Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849
Part 16
»Die Küche des Hotels liefert es ihnen. Was ich heute abend sah, war gut.«
»Haben Sie Wein?«
Valentine verneinte.
»Ich werde mit dem Wirt sprechen.«
»Sie sind sehr gütig,« sagte Valentine in freudiger Bewegung.
Damit verließen sie wieder das Zimmer. Während der Fremde Valentine bis zur Tür begleitete, sprach er in seiner angenehmen, ruhigen Art:
»Wenn es Ihren Schützlingen noch an etwas Unentbehrlichem fehlt, sagen Sie mir's bitte. Vielleicht kann ich helfen.«
Valentine dankte noch einmal und verließ sodann das Zimmer.
Als sie wieder zu ihren Kranken kam, fand sie einen Arzt vor, der nach den Verwundeten sah. Er lobte die verständig angelegten Verbände und gab dem Mädchen Verordnungen für die Schwerverwundeten. Dann entfernte er sich eilig, da er noch an andern Orten nachsehen müsse. Am nächsten Vormittag, versprach er, wiederzukommen.
Nachdem er gegangen und Valentine noch die Wünsche einiger Kranken erfüllt hatte, setzte sie sich mit dem jungen Mädchen zusammen an den kleinen Tisch, der zwischen den beiden Fenstern stand.
Valentine fühlte sich erschöpft. Aber ihre Befriedigung war größer als die Abspannung. Sie lehnte sich in den Stuhl zurück und ihre Gedanken eilten zu dem alten Haus in der kleinen Brüdergasse -- -- --
Das Krankenzimmer wurde durch zwei Kerzen beleuchtet. Ein starker Geruch von Arznei und Verbandmitteln herrschte darin. Die meisten Kranken schliefen. Einige warfen sich unruhig in den Betten hin und her und stöhnten laut. Wenn einer etwas verlangte, huschte die Magd mit unhörbaren Schritten zu ihm hin.
Auch an den Fremden mußte Valentine denken. Sein ruhiges und bestimmte Wesen hatte ihr Vertrauen eingeflößt. Vor allem pries sie aber seine Bereitwilligkeit, mit der er sogleich auf ihren Wunsch eingegangen war. Er stammte sicherlich aus höheren Kreisen und verurteilte den Aufstand. Aber für ihre Verwundeten besaß er doch ein warmes Herz. Das hatte sie aus dem Ton seiner Stimme herausgehört.
Was aber Valentinens weiblichem Empfinden besonders wohlgetan hatte, war die ritterliche Art, mit der er ihr begegnet war.
Da klopfte es leise an die Tür, und das junge Mädchen ging, um nachzusehen. Valentine hörte draußen eine Männerstimme gedämpft sprechen, worauf die Magd ihr winkte. Als Valentine auf den Korridor trat, stand der weißhaarige Kammerdiener vor ihr.
»Fräulein, mein Herr würde sich freuen, wenn Sie mit ihm zur Nacht speisen wollten.«
Diese unvermutete Einladung überraschte Valentine. Als sie gegen Abend den Kranken das Essen gereicht, hatte sie im Eifer nicht daran gedacht, selbst etwas zu genießen. Jetzt verspürte sie Hunger. Sie zauderte einen Augenblick, dann sagte sie zu. Rasch gab sie dem jungen Mädchen noch ein paar Weisungen und schritt alsdann dem Diener hinterdrein.
Der Weißkopf öffnete die Tür weit und ließ Valentine eintreten. In der Mitte des Zimmers brannte jetzt eine Hängelampe, die mattes Licht verbreitete. Der Fremde kam Valentine entgegengeschritten.
»Junge Menschen, die Gutes tun,« sagte er, »unterlassen gern, an sich selbst zu denken. Ich vermutete dies auch bei Ihnen. Deshalb bat ich Sie, mir beim Nachtmahl Gesellschaft zu leisten.«
Valentine war ein wenig verwirrt. Aber die natürliche Freundlichkeit des fremden Herrn half ihr, die Verlegenheit bald zu überwinden.
