Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe
Part 1
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RUND UM SÜD-AMERIKA
Reisebriefe
von
DR. OSKAR v. RIESEMANN
Mit 43 Abbildungen auf 16 Tafeln
Dietrich Reimer (Ernst Vohsen) Berlin 1914
ALLE RECHTE VORBEHALTEN
DAS BILD AUF DEM UMSCHLAG STELLT »FELSBLÖCKE AM TITICACA-SEE« DAR
SR. DURCHLAUCHT
FÜRST PETER LIEVEN
DEM TREUEN REISEGEFÄHRTEN IN HERZLICHER FREUNDSCHAFT UND DANKBARKEIT FÜR MANCHE ANREGUNG ZUGEEIGNET
VORWORT.
Die vorliegenden Briefe erschienen während meiner Reise vom Dezember 1912 bis zum Juli 1913 in der »Moskauer Deutschen Zeitung«. Auf wissenschaftliche Gründlichkeit, oder Vollständigkeit in irgend einer Beziehung können sie nicht die geringsten Ansprüche erheben. Trotzdem habe ich mich entschlossen, sie gesammelt der Öffentlichkeit zu übergeben.
Die Reiseliteratur über Süd-Amerika ist sehr arm. Bevor ich meine Reise antrat, habe ich die besten Buchhandlungen in Petersburg, Berlin und London abgesucht, ohne irgend etwas Brauchbares zu finden. Infolgedessen hoffe ich, daß selbst diese oberflächlichen Schilderungen Reisenden, deren Ziel Süd-Amerika ist, nützlich sein können. Sie enthalten die frischen Eindrücke eines Reisenden, dessen Amerika-Fahrt keinen anderen Zweck verfolgte, als den: Land und Leute außerhalb Europas ein wenig kennen zu lernen.
Irgend ein System oder irgend eine Tendenz sucht man in diesen Blättern vergeblich. Ich bin ein Freund von planlosen Reisen und hatte das Glück einen gleichgesinnten Reisekameraden zu finden. Während der Reise wurde das nächste Ziel immer erst beim Verlassen des vorhergehenden bestimmt. Von Zeit- und Raumrücksichten waren wir unabhängig. Infolgedessen haben wir sicherlich vieles Schöne und Naheliegende nicht gesehen, dafür aber manche vielleicht nicht weniger lohnende Gegenden aufgesucht, an denen Bädeker-Reisende höchst wahrscheinlich achtlos vorübergefahren wären. Man betrachte das Büchlein mit Nachsicht. Es ist von keinem Reise-»professional« geschrieben.
Den Bilderschmuck hätte ich gerne reicher und interessanter gestaltet, doch bin ich im Photographieren -- Dilettant. Einige der besten Aufnahmen haben mir unsere Reisegefährten in Bolivien, Herr Werner Schmidt-Valparaiso und Herr Bergassessor Wenker liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt. Ich sage ihnen dafür auch an dieser Stelle meinen aufrichtigen Dank.
Moskau, Dezember 1913.
Dr. O. v. RIESEMANN.
