Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849
Part 18
»Herr Leutnant,« lallte Mißbach mit schwerer Zunge, »mein Sohn ist dort drin.«
Damit wies er auf die Tür, vor der ein Haufe Soldaten aufs höchste erregt wartete, daß sie unter den gegen sie geführten Beilhieben einstürze.
Allmer blickte ungläubig auf den Knienden.
»Unsinn, Feldwebel!« sagte er bestimmt, während oben die Tür krachend in Trümmer fiel. »Ihr Sohn unter den Empörern? Sie sehen Gespenster. Korporal Mißbach ist in der Kaserne. Er hatte doch Dienst, als wir ausmarschierten.«
Feldwebel Mißbach wollte antworten. Aber seine Lippen bewegten sich nur, und sein Kopf sank wieder herab.
Da verließ ihn Kurt und sprang die Stufen vollends hinauf.
* * * * *
Als die Stürmenden in das Hotel eingedrungen waren, stand Valentine zitternd inmitten ihrer Kranken. Ob die wütenden Soldaten die Verwundeten schonen würden? Ihre Blicke hingen voll Entsetzen an der Tür. Auf dem Korridor krachten Schüsse, und schwere Tritte stampften die Treppe herauf. Hastiges Laufen und erregte Rufe von allen Seiten.
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und Heinrich sprang herein.
»Um Gotteswillen!« rief Valentine, »flieh, Heinrich! Die Wände nach den Häusern der Kirchgasse sind durchgeschlagen. Rasch fort, sonst ist es zu spät!«
Heinrich schüttelte den Kopf.
»Feige Bande!« murmelte er verächtlich; »alle auf und davon. Ich stand nur noch allein.«
»Heinrich,« flehte Valentine, am ganzen Körper zitternd, »tu mir's zuliebe!« Und sie legte beschwörend die Hände auf seinen Arm. »Tu es um meiner Mutter willen, guter, lieber Heinrich!«
Ein tiefer Atemstoß kam aus Heinrichs Mund.
»Es geht nicht, Valentine,« sagte er rauh. »Als ich aus der Kaserne entlief, wußte ich, wie es kommen würde. Und trotzdem tat ich's. Alle werden Mitgefühl finden, wenn man sie auch noch so hart verurteilt, -- ich allein nicht! Meine Kameraden verachten mich, und die bürgerlichen Kämpfer werden mit Fingern auf mich zeigen. Ich habe nicht nur meinen Eid gebrochen, ich habe auch auf meine Kameraden -- geschossen!«
Da blieb Valentine stumm und sah von dem Jugendfreund weg. Schwere Axtschläge hallten an der Tür des Nebenzimmers. Sie weckten das Mädchen aus ihrer Starrheit.
»O Gott!« rief sie. »Der Fremde wird das Haus doch verlassen haben ...« Mit diesen Worten lief sie zu der Tür, die in das Nebenzimmer führte, und öffnete.
Der Fremde stand mit dem grünen Schirm über den Augen neben den geschlossenen Koffern zum Fortgehen bereit. In seiner Hand hielt er den Hut. Der greise Kammerdiener sprach erregt auf ihn ein.
Da brach die Tür unter den Axtschlägen zusammen, und ein Schwarm Soldaten mit wutentstellten und pulvergeschwärzten Gesichtern, aus denen das Weiße des Auges furchtbar leuchtete, drängte ins Zimmer. Der Weißhaarige fuhr herum und zog blitzschnell einen Revolver aus seiner Rocktasche. Den Soldaten mit einer beschwörenden Handbewegung entgegentretend, rief er:
»Zurück! Das sind die Zimmer Seiner Durchlaucht des Prinzen von Schwarzbu...«
Ein gräßlicher, dumpfer Schlag, -- der Alte stürzte mit zerschmettertem Kopf nieder. Valentine sah, wie der Fremde zu den Eingedrungenen sprechen wollte. Da krachten aus den Gewehren eines sächsischen und eines preußischen Soldaten gleichzeitig zwei Schüsse. Der Fremde warf die Arme in die Luft und brach rücklings zusammen. In sein schweres Aufschlagen auf den Fußboden mischte sich der gellende Schrei eines Weibes, -- Valentine war in die Knie gebrochen.
