Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe
Part 12
Der Eindruck, den die Kordillere bei solch einem Wetter macht, ist der einer fast beängstigenden, rauhen und schroffen Wildheit. Es war hundekalt. Weder Sweater noch Poncho, noch Lederjacke boten genügend Schutz gegen Frost, Wind und Schnee. Dabei das erbarmungslos langsame Begräbnistempo, in dem die Mulas den verschneiten Weg hinankrochen! Der schneidende Wind raubte ihnen augenscheinlich den letzten Rest von Atem, den sie noch hatten. Man glaubte jeden Augenblick, daß einem die Füße abfrieren würden. Absteigen war nicht ratsam, denn man hätte bis an die halben Waden im Schnee waten müssen.
Auf dem höchsten Punkte des Passes ließ das Schneegestöber nach. Die Wolken ballten sich zusammen und krönten die Bergspitzen, die uns umgaben. Der Himmel wurde klar. Eine Symphonie von Blau und Weiß ringsumher, wie man sie in solch makelloser Reinheit und Schönheit wohl selten zu sehen bekommt. Schade, daß es zu kalt war, um dieses einzigartige Bild lange zu genießen. Uns fehlten seit einigen Tagen auch die künstlichen Wärmemittel. Ein Gemisch aus Brennspiritus und Wasser war doch nur ein sehr mangelhafter Ersatz für Whisky und Kognak.
Abgestiegen und im Laufschritte hinunter! Die Wärme, nach der wir uns so sehnten, wurde uns bald im Übermaße zuteil. Die fünf Stunden Abstieg vom Yachazani-Paß nach Sorata bringen einen in dieser Jahreszeit aus Eis und Schnee direkt in die Tropentemperatur von 30-35 Grad Celsius -- ein Temperaturwechsel, wie man ihn schärfer anderswo kaum erleben kann. Ein Kleidungsstück nach dem anderen wurde den Mulas aufgeladen, bis das Tropen-Déshabillé glücklich wieder erreicht war.
Kurz vor Sorata, beim Passieren eines Indianerdorfes, hatten wir Gelegenheit, das höchst interessante Leben und Treiben bei einer indianischen Festlichkeit mitanzusehen. Es wurde eine Hochzeit gefeiert. Das gibt sämtlichen Bewohnern des Dorfes Anlaß, nicht mehr und nicht weniger als eine volle Woche lang sich unentwegt zu betrinken und ebenso unentwegt zu tanzen. Was die Indianer im Tanzen leisten können, grenzt ans Unwahrscheinliche. Es gibt Burschen, die von Sonnenaufgang bis zur Dunkelheit in unausgesetzter Bewegung sind. Eine Art Extase, ähnlich dem Delirium der indischen Drehderwische, scheint sie zu überkommen. In Gruppen von zehn bis fünfzehn Mann drehen sie sich in langsamen gemessenen Bewegungen, deren Tempo nur selten gesteigert wird, im Kreise und um die eigene Achse herum. Sie sind alle im Festtagskleide, oder irgend einem spezifisch indianischen, phantastischen Maskenanzuge. Hier ist eine Gruppe im herrlichsten Federschmuck, auf dem Kopf ein meterhoher Aufputz von vielfarbigen Papageifedern, der Oberkörper nackt, von der Taille bis zu den Knien wieder eine Art Ballettröckchen von grellgrünen oder roten, in dichten Kränzen aneinandergefügten Federn. Dort eine andere Gruppe hat sich mit Tigerfellen geschmückt. Sie haben eine Art Panzer aus den harten Fellen gebogen, der in Beulen von Rücken, Schultern und Brust absteht, die Beine stecken in Hosen und nur die Rückseite ist mit einer mächtigen grünen Federtournüre ausgestattet. Die Kerls sehen aberwitzig aus, drehen sich stieren Blickes in die Runde, wobei sie sich auf langen Flöten eine grauenhaft mißtönende Musik selber liefern.
