Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849

Part 8

Chapter 83,599 wordsPublic domain

»Die Abdankung der drei Minister betrachten die Demokraten sicher als ihren ersten Sieg. Wird dieser Rücktritt nicht überall den Anschein erwecken, als ob ihre Sache gerecht sei?«

Oberleutnant Wetzig war ein ernster und kluger Offizier, der seinen jüngeren Kameraden kannte und schätzte.

»Mag jeder über die Billigkeit der demokratischen Forderungen so wohlwollend denken, wie er will,« antwortete er, »eine bewaffnete Erhebung muß aber aufs schärfste verurteilt werden. Bisher führten sie als Hauptgrund ins Feld, die Regierung sei gegen die Krönung des Königs von Preußen. Ich bin neugierig, was sie nun vorbringen werden, nachdem ihnen diese Waffe aus der Hand geschlagen ist.«

Kurt richtete sich unwillkürlich höher auf.

»Ich verstehe Sie nicht ganz,« entgegnete er.

Der Oberleutnant bemerkte sein Erstaunen.

»Haben Sie noch nicht gehört, daß der König gesprochen hat?«

»Nein,« entgegnete Kurt erregt, »mir ist nichts davon bekannt.«

»Nun, also: heute mittag ist eine Deputation des Deutschen Vereins im Schloß gewesen, um König Friedrich August zur Anerkennung der Reichsverfassung zu bewegen. Der König hat diese Männer huldvoll empfangen und ihnen geantwortet: Meine Herren, ich bin bereit, die Reichsverfassung anzuerkennen, sobald König Friedrich Wilhelm von Preußen sie anerkannt hat.«

Kurt trat einen Schritt zurück und starrte dem Sprecher ins Gesicht.

»Das Wort ist also gefallen,« fuhr Oberleutnant Wetzig fort, »das Tausenden die Augen über die wahre Lage öffnen müßte, -- wenn sie hören wollten. Die letzten Nachrichten aus der Altstadt lassen aber erkennen, daß die Empörer sich der Einsicht verschließen. Ja, die Erklärung kommt den Führern der Bewegung sehr ungelegen. Sie bieten alles auf, um zu verhindern, daß die Zustimmung des Königs zur Kaiserkrönung im Lande bekannt wird, damit ihnen nicht das schärfste Mittel verloren geht, mit dem sie weite Kreise aufreizen. Jetzt verbreiten sie unter der Bevölkerung die Nachricht, der König verweigere rundweg die Anerkennung. Und diese Fälschung wird von der Hauptstadt aus ins Land fliegen und das Feuer der Empörung schüren. Damit geben die Führer aber den Beweis, daß sie die friedliche Schlichtung des Streits nicht wollen, sondern den Aufstand. Das bedeutet -- Revolution!«

Eine kurze Weile stand Kurt sprachlos. Dann erwiderte er scheinbar ruhig, aber mit tiefer Bewegung:

»Vor wenigen Tagen sagte mir Schönberg, die Kameraden verstünden nicht, wie ich noch immer für die Forderungen der demokratischen Partei Sympathien hegte. Auch Sie, Wetzig, werden diese Stimmen gehört haben ...«

Oberleutnant Wetzig nickte.

»Ich gestehe freimütig,« fuhr Kurt fort, wobei seine mühevolle Sprechweise verriet, wie es in ihm arbeitete, »daß ich wünschte, die Forderungen möchten bewilligt werden, denn ich hielt sie für gerecht. Ähnlich haben sich, mehr oder weniger entschieden, viele von uns ausgesprochen.«

Der Oberleutnant nickte wieder.

