Part 6
Als wir in das bewaldete Tälchen gelangten, das Hallesul heißt, erhob sich durch den Dunst eine mächtige Bergform; im Nu spürte jeder: wir sind da. Hier war eine andere Aufgabe gestellt als vor dem Hügelchen Lespédii: ein steiler, vom Feinde stark besetzter Grenzberg, der, nahe dem wichtigsten Paß, das Land Siebenbürgen bedrohte, war zu erstürmen. In einer halben Stunde mußte es geschehen sein, oder es geschah niemals. Auf Kanonenhilfe war verzichtet; indianerhaft, in weit auseinandergezogenen Gruppen sollten zwei Kompagnien anschleichen, um gewaltsamsten Angriffs von Mann zu Mann den Gegner in Entsetzen und Flucht oder in den Tod zu jagen. Nahe dem Punkt, wo die Züge unter Leitung des Majors zu gesondertem Vorgehen verteilt wurden, blieben wir Ärzte mit dem Adjutanten zurück und erwarteten weitere Befehle. Wir sahen uns um, wo vielleicht ein Verbandplatz zu errichten wäre; aber da fand sich weder Unterstand noch fließendes Wasser. Schon zeigt die phosphoreszierende Uhr die Zeit fast überschritten, ein vager Gedanke regt sich, es könnte noch in letzter Sekunde die Aktion widerrufen worden sein oder gar bereits eine Friedensbotschaft draußen die finstere Welt umfliegen, -- da rast das deutsche Kampfgeschrei, ein Augenblick tiefer Stille folgt, und nun setzt ein Feuer ein, wie wir es in solcher Verdichtung nie gehört haben. Deutlich unterscheiden wir die hellen, gezielten Salven der Unsrigen von den dumpfen vereinzelten Schüssen der Aufgescheuchten. Ohne Befehl abzuwarten, verließen wir den Wald, und nun war wie mit einem Ruck Morgen geworden. Entgegen stand uns ein kahler, zerklüfteter Kegel, von dem dünne Dunstschwaden ins Blaue wehten. Als erste Gestalten erblickten wir gefangene Rumänen, die behutsam deutsche Schwerverwundete zu Tal trugen, und unversehens fanden wir uns unter Leidenden und Sterbenden gezwungen, den ungeschützten Platz, wo wir uns eben befanden, zum Verbandplatz zu machen. Schon hatte eine Granate zwischen uns eingeschlagen und zwei Verwundete getötet, da kam der Hauptmann einer ungarischen Reservekompagnie des Weges und verriet uns die Nähe eines leidlich eingerichteten Sanitätsunterstandes, auf einem Felsen im Walde. Wir ließen pfadweisende Täfelchen an Bäume nageln und brachten die Verwundeten in den fast leeren Raum, dem eine schmale Ärztezelle mit Pritschen und einem Tischchen angefügt ist. Zwei sehr junge ungarische Sanitätsfähnriche geschmeidig-zart, rotseidene Genfer Kreuze auf schneeweißen Armbinden, begrüßten uns, boten sich als Gehilfen an und begannen die Arbeit mit einer Geübtheit, die wir ihren feinen Knabenhänden kaum zugetraut hätten. In hundert Formen wogte Leiden heran, und sehr ungelegen kam ein Bote des Majors, der um neun Uhr mich und den Kollegen R. zur Befehlsstelle berief. Wir übereilten uns nicht und begannen den Aufstieg erst nach zehn Uhr.