Über sie hinweg sprang jetzt Heinrich, den vordersten Soldaten blitzschnell mit dem Kolben niederschlagend. Ein zweiter wuchtiger Hieb, und der nächste flog mit eingestoßener Brust seinen Kameraden in die Arme. Durch die Kraft des Streiches brach der Kolbenhals dicht hinter der Schraube ab, und der Kolben fiel zu Boden. Heinrich faßte das Gewehr an der Mündung, und sein eiserner Arm schwang die zerbrochene Waffe wie eine furchtbare Keule. Ein Dritter, -- ein Vierter stürzte schwer getroffen nieder, -- da stieß einer der Ergrimmten dem völlig Umringten das Bajonett tief in die linke Seite. Heinrich stand einen Augenblick wie eine Bildsäule. Dann entsank die Waffe seinen Händen. Taumelnd schlang er die Arme um seinen Angreifer und riß ihn zum dröhnenden Fall mit hin. Durch die Wucht des Niedersturzes blieb der Soldat betäubt liegen.
Nun eilten alle Soldaten wieder hinaus, nachdem noch der letzte sein Gewehr mit der Mündung Heinrich auf die Brust gesetzt und abgeschossen hatte.
Kaum eine Minute hatte das Gemetzel gedauert. Jetzt herrschte nach dem fürchterlichen Tumult tiefe Stille im Zimmer. Nur die Zeugen des grauenvollen Geschehnisses, die regungslos auf dem Fußboden herumlagen, erzählten mit stummen Worten, was sich zugetragen. Von den oberen Stockwerken hallte entfernter Lärm in das Schweigen hinein. Der Geruch von Pulver und Blut erfüllte den Raum.
Valentine kniete noch auf der Stelle, wo sie zusammengebrochen war. Ihr Gesicht war schrecklich entstellt. Die unnatürlich weit aufgerissenen Augen glitten geistlos durch das Zimmer, bis sie auf Heinrich haften blieben. Mit ungeheurer Anstrengung raffte sie sich auf, ging zu ihm hin und kauerte neben dem Sterbenden nieder. Der Schmerz zerriß ihr die Brust; aber ihre Augen blieben tränenlos.
»Heinrich,« wehklagte sie leise, »Heinrich -- -- --«
Da schlug der junge Mann die Augen auf und erkannte das Mädchen. Ein schwaches Lächeln trat auf seine Lippen. Und als sie seine Hand erfaßte, versuchte er, sie zu streicheln.
»Mit mir ist's aus,« flüsterte er.
Valentine preßte die Lippen zusammen, um nicht aufzuschreien.
»Ich muß schon früh sterben,« hauchte er in abgerissenen Worten. »Aber es gab eine Zeit in meinem Leben voll Sonnenschein. Das waren die Jahre in euerm Hause. Soviel Glück ist nicht jedem beschieden. Jetzt möchte ich aber nicht länger leben. Meine Stirn trägt ein ... Schand -- mal.«
Das Mädchen sank vollends auf den Boden nieder und legte den Kopf des Verscheidenden auf ihren Schoß.
»Heinrich, -- Heinrich!« stammelte sie mit zuckendem Mund.
Ein erneutes Lächeln trat auf seine rasch verfallenden Züge.
»Ich habe es nicht verdient, so friedlich zu sterben,« sagte er, schon fast nicht mehr vernehmlich.
Ein Erstickungsanfall drohte ihn zu überwältigen.
»Valentine,« lispelte Heinrich noch einmal, »ich habe euch alle ja so unaussprechlich lieb gehabt!«
Das Mädchen faltete in grenzenloser Verzweiflung die Hände und betete laut. Als sie die Worte sprach: »... Dein Wille geschehe ... und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern ...,« da bewegten sich noch einmal die Lippen des Sterbenden, als ob er diese Worte mitspreche. Dann sank sein Kopf zurück.
»Heinrich!« schrie Valentine herzzerreißend auf.
