Rund um den Kreuzturm: Roman aus den Dresdner Maitagen von 1849
Part 15
Am Rathauseingang sperrte eine dichte Kette von Ratsdienern den Zutritt. Als Heinrich den Advokaten Marschall nannte, dem er eine wichtige Nachricht zu überbringen habe, ließ man ihn ungehindert durch.
In dem geräumigen Flur stand eine Anzahl Pulverfässer. Von einigen war der Deckel abgeschlagen, und der Inhalt lag in Haufen auf den Steinfliesen. Etwa ein Dutzend Männer war mit Patronenanfertigen beschäftigt.
Heinrich hatte starke Nerven. Als er aber die Sorglosigkeit sah, mit der diese Männer inmitten der Pulvermassen arbeiteten, und als er gar bemerkte, daß etliche offene Pfeifen und selbst Zigarren rauchten, fühlte er einen Schauer. Schon der Inhalt weniger Fässer würde vollauf genügen, das Rathaus in die Luft zu sprengen.
Da fiel sein Blick durch die offene Tür auf den Hof, wo er in der letzten Nacht geschlafen hatte. Der große Haufen Brote war verschwunden. An seiner Stelle stand jetzt die Ratsspritze, deren gewaltiger Bauch gerade mit Spiritus gefüllt wurde.
Heinrich trat hinzu und erfuhr aus den Reden der Umstehenden, daß noch einmal der Versuch unternommen werden sollte, das Prinzenpalais in Brand zu stecken. Man wollte sich unter dem Schutze der Nacht heranschleichen und durch eingeschlagene Fenster den Spiritus hineinspritzen und brennende Pechkränze hinterdreinwerfen. Ein anderer erzählte von einem Plan, nach dem Freiberger Bergleute das Schloß unterminieren und mit Hilfe allen entbehrlichen Pulvers dem Erdboden gleichmachen wollten.
In der Mitte des Hofes standen wieder Pulverfässer. Daneben hingen über offenen Feuern große eiserne Kessel, in denen Pech gesiedet wurde. Wenn der Wind in die lodernden Holzscheite fuhr, schlugen die Flammen hoch auf, und die knisternden Funken wurden über den Hof und über die offenen Pulverfässer hinweggeweht.
Heinrich faßte sich an die Stirn. War das Wirklichkeit, was er da sah? Oder äffte ihn ein närrischer Traum?
Dort lief zwischen den Feuerstellen der Musikdirektor Röckel herum und stellte die Leute an. Jetzt ging dieser zu den Arbeitern, die lange eiserne Stäbe mit einem Maschinenmesser durchschnitten. Die so gewonnenen kurzen Eisenzylinder hatte Heinrich schon verwenden sehen: sie bildeten die furchtbare Munition für die Burgker Kanonen an der Schloßgassenbarrikade. Hatten denn diese Männer hier alle Besinnung verloren? Ein einziger der umherstiebenden Funken in das Pulver -- --
Starrköpfig schritt Heinrich die Rathaustreppe hinauf. Mochte kommen, was wollte. Er ging der Gefahr nicht aus dem Weg! Auf den Barrikaden würde er freilich einen schöneren Tod sterben, als wenn er mit dem Rathaus in die Luft flöge. Nun, lange brauchte er sich hier nicht aufzuhalten, dann wollte er wieder kämpfen. Nur nach Valentine und Frau Marschall mußte er noch fragen.
Das Innere des Rathauses glich dem Hauptquartier einer geschlagenen Armee. Auf den Treppen und Korridoren herrschte ununterbrochenes Laufen und Hasten, und dumpfes Stimmengewirr erfüllte die Luft.
Freischärler mit Gewehren, andere mit Piken, einige sogar mit Sensen eilten hin und her oder standen in lebhaft verhandelnden Gruppen zusammen. Überall Wirrwarr und Aufgeregtheit. Jeder ordnete an, keiner gehorchte.
