Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849
Part 6
Auf dem Nachhauseweg stieg der erregte Auftritt noch einmal in seiner ganzen Lebendigkeit in Kurts Erinnerung herauf. Immer wieder gingen seine Gedanken zu Valentine, wie sie streitbar neben ihm gestanden und furchtlos gesprochen. Kurt fühlte sich im Bann des Mädchens. Er liebte die geistige Stärke an der Frau. Ein wenig weibliche Holdseligkeit, wie sie Ursula in hohem Grade besaß, hätte er Valentine gewünscht. Ihr Wesen war grundverschieden gegen das ihrer Altersgenossinnen. Wenn Kurt Valentine aber mit den meisten Töchtern der höheren Stände verglich, wenn er an deren engen Gesichtskreis dachte, an ihr Läppischtun und an ihre Saumseligkeit, mit der sie tändelnd die Tage und Jahre hinlebten, so empfand er deutlich, daß Valentine hoch über allen diesen Mädchen stand.
Auch der Reden gedachte Kurt noch einmal, die er heute gehört. Waren denn die politischen Verhältnisse in Wahrheit so schlimm, daß die Erregung des Volks bis zu dieser bedrohlichen Höhe anwachsen durfte?
Sicherlich hatten die Regierenden hier und anderswo Mißgriffe getan. Ihr geringes Verständnis für die Wünsche des Landes hatte viel böses Blut gemacht. Der Drang des Volkes nach freiheitlicheren Staatsformen wurde von oben herab stark bekämpft. Man glaubte dort, selbst die maßvollsten Forderungen seien nichts anderes als versteckte Attentate auf das monarchische Regiment. Alles sei nur darauf gerichtet, das Bestehende umzustürzen und nach den Ideen einiger zügelloser Schwärmer von Grund auf neu zu gestalten. Daß die Bewegung, trotzdem man sie scharf bekämpfte, aber immer weiter um sich griff, und immer mehr Männer von Bedeutung sich ihr anschlossen, hätte die Regierung doch stutzig machen müssen! -- So spann der junge Mann seine Gedanken weiter.
Wohl gab es auch Minister, die den Ernst der politischen Lage erkannten. Aber diese verschwindende Minderzahl erwies sich tatsächlich als ohnmächtig, die regierenden Kreise zu beeinflussen. Sie unterwarfen sich entweder gegen ihre Überzeugung dem starken System oder nahmen ihren Abschied. Es stand in dieser drangvollen Zeit keiner auf, der die Kraft besessen hätte, wahrhaft Großes zu vollbringen. Die feudalen Herren draußen im Lande und im Regierungsapparat bangten vor jedem kleinen Zugeständnis, aus Besorgnis, ihre jahrhundertealten Rechte geschmälert zu sehen.
Und der König? Kurt kannte den Gerechtigkeitssinn Friedrich Augusts und wußte, daß er für das Wohl seines sächsischen Volkes ein warmes Herz hatte. Zudem waren dem jungen Offizier Anhänglichkeit und Liebe zum Herrscherhaus vererbt und mit seinem Blut unzertrennlich verbunden. Soweit sich die Geschichte seines Geschlechts verfolgen ließ, hatten die Allmer im Heeres- und Staatsdienst in guten und bösen Zeiten treu zum Hause Wettin gestanden. Ihnen nachzueifern war für ihn nicht nur Bedürfnis, sondern auch Ehrenpflicht! Und Kurt war bereit, für den König sein Alles ebenso bereitwillig hinzugeben, wie es seine Vorfahren getan hatten. Der Name Allmer mußte seinen alten guten Klang behalten!
Wie stellten sich nun aber die Führer der großen Bewegung zu der Person des Königs? Das wußte Kurt freilich nicht. Und er fühlte eine leise Beklemmung. Wenn sich der Zorn der Unzufriedenen gegen den König richtete, dann würde er sich von ihnen wenden.
Doch nein! Es war ja heute abend wiederholt ausgesprochen worden, der Unwille des Volkes gelte allein den Ratgebern des Königs. Man klagte sie an, daß sie Friedrich August gegen die Kaiserkrönung argwöhnisch gemacht hätten und ihn in seinem Widerstand bestärkten. Dazu wären sie ängstlich darauf bedacht, die wirkliche Stimmung im Volke vor ihm zu verbergen. Den falschen Dienern der Krone also zürnte man, nicht dem Monarchen.