Eine andere Gruppe hat abschreckende Tier- und Teufelsmasken vorgebunden, sie schwingen dreigezackte Kriegsspeere und springen mit unmelodischem Geheul regellos durcheinander. Der ganze Dorfplatz scheint sich zu drehen. Dem Zuschauer wird nach zehn Minuten schwindlich zu Mute, man begreift nicht, wie es die Tänzer stundenlang aushalten, ohne Rast und Ruhe in die Runde zu wirbeln.
Hin und wieder verläßt eine Gruppe den Platz, torkelt und taumelt im Gänsemarsch durch ein paar Straßen, um jedoch bald wieder auf den Ausgangspunkt zurückzukommen. In einigen Gruppen machen Knaben von zehn Jahren aufwärts mit. Nur sekundenlang sind die Pausen, in denen ein tiefer Zug aus der kreisenden Flasche mit Patinno-Schnaps getan wird. Die Tänzer scheinen alle total vertiert, in Blick und Ausdruck haben sie nichts Menschliches mehr an sich. Seit vier Tagen erlebt keiner von ihnen eine nüchterne Minute. Doch sind es ausschließlich Männer, die sich an diesem wahnwitzigen Treiben beteiligen. Die Frauen halten sich zaghaft im Hintergrunde. Sie sehen mit glänzenden bewundernden Blicken ihre taumelnden Ehegesponse an und sind glücklich, wenn sie die vor Erschöpfung niedersinkenden Tänzer mit einem Schluck kühler »Chicha« wieder auf die Beine bringen dürfen. Vor Zuschauern haben diese exotischen Tänzer übrigens nicht die geringste Scheu, auch nicht vor photographischen Apparaten. Mir schien, daß kein einziger von ihnen mehr begriff, was überhaupt um ihn herum vorging.
Gegen 5 Uhr nachmittags erreichten wir Sorata und das gastliche Haus seines »Königs« G. Das Städtchen erschien nach den kulturellen Entbehrungen der letzten fünf Wochen wie ein kleines Paris. Ich glaubte, nie einen herrlicheren Konzertflügel unter den Händen gehabt zu haben, als das alte gelbgezähnte Scheusal von Pianino, das dem Salon des G.'schen Hauses als Zimmerzier diente.
Wir waren in Sorata an einem aufregenden Tage angelangt, dem Tage der Präsidentenwahl. An diesem Tage herrschte in Sorata eine ganz fürchterliche Besoffenheit. Soweit die indianischen Bewohner der Stadt nicht in der Gasse lagen, zogen sie mit Pfeifen, Singen und Gebrüll durch die Straßen und trugen den Kaufpreis ihrer Wahlzettel aus einer Kneipe in die andere. Bis in den frühen Morgen hörte man an allen Enden und Ecken der Stadt das unmelodische, sinnlose Geklimper der »Charangos«, einer Art Gitarre, deren Leib aus dem Panzer eines Gürteltieres besteht, dem beliebtesten Instrument der städtischen Indianer.
Im gastfreien Hause des »Königs von Sorata« durften wir uns, dank der überaus liebenswürdigen Einladung des Hausherrn, drei Ruhetage gönnen. Wir konnten sie nach den Strapazen des zweiten Kordilleren-Überganges gut gebrauchen. Es würde zu weit führen, wollte ich noch alle die schönen Ausflüge, die wir zu Fuß und zu Maultier von Sorata aus machten, im einzelnen beschreiben. An den Abenden versammelten wir uns meist auf der luftigen Terrasse des Hauses, die in einen paradiesischen Tropengarten hineinragt, zu einem echt deutschen Skat. Das heißt ganz deutsch war er nicht immer. Wenn der spanische Arzt des Städtchens zu unseren Partnern gehörte, wurde auf spanisch gespielt. Die spezifisch deutschen Skatausdrücke nehmen sich in der Sprache des Cervantes höchst kurios aus: »sastre« (Schneider), »negro« (schwarz), »curazon« (Herzen) usw.
