Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849
Part 17
Valentine fühlte ihre Pulse heftig arbeiten. Seit diesem Morgen hatte sie der heimliche Wunsch erfüllt, die Kämpfenden möchten Frieden schließen. Ihr Herz krampfte sich zusammen, wenn sie an die Qualen ihrer Verwundeten dachte, und sie sah die Schuld der für den Aufstand Verantwortlichen ins Riesengroße wachsen.
»Ich liebe den Anblick der in Wut geratenen Soldateska nicht,« erklärte der Fremde, »und vor ihren Taten empfinde ich Grauen. Man kann es wohl verstehen, wenn -- in einem Kampf wie hier -- die aufs höchste gereizten Truppen die Gebote der Menschlichkeit vergessen. Weh denen, die ihnen aber dann gegenüberstehen! Alle Mannszucht geht in ihrer Wildheit unter. -- Doch Ihnen droht nichts, mein Fräulein,« setzte er beschwichtigend hinzu. »Der Soldat bekämpft nur seinen Gegner. Bleiben Sie für alle Fälle ruhig bei Ihren Kranken.«
Valentine erhob sich und ging zur Tür. Der Fremde folgte ihr.
»Es würde mir leid tun, wenn ich Sie erschreckt hätte,« sagte er.
Valentine machte eine verneinende Gebärde.
»Es ist besser, ich weiß alles,« versetzte sie mit leiser Stimme.
Und als ihre Hand schon auf der Türklinke lag, fragte sie noch:
»Wann werden Sie das Haus verlassen?«
»Nach dem Mittagessen,« erwiderte der Fremde.
Valentine zögerte einen Augenblick. Dann reichte sie ihm die Hand und sah ihm ins Auge.
»Leben Sie wohl,« sagte sie, wobei ihre sonst sichere Stimme zitterte, »und haben Sie herzlichen Dank!«
Der Fremde umschloß Valentinens Hand mit warmem Druck.
»Ich fühle, wie Sie leiden,« erwiderte er. »Der Grund Ihrer tiefen Traurigkeit ist aber, wenn ich recht vermute, noch etwas anderes, als das Schicksal Ihrer Kranken. Die Zeit mag Ihnen helfen, den Kummer zu überwinden. Ihre starke Seele wird sich obenauf ringen. Ein Nacken wie der Ihrige ist zu stolz, daß er sich vor dem Gram beugte. -- Leben Sie wohl!«
Valentine sah noch einmal in die von dem grünen Schirm beschatteten, gütigen Augen des Fremden. Dann ging sie.
Als sie auf dem Korridor ein paar Schritte getan hatte, fühlte sie eine Schwächeanwandlung, die sie zwang, stehen zu bleiben. Da regte sich der Trotz in ihr, und sie ging mit erhobenem Haupte weiter.
Vor der offen stehenden Tür eines der Vorderzimmer stockte ihr Fuß unwillkürlich, und sie mußte hineinschauen. Es war mit Verteidigern gefüllt, die in fiebernder Ungeduld nach den Fenstern drängten. Wenn einer der Schützen zurücktrat, entspann sich jedesmal ein Streit um den freigewordenen Platz. Das Krachen der Schüsse wurde von den Wänden zurückgeworfen und erfüllte das Zimmer mit betäubendem Lärm.
Unter den Verteidigern befanden sich Jünglinge, Männer und Greise. Die meisten standen wohl im Alter zwischen dreißig und vierzig. Welche unter ihnen beobachteten eifrig die Wirkung der Schüsse und brachen in lauten Triumph aus, wenn sie einen Treffer melden konnten. Andere befanden sich in leidenschaftlicher Aufregung und gaben ihren Unmut durch heftige Worte und Gebärden kund, wenn sie während einer längeren Zeit nicht zum Schießen kamen. Wieder andere standen beiseite, luden sorgfältig und warteten geduldig, bis sie ans Fenster treten konnten. Einigen der Männer sah es Valentine an Kleid und Haltung an, daß sie höheren Gesellschaftsschichten angehörten. Ausnahmslos leuchtete aus aller Augen Kampfeslust.
