Part 8
Da ich die herrlich durchstickten Linnen so sehr bewunderte, vermuteten mehrere Leute, ich wolle sie besitzen, und redeten mir zu, ich solle doch unbedenklich etwas besonders Hübsches zum Andenken mitnehmen. Vielleicht gelüstete manchen selbst nach solchem Schatz, und hätte ich, als einer der Älteren, mir ein Stück angeeignet, wärs am Ende die Losung zum allgemeinen Raub geworden. Eigentlich stachen mir die reizenden Muster sehr in die Augen, auch stellte ich mir Vallys und Wilhelms Entzücken vor, falls ich mit solchen Mitbringseln in die verarmende Heimat käme, mußte überdies den Kameraden recht geben, die da sagten, verloren sei doch einmal alles, in wenigen Stunden würden wir vor- oder zurückgeben und das Verschonte andern deutschen Truppen oder dem Feind überlassen. Auf einmal standen mir die Flüchtlinge vor dem Blick, die uns begegnet waren; der Gedanke, daß gerade dieses Haus ihr verlassenes Eigentum sein könnte, gewann eine seltsame Macht, und nun erst ermaß ich die Größe ihres Unglücks. Gesichthaft nahe trat die königliche Führerin; um Wirklichkeit unbekümmert sprach ich sie als Hausherrin an und schloß mit ihr einen Bund. Sie aber schien einfach zu sagen: Was willst du? Die Winternächte des Wachens und Webens, kennst du sie? Hemden liegen hier für Großväter, Väter, Mütter und Kinder, -- auch unsere Leichenhemden, bedenk es wohl! Möchtest du deine Frau oder dein Kind darein hüllen? Die Deutschen, sagt man, sind ein hartes, verwegenes, den andern oft schwer begreifliches, im Grund aber ein frommes Volk, -- seht doch, wie alles offen vor euch daliegt! Nichts haben wir vor euch versteckt, nichts verhehlt, eurer Großmut alles anvertraut. Nehmt, was not ist, um Durst und Hunger zu stillen, aber an den Geweben der Mütter geht vorüber!
Plötzlich zuckten wir alle zusammen; das Heulen und Weinen kam wieder durch die Luft, es war, als flöge feiner Flaum über die Wimpern, und in größter Nähe fiel der Schlag. Das Haus schien sich in seinem Grunde zu lockern, Geschirr und Fensterglas klirrten herab, die Lampe erlosch. Ein schlimmes Versäumnis kam in diesem Augenblick jedem zum Bewußtsein. Keinem war eingefallen, die Fenster zu verhängen, und so hatte die weithin leuchtende Lampe den Feind gereizt. Im Finstern harrten wir auf den zweiten Schuß, er blieb aus. Nun wurden sorgfältig alle Fenster von außen mit Zelttüchern überspannt und erst nachher wieder Licht gemacht. Der Koch war gelassen bei den Hühnern stehengeblieben, deren Bratenduft allmählich die Luft würzte; ich aber hatte in aller Stille die lockenden Laden hineingeschoben, fand es auch für gut, sie mit Unnahbarkeit zu umgeben, indem ich die großen ledernen Verbandtaschen davor, aufbauen ließ und meinen Mantel darüberlegte.
2. Dezember
Das Schicksal geht gelinde mit mir um. Ich habe als Verbandplatz ein leeres Gendarmeriewachthaus mit weitem Blick über die Hidegséglandschaft, ungefähr in der Mitte zwischen Bataillonsstab und Front. Während die Kompagnien in die Stellung stiegen, konnte ich den ganz versäumten Nachtschlaf ein wenig ersetzen. Nach zwei Stunden erwachte ich in einem Zustande, der in ähnlicher Form gewiß vielen bekannt ist, nur achtet nicht jeder auf dergleichen. Ich empfand mich als einen ovalen, durchaus leeren Raum, etwa drei Sekunden lang, dann fing ich an, mit unbändiger Gewalt von der linken Seite her ein unsichtbares Fluidum in mich hereinzusaugen, womit zugleich alle möglichen Bilder, Gedanken und Worte einströmten, Bekanntes und Unbekanntes. Plötzlich war ich angefüllt wie ein Luftballon, da wurde ich erst vollends wach. Dabei hatte ich ein Empfinden, als wäre Glavina in dem Fluidum aufgelöst gewesen.