Das waren Kurt Allmers Betrachtungen über die tiefgehenden Strömungen dieser bewegten Zeit. Und ebenso arglos urteilten viele Tausend andere, darunter Männer, die lebenserfahrener waren, als ein junger Offizier. In Vieler Herzen brannte das ungestillte Sehnen nach einem Frieden, der die Wünsche des Volkes erfüllte, ohne das Ansehen des Königs zu schmälern.
Diese Freunde einer gütlichen Schlichtung des endlosen Haders vermochten aber nicht, in die gährenden Tiefen der Bewegung zu schauen. Sie hätten sich mit Entsetzen von dem Anblick des aufgehäuften Zündstoffs gewendet, in den nur ein lichter Funke zu fallen brauchte, um ihn aufflammen zu lassen.
Als Kurt das Portal der Kaserne erreicht hatte, begegnete er dem ihm befreundeten Oberleutnant von Schönberg-Pötting, der zur gleichen Zeit vom Bautzner Platz her mit ihm am Tor eintraf.
»Hallo, Karl,« rief Kurt, »wo bist du heute abend gewesen?«
»Bei meinen Eltern. Und du?«
»Zu einer Familienfestlichkeit bei Advokat Marschall.«
Oberleutnant von Schönberg schwieg dazu. Sie gingen durch das Tor, nachdem der schließende Unteroffizier geöffnet hatte. Der verschlafene Posten vor dem Gewehr präsentierte. Nun stiegen die beiden Offiziere die Treppen hinauf.
Kurt fiel die ungewohnte Schweigsamkeit seines Freundes auf. Plötzlich sagte er zu dem Oberleutnant:
»Warum bist du heute abend so still?«
Und als Schönberg mit der Antwort zögerte, legte er seinen Arm in den des Freundes und veranlaßte ihn, auf dem spärlich erleuchteten Korridor stehenzubleiben.
»Lieber Karl,« sagte Kurt mit leisem Vorwurf, »ich weiß nicht, ob ich mich irre. Aber ich glaube bemerkt zu haben, daß du in der letzten Zeit nicht mehr so offen zu mir gewesen bist, wie sonst.«
Der Oberleutnant sah ihn in leichter Verlegenheit an.
»Habe ich, ohne es zu wissen, gegen dich gefehlt?« fragte Kurt, »dann sag' es mir, damit ich's wieder gutmache. Zwischen Freunden darf keine Verstimmung herrschen.«
Schönberg machte eine verneinende Gebärde.
»Aber es hat sich dennoch etwas zwischen uns geschlichen,« drang Kurt in ihn, »das empfinde ich gerade in diesem Augenblick ganz deutlich.«
Schönberg blickte beiseite und wollte ausweichend antworten.
»Nein, Karl,« versetzte Kurt, »so leichten Kaufs entrinnst du mir nicht. Also sprich offen.«
Der Oberleutnant lächelte gezwungen.
»Karl,« bat Kurt noch einmal, »bitte, sprich!«
»Na, wenn du's willst, meinetwegen ...,« entgegnete Schönberg endlich. »Lieber Kurt, es geht ja keinen etwas an, was du treibst, aber ... man redet so allerhand. Man meint, du träfst wohl nicht immer das Richtige in der Wahl deines ... Verkehrs.«
Kurt schoß das Blut ins Gesicht.
»Das kann sich nur gegen Marschalls richten,« versetzte er gereizt. »Die Familie ist durchaus ehrenwert, und der Advokat genießt einen ausgezeichneten Ruf!«
»Das läßt sich nicht leugnen,« erklärte der Oberleutnant. »Aber du weißt, Kurt, wie vorsichtig gerade wir sein müssen.«
»Hätte ich gefehlt?« warf Kurt ungeduldig ein.
Schönberg hatte den Handschuh abgezogen und betrachtete angelegentlich seine gepflegten Fingernägel.
