Rumänisches Tagebuch

Part 7

Chapter 73,578 wordsPublic domain

Die Quartiere werden gelobt. Ich habe eine große Stube, deren Boden mit feinem Sande bestreut ist; ein Drudenkreuz, mit Werkzeug behangen, ist an der Wand befestigt, das breite Bett mit rotgefärbten Fellen überbreitet. Das Schönste ist ein großer Apfelgarten hinter dem Hause. Von hohen dichten Weidengeflechten umgeben, liegt er wie in einem Korb. In einer Ecke blüht noch ein hoher Sonnenblumenspätling. Der schwarzgelbe Teller hat sich weit vorgestülpt und am Rande nach unten umgebogen, so gewaltig war im Sommer der Wille der Blume, dem Sonnenstand überallhin zu folgen. Jetzt ist stellenweise der blühende Samt leichenfarb gefleckt oder ausgefallen, die graue Samenmosaik entblößt. Als ich eben vorbeiging, flog ein grauer Vogel ab, einen Kern im Schnabel, und entschwirrte in die Dämmerung.

Kézdi-Almás, 25. November 1916

Für die nächsten zwei Tage scheinen wir noch sicher vor Alarmierung. Man richtet sich ein; viele packen Bücher und gute Uniformen aus, mancher stellt eine Photographie auf den Tisch. Mein Quartier ist voll Unruhe; alle Nachbarn gehen ein und aus, ein altes Weib war eben hier und bettelte um Schnaps. Heute mittag wurde ich Zeuge einer Szene, die, für sich betrachtet, vielleicht nichts bedeutet, und doch ist mir, als ginge sie mich und manchen andern an. Vor Wochen sind im Hause viele Katzen zur Welt gekommen, die nun lästig werden, zumal es an Milch für sie fehlt. Ein etwa fünfzehnjähriger Bursche, der hier bedienstet ist, scheint Auftrag erhalten zu haben, die überzähligen Tiere zu beseitigen. In der Stube schreibend, sah ich, wie er sie über den Hof trug, und, bevor ich seine Absicht erkannte, eines nach dem andern unglaublich geschwind an die Scheunenwand schmetterte, vor der sie liegen blieben; dann kehrte er pfeifend, die Arme schlenkernd, wie es seine Art ist, in die Küche zurück, wo gerade das Essen aufgetragen wurde, setzte sich zu den andern und aß gemütlich. Eines aber der hingerichteten Kätzchen, ein blaugraues, weiß von Gesicht, Brust und Beinen, mit einem silberhellen Flöckchen im Nacken, von den anderen durchaus verschieden, war nur betäubt worden und erholte sich nach und nach. Taumelig versuchte es kleine Schritte, blieb stehen, wischte sich mit dem Pfötchen einige Male über die Ohren, als ob es dadurch schneller zur Besinnung käme, und, schlich sodann über den Hof in das Haus zurück. Nun erst bemerkte ich, daß es am Kinn blutete, sonst schien es unversehrt. Zögernd kam es zur Küchentür herein und blickte sich um. Als es die schmausenden Leute sah, bemühte es sich, auf die Bank zu springen, was ihm, nach etlichen Ansätzen, auch gelang; dann saß es eine Weile still. Endlich schmiegte es sich, zutraulich bittend, an den Ellenbogen seines behaglich kauenden Mörders. Ich konnte ihn von meinem verborgenen Tischchen aus beobachten, kein Zug ging mir verloren. Als er das Tier gewahrte, aß er zuerst noch ein Weilchen weiter; auf einmal wars, als kämpfe er mit einer Übelkeit, er bekam eine Art Schlucken und legte den Löffel weg. Sobald die andern fortgegangen waren, berührte er das Kätzchen vorsichtig, wie wenn er sich vor ihm fürchtete oder seine leibhaftige Gegenwart bezweifelte. Schließlich stellte ers mit aller Behutsamkeit, deren er wohl fähig ist, als wärs eine Porzellanfigur, auf den Tisch und bröckelte ihm seine stehengelassenen Fleisch- und Brotreste hin. Es fraß ein wenig davon, und das freute ihn sichtlich. Als die Hausfrau hereinkam, redete er sehr eindringlich auf sie los; ich vernahm öfters das Wort Matschka, dabei deutete er immer wieder auf die Katze. Die Frau sah das Tier schweigend an und entfernte sich wieder. Der Bursche geht seither wieder auf dem Hofe seiner Arbeit nach. Die totgebliebenen hat er so vorsichtig wie das lebendige aufgenommen und weggetragen. Er kommt mir in seinem Wesen einigermaßen verändert vor, wacheres Gesicht, festerer Gang, auch hab ich ihn seither nicht pfeifen gehört.