Männer mit roten Schärpen und den bekannten breiten Hüten, worauf kühn geschwungene Hahnenfedern wippten, an der Seite einen schleppenden Reitersäbel, erteilten mit hochtrabenden Worten und unter herrischen Gebärden Weisungen, denen drei andere gleichzeitig widersprachen. Die Befehle wurden abgeändert, erweitert, eingeschränkt, -- jedesmal wiederholte sich der Einspruch der Empfänger. Erneute Änderungen und Gegenbefehle. Bis zuletzt keiner mehr wußte, woran er war. Da wurde alles widerrufen. Die Gruppen gingen entrüstet und schimpfend nach allen Seiten auseinander, und die Rotschärpen suchten sich wichtigtuerisch einen neuen Kreis, wo sich das alte Spiel des langen Schwadronierens wiederholte.
Als Heinrich den großen Rathaussaal betrat, fand er diesen ebenfalls mit Menschen gefüllt. Hier sah er auch noch Kommunalgardisten. Auf die Gasse wagte sich diese Bürgerwehr schon lange nicht mehr, da sie überall tätlich angegriffen wurde.
Schreiber liefen in Eile vorbei, die ihres Amtes entsetzten Stadträte standen beratend beieinander und Freischärler stolzierten herum in lächerlichen Phantasieuniformen und mit mittelalterlichen Spießen, die aus bürgerlichen Waffensammlungen entwendet waren. Auch verängstigte Frauen waren da, die Nachricht über ihre Männer zu erhalten hofften, kommende und abgehende Boten und verhaftete vornehme Bürger, von einem Wall von Pikenmännern umgeben. Den Grund ihrer Festnahme kannte zumeist weder der Verhaftete noch sonst jemand.
Wohin Heinrich blickte, sah er aufgeblasene Mienen, Wichtigtuerei und Kopflosigkeit. Überall wurde geschrien, gelacht, geraucht und auf den Fußboden gespuckt. Schnaps- und Weinflaschen gingen herum, und die Verhafteten wurden verhöhnt und mit unflätigen Reden bedacht.
Da bemerkte Heinrich einen Schreiber des Advokaten Marschall, der jetzt wohl im Dienst der provisorischen Regierung stand. Von ihm erfuhr er, daß Marschall noch nicht hier sei, aber schon längst erwartet würde. Heinrich beschloß, ebenfalls zu warten, und drängte sich in eine Ecke des Saals.
Hier stand im Halbkreis eine Anzahl Kommunalgardisten, hinter denen an einem langen Tisch ein einzelner Mann saß. Vor ihm war eine große Landkarte von Sachsen ausgebreitet und daneben ein Plan von Dresden, den er sorgfältig studierte. Der Mann gefiel Heinrich nicht. Er hatte ein bleiches Gesicht, das ein ungepflegter, schwarzer Bart umrahmte, und eine leichtgekrümmte, scharfgeschnittene Nase.
Jetzt trat ein Offizier in einer wunderlich aufgeputzten Uniform zu dem Sitzenden und sprach mit ihm.
»Wer sind denn diese beiden?« fragte Heinrich einen älteren Kommunalgardisten.
Der Angesprochene, ein biederer Dresdner, legte seinen Mund an Heinrichs Ohr und raunte ihm zu:
»Derde schtehd, is Owerschtleidnand Heinze, der Kommandand unsrer Streidkräfde, un derde sitzd, is Bakunin.«
»Bakunin?«
Der Schwarzgelbe nickte geheimnisvoll und in sichtlicher Ehrfurcht, und als er bemerkte, daß seine Mitteilung auf Heinrich wenig Eindruck machte, belehrte er ihn mit väterlichem Wohlwollen:
»Das is Sie ä sehr bedeidender Mann, junger Freind! An dänn kann keener ran, der dirichierd Sie nämlich de Refoluzjon ganz alleene. In dänn sein' Händn liechen alle Ziechel.«
»Ich denke, die provisorische Regierung bilden Tzschirner, Heubner und Todt?« fragte Heinrich erstaunt.
»Nich mähr,« entgegnete der Wackere redselig. »Uff Dod is schon garnich mähr ze rechnen, der is heide nachd ausgerissen wie Schafläder. Heibner war glei vun vornerein bloß ä kleenes Binkdchen, un wie 'r sich uffblies, worde änne große Null draus. Freilich, was Tzschirner is, der is ja nich von Babbe! Nee, das kännde mr weeßknäbbchen ni sagen. Aber Bakunin is'n ieber. Er is zwar bloß ä Bole ...«
Heinrich war überrascht.
