Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849

Part 2

Chapter 23,622 wordsPublic domain

»Was reden wir aber lange von Dingen, die uns nichts angehen,« versetzte Mißbach ungeduldig. »Du bist wie ich Soldat, Heinrich. Was ich von mir sagte, gilt ebensogut für dich! Wir haben unsern Fahneneid geschworen. Seitdem gehören wir mit Leib und Seele dem König. Was sich gegen ihn richtet, trifft auch uns. Wenn er seine Soldaten ruft, marschieren wir. Und damit Gott befohlen. Blitz und Donnerschlag soll den treffen, der anders denkt!«

Während der letzten Worte stand Feldwebel Mißbach auf, ging in die Ecke zum Spucknapf und klopfte die kalte Asche aus dem Pfeifenkopf.

»Jetzt muß ich die Bodenräume revidieren, mein Kasernendienst ruft wieder,« sagte er, zum Säbel greifend. »Wenn ich zurückkomme, mach' ich auf dem Sofa ein Nickerchen. Gegen elf weckst du mich, Linchen! Dann will ich die Kasernentore noch ein Stündchen im Auge behalten. Vor allem aber jetzt ein frisches Glas Bier in der Kantine. Heute ist Leipzig! Mein Ehrentag! Teufel nochmal!«

Damit stampfte er hinaus und warf die Tür hinter sich zu. Gleich darauf hörten die Zurückgebliebenen vom Korridor her seine scheltende Stimme.

Jetzt sahen sich die Geschwister stumm an. Der verzweifelte Blick des Mädchens begegnete dem trotzigen des Bruders.

»Heinrich,« wehklagte Linchen, »nun verlangt der Vater auch noch dieses Opfer von uns.«

»Er ist ein Unmensch,« knirschte der junge Mann. »Ah ..., wie das wohltut, einen so liebevollen Vater zu haben!«

»Glaub' mir, er empfindet Freude dabei, wenn er uns das Marschallsche Haus verbietet; er ahnt es, wie schwer er uns damit trifft,« versetzte Linchen.

Dazu weinte sie still in sich hinein.

»Ich weiß es,« antwortete Heinrich dumpf, während ein furchtbarer Zorn in ihm heraufstieg. »Schon von frühester Jugend an,« fuhr er mit zusammengebissenen Zähnen fort, »hat er uns gequält. Wenn er wußte, daß wir eine Freude hatten, so dämpfte er sie. Ja, er brachte uns selbst in frohe Stimmung, um diese bald wieder zu verscheuchen, weil man vor allem in der Lust Maß halten müsse. Wie oft hat er unsern kindlichen Frohsinn nicht grausam in Leid verwandelt. Der Mensch sei nur geschaffen, damit er seine Schuldigkeit tue, war sein immer wiederkehrendes Wort. Pflicht hieß der Knüppel, mit dem er jede heitere Regung in uns niederschlug. Pflicht und immer wieder -- Pflicht!«

Der junge Mann sah finster vor sich nieder. Seine starken Fäuste lagen auf dem Tisch. Ihr Zucken verriet die gewaltige Erregung, die den Phlegmatischen durchzitterte.

Da fuhr er auf.

»Verflucht sei die Pflicht, die der unschuldigen Freude den Ausdruck wehrt und das Leben zur Qual macht! Heuchelei und Unnatur ist das, nichts anderes!«

Linchen war erschrocken zusammengezuckt. In solchem Zorn hatte sie den Bruder noch nicht gesehen. Sie neigte sich zu ihm und schmiegte sich zitternd an seine Brust. Diese Bewegung machte den Wütenden ruhiger. Und im plötzlichen Aufwallen seines mitleidigen Herzens preßte er die Zitternde an sich. Er wußte, daß ihr Leben noch ärmer an Freude gewesen war, als das seinige. Seit seiner frühesten Jugend hatte die ältere Schwester Mutterstelle bei ihm vertreten. Während langer Jahre hatte sie keine Liebe genossen, bis er herangewachsen war und sie sich beide fest aneinander geschlossen. Von unscheinbarer Gestalt wie die Mutter und mit einem tiefen Stachel im Herzen, war sie wie die Verstorbene freudlos durchs Leben gegangen.