»Marschall ist zweifellos ein Ehrenmann,« antwortete er, aufsehend. »Aber sieh, lieber Kurt, du weißt, wie jetzt alles erregt ist ...«
Und als Kurt nichts erwiderte, setzte er zögernd hinzu:
»Schon den Schein muß man meiden.«
»Karl,« sagte Kurt mit Nachdruck, »glaube mir, die ganze Bewegung ist nur gegen die Regierung gerichtet, die nun einmal, laß es mich offen aussprechen, viele Mißgriffe getan hat.«
Der Oberleutnant blickte den Freund erstaunt an.
»Ja, gewiß,« fuhr Kurt fort, »gegen die Regierung, nicht aber gegen den König.«
Schönberg schien nicht zu begreifen. Er zuckte mit den Achseln, schwieg aber.
»Sind nicht selbst hochgestellte Männer unter den Demokraten, deren Wahrhaftigkeit niemand anzuzweifeln wagt?«
Der Oberleutnant nickte.
»Und mißbilligt, wohin man auch hört, nicht jedermann die Zustände? Räsonnieren nicht selbst wir manchmal?«
Lächelnd bestätigte Schönberg die Wahrheit dieser Worte. Aber er wurde gleich wieder ernst.
»Kurt,« antwortete er, »was du da sagtest von König und Regierung, er drüben und sie hüben, -- lieber Kurt, diese Unterscheidung erscheint mir etwas gekünstelt. Ich denke immer, die beiden bilden eins?«
»Du irrst, Karl,« entgegnete Allmer. »Dem König bleibt viel verborgen. Wenn er nur wüßte, was das Volk bewegt, dann würde so manches besser sein.«
Und als der Oberleutnant nichts darauf antwortete, sagte sich Kurt insgeheim: Das ist einer von den Abseitsstehenden, die die ganze Bewegung und ihre tiefen Ursachen nicht verstehen.
Er trat nahe an den Freund heran und versetzte:
»Sei überzeugt, Karl, daß ich wachsam bleiben werde. Du kennst mich doch! Der schlimme Zwist hat seinen Höhepunkt erreicht. Schon die nächsten Tage müssen eine friedliche Lösung bringen. Denke doch nur daran, was für vortreffliche Männer an der Spitze der Bewegung stehen. Aber bis zu dieser Stunde liegt wirklich nicht der geringste Grund vor, dieses gesellige Haus zu meiden.«
Mit diesen Worten bot er Schönberg die Hand.
»Davon bin ich nun überzeugt, lieber Kurt,« erwiderte dieser und schlug lebhaft ein. Mit dieser Aussprache war die alte Freundschaft wieder besiegelt, und die Freunde sagten sich gute Nacht.
Schon ein paar Schritte entfernt, rief der Oberleutnant noch einmal zurück:
»Du, Kurt, heute habe ich im Vorübergehen Fräulein von Abendroth auf ein paar Worte über den Gartenzaun gesprochen. Sie sah recht blaß aus, der alte Kriegsrat scheint ihr viel Sorge zu machen. Übrigens erkundigte sie sich auch, wie dir's gehe und läßt dich grüßen.«
»Danke, danke,« versetzte Kurt und biß sich auf die Lippe, daß sie heftig schmerzte. Und als er auf seinen Finger sah, mit dem er die schmerzende Stelle unwillkürlich berührt hatte, hing ein dicker Blutstropfen daran.
Kurt hatte in dem Augenblick, wo Schönberg ihm Ursulas Grüße bestellte, daran gedacht, wie er vor wenigen Stunden Valentinens Hand gepreßt hatte.
Sechstes Kapitel
Während der nächsten Tage befand sich das ganze sächsische Volk, allen voran die Einwohnerschaft Dresdens, in einem Taumel. Die Erregung wuchs ungeheuer, und die Ereignisse drängten zur Entscheidung.
Wer abseits vom Tageslärm aufmerksam gelauscht, der hätte den eisernen Tritt der schweren Zeit vernommen, mit dem sie über das sächsische Land hinwegschritt. In diesen Tagen bereitete sich ein bitterernster Abschnitt der Geschichte des jungen Königreiches vor. Die von Kugeln durchlöcherten Blätter, worauf Klio mit zitterndem Griffel die kommenden Geschehnisse niedergeschrieben, tragen Blutspuren, und ihre Ränder hat das Feuer versehrt.
