Rumänisches Tagebuch

Part 10

Chapter 103,390 wordsPublic domain

Bis neun Uhr ging es weiter durch unversehrte Landschaft unter waldigen Hügeln hin, aus denen graue Holzhütten preußischer Pioniere wie Klausen von Einsiedlern hervorsahen; es war, als gingen wir mitten in ein altes Bild hinein und würden ein Teil davon. Der Luft war etwas Föhn beigemischt; abgleitender Schnee hing locker wie Tuch von starken Ästen. Das Tal ist voller Vögel; wir sahen Raben, die immer sonderbare Seitensprünge machten, als ob ihnen jemand auf die Zehen träte; Dompfaffen, die Brust wie blutend, überflatterten die Straße. Auf einmal bog sich das Tal, der Wald verschwand zuweilen, und bald, im verengten Flußbett, verkündete sich wieder der Krieg. Zerbrochene Räder und Lafetten standen aus dem Eis, daneben Geschützrohre mit verkrümmten und zerrissenen Mäulern. Ein Vogelschwarm, Blaumeisen, Kleiber und Emmerlinge, stob aus Fichtendickicht auf; darin, fast schneefrei, lag ein vollkommenes Pferdegeripp, noch alle vier Eisen an den Hufen, das Ganze wohl mehr vom Frost als von den mürben Kapseln der Gelenke zusammengehalten, von Muskel oder Sehne nichts verblieben, etwas Haut am Schädel das einzige, was den spitzen Schnäbeln der zierlichen Vögel noch abzupicken bleibt. Fast hätten wir daneben einen schön gesäuberten und gebleichten Totenkopf übersehen, auf dem noch verwegen die Rumänenmütze sitzt; was etwa sonst noch von dem Manne übrig ist, liegt im Schnee verborgen. Etliche behaupteten, von links her Gefechtslärm zu hören, auch mir kam es so vor, andere bestritten es. Mancher hielt es für bedenklich, in der engen, blickverstellenden Schlucht vorzurücken, da doch niemand genau die Lage kenne. Neue Berge hatten sich erhoben, zunächst ein breiter, schwarz bewaldeter, der das Tal östlich absperrt. Er heißt Vadas; die Russen sollen sich vorgestern auf seinem Gipfel verschanzt haben. Einmal teilt sich die Straße, um gleich wieder zusammenzulaufen; in der Gabelung steht eine Dampfbrettersäge mit ausgedehnten Seitengebäuden. Massen deutscher und österreichischer Munition sind hier aufgestapelt, und mit gutem Fug rügte der Major, daß dieser Vorrat, in dem ein einziges Feindgeschoß unermeßliche Wirkungen auslösen könnte, noch nicht geräumt werden sei. Woher aber hätte man in den zwei Tagen Fuhrwerke, Gäule und Leute genug nehmen sollen, um alles zurückzuschaffen? So blieb auch uns nichts übrig, als tadelnd vorbeizuziehen und alles zu lassen wie es ist. Nach einer halben Stunde hatten wir die bretterne Hütte erreicht, in der ich jetzt mit meinen Leuten hause. Sie ist als Verbandraum recht leidlich eingerichtet. Stabsarzt S., den ich ablöste, erzählte sehr überzeugend seine Erlebnisse von den letzten Tagen. Einige Züge seines Bataillons hatten gerade das Dörfchen Sulta besetzt, das hinter dem Vadas liegt, als die Russen, die man auf der Flucht glaubte, zurückkehrten und mitten im Schneegestöber mit höchstem Ungestüm angriffen. Ein deutscher Zugführer fiel; seine meisten Leute wurden gefangen oder getötet. Der Arzt konnte sein Quartierhaus gerade noch durch die Stalltür verlassen, als bereits ein tscherkessischer Offizier vorne den Hof betreten hatte: Zeißglas, Verbandtasche und ein unersetzbar schöner Pelzmantel mußten zurückbleiben. Am folgenden Morgen brachten pfälzische Truppen den feindlichen Marsch zum Stocken; aber der Vadasgipfel ist verloren. Übrigens bezeichnet S. die beiden hier im Tälchen verbrachten Tage als reine Erholung; kein Schuß ist bis jetzt hereingefallen. Freilich, meinte er lachend, könne diese verwunderliche russische Friedsamkeit auch von dem schwierigen und ganz verschneiten Gelände kommen, das die Beförderung der Geschütze sehr verlangsame. Unser Major meinte, mit seinen Fernrohren überblicke der Gegner das Tal bis in die letzten Winkel, er werde nicht lange dulden, daß wir uns hier herumtummeln. »Der Assistenzarzt«, entschied er, »geht auf alle Fälle bis zum Fuße des Vadas mit. Wir bauen dort einen Unterstand ein; es kann keine besser geschützte Stelle geben. Bleiben Sie lieber hier, so will ich Ihnen nicht entgegen sein.« Ich hatte mir indessen schon die Verteilung des Raums zurechtgedacht und fand allerlei Gründe für mein Bleiben, merkte aber, daß mich der Alte ungern zurückließ.

