Part 3
Immer um uns herum ging indessen die Hausfrau, ein nicht mehr junges Weib, derbe Gestalt, welche sich aber im schönsten Maße bewegt, hellgraue Augen, darunter breite braune, leicht geschwollene Schatten, die von feinen blauen Venen umlaufen sind, schwarzes Kopftuch, unter dem rauhes rotes Haar hervorsieht. Sie kostet von Most und Speisen, bringt Äpfel und Pflaumen dafür und lehrt uns madjarische und rumänische Worte. Mich hatte sie zuerst für den Feldgeistlichen gehalten und mit großer Scheu behandelt; nun sie weiß, daß ich ein ungesalbter Mann bin wie die andern, wird sie sehr zutraulich und sucht mich als ihren Wohngast und Ältesten der Tafelrunde zu ehren, indem sie oft nach meinen Wünschen fragt und mich dabei jedesmal auf zeremoniöse Weise halb umarmt, ein Benehmen, das am Tische viel Gelächter hervorruft; aber darum kümmert sie sich nicht. Zuweilen spricht sie mit sich selber, in anmutigem Wahnsinn scheint ihr Wesen zu kreisen. Von Zeit zu Zeit ging sie in die Wohnstube hinüber, wo ihr Mann finster, unteilnehmend am Herde saß, gab ihm Zigaretten, die wir ihr geschenkt hatten, und redete ihm, wie mir vorkam, begütigend zu. Zuletzt, wie ein Kind, brachte sie Schachteln mit Karten, Briefen und Heiligenbildchen zum Betrachten. Wie sehr erstaunte ich, darunter ein Blättchen mit der Skizze jener am Hoftor ausgeführten Zeichnung zu finden! Hier, wo sich das Ornament als ein erst entstehendes zeigte, regte es die Einbildung stärker an: ich konnte es nicht lassen, mußte ein Meldeblatt nehmen und nachzuzeichnen versuchen. Dabei wurde, wie stets in solchen Fällen, etwas anderes daraus. Ein stattliches siebenbürgisches Haus im Hintergrund anzugeben, gelang einigermaßen; vorn am Tor aber hat die Schlange den Flammenkern von der Kerze gebissen und trägt ihn zwischen den Zähnen fort. Darunter schrieb ich den Satz, den ich einst bei Glavina gelesen: Raube das Licht aus dem Rachen der Schlange! Die Kameraden lachten, sie meinten, der Most sei mir beträchtlich in den Kopf gestiegen; die Frau sah lächelnd dem Gekritzel zu, schließlich fragte sie mit Gebärden an, ob sie's nehmen dürfe, worauf sie ging, um es ihrem Manne zu zeigen.
22. Oktober
Um fünf Uhr waren wir marschbereit. Die Frau, beim Abschied, brach Zweige von einem getrockneten Pflanzenbüschel, der am Stubengebälk befestigt ist, und reichte sie mir mit bedeutsamem Blick. Vermutlich ist es als Talisman gemeint; der Geruch erinnert halb an Thymian, halb an Rosmarin. Sie redete noch viel und eindringlich, als ich das Pferd bestieg; verstand ich recht, so wollte sie mich einladen, dereinst nach dem Kriege wieder als Gast in ihrem neugebauten Hause einzukehren. -- Der Major, noch vor neun Stunden im Fieber ächzend, sitzt fest auf seinem Rappen und berserkert wider Offizier und Mann. »Was haben Sie dem Kerl für Zeug gegeben?« schrie mir Leutnant F. zu. Ich sagte, mir könne es recht sein, daß er meinen Mittelchen so viel Wirkung zutraue, aber der Alte wisse genau, daß ihn viele weit weg wünschten, das sei auch keine schlechte Arznei.
In langen Märschen entschleppte sich der Tag. Es ging über kahle und bewaldete Hügel, und immer durch gleiches Regenperlengrau der Luft sah man das gleiche stumpfe Blau der Häuser. Die Soldaten, geblendet noch vom Glanz des Gestern, empfanden mürrisch Obdachlosigkeit, karges Essen, zerrissene Stiefel und ungewisses Ziel, und an allem gaben sie dem Major die Schuld, dem sie überdies seine Genesung nicht verzeihen können. Laute Flüche schrieen sie ihm zu, wenn er vorüberritt; er stellte sich taub und nahm Rache, indem er übermäßig lang auf eine Marschpause warten ließ, die schließlich der Adjutant auf meinen Wunsch von ihm erbat.