INHALTS-VERZEICHNIS
Vorwort 7
1. Der Steamer »Arlanza«. -- Vigo. -- Lissabon 11
2. Die Insel Madeira 16
3. Pernambuco. -- Bahia 21
4. Rio de Janeiro und brasilianische Karnevalsfreuden 25
5. Buenos Aires 29
6. Die argentinischen Pampas. -- Das Weinland von Mendoza 33
7. Die Kordilleren 38
8. Chile. -- Allgemeine Eindrücke 43
9. Temuco. -- Ein Aufzug der Araucaner-Indianer 49
10. Der Mapuche (Araucaner) chez soi 54
11. Süd-Chile -- ein zweites Deutschland 59
12. Chilenisches Gesellschafts-, Bade- und Sportleben 64
13. Von Valparaiso nach Antofogasta. -- Die chilenische Salpeter-Industrie 70
14. Bolivien. -- Oruro. -- La Paz 76
15. Im tropischen Bolivien 83
1. Von La Paz bis Achecachi 83
2. Von Achecachi nach Sorata 89
3. Von Sorata nach San Carlos 95
4. San Carlos 108
5. Mapiri und Guanay 115
6. Die Rückkehr 128
16. Im Schnellzug durch Peru. -- Der Titicaca-See. -- Mollendo. -- Lima 135
17. Panama und eine Alligatorjagd 140
18. Von Panama nach New York. -- Jamaika. -- Cuba 149
19. New York 153
1. Der erste Eindruck 153
2. Hotels, Zeitungswesen, Reklame 159
3. Polizeiwesen, Detektivs, Verbrecherkneipen und Opiumhöhlen 165
4. Amerikanischer Sport und amerikanische Vergnügungen 175
5. Das Jugendgericht 181
20. Der »Imperator« 187
TAFEL-VERZEICHNIS
1. Puente del Inka (Anden) 40
Kordilleren-Landschaft 40
2. Das Christusdenkmal auf der Grenze Argentinien-Chile 40
Nebenan ein Maultier-Skelett 40
»Hotel« in Juncal 40
3. Bergsee in den Kordilleren 40
Blick auf den Aconcagua 40
4. Araucanische »Ruca« (Chile) 56
Araucanischer Friedhof 56
Interieur einer »Ruca« 56
Araucanerin zu Pferde 56
5. Oruro (Bolivien) 80
Straßentypen in Oruro 80
Lamas in Ängsten vor dem »Kodak« 80
6. Proben altspanischer Architektur in La Paz (Bolivien) 80
7. »Balza« auf dem Titicaca-See (Bolivien) 88
Flötenblasender Indianer 88
8. Bolivianische Postkutsche 96
Das »Grand Hotel« Tola Pampa 96
9. Die Hazienda »San Carlos« (Bolivien) 104
Indianer in Poncho vor einem Bananen-Haine 104
10. Anzapfen eines »Gummibaumes« 112
Abschälen der »China-Rinde« 112
11. Eine »Balza« auf dem Mapiri 120
Unser »Wohnhaus« in Guanay 120
12. Die »Stadt« Mapiri 120
Stromaufwärts! 120
13. Sonnenaufgang beim »Yalhazani-Paß« (Bolivien) 128
Frühstückspause 128
Indianisches Denkmal 128
14. Indianisches Stubenmädchen in Sorata 128
Der Balzero »Sonnenschein« 128
Indianerin beim Maismahlen 128
15. Indianer im Feststaat (Bolivien) 136
16. Jamaika 152
1. BRIEF.
DER STEAMER »ARLANZA«. -- VIGO. -- LISSABON.
Am 3. Januar (21. Dez.) hieß es, zum ersten Male Abschied von Europa nehmen. In Southampton, das den überseeischen Weltverkehr Londons vermittelt, erwartete uns der Steamer »Arlanza«, der neueste und schönste Riesendampfer der Royal Mail Steam Packet Company, kürzer R.M.S.P. Diesem schwimmenden Koloß, der, wie sich auf den ersten Blick feststellen ließ, alle Vorzüge eines luxuriösen Weltstadt-Hotels in sich vereinigte, galt es, seine sterbliche Hülle bis Rio de Janeiro anzuvertrauen. Man tut es gerne, denn der Dampfer mit seinen sieben Etagen über dem Wasserspiegel, den zahlreichen, höchst komfortabel ausgestatteten Gesellschaftsräumen, dem pompösen Speisesaale, Turnhallen und Promenadendecks macht einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck. Die prächtig eingerichtete Kabine, die uns aufnahm, verhieß mit ihrem geräumigen Badezimmer und einem mechanischen Wunderwerk von Douche-Vorrichtungen, sogar für die Äquatorialzone ein erträgliches Leben. Mit einigen Handgriffen kann man so ungefähr den halben Ozean zu sich heraufpumpen, wenn es zu heiß wird. Immerhin eine erfrischende Aussicht.
Die erste Sorge, wenn man einen Dampfer zu einer 21tägigen Seereise betritt, gilt natürlich -- der Seekrankheit. In diesem Fall war die Frage ganz besonders brennend, galt es doch den berüchtigten Golf von Biscaya zu durchqueren. Dieser Golf von Biscaya verursachte mir schon vor Beginn der Reise ein Gefühl, das mit Seekrankheit nahe verwandt ist. Jedermann, der von meiner Reise hörte, fühlte sich verpflichtet, die Augenbrauen bedenklich hochzuziehen und mit vielsagendem Kopfschütteln prophetisch auszurufen: »Nun, nun, aber der Golf von Biscaya!« Das taten alle, von den besten Freunden bis zum Hotelkellner in London und Gepäckträger in Southampton. Kein Wunder, daß einem dieses Schreckgespenst »Golf von Biscaya« zum Halse herauswuchs, noch bevor er in Sicht war. Zum Überfluß hatten in der Woche vor meiner Abreise drei englische Schiffe im Golf von Biscaya umkehren müssen, und ein italienisches war mit Mann und Maus untergegangen.