»Linchen, sei nicht traurig,« sagte Heinrich schmeichelnd und strich der Schwester die Haarsträhnen von den eingefallenen Schläfen zurück. Sie sah ihn an, und ein ganzer Himmel von Liebe brach aus ihren vergrämten Augen, seine Freundlichkeit lohnend.

»Ich habe ja dich, Heinrich,« stammelte sie, unter Tränen lächelnd.

Der junge Mann merkte, wie sich auch seine Augen füllten. Da stand er rasch auf, um Linchen seine Weichheit nicht sehen zu lassen.

Linchen deckte nun schweigsam den Tisch ab, und Heinrich verfolgte in Gedanken versunken mit den Augen ihre Bewegungen. Dann trug sie die Kerze wieder zum Nähtisch und setzte ihre Arbeit fort. Da sagte Heinrich der Schwester gute Nacht und verließ sie.

Als er seine Stube betrat, war die ganze Visitation darin versammelt und putzte beim Kerzenschein die Gewehre und Uniformstücke für den Dienst am nächsten Morgen.

Heinrich setzte sich an seinen Tisch am Fenster, stützte den Kopf in die Hand und sah sinnend hinaus in die Dunkelheit und auf die gegenüberliegenden Häuser der Ritterstraße. Unten im Speisesaal schälte eine Kompagnie Kartoffeln; ihr Gesang schallte dumpf aus der Tiefe herauf:

Was nützet mir ein schöner Garten, wenn Andre drin spazieren gehn.

Hinter ihm pfiffen die Mannschaften Tanzbodenmelodien und machten derbe Scherze. Der junge Korporal am Fenster hörte es kaum.

Zu Marschalls sollte er nicht mehr gehen? Die Menschen sollte er meiden, von denen er so viel Liebes und Gutes erfahren?

Der Vater hatte des Advokaten politische Anschauung getadelt! Wer so hohe Ehrbegriffe besaß wie Marschall, wer in der ganzen Stadt solche Achtung genoß und heimlich so viel Wohltaten erwies, -- ein solcher Mann sollte einen Vorwurf verdienen? Heinrich lachte bitter in sich hinein, wenn er Marschall mit seinem Vater verglich. Nur ein wenig möchte der Vater von Marschalls Herzensgüte besitzen!

Des Grübelnden Aufmerksamkeit wurde jetzt auf die Vorgänge in der Stube gelenkt. Der Gefreite vom Tagesdienst war mit dem Parolebuch vom Hauptmann zurückgekehrt. Er warf die große Ledertasche auf den Tisch und schnallte das Seitengewehr ab.

»Kameraden,« sagte er laut und nahm den Tschako vom Kopf, »heute ist im Körnergarten zur Erinnerung an die Schlacht von Leipzig Tanz. Wie wär's, wenn wir alle hingingen!«

»Wir haben keine Nachtzeichen,« versetzte einer der Soldaten. »Wenn es anfängt schön zu werden, müssen wir nach Hause.«

»Ach was,« sagte der Gefreite mit gedämpfter Stimme. »Wenn wir kein Blech haben, so streichen wir eben Zapfen. Wer hat denn heute Kasernendienst?«

»Der liebe Gott,« erwiderte ein anderer leise und sah verstohlen nach dem Korporal.

»Ffft,« machte der Gefreite, »das ist freilich faul!«

Einige der Soldaten stimmten trotzdem für das längere Ausbleiben, andere fanden es sehr bedenklich.

Da konnte es Heinrich nicht länger aushalten. Er stand auf und ließ eine Kerze auf seinen Tisch stellen. Dann nahm er seinen kleinen Spiegel aus dem Schrank, kämmte sich vor ihm sorgfältig das Haar, zog seinen besseren Waffenrock und die guten Dienststiefel an und schnallte das Seitengewehr um. Nachdem er noch den Mützenschirm mit dem Rockzipfel blank gerieben, schloß er seinen Schrank zu und verließ die Stube.

Der Abend war fast kalt. Leichter Nebel wallte in den Gassen und trübte die halbkreisförmigen Flammen der Gaslaternen. Auf der Allee waren jetzt nur noch wenig Menschen. Aber vor den hellen Schaufenstern drängten sie sich auf dem Bürgersteig.