Es ist ein Berg der Blindnis und des Todes, den wir langsam erklimmen. Vom östlichen Hang herüber, wo der Kampf noch nicht abgeschlossen ist, schallen durch Gewehrgeknatter wilde Schreie; hüben aber in unserem Bereich beginnt eben der Feind, den Eroberern das Eroberte zu verleiden. Wie Hornisse zerstechen Granaten das Gefelse, Fleisch reißend aus Lebendigen und Toten. Bald rufen uns deutsche Verwundete an, bald rumänische, die nun das Eisen ihrer Brüder zum zweiten Male verstümmelt hat. Manche leiden regungslos; viele krümmen sich wie Schlangen. Mitten aber durch tödliche Zone sahen wir deutsche Leichtverletzte nach unten steigen, einige bleich, verstört, andere voll Übermut, mit bunten Gürteln, Westen, Ordenszeichen toter Gegner wie zum Karneval aufgeputzt. Einer hat aus der rumänischen Stellung ein Grammophon mitgenommen; nun kommt ihm der Einfall, es aufzuziehen und auf einen Stein zu stellen, der Page aus dem Figaro beginnt zu singen, und wie die Stimme eines Irren klingt Mozarts Lied in zerrütteter Welt. An einer Granitplatte, nahe der Kommandostelle, lehnte der Befehlträger Glavina, noch atmend, aber schon ganz mit der einsichtigen Miene der Toten. Man sah kein Blut. Schmerz und Schauder zurückscheuchend, suchten wir die Wunde und fanden endlich einen feinen, in den Nacken eingedrungenen Splitter. Bald stand die Atmung still. Einige dichtbeschriebene Meldezettel, die ihm aus der Tasche gefallen sein mußten, nahm ich mit, um sie dem Adjutanten zu geben, merkte aber auf dem Wege, daß sie nichts Dienstliches enthielten; nun verwahre ich sie vorderhand bei mir. Dem Major sagten wir, daß die bestellten bosnischen Verwundetenträger noch nicht eingetroffen seien; er versprach, die Division anzurufen, und sandte uns bald in den Hallesul zurück.
Indessen hatte sich das Wetter verfinstert; es fing zu schneien an. Ein fließender weißer Vorhang nahm den Geschützen das Ziel; eines nach dem andern verstummte, fast ungefährdet gingen wir hinab. Ein Rumäne, zwischen zwei Birkenstämmen hingestreckt, lag mir im Wege; ich hielt ihn für tot und wollte über ihn wegsteigen, vernahm aber ein Ächzen und fühlte mich mit schwacher, doch spürbarer Gewalt am Mantel gefaßt. Zurücktretend sah ich das Leichengesicht eines kaum Dreißigjährigen, die Lider fast geschlossen, die Mundwinkel äußerst schmerzlich verzogen. Die Finger hielten noch immer den Zipfel meines Mantels fest. Durch einen grauen Umhang, der seine Brust bedeckte, dampfte es leicht; R. schlug zurück, unter aufgesprengten Rippen lagen die Brustorgane frei, das Herz zuckte schlaff. Mehrere silberne und kupferne Heiligenmedaillen, die er an schwarzem Band um den Hals getragen hatte, waren tief ins Fleisch hineingetrieben, einige stark verbogen. Wir deckten wieder zu. Der Mann öffnete halb die Augen, bewegte die Lippen. Um nur etwas zu tun, füllte ich die Morphiumspritze, und wirklich schien er etwas dergleichen gewünscht zu haben: er ließ den Mantel los und bemühte sich, mir den Arm zurechtzulegen. Schwer erklärbares Verhalten eines fast schon Gestorbenen! Aber vielleicht gibt es einen unendlich scharfen, unendlich peinlichen Schmerz, den der wach Sterbende um jeden Preis los haben will, weil er ihn brennend im Leben festhält, ihn am freien klaren Scheiden hindert, wer weiß es? Nach der Einspritzung legte er fast bequem seinen Kopf an der Birke zurecht und schloß die Augen, in deren tiefe Höhlen sogleich große Schneeflocken fielen. Wir gingen eilig weiter; es war fast ein Uhr, als wir im Hallesul ankamen.