Am Morgen nach dem Feste bei Marschalls mußte Kurt an einer Felddienstübung teilnehmen, zu der zwei kriegsstarke Kompagnien auf den »Heller« rückten. An seiner Stelle beaufsichtigte ein Sergeant das Rekrutenexerzieren.
Die Übung dehnte sich so lange hin, daß die Truppen erst am späten Nachmittag wieder in der Kaserne eintrafen. Obgleich Kurt sehr müde war, kleidete er sich nach dem Essen rasch um und begab sich zu Ursula. Als er das Abendrothsche Haus erreichte, war es schon dunkel.
Der alte Kriegsrat hatte sich frühzeitig zu Bett gelegt, und Ursula war allein im Zimmer. Sie saß in dem hohen Lehnstuhl des Großvaters und blickte gedankenschwer in die Flamme der auf dem Tisch stehenden Kerze.
Bei Kurts unvermutetem Eintritt fuhr Ursula auf. Langsam kam sie ihm ein paar Schritte entgegen. Plötzlich blieb sie jedoch stehen, und als Kurt sie umschlang, fühlte er, daß sie heftig zitterte. Diese Wahrnehmung steigerte seine Befangenheit, die er schon auf dem Wege verspürt hatte.
Er führte das Mädchen zu dem großen Stuhl zurück und nötigte sie sanft zum Sitzen. Dann zog er sich einen Sessel heran, und nun plauderten sie von gleichgültigen Dingen.
»Geht es deinem Großvater nicht gut, Ursula?« fragte Kurt.
»Er fühlt sich nicht schlechter als sonst,« antwortete sie in müdem Ton. »Aber gerade heute Nachmittag war ihm gar nicht wohl. Deshalb ging er so früh schlafen.«
»Du bist doch nicht krank, liebe Ursula?« forschte Kurt mit heimlichem Bangen, »du siehst bleich aus!«
»Nein, nein,« wehrte sie hastig ab, »es ist nichts; ich bin ganz wohlauf.«
Während sie dies sprach, sah sie auf den Teppich nieder. Kurt betrachtete aufmerksam Ursulas Gesicht. Es erschien ihm schmal, wie er es noch nicht beobachtet hatte. Sie mußte leiden. Zärtlich nahm er ihre Hand und streichelte sie. Ursula tat ein paar tiefe Atemzüge. In der nächsten Sekunde stand sie auf, als wenn sie ihre innere Bewegung verbergen müßte, ging zum Tisch und ergriff die eiserne Lichtschere, die neben dem Leuchter lag.
»Sieh, Kurt,« scherzte sie und machte einen schwachen Versuch, zu lächeln, »die Lichtschnuppe neigt sich dir zu. Du wirst bald einen Brief bekommen oder eine Neuigkeit hören.«
So sprechend, putzte sie sorgfältig die Flamme wieder hell.
Kurt hatte sich gleichfalls erhoben und stand nun neben ihr. Beide schwiegen. Der Schein der Kerze lag voll auf dem bleichen Gesicht des Mädchens. Kurt sah die herabgesenkten Augenlider, umrandet von langen, sammetnen Wimpern, und den feingeschnittenen Mund.
Da fiel plötzlich die eiserne Lichtputzschere laut auf den Tisch nieder, und im nächsten Augenblick warf Ursula schluchzend ihre Arme um seinen Hals und lehnte sich willenlos an ihn. Von tiefer Bewegung übermannt, setzte sich Kurt auf einen Stuhl und zog die heftig Weinende auf seinen Schoß nieder. Ihre Wangen lagen aneinander, und der junge Mann fühlte Ursulas Tränen auf seinem Gesicht.
Kurt versuchte nicht, diesen jähen Tränenstrom aufzuhalten, dessen Grund Ursula aller Fassung beraubt hatte. Er drückte die Schluchzende sanft an sich, flüsterte ihr alle Schmeichelnamen leise ins Ohr, die er ihr gegeben, und streichelte ihre Wangen. Endlich wurden die schweren Atemstöße leichter. Das Weinen ließ nach, und das Mädchen wurde ruhiger. Sie griff nach ihrem Taschentuch und trocknete die Tränen.
