Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe
Part 10
Was die tropischen Menüs anbetrifft, so muß man sich anfangs an mancherlei gewöhnen, was man später nicht mehr entbehren möchte. Dazu gehört allerdings nicht die rote Ahi-Pfefferschote, vor der wir noch von Brasilien her einen Heidenrespekt hatten. Hier wurden die Speisen nur soweit gepfeffert, daß man wenigstens nicht alle seine Tränen zu einer Mahlzeit zu vergießen brauchte. Vor der Suppe werden meist gekochte oder geröstete Bananen aufgetragen, oder eine mehlige kartoffelartige Wurzel »juca«, die mit Butter gegessen wird. Den Bananen haftet in dieser Form ein unangenehm süßlicher Geschmack an. Die größte Tropen-Delikatesse, die man sich gerne gefallen läßt, ist ein Salat aus jungen Trieben der Palmen. Für eine Schüssel müssen vier Stämme gefällt werden. Das ist eigentlich ein Frevel, aber ein außerordentlich wohlschmeckender. Herrlich sind die tropischen Früchte hier, in Brasilien hatten sie mir gar nicht behagt. Da ist vor allen die »chirimoja«, die Königsfrucht, die von außen ungefähr wie eine grüne Zedernuß aussieht, und deren schneeweißes festes Fleisch einen überaus würzigen, fein aromatischen Geschmack hat. Dann die »grenadillos«, Früchte der Passionsblume, die aussehen wie riesige Stachelbeeren und auch ähnlich schmecken. Dann die »palta«, um deren Kern ein grünliches Fleisch von pikantem nußartigem Geschmack sitzt. Man ißt sie meist vor der Mahlzeit mit Salz und Pfeffer. Unangenehm schmeckt das weiße, wollige und faserige Fleisch der »pacais«, die man bei uns in getrocknetem Zustande »Johannisbrot« nennt. Nicht zu verachten dagegen sind die »papaillos«, eine Sorte edler Kürbisse, die ungefähr so behandelt werden, wie bei uns die Kartoffel. Keinen besonderen Geschmack konnte ich den sogenannten »süßen Zitronen« abgewinnen, die überall zu Tausenden wild wachsen. Sie haben überhaupt keinen Geschmack, weder einen süßen, noch einen sauren, noch sonst irgend einen, sind allerdings sehr saftig, was ihnen in wasserarmen Gegenden großen Wert verleiht.
Während der fünf Tage, die wir in San Carlos verweilten, aßen wir langsam aber sicher einen Ochsen auf, bis zu den Gedärmen inklusive, den sogenannten »tripas«, die hier hochgeschätzt, dennoch eine kulinarische Scheußlichkeit sind.
Im übrigen verging die Zeit nur zu schnell in dem angenehmen Bewußtsein, daß man nichts zu tun hatte, als nichts zu tun. In den ersten Tagen strich ich viel mit dem Gewehr umher, brachte auch stets Beute heim, einige von den prächtigen feuerroten »tuncis«, einer ziemlich seltenen Papageisorte, »celestinas«, mit ihrem unwahrscheinlich schönen siebenfarbigen Gefieder, und viel Raubzeug. Die als Braten hochzupreisenden Bergpfauen -- »pavo de monte« -- habe ich wohl gehört, aber nie zu Gesicht bekommen. Ebenso ging es mit den Affen. Es wird auf die Dauer langweilig, daß man bei solchen Ausflügen nur auf die mehr oder weniger gebahnten Wege angewiesen ist. Im Walde selbst ist auch hier nirgends ein Durchkommen. Wagt man sich einen Schritt seitwärts, so ist man sofort rettungslos von tausend stachligen Schlingpflanzenarmen umgarnt. Der Jäger kann dem Wild nicht nachstellen, sondern muß warten, bis es zu ihm kommt. Dazu gehört mehr Geduld, als mancher besitzt. Läßt man sich aber zu einem verfrühten Schuß verleiten, so muß man es schwer büßen. Auf dem Rückwege aus Mapiri hatte ich die seltene Gelegenheit einen mächtigen Kondor vor die Flinte zu bekommen. In der Aufregung schoß ich zu früh, und er fiel vielleicht dreißig Schritte weit in den Wald hinein. Es dauerte mehr als 1½ Stunden bis wir uns zu zweit diese dreißig Schritte in das Dickicht hineingearbeitet hatten und noch eine weitere halbe Stunde bis es gelang, den Vogel aus der Palme, auf die er gefallen war, herauszuschütteln. Und endlich konnten wir ihn doch nicht mitnehmen, weil er zu schwer war, und es nicht anging, ihn durch das Gewirr von Schlingpflanzen durchzuschleppen.