Der Schneefall dauert an. Die Geschütze ruhen. Immer aber streifen oben Gewehrkugeln durch die Baumkronen; die Luft ist voll Harzgeruch des tausendfach verletzten Waldes. Vergeblich warten wir auf die bosnischen Träger. Sie müssen sich verirrt haben. Im Unterstand ist kaum noch Raum für Madjaren und Deutsche; die schwerverwundeten Rumänen liegen draußen zwischen den Fichten im Schnee. Einen ihrer Sanitätsunteroffiziere, einen jungen Juden, haben wir bei ihnen gelassen. Er hat ihnen ein Feuer angezündet, das kümmerlich brennt und unter Schneeflocken zischt. Einige halten die Hände darüber. Ein anderer lächelt immer und bekreuzigt sich von Zeit zu Zeit.
Im Unterstand verdunstet immer dichter das Blut. Mit klebrig-tierischem Gestank reizt und verdüstert es die Nerven; man läuft immer wieder ins Freie. Der rote Saft, an den das Leben mit Lust, Qual, Wut, Barmherzigkeit, Wahnsinn und Weisheit gebunden ist, warum erregt er, sobald er verschüttet wird, unleidlichen Ekel?
Abends
Wirklich sind die Bosniaken ausgeblieben, vielleicht von einer anderen Truppe weggefangen. Unsere gefährlichst Verwundeten nach Oitóz zu tragen, haben sich mehrere Leichtverletzte erboten; bis Mitternacht werden sie dort ankommen. Nun konnten die Bleibenden besser gelagert, auch fünf Rumänen in den Unterstand aufgenommen werden. Von den übrigen starben noch drei; die anderen drängten sich dicht um ihr Feuer, wobei sich einige die Stiefel verbrannten. Es sind lauter junge Leute, glattgefällige Vollgesichter, -- wie mager, wie geprägt, wie grüblerisch-versonnen, wie kriegsgealtert sehen dagegen die jungen deutschen Soldaten aus! Der jüdische Unteroffizier, des Deutschen kundig, fragte mich im Namen aller, wann sie wohl in ein Lazarett befördert würden, worauf ich nach der Wahrheit erklärte, daß das nächste Lazarett mehr als zwanzig Stunden entfernt sei, auch daß die bestellten Sanitätssoldaten uns verfehlt hätten und schwerlich vor morgen eintreffen würden. Sichtlich ungern übersetzte der Dolmetsch die schlimme Auskunft, und in der Tat war die Verzweiflung, die nun auf allen Gesichtern erschien, so fürchterlich, daß ich mich zu einer Torheit verleiten ließ, indem ich, wie man Kinder durch leichtfertige Verheißungen zu beschwichtigen sucht, ihnen aufs Geratewohl sagte, sie sollten sich nur noch ein Weilchen behelfen und gedulden, ob nun die Träger kämen oder nicht, in jedem Fall würde ich sie alle noch vor Dunkelheit unter Dach bringen und ihnen reichlich zu essen geben lassen. Wort um Wort übersetzte der Jude; ermutigt horchten sie auf. Kaum aber war das Versprechen gegeben, da fiel es mir in seiner ganzen Unsinnigkeit auf das Herz. Wir haben kaum Unterkunft für die Unsrigen, dazu so kärgliche Nahrung, daß immer die Lebenden sich gierig auf die Brote der Gefallenen stürzen, auch fehlt mir jede Befehlsgewalt, -- wie hatte ich dies alles vergessen können? Gefreiter W. meinte, die Kerle verdienten nicht so viel Federlesens, auch unsere Kameraden lägen auf dem Berg in Eis und Schnee, Krieg sei Krieg, die Rumänen hätten ihn vom Zaun gebrochen, sie sollten ihn nur spüren. Darauf war im Augenblick nichts zu erwidern; ich erneuerte mir indessen die Hoffnung, daß die Bosniaken doch noch kommen Würden, und ging, da im Unterstand gerade nichts zu tun war, ein wenig den Berg hinauf, anfangs dicht hinter der Linie, wo Posten, bekleidet mit weißen Schneehemden und -mützen, wie Priester, die eine stille Messe zelebrieren, hinter ihren Brustwehren standen. Befehlbringer kamen und gingen; mit singendem Ton strichen Kugeln. Höher gelangend, sah ich durch das Gestöber einen huschenden rötlichen Schein; dieser konnte nicht mehr unserm Bereich angehören, da schräg über die nächste Höhe schon die feindliche Stellung läuft. Gestalten traten in den Glanz, nahmen eine Bahre auf und trugen sie davon, da verlosch die Erscheinung. Ich stieg weiter und kam an einen hohen Baum, durch dessen Astwerk ein weißgrauer Vogel flatterte, fast amselgroß, vielleicht ein Schneefink, der erste Vogel, der mir in diesen stummen Wäldern zu Gesicht gekommen ist. Schnee fiel noch immer; in Millionen Stückchen schien der Weltraum herzusinken, man spürte die saugenden und belebenden Wellen des Nichts.