Morgen kommt der österreichische Thronfolger und hält bei Lemhény eine Truppenbesichtigung ab. Ich erkläre mich als erholungsbedürftig und bitte, in Kézdi-Almás bleiben zu dürfen. Es wird sehr windig und kalt.

28. November

Das blaugraue Kätzchen ist heute verendet, und weil mir eine freie Stunde gegönnt ist, will ich mir die kurze Geschichte seines Leidens aufzeichnen; gehört sie doch auch zu meinem Tag. Früh weckte mich gestern leises Wimmern und Murren. In der großen Stube, mit ganz verschaudertem Gesicht, kauerte der junge Ungar am Boden und schob dem Tier bald ein Wasser-, bald ein Milchnäpfchen zu. Es hatte nachts Blut, morgens Galle gespien. Die Milch beachtete es gar nicht; auf das Wasser blickte es unverwandt. Als ich mich näherte, hob es langsam den Kopf wie ein müder, trauriger Mensch. Das Gesicht war viel kleiner geworden, das goldumrandete Bernsteingelb der Augen getrübt, die Nase sehr heiß. Es hatte gewiß Fieber und brennenden Durst. Bald weinend, bald brummend näherte es nun seine Schnauze dem Wasser, zitterte aber bei jeder Berührung mit einem zornigen Laut zurück; es war zu sehen, daß ihm der Trinkversuch Schmerz bereitete. Aber immer wieder trieb es rasende Begierde dem Wasser zu. Plötzlich tauchte es eine Vorderpfote ein, dann die andere; schließlich wollte es ganz in den Topf hineinsteigen, der aber viel zu klein war. Man füllte eine große Schüssel; da legte es sich hinein mit seinem ganzen inneren Brand und blieb eine Weile ruhig.

Indessen war die Bäuerin eingetreten; Kinder und Nachbarinnen kamen, ein Kreis von Neugier und Erbarmen zog sich um das arme Tier und seine Qual. Noch vorgestern hatte man es achtlos fortgeworfen; jetzt aber dachte niemand daran, es durch schnelle Tötung zu erlösen; jeder fand nur, daß es ein reizendes Kätzchen sei, und wußte einen Rat, ein Mittelchen, um es zu heilen. Als wäre es durch sein Leiden in göttliche Nähe gerückt, hatte man fast Ehrfurcht vor ihm, besonders die Kinder. Und wirklich war etwas Bewundernswertes in der Haltung der kleinen Katze, etwas kaum Beschreibliches, das sie über ihren Zustand erhöhte, eine Art Stolz, ein Bewußtsein ihrer eingebornen wilden Anmut, welche der Tod wohl nach und nach abtragen oder zertreten, aber keineswegs beugen konnte. Wie es, vom eigenen Elend wegblickend, sich bemühte, seinem Wesen treu zu bleiben, wie es, schon von der Vernichtung geschüttelt, seine Würde behielt und die feine Neigung des Köpfchens nicht aufgab, dies war es, was alle sicherlich viel stärker ergriff, als das Leiden selbst. Etwas Geistiges ist hier verbürgt, und die alten Ägypter haben wohl gewußt, warum sie dieses Tier heilig hielten und seine Mörder bestraften.

