Rumänisches Tagebuch

Part 5

Chapter 53,499 wordsPublic domain

Mit meinem Unterstand ist es etwas anders gegangen, als ich gestern meinte; aber er steht da, trotz allem, -- was will ich mehr? Es ist bei einem Regimentsstab wie an einem kleinen Hofe; man sieht einander weniger in die Augen als auf die Achselstücke, und da mir solche fehlen, so zeigten die Zusagen von gestern keine rechte Haltbarkeit; vielleicht haben sie mehr dem Obersten gegolten als meinem Unternehmen. Als am Morgen die Diener ausblieben, erlaubte ich mir die Herren an ihr Versprechen zu erinnern; aber da war gerade jeder unmäßig in Anspruch genommen, keiner könnte im Augenblick seinen Burschen entbehren, einer um den anderen vertröstete mich auf später. Ich drängte nicht, sondern begann sofort mit Raab, Dehm und Rehm allein zu arbeiten. Das ging aber gar langsam; wir mußten doch nach anderen Händen ausschauen. So nach zehn Uhr, als ich die Offiziere fest in den Dienst gestrengt wußte, da machte ich mich wie ein geheimer Werber an die Diener heran und lockte sie mit Geld und Tabak zur Mithilfe. Es sind lauter gewandte Leute, die gleich auf alles eingingen. Doch beschäftigte ich nicht alle zugleich; zwei mußten immer für die Herren erreichbar bleiben, um statt der fehlenden einzuspringen. Das Werk schoß auf wie eine Morchel; mittags waren aus Pfählen und Erdklötzen schon Wände errichtet, um ein Uhr hatte Dehm ein Dach aus Latten, Gezweig, Erdreich und Steinen darübergelegt, bald sah ich Pritschen übereinandergebaut, sogar einen Tisch und zwei Stühle aus Birkenästen gezimmert, dazu kam noch ein Felsenofen mit einem Rauchrohr aus ineinandergesteckten Konservenbüchsen, denen man den Boden ausgeschnitten hatte. Von Zeit zu Zeit ließ ich mich bei der Befehlsstelle sehen, wo nun alles kriegerisch webert und in Ferngesprächen der Angriff erläutert wird. Der Ordonnanzoffizier, vom Apparat herüber quer lächelnd, fragte nach meinem Unterstand. Ich klagte über Arbeitermangel; er meinte zerstreut-verbindlich, das werde sich geben, es eile ja nicht, auf jeden Fall werde er mir morgen seinen Burschen schicken. Nun freute mich erst der Spaß. Meine lieben Jungen werkten wie für die Ewigkeit; mir fiel der Bauer von Szentlélek ein, -- möge ihm sein groß geplanter Hof so glücklich geraten wie mir diese Hütte! Nach dem Abendessen fragte der Oberst, ob ich den Unterstandbau bereits begonnen habe. Die Verwunderung, als ich sagte, der sei fertig, war lebhaft am ganzen Tisch. Alle wollten ihn sehen. Ich führte sie zum Walde hinüber, lud sie ein, auf Stühlen und Pritschen Platz zu nehmen und spendete Zigaretten. Die Baumeister Dehm, Rehm und Raab wurden vom Oberst gerufen und belobt. Niemand fragte, wer sonst noch geholfen habe.

Es ist ein Abend, so ätherhell wie man ihn auf geklärteren Planeten ahnt. Herrlich brannte die Sonne hinab, und während noch der Westen haselnußbräunlich nachleuchtet, steigt aus lavendelblauen rumänischen Bergen der Mond.

