Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe

Part 11

Chapter 113,477 wordsPublic domain

Gegen 5 Uhr langten wir auf der Hazienda von Don Carlos S. gegenüber Guanay an. Wir haben 120 Kilometer in 8 Stunden zurückgelegt ohne einen Ruderschlag zu tun. Vorläufig hat die Bootsfahrt ein Ende. Schade darum. Eine kleine vertrocknete Frau mit großen Fieberaugen und einem fieberkranken Kinde auf dem Arme empfängt uns. Ihr Mann -- der »gerente« -- ist in den Gommales.

Wir bekamen Tee, welch ein Labsal, amüsierten uns mit einem kleinen grünen Papagei, der in Freiheit dressiert auf Tisch und Stühlen herumspringt.

Uns werden zwei Kammern des Bambuskäfigs, ähnlich denen in Mapiri, angewiesen. Gestampfter Lehmboden. Die Wände sehr durchsichtig. Wir sehen uns nach Spinnen um, finden auch einige, aber harmlose.

Als es dunkel wurde, kam der »gerente« heim. Ein Italiener mit langem roten Rübezahlbart. Das Mittagessen sehr bolivianisch. Altes Fleisch -- Stiefelsohlen! Auch hier keine frische Milch. Die gräßlichen Blechbüchsen mit »condensed milk«, die wir schon seit La Paz nicht mehr sehen können und dennoch täglich sehen müssen. Konservenbutter.

Von 8 Uhr an göttlicher Mondschein. Es wird fast taghell. Wunderschön sind die Silhouetten der hohen Palmen, die sich am silbernen Himmel scharf und deutlich abzeichnen. Wir sitzen stundenlang auf dem freien Platz vor dem Hause in Liegestühlen. Trinken die unvermeidlichen Cocktails, die hier übrigens besser sind, und hören aus dem Hause ein wirklich vorzügliches -- Grammophon. Fast den ganzen »Faust« mit Geraldine Farrar und Caruso, auch die Tettrazini, Melba, Sembrich, Titto Ruffo, Tamagno. Plötzlich tönen russische Laute an unser Ohr, eine Arie aus »Romeo und Juliette«. Wir fahren auf -- Sobinow! Erraten! Ein ganz klein wenig patriotischer Stolz regte sich doch in uns.

* * * * *

Drei Tage genossen wir die Gastfreundschaft des im Beni-Gebiet abwesenden Don Carlos S., auf seiner Hazienda. Die Tage vergehen in den Tropen schneller als anderwo, weil um 6 Uhr mit unerbittlicher Regelmäßigkeit die Nacht anbricht. Wir vertrieben uns die Zeit mit Jagd und Schmetterlingsfang.

Täglich fuhren wir nach Guanay hinüber, das sich eigentlich in nichts von Mapiri unterscheidet. Die Flußüberfahrt ist jedesmal wegen der Stromschnellen ein aufregendes Unternehmen. Es wird dazu eine »Balza« benutzt, ein kleines Floß mit aufwärts gebogenem Schnabel, in der Mitte ein Sitz aus gespaltenem Schilfrohr, der sehr wenig dauerhaft aussieht und es wahrscheinlich auch nicht ist. Zwei Balzeros, die jetzt ihren Namen mit Recht tragen, lenken das Fahrzeug vermittels eines langen Bambusstabes und eines kurzen Ruders. Man muß ein tüchtiges Stück aufwärts fahren und läßt sich dann vom Strom auf die andere Seite reißen. Das Anlegen ist ein Kunststück, das nicht jeder fertig bringt. Man kommt fast nie an der Stelle an Land, die man bei der Abfahrt in Aussicht genommen hat.

Unterhalb Guanays mündet der Goldfluß Tipuani in den Mapiri. Wir wanderten täglich dorthin, um ein Bad in dem wunderbar kühlen, krystallklaren Wasser des Tipuani zu nehmen. Die schmutzigen graugelben Fluten des Mapiri sind wenig einladend zum Baden.