An der Ecke der Ritterstraße wohnte ein Kaufmann. Heinrich betrat den Laden und kaufte zwei Dreierzigarren. Hiervon brannte er sich eine an, während er die andere zwischen die Waffenrockknöpfe schob. Seit kurzem war ja den Soldaten das Rauchen auf der Straße gestattet, und von dieser Erlaubnis wurde viel Gebrauch gemacht.

Nun schritt er die Hauptstraße entlang. Ob denn der Vater im Ernst daran glaubte, daß er nicht mehr zu Marschalls gehen würde? Heinrich erschien das Verbot mit einem Mal lächerlich. Bis jetzt hatte er in allem das Geheiß des Vaters befolgt, so schwer es ihm zuweilen auch geworden war. Aber hier? Hier konnte, nein, hier wollte er ihm nicht gehorchen! Er hätte damit ja alles aufgeben müssen, was ihm Freude machte. Denn an dieser Familie hing der junge Mann mit seinem ganzen Herzen!

Zweites Kapitel

Heinrichs Mutter war als Mädchen bei Marschalls Näherin gewesen und ihnen auch noch dann treu geblieben, nachdem sie Mißbach geheiratet hatte. Marschalls hatten die stille Frau lieb gehabt und ihr viele Wohltaten erwiesen. Es war ihnen bekannt, daß sie an der Seite ihres polternden und jähzornigen Gatten furchtbar litt. Die liebevollen Menschen bewunderten die Seelengröße des einfachen Weibes, mit der sie ihr schweres Geschick ergeben trug. Nie kam eine Klage von ihren Lippen, und Tröstungen, die man ihr zusprach, wies sie sanft zurück.

Linchen begleitete als kleines Kind die Mutter an ihren Nähtagen regelmäßig in das Marschallsche Haus. Später tat es Heinrich. Dort verlebten beide die glücklichsten Stunden ihrer Kindheit. Vor dem wetternden Vater daheim fürchteten sie sich. In dem alten, dunkeln Hause des Advokaten dagegen ging ihnen das Herz auf. Hier waltete köstlicher Frieden. Und die nach dem Hofe gelegene, hoch gewölbte Galerie, die breiten Treppen mit den angetretenen Sandsteinstufen und die vielen heimlichen Schlupfwinkel boten ihren Spielen und ihrer kindlichen Phantasie einen unerschöpflichen Anreiz.

Als Linchen zehn Jahr alt geworden war, durfte sie die Mutter nicht mehr begleiten. Daheim lag ein großköpfiger, starker Junge in der Wiege, der die kleinen, dicken Fäuste verlangend nach seiner jungen Pflegerin ausstreckte. Dieses Brüderchen war das getreue Abbild des Vaters, was dem Gestrengen nicht wenig schmeichelte. Und er gelobte sich, den Jungen zu einem tüchtigen Soldaten zu erziehen.

Das Würmchen lag noch in den Windeln, als Feldwebel Mißbach mit der Erziehung auch schon begann. Nun ist es allerorts sattsam bekannt, daß die Kinder, besonders im zartesten Alter, gegen die erziehlichen Einwirkungen der Eltern entschiedene Abneigung besitzen. Auch der kleine Heinrich betrachtete die hierauf gerichteten Bemühungen seines Vaters recht argwöhnisch. Der heimliche Zwist zwischen Vater und Sohn trat etwa um die Zeit offen zutage, als Heinrich die ersten Gehversuche machte. Vater Mißbach hatte einen harten Kopf, aber auch der seines Söhnchens war nicht von Pappe. Bedauerlicherweise schien diese Tugend die einzige zu sein, die sie gemeinsam besaßen.

Noch guckte dem kleinen Heinrich das weiße Zipfelchen fürwitzig aus dem Hosenschlitz, als er schon seine festen Grundsätze hatte. Und er fand es recht störend, daß der Vater immer anders wollte, als er. Dennoch verfolgte er seine Eingebungen mit äußerster Zähigkeit.

