Rumänisches Tagebuch

Part 4

Chapter 43,537 wordsPublic domain

»Es gibt abwartende Gifte, die das Blut nicht beschädigen, solange sich das vergiftete Wesen im Finstern hält, wogegen sie bei hellem Tage sogleich zu gären und zu töten beginnen.« Wie klärt sich mir langsam dies dunkle Wort!

Vor dem Abendessen verschlief ich eine halbe Stunde. Mir träumte von meinem Pferd. In dem Augenblick, da ich es besteigen wollte, verwandelte es sich in ein junges nacktes Weib.

Der Adjutant kündigt an, daß es morgen in aller Frühe weitergeht. Er versichert uns, daß wir diesmal nicht zurückgerufen werden.

Bakó tetö, 1. November 1916

Um die gleiche Stunde wie gestern verließen wir Esztelnek und erreichten bei trüb grauendem Tage das große Dorf Bereczk. Viel Volk stand auf der Straße, meist Frauen. Ein zierliches, vom Alter gekrümmtes Matrönchen lief neben der Kolonne her und spähte aufgeregt von einem Kopf zum andern: die Stahlhelme, die wir seit gestern tragen müssen, haben ihrs angetan. Endlich, da wir gerade langsamer marschierten, faßte sie Mut, huschte an den kleinsten Flügelmann heran und beklopfte mit scharfem Finger seinen Helmrand. Vielleicht hatte sie gemeint, es sei Holz oder Pappe; nun erkennt sie, daß es Metall ist, verschränkt zufrieden die Arme und bleibt zurück.

Ein sehr alter Mann stand vor seinem Häuschen und schrie, den Hut schwingend, in schauerlichem Gleichton unaufhörlich: Gott helfe den Deutschen! Gott helfe den Deutschen!

Die Gefechtsbagage blieb im Dorf; Zahlmeister und Verpflegungsoffiziere nahmen Abschied und wünschten uns Glück. Es ging bei leichtem Regen ins Gebirge empor. Man sah ferne Felsen mit schwarzen Klüften, die wie Schlünde Nebel ein- und ausatmeten. Um neun Uhr hielten wir auf dem Punkt Madjaros, wo nun auch die Pferde und ihre Wärter uns verließen. Auf sumpfiger Waldwiese kochten die Feldküchen ab, es gab eine lange notwendige Rast; schon hatten wir fünf Wegstunden hinter uns, und vor uns ragten steile Hänge. Nach dem Essen ging ich eine Strecke voraus und setzte mich auf einen Stein, wo ich zu warten beschloß, bis die andern mich einholten. Es wurde düster, Nebel fiel von oben, und während ich ihm entgegensah, war ich von abgewehten Fransen schon überzüngelt und umschlungen. Wie seltsam das ist, von der ferngewohnten geistigen Wolke berührt und aufgenommen zu werden wie von einem blütigen Wesen! Alle Heimatgestalten glänzen auf, und zugleich erschwingt ein grenzenloses Vertrauen in die strömenden und untergrabenden Kräfte der Welt. Wie aus großer Ferne hörte ich das Bataillon aufbrechen und regte mich nicht, bis die ersten Gruppen zu mir stießen.