In Székely-Udvarhely waren mehrere Gebäude gründlich zerstört, die Luft noch voll Brandgeruch. Auf den Hügeln aber, in geringen Abständen, staken blanke Nähmaschinen, treffliche deutsche Ware, bald im Straßenschlamm, bald in der Ackererde. Ungern mag sich der fliehende Gegner dieser wertvollen Beutestücke entledigt haben.
Abends klagten viele über äußerste Ermüdung. Vielleicht wirkt noch die Typhusimpfung im Blut. Ich selbst spüre wenig, obgleich ich, um das kranke Pferd zu schonen, den Weg, mit Gepäck beladen, zu Fuß zurückgelegt habe. Die Mäßigkeit, die ich mir seit Beuvraignes verordne, scheint zu nützen; auch lebe ich, vielleicht unter Glavinas Eingebungen, wachsamer als früher und mache mir aus unserm Zug nicht viel mehr und nicht viel weniger als ein großes Abenteuer. Damit gewinne ich viel: der unfreie Dienst wird mir leichter und läßt einen freieren ahnen, der vielleicht aus ihm hervorgehen wird. Von den Mitteln, die man gegen Erschöpfung anpreist, laß ich Tee und Kaffee gelten; grobtäuschende, wie Tabak und Branntwein, hab ich vorderhand ausgeschieden. Den leichtesten und geistigsten möchte ich am liebsten trauen. Wie wenige kennen die unbemeßbaren, immer wirkungsbereiten Energien des lebendigen Wortes! Daß es bei Dichtern Strophen gibt, herzgeborene, geladen mit der Kraft ganzer Geschlechter, vergleichbar den radioaktiven Elementen, aber weit wunderbarer, da sie, schon irdisch vernichtet, noch die Kräfte der Welt anziehen und Fluten von Erneuerung verströmen, wer weiß etwas davon? Mächtig genug wären manche, um das Schwungrad auch der ermüdetsten Seele neu anzutreiben, und vielleicht sind schon sie allein es wert, daß man sich eine Weile auf den Bergen des Todes aufhalte, weil sie dort gewiß am reinsten und stärksten klingen. Schwingt aber die Seele frei, was brauchen die Sinne viel Aufreizung? Brot, Früchte, eine Handvoll felsgeschöpften Wassers, ein Geruch wilder Minze sind Erquickung genug.
Es war schon tiefe Nacht, als wir ankamen. Den Namen des Dorfes hab ich vergessen. Alle Häuser sind mit Infanterie bereits überfüllt; wir sind gerade noch in einem verlassenen, ausgeplünderten Hüttchen untergekommen, wo sich auch etwas Heu gefunden hat. Die anderen haben sich schon unter ihre Decken und nassen Mäntel gestreckt, mein Kerzenstümpfchen flackert zu Ende, ich muß eilen, mir noch ein Lager zu sichern.
»Die Welt, die rauhe, rohe, ungeheure, ich lebe jetzt in ihr wie in dem Innern einer feinen, heftig schillernden Seifenblase und halte den Atem an, um sie nicht zu zersprengen«, las ich bei Glavina.
Ottelve, 24. Oktober 1916
Bis Mittag stiegen wir durch windgetriebene Nebelwolken über bewaldete Hügel. Nach ein Uhr klärte sich unter uns das Tal von Csik Szereda, in das wir hinabstiegen. Hier war die Luft still und warm.
Um die Stadt rankt sich ein Kranz neuer Gräber. Innen sind viele Gebäude zerstört und ausgeraubt, die eisernen Schutzläden vielfach mittels Handgranaten zerrissen. Fliehende Rumänen hatten die Alutabrücke gesprengt; nun ist von preußischen Pionieren eine hölzerne Notbrücke, ein kühnes, fast zierliches Bauwerk, in wenigen Stunden errichtet worden.