»Ein Fremder leitet in diesen schweren Stunden unsere sächsische Sache?« fragte er ungläubig. »Das ist doch eine himmelschreiende Schmach!«
Der Kommunalgardist erschrak heftig und sah sich schnell um.
»Ei, Herrcheeses!« entfuhr es ihm. »Härnse, seinse bloß dadermid mucksmeischenschtill! Wär wärdn in so änner äffendlichen Umgäwung sulche Rädn fiehrn?«
Hiermit hatte er seinen Schreck aber schon verwunden. Er machte ein dummschlaues Gesicht und fügte hinzu:
»Ich sag nich so un nich so. Nachher heeßt's allemal glei: Bietsch had so oder so gesagd!«
Und als er bemerkte, wie sich Heinrichs Entrüstung nicht verringerte, setzte er tröstend hinzu:
»Bakunin kennse ieberallhin holn, wose refoluzjoniern wulln. Das is ähm nu so seine Spezjaledäd, wie m'r im Läb'n ze sagen pflächt. Dadermit had'r was los. Allebunnähr!«
Heinrich hörte gespannt nach dem Tisch hin. Da hörte er den Kommandanten sagen:
»Diese roten Punkte auf dem Stadtplan -- rund um den Kreuzturm -- stellen die Barrikaden dar. Durch sie halten wir in Altstadt die wichtigsten Straßeneingänge besetzt. Es sind einhundertacht, alle nach Sempers Angaben gebaut.«
Die Männer beugten sich über die Karte und Bakunin machte eine Bemerkung, die Heinrich nicht verstand.
»Allerdings hat das Leibregiment den Zwingerwall gestürmt,« antwortete, sich aufrichtend, der Kommandant, »aber es wird nicht lange dauern, dann haben wir ihn wieder. Sie können sich dort unmöglich halten; das Feuer der Unsrigen an der Ostraallee wird die Truppen dezimieren. In einer Stunde lasse ich den Wall mit dem Bajonett nehmen.«
Während sich Bakunin von neuem in den Stadtplan vertiefte, trat erhitzten Gesichts ein Turner an den Kommandanten heran und meldete, das Turmhaus und die Gebäude an der Ostraallee könnten nicht mehr lange gehalten werden. Die Verteidiger erlitten unter dem Feuer der Truppen die schwersten Verluste, und die Kompagnien auf dem Zwingerwall zögen schon Verstärkungen heran, vermutlich, um das Turmhaus zu stürmen.
Oberstleutnant Heinze hieß den Boten mit einer heimlichen Bewegung schweigen. Dazu sah er verstohlen auf Bakunin, der jedoch so in den Stadtplan vertieft war, daß er die Meldung nicht gehört hatte. Nun versprach der Kommandant der Turmhausbesatzung sofortige Verstärkung. Aber er verlangte, daß das Gebäude um jeden Preis behauptet werden müsse. Hierauf verschwand der Bote eiligst.
Jetzt sah Bakunin wieder auf.
»Wir können unsere Stellungen also überall halten?« fragte er.
Der Kommandant lächelte überlegen.
»Halten?« erwiderte er, »vorgehen werden wir. Heute mittag soll der Zwinger in unserm Besitz sein. Die Geschütze auf der Barrikade bei Stadt Gotha werden den Schloßflügel über dem Georgentor binnen kurzem in Trümmer geschossen haben. Bis dahin wird es auch gelungen sein, das Taschenbergpalais in Brand zu setzen. Darauf ziehe ich alle Reserven zusammen und nehme das Schloß im Sturm.«
Heinrich starrte den Kommandanten an. Das Schloß stürmen? Der Mann war ein Großsprecher und verstand sicherlich nicht, was es hieß, einen so gewaltigen und stark besetzten Bau anzugreifen. Und von Reserven sprach er? Meinte er damit das verkommene Gesindel, das sich in den Gassen herumtrieb?
Unterdessen empfing Bakunin eine Reihe von Meldungen und gab den Boten kurze schriftliche Befehle mit oder beschied sie mündlich.