Es ging nun stetig aufwärts. Der Adjutant sagte, nur fünfzehn Kilometer hätten wir bis zur Stellung zurückzulegen, aber man hörte keinen Schuß. Der Nadelwald setzte streckenweise aus, Wacholder, strotzend von lilagrünen Früchtchen, wuchert zwischen Felsblöcken. Viele Gräber kommen; nach den Inschriften, die sie tragen, sind sie erst fünf Tage alt. Carp, rumänischer Leutnant, stand auf einem Holzkreuz. Gegen zwei Uhr durchstiegen wir eine kahle, nebelüberstrichene Senke; dort wurde uns ein rätselhafter, erschütternder Anblick. Ein einsames, niedergebranntes Haus stand in der Mitte; es rauchte noch leicht aus den Kohlen. Die Wände waren stehen geblieben, und unter der Verschwärzung erkannte man die blaue Tünche; vom Dach aber sah man bloß das verkohlte Geripp. Hinter einer unversehrten Pfahlhütte befanden sich zwei Gräber ohne Kreuze, nur mit Wacholder geschmückt. Eine große, sehr alte Frau, nackt bis zum Gürtel herab, dem Gesichte nach Madjarin, das graue Haar zerrauft und beschmutzt, schlich um die Hügel und redete zutraulich mit etwas Unsichtbarem. Als wir uns näherten, reckte sie sich auf und drohte mit der Hand, als wollte sie uns von dem Orte verscheuchen. Plötzlich wandte sie sich ab und rang unter grausigem Geheul die Hände gegen Osten. Leutnant F., im Vertrauen auf sein bißchen ungarische Sprachkenntnis, versuchte mit ihr zu reden. Sie aber bückte sich, scharrte Erde vom nächsten Grab und streute sie ihm entgegen; doch war diese Bewegung mehr warnend und beschwörend als feindselig. F. sprang, halb ärgerlich, halb erschrocken, zurück und marschierte mit seinem Zuge weiter. Von den übrigen Offizieren und Mannschaften blieb niemand stehen. Zwar wurden Vermutungen ausgewechselt, was der Frau widerfahren sein könnte; die meisten aber mochten den Gang einer Tragödie spüren, vor welcher kein zudringliches Mitleid gilt, und stiegen schweigsam weiter im Gewölk empor, das die schauerlich große Erscheinung bald verhüllte.

Als wir um halb vier Uhr den Bako tötö erklommen, tauchten wir aus der Dunstwelt in blauen Tag. Eine moosige, mit Silberdisteln bewachsene Fläche zwischen zwei bewaldeten Kuppen wurde als Rastplatz gewählt. Riesige Haufen rostender Konservenbüchsen zeigten an, daß vor uns bereits andere Truppen hier gelagert hatten. Ich tat wie die meisten, wickelte mich in meine Decke und legte mich, schweißdampfend wie ich war, auf den überfrorenen Boden, wo ich sofort einschlief und nach einer halben Stunde, trotz einigem Frösteln sehr erquickt, erwachte.

Aus dem Wald über uns kam ein Mann in langem, grünem Mantel herab, den turbandick verbundenen Kopf mit beiden Händen festhaltend. Es war ein verwundeter Rumäne, der ohne Bewachung, sich selbst überlassen, seinen Weg in die Gefangenschaft suchte. Beim Näherkommen sah man die durchbluteten Kompressen und Mullbinden verschoben, am Hals eine klaffende Wunde halb entblößt. Das rechte Auge war schwarz zugeschwollen, das unbeschädigte linke hatte ein schönes Hellbraun. Die ärztlichen Zeichen erkennend, blieb er vor mir und R. stehen, deutete schweigend auf seine Wunde. Diese zu sondieren hüteten wir uns, nahmen auch den ersten Verband nicht ab, sondern legten dicht und fest einen frischen darüber, worauf der Unglückliche seinen Kreuzweg weiterschwankte, gefolgt von dem grimmigen Lachen unserer Infanteristen, die vielleicht, ohne es zu bedenken, in dem erniedrigten Bilde des feindlichen Genossen sich selber verhöhnten: Heute du -- morgen wir! Wir marschieren nicht weiter; Befehl ist gekommen, an Ort und Stelle zu biwakieren. Jetzt werden die Gewehre zu Pyramiden gegeneinandergestellt, die Helme darangehängt, Zelte aufgeschlagen. Verbündete Truppen ziehen über den Berg; Fetzen unbekannter Sprachen flattern vorbei. Der Mond, blaßgrün, schmal wie ein Grashalm, geht in kleinem Bogen über den Himmel, das Flammen der Sterne beginnt. Die Kompagnien haben Feuer angezündet, um die sich bald alles versammelt. Auch österreichische Offiziere kommen für eine Weile, um sich zu wärmen. Einer von ihnen hat ebenfalls die Frau bei den Gräbern getroffen und vergeblich zu beruhigen versucht. Er hat sich auch in dem Pfahlhüttchen umgesehen. Kleider, Felle, bunte Decken und Lebensmittel, sagt er, gebe es darin genug. Er habe einen Mantel herausgeholt und der Wahnsinnigen über ihre Nacktheit gelegt, sie habe ihn wieder herabgleiten lassen. Übrigens sei das Haus ein Grenzhaus gewesen, die Rumänen, auf ihrem Vormarsch, hätten Vater und Sohn, die beiden Grenzwächter, niedergemacht; jedoch ergibt sich aus ferneren Reden, daß auch dies nur Vermutung ist. Fast war ich froh, als das Gespräch zum Gewöhnlichen zurückflachte. Was liegt am Geschehen? Den Schmerz, der den Menschen dahin verhärtet, wo es kein Hungern, kein Frieren, keine Tränen mehr gibt, den Schmerz, der Trost und Wohltat mit weihender Beschwörung zurückweisen muß, dies letzte große Heiligtum der Menschen, jedem höchsten Genius verwandt, soll man es zerschwatzen? Eine Angelegenheit für Greuelerzähler und Seelenspäher daraus machen?