Als ich in den Hallesul zurückkehrte, wurde mir eine Überraschung. Ich spähte nach meinen Rumänen; keiner war da. Nur die Toten, schon zugeschneit, lagen bei den verrauchenden Kohlen. So sind die Träger doch gekommen, dachte ich und wollte weitergehen, traf aber den ungarischen Kompagnieführer, der uns am Morgen den Verbandplatz gezeigt hat; er schien mich erwartet zu haben. Und nun erfuhr ich, was in kleiner wie großer Menschenwelt hie und da einmal vorkommen mag, daß irgendeiner halten muß, was ein anderer leichtfertig versprochen hat. Mit knappen Worten entschuldigte sich der Hauptmann, weil er die deutschen Kompetenzen ein wenig verletzt und in meiner Abwesenheit die Gefangenen an einen anderen Ort habe schaffen lassen, seine Leute hätten mich überall vergeblich gesucht. Durch das runde Fensterchen seines nahen Unterstandes habe er den ganzen Tag wie vor einer Zauberlaterne die Gruppe der Verwundeten und Sterbenden mit ihrem armseligen Feuer vor Augen gehabt, allmählich sei es seinen etwas anfälligen Nerven zu viel geworden. Abseits in einer Schlucht stehe eine leere Reisighütte, dort befinden sich die Leute jetzt, er habe ihnen auch warmes Essen geschickt. Ich erwiderte etwas Verbindliches; er wollte nichts hören. »Ihr armen Deutschen«, sagte er lachend, »habt ja selber nichts mehr zu brechen und zu beißen, während wir Ungarn vorderhand noch im Überflusse schwimmen.« Damit führte er mich durch Gestrüpp und Schneewehen in die Schlucht hinein. In der Hütte bei Kerzenschein lagen die Verwundeten auf Tannenzweigen. Sie aßen Fleisch aus Blechbüchsen und tranken aus ihren Feldbechern heißen Tee. Der Unteroffizier stand auf, erstattete dem Offizier in deutscher Sprache eine Meldung, wandte sich sodann zu mir und sprach im Namen aller für Unterkunft und Speisung seinen Dank aus. Befremdet sah mich der Ungar an. Ich suchte den einen über seinen Irrtum aufzuklären und bekannte dem andern mein unbesonnenes Versprechen; beide lächelten höflich, doch scheint mich keiner so recht verstanden zu haben.
Als wir wieder ins Freie traten, hatten Deutsche und Rumänen schon begonnen, durch Aufsenden unzähliger Leuchtkugeln einander zu warnen und zu bewachen; grellrot und grün flackerte der ganze Hallesul bis zu den Bergen hinauf, und wie Konfetti fiel durch die farbenwechselnde Beglänzung der Schnee. Selten wird ein Schuß abgegeben; zuweilen, durch das Raketenzischen, hört man wieder, wie am Kishavasberg, aus großer Entfernung Wölfe heulen.