Aber der junge Mann hörte diese irdische Stimme nicht mehr. Er hatte seine letzte Wanderung bereits angetreten -- -- --
Valentine war vernichtet. Mechanisch erhob sie sich, als sie Schritte vernahm. Ihre Augen waren umflort, daß sie den Eintretenden nicht erkennen konnte. Nur die Uniform unterschied sie.
Nicht wissend, was sie tat, hob sie den zu ihren Füßen liegenden Revolver auf, der neben der Leiche des weißköpfigen Kammerdieners lag, und richtete ihn zur Verteidigung auf den Soldaten.
Da schlug der Klang einer bekannten Stimme in ihre Seele, und sie hörte ihren Namen aussprechen. Des Mädchens Blicke bohrten sich durch den Nebel, der vor ihnen lag, -- -- der Revolver fiel polternd auf den Fußboden, und der erhobene Arm sank schlaff an ihrer Seite herab. Der Mann ihr gegenüber war -- Kurt Allmer!
Wohl eine Minute lang verharrten beide regungslos, die Augen ineinander gesenkt. Dann neigte Valentine demütig die Stirn tief herab, wandte sich um und ging mit schwankenden Schritten in das Krankenzimmer zurück. Kurts Blicke folgten ihr. Als er durch die geöffnete Tür die Verwundeten sah, beschlich ihn heimliche Befriedigung. Er hatte geglaubt, Valentine gehöre zu den Kämpfenden.
Schon wandte sich Kurt wieder nach der Tür, als seine Augen auf der Leiche eines der Gefallenen haften blieben. Er griff sich an die Stirn. War das kein Trugbild? Nein, es war Wahrheit! Feldwebel Mißbach hatte recht gesehen! Kurt wandte sich kopfschüttelnd von dem Anblick und verließ das Zimmer.
Auf dem Treppenabsatz lag Feldwebel Mißbach lang ausgestreckt, auf der Brust das Eiserne Kreuz. Sein Gesicht war dunkelrot. Kurt beugte sich zu ihm nieder und rüttelte ihn. Feldwebel Mißbach war tot! -- Da ließ Kurt von ihm ab und ging langsam die Treppe hinunter. Dort der Sohn -- hier der Vater! »Herzschlag ...« murmelte Kurt.
Unten im Hausflur sammelte er eine Anzahl Soldaten, die sich hier inzwischen zusammengefunden hatten, um sie nach den gegenüberliegenden Häusern der Kirchgasse zu führen. Dort war unterdessen ebenfalls gestürmt worden. Der aus diesen Häusern dringende Lärm verkündete, daß darin noch ein hartnäckiger Kampf Mann gegen Mann geführt wurde.
Kurt schlang den Faustriemen des Portepees um das rechte Handgelenk. Als er hierauf mit seiner kleinen Abteilung ins Freie trat, sah er neben der Tür des Hotels den Soldaten Ullrich hilflos auf dem Pflaster liegen. Der Verwundete flehte inständig, ihn fortzutragen, da aus den nahen Fenstern unausgesetzt nach ihm geschossen würde.
»Schafft ihn rasch in das Haus,« rief Kurt seinen Leuten zu und bückte sich nach dem Soldaten, um ihn selbst mit aufzuheben.
In diesem Augenblick erhielt Kurt einen furchtbaren Schlag in den Rücken, der ihn beinahe über den Liegenden geworfen hätte. Unter Aufbietung aller Kräfte richtete er sich in die Höhe und sah sich um. Es war niemand in der Nähe. Nur seine Leute liefen hastig in das gegenüberliegende Haus, nachdem sie den Verwundeten in den Torweg des Hotels gebracht hatten, wo er vor den Kugeln geschützt war.
Kurt fühlte, wie ihm die Sinne zu schwinden drohten. Da krampfte er die Finger um den Säbelgriff und ging unsicheren Schritts, den Kopf herabgesenkt, über den leeren Neumarkt zurück.
Was war doch mit ihm? Seine Beine wollten ihn ja kaum mehr tragen? Warum lief er denn eigentlich über den Platz? Schossen die Aufrührer aus den Fenstern zu seiner Linken nicht andauernd auf ihn? Natürlich schossen sie! Die Kugeln schwirrten ja in einem fort an ihm vorbei.
