebepfeilern fast in die Wolken hineinzuragen scheinen, benimmt einem geradezu den Atem.
Von allen Städten, die mir bis jetzt zu Gesicht gekommen sind, ist New York bei weitem die internationalste. Jedes Volk fast hat dort sein Stadtviertel, in dem es seine Eigenart vollkommen bewahrt. Am interessantesten sind die Stadtviertel der Italiener, Juden, Chinesen und Neger.
2. HOTELS, ZEITUNGSWESEN, REKLAME.
Der Hotel-Komfort in Europa wird immer raffinierter und raffinierter. Das verdanken wir den Yankees. Sie sind es »bei sich zu Hause« so gewöhnt und wollen es in Europa, wenn sie uns mit ihrem Besuch beehren, auch nicht schlechter haben. Und da dürfen wir nun mitgenießen, obgleich wir es bei »uns zu Hause« durchaus nicht so gewöhnt sind.
Aber trotz aller unserer Anstrengungen gelingt es uns nicht, die Amerikaner in bezug auf Hotel-Luxus auch nur annähernd zu erreichen, geschweige denn zu übertrumpfen. Weder »Cecil« und »Carlton« in London, noch die glänzendsten Hotels in Paris, noch »Adlon« in Berlin können mit den amerikanischen Hotelpalästen konkurrieren.
In Amerika geht bekanntlich alles ins Grandiose. Neben der Qualität kommt auch die gemeine Quantität zu ungebührlicher Bedeutung. Die Sucht nach großen Zahlen beseelt das Leben und Streben der Amerikaner. Das gilt ganz besonders auch vom Hotel-Betriebe.
Das »Astor-Hotel« in New York genießt den Ruf »vornehm und ruhig« zu sein. Was soll man nun dazu sagen, wenn man hört, daß in diesem »ruhigen« Hotel neun Orchester beschäftigt werden, die zu allen Tages- und Nachtzeiten in den verschiedenen Speisesälen des Hauses konzertieren. Aber selbst damit ist dem unersättlichen Musikbedürfnis der Hotelleitung und ihrer Gäste nicht Genüge getan. Im »Astor-Hotel« steht im großen Bankett-Saal die größte Orgel der Vereinigten Staaten, ein wundervolles Werk amerikanischer Orgelbaukunst, auf der ein eigens angestellter Organist -- nebenbei gesagt ein Meister seines Faches, der mit seinen 6000 Dollar Gehalt gewiß nicht zu hoch bezahlt ist -- die Tafelfreuden der reichen Yankees würzt.
Während unseres Aufenthaltes im »Astor-Hotel« wurde dort von verschiedenen offiziellen und inoffiziellen deutschen Vereinigungen das 25jährige Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms gefeiert. Der gewöhnliche Betrieb des Hotels erlitt dadurch keine Einbuße. Doch erzählte der Direktor des Hotels nachher nicht ohne Stolz, daß an diesem Abend Diners für insgesamt 2800 Personen serviert worden waren, womit jedoch das Küchenpersonal des Hotels und die 600 Kellner keineswegs überanstrengt wurden.
Eine Sehenswürdigkeit von New York ist der »roof-garden«, des »Astor-Hotels«. Es gibt auch anderswo in der Welt Dachgärten, z. B. in Petersburg auf dem »Hotel d'Europe«. Doch kann er sich mit der vorwitzigen Probe amerikanischer Gartenbaukunst auf dem Dache des »Astor-Hotels« natürlich nicht im entferntesten messen. Schon den Dimensionen nach ist der »Astor-roof-garden« unendlich viel imposanter. Dort gibt es offene und geschlossene Wandelhallen, Squares mit wundervollen Blumenrabatten, ganze Palmenhaine und weiß der Himmel was alles noch. Eine wahrhaft geniale Einrichtung kann man während der mit Recht berüchtigten amerikanischen Hitzwellen nicht genug preisen. Ein großer Teil des Gartens hat nämlich ein Dach aus Glas, und über dieses Dach rieselt ununterbrochen kühles Wasser, wodurch die Temperatur dort immer erträglich ist. Überdies machen diese fließenden Wasser abends beim Lichte unzähliger bunter elektrischer Flammen einen höchst phantastischen Eindruck. Man wähnt sich auf dem Grunde des Ozeans und wartet auf die Fische und Seesterne, die gleich vorbeischwimmen werden. Dekoration zu Rheingold, erster Akt. Und das alles in der Höhe des fünfzehnten Stockwerkes.
