Part 2
_17. Oktober_ erwachte ich zum ersten Male wieder mit gesundem Blick, doch gab es zunächst nichts zu sehen als unendlichen Nebel, der sogar die Namen der Bahnhöfe verdeckte. Der Kompaß zeigte Zugrichtung Südost. Als es nach zwölf Uhr sich lichtete, glaubten wir uns großen Schilfgebieten zu nähern, die sich später als abgeerntete Maisfelder erklärten. Der Dunst stieg auf und wurde Gewölk, das gegen Abend in unzählige spitze Hütchen auseinanderfiel, als wäre fern im Raum ein Lager weißer Zelte aufgeschlagen. In großflächiger Landschaft mit Gebirgshintergründen kam die Donau näher, geschmückt mit herbstlichen Inseln, deren eine von Pappelsilberlaub wie blühend schimmerte. Auf rundem Hügel steht ein griechisches Tempelchen, in dessen Kuppelmessing sich der letzte Abendglanz verfängt. Von Kisgöd aus, das unter den roten Gefiedern alter Akazien halb verborgen liegt, fuhren wir immer schneller der ungarischen Hauptstadt zu. Küchenordonnanz Klingensteiner, Kerzen bringend, verrät uns, stotternd vor Entzücken, daß wir in Budapest Stadtquartiere beziehen werden. Einige umarmen einander vor Freude, Koffer werden aufgesperrt, leichte Stiefel und Urlaubsmützen hervorgeholt. Leutnant H. und ich beschlossen, ein Kaffeehaus in der Andrássystraße zu besuchen, einer wünschte vor allem das Parlamentsgebäude zu sehen, ein anderer die Burg; alle drängten wir zum Fenster. Nahe den ersten Vororten bog aber der Zug nach Süden ab und trug uns mit gewaltiger Eile von der türmeschimmernden Stadt hinweg in die Nacht hinein. Mützen und Stiefel wurden wieder eingepackt, wie immer die Kerzen angezündet und in leere Konservenbüchsen gestellt, ein Kartenspiel auf ausgespannter Zeltbahn begonnen. Klingensteiner, Tee, Brot und Wurst auf dem Brettchen tragend, wagt sich kaum herein, böser Worte gewärtig; nahezu weinend entschuldigt er sich, er müsse eine Äußerung des Adjutanten falsch verstanden haben. Spät kam noch der Major herüber, verdrießlichen Gesichts; es war, als ob er einem das bißchen Licht wegnähme. Seine Natur ist mehr agil als aktiv; ruhende Menschen zu sehen, macht ihm Pein. Er sah von einem zum andern; endlich erkundigte er sich bei mir nach der Gesundheit der Mannschaft. Ich war unbedacht genug, ohne viel Erörterung das Günstigste zu berichten. Er meinte, darüber ließe sich doch nicht so leichthin urteilen, das beste wäre, wenn ich von morgen an täglich bei größerem Aufenthalt mit meinem Unteroffizier den Zug entlangginge und von Wagen zu Wagen ausdrücklich fragte, ob niemand erkrankt sei. Die suggestive Wirkung solcher Fragen bedenkend, ließ ich mir ein unziemliches Lächeln zu schulden kommen, was der alte Herr schlimm vermerkte; er spitzte seinen Rat zum Befehl und verließ uns ohne Gruß. Wir sprachen vor dem Einschlafen noch eine Weile von ihm. Leutnant H., der Götter- und Sagenkundige, erinnerte, daß nach altem nordischen Glauben die bösesten Mächte sich in gute verwandeln, wenn es ein einziges Mal gelingt, sie zum Lachen oder auch nur zum Lächeln zu bringen; es wäre an der Zeit, meinte er, dieses Mittel bei unserem finstern Gebieter zu versuchen.
18. Oktober
Im Uferwald verborgen lag die Morgensonne. Wir stießen vom Strand. Sie sprang ins Wasser, gab über den Strom uns ein funkelnd Geleite.