»Klägliche Schießerei,« murmelte Kurt. »Dankt nur Gott, daß ihr nicht bei der 4. Kompagnie Albert steht, da würdet ihr schon schießen lernen! -- Aber die Beine! Herrgott nochmal, was haben doch bloß diese verflixten Beine?« Und er biß die Zähne aufeinander, um die Herrschaft über sich nicht zu verlieren. -- »Taumele ich nicht?« sprach er vor sich hin. »Na, gewiß taumelst du,« antwortete er sich selbst. »Du kannst dich doch kaum mehr auf den Beinen halten. -- Nur erst über den Platz hinweg sein! Bloß dieser Kanaille nicht den Triumph gönnen, daß ein Königlich sächsischer Leutnant vor ihren Augen aus Mattigkeit hinstürzt. -- Links, rechts. Donnerwetter, ihr Füße, seid doch nicht so widerspenstig ...«
Warum hielt denn seine Hand den Säbel nicht mehr umfaßt? Schleppte er ihn am Faustriemen nicht auf dem Pflaster nach? »Links, rechts; links, rechts.« -- Da, ein scharfer Erzklang! Der Säbel flog in die Höhe und fiel sogleich wieder herab, mit der Spitze von neuem nachschleifend. »Erbärmliches Geknalle,« murmelte er ingrimmig, »bloß den Säbel treffen sie. 's ist ja lächerlich! Laufe hier stundenlang auf fünfundzwanzig Schritt Distanz wie eine ganze Figurscheibe herum, und nicht ein einziger Treffer! Korporal Mißbach, die Leute müssen besser zielen! Das ist ja die reinste Patronenverschwendung!«
Kurt empfand dunkel, daß er kaum noch vorwärts kam. »Der Neumarkt nimmt heute gar kein Ende,« räsonnierte er vor sich hin. »Aber ich laufe auch wie eine Schnecke. Vorhin, auf Stadt Rom zu, -- da ging's anders! Hol's der Geier -- wie verfault waren wir über den Platz weg ... halt -- halt -- hübsch langsam -- nicht stolpern -- links, rechts; links, rechts ...«
»War es vorhin nicht genau so, als wenn mir ein Stück glühendes Eisen in das rechte Schulterblatt gestoßen würde? -- Ein Schuß? Ach, Torheit! Der war über mich weg gegangen, denn ich sah doch ganz deutlich neben dem liegenden Ullrich auf dem Pflaster das Blei spritzen. -- Links, rechts; links -- -- Verdammt nochmal! Jetzt zerschießt mir diese Schwefelbande gar noch meinen Paradetschako. Aber der fällt nicht 'runter, freut euch nicht zu früh! Der Kinnriemen hält fest. Ach was, mag er schief sitzen, 's ist ja schon stockfinstere Nacht! -- Aber warum krieg' ich denn bloß keinen Atem mehr? Ist denn hier die Luft alle? Donnerwetter, sticht das auf der Brust, wenn ich tief Atem hole! -- Mußt Kamillentee trinken und schwitzen, mein Junge, wird Tante Sidonie sagen. Hast dich gewiß wieder mal erkältet. Links, rechts -- links, rechts,« preßte er zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen hervor.
Kurt Allmer war unter dem heftigsten Feuer aus den Fenstern der Kindschen Häuser über den Neumarkt in seiner ganzen Länge hinweggelaufen[1]. Jetzt hatte er Stadt Berlin an der Augustusstraßenecke erreicht. Die Truppen, die in dieses Hotel inzwischen eingedrungen waren, hatten mit atemlosem Staunen zugesehen, wie er langsam über den Platz zurückkam.
[1] Historisch.
Kurt taumelte so stark, daß es bei jedem Schritt aussah, als müsse er niederstürzen. Da hörte er eine Stimme wie aus weiter Ferne rufen: »Aber lieber Allmer, was ist Ihnen denn?« und eine nebelhafte Gestalt in Uniform mit Stabsoffiziersachselstücken tauchte vor seinen Augen auf.
Leutnant Allmer versuchte noch, militärische Haltung anzunehmen und die Hand an den Tschako zu legen. Aber der daran hängende Säbel zog den Arm wieder herab.