Entsprechend diesem Restaurant-Luxus sind natürlich auch die Wohnräume des Hotels aufs raffinierteste eingerichtet und mit allen Bequemlichkeiten der modernen Hoteltechnik versehen. Daß jedes Logis sein eigenes Badezimmer hat und auch im Waschtisch fließendes heißes Wasser, versteht sich in Amerika von selbst. Weniger selbstverständlich, aber ebenso angenehm ist das Telephon in jedem Logis, und zwar ein Telephon, mit dem man nicht nur die Dienstboten anruft, sondern Anschluß nach Chicago, Philadelphia, mit einem Wort überallhin, wo es Telephonleitungen gibt, haben kann. Elektrische Glocken sind übrigens verpönt. Auf einen Anruf der Zentrale des Hotels erscheint prompt der gewünschte dienstbare Geist.
Ein Patent des »Astor-Hotels« ist eine ingeniöse Einrichtung, vermittels derer jeder Hotelgast sofort erfährt, wenn Post für ihn da ist. Jede Nummer hat ihr Postfach. Wenn nun ein Brief oder auch nur eine Visitenkarte in das Postfach hineingeschoben wird, schließt sich eine elektrische Leitung, und in der betreffenden Nummer leuchtet an der Wand ein Menetekel in roter Schrift auf: »mail for you in the office«. Natürlich freut man sich diebisch über diese frohe Botschaft, wenn man abends sein Zimmer betritt. Ein Ruf ins Telephon, und nach fünf Minuten ist man im Besitze seiner Briefe.
Dennoch gab es in New York eine Zeit, in der wir sowohl die Post als auch das Telephon verwünschten. Das war während der ersten vier bis fünf Tage. Und verekelt wurden uns diese beiden nützlichen und angenehmen Institutionen durch meine lieben Kollegen -- die New Yorker Journalisten.
Das ist ein Kapitel für sich und sein Inhalt ist tragikomisch. Wenn ich bei seiner Wiedergabe etwas persönlich werde, werden mir das meine verehrten Leser hoffentlich nicht verübeln.
Die Amerikaner bilden sich bekanntlich ein, die demokratischste aller Nationen zu sein. Das hindert sie jedoch keineswegs, einem so dreisten und naiven Snobismus zu huldigen, wie er in Europa glücklicherweise nur noch ausnahmsweise vorkommt. Mein Reisekamerad führt vor seinem Namen einen nach amerikanischen Begriffen außerordentlich hohen Titel. Dieser Umstand genügte, um bei unserer Ankunft in New York an der Landungsbrücke der Hamburg-Amerika-Linie ein ganzes Heer von Reportern und Photographen zu versammeln, denn die Passagierliste des Dampfers war nach New York telegraphiert worden. Da wir auf diesen Ansturm völlig unvorbereitet waren, gaben wir den Herren bereitwilligst Auskunft über alles, was sie wissen wollten, in der Annahme, daß sie sich wirklich für unsere Erlebnisse in den südamerikanischen Tropen interessierten. Stutzig wurden wir, als auch bei unserer Ankunft im Hotel, wo wir ebenfalls telegraphisch angemeldet waren, uns die Visitenkarten einiger Berichterstatter amerikanischer Zeitungen überreicht wurden. Sie folgten uns auf Schritt und Tritt, wo wir gingen und standen, assistierten uns beim Frühstück, notierten sich eifrig das Menü, fragten nach lauter Dingen, die sie ganz und gar nichts angingen und interessierten sich besonders für unsere Meinung über die amerikanischen Frauen. Am nächsten Morgen schon durften wir die Früchte dieser aus angeborener Höflichkeit gewährten Interviews genießen. Alle New Yorker Zeitungen brachten spaltenlange Artikel, die sich aufs ausführlichste mit unserer Wenigkeit beschäftigten. Die Phantasie der Reporter feierte dabei wahre Orgien. Von unseren südamerikanischen Erlebnissen kein Wort, dagegen die Mitteilung von lauter zu sensationellen Ereignissen aufgebauschten Nichtigkeiten.
Wir hatten unseren Koffer, der unsere Gesellschaftsanzüge enthielt, nicht gleich bekommen können und waren infolgedessen gezwungen, in Jackettanzügen zum Mittagessen im Speisesaal des Hotels zu erscheinen: Daraus wurde ein fulminanter Artikel: »Russian Prince dining in the Astor-Hotel in a white flannel suit«. Der phantasiebegabte Journalist schilderte in lebhaften Farben das Entsetzen, das wir beim maitre d'hôtel hervorgerufen hatten, das Aufsehen, das wir bei der Tischgesellschaft erregten, zählte die Gläser »wodki« auf, die wir angeblich getrunken, und die Portionen Kaviar, die wir gegessen hatten, schilderte dann den Inhalt unserer vierzehn (!) Koffer, als wenn er sie selbst eingepackt hätte, und schloß mit der weisen Sentenz, daß wahre Vornehmheit sich auch in einer weißen Flanelljacke nicht verleugnen könne. Von alledem war nur wahr, daß wir statt in Smokings in blauen Anzügen klein und bescheiden in einer Ecke des Speisesaales zu Mittag gespeist hatten.