Die Jagdleidenschaft wurde durch eine harmlosere abgelöst -- den Schmetterlingsfang. Zu hunderten gaukeln die bunten Riesenfalter in den Wäldern umher und zwar vorzugsweise an den Wegen, da sie so poesielos sind, eine besondere Vorliebe für Mulamist zu hegen. Es ist nicht so leicht ihrer habhaft zu werden. Erstens sie überhaupt zu fangen, und zweitens wenn man sie glücklich im Netz hat, sie nicht zu beschädigen, denn mit einem kräftigen Flügelschlage kann ein solcher Falter die ganze Pracht seiner Zeichnung stören. Aber Übung macht den Meister. Wenn man sehr geduldig, vorsichtig und leise ist, kann man den sitzenden Schmetterling mit den Fingern an den zusammengelegten Flügeln fassen. Allerdings ist er meist so infam, im allerletzten Augenblick zu entschlüpfen, und es kann einem recht heiß werden bei solch einer Jagd, die oft kilometerweit den Weg entlang führt, zumal Mittags in der Tropensonne. Im Verlaufe der ganzen Reise, vorzugsweise aber in San Carlos, gelang es uns, eine stattliche Sammlung von über 160 Sorten zusammenzubringen. Als wir nachher in La Paz auspackten, hatten wir die Genugtuung, daß selbst Dr. B., der Direktor des allerdings noch jungen bolivianischen Naturhistorischen Museums, eine ganze Reihe von unseren Faltern noch nicht besaß.
Die ersten Tropennächte schläft man schlecht. Sie sind zu schön, diese Nächte. Vor allem sind sie zu unruhig, zu enervierend, zu aufregend. Mit einer unglaublichen Plötzlichkeit brechen sie an. Man hat eben noch im Freien gelesen, da legen sich weiche schwarze Schatten rings auf Wald und Feld, ein kühler Wind streicht durch die Bäume, am dunkelblauen Himmel blitzt ein Stern nach dem anderen auf. Und nun gehts los, als wären alle guten und bösen Luft- und Nachtgeister entfesselt. Ein wahrhaft ohrenbetäubendes Konzert beginnt. Legionen von Grillen, Zykaden, und anderem Nachtgetier zirpen, pfeifen, girren -- brüllen, würde ich am liebsten sagen. In den Bäumen schluchzen und klagen die melancholischen Sänger der Nacht. Das Geräusch wird endlich so stark, daß man, wie beim Treswon der Moskauer Kremlglocken keine einzelnen Töne mehr unterscheiden kann. Ein rasender Liebestaumel scheint alles Lebende ergriffen zu haben. Das Locken und Schmeicheln nimmt kein Ende. Riesige Nachtfalter, Fledermäuse, leise Nachtvögel tauchen schattenhaft im Dunkel auf, um gleich wieder zu verschwinden. Und nun beginnt die allabendliche Illumination des Waldes. Unzählige Funken und Flämmchen blitzen überall auf -- es sind Millionen von Leuchtkäfern. Alle Bergabhänge sind besät mit ihnen, als wären die Sterne vom Himmel gefallen und könnten im duftenden Laub nicht verlöschen. Doch ein Blick nach oben belehrt einen, daß die Sterne noch an Ort und Stelle stehen. Und auch sie scheinen ihre Leuchtkraft verdoppeln zu wollen, als müßten sie genau hinschauen, was dort unten auf der Erde eigentlich vor sich geht. Sie flimmern und flackern und können ihre Unruhe nicht bemeistern.