»Sie haben nicht unrecht,« antwortete sie mit schwachem Lächeln. »Die Verrichtung meiner gegenwärtigen Pflichten ist mir noch zu ungewohnt, daß ich an alles dächte.«
»Der Mensch darf nie auf sich selbst vergessen,« scherzte er. »Sie können Ihren Kranken nur dann gute Dienste leisten, wenn Sie mit Ihrer Kraft richtig haushalten.«
Während der letzten Worte bot der Fremde Valentine den Arm und führte sie zum Tisch. Hier setzte er sich ihr so gegenüber, daß die Lampe in seinem Rücken war.
Während des Essens blieb die Unterhaltung einsilbig. Der Fremde bemerkte des Mädchens Erschöpfung und vermied es, sie zu Antworten anzuregen. Er erzählte, daß er aus Wien hierhergekommen sei, um eine Dresdner Berühmtheit wegen seines Augenleidens zu befragen. Der Arzt habe ihm eine sofortige Operation dringend angeraten, zu der er sich auch entschlossen. Der Eingriff sei geglückt. Heute habe ihm der Arzt gesagt, daß er andernfalls hätte erblinden müssen.
Valentine hörte voll Teilnahme zu und beglückwünschte den Fremden zu dem Erfolg und lobte seinen raschen Entschluß.
»Vorsicht ist eine gute Eigenschaft,« sagte der Fremde, »aber beherzt sein, ist viel besser, -- oft alles! Sie haben sicherlich auch nicht lange geschwankt, bevor Sie sich zu Ihrem gegenwärtigen Beruf entschlossen.«
Valentine errötete.
»Nein, ich hatte keine Zeit, mich lange zu besinnen,« entgegnete sie. »Wer erst einmal zaudert, kommt meist zu spät zur Ausführung.«
Der Fremde pflichtete diesen Worten lebhaft bei.
Hierauf stockte die Unterhaltung von neuem. Zerstreut hörte Valentine auf die ruhigen Worte des Fremden. Ihre Gedanken waren anderswo. Sie schweiften wieder zu den Eltern, zu ihren Kranken und zu den Todesmatten in den Vorderzimmern des Hotels, die jetzt in bleiernem Schlafe von den furchtbaren Anstrengungen der letzten Tage ausruhten und die Schrecken des Kampfes auf ein paar Stunden vergessen hatten.
Da hob der Fremde seinen geschliffenen Kelch, gefüllt mit rotem Burgunder.
»Auf daß meine Tischgenossin am heutigen Abend Befriedigung an ihrem schweren Beruf finden möge -- und daß die Ereignisse ihre Hilfe bald wieder entbehrlich machen möchten.«
Valentinens Gesicht war während der letzten Worte bleich geworden. Ihre harten Züge erschienen wie gemeißelt. Sie neigte die Stirn und warf dem Fremden einen Blick voll Dankbarkeit zu.
Dann ergriff auch sie ihr Glas und sprach:
»Dem Wohltäter meiner Schutzbefohlenen!«
Dabei zitterte ihre Hand so stark, daß der Wein über den Rand des Glases hinaustrat und ein paar Tropfen wie leuchtende Rubinen auf das Tischtuch herabfielen.
Jetzt räumte der Kammerdiener das Geschirr ab, und der Fremde lud Valentine ein, sich mit ihm an den Kamin zu setzen, in dessen hoher Wölbung die Buchenscheite flammten und knisterten. Dann brannte er sich eine dunkle Virginiazigarre an, die ihm der Weißkopf gereicht, schlug die Knie übereinander und lehnte sich in den bequemen Stuhl zurück.