17. November
Bei Tagesgrauen Gewehrfeuer, das bald verstummte. Nach Sonnenaufgang öffnete sich der trübe Himmel; man sah hinter durchsichtigem Wolkenhäutchen den abnehmenden Mond als embryonenhafte Goldgestalt. Die Krankenträger sind eingetroffen, und nach und nach werden alle Verwundeten fortgetragen. Pirkl muß hierbleiben; er ist fast ohne Puls und würde vermutlich als Leiche nach Ojtóz kommen. Sein Bruder hat auf eine Stunde Erlaubnis erhalten, ihn zu besuchen. Da er sich nicht mehr mit ihm verständigen kann, so benutzt er die Frist, um dem noch Lebenden ein Grab zu graben und ein Kreuz zu schnitzen, auf dem er sehr sorgfältig mit blauem Stifte den Namen des Gefallenen verzeichnet.
Um neun Uhr erscheinen unter Führung eines fahnentragenden Rabbiners dreizehn Rumänen mit Gewehren und Munition, erbitten Gehör bei dem ungarischen Hauptmann und ergeben sich ihm in aller Form. Der Aufzug war ein bißchen bühnenmäßig, wofür Ungarn wie Rumänen gewiß mehr Sinn haben als wir. Der Tag vergeht ruhig. Die Kälte hat nachgelassen; Föhnwind leckt Eis und Schnee von den schwarzen Felsen. Oft geht man durch eine Welle sehr warmer Luft, als ob Öfen in der Nähe stünden. Blasse Sonne, breit zerfließend, steht in löschpapierweißem Dunst. Am Abend ziehen die ungarischen Sanitätsfähnriche lange Flaschen aus ihren geräumigen Tragkörben, dazu feine geschliffene Gläser und erquicken sich und uns mit heißem Wein.
18. November
Kein Wunder, daß man viel schläft und viel träumt in dem Winterwaldzwielicht. Wehrt man sich dagegen, so wird es nur schlimmer. In Frankreich, vor dem Urlaub, als ich noch an ein sehr nahes Ende des Krieges glaubte, war aller Traum nur Träumerei; locker und sinnlos fand ich mich unter Frauen und Freunde verspielt, kein Traum wußte etwas vom andern. Seit aber von Frieden und Heimkehr nicht mehr die Rede ist, scheint nicht nur die Leuchtkraft aller Gesichte zu wachsen; es ist auch, als versteckten sie vor mir ein geheimes Ziel, dem sie mich auf Umwegen zuführen wollen. Zuweilen werden sie durch ein äußeres Ereignis von ihrer breiten Entwicklung abgedrängt und grob skizzenhaft beendet. Heute morgen schlug eine Granate vor dem Unterstand ein und weckte mich aus einem Traum, der seltsam deutlich blieb, weil er, wie ein jäh aufgedeckter Maulwurf, keine Zeit mehr fand, sich zu verschlüpfen. Ich war nachts einmal aufgewacht und hatte bemerkt, daß der Unterstand von Mäusen bewohnt ist. Sie huschten über das Tischchen, knabberten am Brot und streiften einige Male so kunstreich an den geschliffenen Gläsern der Ungarn hin, daß es eine gar liebliche Folge heller Klänge gab. Dadurch war das Widerliche des Getiers auf einmal aufgehoben, etwas geisterlich Koboldisches lag in der Luft, und vor einem ganzen Theater lustigster Mäusemetamorphosen schlief ich ein. Immer mehr entfärbten sich dabei die Tiere; schließlich waren sie alle glänzend weiß und liefen auf einer grünen Fläche hin und her. Als ich sie aber näher betrachten wollte, stand ich am Billardtisch eines dunstigen Kaffeehauses, wo ein unsichtbares Orchester fernher dudelte, und statt der Mäuse sah ich weiße Kugeln auf dem grünen Tuche laufen. Einziger Spieler am Billard war jener Rumäne, dem wir auf dem Berge das Morphium eingespritzt haben. Mit wiegendem