* * * * *

In Guanay lernten wir einen Deutschen, einen Mann mit einem merkwürdigen Schicksal kennen, in dessen Hause wir manche Stunde verplauderten. In Europa als angesehener Fabrikdirektor ohne eigenes Verschulden in Bankrott geraten, war er vor einigen Jahren ohne einen Pfennig in der Tasche in Buenos Aires angelangt. Die Anden überschritt er, indem er sich als Maurer, Anstreicher und Eisenbahnarbeiter den Lebensunterhalt verdiente. In Chile gelang es ihm eine kleine kaufmännische Stellung zu finden, von dort wurde er, als man seine frühere Spezialität erfuhr, mit sehr hohem Gehalt als Direktor an eine Fabrik berufen. Dort gab er entgegen den eigenen Interessen, der Administration den Rat, den Betrieb einzustellen, schnürte wieder sein Bündel und ging von Abenteuerlust ergriffen, auf die Wanderschaft -- präziser ausgedrückt -- Gold suchen. Da er keins fand und seine Ersparnisse aufgebraucht waren, strandete er in Guanay. Ein echt amerikanisches Lebensschicksal. In der Regel hat ja jeder Mensch nichtamerikanischer Nationalität, den man in Amerika trifft, was zu erzählen, und meistens Interessantes. Der Deutsche, dessen Lebenslauf ich eben kurz skizziert habe, war übrigens ein überaus feiner Kopf, hochgebildet, von großer Energie und mit scharfer Beobachtungsgabe ausgerüstet. Ich glaube an die Zukunft solch eines Menschen, trotz seiner Abenteuerlust und Phantasterei.

Wenn wir auf den merkwürdigsten Sitzgelegenheiten in seiner mit allerhand undefinierbarem Kram angefüllten Stube herumsaßen, und eine köstliche Limonade aus selbstgepflückten Zitronen tranken, erfuhren wir mancherlei Interessantes über das tropische Bolivien aus seinem Munde.

Hier ist das Land, wo starke und rücksichtslose Naturen am vollkommensten zum Genuß ihrer persönlichen Freiheit gelangen. Der Kampf ums Dasein wird mit Waffen geführt, die wir im zivilisierten Europa nicht kennen. Das einzige Recht, das Anspruch auf Geltung hat, ist das Faustrecht, moralisch und physisch. Eine andere Gerichtsbarkeit existiert nur dem Namen nach.

Dort nicht weit am Fluß, z. B., sitzt ein Mann auf einer Hazienda, die ihm nicht gehört. In einem langwierigen Prozeß hat man ihm in La Paz schon vor sechs Jahren das Eigentumsrecht abgesprochen. Dennoch geht er nicht hinaus, sondern exploitiert die Reichtümer der Hazienda ruhig weiter. Was soll man mit dem Manne machen? Eines schönen Tages erschienen zwanzig Polizisten, um ihn zu verhaften oder zu vertreiben. Er ließ es darauf ankommen und setzte sich mit seiner treuen Dienerschaft zur Wehr. Die Polizisten spielten die Klügeren und gaben nach, da sie in der Minderzahl waren. Nach einigen Runden Cocktails schieden sie als die besten Freunde. Weiter hat der Vorfall keine Folgen gehabt. Man kann doch nicht wegen eines renitenten Haziendenbesitzers ein Regiment Soldaten über die Kordillere schicken.

Mord und Totschlag sind im allgemeinen an der Tagesordnung. Die Indianer, gutmütig so lange sie nüchtern sind, morden in betrunkenem Zustande aus reiner Freude am Totschlag als solchem. Sie sind übrigens feige und greifen ihre Opfer nie von vorne, sondern immer von hinten an. In Guanay und Umgegend leben zahllose notorische Mörder, sie leben unbehelligt, froh und munter, obgleich jedermann sie kennt, denn der einzige Polizist des Städtchens hat natürlich keine Kourage, sie zu verhaften.

Tatsache ist ferner, daß in Guanay es niemand wagt, abends Licht in seinem Hause anzuzünden, um meuchelmörderischen Flintenschüssen der Indianer nicht als Zielscheibe zu dienen. Und diese Zustände gelten als vollkommen normal. Kein Mensch regt sich mehr darüber auf. Der allgemeine Kriegszustand ist Regel. »Homo homini lupus est«. An unseres freundlichen Wirtes Bettpfosten hingen zwei Karabiner und ebenso viele Revolver.