11. November

Vormittags um zehn Uhr, als die Sonne sehr grell gegen die feindliche Stellung fiel, wurde durch verwegenen Überfall mit einer Handvoll Leuten der 6. und 7. Kompagnie den Rumänen Lespédii entrissen. Jetzt ist es vier Uhr, und bereits haben sie den siebenten Sturmlauf unternommen, um das Hügelchen zurückzugewinnen. Die Unsrigen rühmen die große Todesverachtung der Gegner, sagen aber, daß es ihnen an Besonnenheit und Erfahrung fehle. Jedesmal, ehe sie ansetzen, hört man, wie drüben ein Führer eine Rede hält, worauf ein wilder Marsch ertönt, bei dessen Klängen sie heranrasen wie Trunkene. So wird Musik, die reine Kunst, zu einem Fluidum, das den Menschen über seine Grenzen hinaustreibt und mit Gefühl des Lebens dermaßen überlädt, daß er sich sehnt, es abzuwerfen.

Schon zeigt sich, daß der kleine Gesteinshaufen weit mehr Opfer kosten wird, als wir vermutet hatten; die Fortschaffung der Verwundeten muß bis morgen in eine heillose Stockung geraten. Ich beschloß, noch einige Gruppen von Trägern anzufordern. Unwillig überließ mir der Adjutant das Telephon. Ich erfuhr, daß unser Divisionsarzt samt seiner Sanitätskompagnie einem andern Frontabschnitt zugeteilt worden ist. Andere deutsche Stellen erwiderten mit vagen Vertröstungen; schon sah ich die mir anvertrauten Verwundeten der Erfrierung und dem Hunger ausgesetzt und wollte den Apparat verlassen, um beim Oberst Gehör zu erbitten, da lehnte an einer Fichte, schlank, leicht gebückt, mit klarer, steiler Stirne ein junger ungarischer Kadett neben mir, dessen kühle graue Augen mit einiger Teilnahme auf mich gerichtet waren.

»Darf ich Ihnen einen Rat geben?« sagte er, höflich grüßend. »Wenn Sie an irgend etwas Mangel haben, wenden Sie sich stets an den österreichischen Hauptmann Gebert in Bereczk. Er hilft immer.«

Der junge Mann glich eher einem stillen Gelehrten als einem Soldaten; vielleicht gerade deshalb faßte ich Vertrauen. Und wirklich, sehr aufgeräumt wie ein Kaufmann, der gute Geschäfte zustande kommen sieht, antwortete der fern Gerufene:

»Warum nur sechs Gruppen? Ich schicke lieber zwölf! Haben Sie denn genug Verbandstoff?«

Ich bat um eine mäßige Menge, und er versprach, ein Eselchen, mit Kompressen und Binden beladen, den Trägern bald nachzuschicken. »Bis fünf Uhr morgens ist alles bei Ihnen«, setzte er hinzu. Nie war ich froheren Herzens von einem Telephon weggetreten. Ich wandte mich, um dem unverhofften Schutzgeist Dank zu sagen; der aber hatte seine Natur auch dadurch bewiesen, daß er indessen unsichtbar geworden war.

12. November, sechs Uhr morgens

Da der Verbandraum längst überfüllt ist, haben wir die neuen Verwundeten in ein ganz nahes Tälchen gelegt und ein großes Feuer angezündet, um die Luft zu erwärmen. Die Toten werden auf einer moosigen Fläche zusammengetragen, etwas jenseits des Feuers, das sich unter dem Winde zu ihnen hinüberstreckt, wie um sie zu verzehren. Der junge Leutnant, der uns neulich auf dem Weg durch die Stellung begleitet hat, ist unter ihnen. Kurz vor Mitternacht kommt eine Meldung, daß die Rumänen von der Front zurückgezogen und durch ein russisches Regiment ersetzt worden seien.