Schnee fiel bis zum Abend; nun folgt Klarheit und Frost. Die Russen sitzen ruhig in ihren Stellungen. Den Gipfel halten sie fest; den westlichen Hang haben sie aufgegeben. Unten im Tale läuft ihre Linie dicht vor Hosszuhavas. Auf unserer Seite werden viele Geschütze eingebaut.
3. Dezember
Ich richte mich ein, so gut es geht, am Abhang des Berges, während oben schon um den Gipfel gekämpft wird. An einer Hauptstraße, nahe der Front, liegt eine preußische Sanitätskompagnie; die fängt fast alle Verwundeten ein und leitet sie weiter. So hab ich ziemlich freie Zeit, bleibe viel für mich, schreibe Briefe und lese zuweilen in Glavinas Blättern. Die Schrift ist undeutlich, zum Teil durch Nässe verwischt; so viel hab ich aber herausgebracht, daß es sich zwar nur um einzelne Sätze handelt, daß aber sichtlich ein Ganzes, vielleicht ein Gedicht, geplant war. Wären es bloß feine, kluge, wohlgesetzte Worte, so wollte ich mir nicht viel Mühe geben; aber oft klingt es wie Rufe eines Wahnsinnigen und umschwebt wie Bienen das Herz, man möchte sich davon entfernen und muß doch immer wieder hinhorchen.
Durch die Fenster des Verbandplatzes überblickt man das ausgeweitete, reif- und schneeglänzende Tal, über das die Siedelungen verstreut sind wie Raupen über ein Kohlblatt. Auch das blaue Haus, in dem die Leinwandschätze ruhen, ist sichtbar. Es hat sich gefügt, daß unsere Telephonisten dort einquartiert wurden, gute, besinnliche Leute, die noch den Hausgeist ehren. Abends gehe ich hinunter, frage nach der eingelaufenen Post, überzeuge mich, daß alles unverändert ist, und kehre zur Höhe zurück. Wie gut weiß ich, daß es im gemeinen Sinne gar nichts bedeutet, ob unter tausend geschädigten Wohnungen eine einzelne unversehrt bleibt! Aber solcher halberträumter Schutzstätten bedarf der Geist; sie sind ihm Horst und Beute zugleich, darum bewacht er sie. Weiß er denn selbst, für wen er wacht? Vielleicht für einen, der schon in der Wiege liegt, einen, der alle schrecklichen Schreie der Wut und der Schmerzen umstimmen wird in Lieder und Hymnen ... Es ist ein kalter Tag. Die Sonne glänzt weiß und klein über uns, die Luft ist blinkend von schwebenden Kristallen, an den Bäumen haftet Reif wie Stahlsplitter an Magneten.
4. Dezember
»Laßt uns den Hügel bauen am Berge Kishavas, ein Mal den Getöteten auf der bereiften Felsen- und Wacholderflur!«
Gleich nach dem Aufstehen wollte ich Glavinas Aufzeichnungen entziffern; aber da trafen unvermutet ganze Züge Verwundeter ein, deutsche und russische. Die Russen sollten über den Mihályszállás geworfen werden; aber die 6. Kompagnie verirrte sich im Nebel und kam um eine Stunde zu spät, so daß der Angriff nur zur Hälfte gelang und der Gipfel dem Gegner verblieb. Die Russen sind durchwegs junge, kräftige Gestalten, blond, blauäugig, seltsam kindhaft in ihrem Gebaren. Zutraulich reden sie ohne Pausen auf uns ein, als wären wir längst Bekannte; sie scheinen vorauszusetzen, daß wir sie verstehen. Laut weinend zeigen sie einander ihre Wunden, und während die Unsrigen ihre Schmerzen stumm verbeißen, schreien sie die ihrigen geradehinaus. Übrigens sind wenig Schwerverwundete darunter. Den Verkehr mit dem Feldlazarett vermitteln heute große Leiterwagen; es geht rasch und sicher, schon leert sich der Verbandraum. Der Angriff wird übermorgen wiederholt. Man baut immer mehr Geschütze ein.