In Guanay hörten wir so viel Interessantes und Anziehendes über das Beni-Gebiet, besonders über die Jagdgelegenheiten dort, daß wir den Plan faßten, von Guanay aus den ganzen Mapiri-Fluß hinunter bis zum Beni, dann diesen abwärts bis zum Amazonenstrom und quer durch Brasilien nach Para im nordöstlichen Winkel Südamerikas zu fahren. Wir konnten den Plan nicht ausführen. Jetzt sind wir ganz froh darüber, denn in La Paz hörten wir nachher, daß die Krankheitsgefahr im Beni-Gebiet mit jedem Schritt, den man ins Innere tut, wächst. Ein deutscher Militärarzt, der vor nicht langer Zeit eine Militärexpedition nach dem Beni geleitet hatte, erzählte uns, daß er von 380 Mann nur 120 zurückgebracht hatte. Alle übrigen waren an Beri-Beri und verschiedenen Fieberformen, darunter auch dem gelben Fieber, zugrunde gegangen. Unser Vorhaben scheiterte an dem Umstande, daß es sich als unmöglich herausstellte, Geld von La Paz oder Sorata nach Guanay zu bekommen. Eine regelmäßige Postverbindung existiert dort überhaupt nicht. Die Post nach Mapiri und Guanay wird abgesandt, wenn sich genug angesammelt hat, um einen Indio damit zu beladen. Das kann einmal wöchentlich oder auch nur einmal monatlich sein. Wir saßen gerade in Guanay vor dem Hause unseres deutschen Freundes als der Postbote erschien. Er brach buchstäblich vor der Türe zusammen. Sechs Tage war er von Sorata bis Guanay gelaufen und schien schon so wie so nicht sehr kapitelfest zu sein -- ein alter knickebeiniger Indianergreis. Geld kann man dem natürlich nicht anvertrauen. Wir hätten das wissen sollen, denn wir selbst wurden in jenen Gegenden als Geldbriefträger benutzt, mußten eine ziemlich große Summe von La Paz nach Sorata und ebensolcheine von Guanay nach Mapiri bringen. Das einzige Geld übrigens, das hier unten, besonders von den Indianern akzeptiert wird, ist Silber und allenfalls Ein-Boliviano-Scheine, größere Banknoten werden nicht gewechselt. Mit einem Fünf-Boliviano-Schein kann man schon ähnliches erleben, wie der Mann mit der Millionenpfund-Note bei Mark Twain.

Kurz, wir mußten uns entschließen, denselben Weg zurückzugehen, den wir gekommen waren, da man einen anderen Weg, durch das Tal des Tipuani-Flusses, als absolut unpassierbar bezeichnete. So wurde denn der »Orion« wieder instand gesetzt, und die nötige Zahl Balzeros -- dieses Mal zehn -- angeworben.

Am Morgen des 24. April waren wir reisefertig, kamen jedoch nicht zur Zeit weg, denn als wir im Begriff waren, unser Boot zu besteigen, ertönte ein Freudengeschrei am Ufer des Flusses: Don Carlos S. kehrte vom Beni heim. Bei der Biegung des Mapiri unterhalb Guanay zeigte sich sein Boot. Langsam schob es sich längs dem Ufer herauf. Zwanzig Balzeros purzelten übereinander, um es schneller vorwärts zu bekommen.

Diese Heimkehr war ein stolzer Anblick. Auf dem Mast des Bootes wehte die grün-gelb-weiße bolivianische Flagge, hoch auf dem Sonnendach hockte ein mitgebrachter prächtiger, grauschwarzer Affe. Vorne am Bug auf einer Ladung mächtiger Gummiballen stand Don Carlos S., der reine Lohengrin, eine Hünenfigur mit kurzverschnittenem, blonden Bart, der wie ein Heiligenschein das schwarzbraun gebrannte Gesicht umgab. Vier Monate war der Hausherr abwesend gewesen. Seine Frau begrüßte der blonde Riese mit einem Händedruck. Doch beider Augen leuchteten. Das ganze Personal der Hazienda überbot sich in Freudenäußerungen bei der Begrüßung. Da konnten wir nicht zurückstehen. Ein Trunk Löwenbräu besiegelte unsere Bekanntschaft. Dazu hörten wir allerlei interessante Geschichten über das Beni-Gebiet, Tapirjagden, Affenfang und ähnliches.