Diese alten Verse fielen mir heute beim Erwachen ein, als wir eben über einen Fluß fuhren, wo die Sonne tiefgespiegelt neben uns mitreiste. Nachts war ich mehrmals munter geworden, während irgendwo der Zug stillstand; so glaubte ich, wir seien kaum weitergekommen und sprach den Fluß noch als die Donau an, es war aber die Theiß. Bald sahen wir in weiter Ebene Gehöfte mit haushohen Ziehbrunnen, Herden schwarzwollig behaarter Schweine, junge Feldarbeiterinnen mit weißen, blaugestreiften Kopftüchern, die am Rand eines Kukuruzackers Kürbisse sammelten. Als die Soldaten ihnen zuwinkten, kreuzte eine die Arme heftig über der Brust, um sie dann, mit fremdartigem Ungestüm, dem enteilenden Zuge nachzustrecken.
* * * * *
In Békéscsaba stieg ein himmelblaues Urlaubsoffizierchen zu uns herein, ungarischer Kavallerist, dessen knabenhafter Überschwang ein Weilchen wie Kolibrigeschwirr die ernsten deutschen Käuze unterhielt. Er duzte uns alle, wie es im verbündeten Heere üblich ist, verteilte seinen halben Zigarettenvorrat, ließ uns die Photographie seiner Braut bewundern und versicherte uns auf ewig seiner unbedingten Freundschaft, vergaß auch nicht, uns zu erinnern, es gäbe nur den Sieg oder den Tod für uns, kein drittes. Als wir uns Arad näherten, überreichte er jedem eine Postkarte mit seinem Bild und erbat sich Gegengaben. Vergeblich suchten wir lange in allen Taschen; doch fand sich endlich bei mir ein wunderschönes Lichtbildchen der Tänzerin Clotilde von Derp, von Meister Holdt wie ein Gemälde aufgenommen und nach Libermont gesandt; dies gab ich schließlich mit bösem Gewissen hin. »Deine Braut?« schrie der Ungar und äußerte maßlos Dank und Entzücken. Ich überlegte, während er die Reize der zarten Gestalt wie ein Kenner hervorhob, ob ich eingestehen sollte, daß ich leider nie die herrliche Künstlerin von Angesicht zu Angesicht gesehen, sagte mir aber, daß dies albern wäre, und ließ mich getrost als den glücklichsten der Männer feiern und beneiden.
In Arad kaufte ich zwei Flaschen Tokaier und verwahrte die eine im Sanitätswagen; die andere teilte ich mit Raab, so daß wir bald in die Laune gerieten, den Befehl von gestern auszuführen. Eindringlich fragten wir vor jedem Wagen die guten Leute nach ihrem Befinden. Einige lächelten verlegen, andere erschraken sehr, da sie glaubten, wir hätten irgend etwas Niederträchtiges mit ihnen vor. Als ihnen aber klar wurde, daß die Frage ernst gemeint sei, da spürte der eine oder andere bald ein Ziehen, Drücken oder Schneiden; ja mancher brave Junge, der noch vor fünf Minuten seiner Gesundheit allerhand Proben zugetraut hätte, begann sich ein wenig lazarettreif zu fühlen. Ich begnügte mich für heute mit zwölf Krankmeldungen; es wären aber leicht vierzig oder fünfzig zu erreichen gewesen. Die Meldung, die ich nach dem Mittagessen im Bahnhof zu Arad erstattete, rief den erwarteten Schrecken hervor, und als ich nun ehrerbietig meine Gründe gegen das neue Verfahren vorbrachte, fand ich keinen Widerspruch. Besänftigend fügte ich übrigens hinzu, daß ich bisher noch keinen der Erkrankten in ein Lazarett überwiesen habe, sondern versuchen wolle, sie bei der Truppe zu behandeln. Gegen Abend fuhren wir zwischen Waldbergen einem neuen Fluß entlang, der uns seither nicht mehr verläßt; es ist die Maros.
Parajd, 19. Oktober 1916
Kurz vor Mitternacht fuhren wir in den Bahnhof Maros-Vásárhely ein, doch nur zu flüchtigstem Aufenthalt. Stab und fünfte Kompagnie sollten bergaufwärts weiter bis Parajd. Während der Viertelstunde, die wir in den Wartesälen verbrachten, umdrängten uns Frauen und alte Männer aller Stände und baten mit einer verzweifelten Inständigkeit um etwas Tabak. Unendliche Verdrossenheit spricht aus allen Mienen; die rasche Entziehung des jahrhundertelang gewöhnten Giftes hat die Menschen furchtbarer ernüchtert als feindlicher Einbruch und Hunger.