Die Nacht wird kalt. Einer um den andern gesteht sich ein, daß er für einen Gebirgswinterkrieg eigentlich nicht ausgerüstet ist. Keiner spürt Lust, in das dünne Zelt zu kriechen. Ich will als Gast von Feuer zu Feuer wandern, bis mich der Schlaf übermannt.

2. November

Ich erwachte mit dem Gefühl absterbender Zehen, verließ das Zelt und umschritt stampfend das Lager. Später meldeten sich einige Soldaten mit wirklich abgefrorenen Zehen und Ohren. Bei mir brachten Gespräch, Bewegung und heißer Kaffee, dem nur gar zu viele Wacholdernadeln beigemischt waren, das Blut bald wieder in seinen Lauf. Aus den rumänischen Bergen aber hob sich die Sonne, und wunderbar zeigte sich heute die strahlenbeugende Kraft irdischer Atmosphäre: nicht als kreisrunde Scheibe, sondern als mächtiges karminrotes Ei lag das Gestirn minutenlang über schwarzen Wäldern, bis es nun, langsam steigend, sich entrötet und rundet. In den Tiefen aber ist unermeßliches Weiß ausgegossen, ein glattes, dichtes, mit Gipfelinseln überstreutes Meer von Flaum, das uferlos mit lilablauem Strich im Westen endet. An dem uns nahen Rande, wo es noch seicht ist, läßt es Felsen und Bäume durchscheinen; man könnte glauben, diese spiegelten sich darin.

Der Marsch, der um neun Uhr begann, war oft von Rastpausen unterbrochen; vermutlich durften wir nicht zu früh ankommen. Die Mittagstunde verbrachten wir nahe dem Gipfel des Berges Kishavas auf einer moosigen, mit Steinblöcken und Wacholderbüschen besetzten Fläche voll neuer Gräber. Einige Kreuze sind sorgfältig mit Grün umwunden, manchmal nur ein kleiner Stecken einem größeren mit Waldreben zu flüchtigstem Gedenken angeknüpft. Zwischen zwei Steinen steht ein Pfahl mit aufgeschnitztem Halbmond und der Inschrift: Brica Hamid, 29. X. 16. Durch kalten Wind wirken scharfe Höhestrahlen, Reifkörner verdampfen an den Spitzen des Wacholders, von Stunde zu Stunde bräunen sich die Gesichter. Es ist sehr still, die Lust zu sprechen gering, der Geist unterhält sich noch immer mit jenem unendlichen Weiß.