Erst am vierten Tage wurde uns gestattet, von einer langentbehrten Kulturerrungenschaft -- dem Telegraphen -- Gebrauch zu machen, und eine Kutsche von La Paz nach Achecachi zu bestellen. Bis Achecachi mußten wir noch einen Tag per Maultier reisen. Nicht ohne Bedauern nahm ich -- sicherlich für lange, wenn nicht für immer -- von dieser Verkehrsmethode Abschied. Hat man sich erst an den Fischgabelsitz in den bolivianischen Gebirgssätteln gewöhnt und sein Temperament dem des Maultieres angepaßt, so ist es ein Hochgenuß, langsam und gemütlich durch die herrliche Gebirgswelt der Kordillere zu reiten. Auf den Weg braucht man nicht aufzupassen. Das besorgen die Tiere. Man genießt die wundervoll reine Luft, die wilde weite Aussicht und läßt seine Gedanken weithin in die Ferne schweifen.
Die Reise bis La Paz verlief ohne bemerkenswerte Erlebnisse. Kurz vor der Stadt, noch im Wagen, überfiel meinen Gefährten ein heftiger Fieberanfall, dasselbe Schicksal ereilte gleich nach der Ankunft in La Paz noch einen Teilnehmer unserer Reise, den kerngesunden und vergnügten Sch. Übrigens sind die unvergeßlichen Eindrücke solch einer Reise im Tropengebiete mit ein paar tüchtigen Schüttelfrösten nicht zu teuer bezahlt.
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16. BRIEF.
IM SCHNELLZUG DURCH PERU. -- DER TITICACA-SEE. -- MOLLENDO. -- LIMA.
Der Abschied von La Paz wurde uns schwer. Nicht ohne Wehmut schieden wir von Bolivien. Erstens mußten wir uns nun von unseren beiden Reisegefährten und den zahlreichen lieben Freunden, die wir uns während des ziemlich langen Aufenthaltes in La Paz erworben hatten, trennen. Zweitens scheint uns -- hoffentlich zu Unrecht -- daß der interessanteste Teil der Reise jetzt hinter uns liegt.
Die Verbindung zwischen La Paz und der peruanischen Küste kann keineswegs bequem genannt werden. Sie besteht aus drei Etappen: Eisenbahnfahrt bis zum Titicaca-See, Dampferfahrt über den See nach Puno, Eisenbahnfahrt vom Peruanischen Ufer des Sees bis zur Küstenstadt Mollendo. Nun scheinen leider die drei Betriebsgesellschaften in Fehde miteinander zu leben. Man kann nie mit Sicherheit darauf rechnen, daß man Anschluß findet. Verspätet man sich auf einer der beiden ersten Etappen, so ist man verloren, denn die Dampfer auf dem Titicaca-See und die peruanischen Schnellzüge verkehren nur zweimal in der Woche. Gewartet wird nicht. Das ist besonders ärgerlich, wenn man in Mollendo einen bestimmten von den auch nicht allzu häufig verkehrenden Küstendampfern erreichen will.
Die bolivianische Hochebene, die wir zweimal im Wagen passiert hatten, durchquerten wir nun im Eisenbahn-Coupé. Kein Mensch wird behaupten, daß der enge Waggon mit seinen schlüpfrigen Wachstuchpolstern bequemer wäre, als der geräumige Phaeton. Aber reizvoll war die Fahrt auch so. Zum letzten Mal verabschiedeten wir uns vom majestätischen Illimani und seinen schneegekrönten Trabanten.
Die interessanteste Station auf dieser Eisenbahnfahrt ist Tiguanaco -- eine uralte, von Einwohnern fast verlassene Inka-Stadt. Als der Zug hielt, stürzte eine Horde schmutziger Indianerbuben in den Waggon herein. Mit ohrenbetäubendem Geschrei priesen sie »Reiseandenken« an, zerbrochene Löffel und verrostete Stricknadeln, die sie für Pfeilspitzen und prähistorischen indianischen Hausrat ausgaben. Als Goldplättchen alter Inka-Schätze konnte man zusammengeknetete Kapseln von Subercaseaux- und Santa Rita-Flaschen, chilenischen Weinsorten, erstehen. Ja, an diesen Plätzen eines lebhafteren Fremdenverkehrs muß man beim Einkauf von Antiquitäten vorsichtig sein.