Es war nach drei Uhr, da brachte der Unteroffizier Dehm den Infanteristen Kristl; er soll im Gefecht ungemeinen Mut bewiesen, hernach aber plötzlich den Verstand verloren haben. Einige glaubten, er verstelle sich nur, um endlich dem Kriegsdienst zu entkommen; aber man braucht nicht Arzt zu sein, um hier die Echtheit der Verstörung zu erkennen. Unendliche Angst verzerrt das eckige, bleiche Gesicht; bald sucht er dem Unteroffizier zu entkommen, bald klammert er sich an seinen Arm. Bei meinem Anruf nimmt er, schläfrig lächelnd, Haltung an, wird aber gleich wieder äußerst erregt; plötzlich fällt er auf die Knie und bittet mit gefalteten Händen, ich möge ihn doch nicht den Russen ausliefern, er sei schon unglücklich genug. Dabei reißt er sich Waffenrock und Hemd auf, zieht den Brustbeutel heraus und entnimmt ihm drei Goldstücke, die will er mir schenken, wenn ich ihn nicht zum Feind hinüberjage. Ja, traurig, traurig sei er zugerichtet, einer habe ihn in die linke Seite gestochen, es blute noch immer. Er reißt das Hemd noch weiter auf und deutet auf eine vermeintliche Wunde. Sein Vater besitze übrigens noch viele Goldstücke, daheim unter dem Hollerbaum seien sie vergraben, er selber habe dabei mitgeholfen, leider, das sei schlecht von ihm gewesen, hätte er die Finger davongelassen und das Gold in die Reichsbank getragen, so wäre alles anders gekommen, und wir hätten einen noblen Frieden. Unverwandt hält er die drei Zwanzigmarkstücke auf hingestreckter Hand in die Sonne, damit ich sehe, wie sie funkeln. Plötzlich erheitert er sich, zieht seine Uhr, steckt sie, ohne sie angesehen zu haben, samt den Goldstücken wieder ein, sagt, es sei höchste Zeit, er müsse Posten stehen, will auf und davon und beginnt zu toben, da man ihn zurückhalten will.
Der Zustand des Menschen bringt Verlegenheit. Weder ein Wagen ist mehr verfügbar noch eine Begleitung; auch möchte man den Fall nicht gerade der nächsten besten Hand überantworten. Meine Sachen durchkramend, fand ich schließlich ein paar Ampullen mit gelöstem Scopolamin. Kristl wehrte sich kaum gegen die Einspritzung. Die sonst so wenig haltbare Zusammensetzung wirkte sofort; vor zwölf Stunden wird er nicht aufwachen. Vielleicht ist es genug, um die Enden des zerrissenen Geistes wieder aneinander zu heilen.
Vor dem Essen ging ich, da nur noch Leichtverwundete gekommen sind, zum Ufer. Das Eis ist hier vielfach zu klaren Figuren durcheinandergeschossen; weiße Nadeln, Blätter, Hellebarden, winzige gotische Gestaltungen, oft nur begonnen, manchmal fein ausgeführt, stecken überall zwischen den Steinen. Zuhöchst am reinen Himmel sprießen Rispen, an denen blumenrötliches Gefieder wächst, und man merkt es diesen Wölkchen an, daß auch sie aus Eiskristallen bestehen.
5. Dezember
Ich verbrachte den Vormittag bei den Pionieren im Walde, wo sie einen halb zugewachsenen Weg für die Verwundeten der nächsten Tage aushauen müssen, da scholl über Hosszuhavas her Geschrei und Schießen. Zurückgekehrt erfuhr ich, daß links von unserm Abschnitt Russen die österreichische Linie durchbrochen haben, dadurch soll unsere Stellung gefährdet und wertlos geworden sein. Um den Gipfel ist noch Ruhe. Eine Ordonnanz überbringt Befehl zur Marschbereitschaft; Verletzte und Kranke sind ohne Verzug nach Palanka zu schicken. Was fang ich mit Kristl an? Er schläft noch immer. Ihn jetzt wegzuschaffen ist unmöglich; auch warnt mich etwas davor. Das Getöse kommt näher. Rehm sieht mich immer an; er errät meine Sorge. Endlich kann er nicht mehr schweigen. An der Somme, meint er, habe die Lage zuweilen schrecklicher ausgesehen und sei dennoch wiederhergestellt worden; drunten im Dorf, noch uneingesetzt, lägen zwei Reservekompagnien unseres Regiments, da könne nichts fehlen. Ich lasse ihn Tee bereiten und buchstabiere ein wenig in Glavinas Zetteln. Die Schrift ist kaum lesbar; aber ich bin einem Rhythmus auf der Spur. In diesem schwingend finde ich Sinn genug; schon hab ich mir manches vereignet und verinnigt, und wo auch nur ein Wort hingeworfen oder eine Strophe schwach angeschlagen ist, erklingt wie von selber die Folge:
»Wer aber heimkehrt, halte Bereitschaft! Jeden mit anderer Stimme ruft Gott. Ein wacher Wandel ist euer, ein langer Werktag, selten ein Fest, selten ein feiernd Lied. Schlummert wachsam wie die Gemse schläft!«
* * * * *
Es ist drei Uhr. Das Feuer hat zugenommen, doch überwiegt im Augenblick das russische nicht. Ich ging wieder zu Kristl, schüttelte ihn an der Schulter und rief ihn beim Namen. Umsonst. Er schläft zu tief.