Es wurde nun still in der Tiefe, und nach ein Uhr kamen keine Verwundeten mehr. Ich legte mich um zwei Uhr in das Zelt und schlief ein. Da hatte ich einen Traum. Ich befand mich bei Vally und Wilhelm in unserm Wohnzimmer zu Passau. Es sah darin sehr kahl und ärmlich aus; fast alle Möbel waren entfernt, die Wände voller Sprünge, der Spiegel blind. Vally, mit magerem weißem Gesicht, lag in einem schlechten, zerschlissenen Bett und sagte gelassen, fast heiter, daß sie schon lange nichts mehr zu essen hätten. Wilhelm saß an seinem Tischchen und schrieb auf einer Schiefertafel. Von Zeit zu Zeit legte er den Griffel weg, nahm ein Spritzkännchen, ging ans Fenster und begoß Pflanzen, die dort in Scherben wuchsen. »Was tust du?« fragte ich. »Ich muß die Königsblumen gießen«, gab er mit großem Ernst zur Antwort und schrieb wieder. »Ja, das sind kostbare Gewächse,« sagte Vally, »schau sie dir an! Die meisten, leider, verwelken, bevor sie zum Blühen kommen; die mittlere aber, die große, wird sicherlich aufgehen, das ist genug. Sie wird uns alles geben, was wir brauchen, Kleider und Schuhe, Brot und Wein.« »Kleider, Schuhe, Brot und Wein«, wiederholte das Söhnchen in singendem Ton, stand auf und begann wieder zu gießen. Ich betrachtete die Pflanze; es war eigentlich nur eine große blaßgrüne Knospe von unregelmäßiger Form, die aus einem behaarten fleischroten Stengel hervorwuchs. Sah man sie länger an, so konnte man in der Tat finden, sie gleiche einem unentfalteten grünen Figürchen mit winzigen gelben Kronenzacken. Und auf einmal war auch mir zumute wie den beiden, so verarmt und so voll rätselhafter Hoffnung. Zugleich aber fiel mir ein, daß ich ja Brot und Wein bei mir trug, echten Tokaier, in Arad gekauft, und frisches weißes Brot aus Esztelnek. Rasch packte ich aus, rückte das Tischchen zum Bett, und wir aßen und tranken, enthielten uns aber jeder Liebkosung, ja jedes innigen Wortes, als hätten wir ein tiefes Wissen, daß wir nur Traumwesen waren und uns durch Berührung oder durch ein Übermaß gezeigten Gefühls zerstören konnten. Vallys Wangen röteten sich, ihre Augen glänzten; der Kleine wurde sehr fröhlich: »Ich will der Blume Wein zu trinken geben, damit sie schneller wächst!« sagte er, schüttete ein wenig auf die hohle Hand und ließ es auf die Knospe tropfen; diese wuchs gewaltig, auch prägte sich die Figur deutlicher aus -- plötzlich, mit feinem Klingen, zuckte ein Licht, ein schmaler Strahl, purpurgolden, zwischen Blättern hervor, der Knabe, entzückt und erschrocken, trat einen Schritt zurück -- »die Zeit ist da!« rief Vally und erhob sich aus den Kissen, ich aber hörte mich mit rauher Stimme angeredet und erwachte. Jemand hatte das Zelt geöffnet, ich sah den rötlich dämmernden Himmel, darüber hart funkelnd einen Stern, am Boden aber einen gebückten knienden Mann in, österreichischer Uniform, der mir eifrig und respektvoll mit mühsamem Deutsch etwas zu erklären suchte. Raab, der herzutrat, sagte, es sei ein bosnischer Sanitätsfeldwebel, der Führer der eben eingetroffenen Verwundetenträger, der Mann lasse sichs nicht nehmen, er wolle deren Ankunft unverzüglich melden und um Befehle bitten. Ich behalte eine Gruppe für besondere Fälle bei mir; die anderen bekommen Rast und Speise, dann beginnen sie ihren schweren Dienst. Es sind stämmige Männer in reifem Alter; sämtliche haben den sicheren federnden Gang, der dem Getragenen viele Schmerzen erspart. Auch das Eselchen ist schon da, ein rabenschwarzes mit weißen Ringen um die Augen, am ganzen Leibe noch dampfend von seiner frommen Mühsal. Alle sammeln sich darum, jeder streichelt es, jeder will sein Brot mit ihm teilen, und wie Völker alter Zeit sind wir nahe daran, das Unschuldig-Vernunftlose als das höchste Göttliche zu verehren.