»Über den deutschen Ländern schwebt gegenwärtig ein Verhängnis,« begann er, den Rauch in einem wagerechten Strahl von sich blasend. »Die Luft ist mit dem Geruch frischen Bluts angefüllt und die heiligen Altäre des Volks sind verbrannt oder in Trümmer zerschlagen. Wie lange diese Verwirrung anhalten mag, ist heute noch nicht abzusehen. Wenn die entflammten Gemüter erst wieder ruhig geworden sind, wird sich ein Alp auf vieler Brust legen.«
Hier schwieg der Fremde eine Weile. Endlich sprach er weiter:
»Neben vielem materiellen Gut sind auch hohe sittliche Werte zerstört worden. Man wird diesen Schaden noch mit Bangigkeit abschätzen und erkennen, daß es eiserner Beharrlichkeit bedarf, wieder aufzurichten, was man mit einem Handstreich stürzte. Aber die Zeit der schmerzlichen Betrachtung ist noch nicht da; noch spotten ja die Gewalten jeder Fessel. Wo aber nichts anderes geschieht, als den aufbäumenden Volkswillen niederwerfen und festschnüren, entsteht bloß neue Verbitterung. Der Unterliegende beugt widerwillig den trotzigen Nacken. Die Tore des Herzens öffnen sich aber nur dem großmütigen Sieger!«
Der Fremde machte von neuem eine Pause und hüllte sich in eine Rauchwolke. Valentinens Augen hingen an seinem Mund. Jetzt fuhr er wie im Selbstgespräch fort:
»Es ist nicht das erstemal, daß ich mich in dem Hexenkessel der Empörung befinde. Noch sind nur wenige Monate verflossen, als ich in Wien Augenzeuge der Schrecken des Volksaufruhrs gewesen bin, -- freilich nicht als friedlich Außenstehender wie heute. Zu der unmittelbaren Umgebung des Grafen Latour gehörend, beobachtete ich, wie die Männer des Zentralausschusses und die knabenhaften Doktrinäre der akademischen Legion um die Konstitution feilschten, sah den bestialisch zugerichteten Leichnam dieses unerschrockenen Mannes an einen Laternenpfahl aufknüpfen und kämpfte in der Leopoldstadt mit den Truppen Windischgrätz. Die Erstürmung jeden Hauses glich einer Schlacht. Die mit bewunderungswürdigem Heldentum kämpfenden Verteidiger wurden von den aufs äußerste erbitterten Soldaten blind niedergemacht. Es war ein Gemetzel ohnegleichen!«
Der Fremde brach kurz ab. Valentine bemerkte den tiefen Eindruck, den die lebhafte Erinnerung auf den Erzähler machte. In seinem ernsten Gesicht zuckte es verstohlen, und die vom Feuer abgewendeten Augen waren halb geschlossen.
»Und was war die Ursache dieser Menschenschlächterei?« hob er mit halblauter Stimme wieder an, -- »das Volk verlangte Freiheiten und verbriefte Rechte darauf. Jeder unparteiisch Urteilende mußte eine Änderung der Verhältnisse gutheißen. Nur Starrköpfe waren es, die jede Konzession ablehnten.
Aber das Volk verscherzte sich selbst die Zuneigung der Billigdenkenden unter den Vertretern der staatlichen Autorität! Waren anfangs seine Forderungen gerecht, so wuchsen sie bald ins Maßlose. Jedes Zugeständnis stachelte die Begehrlichkeit an, und selbst die Besonnenen verstiegen sich zu unerfüllbarem Verlangen. Nachgiebigkeit wurde als Schuldbewußtsein betrachtet, Wohlwollen als Schwäche. -- Sie hätten fürs erste das Wenige nehmen sollen, das man ihnen bot.«
Der Fremde machte eine unwillige Handbewegung.
»Und nun wiederholte sich das alte Schauspiel, das aber, solange es Menschen gibt, immer wieder von neuem seine Auferstehung feiern wird: während die ehrenhaften Elemente noch schwankten, kamen die Dilettanten des Lebens, die Stümper, und vergifteten das letzte, was noch gesund geblieben war. Der massive Unverstand drängte die ehrlichen, wenn auch in traumhafte Wünsche verlorenen Führer beiseite. Der Pöbel gewann die Oberhand. Und damit ist noch immer der Kampf der Geister erdrosselt worden. Das schonungslose Ringen der blindwütigen Gewalten trat an seine Stelle. -- So war es in Wien, und so ist es jetzt hier!«
Da richtete sich Valentine aus ihrer zusammengesunkenen Haltung auf. Eine helle Röte färbte ihre bleichen Wangen, und ihre Augen leuchteten in seltsamem Glanz. Und während sie sprach, fielen von den Wimpern Tränen in ihren Schoß.