So erwartete ich ihn denn mit Todesverachtung -- den ominösen Golf von Biscaya, zumal das Schiff im Ausgange des Kanals bedenklich zu »stampfen« anfing. Aber die Meergötter hatten Erbarmen mit mir, wahrscheinlich fanden sie mit Recht, daß ich schon vorher genug Qualen dank dem Golf von Biscaya ausgestanden hatte. Oder war es das neuerfundene »Delphinin«, das mich vor der Seekrankheit bewahrte. In dem Falle empfehle ich es allen Seereisenden aufs wärmste.
Dafür habe ich vom Golf von Biscaya einen wundervollen Natureindruck davongetragen. Merkwürdig beengt erscheint der Horizont, denn die mächtigen Wogen, die von allen Seiten heranrollen, versperren überall hin die Aussicht. Ein herrliches Farbenspiel entwickelt sich bei Sonnenschein in diesen durchsichtigen gläsernen Bergen, die bald grün, bald grau, bald bläulich-weiß schimmern, während sie bei Sonnenuntergang wie ein Gemisch von Blut und Gold erscheinen. Eine unheimliche Kraft wohnt in den Wogen des Atlantischen Ozeans. Drohend nahen sie in geschlossenen Reihen, und wenn sich ihnen ein Hindernis in Gestalt eines Dampfers in den Weg stellt, so zerschellen sie empört daran und senden ihren weißen Gischt hinauf bis aufs fünfte und sechste Deck. Ein Schiff von fast 16000 Tons, gleich der »Arlanza«, ist ein willenloses Spielzeug ihrer drängenden Gewalt und vermag scheinbar nur mit Mühe seinen Weg durch die ihm entgegenschäumenden Fluten fortzusetzen.
Der erste Haltepunkt nach glücklicher Durchquerung des Golfes von Biscaya war der spanische Kriegshafen Vigo. Die ersten Laute, die mir in der malerischen, von sanft gewellten Gebirgszügen eingeschlossenen Bucht entgegenschlugen, waren folgende: »dawai russki moneta!« Und zwar entstieg dieser Anruf dem nimmer ruhenden Mundwerk einer spanischen Obsthändlerin, die ihr ganzes Warenlager in ein Segelboot verstaut hatte und an unseren Dampfer anlegte. Er galt, wie sich nachher herausstellte, einer Schar russischer Emigranten, die vom Hinterdeck der »Arlanza« waschechte 15- und 20-Kopekenstücke in Körben hinabließen und dagegen als Äquivalent eine geringere oder größere Anzahl von Birnen, Orangen, Feigen und anderen Früchten erhielten. Ihr verzweifelter Ruf nach »Gurken« verhallte allerdings ungehört. Diese russischen Emigranten -- Sektierer aus Transkaukasien -- sind ein überaus sympathischer und ernster Menschenschlag. Sie ziehen nach Montevideo in Brasilien, um dort »das Reich Gottes« aufzurichten, da sie auf das Jenseits keine Hoffnung setzen. Vielleicht werde ich noch einmal Gelegenheit haben, die tiefsinnigen moralischen und ethischen Grundsätze dieser bemerkenswerten Menschen näher zu beleuchten. In Brasilien und in Argentinien gibt es eine große Zahl russischer Sektierer-Kolonien. Die »Duchoborzy« haben es dort bekanntlich zu großem Ansehen und beträchtlichem Wohlstande gebracht.