Drunten halten sie noch Ruhe. Manchmal, wie Gasperlen aus einem Sumpf, brodelt eine Schießmaschine. Die Verwundeten warten geduldig. Leichte Gifte lösen den Schmerz, und das große Feuer heizt weithin die Luft; sie flimmert wie fließendes Glas. Die Bosnier haben sich rings herumgesetzt; sie singen langtönige Lieder, in denen der Trochäus überwiegt. Ein starker Wind zerrt an den blauen Wurzeln der Flammen und wirft Funken und Fetzen brennenden Wacholders auf die Toten.

12. November, mittags

Die Kälte nimmt zu. Spärlich wirbeln Flocken, man weiß nicht recht, woher; nur wenige lockere Wolken stehen über uns. Unruhiger Morgen. Der Feind hat Geschütze herangeholt; man rechnet mit einem Gegenangriff. Österreichische Truppen ziehen über den Berg, lagern zuweilen. Ich sah, etwas abseits im Walde, einen polnischen Offizier, einen bleichgesichtigen jungen Mann, wie er einen älteren Bosniaken, der Befehle nicht zu verstehen schien, mit geballter Faust immer wieder auf Kopf und Schultern schlug. Solche Szenen sollen sich seit kurzem in der verbündeten Armee ab und zu ereignet haben. Gar zu scheckig ist ja dieses Heer, und eine Farbe haßt die andere; ja es kommt vor, daß der Führer die Sprache seiner Leute weder spricht noch versteht und sich für zu vornehm hält, sie zu lernen. Hier übrigens war das Empörende des Vorgangs bis ins Lächerliche übertrieben und fast aufgehoben, und zwar durch das Benehmen des Mißhandelten. Die gebührend ehrerbietige Haltung nicht eine Sekunde lang verlassend, ertrug er die Beleidigung mit der nachsichtigen Überlegenheit eines Riesen, der sich Püffe und Knüffe eines betrunkenen Gnomen gefallen läßt. Spaßverstehen lag breit auf dem ehrlich-pfiffigen Bauerngesicht; kaum unterschied man, wer da schlug und wer geschlagen wurde. Wäre der junge Offizier nicht von aller Wachsamkeit des Geistes verlassen gewesen, er hätte das Unmögliche, Unwirkliche seines Tuns entdecken müssen. Der Anblick war unerträglich: man mußte sich abwenden oder auf Heilung sinnen. Da nahte mir ein mutwilliger Geist; im Nu war der große silbergraue Umhang aus dem Sack gezogen und angetan; ich nahm eine Zigarette in die Hand, ging zu dem Tobenden und bat unbefangen um Feuer. Und schön entfaltete der unstatthafte Kragen seine Magie: der Leutnant ließ die Hände sinken, versicherte mich seines gehorsamsten Respekts und bediente mich mit seinem silbernen Benzinbüchschen, das durchaus nicht brennen wollte, geduldig und artig, bedeutete auch dabei mit Augenwink dem Bosnier, daß er sich entferne. Dieser ging davon, aufrecht, ungedemütigt; seinen Schultern merkte man an, daß es ihn innerlich vor Lachen schüttelte. Jenem aber, sei es zur Ehre gesagt, daß er seine Höflichkeit um keinen Grad zurückschraubte, als er nach und nach die Hohlheit meiner prächtigen Hülle erkannte. Die lange Dauer des Kriegs und die traurige Verfassung seiner Nerven beklagend, ging er mit mir noch eine Strecke in den Wald hinein und stellte mir in seinem nahen Unterstand einen Becher Tee in Aussicht, als in der Tiefe plötzlich ungeheurer Lärm losbrach, der uns beiden schnelle Rückkehr zu unseren Dienststellen befahl. Beim Stab erfuhr ich, ein Angriff der Rumänen sei im Gang; man hatte sich aber vorgesehen und erwartete ruhig die weiteren Meldungen. Nach einer Viertelstunde waren die Gegner zurückgeschlagen, einige gefangen. Das Gerücht vom Einsatz russischer Kräfte hat sich nicht bestätigt.