»Nachdem ich jetzt aber gehört, daß man fortfährt, das Volk aufzureizen, obwohl _die_ Forderung erfüllt ist, von deren Bewilligung, wie die Demokraten bisher behaupteten, allein der Frieden des Landes abhinge, -- jetzt darf ich keine Minute länger einer Partei innerlich zustimmen, deren Führer so verwerfliche Mittel benutzen. Meine warme Anteilnahme für die Sache ist erloschen. Ich bin aus einem Anhänger zu ihrem Gegner geworden!«

Kurts Erregung hatte sich, während er sprach, immer mehr gedämpft. Nun schöpfte er ein paarmal tief Atem und sagte:

»Ich habe besonders dem Advokaten Marschall meine Sympathien nicht verhehlt. Deshalb werde ich ihn sogleich aufsuchen, um ihm zu erklären ...«

»Langsam, lieber Allmer,« mäßigte Wetzig. »Ich verstehe recht gut, was Sie empfinden. Aber Sie werden sich gedulden müssen. Die Truppen sind durch Kommandanturbefehl konsigniert.«

»Herr Oberleutnant, ich bitte um eine Stunde Urlaub,« entgegnete Kurt in dienstlichem Ton, indem er sich verneigte.

Wetzig konnte nur schwer ein Lächeln unterdrücken.

»Ich als Ihr Kompagnieführer soll Sie beurlauben? Selbst der Oberst könnte es nicht, wenn Sie ihn darum bäten.«

Und als er Kurts peinliche Enttäuschung bemerkte, setzte er leiser hinzu:

»Helfen Sie sich allein, lieber Allmer. In Uniform gehen Sie aber nicht! Ziehen Sie rasch Ihr Zivil an und machen Sie's kurz. Und seien Sie auf den Straßen vorsichtig. Wie es heißt, sind in Altstadt alle Teufel losgelassen.«

Kurt erwiderte den freundschaftlichen Rat mit einem dankbaren Blick und drückte Wetzigs dargebotene Hand. Dann entfernte er sich unauffällig aus dem Kasino. Eine Viertelstunde später verließ er in Zivilkleidung die Kaserne.

Der Abend war hereingebrochen. Auf der Allee drängten sich die Menschen. In Altstadt herrschte ein Getümmel, wie es Kurt noch nicht erlebt hatte. Auf dem Schloßplatz, im Georgentor und in der Schloßgasse scholl unausgesetzt wüster Lärm. Große Scharen halbwüchsiger Burschen zogen Arm in Arm an ihm vorbei, pfeifend und brüllend. Unanständige Lieder wurden gesungen und drohende Rufe gegen den König und die Regierung ausgestoßen. An der Ecke des Taschenbergs stand gegenüber dem Schloß ein großer Haufe, der unzählige Hochs auf die abgedankten Minister ausbrachte.

Unmittelbar vor der kleinen Brüdergasse wurde Kurt durch eine neue Zusammenrottung wiederum am schnellen Vorwärtskommen gehindert. Hier riß der Pöbel unter betäubendem Lärm das Straßenpflaster auf und errichtete neben dem Hotel Stadt Gotha -- quer über die Schloßgasse -- mit Hilfe der granitnen Trottoirplatten eine hohe Barrikade. Auf ihrer Brüstung stand ein einzelner Mann, der die Arbeitenden unterwies, wie sie den Bau aufzurichten hätten, um ihn besonders stark zu machen.

Kurt kannte den Mann auf der Barrikade; es war der Hofbaumeister Semper.

Endlich hatte Kurt das Marschallsche Haus erreicht. Schnell stieg er die dunkeln Treppen hinauf und trat durch die nur angelehnte Tür ein. Die Wohnung schien verlassen. Auch im Vorsaal war es finster. Nur durch die Ritzen einer Tür drang ein Lichtschimmer.

Kurt schritt auf diese Tür zu. Da hörte er, wie in dem Zimmer auf dem Klavier ein paar leise Akkorde angeschlagen wurden und wie darauf der gedämpfte Gesang einer Frauenstimme ertönte:

Und ob die Wolke sie verhülle, Die Sonne bleibt am Himmelszelt ...

Kurt öffnete leise. An dem alten Tafelklavier saß Valentine. Sie war bleich, und auf ihren herben Zügen lag ein ungewohnter Schimmer von Mädchenhaftigkeit, der den auf der Schwelle Stehenden betroffen machte. Eine kurze Weile betrachtete er sie. Da bemerkte ihn Valentine und schreckte zusammen. Ihre schöne Altstimme brach ab, und nun kam das Mädchen auf ihn zu.

»Ich hatte Sie nicht gleich erkannt, Herr Leutnant,« versetzte sie, »weil ich Sie nur immer in Uniform gesehen habe.«

Kurt bemerkte, daß Valentine weich gestimmt und nicht so sicher war wie sonst.