Vor Ottelve gab es ziemlich lange keine Marschpause. Eben kamen die siebenbürgisch-rumänischen Grenzberge zum erstenmal in Sicht, da erscholl aus einem der vorderen Züge ein lautes Halt!, das nach hinten weitergegeben wurde. Die Gruppen gerieten in Unsicherheit; einige wollten stehenbleiben, andere weitergehen. Bald stellte sich heraus, daß weder der Major noch Leutnant Leverenz, die beide eine Strecke vorausgeritten waren, einen Haltbefehl erteilt hatte. Irgendein Mann mußte gerufen, ein anderer den Ruf weitergegeben haben. Der Marsch wurde fortgesetzt. Als wir bald nachher auf einer Wiese lagerten, verbot Leverenz seiner Kompagnie das Abnehmen der Tornister, ließ sie in voller Ausrüstung antreten und erklärte, daß er sie so lange stehen lassen werde, bis ihm der freche Störer gemeldet sei. Unterdrückte Verwünschungen wurden hörbar; den Gehorsam zu verweigern wagte aber keiner, ja mehrere, die den Tornister bereits abgelegt hatten, nahmen ihn zwar murrend, aber hurtig wieder auf. An etwas erhöhter Stelle trat Leverenz mitten vor die Mannschaft und, wiederholte seinen Beschluß. Er setze voraus, sagte er, daß nahezu alle den meuterischen Rufer verurteilten; sei der zu feig, um sich zu nennen, so müsse es ein anderer tun. Geschehe dies noch während der Ruhestunde, so werde der Schuldige bestraft, und damit habe es sein Bewenden, wo nicht, so werde die ganze Kompagnie, die Herren Zugführer nicht ausgenommen, zu büßen haben. Keiner murrte jetzt mehr; es wurde sehr still, Soldaten anderer Züge kamen auf einige Entfernung heran, neugierig, wie das ausgehen werde. Der Anblick war beklemmend. Hier stand einer der besten Offiziere der Division, mit seinen meisten Untergebenen stamm- und artverwandt, vielgerühmt als furchtlos und besonnen, verehrt als einer, der niemals aus bloßem Ehrgeiz die Seinigen in gefährliche Lagen brachte, im Kriege früh alternd, mit Narben geschmückt, jetzt bleich vor Erbitterung über die ihm vermeintlich angetane Schmach, die scharfen runden Augen ein wenig auf Uhuart einander zugedreht, einen Mann um den andern fixierend, sichtlich entschlossen, die Sache zum Äußersten zu treiben, dennoch weise genug, sie vorderhand gewissermaßen unter vier Augen austragen zu wollen, -- ihm gegenüber die abgemattete Mannschaft, über sich selbst erschrocken, eben sich noch dumpf in einem Rechte fühlend, das aber, sobald es ausgesprochen werden sollte, zu Nichts zerfiel, im stillen die Haltung des Führers vielleicht schon bewundernd, -- wo las ich doch einmal, daß eulenhafte Menschen allen andern überlegen seien?
Suchte man sich den Vorgang ins klare zu denken, so sah man eigentlich nur ein Übel akut aufbrechen, das nun schon lange unter uns umschleicht. Ins dritte Jahr zieht sich der Krieg; der Soldat, vielfach unberufen, spärlich ernährt, mangelhaft gekleidet und beschuht, selten beurlaubt, im Urlaub von Mutlosen entmutigt, verliert Nervenkraft und Zucht. Die Offiziere wissen es und lassen, besonders die jüngeren, aus Verlegenheit manches hingehen, überhören sträfliche Zurufe, reden sich auch wohl ein, diese seien nicht böse gemeint und werden in der Nähe des Feindes von selber verstummen. Solch lax-zweideutiges Verhalten muß einer klaren Kriegernatur wie Leverenz' durchaus bedenklich und unwürdig vorkommen, und wenn er nun sein ganzes Ansehen einsetzt, um wenigstens seinen kleinen Bereich gewaltsam in die Ordnung zurückzubiegen, so fühlt man mit ihm wie mit einem Arzt, welcher einen Eingriff auf Tod und Leben wagt.