Abends

Gefangene, 1 Offizier und 21 Mann, wurden auf der freien Fläche bei den Gräbern zum Abmarsch aufgestellt. Man sieht es diesen Rumänen an, daß sie gegen uns Deutsche kein gutes Gewissen haben; der Offizier, ein Unterleutnant, senkte beim Salutieren sehr den Kopf, als der Oberst in seiner gottväterlichen Breite an ihm vorüberging. Ein Jude von etwa Dreißig, untersetzt, vollbärtig, macht sich durch Deutschsprechen bemerkbar. »Wir alle«, sagte er, »sind verwundert gewesen, hier auf Deutsche zu stoßen. Wir hassen die Ungarn, ja; aber wir bewundern die Deutschen. Sie sind das wichtigste Volk der Welt, man lernt von ihnen, und sie haben uns nichts Böses getan.« Der Mann sprach in einem erregten und wohlmeinenden Ton; vielleicht hatte er Furcht, vielleicht war er längere Zeit in Deutschland gewesen. Niemand gibt ihm Antwort. Wo er hinredet, stößt er auf Schweigen; nicht einmal die naheliegende Frage, welche die Franzosen den Unsrigen gern entgegenwerfen, wenn sie in ihre Hand fallen: Warum habt ihr uns Krieg erklärt? richtet man an ihn. Endlich verstummt er.

13. November

Nachts hatte man von den umliegenden Bergen herüber Wolfsgeheul vernommen; die Maultierführer deuten es auf nahen Schneesturm. In unsere Stellung rückten wieder Bosnier; wir verließen um acht Uhr, bei bedecktem Himmel, den Kishavas, nachdem die Quartiermacher schon in der Dämmerung nach Lemhény vorausgegangen waren. Beim Hinuntersteigen mußte ich der irren alten Frau gedenken, doch schlug der Stab einen anderen Pfad ein, und später erfuhr ich, daß jener Steig, als beschwerlicher Umweg, von den Truppen gemieden wird. Es mochte zehn Uhr sein, als uns zum erstenmal die Ebene mit Äckerbraun und Häuserblau erschien, um gleich wieder zu verschwinden, bis plötzlich, im tiefen Winkel zweier blaudunkler Hänge, das Campanilchen von Esztelnek aufschimmerte. Alle erkannten es und jubelten ihm zu; wie ohne Tornister, mit lautem Gesang, eilten die Kolonnen. Aber in raschester Fahrt, mit schrillen Signalen, holten uns österreichische Generalstabsoffiziere ein, winkten den Oberst heran und breiteten Karten vor ihm aus. Ein mächtiges Halt ertönte, Ordonnanzen mußten ihre Räder besteigen, um die vorausmarschierenden Kompagnien zum Stehen zu bringen. Der Gesang brach ab; mißtrauisch im beginnenden Regen wartete die Mannschaft. Nach wenigen Minuten erfolgt Befehl zur Umkehr; es geht unter überfließenden Regenwolken in das Gebirg zurück. Der Oberst berichtet uns, daß wichtige Höhen verlorengegangen seien, darunter der wichtige Grenzberg Runcul mare, der unverzüglich wiedererobert werden müsse. In Oitóz sahen wir den Grafen Tisza, der in bequemer Pelzjoppe, eine graue Mütze in der Hand zwischen Offizieren stand und ein Szeklerregiment an sich vorbeiparadieren ließ. Die Kompagnien wurden in ungeheuren Holzbaracken untergebracht.