»Es täte mir sehr leid,« fuhr sie fort, ihn mit einer Handbewegung zum Sitzen einladend, »wenn Sie durch diesen Besuch in eine unangenehme Lage gerieten. Auf den Gassen ist es nicht geheuer.« Dabei sah sie verständnisvoll auf Kurts hellgrauen Zivilanzug. »Aber ich habe Sie doch um diese Unterredung bitten müssen.«

Kurt machte eine Bewegung, als ob er den Sinn ihrer Worte nicht verstanden hätte.

»Heinrich Mißbach wird Ihnen überbracht haben ...«

Kurt verneinte. Mißbach hätte ihm nichts mitgeteilt.

»Dann hat er's vergessen. Gewiß vor Bestürzung, weil Anna ihm gleichzeitig von der Erkrankung meiner Mutter erzählt hat. Das wird den guten Jungen erschreckt haben.«

»Ihre Frau Mutter ist erkrankt?« fragte Kurt teilnahmvoll.

Valentine hörte die Wärme aus seiner Stimme heraus.

»Leider -- ganz plötzlich. Professor Richter weiß noch nicht, was ihr fehlt. Sie hat hohes Fieber. Vielleicht wird es Lungenentzündung. Jetzt ist Anna einstweilen bei ihr.«

»Die Vorsaaltür stand offen,« sagte Kurt, um sein unerwartete Erscheinen zu erklären.

Valentine hörte diese Worte nicht. Sie sann eine Weile nach. Endlich begann sie stockend:

»Ich mußte Sie noch heute sprechen, Herr Leutnant, weil ich Sie bitten wollte, Ihre Besuche bei uns aufzugeben. Die Entwicklung der politischen Vorgänge hat sich von gestern zu heute in einer so schroffen Weise vollzogen, daß Sie es mit Ihrer Stellung nicht würden vereinbaren können, wenn Sie uns die Freundschaft weiter schenken wollten, die uns bisher verband. Ich weiß nicht, ob Ihnen schon bekannt ist, welch entscheidende Wendung der heutige Tag gebracht hat?«

Kurt bestätigte, daß er es wisse.

»Dann wäre es freilich nicht nötig gewesen, Sie noch einmal zu bemühen ... Aber« -- das Mädchen atmete tief auf -- »ich wünschte auch, mich ... persönlich von Ihnen ...«

Kurt sah stumm vor sich nieder. Eine tiefe Pause entstand. Endlich sagte er:

»Ich bin heute aus freien Stücken hierhergekommen, Fräulein Valentine. Ich wollte Ihrem Herrn Vater erklären, daß meine Pflicht als Offizier und -- ich möchte das besonders betonen -- meine persönlichen politischen Anschauungen mich zwingen, das Haus zu meiden, in dem ich so manche frohe Stunde verlebt habe.«

»Ich ahnte es, als Sie eintraten,« sagte Valentine leise.

Beide schwiegen.

Kurt erkannte noch einmal Valentinens Edelmut. Sie war ein hochherziges Mädchen! Daß sie jetzt seine politische Gegnerin war und eine tiefe Kluft ihn für alle Zukunft von ihr trennen würde, konnte seine Hochachtung vor ihr nicht verringern.

»Mein Vater ist leider nicht zu Hause,« unterbrach Valentine das Schweigen. »Der Sicherheitsausschuß tagt auf dem Rathause ...«

»Bitte teilen Sie Ihrem Herrn Vater mit, daß ich hier war,« antwortete Kurt.

Valentine neigte zustimmend den Kopf. Dann erhoben sich beide fast gleichzeitig und standen eine kurze Weile stumm einander gegenüber.

»Ihrer Frau Mutter meine besten Wünsche,« sagte Kurt in gedämpftem Ton.

»Ich danke Ihnen, Herr Leutnant,« erwiderte sie noch leiser.