Die »Arlanza« hielt in Vigo nur zwei Stunden. Wir, d. h. mein Reisekamerad und ich, waren die einzigen Passagiere, die in einem Dampfkutter an Land gingen, da ich einige wichtige Korrespondenzen aufzugeben hatte. Es war ein Sonntag, 3 Uhr nachmittags, und am Hafenkai, der zugleich der fashionable Boulevard des kleinen Städtchens ist, entwickelte sich ein äußerst bewegtes, buntes Leben und Treiben. Schöne Spanierinnen -- übrigens alle stark geschminkt, egal ob sie 40 oder 16 Jahre alt sind -- in malerischen schwarzen »mantillas« und schwatzhafte Gecken, in möglichst leuchtende Farben gekleidet, flanierten den breiten Hafenkai auf und ab. Als Führer diente uns ein durchtriebener kleiner spanischer Bursche, der unter »Sehenswürdigkeiten« der Stadt die merkwürdigsten und überraschendsten Dinge verstand. Übrigens konnte auch er einige Worte russisch. Das verdankt man der »Kulturträgerarbeit« der russischen Kriegsschiffe, die ständig in Vigo stationieren.
Lissabon ist eine wundervolle Stadt. Alexander v. Humboldt nennt sie bekanntlich die »Königin aller Seestädte«. Und nach meinen bisherigen Erfahrungen bin ich unbedingt geneigt, ihm Recht zu geben. In einer Länge von mehr als 10 Kilometer zieht sich das im Januar-Sonnenschein blendend weiß schimmernde Häusermeer um die Bucht. Die Stadt ist terrassenmäßig angelegt -- auf sieben Hügeln. Jede Stadt, die etwas auf sich hält, ruht auf sieben Hügeln, auch Rom und Moskau.
Da uns nur wenige Stunden zur Verfügung standen, konnten von den Sehenswürdigkeiten der Stadt nur wenige und auch die nur flüchtig in Augenschein genommen werden. Eine Autofahrt in die Kreuz und in die Quer ließ uns wenigstens von den Straßenbildern Lissabons einen ziemlich vollständigen Eindruck mitnehmen. Es gibt unbeschreiblich reizvolle und pittoreske Partien in der Stadt, Gebäude von sonderbarer, halb maurischer, halb romanischer Bauart, die uns als der »stilo Manuele« vorgestellt wurde, bezaubernde Palmenhaine wechseln mit breiten, pompösen Avenüen und Plätzen ab, oft öffnet sich in einer unscheinbaren Querstraße ein herrlicher Ausblick auf das leuchtende Meer mit seinen bunten Segeln und dem regen Dampferverkehr. Zwischen dem steinalten verwitterten Gemäuer in engen, steilen Straßen nimmt sich das blendende Blau des Meeres und des Himmels natürlich besonders reizvoll aus.
Einen unauslöschlichen Eindruck macht das nicht weit von der Stadt gelegene, von malerischen Palmengruppen umsäumte Kloster Belem (sprich Beleng, im Portugiesischen gibt es, glaube ich, keinen einzigen Laut, der nicht nasal ist). Es ist ein im echtesten Manuel-Stil erbauter riesiger Gebäude-Komplex aus weißem, marmorähnlichem Gestein, das zu feinstem Spitzenfiligran verarbeitet ist. Der Klosterhof mit seinen Kreuzgängen ist eines der vollendetsten architektonischen Gebilde, das mir je zu Gesicht gekommen ist. Die Eingeborenen freilich lachen über die »Zuckerbretzeln« des »stilo Manuele«. Jetzt dient das Kloster 800 Waisenknaben zum Aufenthaltsort. Sie hatten gerade Freistunde und vollführten einen Höllenspektakel im stillen Klosterhofe, der eigentlich ganz anderen Zwecken, der inneren Sammlung und Ruhe, dienen sollte. Als besondere Sehenswürdigkeit -- echt portugiesisch, dieses Volk hat für Unappetitlichkeiten eine besondere Vorliebe -- wurde ein Knabe gezeigt, dem die Schädeldecke fehlte und der mit seiner Blechkapsel, die diese ersetzte, devot grüßte. Der Bursche war höchst vergnügt und unbändig stolz auf seinen blechernen Schädel, den Gegenstand der Achtung und des Neides seiner 799 Mitschüler. In einem Raum des Klosters befindet sich das wundervoll gearbeitete Grabdenkmal des portugiesischen Historikers Alessandro Herculeo. Kein König hat in Lissabon solch ein Grabmonument. Es gibt also doch ein Volk, das seine Denker ehrt.