Ein ungarischer Beobachter gesellte sich zu uns; er lud mich und H. schließlich ein, auf seinem Standort mit ihm Tee zu trinken, und ließ uns durch sein Scherenfernrohr schauen. Wie man das Blickfeld eines Mikroskops nach den schädlichen rot oder blau gefärbten Pilzen absucht, so wird hier nach den moosgrün gekleideten rumänischen Soldaten gefahndet. Der Offizier hatte die Höhe Lespédii eingestellt; er verriet uns, daß unser Bataillon sie werde erstürmen müssen, und zwar bald. Im übrigen war er ärgerlich, weil keiner der Grünen sich zeigen wollte; gar zu gern hätte er ihnen ein paar Granaten hinübergesandt. Ich sah im Glas einen kleinen steinigen Hügel mit etwas Baumwuchs und viel Gestrüpp. An einem Schräubchen drehend, entdeckte ich auf einmal hinter Wacholderbüschen eine ganze Gruppe schanzender Rumänen, wollte schon den Beobachter aufmerksam machen, fühlte mich aber gehemmt und schwieg. Zum ersten Male stand ich gewissermaßen vor der Pflicht, den Tod auf Menschen zu lenken; denn der verschonte Gegner kann im nächsten Augenblick die eigenen Landsleute gefährden. Anderseits waren die arbeitenden Leute von drüben hier in dem kleinen Glase gleichsam in meine Hand gegeben; ich sah, wie der eine sich eben eine Pfeife stopfte, ein anderer aus der Feldflasche trank, sie hielten sich für völlig sicher, und solange ich sie nicht verriet, geschah ihnen auch nichts, -- ein seltsamer Fall für einen Menschen, der nicht Soldat ist und mit sich selber in leidlichem Frieden lebt. Während mir das Herz wunderlich zu klopfen begann, trat ein älterer bosnischer Hauptmann herzu, der nachts aus dem Urlaub zurückgekehrt ist, und wandte durch lebhaftes Erzählen alle Aufmerksamkeit auf sich, so daß der magische Spiegel ganz in Vergessenheit geriet. Die Hofburg in Wien, berichtete jener, soll Tag und Nacht von Massen hungernden Volks umlagert sein, die den alten Kaiser beschwören, er möge einen Schritt für den Frieden tun.

Als wir zum Lager zurückkehrten, sahen wir eine Karawane von Tragtieren dem großen Wolkenglanz entsteigen; die Führer sagen, es gebe drunten im Lande einen trüben Tag. Um drei Uhr rückten wir, durch dichten Wald absteigend, in die Stellungen, wo wir bosnische Infanterie ablösten. Eine Moos- und Reisighütte wurde mir als Befehlsstelle bezeichnet; hier ließ ich mein Gepäck zurück und ging weiter, um die Verteilung der Kompagnien zu erfahren. Die Rumänen verhalten sich still; doch entgeht ihnen schwerlich, daß eine neue Art Feind in den Wald eingezogen ist. Hatten sich nämlich die tapferen, aber etwas bequemen Bosniaken lieber der dauernden Todesgefahr ausgesetzt und Nächte durch gefroren, als daß sie sich mit dem Ausbau der Stellung abgaben, so geht es jetzt unter unbändigem Jauchzen und Gesang an ein deutsch-gründliches Graben, Baumfällen, Sägen und Hämmern, als stünden wir auf heimatlichem Grund und müßten für Kind und Kindeskind Häuser bauen.

4. November

Das Lager aus Fichtenzweigen, das Rehm aufgeschichtet und mit einer Zeltbahn überdeckt hat, bewährte sich gut; wir schliefen alle weit in den Morgen hinein. Die Rumänen bleiben ruhig. Die Unsrigen bauen Unterstände. Es verlautet aber, daß wir nicht lange hierbleiben.