»Und Ihnen, Valentine ...« Er stockte. »Sie brachten mir Ihre Freundschaft entgegen,« -- hier sah er, wie das Mädchen in tiefer Bewegung erschauerte -- »ich bot Ihnen die meinige ...«

Kurt kämpfte schwer. Endlich fuhr er mit halblauter Stimme fort:

»Lassen Sie mich in dieser Abschiedsstunde frei bekennen, Valentine, daß es eine Zeit gab, zu der es mehr war als Freundschaft, was ich für Sie empfand. Es kann Ihnen nicht verborgen geblieben sein. Aber ich bin nahe daran gewesen, bitteres Unrecht zu tun, -- mein Herz war nicht mehr frei. Ich stand im Begriff, einem guten Menschen unaussprechlichen Kummer zu bereiten. Sie wiesen mein leises Werben sanft zurück. Sicherlich vermochten Sie meine Empfindungen nicht zu teilen, -- ich weiß es nicht. Ihre Zurückhaltung war mein Heil, sie hat mich vor schwerer Schuld bewahrt. Dafür werde ich Ihnen immer dankbar sein!«

Valentine hatte dieses Bekenntnis mit abgewandtem Gesicht angehört. Sie unterdrückte ihre schweren Atemzüge, aber ihre Schultern zuckten leise. Plötzlich griff sie in die Tasche ihres Kleides und reichte ihm stumm einen verschlossenen Brief ohne Aufschrift. Kurt nahm den Brief und steckte ihn achtlos ein.

»Leben Sie wohl, Valentine,« sagte er.

Sie hielt ihm die Hand hin.

»Werden Sie glücklich, Kurt!«

Er ergriff ihre Hand und hielt sie eine Sekunde lang umschlungen.

Dann wandte er sich ab und verließ die Stube, ohne noch einmal den Blick zurückzuwenden. --

Als sich Kurt der Schloßgasse wieder näherte, empfing ihn brausender Lärm. An der Barrikade bei Stadt Gotha wurde noch immer fieberhaft gearbeitet, und eine tobende Menge wogte auf und ab. Einige der Männer waren mit Gewehren und Säbeln bewaffnet.

Kurt war noch zu tief bewegt, daß er die drohende Haltung des aufgeregten Volkshaufens und die Schmährufe auf den König beachtet hätte. So rasch es ihm gelang, eilte er die Schloßgasse hinunter. Die Brücke war fast menschenleer. Den Neustädter Markt bedeckten die Jahrmarktsbuden, vor denen aber nur wenig Käufer standen. Auf der Hauptstraße wogte noch immer eine dichte Menge, darunter eine große Anzahl von verdächtigen Gestalten. Doch ging es hier weit ruhiger zu als in der Altstadt.

Plötzlich dachte er an Ursula. Und ein heißes Verlangen ergriff ihn, zu ihr zu eilen, seine Schuld zu bekennen und sie um Verzeihung zu bitten. Sein Herz war übervoll.

Kurt bog in den Obergraben ein und ging dann rasch durch die Kasernenstraße bis zum Pförtchen. In wenigen Minuten hatte er die Hospitalstraße hinter sich und stand nun vor dem kleinen Haus des Kriegsrats. Im Wohnzimmer brannte hinter den niedergelassenen Rouleaux mattes Licht.

Als Kurt durch den Hausflur ging, hörte er seine Schritte hohl von den Wänden zurückschallen. Da tastete er nach der Tür, über deren Schwelle er einen Schimmer sah, und öffnete. Die Kerze auf dem Tisch trug eine große Lichtschnuppe, daß die Flamme niedrig brannte und das Zimmer nur dürftig erleuchtet war.

Herr von Abendroth saß in seinem Lehnstuhl, das dickumwickelte kranke Bein auf einen zweiten Stuhl vor sich hochgelegt. An seiner Seite hockte auf der Fußbank Ursula, die Ellbogen auf die Knie gestützt und die Hände vor das Gesicht geschlagen. Als Kurt eintrat, ließ sie die Hände langsam sinken, als wenn sie aus einer Erstarrung erwache, und sah ihn verständnislos an.

Da sprang Ursula mit einem Mal auf, und Kurt glaubte, eine Fremde zu sehen. In starrer Haltung und mit zurückgeworfenem Kopf stand sie vor ihm. Ihr Gesicht war aschfahl, und aus ihren weitgeöffneten Augen trafen ihn die erzürnten Blicke eines tief verletzten Weibes.