Und unter solchen Umständen soll man schlafen. Unmöglich. Man liegt im Liegestuhl, stumm und wunschlos, und trägt mit einer Zigarette sein bescheidenes Scherflein zu der allgemeinen Illumination bei.
Die schönen Tage von San Carlos vergingen nur zu schnell. Immer wieder gab es etwas anderes zu sehen. Wir gingen in die Kaffeeplantagen hinein und halfen die schönen roten Bohnen von den zierlichen Sträuchern pflücken. Dann sahen wir zu, wie die Bohnen von ihrer äußeren Hülle gereinigt werden, was in einer Art Riesenkaffeemühle geschieht, die jedoch von Indianern mit der Hand betrieben wird. Größere Maschinenbetriebe sind hier unten natürlich unmöglich, denn man kann hierher nichts transportieren, was ein größeres Gewicht hat, als eine Mula auf dem Rücken tragen kann.
Vor dem Wohnhaus in San Carlos ist eine große Tenne angelegt, die ich anfangs für einen vernachlässigten Tennisplatz hielt. Das war jedoch ein Irrtum. Auf diese Tenne werden die von ihrer äußeren Hülle befreiten Kaffeebohnen geschüttet und in der prallen Sonne getrocknet. Von Zeit zu Zeit laufen Indios mit nackten Beinen in dem Kaffee umher, um die Bohnen zu wenden und mit der Luft in Kontakt zu bringen. Nirgends in der Welt habe ich besseren Kaffee getrunken, als in San Carlos. Das Geheimnis seiner Zubereitung ist das, daß der Kaffee in gar keine Berührung mit irgend einem Metall kommt. Auf der Lehmfläche des Ofens wird er geröstet, dann nicht gemahlen, sondern zwischen zwei Steinen zerrieben, in einem Tongefäß aufbewahrt und auch gekocht. Nur auf diese Weise erhält sich sein Aroma ganz rein. Gekocht wird ein Extrakt von männermordender Stärke. Er wird kalt serviert und ein Spitzglas davon in der Tasse mit heißem Wasser verdünnt. Das Resultat ist ein Getränk, gegen das Nektar und Ambrosia Spülwasser gewesen sein muß. Ehrgeizige Hausfrauen mögen das Rezept ausprobieren.
Mit Indianern, die vermittelst ihrer säbelartigen »machetos« den Weg durchschlugen, drangen wir in den Urwald ein, um den Chinabaum zu finden, dessen Rinde hier früher ein wichtiger Exportartikel war, bis man sie von anderswo her billiger nach Europa schaffen konnte. Jetzt wird die bittere Rinde nur für den Hausbedarf abgeschält und verarbeitet. Man kämpft damit gegen das Fieber, ohne jedoch radikale Abhilfe schaffen zu können.
Ein weiterer Ausflug führte uns nach den »gomales«, jenem Teil des Urwaldes, in dem der Gummi gewonnen wird, dem die hiesigen Haziendenbesitzer ihren Wohlstand verdanken. In den Wäldern von San Carlos arbeiten mehr als 500 sogenannte »picadores«, Indianer, die täglich zweimal jeder einen Rayon von zirka einem Quadratkilometer abgehen und 100-150 Gummibäume anzapfen. Sie schlagen mit einer spitzen Hacke hinein und befestigen unter der Öffnung ein kleines Blechgefäß, in das der milchige Gummisaft abfließt. Bei der zweiten Runde werden all diese kleinen Becher, von denen an jedem Baum oft zehn bis zwanzig stecken, in einen größeren Eimer entleert. Die weitere Bearbeitung des Gummis besteht darin, daß er über einem schwachen Holzfeuer -- im Walde noch -- geräuchert wird. Dadurch wird er erstens schwarz und backt sich, zweitens, zusammen. Dann sind die rohen Klumpen zum Export fertig. Die Gummibäume werden hier übrigens nicht gepflanzt, sondern wachsen wild mitten im Urwalde. Die »picadores« müssen sich jeden Tag ihren Weg aufs neue durchschlagen, da die unglaublich schnell wuchernden Schlinggewächse ihn sofort wieder versperren.