Der Major indessen saß abseits, in einem Notizbuch blätternd wie unbeteiligt, und gewiß war es sein bester Geist, der ihm eingab, sich zunächst nicht in den Handel zu mischen.
Schon dehnte sich die Szene schier unerträglich, da fand sie höchst unverhofft eine Entspannung. Hervor mit kleinen schnellen Schritten trat Infanterist Kristl und bekannte sich klar und bündig als den Mann, der »Halt« gerufen habe. Eine Weile standen alle wie erstarrt, dann ging eine leichte behagliche Regung durch die büßende Kompagnie. Mir war ja diese Selbstbezichtigung nicht unverdächtig, denn Kristl war keineswegs vorne, sondern eher in der Mitte marschiert; aber wie er nun dastand, bleich und zusammengenommen, in seinem ganz verfärbten Waffenrock, die schwachen silbrigen Augenbrauen hoch hinaufgezogen, Leverenz anblinzelnd, als ob dessen Anblick ihn blende, da konnte einen sein Geständnis wirklich überzeugen. Durch des Leutnants ernstes Gesicht flimmerte jetzt ein überaus flüchtiges Lächeln, seltsam zu sehen, als ob ein steinerner Gott einen Atemzug lang Mensch würde. Vielleicht ging es ihm wie mir, und er hielt es für möglich, daß Kristl sich falsch beschuldigte, um die ersehnte Entfernung von der Front zu bewirken, und er bedauerte ihn ein wenig wie einen, der eine Sache immer wieder verkehrt anfängt, war ihm wohl auch heimlich einigermaßen dafür dankbar, daß der Bogen nicht mehr stärker gespannt zu werden brauchte, -- jedenfalls griff er zu: ohne Verhör, kühl, streng erkannte er den Täter an und verkündete, daß er Entziehung des Urlaubs auf ein Jahr als Strafe beantragen werde, stellte jedoch Nachlaß in Aussicht, falls Kristl sich vor dem Feind auszeichnen werde. Jemand lachte bei diesem Wort, aber niemand lachte mit. Unverzüglich wurde die Kompagnie freigelassen, während Kristl verwirrt und, wie es schien, enttäuscht, noch eine Weile stehen blieb.
Unter Gewitterhimmel, den ein zartes nervenbeschwichtigendes Lilalicht weithin durchatmete, zogen wir eine Stunde später nach Ottelve weiter; Zuversicht und Gefühl des Zueinandergehörens waren plötzlich mächtiger als seit langer Zeit. Das gemeinsam Erlebte so vieler Monate, Aufbrüche, Nachtmärsche, Kampf, Wut, Todesangst, -- man merkt mit einer Art Schrecken, daß es Eigentum und innerster Bestand geworden ist, daß man es, ohne von sich selber abzufallen, nicht mehr wegwerfen kann. Kristl, heute der einzige Handelnde unter lauter Leidenden, ist zu einem wundersamen Ansehen gelangt. Ob er wirklich der Haltrufer gewesen, danach fragt niemand. Aber jeder bietet ihm irgend etwas an, Zigaretten, Schokolade, Nüsse. Auch Leute von den anderen Kompagnien grüßen freundlich den sonderbaren Menschen und bekräftigen sein Lob.