»Um wieviel besser,« begann sie mit unsäglicher Bitterkeit, »waren an der Donau die Fordernden daran, wenn man ihnen _wenig_ bot. Hier bot man ihnen nichts! Nur Tröstungen auf später! Seit dreißig Jahren erfüllt aller Herzen das unstillbare Sehnen nach einem geeinten deutschen Vaterland. Der Schmerz über die Zerrissenheit der deutschen Stämme bereitet selbst dem einfachen Mann tiefes Weh, und Schamröte färbt sein Gesicht, wenn er vernimmt, wie andere Völker mit unserer Uneinigkeit Spott treiben. Die hundertmal wiederholten Bitten des Volks fanden keine Erhörung! Auf wessen Seite liegt nun die Schuld, wenn nach allem fruchtlosen Mühen der Bürger zur Waffe greift und sein Zorn sich gegen die richtet, die aus Bangnis um ihre Vorherrschaft im Staat sich einem Wandel widersetzen? Den innern Frieden des Volks zu wahren und zu fördern, ist die heilige Pflicht der Obrigkeit. Warum verschließen die Regierenden den maßvollen Wünschen ihr Ohr? Warum weigern sich die Könige, die Reichsverfassung anzuerkennen? Die Männer, die in der Paulskirche in Frankfurt das schwere Werk schufen, sind die Besten des deutschen Volks, und ihre Beweggründe sind rein und selbstlos!«
Valentine hatte mit edler Wärme gesprochen. Ihre Stimme besaß einen metallischen Klang, und das Beben der Lippen verriet ihre tiefe Bewegung. Jetzt lehnte sie sich zurück und sah regungslos und mit weitgeöffneten Augen in die Flammen.
Der Fremde betrachtete das Mädchen verstohlen. Endlich erwiderte er:
»Die Entwicklung der inneren politischen Zustände des deutschen Volks seit den Freiheitskriegen hat die Hoffnungen nicht erfüllt, mit denen man nach Beendigung jener großen Tage dem Morgenrot einer neuen Zeit entgegenjubelte. Große Umwälzungen in der Geschichte der Deutschen haben sich immer langsam vollzogen. Unser Volkstum gleicht einem knorrigen Eichbaum, der nur widerstrebend das hergibt, was er besitzt. Und um seine Krone stattlich zu entfalten, bedarf es langer Jahre, währenddessen schwere Stürme über ihn hinbrausen und bis ins Innerste erschüttern. Aber sein Stamm ist fest und sein Mark gesund. Die Ungunst der äußeren Gewalten kann sein Wachstum wohl für eine Zeit hemmen, sie vermögen aber nicht, den Baum zu entwurzeln.«
Hier wich der Fremde von dieser Betrachtung ab und fuhr unvermittelt fort:
»Bei aller Anerkennung der Ideale, um derentwillen die Waffen jetzt erhoben worden sind, gilt dieser Kampf doch nur einer von vornherein aussichtslosen Sache. Denn es ist Wahnwitz, wenn die Sachsen ihren König zwingen wollen, die Reichsverfassung anzuerkennen, solange Preußen damit zögert. Überhaupt dieses Wort: Reichsverfassung! Es ist zum Schlagwort der Masse geworden, zum Zuckerbrot, mit dem die Führer sie gelockt, und zur Geißel, mit der man sie ausgepeitscht hat. Die bürgerlichen Kräfte reichten zu einer machtvollen Erhebung nicht aus, deshalb kam die Hilfe der Menge gelegen. Zu derselben Stunde aber, in der der große Haufe aufstand, verloren die Verständigen die Führung, und die schrankenlose Willkür entriß ihnen die Zügel. Es war nicht mehr die Sache der Gasse, sondern der Gosse. Jetzt denkt man gar nicht mehr an jene maßvollen Forderungen. Ein verheerender Sturm ist losgebrochen! Der Pöbel herrscht, und der Kampf gilt dem Umsturz!«
Valentine schwieg und blickte wie geistlos in das Feuer. Sie atmete schwer. Die züngelnden Flammen erschienen ihr wie verzerrte Fratzen, die sie mit höhnischem Lächeln ansahen und ihre blutigroten Arme nach ihr ausstreckten.