Da trat Stadtrat Meisel heran und bat um die Erlaubnis, die in den Häusern zwischen Stadt Gotha und dem Schloß wohnenden Familien auszuquartieren und in der Lüttichaustraße unterzubringen. Diese Häuser der Schloßgasse seien aufs ärgste bedroht.
Bakunin zuckte geringschätzig mit den Achseln.
»Was -- Häuser,« antwortete er wegwerfend, »laßt sie in die Luft fliegen! Meinetwegen mögen die Bewohner sie räumen. Aber die Barrikadenbesatzung soll deshalb das Feuer nicht für eine Minute unterbrechen.«
Stadtrat Meisel wandte sich eilends ab.
»Das ganze Erzgebirge ist im Aufstand,« hob der Kommandant wieder an. »Zu jeder Stunde können wir bedeutende Zuzüge erwarten.«
Bakunins Gesicht verriet, daß er an die Verstärkungen nicht recht glaubte.
»Tzschirner soll sogleich Boten über das ganze Land gehen lassen,« befahl er, »mit der strengen Aufforderung an die Ortsbehörden, alle Kampffähigen bewaffnet und auf schnellen Wagen nach der Hauptstadt zu senden.«
Kommandant Heinze verbeugte sich und trat ab.
Neue Boten kamen und gingen. Unermüdlich empfing Bakunin ihre Meldungen, erteilte Befehle und gab Anordnungen. Ratsmitglieder gingen ab und zu, ebenso Schreiber, die seinen Namen unter Aufrufe setzen ließen und Briefe brachten, worin über die Stimmung auf dem Lande berichtet wurde.
Dazwischen beriet Bakunin mit Führern des Aufstands die Lage. Mit scharfem Verstand erfaßte er sofort das ihm Vorgetragene, stellte Kreuz- und Querfragen, hieß den Sprechenden schweigen und schickte ihn fort, wenn es ihm beliebte. Keiner war so kaltblütig und für ein so rücksichtsloses Vorgehen wie er. Bewunderung und Scheu lagen auf den Mienen der mit ihm Sprechenden. Viele zitterten vor ihm.
Jetzt stand der Ratswachtmeister Meyer vor dem Gewaltigen.
»Sie haben sich geweigert,« sagte dieser mit einem lauernden Blick, »die Pulverfässer in den Flur des Rathauses bringen zu lassen!«
Der Wachtmeister ließ sich nicht einschüchtern.
»Die Leute gehen mit dem Pulver leichtsinnig um,« versetzte er, »das Rathaus ist in Gefahr. Der Stadtrat hat angeordnet ...«
»Angeordnet!« brauste Bakunin auf. »Der Stadtrat ist jetzt eine Null!«
»Ich will die Vorräte hinüber ins Chaisenhaus bringen lassen ...«
»Die Fässer bleiben hier!«
»Die provisorische Regierung hat es angeordnet,« fuhr der Wachtmeister beharrlich fort und griff in die Tasche. »Hier ist der schriftliche Befehl, unterzeichnet von Herrn Tzschirner selbst.«
Bakunin schlug dem Wachtmeister das ihm vorgehaltene Blatt aus der Hand und maß den Widerspenstigen mit kaltem Blick.
»Hören Sie,« sagte er gelassen, aber in einem Ton, der verriet, daß er vor nichts zurückschrecke, »ich habe Sie schon lange beobachtet. Sie sind ein ganz Gefährlicher! Noch ein Wort und dann ...«
Der Wachtmeister verbiß seine Wut. Aber seine starken Schultern zitterten. Am liebsten hätte er sich auf den Verhaßten gestürzt und ihn erwürgt.
Da entdeckte Bakunin mit einem Seitenblick Tzschirner im Saal und rief ihn heran.
»Sie wollen das Pulver fortbringen lassen?« fragte er stirnrunzelnd.
»Ich glaubte ...«
»Wir dürfen es der Menge nicht preisgeben. Nirgends steht es geschützter als im Rathaus!«
Tzschirners Unsicherheit wuchs.
»Die hohe Gefahr, in der das Rathaus und wir alle schweben,« versetzte er.
Bakunin lächelte heimtückisch.