Abends neun Uhr

Es ist ruhig; weder Kranke noch Verwundete kommen, selten fällt auf dem Berg ein Infanterieschuß. Ich verfaßte mit Raab den fälligen Rapport, begann auch noch Briefe zu schreiben, aber der Schlaf wird übermächtig. Die Hütte ist voll Tabaksqualm; das Paraffinflämmchen leuchtet schlecht und schneidet mir böse Gesichter. Alle haben sich schon hingelegt; nur Kristl schnitzt noch Schienen. Er tut immer still und willig, nur manchmal etwas ängstlich, seinen Dienst.

Freitag, 15. Dezember morgens

Im Traum sah ich eine schwarze Wolke, die sich um den Vadasgipfel legte, und ging nach dem Erwachen gleich hinaus, um zu sehen, ob sich der erste Traum im neuen Haus erfülle. Die Luft ist aber noch durchsichtiger als gestern; der Frost, mit gläsernen Pranken, tritt weit in das fließende Wasser hinein. Verwundete sind gekommen mit schlimmem Bericht; unverhohlen freuen sie sich ihrer durchschossenen Hände und Arme. Die Tscherkessen haben den ganzen Gipfelwald mit Stacheldraht umflochten; unangreifbar sitzen sie hoch über der deutschen Stellung, die sie durchaus überschauen. Die Unsrigen müssen bei Tage wieder geduckt hinter Felsbrocken liegen; der gestrige Nachmittag kostete fünf Leuten das Leben. Im Tälchen ist es noch still. Ich habe mir Wein eingeschenkt und krame wieder einmal in Glavinas Zetteln. Leider sind mehrere verloren gegangen, und ich muß wieder manches aus dem Gedächtnis hervorspinnen, wobei wie von selber viel Eigenes dareinfließt. Was tuts! Genügen vom Kalium permanganicum doch zwei, drei Körnchen, um ganze Krüge Wassers rot zu färben.

Elf Uhr

Major und Stabsarzt haben doch recht vermutet: die Russen beginnen leichte und mittlere Kaliber auf die Straße zu werfen, schon sind ihnen einige Fußgänger zum Opfer gefallen. Viel gelacht wurde vorhin über einen jungen Fußverletzten vom Vadas, der hartnäckig erklärte, nicht laufen zu können und sich darauf versteifte, daß er nach Sóstelek getragen oder gefahren werden müsse, beim ersten Granateinschlag aber wie ein Wiesel davonlief. Rehm und Raab glauben, unser Hüttchen werde bis in einer Stunde nicht mehr stehen. Meldung an den Major; Anfrage, ob wir nunmehr den Verbandplatz zum Vadas vorverlegen sollen. Rehm erbietet sich, das Blatt zu befördern, bedingt sich nur aus, daß er allein gehen dürfe. Auf einen einzelnen Mann, meint er, werde Artillerie schwerlich schießen. Ich gebe ihm den Rest des Weines mit und lasse zusammenpacken.