Plötzlich brach in der Mitte des Zimmers einer der Schützen lautlos zusammen. Die Umstehenden sprangen hinzu und richteten ihn auf. Auch Valentine war unbewußt zu dem Verwundeten geeilt. Rasch wurde ihm die Weste aufgeknöpft und das blutige Hemd beiseite geschoben, -- seine linke Brust war von einer Kugel durchbohrt. Das Herz hatte schon aufgehört zu schlagen. Da legten ihn die Männer schweigend im Hintergrund des Zimmers längs der Wand nieder. Es lohnte nicht, sich weiter um ihn zu kümmern! Schwankenden Schritts ging Valentine auf den Korridor zurück.
Vor dem Krankenzimmer stand ein Mann in einem hellen Anzug, das Gewehr am Riemen über die Schulter gehängt. Wie Valentine ihn in dem Halbdunkel stehen sah, tat sie unwillkürlich einen tiefen Atemzug. Diese Gestalt und dieser Anzug -- -- -- Beides war ihr bekannt, obwohl es nicht zueinander zu gehören schien.
»Heinrich,« entfuhr es ihr im Näherkommen.
Nun erkannte sie ihn; es war Heinrich. Mit einem verlegenen Lächeln, wie es ihm auf dem Gesicht zu stehen pflegte, wenn er in seiner Schwerfälligkeit nicht die rechten Worte fand, kam er heran.
Mechanisch trat Valentine einen Schritt zurück, und ihr Auge streifte den grauen Anzug. Wie ein Blitz kam ihr die Erkenntnis, daß es der Zivilanzug des Leutnants Allmer war. Er hatte ihn bei seinem letzten Besuch getragen.
»Wie kommst du denn hierher, Heinrich?« fragte jetzt Valentine wieder gefaßt. »Und in dieser sonderbaren Verkleidung?«
Heinrich machte eine unbeholfene Bewegung.
»Schilt mich, soviel du magst,« murmelte er, »aber ich konnte nicht anders!«
Und als er bemerkte, wie die Augen des Mädchens noch immer in Verwunderung auf ihm hafteten, stieß er gequält heraus:
»Ach, Valentine, du weißt ja, mit welchem Widerwillen ich immer die Uniform getragen habe ...«
Valentine antwortete nicht.
Da merkte Heinrich, wie das Gefühl dumpfer Verzweiflung in ihm heraufstieg und ihm die Kehle zuschnürte, daß er nicht schlucken konnte. Sein Herz klopfte mit starken Schlägen. Er vermochte Valentinens starren Blick nicht länger zu ertragen und sah zur Seite.
»Ich hätte nimmermehr auf die bürgerlichen Kämpfer schießen können,« murmelte er, »eher hätte ich die Waffe gegen mich selbst gerichtet. Valentine,« setzte er in schlichter Geradheit hinzu, »wer innerlich so an euch hängt, wie ich, der kann nicht anders! Die Luft in euerm Hause« -- hier schwoll seine Stimme mit jedem Wort immer mehr an -- »ist für mich der Lebensatem! Ich wäre um keinen Preis zu bewegen, mich in Widerspruch zu euch zu setzen. Nicht länger leben oder desertieren. Etwas anderes gab es für mich nicht!«
Valentine war überwältigt von dem Geständnis der Anhänglichkeit Heinrichs an ihr Elternhaus. Gleichwohl traf sie der leidenschaftliche Ausbruch wie ein Schlag vor die Stirn. Dieser schwache und doch so prächtige Mensch, wie er hier vor ihr stand, der seine Pflicht vergaß und seinen Eid brach aus Treue zu denen, die ihm wohlgetan und von denen er sich geliebt wußte -- -- -- seine Schuld, sagte sich das Mädchen, würde einst andern zugeschrieben werden!
Er ist ein Mann, vernahm Valentine eine innere Stimme, der Gut und Böse unterscheiden kann. Die Tugenden sind das Verdienst des Gerechten und die Sünden die Schuld des Sündigen!
»Heinrich,« sagte Valentine mit gepreßter Stimme, »mußtest du das tun? Hast du dich auch wirklich recht geprüft, bevor du diesen verhängnisvollen Schritt tatest?«
Heinrichs Finger glitten unstet am Gewehrriemen auf und nieder.