»Ich fürchte die Gefahr nicht ...«
Tzschirner sah das Blatt, das seine Unterschrift trug, auf dem Tisch liegen. Er griff danach, knüllte es zusammen und warf es auf den Fußboden.
»Es ist gut, Meyer,« sagte er zu dem Wachtmeister, »Sie können gehen. Lassen Sie die Fässer hier. Wir müssen das Pulver jederzeit zur Hand haben.«
Der Wachtmeister entfernte sich widerwillig, und die beiden Männer sprachen weiter miteinander, ohne den Vorfall noch einmal zu erwähnen.
»Wie ich höre,« versetzte Bakunin, »zieht sich die Bürgerschaft vom Kampf immer mehr zurück. Wir müssen die angesehensten Bürger der Stadt verhaften lassen, um ihnen zu zeigen, daß wir die Gewalt besitzen, sie zum Kampf zu zwingen.«
»Ich habe schon eine große Anzahl von Verhaftungen vorgenommen,« erklärte Tzschirner.
»Sicher noch zu wenig. Das hochmütige Bürgerpack muß eingeschüchtert werden, sonst wirkt das böse Beispiel auf andere. Auch Frauen müssen Sie festsetzen lassen! Das zwingt den Starrsinn der Männer weit besser, als wenn wir sie selbst einsperren.«
Jetzt wandte sich Heinrich zum Gehen. Was er hier gehört, wühlte sein Innerstes auf. Die Luft im Saal erschien ihm mit einem Mal erstickend. Er vermochte nicht mehr länger auf Herrn Marschall zu warten. »Kämpfen, kämp ... fen!« schrie in ihm eine Stimme.
Als er auf den Altmarkt trat, sah er Professor Richter auf das Rathaus zuschreiten. Rasch lief er zu ihm hin und fragte nach Frau Marschall. Professor Richter war noch nicht bei ihr gewesen, lobte aber, als er die Umstände erfuhr, Heinrichs Entschlossenheit, mit der er die Kranke aus dem brennenden Hause gerettet hatte.
Dann erkundigte sich Heinrich nach Valentine. Die wäre seit gestern abend im Hotel Stadt Rom, beschied ihn der Professor, wo sie den Verwundeten die erste Hilfe spende. Damit ließ er den jungen Mann stehen und eilte weiter.
Hocherfreut, Valentine endlich zu sehen, schlug Heinrich den Weg nach dem Neumarkt ein. Als er gestern das Hotel verließ, hätte er nicht gedacht, daß er heute dahin zurückkehren würde. Am liebsten hätte er freilich auf der Schloßgassenbarrikade gefochten. Aber nun Valentine in Stadt Rom weilte, wollte er auch dahin. Er würde in ihrer Nähe kämpfen, und sie legte Verbände an. Vielleicht auch ihm einen? -- -- Was tat's!
Vierzehntes Kapitel
Nachdem Valentine das elterliche Haus verlassen hatte, war sie nach dem Zeughausklinikum gegangen, um Professor Richter ihre Dienste anzutragen. Dort traf sie ihn auch. Als Valentine bat, sie als Pflegerin zu behalten, lobte der Professor ihren Opfersinn und wies sie an, ihn sogleich durch die Krankensäle zu begleiten, da gerade die Verbände der Verwundeten gewechselt würden.
Wie Valentine die schweren Verletzungen sah, schien es ihr freilich, daß sie ihre Kraft überschätzt habe. Aber sie war zu stolz, Schwäche zu zeigen, und gewöhnte sich allmählich an den Anblick. Aufmerksam achtete sie auf die Handreichungen der andern Pflegerinnen und bemühte sich, es ihnen nachzutun. Ihr starker Wille und ihre natürliche Geschicklichkeit für praktische Verrichtungen halfen ihr bald über die ersten Schwierigkeiten hinweg.
Professor Richter rief Valentine an seine Seite und zeigte ihr, wie Blutungen zu stillen und Wunden zu reinigen und zu verbinden seien. Mit vielem Bedacht ging Valentine ihm zur Hand und empfand heimliche Befriedigung, als ihre Versuche, es selbst zu tun, glückten und als der Arzt seine Zufriedenheit aussprach. Da verlor sich die anfängliche Zaghaftigkeit, und ihre Handgriffe wurden sicherer. So half sie während des ganzen Nachmittags.