Beim Frühstück, als der Major Marmelade aus dem Topf nehmen wollte, brachte er mit dem Löffel eine kleine tote Maus zum Vorschein. Wie sie in das Gefäß geraten ist, wer weiß es? Mäuse gibt es ja hier genug, es sind hübsche bräunliche, mit Augen wie schwarze Fischrogenkörnchen; beim Aufwachen heute sah ich eine über mir im Gezweig, die mich beobachtete. Klingensteiner wurde gerufen und zur Rechtfertigung aufgefordert, konnte aber keine andere Erklärung abgeben, als daß der Topf über Nacht vermutlich unbedeckt stehen geblieben sei. Er wurde hart angelassen, was er schweigend hinnahm; schließlich erbot er sich schüchtern, eine neue Büchse zu öffnen. Der Major schien zu schwanken, aber nur einen Augenblick, dann wies er das Anerbieten zurück, ließ die Mäuschenleiche entfernen und begann, während ihm vor Widerwillen die Augen aus dem Kopfe traten, sein Brot zu bestreichen, schob auch uns das Marmeladegefäß zu. Da er uns schaudern sah, bestrich er das Brot noch etwas dicker und erklärte knapp und brüsk, die Maus könne erst heute nacht hineingefallen, von Verwesung also noch keine Rede sein, in den Städten Deutschlands herrsche der Hunger, tausend Mütter würden sich dort glücklich schätzen, wenn sie ihren Kindern solche Marmelade auf ihr elendes Kleienbrot schmieren dürften. Dabei kaute und schluckte er gewaltsam, die Mienen von grenzenlosem Ekel verzerrt. Endlich stand er auf, strich sich stehend ein zweites Brot und ging, ohne abzuwarten, ob wir seinem Beispiel folgten, davon. Einige lachten jetzt, und einer nannte ihn ein Schwein, doch war eine gewisse Angefochtenheit bei jedem zu merken. Einer meinte schließlich, er hätte ja die Marmelade stehenlassen und mit dem trockenen Brote vorliebnehmen können; aber dies Wort ging daneben, jeder hatte gespürt, daß der Alte den Ekel mit Bewußtsein erleiden und zeigen, ja, daß er uns damit peinigen und beschämen wollte. Im stillen mochte sich auch jeder sagen, daß ein Volk, worin alle dächten und handelten wie er, ewig unüberwindbar bliebe; doch scheint es manchem befremdlich, daß aus dem bitteren kleinen Greise, der uns allzuoft halb eine Belustigung, halb ein Ärgernis gewesen ist, auf einmal etwas wie echter Schmerz und echte Größe hervorwachsen will. Sich selber traut ja jeder Erneuerungen zu; den andern aber, besonders den älteren, hält man gern für eine starre Gewordenheit und ist fast ungehalten, wenn er einem plötzlich Beweise vom Gegenteil gibt.

Bald redete keiner mehr; nachdenklich saßen alle um den Marmeladetopf, bereit, wenn es gegolten hätte, davon zu essen, aber einer durch des andern Gegenwart gehemmt.

* * * * *

Nach Mittag durchging ich mit dem Ordonnanzoffizier unsern ganzen Frontbereich. Die Gegend ist wie absterbend; manchmal knistert es im Gezweig, eine Staude wird geschüttelt, aber man sieht kein Wild, keinen Vogel. Der Wald ist Urwald; filzig-strähnige Flechtengewebe verbinden die Baumkronen und verdünnen das Licht. Ungeheure Stämme, halb aufgelöst, manche wie durchwärmte Kerzen verbogen, glühend in allen Röten und Bräunen des Verwesungsrostes, liegen auf- und nebeneinander, und überall ringt Alge, Moos und Pilz zur Welt. Ja, was höhere Natur in veredelter und festerer Form lange bewahrt und entwickelt, bis es endlich mit Augen blickt oder sich mit Flügeln auflüftet, hier, im feilsten hinfälligsten Stoff, ist es vorgeträumt seit Äonen und zerfällt, kaum geworden, in haltloser Brunst. Es gibt Schwämme, die wie Rebhuhnfittiche den Boden überbreiten, andere gleichen schwarzen Muschelschalen, aus denen ein amethystenes Geriesel kommt. Ein Flor violetter Posaunen bedeckt ganze Flächen, aus lockigem Gekräusel stehen weiße Glieder, und winzige verstümmelte Hände, lichtgrün, mit einem siegellackroten Tröpfchen statt fehlender Fingerspitzen, greifen aus morschen Rinden hervor.