Um einhalbein Uhr bestiegen wir die Schmalspurbahn. Fünf Stunden gedachte ichs im bloßen Mantel wohl auszuhalten und ließ meine beiden Decken beim großen Gepäck zurück. Aber dem Wagen fehlten sämtliche Fenster, die Kälte stieg mit den Kilometern, aus Regen wurde Schnee, den der Wind auf uns hereinwarf. Erstarrt sah ich morgens um sechs Uhr das Türmchen von Parajd. Wir standen vier Stunden in Bahnhofnähe zwischen zerstörten Geleisen, auf welche wie zerrissene Nervenbündel abgesprengte Telephonstränge niederhingen. Schließlich verlautete, unsere Nachtfahrt sei unnötig und dem Versehen eines Generalstabsoffiziers zu verdanken gewesen. Junge fluchten, Alte murrten; alle aber verstummten, als uns echtes Unglück entgegentrat. Von der Bahnhofstraße, deren Rand unabsehbare Reihen von Flüchtlingen besetzt hielten, sahen wir österreichische Krankenträger auf uns zukommen, die vorsichtig auf Bahren drei kleine verhüllte Gestalten dahertrugen. Es waren Kinder einer Flüchtlingsfamilie, die beim Spielen eine scharfe Handgranate gefunden, sich darum gebalgt und dabei die Schnur herausgezogen hatten. Die Explosion hatte die Mutter, die gerade Kochfeuer anzünden wollte, getötet, die drei Kleinen schwer verwundet. Die Großmutter, Siebenbürger Sächsin, die weinend den stillen Zug begleitete, meinte, man müsse solche Vorfälle den Kaisern und Königen der ganzen Welt zu wissen machen, damit sie traurig würden und von dem gottlosen Kriegführen abließen. Indessen war auf einmal die Sonne frei geworden und beleuchtete sehr hell einen hohen Berg, der allen auffiel. Der untere Teil zeigte fahlgrüne, mit Steinen durchsetzte Matten, dann folgte, wie mit Sorgfalt umgelegt, ein schmaler Tannengürtel, und aus diesem spitzte sich schneeglänzend eine mächtige Pyramide in das zerfließende Grau. Der feierliche Anblick bannte jeden; sogar die alte Frau verstummte, und ich, darf ich mirs zugeben, daß das Jammerbild der zerfetzten Kinder mir im Nu völlig ausgelöscht war? Daß es mir in der herrlichen Schau zerschmolz, als wäre es zufällig und nur am Rande geschehen wie die meisten Begebenheiten der Zeit, dort aber, geltend und geisterbehütet, stünde ein geheimes Gesetz, das längst all unsere Leiden und Schrecken übernommen hat?
Um elf Uhr wurden Quartiere bezogen. Ich stellte alle Müdigkeit zurück und holte erst nach Revierdienst und Fußappell den versäumten Schlaf ein wenig nach. Vor Mitternacht -- wir saßen noch lesend und plaudernd beisammen -- hörte man auf der Straße Pferdegetrappel und -geklingel, dann wurde schüchtern die Hausglocke geläutet. Jemand bat um Einlaß, obgleich die Türe nicht verschlossen war. Es war der Eigentümer des Hauses, ein älterer Mann, der mit seiner Familie vor den Rumänen geflohen war und nun vorderhand allein zurückkehrte, um Lage und Aussichten zu erfahren. Höflich ließ er um einen kleinen Schlafraum bitten und blieb geduldig vor seinem erleuchteten, von Fremden besetzten Hause stehen, bis er Bescheid erhielt. Der Major ging selbst hinunter, um ihn zu begrüßen, und bot ihm ein Abendessen an, das jener bescheiden ablehnte, völlig zufrieden, in seinem Anwesen ein dürftiges Obdach zu erhalten.