Da trat der Fremde an ihre Seite und legte ihr teilnehmend die Hand auf die Schulter.
»Mein liebes Fräulein,« sagte er in väterlichem Tone, »Sie sind ein Kind des Landes, und seine Not geht Ihnen zu Herzen. Aber Sie sollen Tröstung in Ihrem Wirken finden, das ihnen Gelegenheit gibt, die Wunden zu heilen, die dieser ruchlose Aufstand geschlagen. Wohltun und Barmherzigkeit üben, sind die edelsten Vorrechte des Weibes. Das tiefe Leid, das Ihre Seele erfüllt, wird durch das erhebende Bewußtsein gemildert werden, nichts gemein zu haben mit denen, die so lange geschürt, bis das Elend und der Jammer hereinbrachen.«
Das blasse Gesicht Valentinens wurde bei diesen Worten marmorweiß, und ihre Augen schlossen sich. Eine Weile verharrte sie unbeweglich, während der Fremde mit erregten Schritten im Zimmer auf und ab ging. Dann erhob sie sich mit Anstrengung, murmelte ein paar Dankesworte für die genossene Gastfreundschaft und verließ das Zimmer.
Fünfzehntes Kapitel
Im Hotel herrschte lautlose Stille. Mit eiserner Beherrschung erfüllte Valentine bei ihren Kranken noch die letzten Verrichtungen für die Nacht. Dann wies sie die Magd an, sich zur Ruhe zu begeben. Das junge Mädchen mit dem blassen, schmalen Gesicht und den großen, stillen Augen beharrte jedoch darauf, die Nacht im Lehnstuhl inmitten der Kranken zu verbringen und bat sie, sich selbst auszuruhen. Da ging Valentine in das von dem Fremden überlassene Nebenzimmer und legte sich unausgekleidet auf ein Bett.
In derselben Nacht, in der in dem kleinen Bürgerhaus auf der Brüdergasse, worin jahrzehntelang ohn' Unterlaß der köstlichste Frieden treu gehegt worden war, die beiden alten Leute von furchtbaren Seelenqualen gepeinigt keinen Schlaf fanden, wachte ihr Kind an einer der Stätten dem Morgen entgegen, wo während des Tages der blutige Kampf am erbittertsten getobt hatte.
Die Rede des Fremden hallte Valentine unaufhörlich im Ohre wider, und die fürchterliche Wahrheit seiner Worte grub sich ihr tief ins Herz. Wesenlose Schattengestalten stiegen in der Dunkelheit vor ihren Augen herauf, umwandelten gespenstisch ihr Lager und setzten sich zu ihr auf das Bett. Das sind die unerbittlichen Geister der Zwietracht und des Hasses, hörte Valentine eine Stimme sagen, die auch du hast beschwören helfen.
Und sie dachte an ihre glückliche Kindheit, an ihren geliebten Vater, der, wie sie jetzt wußte, aus seinem Traum, die Menschheit zu beglücken, verhängnisvoll erwacht war, und an die stille Mutter, die bei diesem allen unsäglich litt.
Grenzenlose Traurigkeit zog in des Mädchens Herz und lähmte ihr die Kraft, zu wollen und zu hoffen. Wie sah doch jetzt alles ganz anders aus! Eine einmütige Kundgebung gegen die Weigerung der Regierung, ein flammender Protest des ganzen Landes, der den Ernst des Volkswillens offenbarte, hätte das Äußerste sein dürfen, wozu ein wirklicher Freund des Volkes raten konnte. Was darüber hinaus geschehen, war schreckenvoll!
Valentinens scharfer Verstand erkannte jetzt deutlich, daß der Fremde recht hatte. Das Wort Reichsverfassung hatte als schmetternde Fanfare gedient, bestimmt, das Volk in die Höhe zu reißen, als Losung, um den schon lange im Lande weilenden, aber noch gefesselten Geist der Empörung mit einem Schlage zu befreien. Der Aufstand war eine Machtprobe! Die Regierung sollte erfahren, daß man sie zu allem zwingen könne.