Die Fahrt des Bootes flußaufwärts, die wir ein Stückchen mit angesehen hatten, gab uns einen Begriff davon, was uns bevorstand. Tatsächlich brauchten wir für die Strecke, die wir in 8 Stunden abwärts gesaust waren, bei der Rückfahrt nicht mehr und nicht weniger, als genau sechs Mal 24 Stunden.

Die Zeit drängte, wir mußten aufbrechen, wenn wir überhaupt noch wegkommen wollten. Gegen Mittag schieden wir mit kräftigem Händedruck von Don Carlos S. und seinen Leuten, die uns so freundliche Gastfreundschaft gewährt hatten.

* * * * *

_Aus meinem Tagebuch._ 24. April. Da sind wir wieder an Bord des »Orion«. Das ganze Boot ist vollgepackt mit unseren Sachen. Es scheinen immer mehr zu werden. Um 12¼ stoßen wir ab. Aus Guanay winkt man uns Abschiedsgrüße zu. Die Fahrt stromaufwärts scheint wenig erheiternd zu werden. Das Boot ruckt, schwankt, stößt, kratzt auf den Steinen. Wir fahren mit vier Balzeros ab, die übrigen sammeln wir langsam am Ufer aus ihren Häusern auf, reißen sie, beziehungsweise, aus den Armen ihrer liebenden Gattinnen. Jeder bringt eine Bastmatte und ein Bündel Proviant mit. Vier Nächte am Ufer des Flusses ist das Wenigste, was man uns in Aussicht gestellt hat.

Die Technik des Balzeros ist höchst mannigfaltig. Bald werden wir an langen, grauen Bindfäden gezogen, bald gestakt mit langen Bambusstäben, bald gerudert, bald geschoben. Zuweilen dreht sich das Boot um und fährt trotz aller Bemühungen abwärts. Das passiert jedesmal, wenn wir das andere Ufer mit der geringeren Stromschnelligkeit gewinnen wollen. Die Balzeros sind oft bis an die Brust im Wasser. Sie springen wie die Ratten aus dem Boot und wieder hinein. Dabei bekommen wir jedesmal eine Douche. Mit affenartiger Geschwindigkeit wechseln die Burschen ihr Handwerkszeug. Das ist für uns mit Lebensgefahr verbunden. Die Ruder fliegen uns um die Köpfe, die Stricke schlingen sich um unsere Beine, nächstens werden wir an den langen Stecken aufgespießt.

Um 2 Uhr machen wir eine Pause. Holen den Anführer unserer Balzeros ab. Wir müssen in seiner Hütte einkehren. Sie liegt höchst malerisch, von Bananenstauden umgeben, dicht am Wasser. Seine Frau, ein hübsches, aber nicht ganz sauberes Indianerweib kredenzte uns »Chicha«, das nationale Indianergetränk. Wir mußten es trinken, nicht ohne heimliches Grausen. Eine Absage wäre eine tödliche Beleidigung gewesen. Es schmeckt gräßlich, besonders wenn man die Zubereitungsart kennt. Der Hauptbestandteil ist gekauter -- jawohl gekauter -- Mais! Die Indianer sehen dort im Mapiri-Gebiete alle aus als ob sie die fürchterlichsten Zahngeschwüre hätten. Jeder trägt einen Ballen Mais in der Backentasche, an dem er herumkaut. Abends wird der ganze Vorrat, den die Familie tagsüber gekaut hat, zusammengeschüttet, mit Wasser und etwas Schafsmilch versetzt und zum Gären gebracht. Das ist »Chicha«. Guten Appetit!