Die Stadt Tiguanaco mit ihren grandiosen Inka-Ruinen, die nun allerdings fraglos echt sind, bietet von weitem einen sehr pittoresken Anblick. In der Nähe konnten wir sie leider nicht besehen.
Den Titicaca-See erreichten wir nach Anbruch der Dunkelheit. Glücklicherweise verspäteten wir uns nicht und fanden im Hafen einen zwar sehr kleinen, aber äußerst appetitlichen Dampfer vor, der natürlich »Inka« hieß. Die Pietät, mit der man dieses durch die brutalen Eroberer ausgerotteten stolzen Volksstammes gedenkt, ist wirklich rührend.
Die Überfahrt über den Titicaca-See dauerte eine ganze Nacht. Es war herrlichster Mondschein, als der »Inka« seine Anker lichtete. Die schwarze Silhouette der Königskordillere hob sich ordentlich gespenstisch vom hellen Nachthimmel ab. Wie ein silberner Strom teilte die glitzernde Mondstraße die unergründlichen schwarzen Fluten des Sees. Allmählich verdüsterte sich jedoch der Himmel. Es wurde empfindlich kalt und windig, die Fahrt des »Inka« immer weniger stolz und immer unruhiger. Plötzlich setzte ein regelrechter Schneesturm ein. Nicht schnell genug konnte man in die winzige Kabine flüchten. Kolossale Schneemassen fegten über das Verdeck. Man muß in dieser Gegend auf die merkwürdigsten Überraschungen gefaßt sein. Am nächsten Morgen noch lag auf Bug und Achterdeck des Dampfers eine dichte Schneedecke, die die Sonne freilich schnell zum Schmelzen brachte.
Die Eisenbahnfahrt vom Ufer des Titicaca-Sees an die peruanische Küste des Stillen Ozeans ist sicherlich eine der schönsten, interessantesten und aufregendsten, die man auf den fünf Erdteilen machen kann. Der Höhenunterschied zwischen beiden Endstationen beträgt mehr als 4000 Meter. Man legt die Strecke in ca. 12 Stunden zurück. Der Zug rast mit atemversetzender, echt amerikanischer Geschwindigkeit vorwärts, obgleich der Winkel des Gefälles oft ein beträchtlicher ist, und kühne Kurven das Geleise nur meterweit an gähnenden Abgründen vorbeiführen. Die Passagiere des Pullman-Wagens fliegen von ihren Sesseln nicht selten unerwarteter und meistens unerwünschter Weise einander in die Arme. Zwischendurch promeniert der Schaffner und erzählt in lässigem Spanisch wenig erheiternde Anekdoten von abgestürzten Eisenbahnzügen.
Die ganze Fahrt über hat man die herrlichste Hochgebirgs-Landschaft vor Augen. Ein Panorama mit den charakteristischen, schon oft geschilderten Farbenspielen der Kordillere. Hier ist die Färbung vorzugsweise hellrosa oder rötlich braun. Weite Strecken des Gerölls sind mit feinem hellgrauen Sande bedeckt. Es sieht aus, als hätte man Decken aus zartestem schwedischen Leder über die Berge gebreitet. In einigen Talkesseln fegt der Wind diesen Sand zusammen, und es bilden sich merkwürdige Hügel, die einander so genau gleichen, als seien sie aus einer Form gegossen. Sie ähneln den Kratern kleiner Vulkane, oder den Brustwehren alter Burgen, denn von einer Seite -- woher der Wind weht -- sind sie offen. Natürlich wird diese Menge von Flugsand dem Bahnbetriebe oft gefährlich.
Der Zug hält auch bei den wichtigsten Stationen, den Schwefelbädern Jura und der peruanischen »Großstadt« Arequipa nur wenige Minuten.