Von allen kultivierten Pflanzungen sind, nächst den Bananen, die Kakaoplantagen die schönsten und malerischsten. Der Kakaobaum ist sehr hochstämmig mit einer breiten Blätterkrone, unseren Eichen nicht unähnlich. Im dunkelolivengrünen Laube verstecken sich die Früchte. Eine leuchtend orangegelbe Schale umschließt die bläulichen Bohnen. Das weiße, weichlich-wollige Fleisch, das die Bohnen umhüllt, wird von Liebhabern gegessen, zu denen ich mich jedoch nicht bekennen konnte.
Hin und wieder führte unser Weg durch Reisfelder. Kurzsichtige können ihn für Gerste oder Hafer halten. Er wird auch ebenso abgeerntet. Nur der Drusch bietet ein eigenartiges Bild. Das erste Mal glaubte ich, eine Horde Wahnsinniger, oder Angehörige der Springersekte vor mir zu haben. Doch waren es Indianerweiber, die mit wilden Gesten auf den Reisbüscheln herumtanzten und stampften, und auf diese sehr primitive Weise die Körner aus den Halmen entfernten.
Alle diese Ausflüge wurden nebenbei zum Schmetterlingsfang benutzt. Unser Hauptaugenmerk richtete sich natürlich auf die großen blauschillernden Falter, die in Europa unter Laien unter dem Namen »brasilianischer« bekannt sind. Hier sind sie in drei Sorten vertreten, heller und dunkler gefärbt, mit samtschwarzem beziehungsweise goldbraun gewürfeltem Rande. Im Fluge bilden sie ein bezauberndes Bild, sie schweben so ruhig und aristokratisch daher, als seien sie überzeugt, daß niemand die Dreistigkeit haben könnte, sie zu fangen. Dem Netz, das nach ihnen hascht, weichen sie nicht weiter aus, als unbedingt notwendig ist. Wer beschreibt unsere Freude, als wir eines Tages bei einem Spazierritt unter einem Baum japanischer Paradiesäpfel 40-60 dieser Riesenfalter beisammensitzen sahen. Zum Überfluß schien die ganze Gesellschaft vom Genuß des Fallobstes berauscht zu sein. Sie ließen sich einer nach dem andern ruhig greifen. Wir hatten nicht genug Papiertüten bei uns, um sie alle sorglich zu verpacken.
Die am wenigsten sympathischen Bewohner des Urwaldes sind die Schlangen. Glücklicherweise haben sie vor dem Menschen genau ebensoviel Respekt, wie er vor ihnen, und kneifen beim leisesten Geräusch aus. Ich habe auf meinem Wege keine einzige gesehen. Doch schreckt man unwillkürlich zusammen, wenn man das Laub rascheln hört. Es sind tausende von Eidechsen, die hier eine unwahrscheinliche Größe erreichen. Wie der Blitz huschen sie über den Weg und verschwinden im Moose, man hat kaum Zeit, ihre grünschillernde Schwanzspitze zu sehen. Als wir eines Morgens auf die Veranda traten, prallten wir entsetzt zurück. Im Sande vor dem Hause lag eine enorme Riesenschlange. Erst bei näherem Hinsehen bemerkten wir, daß sie keinen Kopf mehr hatte, obgleich sie sich noch den ganzen Tag ringelte und wand. Ein Indianer hatte das scheußliche Tier nicht weit vom Hause erschlagen. Ihre drei Meter lange, einen halben Meter breite, prächtig blau und grüngolden schimmernde Haut bildet jetzt ein Staatsstück meiner Sammlung.
Von den wilden Tieren des Urwaldes hört man wenig und sieht man gar nichts. Abends tönt ab und zu der Schrei einer Wildkatze aus den Bergen herüber. Alle Jubeljahre einmal stattet ein Leopard seine Visite ab, um dann freilich in einer Nacht eine ganze Schafherde umzubringen, denn er saugt den Tieren nur das Blut aus und läßt die Kadaver liegen.