»Aber, Valentine,« antwortete er mit ungekünstelter Einfalt, »ich habe mich ja doch nie mit Gedanken über Politik ernsthaft beschäftigt. Wenn man so ein einfacher Mensch ist, wo soll es denn da auch herkommen! Hierzu sind ja die Studierten da. Ich habe das bürgerliche Leben von Kind auf viel lieber gehabt, als das Soldatenleben. Und als mich mein Vater in die Uniform hineinzwang, da ist allmählich ein Widerwillen gegen das ganze Soldatenhandwerk in mir herangewachsen, daß ich schon längst schwermütig geworden wäre, wenn ich euch nicht gehabt hätte. Und wie ich sah und hörte, was für politische Anschauungen dein Vater besaß, da hab' ich gleich gewußt, wie ich zu denken hatte. -- Ach, Valentine, du weißt das alles ja schon, du kennst mich ja so gut. Warum quälst du mich denn so ...?«
Valentine stieg es zum Halse herauf, und sie griff an den Kragen ihres Kleides, als wenn sie ihn aufreißen müsse.
Heinrich trat dicht an sie heran und erzählte in seiner ungelenken Sprechweise, wie es noch glücklich gelungen wäre, ihre Eltern aus dem Hause herauszubringen, und daß er gehört habe, wie die Madam, in ihren Betten bequem auf dem Wagen liegend, zum Herrn Advokaten gesagt habe, es ginge ihr ganz gut, er brauche sich nicht zu ängstigen.
Da schossen Tränen in die Augen des Mädchens. Mit einer ungestümen Bewegung warf sie ihre Arme um Heinrichs Hals, preßte ihn an sich und küßte ihn viele Male. Heinrich wurde rot bis unter die Haarwurzeln und ertrug Valentinens Küsse mit geschlossenen Augen.
Als Valentine die Umarmung gelöst hatte, sah sie Heinrich ohne Verwirrung ins Gesicht.
»Was wirst du nun tun?« fragte sie.
Heinrich nahm langsam das Gewehr von der Schulter und stellte den Kolben hart auf den Boden.
»Schießen,« antwortete er mit düsterer Entschlossenheit, »und zwar bleibe ich hier im Hause.«
»Glaubst du, daß die Truppen angreifen?« fragte das Mädchen hastig.
»Das müssen sie,« versicherte er, »wenn sie nicht wollen, daß man sie verhöhnt und ihnen Mutlosigkeit vorwirft.«
»Und wann denkst du, daß sie kommen werden?«
Heinrich zuckte gleichmütig mit den Achseln.
»Das weiß keiner, Valentine. Aber herankommen werden sie bestimmt!«
Valentine wandte sich rasch zum Gehen.
»Meine Kranken ...« rief sie zurück. »Laß dich wieder einmal sehen, Heinrich!«
Im nächsten Augenblick war sie hinter der Tür verschwunden.
Sechzehntes Kapitel
Während des ganzen Vormittags wurde der Kampf auf beiden Flügeln und im Zentrum mit stetig wachsender Heftigkeit geführt. Die beiden Hotels auf dem Neumarkt erhielten von der Augustusstraße und von der Frauenkirche her wirksames Geschützfeuer, das die in allen Stockwerken des Hauses Stadt Rom eingebauten Erker vollständig in Trümmer schoß. Die Kindschen Häuser an der Westseite des Platzes wurden von den Truppen in der Münzgasse und im Coselschen Palais mit starkem Gewehrfeuer überschüttet.
Auf beiden Seiten wurde mit größter Tapferkeit gefochten. Von dem Donnersturm der Revolution, dessen schauerliche Melodie am gräßlichsten beim Ausbruch des Aufstands durch die Gassen geklungen hatte, war nichts mehr zu spüren. Die Parteien kämpften wie die ordentlichen Streitkräfte zweier sich feindlich gegenüberstehenden Völker. Die Kaltblütigkeit, mit der die Aufrührer vor allem auf den stark beschossenen Punkten aushielten, wurde selbst von ihren Gegnern bewundert.