»Melde gehorsamst,« murmelte er, die Augen schließend, »ich bin ... ver ... wun ...«
Dann sank er in ein paar ausbreitete Arme, und die Sinne vergingen ihm.
* * * * *
Während in Altstadt voll maßloser Erbitterung gekämpft wurde, war es in Neustadt still. Nur das unaufhörliche Krachen der Schüsse drang wie ferner Gefechtslärm über die Elbe herüber.
Auf der Augustusbrücke rollte Wagen auf Wagen, in denen die verwundeten Soldaten nach dem Hospital in der Neustadt gebracht wurden.
Gerade hielt wieder ein solcher verdeckter Wagen vor dem eisernen Tor des Militärkrankenhauses. Ein alter Herr, der in Begleitung einer jungen Dame mit bleichem Gesicht vorüberging, beobachtete, wie der diensthabende Arzt mit dem vom Kutscherbock herabgekletterten Lazarettgehilfen sprach und wiederholt mit den Achseln zuckte.
Da bemerkte der Stabsarzt die Vorbeigehenden und grüßte.
»Kein Platz mehr, Herr Kriegsrat,« antwortete er auf die Frage des alten Herrn. »Unsere Betten sind schon fast alle belegt. Wir dürfen nur noch hereinnehmen, wo voraussichtlich noch zu helfen ist. Hier ist ein Verwundeter, der einen Lungenschuß hat, durch und durch, -- also hoffnungslos. -- -- Fahren Sie den Kranken in die Loge auf der Bautzner Straße,« wandte sich der Stabsarzt wieder an den Lazarettgehilfen, »dort wird eine Anzahl Betten für uns bereit gehalten.«
Auf das Gesicht der jungen Dame trat ein schmerzlicher Zug, und sie sprach ein paar leise Worte zu ihrem Begleiter.
»Herr Stabsarzt,« sagte dieser, »geben Sie uns den armen Teufel. Er kann bei uns ebenso ungestört sterben, wie anderswo.«
Der Stabsarzt erklärte sich einverstanden.
»Fahren Sie nur geradezu,« wandte sich der alte Herr an den Kutscher. »Es sind bloß ein paar Minuten; das erste Haus in der Glacisstraße ist es.«
Der Lazarettgehilfe stieg wieder auf den Bock, und die Pferde zogen langsam an. Der alte Herr hinkte ein wenig, doch blieb er mit seiner Begleiterin dicht hinter dem Wagen.
»So, da sind wir ja schon,« sagte er, als sie die Glacisstraße erreicht hatten, und führte die junge Dame in das Haus.
»In die obere Giebelstube lassen wir ihn bringen,« sagte diese. »Dort liegt er am ruhigsten. Ich werde gleich in die Diakonissenanstalt nach einer Schwester schicken.«
Inzwischen hatte der Lazarettgehilfe mit dem Kutscher die Trage vom Wagen gehoben und brachten sie nun in die sonnenhelle Hausflur, wo sie ihre Last niederstellten.
Auf der Bahre lag mit wachsbleichem Gesicht und geschlossenen Augen ein junger Offizier vom 1. Linien-Infanterieregiment Prinz Albert. Sein Aussehen war das eines Toten. Neben ihm stand ein zerschossener Tschako. An seiner rechten Seite lag der bloße Säbel. Der Faustriemen des Portepees war um das Handgelenk geschlungen.
Die Blicke des alten Herrn richteten sich teilnahmvoll auf den Ohnmächtigen. Da zuckte der Greis in jähem Schreck zusammen und sah schnell nach seiner Enkelin. Ursula von Abendroth lehnte totenblaß an der Wand. Ihre Brust bewegte sich unter heftigen Atemstößen stürmisch auf und nieder, und ihre großen Augen ruhten starr auf der Gestalt des Verwundeten.
»Liebe Leute,« stammelte der Kriegsrat in ungeheurer Erregung, von einem Fuß auf den andern tretend, »unsere Räume reichen doch nicht -- ich irrte mich -- und mit der Pflege wird es auch hapern -- bringt Euern Kranken doch lieber nach der Loge ...«
Die beiden Träger sahen verwundert auf den bestürzten Greis und dann auf das junge, schöne Mädchen, das mit einer Ohnmacht zu kämpfen schien. Schweigend traten sie wieder zu der Bahre und gingen damit langsam rückwärts nach der Tür.