Am Abend brachte Professor Richter das Mädchen nach dem Hotel Stadt Rom, wo sie fortan selbständig Hilfe leisten sollte. Gerade an dieser Stelle wurden viele Kämpfer verwundet, da das Haus vom Johanneum und von der Frauenkirche her andauernd mit starkem Feuer überschüttet wurde.
In dem Hotel fand Valentine denn auch eine erhebliche Anzahl Verletzter vor, die der ersten Hilfeleistung harrten. Mit unendlicher Geduld ging sie an die ernste Arbeit und wurde nicht müde, den Schwerverwundeten Trost zuzusprechen und die Verletzungen nach den Weisungen des Professors zu behandeln.
Die Dunkelheit war längst hereingebrochen, als das Feuer schwieg. Da erst konnte Valentine auch an sich denken.
Zwar empfand sie große Müdigkeit. Aber ein köstliches Frohgefühl bewegte ihre Brust und ließ sie die Abspannung vergessen. Das Bewußtsein, die Leiden der Unglücklichen zu mildern, machte ihr Herz höher schlagen. Manche bleiche Lippe hatte der jungen Samariterin bebend Dank gestammelt und manches tränenerfüllte Auge ihren Trostspruch stumm gelohnt, wenn der fliegende Atem den Schwerverwundeten der Sprache beraubte.
Valentine fühlte jetzt deutlich, welche Wandlung sich in ihrem Innern vollzogen hatte.
Noch vor wenigen Tagen, als die Bewegung immer drohender wurde bis der Aufstand ausbrach, hatte sie bedauert, ein Weib zu sein, das nicht in die Reihen der Kämpfenden treten konnte. Als aber das Gefecht begonnen und sie von den ersten Verwundeten gehört, als Professor Richter erzählt hatte, wie schnell die Zahl der Opfer des Kampfes wachse, und als sie sich endlich bewußt geworden war, wie furchtbar schwer die Verantwortung auf den Leitern der blutigen Erhebung ruhte, da hatte sich alle Härte und Schroffheit gleichsam über Nacht aus ihrem Herzen gestohlen! Und zu dem allen wußte sie sich mitschuldig. Hatte sie doch nicht nur insgeheim, sondern auch mit vorschnellem Wort den Eintritt der Katastrophe herbeigewünscht. Jetzt aber, wo die Entsetzlichkeit des Krieges ihr vor Augen stand, erhob sich laut die Stimme ihres Herzens. Und sie mußte helfen, lindern und Barmherzigkeit üben, bis ihr die Kraft versagte!
Nachdem mit Einbruch der Dunkelheit das Gewehrfeuer endlich geschwiegen, war in Stadt Rom sehr bald tiefe Ruhe eingetreten. Von den ersten Morgenstunden bis in die sinkende Nacht hinein hatten die Männer im Feuer gestanden. Jetzt machte sich die hohe Abspannung geltend. Nur einige verlangten nach Nahrung. Die meisten waren zum Umsinken müde und legten sich nieder, wo sie gerade standen. In allen Zimmern waren die Fußböden mit Schläfern bedeckt.
Die Hotelbetten waren schon beim Ausbruch des Kampfes in zwei nach dem Hofe zu gelegenen Stuben gebracht worden. Hier lagen die Verwundeten, zu deren Pflege eine Magd des Hotels Valentine beistand.
Als das Feuer eingestellt war, meldeten sich noch ein paar Leichtverletzte, die im Eifer des Kampfes ihre Wunden nicht beachtet hatten. Bestürzt sah sich Valentine um. Sie hätte auch ihnen gern Lagerstätten angewiesen, aber alle vorhandenen Betten waren bereits belegt. Und sie bangte für den nächsten Tag, der ihr wieder neue Verwundete bringen würde.
Da erfuhr sie von der Magd, daß in den Zimmern nebenan ein vornehmer Gast wohne. Der Besitzer des Hotels habe ihm wiederholt eindringlich vorgestellt, wie sein Leben aufs höchste bedroht sei. Aber der Fremde hätte sich geweigert, das gefährdete Haus zu verlassen. Vielleicht würde er auf das anstoßende Zimmer, in dem sich noch zwei Betten befänden, zugunsten der Kranken verzichten.