Arequipa ist im fruchtbarsten Teil des peruanischen Küstengebietes gelegen (immerhin noch 2500 Meter hoch). Hier fließen eine ganze Menge kleiner Gebirgsflüsse zusammen. Man kann ihren Lauf vom Eisenbahnwagen aus weithin verfolgen. Gleich schmalen grünen Bändern ziehen sie sich durch das öde, unwirtliche Gestein. Fast unwahrscheinlich wirkt dank seiner absolut regelmäßigen, geradezu mathematisch genauen Kegelform der schneebedeckte Vulkan Misti, der das Landschaftsbild von Arequipa krönt.
Ein grauenvolles kleines Nest ist die sonnendurchglühte Hafenstadt Mollendo. Hier muß man seine Ansprüche auf Komfort auf ein nicht mehr zu unterbietendes Minimum herunterschrauben.
In der Stadt selbst und in ihrer Umgebung fehlt, ebenso wie in den chilenischen Küstenstädten, jede Spur vegetativen Lebens. Die Sonnenstrahlen prallen überall auf nacktes Gestein und strahlen mit verdoppelter Glut zurück. Ganz wundervoll ist hier allerdings die Ozeanbrandung, die himmelhoch über das weit in die See hineingebaute Hafenbollwerk herüberschäumt.
So schön die Wellen der Brandung aus der Entfernung aussehen, so wenig angenehm sind sie, wenn man sich auf ihnen schaukeln muß. Und das muß man leider.
Die Küstendampfer ankern weit draußen auf der Reede. Kleine Ruderböte, die wie Nußschalen auf den majestätisch dem Ufer zurollenden Wogen herumtanzen, besorgen den Verkehr mit dem Hafen. Nie in meinem Leben habe ich eine ungemütlichere Ruderpartie gemacht. Die Böte haben außer dem Ruderknecht noch eine andere ständige Bemannung: ein bis zwei Knaben, die das immerfort hereinschlagende Wasser ausschöpfen. Eine nicht geringe Geschicklichkeit gehört auch dazu, um zu verhindern, daß das Boot beim Anlegen an die Falltreppe des Dampfers umkippt oder zerschellt. Als ich das gehörig schwankende Deck der »Orissa« betrat, kam es mir nach dieser fürchterlichen Ruderpartie vor, als hätte ich endlich wieder festen Boden unter den Füßen.
Die Küstenfahrt bietet keinerlei neue Eindrücke, sondern immer nur dasselbe Bild, das wir von der Fahrt zwischen Valparaiso und Antofogasta her schon genugsam kannten. In zwei Tagen brachte uns die »Orissa« nach Callao.
Callao ist der Hafen der peruanischen Haupt- und Residenzstadt Lima. Hier zum ersten Male zeigt die pazifische Küste Süd-Amerikas ein etwas freundlicheres Aussehen. Mit Behagen ruht das Auge auf dem saftigen Grün der üppigen tropischen Vegetation, die sich bis dicht an den Ozean hinzieht.
Callao und Lima sind durch eine elektrische Bahn verbunden. Die Fahrt dauert eine knappe halbe Stunde. Von allen Städten der Westküste Süd-Amerikas ist Lima ohne Frage die europäischste. Breite, gutgepflasterte Straßen, konventionelle Regierungsgebäude, anständige Hotels, vorzügliche Läden, Droschken im Stil der Wiener Fiaker, Automobile, gute Restaurants, in denen die Speisenzubereitung nach den bolivianischen Stiefelsohlen geradezu raffiniert, lukullisch erscheint. Alles in allem: recht kulturell, aber -- uninteressant.
Nur eine Merkwürdigkeit, eine »Spezialität« von Lima kann ich nicht unerwähnt lassen. In einem fashionablen Laden wurde sie uns als »Reiseandenken« angeboten, jedenfalls war es das sonderbarste Souvenir, dem ich je begegnet bin, denn es war nichts anderes, als -- der Kopf, nicht Jochannaans, sondern eines indianischen Mädchens. Keine Nachahmung, kein Papier-maché, kein bluff, sondern echt. Der Kopf eines einst lebendig gewesenen Menschen, oder der Kopf einer Leiche, wie man will. Kein nackter Totenschädel, sondern ein virtuos balsamiertes menschliches Gesicht, mit Glasaugen und langem Haarschopf. Nur die Haut ein wenig verschrumpft. Mir schauderte, als ich mir dieses anmutige Reiseandenken auf meinem Schreibtisch als Briefbeschwerer, oder unter einer Glasglocke in der guten Stube vorstellte.