Und selbst wenn diese Probe gelang, was war ihr Erfolg? Sollte der König, sofern er bei seiner Weigerung blieb, zur Abdankung gezwungen und die Republik ausgerufen werden? -- Nein! An dem monarchischen Grundpfeiler des sächsischen Staates hatte wohl kaum einer der Führer, die am Anfang an der Spitze der Bewegung standen, rütteln wollen!
Valentine stöhnte auf unter einer zermalmenden Schuld. Auch sie hatte den Kampf herbeigesehnt, sie -- ein Weib! Wie jene gutgesinnten, lebensreifen Männer, hatte die Bewegung auch sie mit fortgerissen. Die sonst nicht leicht für eine gemeinsame Idee zu sammelnden Sachsen -- hier, wo es der Verwirklichung einer der großen Sehnsuchten des deutschen Volkes galt, -- hatten sich alle einmütig zusammengefunden. Nur war das Land, in das sie ihre Blicke mit heißem Verlangen richteten, ein Traumland -- -- --
Aber die nüchterne Wirklichkeit ist unduldsam gegen die Träger nationaler Hochziele, wenn sie eine gewaltsame Änderung der Machtverhältnisse im Lande herbeiführen wollen. Der graue Alltag haßt die leuchtenden Farben am Himmel der Idealisten und nennt diese Schwärmer.
Auch an die Männer dachte Valentine, die ihr Leben freudig einsetzten und die kaum verstanden, wie rechtlos der Kampf war. Und wieder trat das reine Bild des Vaters vor ihr Auge. Ein furchtbarer Alp legte sich auf sie. Und sie hörte eine Stimme aus der Tiefe ihres starken Herzens heraufschallen: seine Schuld!
Da schrie das Mädchen in namenlosem Weh auf. Ihre Lippen bewegten sich, als ob sie bete, und ihre Augen suchten angstvoll nach einer Tröstung.
So hatte Valentine bis gegen Mitternacht gelegen. Da hörte sie, wie im Nebenzimmer ein Kranker wiederholt um einen Trunk Wasser bat. Entschlossen riß sie sich aus ihren qualvollen Träumen, sprang vom Bett auf und machte eine Bewegung, als wenn sie alle Schwäche von sich abwerfen wolle.
Sie ging in die Krankenstube und sah die junge Magd in tiefem Schlaf. Da reichte sie dem Fiebernden das Glas und ordnete mit liebevoller Schonung sein Lager. Dann setzte sie sich auf den Holzstuhl zur Seite des schlafenden Mädchens und horchte gespannt auf die Atemzüge der Kranken.
Als die ersten Schimmer des jungen Tages hereinbrachen, wurden die Schläfer im Hotel Stadt Rom wach. Das Schweigen der Nacht zog auf den Flügeln der scheidenden Finsternis von dannen, und dumpfes Stimmengewirr und Poltern hob an, denen alsbald Waffenlärm und das Getöse des Gewehrfeuers folgten. Um die vierte Stunde rollte mit dem letzten Glockenschlag der Frauenkirche wieder der erste Schuß durch die feierliche Stille des Sonntagmorgens.
Auf den im Frührot schimmernden und von der heraufsteigenden Sonne golden gefärbten Dächern der Häuser am Neumarkt saßen die Amseln und pfiffen unermüdlich in die neu erwachte Frühlingspracht hinein. Beim Krachen der ersten Schüsse aber schwiegen die munteren Sänger und flogen erschreckt davon, dem Menschen die entweihte Stätte des Friedens überlassend.
Valentine hatte die Betten aus den Zimmern des Fremden in das neue Krankenzimmer bringen lassen. Es währte auch nicht lange, bis wieder Verwundete ihre Hilfe suchten. Doch waren es zum Glück nur leichte Verletzungen, die von Streifschüssen oder von ermatteten Kugeln herrührten. Als aber am Brühlschen Palais ein Geschütz auffuhr und seine Geschosse dröhnend in das Mauerwerk des Hotels einschlugen, wurden auch Schwerverwundete hereingetragen.
Deshalb atmete Valentine auf, als der junge Arzt wieder erschien, der bereits am Abend vorher die Kranken besucht hatte. Er sah todmüde aus, als wenn er während der ganzen Nacht kein Auge zugetan hätte. Rasch legte er die nötigen Verbände an und bezeichnete die Kranken, die er im Laufe des Vormittags nach der Klinik bringen lassen würde.