20. Oktober
Heut ist Ruhetag, und endlich führten wir die Typhusimpfung durch, die schon seit August fällig ist. Zwei große Schulzimmer waren uns überlassen. Um Raum zu gewinnen, hatte man die Bänke übereinandergestellt. Auf dem Katheder lagen noch spanisches Röhrchen und Kreide; an der Wand hingen Tafeln mit Abbildungen von Pflanzen, Tieren und allen Menschenrassen der Erde. Mir war ein wenig bang vor dieser Impfung, und gern hätte ich sie noch einmal verschoben. Denn wieder sind die neuen Kanülen, die vielmals angeforderten, nicht eingetroffen; die alten aber haben bereits arge Widerhäkchen an den Spitzen, wodurch der Einstich und das Herausziehen sehr schmerzhaft werden. Aber es gab kein Verzögern, und so half ich mir denn, wie ich konnte, und verfiel schließlich darauf, ein bißchen Theater zu machen, um die Aufmerksamkeit der Mißhandelten abzulenken. Zuerst entkleidete ich mich selbst und versetzte mir vor der harrenden Mannschaft den bösen Stich, wobei meine Mienen, glaube ich, in guter Ordnung blieben. Dann kamen Dehm und Raab daran; sie waren wohl belehrt und hüteten sich, zu zucken. Später nahm ich die Bildertafel mit den vielen wilden Völkern zum Anlaß und gab, indessen ich die Haut der armen Burschen zerschund, manches zum besten, was ich dereinst über Indianer und Malaien gelesen. Sonderbarer Sitten der wilden Timmes wurde gedacht, die den Genossen, den sie zum König wählen wollen, am Tage vor der Krönung fast zu Tode prügeln, so daß er zuweilen seine Thronbesteigung nur kurze Zeit überlebt, auch die Fidschi-Inseln nicht vergessen, wo liebreiche Kinder unter vielen Tränen ihren Vater lebendig begraben, festen Glaubens, daß er dann jenseits in aller Kraft und Herrlichkeit des Todestages ewig weiterleben werde. Die guten Soldaten lauschten aufmerksam und schienen über jenen ungeheuerlichen Grausamkeiten die kleinen wespigen Einspritzungen wirklich leicht zu verschmerzen. Als alle Kompagnien schon abgerückt waren, kam auch noch der Herr Oberst, um sich impfen zu lassen, fuhr aber dabei so heftig zusammen, daß die Nadel schier zerbrach und äußerte sich gar ungnädig. Den Mannschaften gegenüber war er freilich sehr im Nachteil, da ich ihn leider ehrerbietig-schweigsam verletzen mußte, ihm schicklicherweise weder Gebräuche der Wilden noch sonst etwas erzählen konnte.
Die Stunde vor dem Abendessen verschlief ich. Das Impfgift wirkte wie immer, ich träumte viel. Mir war, als lägen Jahre des Wachens, Denkens, nach innen Gerichtetseins hinter mir. Nun aber saßen wir im Kreis um einen französischen Kamin, Vally, Stefanie, klein Wilhelm, die Freunde, etwas abseits Regina. Wir froren und streckten die Hände zum Feuer. Regina trug ihr schwarzes Zöglingskleid mit rotem Gürtelband. Ihre Hand war verbunden, aber auch alle anderen trugen Verbände. Wilhelm hatte eine schwarze Binde über einem Auge. Doch waren wir guter Dinge und plauderten viel von unserm früheren Leben. Auf einmal sagte Regina: Die Männer sind schlecht. Sie fürchten sich vor mir und laufen nach Frankreich zum bösen Feind. Da lachten die anderen hellauf; aber indem sie lachten, wurden sie sehr unruhig und ganz durchsichtig; schließlich verzog sich eines nach dem andern in den Kamin hinein und entschwand mit den Flammen.
Als ich erwachte, war eben die Feldpost gekommen, und vor dem klaren Klang des Lebens zerstob aller Trug der Träume. Auch Wilhelm hat ein paar Zeilen angefügt; es mag ihm sauer geworden sein. »Ein Urlauber«, schreibt er, »hat uns verraten, daß du nach Siebenbürgen kommst. Das freut mich. Dort gibt es Gold in den Bergen und Flüssen. Der Oskar Appel hat es in der Erdkunde gelernt. Nimm so viel du tragen kannst und bring es mir mit! Ich kann es gut brauchen.« Der Brief war einem schönen silbergrauen Umhang mit breitem, dunkelblauem Kragen angeheftet, den mehrere unserer Offiziere, die ihn später sahen, mit Entrüstung als vorschriftswidrig bezeichneten. Höchstens Generale der Artillerie dürften einen so breiten Kragen haben, auf der Stelle müsse ich ihn von einem Kompagnieschneider abändern lassen. Der Major aber sagte lachend, für die Ärzte des Landsturms gebe es keine eindeutigen Vorschriften, ich solle mir das Zeug ruhig umhängen, es könne mir nur zum Vorteil gedeihen.