~Tafel 10~
5. MAPIRI UND GUANAY.
Allmählich wurde es Zeit für uns, an die Weiterreise zu denken. Wir beschlossen zunächst nach Mapiri zu gehen und von dort aus flußabwärts bis Guanay zu fahren.
Eine Tagereise lag vor uns, als wir uns am Morgen des 17. April auf den Weg machten. Der liebenswürdige »gerente« von San Carlos gab uns das Geleit. Da wir es der Fiebergefahr wegen vermeiden wollten, in Mapiri zu übernachten, kehrten wir unterwegs in San Antonio, der Hazienda eines bolivianischen Senators, ein. Wir wurden aufs freundlichste aufgenommen und beherbergt. Die Annehmlichkeit des Aufenthaltes wurde nur dadurch geschmälert, daß wir veranlaßt wurden, nach hiesiger Sitte, unsere Bekanntschaft mit den Administratoren der Hazienda bis zur Bewußtlosigkeit -- nicht im buchstäblichen Sinne des Wortes -- mit Cocktails aus Zuckerrohrschnaps zu begießen.
Am nächsten Tage hatten wir nur zwei Stunden bis Mapiri zu reiten, einen wunderschönen Weg, die malerisch bewaldeten Bergabhänge hinunter. Wenn nur die Hitze nicht gewesen wäre, die mit jedem Schritt abwärts unerträglicher wurde. Wir hatten gedacht, in Mapiri ein stattliches Städtchen vorzufinden, da es der Hauptschlüssel zum ganzen Beni-Gebiete ist, von dem aus enorme Gummi- und Kaffeetransporte an die Küste befördert werden. Statt dessen fanden wir ein elendes Nest vor, nicht größer als eine der Haziendas, die wir verlassen hatten. Der ganze Ort hat knapp hundert Einwohner, und auch die werden, so schien es uns, nicht lange mehr leben. Alle bis auf den letzten Mann sind schwer fieberkrank. Sie sehen entsetzlich aus, diese wandelnden Leichen, gelb, vertrocknet, hager mit glanzlosen Augen und erloschenem Blick. Den traurigsten Eindruck machten die Kinder mit ihren schlaffen Körpern, dünnen Armen und Beinen und greisenhaft ernsthaftem Aussehen.
Mapiri besteht aus einer Straße, die mit flachen fensterlosen Häusern -- den schon beschriebenen Bambuskäfigen -- eingefaßt ist. Auf dieser Straße wuchert Unkraut, Nesseln und haushohe Disteln. Dazwischen spazieren Schweine umher und fressen die überall herumliegenden Bananenschalen. Hin und wieder sieht man ein Maultier oder einen Esel den Kopf unter dem glühenden Sonnenbrande senken. Vor einer Haustür spielt ein Indianerbube mit einem grauen langgeschwänzten Affen. Die Einwohnerschaft ist merkwürdig international. Man muß schon ein ganz verzweifelter Patron sein, um sich in diesem Fieberneste anzusiedeln. Wir trafen einen Dalmatiner dort, Chinesen und zwei Türken, deren einer durchaus seine Flinte und seine Frau verkaufen wollte. Für die Flinte fand er auch bald einen Abnehmer. Die Frau war zu teuer.
Sehr bald erfuhren wir, daß unser Plan, gleich weiter zu fahren, unausführbar sei. Es würde zwei Tage dauern, ein Boot für uns instand zu setzen. Wir wappneten uns also mit Resignation, verdoppelten und verdreifachten die Chininrationen und gingen -- Schmetterlinge fangen. Hier wurde ein wunderschöner, samtgrüner, goldgemusterter Falter mit zierlichen Frackschößen das Ziel unserer Sehnsucht. Dieser »Grüne« hat uns nachher noch viel Sorgen und Aufregung gekostet, viel Anlaß zu Spott, Hohn und gegenseitigen Eifersüchteleien gegeben, kurz, unsere schlechten Instinkte entfesselt.