Unser Balzero hat auch eine Schnapsdestillation, die er uns voller Stolz zeigte. Sie besteht aus einem Lehmofen und zwei Schweinetrögen. Das ist der ganze Apparat, den ein Weib bedient. Auf welche Weise darin aus Zuckerrohr zwanziggrädiger Spiritus gewonnen wird, bleibt rätselhaft. Wir nehmen einige Flaschen für unsere Jungens mit. Hoffentlich betrinken sie sich nicht gleich von vorneherein.

Kurz vor sechs Uhr legen wir an einer steinigen Uferstelle an. In der Dunkelheit ist man auf dem Fluß vollständig verloren. Die Balzeros bauen aus hohen Palmenschäften zwei Dreiecke auf, die durch eine Stange verbunden werden. Darüber wird ein Segeltuch gehängt -- unser Zelt ist fertig. Die vier Betten haben genau Platz darin!

Wir sammeln Holz am Ufer und am Waldesrande. Sch. ist unser vereidigter Feuerwerker. Er bringt ein prächtiges Feuer zustande. Assessor W. kocht. Er hat seinen Beruf verfehlt. Menü: Rumford-Suppe (irgend jemand behauptet, daß sie so heißt, weil man immer mit dem Löffel drin »rumfohrt«), corned-beef mit jungen Erbsen. Dann Tee, Tee in unendlichsten Quantitäten. Zum Tee hatten wir noch einen Kessel reinen Wassers mit. Die Suppe wurde aus dem gelbschmutzigen sandigen Mapiriwasser gekocht. Die schüchternen Versuche, das Wasser durch ein Taschentuch zu filtrieren, verliefen ziemlich ergebnislos. Mit viel List und Tücke wurden die Moskitonetze aufgehängt. Um 9 Uhr steckten wir in den Schlafsäcken.

25. April. Um 5 Uhr heraus. Fast gar nicht geschlafen. Erstens der Mondschein; zweitens -- die Ameisen! Scheußliche Bestien! Es gibt hier von allen Größen welche. Sie krabbeln an den Bettpfosten herauf unter das Netz. Keine Hilfe.

Vor dem Frühstück ein herrliches Bad in einem Gebirgsbach, der in den Mapiri mündet.

Das Boot liegt voller Bananen und süßer Zitronen, die uns die Balzeros gebracht haben. Einer behauptet eben, sich ein Bein verstaucht zu haben. Ich glaube, er ist einfach faul und simuliert. Jetzt sitzt er mit einem Gesicht, als wäre seine ganze Verwandtschaft gestorben, auf dem Deck des Bootes.

Es geht kaum vorwärts, jeder Zentimeter des Stromes muß förmlich erobert werden. Die übrigen sieben Jungens arbeiten großartig. Ratsch! Da sind die Näßlinge wieder im Boot.

Abends dasselbe Bild wie gestern. Erbswurstsuppe. Auch der Tee aus schmutzigem Wasser. Er schmeckt aber doch. Nach dem Essen machten wir das Feuer hoch und blieben bei einer Flasche Portwein lange wach. Am gegenüberliegenden Ufer eine Million Leuchtkäfer. Um unser Zelt ein betäubendes Konzert von Grillen und anderem Nachtgetier.

26. April. Dank einer wahrhaft genial erdachten Konstruktion meines Moskitonetzes hatte ich diese Nacht auch vor Ameisen Ruhe. Die anderen sind recht verbeult. Die Balzeros haben uns heute ein tadelloses Sonnendach aus ihren Matten errichtet. Wir liegen uns zuzweit gegenüber. Sch. schnitzt sich einen Bambusstock. W. erzählt Soldatengeschichten, L. repariert ein Schmetterlingsnetz. Sonst das übliche Bild: sechs Balzeros im Wasser, ziehend, schiebend, stoßend, einer mit einem langen Staken vorne am Bug, einer (der mit dem kranken Bein) sauer und böse am Heck. Es ist unglaublich heiß. Wir zerfließen buchstäblich.

Hopp! Da sind Sch. und W. auch schon im Wasser.