Szentlélek, 21. Oktober 1916
Ehe wir Parájd, beim ersten Zwielicht, verließen, konsultierte mich der Major. Sein Hüftnerv ist entzündet; er hat Fieber und kann sich vor Schmerz kaum auf dem Pferde halten, will aber seinen Posten nicht aufgeben und daher das Lazarett vermeiden. Schließlich gab er mir in Scherz und Ernst den dienstlichen Befehl, ihn abends zu besuchen und bis zum andern Morgen zu heilen. Mir fiel ein, daß noch die starken Maretin-Laudanon-Pulver in der Brieftasche stecken mußten, doch erwähnte ich nichts davon.
Das Ding will bedacht sein. Der kleine alte Herr ist unbequem, quälerisch, aufsässig; aber er ist es nicht nur nach unten, sondern mehr noch nach oben, ein seltener Fall in der Armee. Niemals läßt ers um sich herum gemütlich werden -- aber sind wir denn hier, um es gemütlich zu haben? Er weiß Nüchternheit und Mäßigkeit zu erzwingen, -- soll ich leugnen, daß ich mich gesund und frei dabei fühle? Und einer, der uns öfters reizt und beizt, entwickelt er uns nicht am Ende kräftiger als einer, der uns freundlich gehen läßt? Nein, der kleine graue Dämon gehört schon einmal zu uns und unserm Schicksal, -- vielleicht helfen die Pülverchen, er soll sie haben!
Langsam stiegen wir die Straße nach Szentlélek hinan, die ein heißer Wind schnell auftrocknete. Der Himmel sah seltsam aus; mein früher Traum, als ob jede Stadt, jede Landschaft an der Formung ihrer Gewölke mitwirke, meldete sich wieder. Ich sah lichtweiße schwarzgekernte Bälle, dazwischen Meeresbrandungen mit abgesprühtem Schaum, dahinter eine graue Bank, besetzt mit spitzen silbernen Bäumchen. Bald wurden wir inne, daß wir uns durch eine der salzreichsten Gegenden Europas bewegen; rein und weiß tritt hier und da der Salzstein aus dem grauen Mergel. Mancher bricht in der Marschpause ein Stückchen ab, wägt es betrachtend und steckt es wie einen Edelstein in den Tornister.
In den Dörfern sind alle Häuser mit gleichem stumpfem Blau getüncht; um jedes läuft eine Galerie mit schlanken hölzernen Säulen, die das vierflächige steile Walmdach tragen helfen. Die Grate, mit vielen schrägen Zacken besetzt, sehen wie gestreckte Wirbelsäulen aus. Alte Leute, traurig und freundlich, standen vor den Türen; einmal drängten sich schwarzäugige Madjarinnen heran und berichteten schreiend schauerliche Untaten der Rumänen, worauf blonde deutsche Frauen, die seit ihrer Kindheit im Dorfe wohnen, besonnen-still, sichtlich auf Gerechtigkeit bedacht, jene überschweren Anklagen auf ihr Maß zurückführten.
Gegen zwölf Uhr gelangten wir vor das große Dorf Szentlélek, rückten aber nicht ein, sondern lagerten samt großer und kleiner Bagage auf einem heckenumflochtenen Anger, wo sogleich die Feldküchen geheizt wurden. Kirchengänger, von der Sonntagsmesse heimkehrend, ungeheure Gebetbücher im Arm, näherten sich auf allen Wegen, die Männer zögernd, die Frauen mit lüftigem, zuversichtlichem Schritt. Unter vielen Worten machten diese verheißende Zeichen und liefen auf einmal alle in die Häuser, von wo sie bald mit Körben voll Obst und Eimern voll Milch zurückkehrten. Das Dorf hat noch vor drei Tagen unter dem rumänischen Einbruch zu leiden gehabt; nun freut es sich über den Vormarsch der Deutschen und erschöpft sich in Gebelust. Milch schäumt in alle Feldbecher, und mit goldensten Parmänen füllen sich die Taschen. Langsam kommen auch Männer herbei, voran der uralte Pfarrer. Ihm haben die Eindringlinge, da sie deutsche Bücher in seiner Stube fanden, zur Strafe den ganzen Meßwein und obendrein die goldene Brille weggenommen. Während er dies in leidlichem Deutsch mit gelassenem Humor erzählt, packt Leutnant N. seine lange gesparte Flasche Burgunder aus; der Greis nimmt das Geschenk als ein der Kirche dargebrachtes ohne Zögern an und verspricht seine nächste Messe für den Spender zu lesen. Die übrigen Männer treibt eine Hoffnung, Tabak zu erhalten, immer näher. Seltsame Tauschgeschäfte kommen zustande. Für drei Zigaretten erhält ein Soldat ein Dutzend Eier, ein anderer für zwei Päckchen Knaster eine fette Gans. Mich aber suchten die Kranken des Dorfes; der Sanitätswagen wird erschlossen, Verbandstoff und Arzneien freigebig verspendet, bis Raab erschrocken gemahnt, daß uns im Gebirge niemand ersetzen wird, was wir hier unbedacht hingeben. Indessen hat uns die Regimentsmusik eingeholt; sie stellt sich in der Angermitte auf, spielt madjarische Lieder. Die Kranken vergessen ihre Übel, Soldaten und Mädchen tanzen, die Stunde wird zum Fest.