Ein anderer Reporter ging gleich in medias res. »Russian Prince in New York not for a bride but for study« war sein Artikel mit Riesenlettern überschrieben. Darin standen die wunderbarsten Dinge, die wir angeblich über die Frauen sämtlicher Weltteile und besonders über die amerikanischen Damen geäußert hatten. Sittliche Entrüstung hatten bei uns der »Tango«, der »Turkey-Trot« und wie alle diese geschlichenen, geschaukelten und geschwungenen amerikanischen Schiebetanz-Scheußlichkeiten sonst noch heißen, hervorgerufen. Dem »Mondscheintanz« (??) der bolivianischen Indianerinnen gaben wir entschieden den Vorzug. Diesen ganzen Unsinn hatte sich der kühne Federheld bis auf den letzten i-Punkt aus den Fingern gesogen.
Noch ein anderer schilderte in tragischen Tönen ein völlig belangloses Erlebnis: »Real Russian Prince lost in the L-train«, dem die wahre Begebenheit zugrunde lag, daß wir uns am ersten Abend vergeblich bemüht hatten, mit den Untergrund- und Hochbahnen nach Coney-lsland zu kommen, was mißlang, da wir stets in die falschen Wagen einstiegen und von den bis zur Grobheit unhöflichen Yankees auf keine Weise eine vernünftige Auskunft erhalten konnten. Lange leutselige Gespräche, die mein Kamerad dabei mit den Schaffnern und Mitreisenden geführt hatte, erfuhren wir aus diesem Artikel zum erstenmal.
Da meine Person als solche den amerikanischen Journalisten zu gering war, avancierte ich je nach Bedarf zum »Baron« oder »Professor«. Ein ganz dreister Reporter, den ich nie gesehen habe, leistete sich dabei eine wundervolle Beschreibung meiner äußeren Erscheinung, wobei er sich lange bei der Schilderung meines wallenden weißen Bartes aufhielt und voller Rührung erzählte, welch ein herrliches Verhältnis zwischen dem »genial old gentleman«, dem intimsten Freunde des Grafen Tolstoi (das war ich), und seinem Schutzbefohlenen (mein Reisekamerad) herrsche und mit welch einer Andacht der junge Springinsfeld von Prinz die Weisheit von den Lippen seines »general adviser« lese, der übrigens zuweilen auch als »safety-brake« (Sicherheitsbremse) zu funktionieren habe.
Zuerst amüsierten wir uns über den Unsinn, dann ärgerten wir uns, endlich schnaubten wir Wut, besonders als uns auch aus anderen amerikanischen Städten, Boston, Chicago, Philadelphia Zeitungsausschnitte zugingen, die denselben haarsträubenden Blödsinn, noch verbrämt und ausgeschmückt, enthielten. Den ganzen Tag rasselte das Telephon. Erst waren es nur Reporter, dann Photographen, die uns bei uns, bei sich, vor dem Hotel, im Auto, auf der Straße, immer unentgeltlich photographieren wollten, dann klingelten allerhand Agenten, Wucherer, Damen »der Gesellschaft«, die uns zu Fünfuhr-Tanzkränzchen einluden, verkrachte Russen, darunter ebenfalls einige Fürstinnen und Gräfinnen, die die unglaublichsten Anliegen hatten usw. Denn alle Zeitungsartikel erschienen mit voller Nennung unserer Namen und genauer Angabe der Adresse. Da wir nur wenige gute Freunde in New York hatten, die der Hotel-Administration ausnahmslos bekannt waren, war es glücklicherweise nicht schwer, Gegenmaßregeln zu ergreifen. Wir ordneten kurz entschlossen an, daß kein Mensch, wer es auch sei, empfangen werde und daß keine Telephonverbindung mit unserer Nummer herzustellen sei. Dann hatten wir endlich Ruhe. Aber der »Russian Prince« spukte noch lange in den amerikanischen Blättern.
Für den Snobismus der Amerikaner und ihr Zeitungswesen ist das Erzählte sehr charakteristisch. Es gibt nur zwei Dinge, von denen sich die amerikanischen Journalisten nähren: Klatsch und Sensation. Sonst existiert für sie nichts. Das Niveau aller amerikanischen Zeitungen -- auch der deutschen -- ist ein geradezu klägliches. Die verpöntesten Pariser Klatschblätter sind trockene wissenschaftliche Revuen dagegen.