»Wie, Herr Allmer!« rief sie mit schneidender Stimme, »Sie wagen es wirklich ...«

Kurt war wie gelähmt. War dieses Mädchen, das zitternd vor tiefster Empörung dort stand und ihm diese Worte zurief, war das Ursula? Da brach wie ein Himmelsturz die Empfindung der Schwere seiner Schuld auf ihn nieder, und er senkte den Blick vor Ursulas Augen.

Noch rang das aller Fassung beraubte Mädchen nach Worten, als Kurt tief erschüttert sprach:

»Ursula, ich habe gefehlt. Ich komme zu dir als ein Bittender, der seine Schuld büßen will. Höre mich an. Ich flehe darum! Weise mich nicht von dir, -- um deiner großen Liebe willen!«

Da lachte das Mädchen schrill auf.

»Um meiner Liebe willen? Nein, Herr Allmer, das Possenspiel, das Sie mit mir trieben, ist aus! Mit grausamer Hand haben Sie aus meinem Herzen gerissen, was ich darin wie ein Heiligtum bewahrte. Ja, ich will es bekennen,« stieß sie hervor, wobei sich ihre Stimme bis zur äußersten Kraftanstrengung steigerte, »ich will es ohne zu erröten gestehen, daß ich Sie liebte mit der ganzen heißen Glut, die ein unschuldiges Mädchenherz für den geliebten Mann nur erfüllen kann. Empfand ich doch, daß diese Leidenschaft selbst stärker war, als die Liebe, mit der ich von meiner sterbenden Mutter Abschied nahm. Jetzt aber ist in meinem Herzen erstickt, was ich für Sie sorgsam darin hegte! Sie selbst waren es, der dies vollbracht!«

Kurt krampfte die Hände ineinander.

»Ursula! -- Ursula! --« rief er verzweifelt.

»Nein, Herr Allmer!« schrie das Mädchen, während Blitze aus ihren Augen brachen, »Ihr Flehen ist umsonst!« -- Sie schlug wiederholt mit der Hand heftig auf ihre Brust. »Alles ist hier tot, -- alles! Verlassen Sie mich! In diesem Hause ist kein längeres Bleiben für Sie!«

»Herr Kriegsrat,« stammelte der Erschütterte und wollte zu dem alten Herrn hineilen, aber seine Füße hingen wie gebannt an der Stelle, »Sie waren immer so gütig zu mir wie ein Vater ...«

Herr von Abendroth lag regungslos im Stuhl und hielt die Augen mit der Hand bedeckt und vermochte nicht zu antworten.

»Was zögern Sie noch!« rief Ursula befehlend, -- »gehen Sie!« und wies nach der Tür.

Noch eine kurze Weile verharrte Kurt wie betäubt in seiner zusammengesunkenen Haltung, als wenn er die Kraft, diesen Ort zu verlassen, erst sammeln müsse. Müde wandte er sich dann um, tat ein paar Schritte und -- blieb stehen.

»Ich komme wieder,« murmelte er schwer atmend.

»Nein, versuchen Sie es nicht!« klang Ursulas Stimme jetzt ruhiger, aber unerbittlich. »Sie würden nur von neuem von der Schwelle dieses Hauses gewiesen werden.«

Ein paar Sekunden vergingen noch. Dann verließ Kurt Allmer wortlos und unsicheren Schritts das Abendrothsche Haus.

Ursula blieb in steifer Haltung in der Mitte des Zimmers stehen und horchte angestrengt auf die sich entfernenden Schritte. Als der letzte verhallt war, ging sie ruhig zum Tisch zurück, sank schwer auf einen Stuhl nieder und sah unbeweglich nach der Tür. So verharrte sie eine geraume Zeit. Dann legte sie die Arme auf den Tisch und vergrub ihr Gesicht darin. Bis sich endlich der alte Herr mühsam von seinem Stuhl erhob, zu der Sitzenden hinkte und sich neben ihr niederließ. Mit unendlicher Schonung richtete er die still Weinende auf, schlug die Arme um sie und legte ihren Kopf an seine Brust.