Der Zorn der Truppen über die Hartnäckigkeit der Aufständischen steigerte sich schließlich bis zur Wut. Zahlreiche Kompagnien hatten während der letzten Nächte, zum Teil bei strömendem Regen, auf dem Pflaster der Gassen und Plätze gelegen, und ihre Verluste wuchsen andauernd. Zudem wußten die sächsischen Soldaten, daß die meisten Gewehre der Aufrührer ihren Armeegewehren älterer Konstruktion in der Feuerwirkung überlegen waren. Aus all diesen Ursachen bemächtigte sich der Truppen tiefe Erbitterung, und sie erwarteten voll Sehnsucht das Signal zum Bajonettangriff. Endlich wurde der Befehl zum Sturm gegeben.
Es war zwei Uhr nachmittags. Die nicht im Feuer stehenden sächsischen und preußischen Truppen waren auf dem Schloßplatz zusammengezogen worden, wo sie in fieberhafter Spannung mit der Front nach dem Georgentor harrten.
Bei diesen Truppen befand sich auch Kurt Allmer. Der Zufall hatte es gefügt, daß die 4. Kompagnie immer an besonders gefährdeten Stellen gekämpft hatte.
Mit heimlicher Bewunderung hatten die Soldaten die Kaltblütigkeit ihres Leutnants während des heftigsten Feuers und seine vollkommene Verachtung jeder Gefahr beobachtet. Wiederholt hatte Kurt das Gewehr eines Verwundeten selbst zur Hand genommen und stundenlang geschossen. Während des größten Teils der Nacht war er munter geblieben, hatte die Posten unausgesetzt revidiert und mit ihnen gewacht, da das Gerücht von einem heimlichen Angriff der Empörer umlief.
Kurt fühlte sich stark erschöpft. Sein Gesicht war von den Anstrengungen der letzten Tage bleich, sein Auge matt. Bisweilen war die Erinnerung in ihm schmerzlich erwacht, und seine Gedanken hatten sich während des Kampfes in das gemütliche Haus des alten Kriegsrats gestohlen -- zu Ursula. In diesen ernsten Tagen, wo er ohne Unterbrechung dem Tod ins Auge sah, empfand er es deutlich, wie sein ganzes Herz an diesem herrlichen Mädchen hing.
Nun war Ursula für ihn verloren! -- Vielleicht urteilte sie zu hart über sein Vergehen. Doch stand es ihm nicht zu, seine Schuld zu wägen. Und schuldig fühlte er sich! Ob Ursula noch einmal milder über das Unrecht denken würde, das er ihr zugefügt? Vielleicht! Aber ihr Verzeihen würde ihn nicht mehr erreichen -- --
Kurt Allmer war in tiefster Seele von der Gewißheit erfüllt, daß er vor einem großen, unabwendbaren Schicksal stand.
Die Truppen auf dem Schloßplatz verhielten sich schweigend. Eine innere Unrast zeigte sich auf den Gesichtern der Soldaten. Zu ihrer Linken, am anderen Ende der Augustusstraße, hielt noch immer das Geschütz, und seine Schüsse gegen Stadt Rom krachten in kurzen Pausen.
Vom Neumarkt, durch die breiten Gänge des Georgentores und vom Zwinger herüber hörte man das starke Gewehrfeuer.
Die Offiziere standen vor der Front. In ihrer Mitte hielten zu Pferde Oberst Sichart und ein paar Stabsoffiziere.
Da kam aus der Richtung des Grünen Tores der Oberbefehlshaber der militärischen Streitkräfte, Generalleutnant von Schirnding, mit seinem Stabe herangesprengt. Der Anblick des alten Veteranen aus den Tagen von Leipzig in schneeweißem Bart und mit den jugendlich blitzenden Augen wirkte auf die Truppen wie ein elektrischer Strom. Jeder Mann reckte sich unwillkürlich höher, und aller Augen richteten sich auf die Heranreitenden.
Jetzt hielt der Generalleutnant vor der Front. Oberst von Sichart drängte sein Pferd an den Kommandierenden heran und empfing den Befehl zum Angriff -- -- --
Zwei Kolonnen! Die erste unter Major von Hausen stürmt Hotel de Saxe! Die zweite unter Hauptmann von Budritzky vom preußischen Alexanderregiment nimmt Hotel Stadt Rom! Beide Sturmkolonnen werden aus Truppenteilen der sächsischen und preußischen Armee gebildet! Der Angriff hat sofort zu erfolgen!