»Geliebte,« sagte Kurt in tiefer Bewegung, »ich habe dich betrübt, ich weiß es. Verzeihe mir.«
Ursula hob den niedergesunkenen Kopf auf und sah ihn mit einem Blick voll unendlicher Liebe an.
»Kurt,« antwortete sie leise, die Augen noch voll Tränen, »wenn du doch öfter an mich denken wolltest. Empfindest du nicht, wie schwer ich darunter leide?«
Dem jungen Mann versagte die Sprache, und es stieg ihm feucht in die Augen.
»Ich habe dich von ganzem Herzen lieb,« stammelte er.
Ursula atmete tief auf.
»Ich glaubte, du wolltest dich von mir wenden,« kam es fast unhörbar von ihren Lippen.
Kurt empfand, wie ihn diese leise Klage erschütterte.
»Sei versichert,« erwiderte er mit zuckenden Lippen, »daß ich dich wahrhaft und innig liebe!«
Mit diesen Worten zog er Ursula an sich, und sie fühlte den lauten Schlag seines Herzens.
So hielten sie sich eine lange Weile umschlungen. Dann erhob sich das Mädchen, strich das hereingefallene Haar über die Stirn zurück und setzte sich von neuem in den Lehnstuhl am Fenster. Ihr Gesicht war noch bleicher als vorher.
»Ich hörte,« sagte sie endlich zögernd, »du verkehrtest viel in Kreisen, die der politischen Bewegung nahestehen. Sieh, lieber Kurt, ich verstehe nichts von all dem, was sich jetzt draußen abspielt. Dieses kleine Haus ist meine Welt. Der Großvater bedarf der sorgfältigsten Pflege --«
»Argwöhne nicht, liebe Ursula,« fiel Kurt ihr ins Wort, »daß die Bewegung im Volke grundlos und etwa auf den Umsturz gerichtet sei. Die besten Namen sind mit ihr verbunden.«
»Ich weiß es,« versetzte das Mädchen. »Der Großvater sagt zwar immer, die Leute seien verblendet und wüßten nicht mehr zu unterscheiden zwischen den nationalen Forderungen, denen auch die der Bewegung Fernstehenden zustimmten, und den inzwischen heraufgekommenen staatsfeindlichen Bestrebungen. Er sähe den Dingen auf den Grund, denn er sei ein alter Mann, dem das Leben die Sinne geschärft habe.«
»Dein Großvater irrt, wenn er etwa meint, daß die Führer das Bestehende zerstören wollen. Aber in den alten Grundpfeilern des Staatsgefüges sind viele Steine verwittert. Die sollen durch frische ersetzt werden, bevor der morsche Bau zusammenbricht.«
Ursula wußte hierauf nichts zu erwidern. Der Geliebte sprach ja förmlich begeistert; vielleicht hatte der Großvater doch unrecht.
»Sei es, wie es wolle,« versetzte sie fügsam, »nur um das eine bitte ich dich, lieber Kurt, vergiß mich nicht über diesem allen.«
»Ich werde dir niemals wieder Grund geben, traurig zu sein,« antwortete er herzlich. Damit war Ursula zufrieden.
Nun unterhielten sie sich noch eine Zeitlang, bis sich Kurt erhob und Abschied nahm.
»Empfangt ihr denn nicht manchmal Besuch in eurer Abgeschiedenheit?« fragte er.
»Solange der Großvater sich noch viel Schonung auferlegen muß, bitten wir niemand zu uns,« antwortete Ursula, »natürlich nehmen wir auch keine Einladungen an. Nur selten kommt jemand auf einen kurzen Besuch. Sie wissen nicht, ob sie gern gesehen sind. Witterns sprechen ab und zu vor und meine Freundin Amalie von Zehmen.«
Beim Klange dieses Namens zuckte es in Kurts Mundwinkeln. Die Zehmen war eine ältere Jungfrau mit überfreundlichem Getue und einer gefürchteten Zunge, die schon manches Unheil angerichtet hatte. Er konnte ihre süßliche Art nicht ausstehen. Aber er schwieg.