Die Europäer in Lima treiben mit diesen Scheußlichkeiten einen schwunghaften Handel. Der Absatz ist enorm. Die Indianer, die sehr rasch begriffen, daß ihre Leichenköpfe als Handelsartikel gut bezahlt wurden, fingen an, Freund und Feind hinzumorden, balsamierten ihre Köpfe ein und brachten sie in großen Mengen auf den Markt. Da erst legte sich die Regierung ins Mittel. Jetzt dürfen nur »alte« Köpfe verkauft werden, während »frische« verpönt sind. Aber wer wagt es zu entscheiden, ob solch eine Mumie von gestern oder von anno dazumal stammt? Jedenfalls ist der Artikel rar geworden und infolgedessen im Preise gestiegen. Der Kopf, der uns angeboten wurde, sollte 50 englische Pfund kosten. Ich hätte ebensoviel zugezahlt, um ihn nicht zu besitzen.
Mit diesem unappetitlichen Eindruck schieden wir von Lima. Der peruanische Küstendampfer »Guatemala« nahm uns auf. In acht Tagen soll er uns nach Panama bringen.
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17. BRIEF.
PANAMA UND EINE ALLIGATOR-JAGD.
Durch drei Dinge ist Panama berühmt. Erstens durch den Panama-Kanal, zweitens durch den Panama-Skandal, drittens durch die Panama-Hüte. Der Panama-Skandal ist nicht mehr aktuell. Der Panama-Kanal wird es bald sein, wenn er nämlich wirklich, wie es heißt, im nächsten Jahre eröffnet wird. Die Panama-Hüte sind es immer und werden es so lange sein, als es für vornehm gilt, was Besseres auf dem Kopfe, als drin zu haben.
Über den Panama-Skandal werde ich mich nicht verbreiten. Wer sich daran erquicken will, lese in den betreffenden Jahrgängen der Pariser Zeitungen nach.
Aber von den Panama-Hüten und dem Panama-Kanal will ich erzählen.
Die Panama-Hüte heißen wahrscheinlich deshalb so, weil sie nicht in Panama gemacht werden. Ihr Entstehungsort ist die Republik Equador, besonders die Gegend um Guayaquil und Payta herum. Dort sitzen die fleißigen Indianerweiber, bleichen und spalten das haarfeine Palmstroh, aus dem ihre geschickten Finger die kostbaren Kopfbedeckungen flechten. In Panama selbst ist man dagegen so unnobel, die Hüte, die den Namen der Stadt tragen, mit einem ziemlich hohen Einfuhrzoll zu belegen. Wer also glaubt, daß man in Panama »billig und gut« Panama-Hüte kaufen kann, wird an Ort und Stelle gar bald eines Besseren, oder vielmehr Schlechteren belehrt. Man zahlt in Panama genau denselben Preis für einen Hut, wie in Europa, nicht unter 10 Dollar für mittelgute Ware. Natürlich gibt es auch hier Hüte, für die 200 Dollar von dreisten Verkäufern verlangt und von verrückten Amerikanern gezahlt werden. Die Zugehörigkeit von Panama-Hüten zu Panama versucht man dadurch kenntlich und glaubhaft zu machen, daß man alberne kleine Reisesouvenirs in Form von Puppen-Panamahüten verkauft.