Schnell entschlossen ließ sich Valentine nach dem Zimmer dieses Gastes führen. Auf ihr Klopfen trat ein weißhaariger Diener in Livree, mit Kniehosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen heraus, die Tür hinter sich schließend.
Valentine brachte ihre Bitte vor. Der Glattrasierte, seiner Sprache nach ein Österreicher, versicherte, daß auf das Zimmer nicht verzichtet werden könne. Die Schilderung des Mangels an Raum und Betten für die Verwundeten beantwortete er mit bedauerndem Achselzucken. Da verlangte das Mädchen mit bestimmten Worten, daß er sie zu seinem Herrn führe. Eine kurze Weile blieb der Befrackte unschlüssig, dann öffnete er geräuschlos die Tür und verschwand hinter ihr.
Während Valentine voll Unruhe wartete, mußte sie an den seltsamen Gast denken, der es verschmähte, ein sicheres Quartier aufzusuchen. Da erschien der Diener von neuem und bat sie, einzutreten.
In dem großen Raum brannte eine einzige Kerze, die nur die nächste Umgebung notdürftig erhellte. Am Tisch saß ein Herr im Alter von etwa fünfzig Jahren und von vornehmem Aussehen. Beim Eintreten Valentinens wandte er sich im Stuhl nach der Tür und nahm einen grünen Augenschirm von der Stirn.
Valentine schritt unbefangen zu dem Sitzenden hin, der sie während ihres Näherkommens aufmerksam betrachtete. Plötzlich stand er auf, machte dem Mädchen eine Verbeugung und lud sie mit einer stummen Handbewegung zum Sitzen ein.
Der Fremde hatte ein scharfgeschnittenes Gesicht von ernstem Ausdruck. Sein Schnurrbart und das Haar an den Schläfen waren grau. Er schien das Bedürfnis zu haben, seine Augen zu schonen. Denn während er Valentine fragend ansah, legte er die Hand an die Stirn, um selbst das dämmrige Kerzenlicht noch zu dämpfen.
»Ich pflege hier im Hause die Verwundeten,« begann Valentine ohne Umschweife. »Und da es mir morgen an Raum fehlen wird, die Verletzten unterzubringen, so bitte ich Sie, mein Herr, mir ein Zimmer von den Ihrigen abzutreten.«
»Sehr gern,« antwortete der Fremde ohne zu zögern. »Kann ich Ihnen sonst noch helfen? Brauchen Sie Betten? In meinen Zimmern befinden sich noch einige, die ich Ihnen zur Verfügung stelle.«
Valentine hatte dieses bereitwillige Entgegenkommen nicht erwartet. Auf ihrem Gesicht prägte sich freudige Überraschung aus. Der Fremde schien es zu bemerken. Gleichsam, als ob er sie verhindern wolle, ihrem Empfinden Ausdruck zu geben, fragte er rasch:
»Möchten Sie sich das Zimmer einmal ansehen?«
»Wenn Sie es erlauben ...«
Der Fremde stand auf und winkte dem in respektvoller Entfernung unbeweglich stehenden Kammerdiener.
»Die Kerze, Pepi.«
Gleichzeitig setzte er sich den Augenschirm wieder auf die Stirn. Der Diener leuchtete voran, und sie betraten das Zimmer. Es war ein großer, nüchterner Raum, in dem außer dem notwendigen Gerät zwei Betten und ein breiter Divan standen.
»Hier kann ich zehn Verwundete unterbringen,« sagte Valentine, sich erfreut umsehend.
»Wieviel leere Betten stehen noch in unsern Zimmern?« fragte der Fremde den Diener.
Der Weißhaarige sann einen Augenblick nach.
»Ihrer fünf oder sechs,« antwortete er.
Sich wieder an Valentine wendend, sagte der Fremde:
»Vielleicht lassen Sie die Betten morgen vormittag durch Ihre Leute hierher bringen.«
»Ich bin Ihnen von Herzen dankbar, mein Herr,« antwortete Valentine.
Der Fremde überhörte diese Worte.
»Erhalten Ihre Verwundeten ausreichend Essen?« fragte er.