Am Nachmittag kamen wir an einer frischen Quelle vorüber und versorgten uns mit Trinkwasser. Während der Frühstückspause machten wir Versuche, vermittelst Dynamitpatronen Fische zu fangen. Die Patronen explodierten zwar, aber meist erst dann, wenn die Fische, denen sie galten, schon 3 Kilometer flußabwärts waren.

An einer Insel versprach mir der Anführer der Balzeros eine Jagd auf Bergpfauen. Wir stiegen eine Stunde lang im Dickicht der Insel umher. Wer nicht da waren, waren die Bergpfauen. Dafür gelbe Papageien, und einige wilde Tauben, -- die ganze Beute.

Abends machte Sch. ein wahres Höllenfeuer an. Die Landschaft ist entzückend. Eine stille Bucht. Fächerpalmen und eine Art Trauerweide, deren Zweige weit übers Wasser hinaushängen, das vom Wiederschein des Feuers blutig rot gefärbt ist. Soeben eröffnete uns der Balzero-General, daß wir noch mindestens drei Tage bis Mapiri haben. Nicht alle sind zufrieden damit. Mir ist es recht. Diese herrlichen Abende am Flußufer sind mit gar nichts zu vergleichen, man kann nicht genug davon erleben. Eine höchst romantische Lederstrumpf-Stimmung. W. übt Keulenschwingen mit glühenden Bambusstäben am Waldesrande. Die funkelnden Kreise auf der schwarzen Laubwand sehen großartig phantastisch aus.

~Tafel 11~

~Tafel 12~

6. DIE RÜCKKEHR.

In derselben Tonart klingt mein Tagebuch weiter. Besondere Erlebnisse hatten wir keine. Wir genossen das Leben auf, in und an dem Flusse. In Mapiri langten wir am 1. Mai um die Mittagsstunde an. Wir fanden das ganze Bild unverändert, auch unseren holländischen Freund ohne Beine. W. und ich machten uns sofort zu Fuß nach San Carlos auf, da wir unsere Maultiere nicht vorfanden. Unterwegs erlegte ich einen Kondor, was ich schon, nicht ohne Stolz, erzählt habe. Im übrigen war die achtstündige Wanderung eine Qual. Wir hatten die Sonnenglut und die große Steigung, die es zu überwinden galt, nicht in Betracht gezogen, als wir uns nach dem langen Sitzen im Boot, »die Füße ein wenig vertreten« wollten. Außerdem hatten wir die Zeit falsch berechnet und mußten die letzte Wegstrecke von ½7 bis 8 in absoluter Finsternis durch den Urwald tappen.

Erst am Abend des nächsten Tages langten unsere Gefährten mit dem Gepäck an. Wir gönnten uns zwei Ruhetage in San Carlos. Dann mußten wir wohl oder übel daran denken, wieder über die Kordillere nach Hause, d. h. nach La Paz, zu steigen.

Die Zeit drängte insofern, als die Jahreszeit vorrückte. Der erste Wintermonat stand vor der Tür. Von Juni an ist der Yachazani-Paß überhaupt nicht mehr zu überschreiten.

Ungern, sehr ungern schieden wir von San Carlos, seinen liebenswürdigen Bewohnern und -- den Schmetterlingen, die nun wieder Ruhe haben sollten.

Unser braver Don Botello war mit dem langen Aufenthalte, den wir in dem tropischen Gebiete gehabt hatten, sehr unzufrieden. Seine Maultiere, gewöhnt an die Höhenluft, vertrugen das Klima nicht und wurden von Tag zu Tag magerer und matter, obgleich sie ein faules Leben, herrlich und in Freuden, auf den saftigen Weideplätzen der Hazienda, führten. Mit einigem Bangen sahen wir die dürren Gestelle an, als sie uns am Morgen des 2. Mai vorgeführt wurden. Als wir uns aufsetzten, fürchteten wir, daß sie in die Knie brechen würden. Doch konnten wir uns keine Tierschutzverein-Sentimentalitäten erlauben. Die Kordillere mußte überschritten werden und zwar sofort und ohne Aufenthalt, das weitere Schicksal der Maultiere durfte uns nicht interessieren.