Inzwischen war Kurt völlig erschöpft in die Kaserne zurückgekehrt. Kaum hatte er seine Stube betreten, als es an der Tür stark klopfte und gleich darauf Korporal Mißbach mit tief bekümmertem Gesicht ins Zimmer trat.

Heinrich war halb verzweifelt, weil er nichts über die kranke Frau Marschall erfahren konnte. Kein Soldat durfte ja die Kaserne verlassen.

»Herr Leutnant möchten,« stotterte er, »ich hatte ganz vergessen, -- möchten heute abend noch zu Valen... zu Fräulein Marschall kommen.«

Kurt winkte ab. »Schon gut.«

Der geängstigte Bursche verstand, der Herr Leutnant war bereits drüben gewesen. Da fiel ihm dessen verstörtes Gesicht auf, das nichts Gutes weissagte. Schon sollte er nach der Kranken fragen. Da besann er sich, vor wem er stand, und ging tief bedrückt aus dem Zimmer.

Heinrichs Erscheinen hatte Kurt an den Brief erinnert, den Valentine ihm beim Abschied gegeben. Er zog ihn aus der Tasche, riß den Umschlag auf und las:

Fräulein Marschall!

Nachdem Sie bisher alle Ihre Künste aufgeboten haben, um Herrn Leutnant Allmer in Ihr Haus zu locken, begingen Sie gestern abend auch noch die unglaubliche Taktlosigkeit, sich von ihm auf offener Straße küssen zu lassen. Ich darf kaum hoffen, daß Sie noch empfinden können, was Menschen von Erziehung von einer Person, wie Sie sind, halten. Ich möchte Ihnen nur mitteilen, daß Herr Allmer der heimliche Verlobte einer jungen Dame von Stand ist. Vielleicht glimmt noch ein Funken weiblicher Scham in Ihrer Brust!

Amalie von Zehmen.

Und darunter war mit Bleistift gekritzelt:

Selbst wenn ich Ihr Verlöbnis gekannt, hätte ich das Gefühl in meinem Herzen nicht ersticken können, das mich während ein paar kurzer Monate unaussprechlich glücklich gemacht hat.

Valentine.

* * * * *

Auch in der engen Offizierstube war ein von Schmerz Überwältigter willenlos auf den Tisch gesunken. Aber es kam niemand, der ihm liebevoll Trost zugesprochen hätte.

Achtes Kapitel

Am nächsten Morgen hielten die Kompagnien wieder auf dem Kasernenhof Einzelexerzieren ab. Die große Felddienstübung mit den Gardereitern bei Rähnitz war abgesagt worden.

Die Offiziere standen beieinander und machten ernste Mienen. Die Mannschaften waren in großer Spannung. Allerlei Gerüchte liefen herum, nach denen es in der Altstadt zwischen den Aufrührern und der Kommunalgarde schon zu blutigen Zusammenstößen gekommen war.

Die Vormittagstunden schlichen dahin; jeder merkte, daß das Exerzieren nur abgehalten wurde, um die Zeit hinzubringen. Niemand war richtig dabei. Und eine gedrückte Stimmung, die auf allen wie Blei lastete, verhinderte selbst das Aufkommen des alten Soldatenhumors, der schon über manche ernste Stunde hinweggeholfen hat.

Unter den Soldaten der damaligen Zeit herrschten die erheblichsten Altersunterschiede. Es gab welche, die kaum das siebzehnte Lebensjahr erreicht und wiederum Unteroffiziere, die die Fünfzig überschritten hatten. Unter ihnen waren Verheiratete, deren Frauen eine Wirtschaft betrieben oder einen kleinen Kramladen besaßen. Der Dienst endete zumeist zeitig am Abend, und die Mannschaften hatten viel freie Zeit, die sie im engen Verkehr mit dem Kleinbürgertum verbrachten.

In den letztverflossenen Jahren hatte es unter der sächsischen Bevölkerung gewaltig gegärt, und die Stimmung gegen die Armee war verbittert. Der Soldat erfreute sich lange nicht mehr der hohen Schätzung wie nach den Freiheitskriegen, sondern wurde über die Achsel angesehen.

Als sich aber der Unwille des Volks gegen die Regierung steigerte, änderte sich das Verhalten der bürgerlichen Kreise. Sie versuchten, unter den Mannschaften Mißstimmung zu erregen und besonders die Unteroffiziere für ihre Ideen zu gewinnen.