Um drei Uhr war es Zeit, das Dorf zu besetzen, damit uns nicht nachrückende Bataillone die Quartiere wegnähmen. Mir ist eine balkengedeckte Stube in einem alten Bauernhause zugewiesen. Es ist sehr dumpf und düster innen, die Fenster klein, das Lager hart, schmal. Von Bewohnern hab ich bisher nur den Bauer gesehen, einen kränklich und grämlich aussehenden Mann, der uns aus dem Wege geht. Um die besonnte Galerie draußen ist ein singendes Geschwebe winziger Holzwespen; die haben Säulen und Geländer tausendfach durchlöchert und schlüpfen unermüdlich ein und aus. Morsch, einsinkend ist alles, um so wundersamer das ganz neue, reichgeschmückte Hoftor. Es hat hohe, breite Flügel mit zierlichen Gittern und schön geschnitzten und bemalten Flächen. Gewinde von Tieren und Pflanzen umkränzen beiderseits einen blauen Leuchter mit gelbrot brennender Kerze, zu der sich eine grüne Schlange hinaufringelt. Oben auf den Torpfosten ruht ein langes niedriges Gehäuse, eine Art Arche, bemalt mit roten Täubchen, zwischen denen durch runde Luken wirkliche Tauben verkehren. Sah denn das Tor dem ersten Blick so fremd und gestohlen aus, als wärs von einem großen Gutshofe herverschleppt worden, so merkt man bei längerem Vergleichen doch, daß es aus dem alten Hauswesen hervorgewachsen ist. Ein sonderbarer Einfall war es freilich, statt beim Hause beim Tor zu beginnen; immerhin errät man, wie das Ganze werden soll. Der Krieg hat auch dieses Wachstum unterbrochen, und vielleicht ist nur darum der Bauer so gedrückt und scheu, weil er seinen Hof nicht erneuern kann und sich dabei verkümmern fühlt. »Wer baut, erbaut sich selber«, -- es gilt das alte heilige Wort.
* * * * *
Nach dem Revierdienst zum Kommandeur befohlen. Er lag in einem breiten Bett, mit Schafpelzen bedeckt, vom Fieber geschüttelt. Sehr ungehalten zeigte er sich, als ich ihm Arznei geben wollte.
»Was soll mir das Gift?« rief er. »Gibt es etwas Frevelhafteres, als daß man chemische Substanzen in das Blut bringt?«
Ich entgegnete, daß wir doch selbst aus lauter chemischen Zusammensetzungen bestünden, die nur zuweilen unrichtig ineinandergriffen, und dann müßte eine neue eingeführt werden, welche die falschen Verbindungen löste. Als er noch zögerte, erinnerte ich ihn daran, daß erkrankte Tiere sich öfters Kräuter und Blätter suchten, die sie sonst niemals fräßen, und rasch davon gesund würden. Dies ließ er gelten und nahm nun das Pulver fast gierig.
Den Abend verbrachte ich mit Offizieren in meinem Quartier. Eine der Patientinnen vom Vormittag hat zwei Enten geschickt, die ließen wir braten und tranken Apfelmost dazu. Die frohe Stunde auf dem Anger klingt noch in allen; viele glauben, es werde sehr bald Friede geschlossen werden. Einer erwartet vom deutschen, ein anderer vom russischen Kaiser, ein dritter von Wilson das weltbefreiende Wort. Mancher dieser lieben Menschen spürt im innersten Herzen vielleicht schon den nahen Tod und sieht nun in wunderbarer Verwechslung das Ende des Krieges gekommen.