Beim Abschiednehmen empfand Kurt noch einmal Ursulas ganze Hingebung. In unsäglicher Bangigkeit hielt sie ihn umschlungen, erwiderte seine Küsse innig und bat ihn zögernd noch einmal, sie nicht allzu lange auf sein Wiederkommen warten zu lassen. Kurt versprach es und nahm bewegten Herzens und mit einer seltsamen Beklommenheit von Ursula Abschied -- -- --
Es war ein milder Frühlingsabend, Ausgangs April. Kurt schritt langsam die Glacisstraße hinunter, um Tante Sidonie noch auf ein Stündchen zu besuchen. Als er über den Bautzner Platz gegangen war und in die Königstraße einbiegen wollte, hörte er hinter sich eine bekannte Stimme rufen:
»Guten Abend, Herr Leutnant!«
Kurt wandte sich rasch um und erkannte Valentine Marschall. Sie trug einen langen, dunkeln Mantel und hatte den Kopf in ein weißes Tuch gehüllt.
»Sie sehen ja heute Ihre besten Freunde nicht,« sagte sie lächelnd und streckte ihm die Hand entgegen.
Kurt war höchlich überrascht. Und er empfand zum erstenmal bei Valentinens Anblick ein leises Gefühl von Unbehagen. Aber er faßte sich rasch und murmelte eine Entschuldigung. Valentine wehrte ab.
»Ich bin heute abend zu Lindemans eingeladen,« plauderte sie. »Begleiten Sie mich dahin, wenn Sie nichts Besseres vorhaben.«
Kurt erklärte sich gern bereit. Er hätte nur die Absicht gehabt, seiner Tante guten Abend zu sagen. Erwartet würde er nicht. Damit bot er Valentine den Arm, und nun schlenderten sie um den einsamen Platz.
»Wissen Sie denn auch schon, welch wichtiger Vorgang sich heute in der Ersten Kammer zugetragen hat?« fragte Valentine lebhaft.
Kurt verneinte. Valentine kenne seine Anteilnahme an den politischen Zuständen, fügte er hinzu, aber die Tagesereignisse verfolge er nicht. Dazu sei er dienstlich zu sehr in Anspruch genommen.
»Nun also, dann hören Sie: Präsident Joseph hat heute die von der Regierung vorgelegte Steuerbewilligung von der Tagesordnung abgesetzt.«
»Und was bedeutet das?« fragte Kurt, der den Sinn dieses Vorgangs nicht recht begriff.
»Ach, Sie Weltfremder,« lachte Valentine. »Sagen Sie niemandem, daß Sie mein Schüler gewesen sind. Was dies bedeutet? Der Landtag verweigert der Regierung den Kredit! Und zu alledem sind die Sitzungen am Montag zu Ende.«
»Also ist die Regierung nunmehr ohne gesetzmäßige Mittel? Der Landtag hat ihr den Konflikt angesagt?«
»So ist es,« antwortete Valentine, »und wissen Sie, wie der famose Herr von Beust diesen Schlag erwidert? In der heutigen Abendausgabe des ›Journals‹ hat er die Auflösung des Landtags bekannt gegeben.«
»O,« entfuhr es Kurt, »das wird wieder böses Blut machen.«
»Dieser Schritt ist eine unglaubliche Unklugheit,« fuhr Valentine erregt fort. »Wie mein Vater sagte, wird der Landtag darauf bestehen, daß die Auflösung nach dem Wortlaut der Geschäftsordnung in den Kammern selbst und durch ein Königliches Dekret ausgesprochen wird. Die Regierung soll nur fortfahren, solche Fehler zu machen. Damit reizt sie das Volk bloß auf und treibt es zur Katastrophe.«
Kurt schwieg. Valentine hatte recht; durch solche Unklugheiten gab die Regierung ihre Autorität preis.