Bald hatten übrigens die Leutchen von Kézdi-Almás all ihren guten Rat erschöpft und sahen schließlich voll Erwartung auf mich. Dehm, der gerade dazu kam, riet zu Morphium, ich gab Atropin dazu. Wir ließen das Kätzchen aus dem Bade heben und spritzten ihm eine winzige Menge der Lösung in den Schenkel, worüber ein kleines Mädchen laut aufschrie. Matschka jedoch zuckte bei dem Einstich nicht einmal, so ganz war sie von der Pein ihrer Eingeweide erfüllt. Nach drei Minuten ging sie auf ein Fleckchen Sonnenschein zu, das auf der Diele leuchtete, streckte sich behaglich aus, legte den Kopf auf die Vorderpfoten und schlief ein, zuweilen im Traum leise knurrend. So fanden wir sie noch spät, als längst keine Sonne mehr schien, da begann wieder das vergebliche Wandern zum Wasser. Wir wiederholten die Einspritzung in dreifacher Stärke. Daraufhin wurde sie zunächst sehr munter, fast ausgelassen und machte sonderbar schelmische Gebärden, als verändere ein beginnender Wahnsinn ihre Natur, doch blieb sie immer schön im Einklang ihrer Bewegungen. Plötzlich sprang sie zu mir herauf und umschnupperte mein Gesicht. Ich hob sie weg zu meinen Füßen hinunter; sie ließ es brummend geschehen und schlief auf einmal ein. Um zwei Uhr erwacht, beleuchtete ich sie mit der Taschenlampe; sie schlief unter leichten Zuckungen. Den Schweif hatte sie bequem um sich herumgelegt, der Kopf ruhte auf meinem linken Fuß. Die Lage war lästig, und ich wollte den Fuß wegziehen, da erhob sie aber ein sehr ärgerliches Geknurr und tat gar, als wolle sie mich in die Zehen beißen. So faßte ich mich denn in Höflichkeit, die wir einem sterbenden Wesen wohl schuldig sind, und rührte mich nicht weiter. Durch das kleine Tier zur Ruhe gezwungen, bemerkte ich übrigens bald eine Veränderung an mir, eine seltsame innere Stille und Gesammeltheit, wie sie, glaub ich, die Mönche als Einkehr bezeichnen. Der Körper empfand sich leichter, das Denken geschah freier und sicherer als sonst. Lebhafte Vorstellungen vom Wesen gewisser Krankheiten drängten sich als erstes auf; ich wußte plötzlich, daß man sie weit einfacher behandeln könnte als bisher. Dabei blieb mir immer bewußt, daß es Matschka war, der ich den gesteigerten Zustand verdankte, und nie vielleicht bin ich mehr davon überzeugt gewesen, daß wir nicht nur von Menschen, Geistern und Sternen, sondern oft auch von Tieren, Pflanzen, ja sogar von unbelebten Stoffen unmerklich zu uns selber geführt werden, worauf am Ende doch alles hinausgeht, was wir Gnade nennen. Und nun flog mir geschwind und klar alles durch den Kopf, was ich jemals über Katzen Gutes gehört und gelesen, zuletzt auch die rührende Mythe von jener sintflutartigen Überschwemmung, welche die Mutter so oft erzählt hatte. Ein Knäblein schwamm in seiner Wiege mitten auf dem unendlichen windbewegten Gewässer. Bei ihm befand sich eine Katze, und jedesmal, wenn die Wiege umzukippen drohte, sprang das behende Tier auf die andere Seite, um das Gleichgewicht herzustellen, bis endlich das kleine Boot in der Krone einer hohen Eiche hängen blieb. Die Flut verlief sich, man holte die Wiege herunter und fand Kind und Katze lebend und unversehrt. Da man des Knäbleins Eltern nicht kannte, so nannte man es Dold, was soviel heißt als Wipfel, und es wurde der Stammvater eines großen berühmten Geschlechts.