Tänzerschritt umkreiste er den Tisch und hielt mit leisen deutenden Bewegungen seines Stabes die weißen Bälle in Lauf, ohne sie zu berühren. Diese wurden immer glänzender; wie Kreisel summend, mit sphärischer Sicherheit rollten sie hin und her auf dem grünen Stoff; keiner störte den andern, und wenn sie von einem Rande zurückschnellten, verstärkten sie Geschwindigkeit und Licht. Eigentlich glichen sie einander genau; doch dünkte mich bald einer besonders herrlich, ja, ich fühlte mein ganzes Schicksal an ihn gebunden, -- wenn er stillstand oder mit einem anderen zusammenstieß, mußte grenzenloses Unheil geschehen. In einiger Entfernung ging Regina als Scheuermädchen von Tisch zu Tisch, las Zigarrenstummel und zerbrochene Gläser auf und warf sie in einen Kehrichteimer, den sie mühsam daherschleppte. Plötzlich stand sie bei mir und flüsterte: »Weißt du's schon? Eben bin ich deinem Schatten begegnet.« Dann trat sie an das Billard, ergriff gelassen meine wunderbare Kugel, warf sie zu dem übrigen Kehricht und setzte den Deckel auf den Eimer. Der Rumäne, der nun auf einmal Glavina glich, spielte weiter; seine Augenhöhlen waren voll Schnee, er schien nichts zu vermissen. Ich aber hob die Hand und schlug Regina auf die Stirne, da schlief sie stehend mit unbeschreiblich seligem Lächeln ein. Der Ball jedoch gab im Eimer keine Ruhe; man hörte ihn mit immer höherem Tone weiter kreiseln und mitunter pfeifen, wie Mäuse pfeifen. Dabei wurde der Boden unruhig; ich hatte Mühe, mich aufrechtzuhalten. Alles schwankte; Regina, die schlaferstarrte, noch immer lächelnd, neigte sich wie eine Bildsäule, übermenschlich groß, zu mir herüber, wie um mich zu erschlagen. Und das war die Sekunde, wo draußen mit heulendem Knall das Geschoß zersprang! Ich stand im Nu auf den Beinen. Ein langhallender Schrei erscholl, der plötzlich abbrach, als hätte er die Stimmbänder des Schreienden zerrissen. Raab, Rehm und einige Verwundete rannten zur Tür; andere, schutzsuchend, drängten von außen herein. Neben dem Trichter lag ein ungarischer Soldat, bereits tot. Sonst ist niemand verletzt. Die Granate muß ein Irrgänger gewesen sein; keine weitere ist nachgefolgt.
* * * * *
Infanterist Pirkl, nachdem er nun zwei Tage lang ohne Bewußtsein im Verbandraum gelegen, bekam heute, nach der zehnten Digipuratum-Einspritzung, einen kräftigen Puls, begann auch wieder tief zu atmen. Völlig zu sich gekommen trank er einen halben Feldkessel Tee und aß Konservenfleisch. In seinem eignen Kote liegend, fühlte er sich höchst unbehaglich, stand alsbald auf und ging ins Freie, sich zu reinigen, wobei er plötzlich das Kreuz zu sehen bekam, das sein Bruder für ihn geschnitzt hat. Aufmerksam las er darauf seinen Namen, sah dann ins offene Grab hinein und rieb sich lange die Augen. Auf einmal fing er so herzlich zu lachen an, daß der Verband, der locker geworden war, wie eine Haube hinten hinabfiel. Dabei schnippte er mit den Fingern, wie einer, der einem Mordsspaß auf die Spur gekommen ist, und setzte lachend seinen Weg fort. Ohne Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen ist seine Verwundung kaum erklärbar. Die Kugel ist augenscheinlich gar nicht in den Schädel selbst eingedrungen, sondern hat nur die Halswirbelsäule, dicht unter dem kleinen Hirn, verletzt.