Die Befürchtung, daß der Weg, den wir ja schon kannten, auf der Rückreise langweilig erscheinen würde, bestätigte sich nicht. Im Gegenteil, die Rückreise wurde kurzweiliger und unterhaltender, als wir voraussetzen konnten, meistenteils freilich in einem Sinne, der uns nicht recht lieb war.

So mußten wir, z. B. am zweiten Tage schon um 5 Uhr morgens aus den Schlafsäcken kriechen: der »Amargurani«-Aufstieg lag vor uns. Hatten wir auf der Hinreise den Weg reichlich schlecht gefunden, so war uns der Name »Amargurani« doch etwas übertrieben erschienen, wenigstens im Vergleich zu anderen Wegstrecken, die reichlich ebenso »bitter« waren. Aber damals waren wir abwärts gestiegen. Außerdem milderten die wunderbaren ersten Eindrücke der einsetzenden tropischen Vegetation die Beschwerlichkeiten sehr erheblich. Man war viel zu beschäftigt mit allen Details des eigenartigen, für uns durchaus neuen landschaftlichen Bildes, um viel auf die Schwierigkeiten des Abstieges zu achten. Jetzt galt es, dieselbe Strecke hinaufzuklettern. Die Tropenpracht der Wälder war durch das im Mapiri-Gebiete Gesehene weit übertroffen worden, reizte das Interesse infolgedessen längst nicht im früheren Maße. Außerdem war der Weg durch die inzwischen niedergegangenen Regengüsse stellenweise buchstäblich grundlos geworden. Von Reiten war keine Rede. Vierzehn Stunden sind wir von Lorenzo Pata bis Tola Pampa hinaufgekeucht. Obgleich wir um 4 Uhr morgens aufbrachen, durfte keine Minute verloren werden, wenn wir nicht vor dem Ziel von der Dunkelheit überrascht werden wollten.

Die Witterungsverhältnisse dabei waren folgende: wir ritten in rabenschwarzer Nacht aus, die Don Botello vergebens mit einem Lichtstümpfchen zu erleuchten bemüht war. Man sah nicht die Ohren des eigenen Maultieres vor sich. Nach einer Viertelstunde ging ein Wolkenbruch auf uns nieder, wie ich ihn selbst in den Tropen noch nicht erlebt hatte. Im Nu war kein trockener Faden mehr an Roß und Reiter. Gleichzeitig brach ein Gewitter von unglaublicher Heftigkeit los. Nach jedem Schlag kniff man sich ins Bein, um sich zu vergewissern, daß man nicht verkohlt war. Für Sekunden erleuchteten die Blitze den Weg, der dann gleich darauf in dreifach verdichtete Finsternis getaucht war. Die zwei Stunden bis zum Sonnenaufgange dauerten eine Ewigkeit. Wir waren gerade am Fuße des Hauptanstieges angelangt. Das Gewitter verzog sich. Dafür begann mit dem Sonnenaufgange die Tropenglut. Als unliebsame Begleiter stiegen mit uns dicke weiße Nebeldämpfe aus dem Tal in die Höhe. Im Gebiete der Vegetationsgrenze verdichteten sie sich zu einer feuchten, undurchdringlich scheinenden Wand. Amagurani! Jetzt konnten wir die »Bitternis« Schritt für Schritt schmecken. Als wir in dem schon geschilderten »Grand Hotel« Tola Pampa anlangten, fielen wir gleich toten Ratten auf unsere Betten und hatten das Gefühl, als müßten wir die sich lockernden Muskeln mit Bindfaden an die Knochen binden.

Der Nebel verließ uns in der Höhe nicht mehr. Der beginnende Winter machte sich geltend. Das wurde uns bald noch überzeugender zum Bewußtsein gebracht. Von Injenio, dem alten Inka-Dorfe, das dieses Mal einen noch rauheren, phantastischeren Eindruck machte, begann der Aufstieg zum Yachazani-Paß. Nach drei Stunden trafen wir die ersten Spuren frisch gefallenen Schnees. Der feine Regen, in dem wir ausgeritten waren, verdichtete sich zu einem regelrechten Schneegestöber.