Von solchen Erinnerungen aus lief das Denken weiter durch manches Gebiet, um endlich in das nächste, nüchternste, für den Augenblick erwünschteste heimzukehren. Mit einem Male wußte ich nämlich genau, daß in einer der großen Ledertaschen, zwischen Verbandpäckchen und Instrumenten, der Schlüssel zum Sanitätswagen liegen müsse; vermutlich hab ich ihn selber dorthin verräumt. Dieser Sorge ledig, nickte ich fast wider Willen ein und schlief, bis mich Rehm, Tee bringend, weckte. Sogleich ließ ich den Schlüssel suchen; wirklich fand er sich an der gedachten Stelle. Matschka aber erwachte nicht mehr. Während ich aufstand, setzte ihr Atem aus, dann kam ein schnelles hartes Gestöhn, endlich noch ein tiefer, fast behaglicher Atemzug.

Eben bringt eine Ordonnanz den Alarmbefehl. Die Truppenbesichtigung bei Lemhény ist abgebrochen worden. Wir packen ein. Welch Glück, daß der Schlüssel gefunden ist! Die schönen Uniformen werden abgestreift, die Bilder verschwinden von den Tischen. Der junge Ungar kniet vor der toten Katze und streichelt sie weinend. Schön ist es immer anzuschauen, wenn den rohen Menschen das Ewige anfällt, -- ehren wir jede Erleuchtung, jeden verwandelnden Schrecken! -- ich möchte dafür einstehen, daß der Knabe nie wieder seine Hand gegen die Kreatur erheben wird, -- gebe Gott jedem sein Tier und seine Sünde, die ihn erwecken! Es muß aber noch andere Erleuchtungen geben, wo aus noch viel reinerem Schrecken eine Tat aufsteigt wie ein Stern.

Der Himmel hängt voll Schneewolken. Frost ist eingetreten, Reif liegt auf der alten Sonnenblume. Die Samenkerne sind nun festgefroren, der Abendvogel wird Mühe haben, sie herauszupicken. Der Osten dröhnt von Geschützen. Es ist vier Uhr. Wir marschieren gegen Kézdi-Vásárhely ab.

Középlak, 29. November, abends

Auf 29 Automobilen wurde nachts das Regiment über den Gyimespaß nach dem Hidegségtal herübergebracht. Es sind offene plumpe Lastwagen, die Räder bereits wie drinnen im Land ohne Gummireifen; immer gefährlicher schwankte der unsrige auf dem holprigen Boden, und plötzlich fuhren wir schräg in einen Straßengraben, gerade noch, ohne zu stürzen. Umsonst war jeder Versuch, das Gefährt wieder heraufzuziehen. Von den Wagen, die, glücklicher gelenkt, in großen Abständen nachfuhren, überholten uns fünf; jeden riefen wir um Beistand an, jeden vergeblich. In dumpfer Wut harrte die Besatzung; nur da und dort lachte einer, als böte das Ungemach des Augenblicks vor dem großen Schicksal einen Schlupf. War Hilfe hier nicht erbittlich, so war sie vielleicht erzwingbar; ich riet den Leuten, sich in ganzer Straßenbreite aufzustellen und dem nächsten Wagen eine drohende Haltung zu zeigen. Das höchst verfängliche Mittel wirkte: der Führer, als er die entschlossene Gruppe bemerkte, stoppte sofort. Nun ward in Minuten unser Fahrzeug dem andern angekettet und auf die Straße gezerrt.

So fuhren wir weiter, mit frierenden Augen, durch die sternenlose Nacht, immer nur auf den grellen Lichtkegel blickend, den wir vor uns herjagten. Ich saß vorne beim Lenker, einem sehr jungen Polen, dessen ungeübte und ängstliche Hand uns noch öfters dicht an Abgründe brachte. Mahnungen und Einreden konnten da wenig frommen; gewiß war es das beste, ihn gewähren zu lassen und ihm heimlich alle guten Kräfte zuzubeten. Als die Paßhöhe erreicht war, graute der Morgen. Ein vereisender Wind pfiff aus Nordosten; die Wolken standen hoch. Öde Landschaft erschien, greises Gebirge, stark abgetragen, die kahlen Hänge voll kleiner Buckel und grauer Steinwürfel, dazwischen Hütten, die den Steinen glichen, in der Tiefe ein halbverkiester Fluß mit angelagerten Häusern. Beim Hellerwerden erkannte man auf Tal- und Bergstraßen unübersehbare, gegen Osten marschierende Kolonnen. Düster, schicksalshaft anzuschauen ist solch ein Dahinziehen Tausender, die wie auf Speichen des nämlichen Rades einer unsichtbaren glühenden Achse zustreben. Gäbe es doch ein groß vorleuchtendes Zeichen, das allen ihre Mühsal süß macht! Aber ihr Bestes ist verwahrt in einem Traum der Menschheit, den sie vielleicht nie erfahren, und nur manchmal mag es einen gemahnen, daß er einem unbekannten Herrn der Zukunft dient.