Plötzlich standen wir vor einem Toten, und als hätte uns dieser den Blick geöffnet, sahen wir nun den Wald voller Leichen. Um die Höhe Lespédii herum liegen sie zu Reihen hingestürzt, lauter Rumänen; die Österreicher hat man wohl bereits begraben. Sie tragen zwiefach gespitzte Mützen, denen vorne bloß ein Goldknöpfchen fehlt, um an alte deutsche Schalkskappen zu erinnern. Alle haben ganz neue Uniformen, dazu Halbschuhe, die aus einem einzigen Stück Leder geschnitten und oben mit starker grüner, durch Löcher laufender Schnur zusammengezogen sind. Der Ausrüstung ist anzumerken, daß die Führer mit einem raschen Siegeslauf gerechnet haben.

Wir besuchten unsere sämtlichen Kompagnien; später gesellte sich Leutnant K. zu uns, der vor acht Tagen zum erstenmal an die Front gekommen ist, und wir schritten zu dritt einen weiten Bogen aus, wobei der Ordonnanzoffizier sehr anschaulich die Lage des Oitózpasses beschrieb. Der Leutnant ist ein zarter Junge, wie ihn früher kein Heer aufgenommen hätte, sein Gesicht so bleich, als wäre er erst vom Krankenbett aufgestanden. Die Begegnung mit so vielen Toten schien ihn anzugreifen; er fragte, wann sie denn begraben würden, worauf der Ordonnanzoffizier meinte, das eile nicht so sehr, der Frost bewahre die Leichen gut und lasse keine Verwesung herankommen, es gäbe für den Augenblick Wichtigeres zu tun. In einer kleinen Lichtung blieben wir stehen und betrachteten die Höhe Lespédii, die das Bataillon in den nächsten Tagen erstürmen soll. Sie nahm sich jetzt noch unbedeutender aus als gestern im Fernrohr; mit gelbem Gestein und braunem Gestrüpp glich sie dem räudigen Fell eines scheckigen Tieres, und Leutnant K. sprach nur mein eigenes Empfinden aus, als er fragte, ob es denn irgendeinen taktischen Zweck habe, für den elenden Steinhaufen deutsches Blut zu opfern, man möge ihn doch in Gottes Namen den Rumänen lassen. Der Ordonnanzoffizier sah den jungen Kameraden verwundert an wie einen Mitspielenden, der sich nicht an die Spielregeln hält, und erklärte dann, es handle sich keineswegs darum, Berge zu erobern, sondern feindliche Kräfte hier festzuhalten und wichtigere deutsche Fronten zu entlasten, und übrigens sei es an der Zeit, daß wir ins Gefecht kämen, eine lange Defensive zerstöre den Mut, ja der beste Soldat werde schlecht ohne Kampf und Gefahr.

Der Leutnant schwieg lange. Erst als wir schon den Rückweg angetreten hatten, fragte er unvermittelt, ob sich von den Friedensgerüchten, die neulich umliefen, etwas bestätigt habe. Wir verneinten es. Nun geriet er mehr und mehr in ein fieberisch-verworrenes Gerede hinein; schließlich, lachend und doch sehr erregt, erzählte er von einer Tante in Augsburg, die darauf schwöre, niemand anderer als Mars, der nahe rote Planet, habe uns den Krieg gesandt, er herrsche auf sieben Jahre über die Erde und sauge an ihren Geistern, bis sie einander aus der warmen Behausung des Lebens jagen. Der Ordonnanzoffizier war immer einsilbiger geworden; auf das letzte hin schwieg er ganz, und ich glaube, er hatte recht. Vor den Antlitzen der Toten erstirbt jedes nicht ganz wahre, nicht ganz nüchterne Wort wie in luftleerem Raum. Im Grunde fühlt wohl jeder einen Sinn in sich, der mit und über allen Planeten weiß und wirkt. Bleiben wir im engsten Kreise wachsam! Wenn einer vom eigenen Mittelpunkt aus das Nächste, Notwendige erkennt und löst, wie kann ein wandelnder Stern gegen ihn sein? Er hat sich dem Geist aller Sonnen verbunden, immer dient er den Gängen des ewigen Spiels.