Gegen die wie Graupelwetter auf ihn niederfallenden Belehrungen zeigte Heinrich offene Geringschätzung, und die väterlichen Liebkosungen waren ihm unbequem. Heinrich offenbarte keine Anlage, jemals ein rücksichtsloser Draufgänger zu werden, wie es sein Vater war. Im Gegensatz zu diesem faßte er seine Entschlüsse langsam, und sein Handeln war träge. Aber in dem beharrlichen Festhalten an seinen Vorsätzen und in der skrupellosen Verachtung des Eindrucks, den seine Willensäußerungen machten, war er dem Vater überlegen.

So bestand schon frühzeitig eine Spannung zwischen Vater und Sohn, deren Ursache ihre gänzlich verschiedenen Charaktereigenschaften bildeten und welche von Tag zu Tag durch eine Erziehung verschärft wurde, die zwar das Beste des Kindes wollte, aber doch verkehrt war. Und als eines Tages der Dreikäsehoch der väterlichen Erziehungskunst rücksichtslos eine scharfe Abfuhr erteilte, war der Bruch fertig. Dem Feldwebel Mißbach trat endlich die Galle ins Blut. Mit fester Faust hob er den jungen Verächter seiner weisen Lehren an der Jacke hoch in die Luft und hielt ihm mit der Säbelscheide eine aufs knappste zusammengedrängte Vorlesung über die Pflichten eines braven Kindes -- die übliche letzte Zuflucht, wenn sich die rednerische Begabung als zu kümmerlich erweist.

Der kleine Heinrich quittierte dieses Höchstmaß aller bisher empfangenen Prügel mit weithin vernehmlichem Einspruch. Und der Zufall fügte es, daß sich diese familiäre Auseinandersetzung an einem schönen Sonntagvormittag mitten auf dem Kasernenhof abspielte. Ihre Lebhaftigkeit rief die Soldaten aller Kompagnien an die Fenster, so daß die Exekution sozusagen vor versammelter Mannschaft vollzogen wurde.

Seit diesem Tage lebten Vater und Sohn in offener Feindschaft.

Wenn Mißbach die feinen Regungen der Seele seines Kindes verstanden hätte, würde er entdeckt haben, daß Heinrich nur mit Hilfe eines Mittels zu erziehen war: mit Liebe. Hätte der Knabe diese genossen, wäre er leichter als viele andere Kinder zu zügeln gewesen. So aber begleiteten ihn auf seinem Lebenswege Strenge und Grausamkeit. Das Kind mit der fein empfindenden Seele wurde widerspenstig und störrisch, wie es das Los verprügelter Kinder ist.

Der geringe Rest von Liebe zu seinem Vater verschwand spurlos aus dem Herzen des heranwachsenden Knaben, als er die unzähligen feinen Nadelstiche empfand, die der Vater ihm schonungslos -- aus erzieherischer Notwendigkeit, wie er meinte -- zufügte. Da erstarrte die kindliche Seele allmählich. Am schwersten freilich litt das blutende Mutterherz. Bis es den Gram nicht länger tragen konnte und aufhörte zu schlagen. --

Die Hauptstraße hinabschreitend, hatte Heinrich seine frühe Jugend wieder einmal an seinem Geiste vorüberziehen lassen. Bei ihr verweilten seine Gedanken ungern. Danach aber kamen herrliche Jahre, eine Zeit, um derentwillen ihm das Leben erst wertvoll erschienen war. Es war sein Aufenthalt im Marschallschen Hause.

Nachdem Heinrich die Garnisonschule verlassen, willigte der Vater auf Marschalls Zureden darein, daß sein Sohn den geschätzten Beruf eines Advokatenschreibers einschlug. So kam Heinrich zu seinen Wohltätern.

Advokat Marschall hatte noch nie einen so anstelligen und gelehrigen Schreiberlehrling besessen, wie Heinrich es war. Seine Handschrift war wie in Stahl gestochen, und die Schleifen der Buchstaben waren so überaus zierlich und wohlgerundet, daß jedermann seine Freude daran hatte. Bald schrieb er alle notariellen Verhandlungen und feierlichen Urkunden. Und wenn der Herr Kanzleivorsteher an den hohen Aktenständern vorüberging, liebäugelte er mit den klaren, wohlgefälligen Aufschriften auf den Aktenschwänzen und nannte Heinrich im stillen eine wertvolle Kraft der Kanzlei.