Koczmás, 25. Oktober 1916
Heute gelangten wir den ganzen Tag nicht aus dem Nebel. Eine Art Blindheit befiel die Augen, und als wir nach vier Uhr in Koczmás ankamen, erfuhr ich ein Verfließen äußeren und inneren Gesichts, von dem ich mir guten Gewissens berichte, weil der Geist frei blieb und der Täuschung gelassen zusah. Ich hatte mich bei einem Fußkranken aufgehalten, fand mich schließlich allein auf der Straße und suchte auf einem Seitenweg mein Quartier, dessen Richtung mir bezeichnet worden war. Als ich einmal stehenblieb, um mich zurechtzufinden, hörte ich ein Rauschen in der Nähe; es klang wie der Brunnen vor dem Hause der Mutter in S., und gleich kamen mir Weg, Zaun und Nebelbäume bekannt vor. Jeden Pfahl, jeden Stein hatte ich früher schon einmal gesehen, und nun hörte ich auch das breite Brausen der Donau. Ein Haus aber, das verschwommen im Dunst erschien, formte sich bis in Einzelheiten zu dem mütterlichen Häuschen aus. Kaum eine Viertelminute dauerte der angenehme Trug; ich folgte dem Rauschen, das sich aber auf einmal abschwächte, und als ich vor der Haustür stand und meinen Namen las, den der Quartiermacher mit Kreide daran geschrieben hatte, war alles vorüber. Eine ganz alte Frau trat heraus und führte mich in ein Stübchen, das ich mit Leutnant T. teilen soll. Später brachte sie sonderbare Milchspeise, die mit einer dicken Zimt- und Zuckerkruste überzogen war, dazu sehr scharfen, mir ungenießbaren Schafkäse. Ich habe mich beim Stab entschuldigen lassen und esse mit T. zu Abend, helfe ihm auch wieder beim Zensieren der Briefe. Die alte Frau erscheint von Zeit zu Zeit, stellt sich mit verschränkten Armen in die Tür und betrachtet uns unverwandt. Ihre Mienen sind kummervoll, ihr Blick ungesammelt, und wenn ich der Frau von Szentlélek gedenke, muß ich mich fragen, ob es hierzulande nicht mehr verwirrte und entrückte Menschen gibt als anderswo. Dann und wann kommt eine stämmige blonde Tochter, stellt die Alte wegen ihres zudringlichen Verweilens zur Rede und führt sie wie ein unverbesserliches Kind immer wieder hinaus.
26. Oktober. Auf dem Marsch
Bei klarem Wetter vergißt man die nächtlichen Träume schnell; im trüben haften sie lang. Vor einem Turmeingang hatte ich den kleinen Wilhelm zurückgelassen und ihm zu warten befohlen. Ich stieg die Wendeltreppe hinauf. Die rohe Ziegelwand hatte Nischen; die schienen tief in Katakombenfinsternis hineinzuführen. Ich sah hohe schmale silberne Wiegen; in jeder lag, puppenklein, ein toter deutscher oder französischer Soldat, die gläsernen Augen weit offen; einzelne Lorbeerblätter, wie kleine Flügel, standen auf Blutgerinnseln an Stirn und Haar. Ich stieg weiter und befand mich auf einmal vor dem schönen jungen Wolf, den wir im Tierpark zu Hellabrunn öfters gefüttert haben; seine rechte Vorderpfote war zwischen zwei Stufen eingeklemmt, erwartungsvoll sah er mich an. Eine Berührung genügte, um ihn zu befreien; vorsichtig hinkend ging er mir nach oben voraus. Dabei merkte ich, daß von den Schultern an sein Fell eigentlich ein Gefieder war, breite graue, silbern geaugte Federn, in einem Pfauenschweif endend. Ich sah empor, da flog hinter Wolken der Mond, Wind pfiff um die Ohren, ich stand auf weiter Heide. Drei weibliche Gestalten, in weiße Decken gehüllt, schliefen unter eisklirrenden Bäumen. Die vordere war Vally; dahinter größer, wesenloser, lagen Mutter und Schwester. Ich beugte mich nieder, da sah ich, daß die weißen Decken aus lauter Schneeflocken bestanden, die wie ein Federkleid aneinanderhingen. Der Wolf ging im Kreise herum und beschnupperte die drei Frauen. Jetzt erwachten sie, mit verstörten Gesichtern; keine kannte mich. »Der Wolf wird euch fressen, wenn ihr schlaft auf der Heide!« rief ich ihnen zu. Sie lächelten einander verlegen an. »Geht in den Turm! Dort sind silberne Wiegen«, setzte ich hinzu. Ich wollte es freundlich und ermutigend sagen, aber es kam hart und drohend heraus. Sie erkannten mich nicht und fürchteten sich vor mir. Vally, frostgeschüttelt, zog die Schneedecke über sich und rief dabei leise dem Wolf etwas zu. Der legte sich den Schläferinnen zu Füßen, schlug ein Pfauenrad und bedeckte alle drei mit seinem ungeheuren grauen, silbern spiegelnden Gefieder. Da hörte ich ganz laut und klar das Söhnchen aus der Tiefe rufen: »Vater, bist du schon oben?« und war wach.