Unser Nachtquartier schlugen wir im Hause eines Holländers auf, eines verbitterten, fieberkranken Krüppels ohne Beine. Er besaß einen Kramladen und fuhr unwirsch auf einem vierrädrigen Holzkarren, den er sein »Automobil« nannte, hinter dem Ladentisch her und hin, wenn er sich nicht mühselig sitzend, durch den Staub schleppte. Das ganze Milieu -- ein Cauchemar!
Wenigstens gab es auch hier Münchener Bier. Löwenbräu! Lauwarm freilich, Kostenpunkt zirka 6 Mark die Flasche, aber immerhin ein Labsal bei der Tropenglut. Und da weiter unten im reichen Beni-Gebiet, wie wir wußten, 10-15 Mark für die Flasche bezahlt wird, mußten wir es hier sogar billig finden.
Als wir uns abends auf unsere Feldbetten gelegt hatten und noch darüber nachdachten, wie wir uns am besten gegen die Moskitos, die Hauptträger der Infektion, schützen sollten, drangen plötzlich Laute an mein Ohr. Ich horchte hin, -- kein Zweifel, das mußte eine Art Musik sein. Wenn man eine Liebhaberei hat, so läuft man ihr nach, egal, ob das auf dem Nordpol oder in den Tropen ist. Ich sprang natürlich auf und trat vor die Tür. Wundervoller Mondschein überflutet Mapiri. Selbst dieses elende Nest sieht im taghellen Silberschimmer des Tropenmondes ordentlich poetisch aus. Ich lausche, kein Zweifel, es ist irgend eine Musik zu hören, ganz deutlich lassen sich die Schläge einer großen Pauke unterscheiden. Ich werfe die notwendigsten Kleidungsstücke über und gehe den Tönen nach. Sie werden immer deutlicher, Flöten und Pfeifen sind dabei. Die ganze Sache klingt höchst sonderbar. Man wird nicht recht klug daraus, zehn Minuten vor der »Stadt« gelange ich auf eine Wiese.
Dort bietet sich mir folgendes Bild dar: mitten auf der Wiese, vom Mondlicht hell beschienen, stehen zirka fünfzehn Indianer in engem Kreise und blasen auf Tod und Leben in ihre Panspfeifen und langen Flöten hinein. Einer schlägt auf einer riesigen Trommel. Der Kerl hat Rhythmus! Sämtliche Musikanten bewegen die Oberkörper gleichmäßig im Takt. Es stellt sich heraus, daß eine »Probe« abgehalten wird zu einem Feste, das nach zwei Monaten stattfinden sollte. Ja, die Musik ist eine schwere Kunst, zumal das Orchesterspiel. Schon wollte ich fragen, ob sie nicht einen Dirigenten brauchen.
Ich setzte mich ins Gras zu einer kleinen Gruppe anderer Musikliebhaber, und endlich gelang es mir doch, mich einigermaßen in dem Chaos von Tönen zurechtzufinden. Zwei Indianer bliesen eine Melodie, wobei sie sich nach Art der alten russischen Hornmusikanten ablösten, d. h. wenn einem auf seiner Flöte ein Ton fehlte, so blies ihn der andere. Die Schnelligkeit, mit der diese Ablösung geschah, war bewundernswert. Das ist gar nicht einfach. Es kostete meinem Reisekameraden und mir heißes Bemühen, uns nachher in dieser Weise den Donau-Walzer auf zwei indianischen Panspfeifen einzustudieren. Doch das nur nebenbei. Die übrigen zehn oder zwölf Musikanten bliesen zu dieser Melodie die abenteuerlichsten Kontrapunkte, dank denen mitunter ganz merkwürdige Harmonien entstanden. Es gelang mir, im Laufe der Probe, drei Melodien nachzuschreiben. Eine davon gefällt mir mit jedem Tage besser. Ich werde sie in Europa als symphonisches Thema feilbieten.