Aber auch in andern Dingen verstand es Heinrich vortrefflich, sich in die Gunst seines Brotherrn zu setzen.

Frau Marschall war eine gutherzige Dame, die das Vertrauen des verschlossenen Jungen im Fluge gewonnen hatte. Sie kannte die Qualen, die er unter der Erziehung seines Vaters erlitten, und ihr weibliches Empfinden ließ sie ahnen, wie sehr sich Heinrich seit dem Tode seiner Mutter nach Liebe gesehnt. Deshalb war sie mild und gütig zu ihm und sorgte für sein Wohlbefinden wie für das ihres eigenen Kindes.

Heinrich erkannte ihre Zuneigung mit unsäglicher Freude, und das übervolle Herz des Knaben hängte sich an seine Wohltäterin. Er verehrte Frau Marschall aus tiefster Seele. Wo er sich ihr dienstbar erweisen konnte, tat er's, und seine unbeholfenen Bemühungen für die grenzenlos verehrte Frau fanden zuweilen einen rührenden Ausdruck.

Der junge Schreiberlehrling begnügte sich aber nicht allein mit seiner Tätigkeit in der Advokaturkanzlei.

Wenn Heinrich nach Schluß der Schreibstube in der Küche sein Abendbrot verzehrt hatte, machte er sich überall nützlich. Mit Hammer und Zange strich er wie ein guter Geist durch die Räume des alten Hauses, klopfte hier und da einen locker gewordenen Nagel fest, brachte geschickt schwer zu schließende Türschlösser in Ordnung, wachte darüber, daß die leeren Waschfässer nicht eintrockneten und erwarb sich die volle Gunst der alten Köchin durch allerlei Handreichungen. Kein schiefhängendes Rouleau entging seinem spähenden Blick, und die Türen getrauten sich kaum noch, leise zu knarren. Sogleich erschien Heinrich mit seinem Fläschchen und kitzelte mit dem öligen Federbart ihre trocken gewordenen Angeln.

Besuchte Frau Marschall das Königliche Hoftheater, so ging Heinrich mit gravitätischen Schritten hinterdrein und trug den großen Operngucker. War die Vorstellung zu Ende, so wartete er schon wieder unter einem bestimmten Baum am Zwingerwall und hing seiner Herrin das schottische Umschlagetuch zum Schutz gegen die Abendkühle sorgfältig über die Schultern. Zu Hause angekommen, schloß er die Tür auf, zündete die am Fuß der Treppe zurechtgestellte Kerze an und leuchtete der Madam vorauf.

Bevor er aber seine Bodenkammer aufsuchte, ging er in die Küche, briet über der Öllampe gewissenhaft kleine Speckstückchen lecker, als Nachtschmaus für seine kleinen Freunde, die Mäuse, die er mit einer engelsfrommen, nicht müde zu machenden Beharrlichkeit bekriegte.

Sobald dann am nächsten Morgen das liebliche Geräusch der Kaffeemühle an sein feines Ohr drang, stand er hurtig auf und huschte im schlichten Nachtgewand und auf bloßen Füßen zu den Mausefallen. Und wenn er ein unglückliches Opfer darin entdeckte, spiegelte sich in seinem Auge ungeheuchelte Freude.

Mit diesen vielseitigen Talenten machte sich Heinrich im Marschallschen Hause geradezu unentbehrlich. Überall verspürte man sein stilles Walten. War etwas verlegt, so forderte man seine Hilfe; er fand es. Auf dem Boden wußte er unter den alten weggestellten Geräten ebensogut Bescheid, wie im Keller unter den Einmachetöpfen, Kartoffeln und Kohlen. -- Heinrich war der Liebling des Hauses.