Am Abend stieg der Nebel auf und formte sich zu hellen, tiefgekerbten Wolken auseinander. Die Berge sind wieder weiter zurückgetreten. Das Fernglas zeigt eine kleine, schimmernd weiße Stadt; es muß Kézdi-Vásárhely sein.
Esztelnek, 30. Oktober 1916
Nach etlichen Ruhetagen scheint es nun gewaltig zu schlaunen: Eilmärsche, mit Gefechtsübungen verbunden, brachten uns heute bis Esztelnek, dessen weißer Turm, ein Campanile, sich einige Schritte vom Kirchlein fernhält. Als mich meine Quartierwirtin im Hof willkommen hieß, erschrak ich vor der fast unnatürlichen Ähnlichkeit, womit mich Gesicht und Gebaren dieser Bäuerin an Frau Nikola, die verstorbene Oberin, erinnerte. So gibt es auch da kein Ende, und immer schaut gleiche Seele mit gleichen Augen durch die Schichten der Zeit. Jene zwar verließ ihr Leben lang das Kloster nicht; diese ist Mutter, dabei aber herb und ernst, wie vom Gesetz eines Ordens begrenzt, und all ihr Tun spielt sich im Rhythmus geistlicher Übungen ab. Sie entschuldigte sich sehr, daß sie fast kein Deutsch verstehe, und führte mich in eine Stube, deren helle Nüchternheit mein Gefühl bestätigte. Die Frau brachte Weißbrot und Äpfel, entfernte sich, kam aber bald wieder und stellte Photographien ihres Mannes und ihrer zwei Söhne auf den Tisch. Dann faltete sie in Schulterhöhe die Hände nach der Seite zusammen, neigte den Kopf darauf, indem sie eine Schlafende nachahmte, deutete hierauf zur Erde, sagte »In Galizia« und ging wieder. Die Bilder ließ sie bei Brot und Früchten stehen, als wünschte sie, daß ich, die Gaben des Hauses genießend, auch der Toten des Hauses gedächte.
Der Nachmittag verging im Dienst. Unser Wohin ist noch immer unbekannt. Die verheißene Stiefelsendung ist nicht eingetroffen. Das Bataillon wird mit löchrigen Sohlen in den Gebirgskrieg marschieren. Aus der Heimat kommt keine Nachricht. Am Abend, vielleicht vom Turmtraum gewiesen, bestieg ich den Campanile. Wenn das Dunkel die Grenzen der einzelnen Besitztümer aufhebt und schließlich nur noch die staubweißen allhinführenden Straßen erkennbar bleiben, die jedem und keinem gehören, so schickt man gern seine besonderen Wünsche schlafen.