»Die strengen, bindenden Worte fallen aus Kindes Gedächtnis. Raben tragen die goldnen Bücher aus dem Heiligtum.«
»Opfer, was frommen sie noch dem, der den Ruf überhörte? Der Dom stürzt ein über Altar und Beter, und abgesprengt, noch klingend vom Pilgerbittgesang, ins Meer hinaus, verbrennend, schwimmt die Brücke.«
»Der Geist wird stehn vor seinem eigenen Hause und nicht heim finden ...«
* * * * *
Einhalb vier Uhr. Der Lärm nimmt noch immer zu. Die Schau durchs Fenster blendet. An einigen Erhebungen des Geländes treffen so viele Schneeleuchten zusammen, daß das Auge kein Weiß mehr erträgt und es als grünlich empfindet. -- Jetzt haben, in weiten Abständen, unsere bereitgestellten Züge den Plan betreten. Der Gegner bemerkt sie. Geschosse platzen über den blinkenden Helmen, eine neue Art von Schrapnellen, welche zweifarbige Wölkchen ausstoßen: es ist, als ob aus unsichtbaren Eiern Vögel schlüpften mit einem roten und einem schwarzen Flügel. Die Soldaten eilen, sie laufen fast. Plötzlich fahren, kaum gedeckt, preußische Kanonen am Dorfrand auf und feuern ohne Pause, Schlag auf Schlag. Von dem Luftdruck zerspringt uns im Verbandraum ein Fenster.
* * * * *
»Wie soll auferstehn, was nie begraben ward? Geht um in zwölften Stunden! Lest auf aus taubem Schutte das oft zerbrochne Menschenbild! Mauert es heimlich ein unter die neuen Gebäude!«
* * * * *
Einhalb fünf Uhr. Heftigen Schrittes tritt ein der Major, mit ihm der Adjutant. Hinterher kommen verwundete Deutsche und Russen. Unverwundet ist nur ein junger Russe mit grünlichbraunem Gesicht und überhellen Sperberaugen. Er soll vernommen werden; aber niemand spricht Russisch. Aus verbündeten Truppenteilen, die in der Nähe liegen, werden Leute zusammengeholt, ein Bosnier, ein Pole und ein Ukrainer, der wohl Russisch, nicht aber Deutsch versteht. Durch vier Sprachen gehen Frage und Antwort hin und her. Der junge Bursche, scharf befragt über Stellung und Stärke seines Regiments, spielt auf kindlichste Weise den Einfältigen, sagt lauter unmögliche Dinge. Der Major läßt ihm zwei Fasttage androhen, falls er nicht vernünftig antworte. Er zuckt zusammen wie gepeitscht, senkt den Kopf, spricht keine Silbe mehr. »Braver Kerl«, brummt der Alte und bedrängt ihn nicht länger. Plötzlich sucht der Russe in seinen Taschen herum, schüttelt verzweiflungsvoll den Kopf, redet heiser auf den Ukrainer ein. Spannung entsteht, Aufschlüsse werden erwartet, der Adjutant überspitzt seinen Bleistift. Aber ein Dolmetsch nach dem andern lacht. Was wir erfahren ist nur, daß der Gefangene im Gefecht seinen Tabak verloren hat; flehentlich läßt er um etliche Zigaretten bitten. Der Bosniak erfüllt seinen Wunsch, der Russe zündet an und setzt sich, da sich niemand weiter um ihn kümmert, auf einen nahen Stuhl, wo ihm Kopf und Arme sogleich niedersinken. Die Zigarette entfällt seiner Hand; er schnarcht.
Ordonnanzen kommen. Der Angriff ist abgeschlagen. Der Feind hat alles gewonnene Gelände wieder verloren. Die Ebene wird leer. Ein Rabenzug fliegt niedrig über das Tal. Der junge Russe wird unsanft zum Abmarsch geweckt. Der Major befiehlt mich für morgen zum Mittagessen nach Hosszuhavas.
Es war schon ganz finster, als ich mich im Nebenraum nach Kristl umsah. Er hatte sich aufgerichtet.
»Sind Russen da?«
»Ja, Gefangene. Sind schon abgeführt.«
»Ach so, Gefangene«, wiederholt er mißtrauisch.