Was nun den Panama-Kanal anbetrifft, so ist er allerdings sehr großartig in der Anlage, aber doch nicht so imposant, wie man ihn sich in Europa vorstellt, oder wie ich ihn mir wenigstens vorgestellt habe. Es ist kein einheitlicher, schnurgerader Durchstich, der nach dem Prinzip der kürzesten Linie die Küste des Stillen Ozeans mit der des Atlantischen verbindet, sondern vielmehr eine Kombination von vielen einzelnen Kanälen und Schleusen-Systemen, wobei auch die den Isthmus bewässernden Flüsse und einige kleine Binnenseen als Verbindungswege ausgenutzt sind. Wenn man also fragt: »Wie breit ist der Kanal?« so muß die Gegenfrage lauten: »An welcher Stelle?« Die Breite schwankt zwischen 300 und 1000 Fuß, die Länge beträgt genau 50 englische Meilen. Auch die Tiefe ist keine einheitliche. Das Minimum sind 41 Fuß, so daß immerhin ganz gewaltige Passagierdampfer und die größten Kriegsschiffe ihn passieren können. Die flacheren Stellen des Kanals machen, besonders wenn, wie jetzt, kein Wasser drin ist, durchaus keinen imponierenden Eindruck. Wenn man sie betrachtet, so muß man sich die Milliarden ausgebaggerter Kubikmeter Erde vorstellen, um in den vom Führer verlangten Zustand der Andacht und Bewunderung zu geraten. Mit einem »very nice«, womit ihn englische und amerikanische Touristinnen unter ihrem Reiseschleier hervor beglücken, ist er nicht zufrieden. Am sichtbarsten ist die beim Durchstich geleistete enorme Arbeit, mit der übrigens auch heute noch über 40000 Menschen beschäftigt sind, bei den Schleusen, die frei daliegen und mit ihren gewaltigen Mauern und Riesen-Dampfkränen den Eindruck phantastischer Zyklopen-Festungen machen.
Im Januar 1914 muß der Kanal bekanntlich, laut Kontrakt, dem Verkehr übergeben werden. Danach sieht er jedoch zurzeit nicht aus. Auf allen Strecken wird fieberhaft gearbeitet, auf keiner einzigen noch sind die Arbeiten schon ganz abgeschlossen. An den Schleusen wird gebaut und gemauert, in den Gräben hocken Tausende von Arbeitern mit Spaten und Hacke, auf den Seen knattern und rumoren zahllose Baggermaschinen und fördern Millionen und Abermillionen von Eimern mit Schlamm und Sand ans Tageslicht. Es ist ein betäubender Betrieb. Das ganze Gebiet des Kanales gleicht einem riesigen Ameisenhaufen, und ebensowenig wie bei einem solchen kann man hier bei flüchtiger Betrachtung Plan und Ziel der gemeinsamen Arbeit feststellen.
Ein äußerst buntes Bild bietet die Schar der Arbeiter. Amerikaner, Japaner, Chinesen, Neger, Mulatten -- alles wimmelt durcheinander. Betrachtet man die kräftigen halbnackten Gestalten, so denkt man mit Grausen daran, wieviele Menschenopfer diese Kraftprobe technischen Vorwitzes gekostet hat. Zu Hunderttausenden sind die Kanalarbeiter vom Sumpffieber jeder Art weggerafft worden. Eine Zeitlang stockte ja der Betrieb überhaupt, weil es unmöglich war, Arbeiter zu finden, die für hohen Lohn den sicheren Tod in den Kauf nehmen wollten. Dann erst ging man ernstlich daran, die fieberverpesteten Sumpfgebiete des Isthmus zu sanieren. Dieses schwierige Werk ist jetzt gelungen und zwar vermittelst selbsttätiger Petroleum-Pulverisatoren, die in den Wäldern und Sümpfen aufgestellt sind und im Frühjahr alle Wasserflächen mit einer dünnen Schicht Petroleum überziehen, unter der sich die Moskitos nicht entwickeln können. Jetzt gibt es kein Fieber mehr in Panama, denn es gibt keine Moskitos, die die einzigen Träger der Infektion sind. Die Furcht vor ihnen ist aber noch nicht ganz geschwunden. Sämtliche Häuser im Kanalgebiete sind mit einem dichten Schutzgeflecht aus feinstem Draht umgeben. Die Häuser sehen aus wie große viereckige schwarze Käseglocken.