Aus den Reihen der mit verhaltenem Atem den Worten des Kommandierenden lauschenden Mannschaften erschollen ein paar gedämpfte Jubelrufe. Die Begeisterung ließ die harte Disziplin für einen Augenblick vergessen. Jeden der an dieser Stelle harrenden Soldaten überfiel eine fieberhafte Erregung. Nur jetzt nicht zurückbleiben müssen! Das wäre ein Unglück -- eine Schande!
Die beiden Führer formierten ihre Kolonnen. Kurt Allmer horchte mit zusammengepreßten Lippen auf die mit lauter Stimme gegebenen Befehle. Da glänzten seine Augen, und in sein bleiches Gesicht schoß eine helle Röte, -- die 4. Kompagnie wurde genannt.
Hauptmann von Budritzky teilte ein: an die Spitze der zweiten Kolonne sächsische und preußische Zimmerleute und Pioniere mit Sägen und Äxten. Hinter ihnen das 2. Peloton der 3. Kompagnie Albert unter Leutnant von Schwerdtner; dazu Feldwebel Mißbach. Hierauf das Gros der Sturmkolonne: die erste Sektion der 4. Kompagnie Albert unter Leutnant Allmer und ein halber Zug der preußischen 11. Füsilierkompagnie.
Oberleutnant Wetzig und Leutnant von Schönberg nickten Kurt lächelnd zu. Sie waren der ersten Kolonne zugeteilt.
Nun erfolgten kurz und ruhig die Kommandos. Die Kolonnen marschierten -- von den enttäuschten Blicken der zurückbleibenden Kompagnien begleitet -- im Paradeschritt durch die Augustusstraße bis zu ihrer Biegung in den Neumarkt. Hier wurde noch einmal gehalten. Das an dieser Ecke stehende Geschütz gab rasch noch einige Schüsse auf das Hotel de Saxe ab. Dann wurde es zurückgezogen. Gleichzeitig schwieg auch der Verabredung gemäß das Gewehrfeuer der Truppen auf der Terrasse und an der Frauenkirche.
In diesem Augenblick brach die erste Kolonne vor und setzte sich nach dem Neumarkt hin laufend in Bewegung. Sofort nahm das Feuer der Aufrührer an Heftigkeit zu.
Als die Kolonne das Hotel Stadt Berlin am Anfang des Neumarkts erreicht hat, gerät sie ins Stocken. Ein Hagel von Kugeln schlägt in sie ein, und die ersten Verwundeten stürzen auf das Pflaster. Dann stürmen die Soldaten wieder vorwärts. Einige Leute aber weichen zurück.
Leutnant Allmer sieht das. Er verläßt seinen Platz bei der noch hinter dem Johanneum gedeckt stehenden zweiten Kolonne, springt mit schnellen Sätzen vor und zwingt die Zaudernden mit erhobenem Säbel, der Kolonne nachzulaufen. Da fällt sein Blick auf den Soldaten Engler seiner Kompagnie, der mit zerschmettertem Oberschenkel auf dem Platze liegt. Rasch ruft Allmer einen der Vorwärtseilenden zu sich und trägt mit ihm den Schwerverwundeten zurück.
Unterdessen stürmt die Kolonne unter dem vernichtenden Feuer über den weiten Platz hinweg. Die zu Boden Gestürzten bezeichnen den Weg, den sie gegangen. Da strauchelt unmittelbar vor dem Brunnen der seinen Leuten mit hochgeschwungenem Säbel voraneilende Major von Hausen und stürzt zu Boden. Die Kolonne stürmt über ihren gefallenen Führer hinweg und verschwindet in dem von den Vollkugeln des Geschützes eingeschossenen Tor des Hotels de Saxe.
Noch hat der letzte Mann das Tor nicht erreicht, als der von einem Prellschuß ans Knie getroffene Major von Hausen sich erhebt und mit langen Sprüngen der Kolonne nacheilt.
Jetzt läßt der Artilleriehauptmann Grünwald das Geschütz wieder vor dem Brühlschen Palais auffahren und richtet es selbst gegen Stadt Rom. Ein paar wohlgezielte Schüsse schnell hintereinander, dann stürzt die zweite Kolonne vor.