Die kleine Valentine, Marschalls einziges Kind, war ihm besonders zugetan. Bereits in früheren Jahren, als er die Mutter an ihren Nähtagen zu Marschalls begleitete, hatte er mit dem um wenige Jahre jüngeren Mädchen herzliche Freundschaft geschlossen. Keine von Valentinens Gespielinnen verstand es so gut, mit Puppen umzugehen, wie Heinrich. Seine Phantasie war unerschöpflich im Erfinden neuer Spiele. Jeden Tag sorgte er für Abwechslung. Und seine Geduld und Nachsicht, die das kleine, herrische Wesen manchmal arg herausforderte, kannten keine Grenzen. --

Von diesen freundlichen Erinnerungen begleitet, hatte Heinrich den Weg zurückgelegt und die Schloßgasse erreicht. Nun bog er in die kleine Brüdergasse ein und betrat das Marschallsche Haus. Schon auf der Treppe drang ihm ein süßer Duft entgegen. In der Küche stand vor dem Herd die Köchin und rührte mit einem langen Holzlöffel emsig den Inhalt eines großen, eisernen Topfes durcheinander.

»Du kommst wie gerufen,« sagte Frau Marschall, als sie ihn bemerkte. »Valentine, gib dem Heinrich erst mal eine tüchtige Käsebemme, dann mag er weiterrühren. Ich habe noch ein paar Metzen Pflaumen bekommen,« setzte sie zur Erklärung für ihn hinzu.

Mit diesen Worten war Frau Marschall aus der Küche gegangen, als sie noch einmal zurückkam.

»Hast du heute Nachtzeichen?« fragte sie.

Heinrich war verdutzt. Wie ein Blitz durchfuhr ihn die Erinnerung an die Unterhaltung der Soldaten in seiner Stube, die das späte Heimkommen aufgaben, weil sein Vater Kasernendienst hatte. Da sah er in das erwartungsvolle Gesicht von Frau Marschall, die, wie es schien, seine Hilfe brauchte.

»Ja,« log er und legte Mütze und Seitengewehr auf den Fensterstock.

»Das paßt gut. Wir haben heute abend Gesellschaft, da kannst du den Herren immer frisches Bier hineintragen. Dort in der Ecke liegt das Fäßchen.«

Damit ging sie.

»Hier ist deine Bemme, Heinrich,« sagte Valentine und legte das bereitete Käsebrot auf den Küchentisch.

Heinrich biß herzhaft hinein. Das schmeckte besser als das Abendbrot des Vaters! Dann nahm er der Köchin den Holzlöffel aus der Hand und rührte das Mus fleißig um.

»Wer kommt denn heute?« fragte Heinrich.

»Ach, du kennst ja doch alle,« antwortete Valentine ausweichend und unter leichtem Erröten, während die Köchin mit den Kellerschlüsseln hinausging.

Nun plauderten sie miteinander. Heinrich warf ab und zu einen verstohlenen Blick zur Seite. Valentine wird wirklich immer hübscher, dachte er. Zwar war der ausgeprägte Zug um ihren Mund für ein junges Mädchen zu herb. Aber die schöne, breite Stirn und der ruhige Blick ihrer braunen Augen gefielen ihm.

Valentine war schon für die Gesellschaft angekleidet. Die einfache, blaue Wollbluse spannte sich über ihrer kräftig entwickelten Brust.

»Wie geht's Linchen?« fragte Valentine im Gespräch.

Heinrich empfand plötzlich ein Würgen in der Kehle und räusperte sich.

»Gut,« versetzte er etwas kurz, »wie immer.«

»Sie kommt doch von nächster Woche ab _zwei_ Tage?« meinte Valentine dringlich.

Heinrich wußte nicht sogleich zu antworten. Sollte er beichten, daß ihnen der Vater heute ihr Haus verboten hatte? Und der Ingrimm stieg wieder in ihm herauf. Ach, mochte es Linchen doch selbst ausrichten. Sie würde in den nächsten Tagen sicherlich zu Frau Marschall gehen.

»Wenn du es ihr gesagt hast, wird sie schon kommen,« versetzte er unwirsch und stieß den Löffel wiederholt nachdrücklich in die Tiefen des Muses hinein.

Valentine stand auf und trat an den Herd.