Vom Oberst entlassen, suchte ich ohne Verzug den Major und meldete, daß ich den Dienst beim Bataillon wieder übernehme. Er saß allein in einem armseligen Quartier auf zerbrochenem Stuhl und studierte Karten. Der feuchte, finstere Abhang des Kishavas hat sein Leiden wieder aufgestört; er fragte gleich, ob ich noch etliche Pulver habe. Zum Glück war ein kleiner Vorrat geblieben; auch von Vallys trefflicher Schokolade fand sich im Brotbeutel ein letztes Täfelchen. Dieses verzehrend, saßen wir eine halbe Stunde in der windigen Stube beisammen, ohne viel zu reden. Vom Lazarett will er auch jetzt nichts wissen, und ihm vorzuhalten, daß er mit seinen fünfzig Jahren ohne Vorwurf zu Hause sitzen könnte, statt hier in einem unübersehbaren Krieg immer neue winterliche Berge zu erstürmen, hinter denen doch nur neue Feinde stehen werden, wäre kaum angebracht. Im stillen ertappte ich mich auf einer rechten Freude, wieder bei ihm zu sein; so ist wohl einem Raucher zumute, der sein scharfes aber würziges Kraut nach längerer Entbehrung wieder anzündet.

Die Soldaten haben unterdessen Münchener Bier erhalten, und da sie hören, daß wir vorerst nur in Bereitschaft liegen sollen, ja vielleicht gar nicht ernsthaft eingesetzt werden, sind sie, wie Kinder, gleich wieder guter Dinge. Niemand will schlafen; Lärm und Singsang dauern bis Mitternacht.

14. November

Um sieben Uhr weiter bei Regen und Nebel. Drei Leute mußten, als Flecktyphusverdächtige, in Oitóz zurückbleiben. Die Laus, die Einimpferin der Seuche, vor kurzem nur lächerlich und ekelhaft, zeigt sich allmählich als teuflischer unabwehrbarer Feind. Seit Monaten quält sie den Leib; oft ist es, als ob sich die Haut an tausend einzelnen Pünktchen entzünde, sie zersetzt Gedanken und Träume, jetzt versucht sie zu töten. Am Kishavas war mir aufgefallen, daß die Stelle meines Hemdes, über welcher die Zweige der Frau von Szentlélek stecken, fast läusefrei geblieben ist. Ich schloß daraus, daß die ätherischen Öle gewisser Pflanzen dem Ungeziefer noch verhaßter sein müßten, als das Naphthalin, das uns ohnehin immer spärlicher zugewiesen wird, und raufte wilde Minze ab, die dort noch vielfach in fetten bläulich-grünen Stauden wächst. Zweimal am Tage zerrieb ich mir Blätter und Stengel an der Haut, habe mir auch einen guten Vorrat mitgenommen. Anfangs verschärften sich Jucken und Brennen; die Nachwirkung aber ist vorderhand wohltätig.

Um ein Uhr ganz nahes Geknall; Kugeln zischten über uns. Wir machten halt an einem früheren Zollgebäude, wo schon ein Verbandplatz unseres Regiments errichtet ist. Das dritte Bataillon steht mit Rumänen im Gefecht. Verwundete liegen in allen Räumen, viele draußen im Regen auf Gras und Spreu. Ein Priester, leuchtend-bleichen Gesichts, wandelt zwischen Sterbenden, flüstert ihnen vertraulich zu, netzt sie mit geweihtem Öl, fragt nach ihren letzten Vermächtnissen und Wünschen, dazu nach den Adressen ihrer Angehörigen; dies alles schreibt er sorglich in ein dunkelgrün gebundenes Buch.

Ich ließ mich zu Dr. Fellerer, dem neuen Regimentsarzt, führen, von dem ich Starrkrampf-Serum zu erhalten hoffte. In einem Saal neben dem Hausflur bemühte er sich um gefährlich Verletzte; mein Eintreten bemerkte er nicht. Jetzt ihn zu stören war nahezu frevelhaft; aber mein Zweck hielt mich fest, und auch als Zuschauer blieb ich gerne; denn nie hatte ich einen schwierigen Dienst mit solcher Leichtigkeit, Sicherheit, Freiwilligkeit vollbringen gesehen. Diesen Arzt scheint nichts zu drängen und zu hetzen, und ob er blutende Schlagadern unterbindet oder zerbrochene Glieder in Schienen schmiegt, seinen Händen legt sich alles wie von selber zurecht. Das innig-nüchterne Handeln, zu dem auch wir hinstreben, hier geschah es inmitten ungeheurer Zerstörungen still und klar.