Am Jüdenhof, von wo die Stürmenden an den Kindschen Häusern entlang müssen, geraten sie ins Kreuzfeuer. Leutnant Allmer wirft vom Flügel aus einen Blick über seine Leute. Mit keuchendem Atem und geschlossenen Augen stürmen sie vorwärts, -- durch den Eisenhagel hindurch.
»Schlag' fester!« knirscht er dem Tambour an seiner rechten Seite zu.
»Bumm -- bummbumm! -- -- -- bumm -- bummbumm!« tönt der Klang der Trommel dumpf in das Pfeifen und Rasseln und Krachen des entsetzlichen Höllenkonzerts hinein. Tambour Gebhardt, ein vierzehnjähriger Knabe, schlägt wie verzweifelt auf das Kalbfell. Da zersplittert ein Trommelstock beim heftigen Aufschlagen auf den Eisenring der Trommel. Den zweiten reißt ihm eine Kugel aus der Hand. Er hämmert mit den Fäusten drauflos. »Bumm -- bummbumm! -- -- -- bumm -- bummbumm!« -- Kurt Allmer schließt ebenfalls eine Sekunde lang die Augen; -- eine Wolke von Eisen fliegt um die Stirnen ... Von vorn und besonders von rechts, aus den kaum zehn Schritt entfernten Häusern, zischen, schwirren und heulen die Geschosse in den wie sinnlos vorwärtsstürzenden Menschenhaufen blind hinein und reißen ihre Opfer wütend zu Boden. »Bumm -- bummbumm! -- -- -- bumm -- bummbumm!« Leutnant Allmer bohrt seine Augen in den Nacken des vor ihm laufenden Soldaten Lucas. Da fliegt dessen Hinterkopf weg und blutiger Brei spritzt umher. Der Verwundete bricht wie vom Blitz getroffen zusammen. Allmer springt über ihn hinweg, stürzt beinahe, rafft sich aber wieder auf. Eine Hand packt ihn von hinten am Rock. Er wendet den Kopf und reißt sich los, -- Soldat Löffler fällt mit zerschmettertem Unterkiefer nieder. »Bumm -- bummbumm! -- -- -- bumm -- bummbumm!« -- »Will denn dieser feuer- und flammenspeiende Höllenweg kein Ende nehmen?« keucht Allmer, um im nächsten Augenblick aufzuschreien: »Schlag' fester! -- -- fe -- ster!« -- »Bumm -- bummbumm! bumm -- -- -- bummbumm!« Der Tambour haut bloß noch mit der rechten Faust, die linke Hand hängt vom Knöchel an einem Fleischfetzen herab. »Bumm -- bummbumm! -- -- -- bumm -- bummbumm!« klingt es nur noch matt. Das Gebrüll, Gestampfe, Geknatter und Geprassel frißt den Klang der Trommel gierig ein.
Da schreit plötzlich die schrille Knabenstimme in Todesangst auf: »Herr Leutnant! -- Herr Leutnant ...!« Dann gibt die junge, durchschossene Brust nichts mehr her. Der Tambour stürzt und rollt mit seiner Trommel seitwärts fort. Leutnant Allmer sieht durch Blut und Rauch, daß andere vor und neben ihm fallen ... Stürze, wer mag! -- -- Vor ... wärts! Und: »Hurra! -- Hurra!« hört er seine eigene Stimme in rauhen Kehllauten rufen. Und: »Hurra! -- Hurra!« fallen die Stürmenden ein. -- Stadt Rom ist erreicht! --
Hier stockt der rasende Angriff. Die Fenster sind mit starken Laden verschlossen, und die schwere Tür widersteht allen Axthieben. Nur ihr oberes Feld ist von einer Kanonenkugel zertrümmert worden. Pioniere und Zimmerleute schlagen wie unsinnig mit Beilen auf Tür und Fensterladen. Ohne sonderlichen Erfolg! Die furchtbare Erregung vereitelt besonnenes Handeln.