»Aber der General Brussilow ist doch vorbeigefahren auf einem feurigen Wagen?«
Ein kleiner ungarischer Schlitten mit zwei brennenden Laternchen war vor einer Minute am Fenster vorbeigekommen. Das muß der feurige Wagen gewesen sein. Ich bewies es ihm umständlich, und er schien es nicht zu verwerfen. Erklärte ihm auch, daß er morgen nach Palanka gehen und von dort aus in die Heimat fahren dürfe. Er zeigte keine Freude. »Dahinten sind lauter fremde Leute«, sagte er.
Sehr bestimmt kündigte ich ihm schließlich an, er werde jetzt gleich wieder einschlafen, morgen früh aber, sobald ich ihn kräftig anhauche, wieder erwachen, ohne Furcht aufstehen, Tee trinken, Weißbrot mit Marmelade essen und guter Dinge sein. Er versuchte eine stramme Haltung und sagte: Zu Befehl. Es bedurfte nur einiger streichender Bewegungen über sein Gesicht, um ihn wieder einzuschläfern.
Bevor ich mich niederlege, noch einmal zu Glavina:
»Auf Rinden und Gesteinen wie Wandrer alter Zeit hinterlaßt ihr einander Zeichen, sogar in Sand und Schnee, und fällt euch der Tod an am Wege, vergehend lockt ihr noch mit Speise und sanfter Beschwörung wilde Vögel vom Himmel, schreibt auf weißen Fittich purpurne Liebesrunen.«
6. Dezember, mittags
Die Aktion begann im Morgengrauen und ging auf wie eine Gleichung; seit neun Uhr steht kein Russe mehr auf dem Mihályszállás; sie sind bis zum Monte Ardelle zurückgegangen. Die Aufgabe ist gelöst; vor zehn Uhr sind bereits ungarische Offiziere eingetroffen, um die Stellung kennen zu lernen, die morgen ihr Bataillon von uns übernehmen soll.
Kristl ward um elf Uhr wachgehaucht, stand sofort auf, aß mit großem Hunger. Nun wir ihm aber eröffnen, daß er, mit einem ärztlichen Bericht versehen, nach Palanka gehen dürfe, um von dort aus nach Bayern zu kommen, will sich sein Gesicht gleich wieder ins Störrische verziehen, doch nimmt er sich zusammen und bittet schließlich mit überlegten und herzlichen Worten, ich solle ihn doch hier lassen. Fast könnte man glauben, sein Gedächtnis für die Heimat sei abgeschwächt; jede Veränderung scheint er zu fürchten und an unseren paar Gesichtern zu hängen, als wären sie die Welt. Aber was tu ich mit einem so zerspringlichen Wesen in dieser schwelenden Luft? Und der Major und Leverenz, was werden sie dazu sagen? Voreilig äußert Raab, wir würden ja nun doch in Ruhe kommen; falls Kristl vom Sanitätsdienst etwas verstehe, könne er wohl noch etliche Tage bleiben und im Revier ein wenig helfen. »Ich bin als Krankenträger ausgebildet«, fällt Kristl eifrig ein; »Verbände mache ich die allerschönsten, auch Arm- und Beinschienen.« Ich versprach, mir die Sache zu überlegen und mit Kommandeur und Kompagnieführer zu besprechen. Vorderhand bleibt er als Revierkranker in Beobachtung und meldet sich zweimal am Tage bei mir. Er geht sogleich mit Raab, sucht sich nützlich zu machen, putzt Flaschen und Instrumente, wickelt Mullbinden auf.
Abends
Während des Mittagessens tritt, ohne anzuklopfen, ein junger Mann in ungarischer Tracht herein, lächelt freundlich nach allen Seiten, geht, ohne den buntumschnürten braunen Filzhut abzunehmen, um uns herum, redet kein Wort, betrachtet die Wände, betastet zärtlich Schrank, Bild, Spiegel und Fensterglas, dann sieht er mit großer Innigkeit auf uns, man merkt ihm an, daß er unendlich viel zu sagen hätte. Der Major, erzürnt über die Störung, springt auf und bedeutet ihm, sich zu entfernen. Der Bursche, ohne jedes Zeichen des Unmuts oder der Verwunderung, tritt näher, streift den Ärmel hinauf und zeigt schweigend eine lange, tief eingezogene noch frischrote Narbe. Endlich, indessen der Major weiterschilt, geht er sehr langsam hinaus, nicht ohne uns unter der Tür noch einmal zuzulächeln. Kaum ist er draußen, scheint unsern Gebieter sein Zorn zu reuen, und schnell bediene ich mich der gemilderten Stimmung, um mein Anliegen vorzutragen, sage, daß Kristl als Infanterist nicht mehr tauge, daß er in die Heimat gesandt oder probeweise anderswie verwendet werden müsse. »Wie wäre er verwendbar?« -- »Als Krankenträger.« -- »Ist er als solcher ausgebildet?« -- »Ja.« Die Versetzung wird gutgeheißen und gleich durch Ferngespräch mit Leverenz geregelt, der bei guter Laune ist, Kristl einen Weihnachtsurlaub zudenkt und das Eiserne Kreuz für ihn bereitgelegt hat.