Endlich traf mich sein Blick, und nun erhielt ich Serum zugeteilt, soviel ich wünschte, hatte nur etwas Morphium dagegen zu liefern.

Sechs Leute, Deutsche und Rumänen, liegen abgesondert auf Stroh. Es sind Bauchschüsse, für die noch keine geeigneten Träger zur Stelle sind; sie bekommen alle zehn Minuten heiße Kompressen aufgelegt, und Fellerer bittet mich, dieses Verfahren gleichfalls anzuwenden. Er hat öfters davon Heilungen gesehen.

Wir hatten erwartet, sogleich eingesetzt zu werden; aber man bedarf unser noch nicht.

Unter einem Regen, der fallend gefror und halb in Tropfen, halb in Eisperlen auftraf, stiegen wir in eine Schlucht hinab und schlugen zwischen sehr alten, mit Islandflechte verkleideten Fichten die Zelte auf. Ein hoher Berg deckt uns vor dem Feind; es ist gestattet, Feuer anzuzünden, aber das nasse Holz will nicht brennen. Auch der Hunger begann zu nagen. Das Brot ist diesmal schlecht gebacken, halb noch Teig, halb verschimmelt. Immerhin hätte man gern das leidlich Eßbare ausgeschnitten, wenn sich etwas Marmelade dazu gefunden hätte; aber diese ist ausgeblieben. Da gedachte ich der großen Blechbüchse, welche die gute Frau Margarete von Schalding, erkenntlich für längst verjährte Hilfe gegen schleichende Krankheit, mir gesandt hatte, als wir noch in Libermont lagen. Den Inhalt kannte ich nicht; schwerlich war er in unsrer Lage unwillkommen. Rehm grub sie vom Grunde des Rucksacks herauf und schnitt behutsam den Deckel los; mit goldbraunflüssigem Bienenhonig war sie bis zum Rande gefüllt. Und nun scheint sich das Wunder der Vermehrung zu erneuern: die Bewohner dreier Zelte sind schon erquickt und noch immer das Gefäß bis über die Hälfte voll.

Abends sechs Uhr

Noch einmal ist mir die Rolle des Helfers zugefallen. Als gar kein Feuer zustande kommen wollte, fiel mit Reginas wächserne Reliquie ein, die sich in einem Seitenfach der Verbandtasche befinden mußte. Mein Zelt steht etwas abseits von den andern hinter einem Stamm; niemand gab gerade auf mich acht. Im Nu war das Kästchen zu Spänen zerschnitzt und angezündet, sodann die wächserne Hand daraufgelegt. Das Rot schmolz ab, der weiße Kern kam zum Vorschein, und bald schlug mit Geprassel das wachsbetropfte harzreiche Holz zu Flammen auf. Jubelnd begrüßten die Genossen mein unverhofftes Opferfeuer, aus allen Zelten kamen sie, um Glut zu holen, und Reginchen selber müßte sich daran freuen, wie nun die ganze Schlucht von Bränden lodert und sprüht.

16. November 1916 Hallesul, am Fuß des Runcul mare

Um halb zwei Uhr wurden wir geweckt, die Zelte abgebrochen, alles rasch zusammengepackt; fast schlaftrunken brachen wir auf. Eine Strecke leuchteten uns herabgebrannte Lagerfeuer nach, dann tappten wir in Waldfinsternis aufwärts. Jeder sucht irgendeine Helligkeit an der Figur des Vorausgehenden; mich führte der schwache Glanz eines Zinnbechers an einem Gürtel. Schnee fiel durch Nebel; es wurde dabei lichter: der Mond mußte über uns stehen. Immer schneller vollzog sich die Bewegung, bald an Abgründen, bald über Stege, bald um Felsen herum, stundenlang. Die Soldaten trugen das leichteste Sturmgepäck; die Tornister sind in Oitóz aufbewahrt.