In diesem Augenblick fuhr Ursula von Abendroth steil auf.
»Halt!« rief sie in leidenschaftlichem Ton, lief mit schnellen Schritten nach der nahen Tür ihres Zimmers und riß diese weit auf:
»Hier herein bringt den Verwundeten,« klang befehlend ihre Stimme durch den Hausflur, »und legt ihn behutsam auf das Bett ...!«
Siebzehntes Kapitel
Der Monat Juni war ins Land gezogen, und der Aufstand war längst niedergeschlagen.
Die hochgespannte Erregung hatte sich allmählich verflüchtigt; eine kühle Beurteilung der Ereignisse war aufgekommen. Die besonnenen Elemente, die den Kämpfen ferngeblieben waren, hatten längst die Oberhand gewonnen. Auch die erhitzten Gemüter beruhigten sich langsam. Man erkannte die Fehler, die gemacht worden, verstand die innere Schwäche und Unwahrheit der vermeintlichen Berechtigung zu dem blutigen Aufstand, und manch einer begriff nicht, wie ihn der Sturm hatte mit fortreißen können.
Nach dem jähen Aufflammen der Geister herrschten niedergedrückte Stimmung und Mutlosigkeit. Und man sah besorgt in die Zukunft und ahnte, daß dem heftigen Ansturm wider die Regierung ein empfindlicher Rückprall folgen würde.
Die Bewohner des Häuschens in der Glacisstraße hatten die letzten Wochen in schwerer Bangigkeit durchlebt. Während draußen der junge Frühling unter tausend- und abertausendfältigem Sprießen und Blühen sein farbenprächtiges, duftendes Kleid gewoben und über das noch zuckende sächsische Land tröstend gebreitet hatte, lag im Innern des Hauses ein junges Menschenkind, das nicht leben und sterben konnte.
Wiederholt war der unbarmherzige Sensenmann an Kurts Schmerzenslager getreten und wieder gegangen. Dann waren Tage gekommen, wo sich in die Herzen der Bangenden das leise Hoffen auf die endliche Genesung des Schwerverwundeten gestohlen. Aber immer hatte sich Kurts Befinden von neuem verschlimmert, daß die zage Hoffnung wieder erstarb. Bis endlich niemand mehr zu hoffen wagte und eine dumpfe Trostlosigkeit sich aller bemächtigte.
Die Ärzte hatten immer nur mit den Achseln gezuckt und versichert, daß Menschenkunst hier umsonst sei. Alles irdische Wissen wäre machtlos, wenn sich die Lebenskraft so verzweifelt gegen den Allbezwinger wehre.
Ein neuer Tag war gekommen, wo das Fieber in dem aufs letzte ermatteten Leib des Kranken nicht mit der gewohnten Heftigkeit raste. Aber solcher Tage hatte es schon gegeben! Keiner der drei Menschen, deren Herzen um das Leben des geliebten Kranken zitterten, wagte noch zu hoffen, in der Besorgnis, die dämonischen Geister wieder wachzurufen.
Seitdem die tückische Kugel in Kurts Rücken eingedrungen und sich den Ausweg durch die Brust gebahnt hatte, war der Verwundete noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen. --
Die Sonne schien freundlich ins Zimmer, als die Augenlider des Kranken ein paarmal leise zitterten und sich alsdann halb öffneten. Da unterschied Kurt die verschwommenen Umrisse einer grauen Katze, die behaglich auf einem buntgestickten Kissen lag und ihn verwundert ansah. Es war eine allerliebste Katze, nur viel kleiner, als Katzen schlechthin zu sein pflegen. Ja, eine so niedliche Katze war es, wie er noch keine gesehen hatte. Das Tierchen schien sich über seinen Anblick zu freuen, denn es ringelte den Schwanz auf und zu und begann leise zu schnurren.
Aber was war das? Neben dieser Katze entdeckte Kurt eine zweite, -- eine dritte, -- eine vierte! Ja, eine ganze Anzahl von Katzen sah er! Alle lagen auf Kissen und sahen ihn erstaunt und erfreut an.