»Und nun noch eine Neuigkeit: gestern hat der König von Preußen die Kaiserkrone bestimmt abgelehnt.«
Kurt konnte die peinliche Überraschung nicht verbergen, die ihm diese Mitteilung bereitete. Zwar hatte er schon bei Marschalls die Befürchtung aussprechen hören, an der unentschlossenen Haltung der Fürsten möchte das große Werk der Einigung aller deutschen Stämme scheitern. Dennoch glaubte man allgemein, daß der König von Preußen dem Drängen des Volkes nachgeben und die angebotene Krone annehmen würde. Und nun hatte er sie doch ausgeschlagen!
»Die Ablehnung zu dieser Stunde kommt mehr wie ungelegen,« bemerkte er, »denn alle Welt wird glauben, daß es nur am Widerstand der Fürsten liegt, wenn Friedrich Wilhelm sich zur Annahme der Kaiserkrone nicht bereit erklärt hat.«
»Das ist zweifellos auch der alleinige Grund,« entgegnete Valentine bestimmt. »Warum sollte Friedrich Wilhelm die ihm vom Reichsparlament angetragene Würde sonst ablehnen? Weiß er doch, daß die Krönung der Wunsch aller ist! Das ganze deutsche Volk wird die wahre Ursache der Ablehnung erkennen und wie einen Schlag ins Gesicht empfinden. Und wer hat in der Tat die ungeheuerliche Kränkung dem Volke bereitet? Niemand anders, als die Fürsten mitsamt ihren Regierungen!«
Während dieser Unterhaltung waren sie die Antonstraße hinabgeschritten. An der Ecke der Querallee blieb Valentine stehen.
»Hier bin ich angelangt,« sagte sie, ihren Arm aus dem ihres Begleiter ziehend.
Kurt hatte Valentinens Erregung aus ihren Worten deutlich herausgehört. Er begriff die starke Verstimmung des Mädchens. Aber der Ton, in dem sie gesprochen, war ein Mißklang, der ihm das nämliche Unbehagen bereitete, das er schon gestern empfunden, als Valentine die offene Gewalt als das letzte Mittel bezeichnet hatte. Gewiß schätzte er ihren starken Charakter! Hier aber fühlte er, daß sie aus Eifer für das Gelingen des großen nationalen Gedankens die Wahrung ihrer weiblichen Würde vergaß. Das schmerzte ihn! Und es lag Weichheit und Wärme in seiner Stimme, als er plötzlich sagte:
»Ich kann es recht wohl begreifen, Fräulein Valentine, wenn Sie jetzt bitter enttäuscht sind. Denn Sie haben aus natürlicher Neigung und weil ihre häuslichen Verhältnisse Sie von Jugend auf darin bestärkten, der nationalen Bewegung viel größeres Interesse gewidmet, als andere Frauen. Begeisterung für eine edle Sache verrät immer ein empfindsames Herz. Wenn sich aber ein Weib in dem Maße, wie Sie es getan, in den politischen Kampf begibt, dann reißt sie der Eifer nur zu leicht über die Schranken hinweg, die ihr die Natur gezogen hat. Warmes Mitgefühl für die Sache des Volkes in bewegten Zeiten ziert auch die Frau. Aber der Mann sieht es doch lieber, wenn sie abseits vom Tageslärm steht und ihre weibliche Würde sorgfältig wahrt. Würden Sie nicht besser tun, das offene Eintreten für die Rechte des Volkes den Männern zu überlassen?«
Valentinens Erstaunen war während dieser Worte immer mehr gewachsen. Eine maßlose Gereiztheit hatte sich ihrer bemächtigt, und die scharfe Entgegnung lag ihr schon auf der Zunge, mit der sie Kurts Ratschlag zurückweisen wollte. Da bemerkte sie, wie sein Blick ernst, aber voll ehrlicher Anteilnahme auf ihr haftete.
Eine kurze Weile ruhten beider Augen fest ineinander. Dann senkte Valentine den Blick und Kurt sah, wie eine dunkle Röte in ihr Gesicht schlug. Da trat er im plötzlichen Aufwallen warmen Mitgefühls dicht an das Mädchen heran und berührte mit den Lippen ihre Stirn.
»Liebe Valentine,« sagte er leise und mit bewegter Stimme, »ich wollte Ihnen bei Gott nicht weh tun ...«
Valentinens hohe Gestalt überlief ein Zittern. Langsam strich sie mit der Hand über die Augen und trat einen Schritt zurück.