Apropos, die portugiesischen Könige. Jetzt gibt es keine mehr. Aber die früheren werden Neugierigen auch heute noch gezeigt. Ich schäme mich fast, daß ich sie mir auch angesehen habe. In einer Begräbniskapelle, die einer alten Rumpelkammer ähnlich sieht, stehen Särge über Särge gestapelt. Sie bergen die sterblichen Überreste der portugiesischen Könige und brasilianischen Kaiser. Der hinkende Wächter dieser entschwundenen Herrlichkeit holte aus altem Gerümpel eine Holztreppe hervor und hieß uns an die »interessantesten« Särge hinansteigen. Da grinsten uns durch die Glasscheibe des oberen Sargdeckels die weißlich verschimmelten Gesichter des Königs Carlos und des unglücklichen Thronfolgers Don Louis entgegen, die dem Attentat 1909 zum Opfer fielen, und der einst so prächtig charaktervolle Kopf des Kaisers Don Pedro von Brasilien, der sein Land zu dem gemacht hat, was es ist. Am Fußende eines der Särge lag eine zerbrochene Königskrone aus Goldblech -- ein vielsagendes, warnendes Symbol.
Sic transit gloria mundi!
Die Portugiesen sind unsagbar stolz auf den Kopf der Republik, der jetzt auf ihren neugeprägten Münzsorten prangt.
2. BRIEF.
DIE INSEL MADEIRA.
Möge jeder jemals von mir aufgenommene Tropfen des flüssigen Goldes, durch das dieser Ort zuerst berühmt geworden ist, mir helfen, die zauberische Schönheit der Insel Madeira in Farben zu schildern, die ebenso glühend und feurig sind, wie der Wein, der auf ihren fruchtbaren Bergabhängen wächst.
Am 8. Januar um 5 Uhr morgens warf die »Arlanza« auf der Außenreede von Funchal, der Hauptstadt der Insel, Anker. Veder Napoli e poi morir -- das hat ein Mann gesagt, der Madeira sicherlich nicht gesehen hat. Der Anblick der Insel vom Meere aus bietet ein unvergeßliches Bild. Von hohen Bergketten umschlossen, öffnet die Bucht von Funchal ihren gastlichen, geschützten Hafen den Schiffen. Trotzig und zackig ragen hier schroffe Felsabhänge in den Ozean hinein, sanft gewellte Hügel, von immergrünen Hainen bedeckt, ziehen sich dort den Strand entlang. Und zwischen hineingestreut, als hätte man einen Sack Zucker ausgeschüttet, liegen die schneeweißen Würfel der Häuser und Villen Funchals. In blendendem Morgensonnenschein blitzen und funkeln die Fensterscheiben bis weit übers Meer herüber. Trotz der frühen Morgenstunde herrscht ein reges Leben auf der Bucht von Funchal. Unser Dampfer ist im Nu umringt von einer Unmenge schmaler Ruderboote und kleiner Dampfkutter. Ein ähnliches Gewimmel umgibt einen anderen prächtigen Ozeanriesen, der sich nicht weit von uns auf den Wellen schaukelt. Er rüstet sich zur Weiterfahrt nach Afrika und von Zeit zu Zeit läßt er den aufregenden Schrei seiner Dampfpfeife ertönen. Für den Stil unserer Reise übrigens war es charakteristisch, daß wir einen Augenblick lang ernstlich daran dachten von unserem Amerikadampfer auf jenen Afrikadampfer überzusiedeln. Er sah mit seinem sauberen hellgrauen Anstrich so einladend und unternehmend aus. Und in Afrika ist es sicherlich auch sehr interessant. Nach »reiflicher« Überlegung, die 5 Minuten währte, entschieden wir uns jedoch zu bleiben, wo wir waren. Ob zu unserem Glück oder Unglück -- wer weiß es.