Kurt schloß vor Mattigkeit die Augen. Als er nach kurzer Zeit von neuem aufsah, fiel sein Blick wieder auf die Katzen. Jetzt erkannte er einen durchscheinenden Vorhang, auf dem die Tiere in grauer Farbe aufgedruckt waren. Gleichzeitig hörte er zwei Frauenstimmen gedämpft miteinander sprechen.
Da versuchte der Kranke, den Kopf dahin zu wenden. Diese leise Bewegung schienen die Sprechenden gehört zu haben, denn ihre Unterhaltung brach ab.
Kurt musterte aufmerksam seine Umgebung und entdeckte, daß er in einem Himmelbett lag, dessen Vorhang zugezogen war. Da bewegte sich geräuschlos die eine Hälfte des Vorhangs, und ein Gesicht beugte sich über ihn.
»Bist du aufgewacht, mein Junge?« hörte er leise eine Stimme sagen, die wie zwischen Lachen und Weinen klang.
Regungslos sah er eine Weile in das Gesicht. Es war faltig und abgehärmt.
»Erkennst du mich, Kurt?« vernahm er die zage Stimme wieder.
Es dauerte noch eine Zeitlang, dann kam es wie ein Hauch von seinen Lippen:
»Tante Sidonie ...«
Er merkte noch, wie es feucht auf sein Gesicht niederfiel. Dann war es ihm, als ob er in eine unermeßliche Tiefe hinabsänke. Das Bewußtsein hatte ihn wieder verlassen.
Nach einer geraumen Zeit erwachte Kurt von neuem. Gleich waren die Katzen wieder da. Jetzt konnten sie ihn aber nicht noch einmal äffen, denn er erinnerte sich deutlich seiner ersten Begegnung mit ihnen.
Er wandte den Blick zur Seite und unterschied hinter dem Vorhang einen weiblichen Kopf. Tante Sidonie konnte es nicht sein; dieses Gesicht war ja viel jünger. Es war ein feingezeichnetes Profil, was er dort sah. Er konnte die Umrisse des Kopfes gegen den hellen Hintergrund klar erkennen.
Wieder machte er eine Bewegung. Darauf klangen eilig leise Schritte, und Tante Sidonie stand vor ihm. Jetzt besaß er soviel Kraft, daß er sie genau betrachten konnte. Ihr Gesicht schien ihm schmaler als sonst. Ja, wenn ihn nicht alles täuschte, sah er darin tiefe Falten. Hatte Tante Sidonie denn Sorgen?
»Was ist mir?« fragte Kurt leise, »und wo bin ich?«
Beim Klang dieser Stimme zuckte es in Tante Sidoniens Gesicht wunderlich, und sie warf einen Freudenblick hinter sich, als ob noch jemand im Zimmer sei. Dann trug sie flink einen Stuhl herbei und setzte sich neben dem Kranken nieder.
»Weißt du nicht, Kurt,« fragte sie mit gedämpfter Stimme, »daß du während des Straßenkampfs verwundet worden bist?«
Kurt sann angestrengt nach. Straßenkampf? Verwundet? -- Da zerriß der undurchdringliche Schleier, der ihm die letzte Vergangenheit verhüllte, und blitzschnell zog alles noch einmal an seinem Geiste vorüber. Die Anfänge der Bewegung traten vor seine Seele, sein Zaudern, das Marschallsche Haus, seine Erkenntnis der wahren Sachlage, der Abschied von Valentine, Ursulas Zürnen und der Kampf und der Sturmangriff auf Stadt Rom. Dann sah er Valentine Marschall mit der Pistole in der Hand, entsann sich des heftigen Schlags, den er im Rücken gespürt, -- und zuletzt, schon ganz verschwommen, tauchte der weite, menschenleere Neumarkt in seiner Erinnerung herauf.
»Und wo befinde ich mich?« fragte er noch einmal.
»Du bist bei Abendroths, lieber Kurt. Das ist Ursulas Zimmer. Und Ursula ist es auch gewesen, der du es neben unserm lieben Herrgott verdankst, wenn du jetzt wieder auf dem Wege der Genesung bist.«