In das obere Waldgebiet zurückkehrend, sahen wir die schwarze Fichtenfensterung rot und blaugolden wie mit Scheiben ausgelegt, unter uns aber, schon von Halbnacht umgeben, die große weiße Dunstsee hingebreitet, an deren östlichem Saum einzelne kleine Lichter flimmerten. Während wir uns fragten, ob diese noch unserer eigenen oder schon der gegnerischen Zone angehörten, bemerkten wir am Boden etwas Seltsames, ein kleines dunkles Tier, das, einer aufziehbaren Blechmaus ähnlich, in engen Kreisen unaufhörlich einen Baum umlief. Sein Gebaren erinnerte an die japanischen Tanzmäuse, die Wilhelm in Hellabrunn immer so viel Spaß gemacht haben; es war aber größer und nahezu schwarz. Wir näherten uns vorsichtig, da huschte es den Stamm hinauf und war verschwunden. -- Im Unterstand wurde mir eröffnet, daß ich laut Brigadebefehl für die Kampftage zum Regimentsstab abkommandiert bin, wo ich einen Verbandplatz errichten soll. Das bedeutet, aus Gefahr und feuchter Niederung der Leichenwälder in Sicherheit und golden-trockene Höhenluft versetzt werden. Alle wünschen mir Glück. Ich wäre aber lieber beim Bataillon geblieben.

_6. November_ stieg ich mit Rehm, Dehm und Raab auf den Gipfel des Kishavas, meldete mich beim Oberst und nahm sogleich einen Verwundeten in Empfang. Er ist bei einer Erkundung in die linke Seite geschossen worden; die Kugel steckt in der Lunge. Uneingedenk des Todes, der ihm wie ein feiner sichelförmiger Glanz aus den schon umnebelten Augen blickt, verlangt er hartnäckig Schnaps und hofft, mit ihm seine Schwäche zu überwinden, um unzählige Rumänen erschießen zu können. Nie sah ich so brennende Rachsucht in so leidender Natur.

Beim Abendessen besprach ich mit dem Oberst Ort und Art des zu bauenden Unterstandes. Wir einigten uns auf einen geschützten Platz am Waldrand. Ich bat ihn auch, mir Leute zur Arbeit zuzuweisen; aber bevor er nur antworten konnte, erklangen von allen Seiten die schönsten Versprechungen: Adjutant, Feldgeistlicher und Ordonnanzoffizier überbieten sich in Hilfsbereitschaft, jeder wird mir morgen in aller Frühe seinen Diener senden.

7. November

Die Nächte sind hier kälter als unten. Wir haben Erde tief und breit ausheben lassen und über diese Grube Zeltbahnen ausgespannt, so friert man weniger. Noch etwas besser wäre das Lager ohne die vielen verholzten Wacholderwurzeln, die sich zuweilen scharf gegen die Rippen stemmen, wenn man im Schlaf die Lage verändern möchte. Doch wacht man jetzt gern einmal eine Stunde, wenn Mondlicht ist über unserer vorzeitigen Gruft und Gräser und Stauden, zart abgeschattet, über dem Zelttuche schwanken. Heut mußte ich viel an Glavina denken, der tief auf dem Grunde des Nebelmeers atmet, wo der Mond wohl nur als blaßgrauer Silberdunst hinabreicht. Gern läse ich wieder einmal eins von seinen Worten oder spräche mit ihm; aber er ist unnahbar scheu, und Briefe gehen keine mehr durch meine Hand. Oft ist mir, als ob mich seine Sprüche leicht und stark in die Zukunft hinüberzögen. Es hat sich nun doch so lenken lassen, daß er nicht mehr im Graben, sondern fast nur noch als Befehlträger verwendet wird.

8. November

Das Wetter hält an; jeder Morgen bringt Nebel und ist wie eine graue Puppe, aus welcher blau der Tag emporfliegt.