20. November
Der trübe Tag vergeht ohne größere Gefechte. Regen hat alle Toten aus dem Schnee hervorgewaschen; einer nach dem andern wird nun begraben. Viele Leute melden sich krank; eine trockene, schmerzhafte Augenentzündung befällt uns fast alle. Manche fiebern, und wieder sind einigen die Zehen erfroren. Dazu fallen immer wieder Unvorsichtige den feindlichen Scharfschützen zum Opfer, die sich auf Bäumen versteckt halten. Halbe Tage lauern sie voll Tiergeduld, ob keiner der Unsrigen sich einmal vergißt und seine Deckung verläßt, ein katziges Kriegführen, zu dem gewiß kein Soldat der Erde weniger taugt als der deutsche. Wer noch leidlich gesund ist, sieht übrigens nicht ohne Genugtuung die sogenannte Gefechtsstärke dem Minimum entgegensinken, das Ablösung bedeutet, und nachsichtig schweigt sogar der Major, wenn ich mich beim Überweisen in die Lazarette ziemlich liberal verhalte. Leutnant Leverenz behauptet freilich, daß ich ärger als der Feind den Bestand an Gewehren vermindere, gibt aber zu, daß auch dem Tüchtigsten hier nicht mehr als drei Tage und Nächte zugemutet werden können. Es gibt keine Unterstände auf dem Berg; hinter Steinen und Bäumen liegt der Soldat im nassen Schnee, er darf kein Feuer anzünden und, solang es hell ist, den Kopf nicht erheben. Die größte Pein aber ist für uns alle der Durst, der mit ungeheurem Ekel vor dem Trinken verbunden ist. Im Schmelzwasser, das von den blutüberstrudelten Hängen heruntersickert, ist beginnende Verwesung so reichlich gelöst, daß wir es nicht einmal zum Teekochen, noch weniger zum Trinken gebrauchen mögen.
Kézdi-Almás, 22. November 1916
Gestern am Abend von preußischer Landwehr abgelöst, stiegen wir durch feuchtes Gestöber nach Ojtóz hinab, wobei uns mehrmals im Dunkel der Weg abhanden kam. Ob es möglich sei, daß der Kopf sekundenlang schläft, während sich die Beine regelrecht weiterbewegen, entscheide ich nicht, weiß nur, daß mir einmal auf diesem Nachtmarsch eine blaue Schale mit goldenen Zeichen dicht vor den Augen erschien, worauf ich wie aufwachend emporfuhr und mich deutlich erquickt fühlte. Nach Mitternacht erreichten wir die Baracken. Früh nach acht Uhr, bei aufgehelltem Wetter, zogen wir weiter, nachdem die Leute ihre Tornister zurückerhalten hatten; die Tornister der Toten wurden auf einem großen Wagen nachgefahren. Das Bataillon ist klein geworden; auf der Landstraße fiel dies recht in die Augen. Eine Strecke vor Kézdi-Almás sahen wir den Oberst mit Regimentsstab und vollzähliger Musikkapelle stehen; sie warteten auf uns. Als wir in gute Hörnähe gekommen waren, flog ein heller Trommelwirbel auf, dem leichte Melodien folgten, dann schmetterte sich ein Marsch aus >Carmen< gewaltig aus. Unsere schmutzgraue Schar, die so gebeugt und müde dahinschwankte, als wäre sie besiegt, begann sich zu straffen; allmählich begriff sie die Ehrung, die der alte Oberst ihr erweisen ließ. Nach >Carmen< folgte das Lied vom guten Kameraden, und nun endete die Musik nicht mehr, bis unsere Spitze das Dorf erreichte, dessen Kinder, von den Klängen gelockt, uns mit entzückten Gesichtern entgegenliefen.
Der Tag vergeht ruhig, doch meldeten sich mehrere Leute wegen Brustbeklemmungen in das Revier. Beim Untersuchen zeigt sich ein häufiges Ausbleiben der Herzschläge. In das Lazarett will keiner; jeder hofft auf Ruhewochen und gibt sich mit Baldriantropfen zufrieden. Als Raab den Sanitätswagen aufsperren wollte, fehlte der Schlüssel, und kein Schlosser läßt sich im Dörfchen auftreiben. Für den Augenblick freilich genügen die Vorräte, die wir noch in den Verbandtaschen haben. Dehm und Raab sind sich fast böse geworden, weil einer dem andern den Schlüsselverlust vorwirft.