Vor einigen Jahren noch mag es schwer, ja unmöglich gewesen sein, in der verhältnismäßig kurzen Zeit von sechs Stunden die Schönheiten Madeiras auch nur einigermaßen gründlich kennen zu lernen, jetzt geht das leichter, wenn es einem nämlich gelingt, eines der wenigen Autos habhaft zu werden, die von unternehmungslustigen Madeiranern wohl speziell für durchreisende Fremde angeschafft worden sind. Gelingt einem das jedoch nicht, so ist man verloren, das heißt auf die vorsintflutlichen Vehikel angewiesen, mit denen der gewöhnliche Straßenverkehr auf Madeira besorgt wird. Der Wissenschaft halber habe auch ich eine Strecke in solch einem Fuhrwerke zurückgelegt und wurde dabei lebhaft an die Moskauer Iswostschiki im März erinnert. Solch eine Madeira-Droschke ist nämlich ein -- Schlitten, der von zwei trägen Ochsen über das holperige Pflaster der Stadt gezogen wird. Die Kufen werden mit Fett eingeschmiert (so weit ist man in Moskau noch nicht), um leichter über die Steine zu gleiten. Wenigstens ist für einigen Komfort gesorgt. Die Schlitten haben Federn, und vor der Sonne wird der Fahrgast durch einen auf vier Stangen ruhenden Baldachin aus buntem Kattun geschützt. Das Tempo solch eines Fuhrwerkes ist das Largo des Totenmarsches aus »Saul«. Zwar läuft ein brauner Junge, der unter seinem Riesenstrohhut fast verschwindet, voran und reizt die Ochsen vermittelst eines Flederwischs zu temperamentvolleren Leistungen. Doch hilft das nur wenig. Die Ochsen wären ja wirklich welche, wenn sie vor dem kleinen Buben mit seinem weichen Besen Respekt hätten.
Nein, ein Auto auf Madeira ist vielleicht stillos, aber für Reisende, deren Dampfer Eile hat, ist es unter allen Umständen vorzuziehen.
Unser Chauffeur, ein Stockportugiese, der außer den häßlich-näselnden, faulen Lauten seiner Sprache, leider keinen Ton in einem verständlicheren Idiom hervorbringen konnte und auch keinen verstand, führte uns zuerst auf die Ostseite der Insel. Der Weg windet sich bergan, zwischen Zuckerrohrfeldern, durch Alleen von Platanen, vorbei an Palmenhainen und Bananenpflanzungen, wo, noch jetzt im Januar, die goldigen Früchte im saftig grünen Laub schimmern. Lange Strecken des Weges bilden Legionen von Kakteen mit glühendroten Knollen und Blüten eine natürliche Hecke und bieten als origineller Stachelzaun Schutz vor Wegelagerern. Freilich auf der Straße selbst ist man vor ihnen nicht sicher, und sie stellen sich auch bald ein in Gestalt von braunhäutigen, barfüßigen und barhäuptigen Kindern, die ein Blumenbombardement auf den Wagen eröffnen. Wundervolle dunkelviolette Iris, Rosen, Azaleen-Blüten, Magnolien und sonderbare leuchtend rote Sternblumen fielen uns in den Schoß. Die Kinder laufen hinterdrein und haschen Kupfermünzen. Ihre schwarzen Korintenaugen blitzen wie glühende Kohlen und in ihren Gesten äußert sich ein beängstigend feuriges Temperament. Der Weg wird von Minute zu Minute schöner und romantischer. Auf der einen Seite hat man die Berglandschaft mit entzückenden Ausblicken, bizarren Felsformationen, schäumenden Wasserfällen, malerischen Viadukten, auf der anderen öffnet sich eine unendliche Fernsicht auf den im frühen Sonnenlichte silbern schimmernden Ozean. In violettem Dunst zeichnen sich am Horizonte die Umrisse der anderen kanarischen Inseln ab.
Auf dem höchsten Punkte des Weges machten wir Halt. Man mochte sich nicht losreißen von dem unbeschreiblich schönen Bilde, das sich nach allen Seiten hin bot. Einige regelrechte Kanarienvögel gaben uns im nahen Pinienhaine ein Morgenkonzert. Nun ging es denselben Weg zurück durch die jetzt schon ein wenig belebteren, meistens ziemlich winkeligen und engen aber immer malerischen Straßen Funchals. Es gibt eine Menge Villen, die sich durch ihre geschmackvolle Bauart auszeichnen. Sie liegen in blühenden Gärten, deren üppige tropische Vegetation einen geradezu märchenhaften Eindruck macht. Riesige Farrenbäume, Palmen, Rhododendren, Azaleen von der Größe junger Birken, Magnolien, Gummibäume -- alles wächst dort in buntem und wirrem Durcheinander. Die meisten Häuser sind eingehüllt in das Dickicht irgend einer Schlingpflanze mit wundervollen leuchtend violetten Blüten, die so dicht wachsen, daß ihre Farbe fast wie ein lustig bunter Anstrich wirkt.