Esztelnek, 31. Oktober
Um fünf Uhr marschierten wir ab. Es wehte scharf aus Nordost. Bald fror ich im Reiten und ging lieber zu Fuß. Dunkelgrüne Wintersaaten breiten sich bis zu den Bergen hinan, denen wir uns rasch näherten. Über den Gipfeln lagen erdgraue Wolkenschichten, die sich nach und nach rötlich fleckten und auf einmal Feuer fingen. Schließlich aber ging die Sonne nicht an dem Punkt auf, wo es am heftigsten flammte, sondern etwas links davon in gleichmäßig hellem Gewölk. Wir erblickten bereits das Türmchen von Bereczk, da kam ein Befehlträger nachgesprengt und übergab dem Major ein Blatt, gleich scholl ein Halt, und nach Minuten folgte Befehl: Zurück in die alten Quartiere! Mit lauten Rufen bezeugten die Kompagnien ihre Freude. Vielleicht war ich der einzige, der im Augenblick den Marsch lieber fortgesetzt hätte. Ist Aufschub einer Entscheidung dem vorwärtsgerichteten Geiste doch immer gespenstisch, als verböge sie den geraden Gang des Geschicks. Um zehn Uhr gelangten wir nach Esztelnek zurück, wo uns die gestern noch so freundlichen Dörfler mit bestürzter Zurückhaltung betrachteten. Unsere Wiederkehr kommt ihnen überaus verdächtig vor; sie vermuten dahinter den Beginn eines deutschen Rückzugs und sehen uns im Geiste bereits über die Maros gejagt. Meine gute Wirtin dagegen begrüßte mich mit unverhohlener Freude; sie schien mich erwartet zu haben. Jemand hatte ihr nachträglich die ärztlichen Zeichen an meinem Kragen gedeutet, nun wollte sie Versäumtes nachholen. Über Stufen führte sie mich in eine Kammer, wo Heiligenbilder in russischem Stil an den Wänden hängen und leere zierlich bemalte Ostereier den Deckenbalken entlang an Nägelchen aufgespießt sind. In einem zum Fenster gerückten Bett mit grellroter Decke lag eine kaum Sechzehnjährige, von der Schwindsucht gezeichnet. Die Mutter geriet ganz aus ihrer Gehaltenheit und redete viel und schnell. Wenn ich zu erklären versuchte, daß ich nicht eines ihrer Worte verstünde, nickte sie mir zu mit solchem Beifall, als wärs gerade das, was sie zu hören wünschte. Wozu auch Worte! Sie suchte Hilfe, das war leicht zu begreifen. Das Kind ist schön; schwarzes feuchtes Haar über dem Schwächeglanz der Stirne hoch emporgekämmt, in den Augen brennt das ganze in die Enge getriebene Leben, wie eine Flamme in reinem Sauerstoff brennt. Der Leib ist schrecklich eingeschmolzen; die Brüste nur, steil und straff, trotzen noch selig dem Tod.
Während des Untersuchens wurde wieder einmal offenbar, wie sehr doch das lange Kriegsleben die innere Gestalt verändert. Was durch Jahre tägliches Geschäft gewesen war, das Durchspüren der Organe nach den Herden des Zerfalls, es will nicht mehr so recht von der Hand gehen. Ja, mir kam vor, als wärs ein gröbliches verfängliches Beginnen, blasse Magie, die weder guten Tod noch gutes Leben bringt. Ich glaube, mancher Arzt wird künftig seinen Kranken anders gegenüberstehen als bisher. Vielleicht müßte man sich selber gewissen Übungen und Enthaltungen unterwerfen, wenn man tiefe Verschattungen einer anderen Natur durchdringen und auflösen will, vielleicht auch viele Kranke abweisen, um wenige desto sicherer zu heilen. Für diesmal war es nur ein Scheindienst, was ich leistete; und als ich nach der Untersuchung andeutete, daß ich Arzneien aus dem Sanitätswagen holen wolle, waren Mutter und Tochter für den Augenblick zufrieden und getröstet. Die Frau ging und brachte einen Teller mit Pflaumen, bot erst mir, dann der Kranken und aß auch selber davon. Schweigend saßen wir nun beisammen, sie meiner, ich ihrer Sprache unkundig. Heiße Nachmittagssonne schien herein, sie durchleuchtete rötlich die braunen Paprikaschoten, die wie kleine Hörner in Büscheln am Fenster hängen. Wespen summten, und leiser Geschützdonner kam von den Bergen herüber. Auch die Mutter sprach nicht mehr; zuweilen, wenn sie mich zum Essen ermahnen wollte, rührte sie mit der Hand leicht an mein Kinn und deutete dann auf die Früchte. Bald stand ich auf und ging. Wie ein ewiger Abschied von allem dumpf Leidenden, Schwindenden war mir die Szene. Und seltsam, nicht mehr als niedrig-widriges Zehrergezücht erschien mir auf einmal das dunkle Reich der Mikroben, vielmehr als eine heilig-schreckliche Macht, verbunden und pflichtig den stärksten Energien der Natur. Solche zu bekämpfen kann jetzt kaum unser Dienst sein. Schon deuten sich andere Gewalten an, denen wir uns entgegenstellen oder denen wir uns verbünden müssen.