Nachdem er gegangen war, widmete sich Valentine wieder ihren Pflegebefohlenen. Unermüdlich ging sie von einem zum andern, reichte den Begehrenden Nahrung und versuchte, den Schwerleidenden ihre Qualen mit tröstenden Worten zu erleichtern. In ihrem Herzen hatte sich alle Weichheit befreit, und ein unendliches Mitgefühl für ihre Kranken war in dem Mädchen erwacht.
Von den Vorderzimmern tönte unausgesetzt das Krachen der Gewehre herein. Valentine sah, welche Pein der Lärm manchem Verletzten bereitete. Und es tat ihr weh, daß sie die Schwerleidenden nicht davor bewahren konnte.
Da deutete die Magd nach der Tür, und als sie hinsah, bemerkte sie den weißhaarigen Kopf des Dieners in dem Spalt.
»Mein Herr läßt noch einmal bitten,« flüsterte der Alte.
Als Valentine in das Zimmer des Fremden trat, saß dieser mit dem grünen Schirm über den Augen vor einem geöffneten Koffer. Um ihn herum standen Reisekörbe, und den Fußboden und die Stühle bedeckten Kleider und allerhand Gegenstände.
Bei ihrem Eintreten stand der Fremde auf und führte Valentine zum Kamin, zu dessen beiden Seiten sie sich niedersetzten.
»Das ist noch die einzige Stelle, wohin die Brandung nicht reicht,« sagte er, auf die wirr durcheinanderliegenden Sachen zeigend. »Wie Sie sehen, ziehe ich aus.«
»Ich habe mich gewundert, daß Sie diesen schreckenvollen Ort nicht schon längst verlassen haben,« antwortete Valentine.
Der Fremde zuckte mit den Achseln.
»Die erst vor kurzem vorgenommene Operation meiner Augen verbot eine frühere Übersiedelung. Heute hat mir der Arzt diese erlaubt. Ich werde im Kurländer Haus Wohnung nehmen. Der Wagen, mit dem ich dahin fahre, wird verdunkelt; -- so wird es wohl ohne Schaden gehen.«
Valentine machte einen Versuch zu lächeln.
»Wissen Sie auch,« sagte sie, »daß mir Ihr Fortgehen Freude bereitet?«
»Sie müßten keine treue Sorgerin Ihrer Schutzbefohlenen sein,« antwortete der Fremde, »wenn Ihnen der Zuwachs an Krankenzimmern nicht willkommen wäre. Ich verstehe das. Leider finden Sie nur noch zwei Betten vor. Aber wollene Decken kann ich Ihnen dalassen.«
Valentine dankte durch Neigen des Kopfes.
»Der nicht aussetzende Feuerlärm tagsüber,« fuhr der Fremde fort, »war ja bisweilen recht störend. Aber ich saß doch in diesen Hinterzimmern ziemlich sicher. Jetzt befürchte ich freilich, daß diese Sicherheit nicht mehr lange dauern würde.«
Und als er bemerkte, daß Valentine ihn fragend ansah, fügte er hinzu:
»Die Leute, die vorn an den Fenstern stehen, sind mutige Männer. Ich habe mich vorhin überzeugt, mit welcher Kaltblütigkeit sie schießen. Es ist nur schade, daß sie nicht für eine bessere Sache kämpfen. Sicherlich werden sie auch tapfer aushalten, wenn Mann gegen Mann steht. Und das wird, wie ich vermute, nicht mehr lange ausbleiben.«
»Glauben Sie, daß die Truppen angreifen werden?« fragte Valentine, sich jäh aufrichtend.
»Wenn ich richtig urteile,« erwiderte der Fremde, »haben sie schon zu lange damit gezögert. Vielleicht fühlten sie sich zum Angriff noch nicht stark genug. Aber wie ich hörte, sind jetzt preußische Truppen zu Hilfe gekommen. Auch das Geschützfeuer, mit dem sie das Haus in Trümmer legen werden, weist auf ein baldiges Vorgehen.«