Als ich tiefbefriedigt von diesem musikalischen Genusse heimkehrte, empfing mich in unserem Bambuskäfig eine höchst aufregende Szene. Auf einer leeren Bierflasche schwankte ein Licht, meine sämtlichen drei Gefährten mit Stöcken und Schmetterlingsnetzen bewaffnet jagten irgend einem Phantome an der Wand nach. Endlich erblickte auch ich es -- eine Vogelspinne. Die scheußlichste Kreatur, die ich je in meinem Leben gesehen habe, faustgroß mit zahllosen behaarten Beinen und zwei langen krummen Zähnen am glatten Bauch, in dem wahrscheinlich schon mancher schöne Singvogel verdaut worden war. Ihr Biß ist absolut tödlich. Der tapfere Assessor erlegte sie nach langer Jagd mit einem wohlgezielten Hieb. Das Abenteuer ließ uns lange nicht schlafen, man glaubte immer wieder, die langen haarigen Beine solch eines Scheusals auf der eignen Stirn oder Hand zu spüren. Endlich begannen die Sinne sich doch zu verwirren. Die Moskitos schienen die schöne Indianer-Melodie zu summen ... Außerdem stachen sie leider auch!
* * * * *
_Aus meinem Tagebuche._ 20. April. Am Morgen um 7 Uhr stiegen wir zum Fluß hinab, um uns einzuschiffen. Unser Boot wartete schon. Es trägt den stolzen Namen »Orion« mit schwarzen Lettern an seinem grauschmutzigen Bug. Wir kommen nicht weg. Es geht hier alles nicht so schnell, obzwar die »Mannschaft« ums Boot herumwimmelt und unendlich geschäftig tut. Es sind sieben indianische Jünglinge in weißen Hemden und Hosen, barhäuptig und barfüßig. Man nennt sie »balzeros«, auch wenn sie nicht auf einer Balza fahren. Es dauert eine Ewigkeit, bis unser Gepäck verstaut ist. Die notwendigsten Sachen sind natürlich ganz nach unten geraten. Nur die überflüssigen sind zur Hand. Auch haben wir Ladung. Kaffeesäcke. Das steht eigentlich nicht im Kontrakt. Erst um 9 Uhr geht die Fahrt los. Uns zu Häupten kreist sehr niedrig ein Aasgeier. Die Flinte ist unter Kaffeesäcken begraben. Ich schieße mit dem Revolver nach ihm. Natürlich vorbei.
Mit langen Stangen wird das Boot bis in die Mitte gestakt. Nun gehts flußabwärts. Heidi! ist das ein Tempo!
Die Balzeros sitzen alle sieben auf dem Bootsrande, baumeln mit den Beinen im Wasser und lenken mit kurzen Rudern. Ein Steuer gibt es nicht.
Das Boot fliegt vorwärts mit dem Strom. Oft scheint es direkt gegen die Felswände des Ufers zu sausen, wendet sich seitwärts, dreht sich ganz um. Man wird schwindlich, macht seine Rechnung mit Gott und der Welt. An dieser Felsenkante müssen wir zerschellen. Nein. Im eleganten Bogen lenken die Balzeros herum. Sie sind doch vertrauenswürdiger als sie aussehen. Sie kennen den Fluß, der nur aus Stromschnellen zu bestehen scheint, wie ihre fünf Finger. Allmählich gewöhnen wir uns an die rasende Geschwindigkeit. Liegen wie Bratheringe auf den Kaffeesäcken in der Sonne.
Das Frühstück besteht aus Konservenwurst und corned-beef. Wir essen aus der Hand. Aus der eigenen natürlich. Die linke Handfläche dient als Teller, die Finger der rechten -- als Gabel. Der Frühstückskorb ist mit der Flinte in den tiefsten Gründen des Bootes verloren gegangen.
Die Ufer des Mapiri-Flusses sind malerisch, aber einförmig, sie ziehen sich auf beiden Seiten ziemlich hoch hinauf. Viel Fächerpalmen. Schmetterlinge fliegen ums Boot, setzen sich auf die blendend weißen Hemden der Balzeros, die sie augenscheinlich für duftiger halten als sie sind.
Ein »Grüner« setzt sich W. auf den Rücken, Sch. bemerkt ihn, L. fängt ihn, ich töte ihn, als einziger Besitzer eines Ätherflakons, jeder beansprucht das Eigentumsrecht. Die Geschichte von den zwei Knaben mit der Nuß in komplizierterer Lesart!