Um acht Uhr morgens erreichten wir das Dorf Középlak, dessen Gebäude sehr weit auseinander liegen. Ein großes gelbes Haus, nah bei der Kirche, wurde mir als Stabsquartier bezeichnet. Es besteht aus zwei kleinen Zimmern und einem geräumigen Saal, den ein brüchiger Ofen mit Rauch erfüllt. Der Assistenzarzt lag schlafend in Mantel und Stiefeln am Boden; das abgemagerte verstaubte Gesicht glich vor übermäßiger Ermüdung dem eines Toten. In einer Ecke, gebeugt über Karten, saßen flüsternd Major und Adjutant; gegenüber sprach ein rotbärtiger österreichischer Hauptmann unter vielen Verbeugungen in ein Telephon hinein. Ich spürte zwischen drüben und hüben eine Verstimmung ziehen, die mir später erklärt wurde. Der Österreicher, zugleich Munitionsoffizier und Ortskommandant, hatte unserem Major vorgestellt, es gebe kein unbesetztes Haus mehr in ganz Középlak, und ihn höflich eingeladen, sein eigenes bequemes Quartier mit ihm und seinen Offizieren zu teilen, worauf unser Gebieter ihn gleichwohl bündig ersuchte, das Gebäude zu räumen. Dies Ansinnen wurde zurückgewiesen, und der Major brach die Unterhaltung mit einigen allgemeinen Ausfällen gegen die österreichische Armee ab. Der Rotbart zog sich weltmännisch-gelassen zurück, nicht ohne zu bemerken, er habe zwar bereits angeordnet, daß in seiner Küche für die deutschen Herren mit gekocht werde, müsse dies aber, auf soviel Unfreundlichkeit hin, leider zurücknehmen und sich auf den bloßen Dienstverkehr beschränken.

Ich legte mich neben den Assistenzarzt und schlief bis elf Uhr. Dann ging ich nach kurzem Dienst zum Hidegség hinab. Wird einem doch, als habe man teil an allen Gütern und Geistern der Länder, sobald man ein Ufer betritt. Einwohner kamen des Weges, zuerst alte Männer, dann junge Frauen und Mädchen. Diese sind ein stattlicher Schlag mit leichtem, freiem, brüstestolzem Gang, gesunde Rundgesichter, vom Geist der Rasse schön beherrscht, so daß immer eins das andere bestätigt. Man denkt zuerst an Italien; aber es ist noch etwas anderes darin, etwas tierhaft Geschmeidiges, dazu etwas Verschlossenes, nach innen Horchendes, wilder alter Adel, der nach Asien weist. Die unechten städtischen Kostüme, die wir noch gestern sahen, sind verschwunden; die Weiber scheinen hier nur am Leibe zu tragen, was sie selber hergestellt haben, statt des Rockes ein dunkles buntgestreiftes Tuch, das einfach übereinandergeschlagen wird, so daß man beim Gehen die Beine sieht, die in engen, weißwollenen Hosen stecken, um die Brust Pelzwesten, das Fell einwärts, das weiße, kunstreich bestickte Leder nach außen gewendet, schwarzes Kopftuch, spitze Schnabelschuhe. Wenn Truppen vorbeimarschieren, bleibt keine stehen, um zu gaffen, wie sonstwo Landleute tun; man spürt eine Gegend beginnen, wo die Menschen hart und sich selber genug sind, und wo sich Schicksale schnell und klar erfüllen.