Die keuchenden Soldaten stehen unterdessen mit Gewehr bei Fuß in kerzengerader Haltung und ohne mit den Wimpern zu zucken vor dem Haus. Jeder bohrt seine Augen auf die verrammelten Fenster; keiner wagt, sich umzusehen. Aus den Häusern zwischen Kirchgasse und Frauengasse werden die zum ohnmächtigen Ausharren Verurteilten unaufhörlich mit Feuer überschüttet. So stehen sie heldenmütig, ohne eine Hand zu ihrer Verteidigung aufheben zu können. Eine Schar, die noch vor wenigen Sekunden mit furchtbarer Gewalt vorwärtsstürmte, -- jetzt regungslos wie in Totenstarre, während von rückwärts auf zehn Schritt Entfernung die Kugeln in den dichten Haufen einschlagen, daß die Todesmutigen ruhmlos fallen. Wie Wild, das vor die Büchsen der Jäger getrieben worden ist -- -- --
Noch hallen die Axtschläge hohl in das Knattern und Heulen der Flintenkugeln hinein, als Leutnant Allmer vom Zorn überwältigt einen furchtbaren Säbelhieb nach einer Stelle des Ladens tut, von der schon wiederholt Stücke absplitterten. Aber der Eisenhauer springt zurück, als habe er Granit berührt. Er hat den schweren Riegel getroffen, der den Laden im Mauerwerk festhält.
Verzweifelt gleiten Allmers Blicke nach dem Fenster rechts vom Tore, dessen Laden den Axthieben soeben nachgegeben hat. Auf der Fensterbrüstung kniet Hauptmann von Budritzky.
»Der sächsische Leutnant dort,« ruft der Hauptmann, zurückschauend, Allmer mit zürnender Stimme durch den Tumult zu; »zum Donnerwetter, Herr, warum sind Sie denn noch nicht drin?!«
Ruft's und springt als Erster von seinen Leuten durch das Fenster hinein.
Da stößt der solchermaßen hart Angelassene knirschend den Säbel in die Scheide, ergreift sinnlos vor Wut mit beiden Händen die untere Kante des Ladens und zieht ihn aus der Fensterhöhlung, daß ihm das Blut unter den Fingernägeln hervorquillt. Ein Dutzend Hände folgt seinem Beispiel. Die schon aus den Fugen geratenen starken Bretter können dieser Kraft nicht widerstehen. Es knirscht und splittert! Noch ein gewaltiger Axthieb, dann reißt der Laden krachend mitten auseinander.
Leutnant Allmer schwingt sich auf die Brüstung. Die Nächststehenden helfen seiner Bewegung nach, daß er im Schwunge durch das Fenster fliegt. Gleichzeitig reißt Feldwebel Mißbach die vor ihm stehenden Soldaten beiseite und wirft seinen Riesenleib gegen die stark erschütterte Tür, worauf diese dröhnend aufspringt. Im Nu sind alle Soldaten im Hause verschwunden.
Die Tür des Zimmers, in das Kurt gesprungen, war verschlossen und mußte von den ihm gefolgten Zimmerleuten erst eingeschlagen werden.
Hinter den stürzenden Brettern sperrte den leeren Korridor ein einzelner Mann -- hohläugig und barhaupt, den langen, dürren Leib von einer schwarzrotgoldenen Binde umschlossen. Es war der geistliche Herr aus der Oberlausitz, der fanatische Barrikadenkommandant.
Furchtlos hielt er allein den in Raserei verfallenen Soldaten stand. Er hob die Arme, als wenn er auf der Kanzel stünde, und sprach in beschwörendem Tone:
»Weh' denen, die in Zorn verfallen und wider die heiligen Gebote freveln ...«
Da stockte die fromme Rede. Erstaunt guckte der Mann Gottes nach seiner rechten Hand, die mit einem Mal auf dem Fußboden lag. Im nächsten Augenblick saß ihm ein halbes Dutzend Bajonette in der Brust, und der Haufe stürmte über seine Leiche hinweg.
Als Kurt die Treppe hinaufeilte, drängten sich im ersten Stock gerade die letzten Empörer durch eine Tür und warfen diese vor den heranstürmenden Soldaten ins Schloß. Auf dem Treppenabsatz kniete zusammengebrochen Feldwebel Mißbach.
Kurt hielt erschöpft im Laufen inne.
»Was ist Ihnen, Feldwebel?« rief er dem vor sich Hinstierenden zu. »Sind Sie verwundet?«
Der Kniende hob den Kopf. Seine Augen blickten irr auf den Offizier.