So hatte es sich, vornehmlich während der letzten Monate, vielfach zugetragen, daß nicht nur einfache Männer aus dem Volke, sondern auch Vertreter des gehobenen Bürgerstandes in den Wirtshäusern mit Soldaten zusammensaßen, ihnen Bier und Branntwein reichen ließen und Zigarren darboten. Man hätte sich früher geirrt, wurde den Arglosen versichert, wenn man sie gehaßt und vertierte Söldlinge genannt habe. Der einfache Soldat sei ein Freund des Volks, und man müsse ihn schätzen! Er allein verstünde die große Not, die jetzt im Lande herrsche! Er gehöre zum Volk und fühle mit ihm! Aber die Offiziere --!

So war es nicht schwer gewesen, den Beifall manches Leichtgläubigen zu gewinnen. Und die Zuversicht weiter Kreise, die Disziplin der Armee zu lockern, war erheblich gewachsen. Man hatte sich immer mehr mit dem Gedanken vertraut gemacht, die Truppen im Ernstfalle gegen die Regierung zu benutzen.

Aber der Gang der Ereignisse bereitete den Zuversichtlichen die schwersten Enttäuschungen. Der Soldat nahm die Darbietungen schmunzelnd an und ließ sich Bier und Zigarren gut schmecken. Er nickte zu den Anklagen beistimmend und schimpfte unter der Einwirkung des Branntweins zuweilen wohl auch auf die Zustände und auf gewisse Offiziere, die durch Strenge unbeliebt waren. Den guten Soldatengeist konnten diese Wühlereien aber nicht ertöten. Der Soldat erinnerte sich seiner Mannszucht in dem Augenblick, als er sah, daß die Sicherheit des Thrones und der Frieden des Landes ernstlich gefährdet waren.

Die Truppen taten ihre Schuldigkeit. Und ihre Erbitterung wuchs, je mehr sich die Hartnäckigkeit steigerte, mit der ihnen die Aufrührer während des Straßenkampfes Widerstand leisteten. --

Kurt ging während des ganzen Tages mit verstörtem Gesicht umher. Seine Kameraden beobachteten, wie schwer er seelisch litt und schoben es auf die große Enttäuschung, die er mit seinen lange gewahrten Sympathien für die bürgerliche Bewegung erlebt hatte. Anfänglich versuchten sie, den Schweigsamen aufzuheitern. Aber sie gaben ihre Bemühungen auf, als sie erkannten, daß sie fruchtlos waren.

Wieder war es Abend geworden, als Kurt einsam in seinem Zimmer saß. Da wurde ihm eine Dame gemeldet. Es war Tante Sidonie. Das alte Fräulein hatte all ihre, jederzeit streng gewahrte Feierlichkeit verloren. Sie war völlig fassungslos und konnte vor innerer Bewegung kaum sprechen.

Ihre stumme Hilflosigkeit rührte Kurt. Er sah, wie tief sie erschüttert war. Ganz gebrochen saß sie auf der Stuhlkante, und ihre schmalen, weißen Hände zitterten beständig.

Endlich bat sie ihn, ihr alles zu erzählen. Sie wäre heute bei Abendroths gewesen und hätte auch die Zehmen dort getroffen. Aus ihrem Munde habe sie die schweren Anklagen vernommen, die gegen ihn gerichtet würden.

Kurt schüttete der Tante sein Herz aus. Es tat ihm wohl, zu einem vertrauten Menschen sprechen zu können. Er begann damit, wie er Valentine Marschall kennen gelernt, schilderte seine Besuche bei ihren Eltern und verschwieg nicht den tiefen Eindruck, den das geistig hochstehende Mädchen auf ihn gemacht. Anfänglich hätte sie durch ihre Klugheit sein Interesse geweckt, dann hatte er ihren edlen Charakter erkannt und sie hoch geschätzt, bis er schließlich entdeckt, daß sich ein warmes Gefühl für das Mädchen leise in sein Herz geschlichen. Damit hätten auch die schweren seelischen Kämpfe begonnen, unter denen er viel gelitten.