Bálványos-Patak, 7. Dezember 1916
Mittags abgelöst brachen wir auf nach dem Bálványostal, das nahe bei Gymesbükk zum Trotusul herabfällt. Auf Gebirgswegen zogen die Kompagnien; wir drei, Major, Adjutant und ich, ritten den zugefrorenen Hidegség entlang, zuweilen über ihn weg. Vom starken Glanz eines zertrümmerten Eisblocks geblendet, scheuten die drei Gäule auf einmal und wollten in hohen Sprüngen davon, beruhigten sich aber bald. In scharfem Trab ging es weiter, oft im Galopp, wozu die Pferde nicht viel Ansporn brauchten; sie fühlen sich bei sachter Gangart auf dem Eise nicht sicher und freuen sich, die Hufe mit aller Kraft einzuschlagen. Wir holten einen Verwundeten ein, der durch gelockerten Verband nachblutete; bei ihm verhielt ich mich und ritt alsdann allein weiter. Der Himmel streifte sich, es roch nach Schnee. Schon traten die Häuser von Gymesbükk hervor, da sah ich einen ländlichen Zug mit vielen hochbepackten Wagen auf dem anderen Ufer entgegenkommen. Das erste Gespann mutete mich bekannt an; ich lenkte hinüber und erkannte wirklich die schönen silbergrauen Stiere, daneben die große Frau, die jetzt als Führerin vieler Familien erschien. Als letzte mochte sie geflohen sein; als erste kehrte sie zurück. Das Kind, in Decken gewickelt, mit Pelzen bedeckt, schlief auf dem Wagen, die Tochter schob nach, der Greis, mit bereiftem Bart, schleppte sich hinterdrein. Abseits, dicht am Ufer, ging der Knabe, dick behandschuht, das Bild unterm Arme, man sah unter zersprungenem Glas ein segnendes Jesuskind mit rotem Kleidchen auf Silbergrund. Ich rief einen madjarischen Gruß, -- »Isten hozta« gab die Mutter mit klarer Stimme zurück und näherte sich, wie um etwas zu fragen. Ich mußte äußeres und inneres Ohr scharf anspannen, um sie zu verstehen. Vor allem wünschte sie zu wissen, ob Häuser in Hosszuhavas zerstört worden seien, und war sichtlich froh, als ich dies verneinte. Dann fragte sie, was für Gegner wir gehabt hätten. Als ich sagte »Russen«, lächelte sie und meinte, dann hätten sie kaum zu fliehen brauchen, die Russen täten kleinen Bauersleuten nichts zuleide, auch hätten sie mehr Ehrfurcht vor den Frauen als die Rumänen. Als ich weiterreiten wollte, zog sie ein Säckchen vom Wagen und reichte mir daraus eine Handvoll gedörrter Birnen. Ich hatte nichts bei mir, um diese fromme Gebärde zu erwidern, als einen frischen Kommißlaib; aber gerade damit schien ich Freude zu erwecken, und nun erst fiel mir auf, daß sie alle sehr blaß und elend aussahen, gewiß hatten sie Mangel gelitten. Der Knabe wurde gerufen; behutsam lehnte er die Jesustafel an einen Stein und sprang vergnügt heran, um sein Stück zu erhalten. Beim Eingang in das Tälchen wartete Rehm. Hier sah ich noch einmal zurück: die Karawane überquerte gerade den Hidegség, hell blinkte der Silbergrund des Bildes in der Abendsonne. Um halb fünf Uhr erreichten wir das Quartier. Es ist wieder eine Bauernstube mit niedrigen, teppichverhangenen Wänden. Wir sind jetzt elf Kilometer hinter der Front; die Einwohner gehen wie im Frieden ihrem Tagewerk nach.
9. Dezember