»Du tust doch gerade, als ob du den Boden vom Topf stoßen müßtest,« sagte sie lachend. »So rührt man ja in ganz Dresden kein Pflaumenmus. Warum bist du denn mit einem Mal so schlecht gelaunt? Bin ich etwa schuld daran?«

Heinrich fühlte, daß er sich verraten hatte. Die letzten Worte des Mädchens aber machten ihn verlegen.

Er lächelte und rührte besänftigt weiter.

»Warum sollte ich denn schlechter Laune sein?« warf er gleichmütig hin, »was du nicht gleich denkst.«

Das Mädchen trat an ihn heran, legte den Arm auf seine Schulter und strich liebkosend über sein welliges Haar. Heinrich tat, als wenn er das nicht bemerke, aber ein unsägliches Glücksgefühl erfüllte ihn.

»An diesen langen Ohren habe ich mich immer festgehalten,« sagte Valentine und nahm seine Ohrmuschel in die Hand. »Du krochst auf den Knien in der Stube herum, und ich ritt auf deinem Rücken. Jetzt weiß ich erst, was für ein gutmütiger Junge du gewesen bist. Kein anderer hätte meine Teufeleien so willig ertragen wie du. Denkst du noch manchmal daran, Heinrich?«

Der Bursche stand regungslos über den großen Topf gebeugt, und der Rührlöffel lag untätig in seinen Händen.

»Laß das Pflaumenmus nicht anbrennen,« mahnte das Mädchen. Da erinnerte er sich seiner Pflicht und nahm hurtig die Kreisbewegungen wieder auf.

Draußen klangen leichte Schritte, und das Mädchen trat vom Herd zurück.

»Guten Abend, Fräulein Valentine,« tönte im nächsten Augenblick eine Stimme hinter ihnen.

Heinrich guckte sich neugierig um. In der Tür stand hoch aufgerichtet ein junger Offizier ohne Säbel und Mütze. Es war Leutnant Allmer von seiner Kompagnie. Da trennte Heinrich sein Schicksal von dem des Pflaumenmuses und ließ den Löffel im Stich. Er ruckte zusammen und nahm militärische Haltung an. Der Offizier blickte überrascht zuerst auf den Korporal, dann auf das Mädchen.

»Rühr' weiter, Heinrich,« sagte Valentine ruhig und wandte sich an den Eintretenden. »Guten Abend, Herr Leutnant. Sie lieben Überraschungen ...«

Den jungen Offizier machte diese Begrüßung sichtlich sehr verlegen. Er schlug die Hacken zusammen und ergriff rasch die dargebotene Hand.

»Ihre Frau Mutter schickt mich ... sie sagte ... ich solle doch gleich einmal ... Sie seien in der Küche ...«

»Rühr' weiter, Heinrich,« gebot Valentine noch einmal dringlich, als sie sah, daß dieser noch immer steif stand. Denn Mannszucht und Überraschung hielten den jungen Korporal im Bann. Auf die abermalige Mahnung gedachte er wieder des Pflaumenmuses und rührte nun um so geschwinder.

Mit ruhiger Sicherheit wandte sich das Mädchen wieder zu dem Offizier:

»Ich darf es der Mutter nicht länger überlassen, die Gäste allein zu bewillkommnen. Gehen wir hinein, Herr Leutnant.«

Während Valentine das sagte, näherten sich auf dem Gang gewichtige Schritte der Tür, und ein großer, wohlbeleibter Mann mit weißem Haupthaar und Vollbart trat in die Küche. Leutnant Allmer eilte auf ihn zu:

»Herr Advokat ...«

»Ei der Tausend,« rief dieser erfreut, »willkommen!« und reichte ihm die Hand. »Wollen Sie nicht immer hineingehen, Herr Leutnant? Aber ich hörte doch, der Heinrich sei da? Ah, da ist er ja. Stich flink das Fäßchen an, Heinrich, und bring' uns Bier.«

»Rück' den Topf vom Feuer,« rief Valentine.

»Ach so, der Junge rührt Pflaumenmus,« meinte Herr Marschall, wobei sich sein breites, gutmütiges Gesicht zu einem Lächeln verzog.

Da klangen von neuem Tritte und Stimmen auf dem Gang, und gleich darauf drängten sich mehrere Herren herein.