Das Ufer sieht seltsam aus. Vor wenigen Tagen muß es noch überschwemmt gewesen sein; dann kam plötzlich die Kälte, eine dünne Eisdecke bildete sich, unter der aber das Wasser bald wieder sank. Nun haftet noch das Eis als brüchiger Glasring an Stamm und Strunk, als Brücke, mit Glöckchen behangen, überbaut es den Spiegel oder umschließt als muschelhaft geschweifte reifbefranste Schale die großen schwarzen Ufersteine.

Mittags, während wir Deutschen, feindselig abgesondert, bei bitterem Kaffee sehr hartes Brot und überdrüssiges Büchsenfleisch aßen, erklang im gleichen Saal an der Tafel der Verbündeten der Wein, und österreichische Ordonnanzen, die Blicke mit vorgeschriebener Starrheit auf uns gerichtet, schleppten schöne Braten und Pfannkuchen von der Küche herein an uns vorüber. Wir jüngeren, Geringeren verschmerzten aber die entgehenden Genüsse um so leichter, als unserm sonst so mäßigen Befehlshaber gerade diesmal Entsagung unerträglich wurde. Allen Stolz vergessend, suchte er unsern Koch zu bereden, daß er sich mit den österreichischen Küchensoldaten anfreunde und wenigstens etliche Kuchen für uns erschmeichle. Der aber schnitt jede Hoffnung ab: »Die Österreicher verkehren nicht mit uns«, sagte er.

Am Nachmittag war von Osten her scharfes Geschützfeuer zu hören. Der Adjutant blieb an das Telephon gebunden. Gegen fünf Uhr wurde Marschbereitschaft befohlen, um sechs Uhr der Befehl wieder aufgehoben.

Hosszuhavas-Rakottyás, 1. Dezember

Die Nacht zum letzten November blieb ruhig. Um zwölf Uhr mittags wurden wir alarmiert, und sogleich folgte der Aufbruch. Es verlautete, Russen und Rumänen hätten die ungarische Linie durchstoßen, den Berg Mihályszállás erstürmt. Unserm Bataillon falle die Aufgabe zu, den Feind aufzuhalten, den Berg zurückzunehmen. Man suchte auf der Karte den Mihályszállás und war verwundert, sich in solcher Nähe des Gegners zu befinden. Die Feldküchen, die bereits geheizt hatten, kochten während des Marsches weiter. Auf dem Ufergeröll wurde das Essen eingenommen, dann ging es eilig den Fluß entlang. Anfangs hatten uns Frauen und Kinder von Középlak neugierig begleitet; bald blieben sie mit zweifelnden Gebärden stehen. Ein verirrtes rabenschwarzes Schweinchen lief arglos eine Weile zwischen unseren Leuten mit, schon stritten sich zwei Gruppen der 8. Kompagnie um den sicheren Fang; aber ein kleiner Junge kam nachgelaufen und jagte es mit hellen Jubelrufen ins Dorf zurück.

Der Tag war kurz und düster. Nebel wuchs wie Schimmel um die niedrigen Fichten, mit welchen die Hügel spärlich besetzt sind. Gruppen von Flüchtlingen mit Haustieren und Fahrzeugen begegneten uns in der Dämmerung, zuletzt ein kleiner Leiterwagen, von schön gehörnten silbergrauen Stieren gezogen. Führerin des Gespanns war eine große Frau mit schwarzem Kopftuch, langem braunem Mantel und einem Stab in der Hand. Ein Kind, sein Püppchen an sich gepreßt, saß oben auf wirr zusammengeraffter Habe; ein alter Mann und ein junges Mädchen schoben nach und lasen auf, was etwa herabfiel. Ein Knabe, kaum zehn Jahre alt, mit wunderbar entrücktem, unbegreiflich heiterem Gesichtchen, lief neben dem Wagen her und summte wie aus tiefer Geborgenheit eine Weise. Unter dem linken Arm trug er ein schwarz eingerahmtes Bild, mit der Rechten langte er von Zeit zu Zeit Maiskörner aus der Tasche und gab sie einem Stierkälbchen zu fressen, das, am Wagen angebunden, mithüpfte. Diese Gestalten wurden mir im Geiste sogleich statuarisch, besonders die mütterliche Führerin, und ich verstand, was Glavina meinte, als er schrieb, es sei etwas Heiliges um den Fremdling, der nur einmal an uns vorübergehe, nicht befleckt von gleichgültiger Erfahrung. Die Haltung stolz, frei, das Antlitz reife, gebietende Jugend, die starken Brauen schmerzlich zusammengezogen, blickte sie geradeaus, ohne uns zu beachten, als wäre sie das wahre ganze Leben, wir aber abgefallen und verirrt.

Es wurde Nacht; wie Asche fiel der Nebel, endlos entzog sich das Tal. Streckenweise wateten wir im Wasser, das mit Gurgeln unsere löcherigen Stiefel füllte. Einmal riß die 6. Kompagnie ab und verirrte sich in ein Seitental: mit schreienden Boten und Lichtsignalen wurde nach einer halben Stunde die Verbindung wiederhergestellt. Unendliche Müdigkeit zermürbt die Seelen. Mancher brüllt Wut und Verzweiflung geradehinaus: »Gebt uns wenigstens ganze Stiefel, wenn ihr Krieg führen wollt!« murrt eine Stimme. »Ein Narr, wer noch mitläuft! Ich bleibe zurück!« kreischt eine andere. Die Offiziere aber kümmern sich nicht um aufrührerische Rufe. Sie haben selber zu dulden genug. Auch wissen sie, daß die Schreier ja doch mitkommen werden. Wer ohne gültiges Zeugnis die Truppe verläßt, vermindert wohl Mühe und Gefahr, aber neue und schimpfliche Leiden beginnen für ihn. Im fernen Dunkel flammt es zweimal bläulich, man hört Abschüsse, dann heult es an, und scharf nacheinander stoßen Granaten in den Kies. Ein Mann bricht zusammen. Leutnant S. ist verwundet. Wir verbinden ihn, so gut es im Dunkeln geht. Vermutlich hatten unsere Signale die Geschosse hergelenkt. Ein strenges Verbot, Licht anzuzünden, wird ausgegeben. Mit dem Aufbegehren ist es zu Ende. Vom Feinde selber in die Zucht gescheucht, beginnen die Leute ruhig zu plaudern; eine gefaßte, aufgeräumte Stimmung nimmt überhand.

Um zwölf Uhr gelangten wir auf trockenen, ebenen Boden. Der Adjutant, der mit dem Major eine Strecke vorausgeritten war, kam uns entgegen. Von einem Nachtgefecht, erklärte er, sei nicht mehr die Rede, die Gegner hätten den Berg zur Hälfte wieder aufgegeben und sich in der Nähe festgegraben, wir stünden in dem Dorfe Hosszuhavas und bekämen Quartiere, freilich Alarmquartiere, niemand dürfe die Stiefel ausziehen.

Mit Offizieren und vielen Mannschaften fand ich Unterkunft in einem Bauernhause, das von seinen Eigentümern verlassen war. Auf dem Tische stand bei Brot und Äpfeln ein schräg abgeschabter Salzkegel, daneben, mit Öl gefüllt, eine Lampe, die wir anzündeten. Ein Stapel Brennholz lag hinter dem Ofen; unter einer Bank, in Käfigen, waren Hühner untergebracht. Auf diese stürzten sich im Nu die halbverhungerten Soldaten, um sie einem Kochkundigen zu überliefern. Die Stube war voll Zeichen übereilter Flucht. In dem gewaltigen Webstuhl steckte noch ein Stück Leinwand. Schrank und Lade standen halb offen. Einiges war herausgerissen und wieder hineingeworfen worden; darunter aber, in schimmernder Ordnung, lagen ganze Schichten fein und rauh gewebter Tücher und gestickter Hemden. Bunte Decken verkleideten die Wände; darüber hingen Heiligenbilder mit getrockneten Sträußen, daneben ein Teller mit dem goldgemalten Namen Julesa.