Zwölf Uhr

Wir liegen hinter einem Felsenvorsprung der Schluchtwand; ich glaube, der Platz ist gut gewählt, eigentlich kommt weit und breit kein anderer in Betracht. Die Russen möchten uns gerne herausschießen und sparen keine Munition; Raab, als alter Artillerist, weiß uns aber zu überzeugen, daß es nicht gelingen kann, sie mögen zielen wie sie wollen. Ich hätte bei einem Haar den Augenblick verpaßt. Raab wird nicht müde zu schildern, wie sehr eindringlich er mir vorgestellt habe, daß es an der Zeit sei, den Platz aufzugeben, ich habe ihm, sagt er, auch beigestimmt, ihnen vorauszugehen befohlen und unverzüglich zu folgen versprochen, dann aber muß mich wohl Glavinas dunkle Rede länger festgehalten haben, als mir bewußt war. Draußen fuhr eine Granate nieder, die blind im Boden stecken blieb. Das Gebäudchen schwankte krachend; Staub und Schutt fielen auf das Papier. Ich sah mich um und war allein, hörte aber fernher meine Leute nach mir rufen. Sie konnten sich übrigens des Lachens nicht erwehren, als ich, in der linken Hand meine Blätter, in der rechten das halbvolle Weinglas, durch die Sulta zu ihnen hinüberstieg. Bald kamen weitere Schläge, und wie ein Kartenhaus flog die Bretterbude auseinander.

Zwei Uhr

Rehm ist heil zurückgekehrt. Der Major befiehlt, in der nächsten Feuerpause den Verbandplatz nach Sóstelek zu verlegen. Dort, meint er, könnten wir mehr nützen als anderswo, Beschäftigung werde nicht lange fehlen. Rehm sagt, er habe sich mit einer Herzlichkeit, die man bisher an ihm nie wahrgenommen, nach mir und meinen Leuten erkundigt und sich über unsere Erhaltung sichtlich gefreut, im übrigen leider sehr gealtert und bekümmert ausgesehen. Auch Leutnant H. sendet Grüße; von seiner Stellung aus hat er die Talbeschießung verfolgt, freilich nur mit einem einfachen Fernglas, und uns alle tot oder verwundet geglaubt. Noch ist kein Gefecht im Gang, die Lage aber unerträglich; falls der Tscherkesse nicht angreift, muß er angegriffen werden. Nächste Nacht sollen schwere Minenwerfer hinaufgeschafft werden, um den Gipfelsitz zu zerstören. Bei uns ist es ruhiger geworden; selten fällt noch ein Geschoß. Verzeichnen muß ich ein Gerücht, als habe der deutsche Kaiser den Feinden Frieden angeboten. Wir bereiten uns zum Gang nach Sóstelek.

Drei Uhr

In künftigen Kriegen, zu Wasser, zu Land und in der Luft, werden sich gewiß absonderliche Lagen genug ergeben. Ob aber eine wie die unsrige schon dagewesen ist? Seit halb drei Uhr hatten die Russen ihr Schießen eingestellt; bei tiefer Stille waren wir, in gehörigen Abständen, zurückmarschiert und etwa fünfhundert Schritt bis an das große Sägewerk herangelangt, als eine der preußischen Batterien, die nahe vor Sóstelek stehen, zu schießen begann. Sie muß dem Gegner etwas Arges angetan haben; denn auf dem Fuße, Schlag um Schlag, erfolgte maßlose Gegenwirkung, und bald konnten wir uns nicht mehr darüber täuschen, daß auch unser kleiner Zug aufs Korn genommen wurde. Ich erwog die Umkehr, doch schien sie fast bedenklicher als der Weitermarsch, und so liefen wir denn fort, auf das Gebäude zu. Viele Geschosse schon waren uns nachgerasselt, das letzte gerade noch fehlend, da kam eines, dem gleich nach dem Abschuß anzuhören war, daß es auf uns zuhielt. Funken flogen auf, und während ich mir mit beiden Händen den Hinterkopf zu schützen suchte, war ich niedergeworfen und von Erdklötzen halb eingegraben, dann trat Stille ein. Glieder und Gelenke prüfend, erkannte ich mich als unverwundet, stand auf und sah nach den übrigen. Rehm, behangen mit Erde und Eis, die Wangen leicht blutend, richtete sich eben empor und lächelte mich etwas betreten an; die andern standen seitlich, wie Statuen an die Felsen gestellt, und starrten auf den tiefen schwarzen Trichter, der nun in ganzer Breite die Straße unterbricht. Ernstlich verwundet war niemand. Jetzt schien sich die russische Wut von uns abzuwenden, und froh des glimpflichen Ausgangs wollten wir unsern Weg fortsetzen, da geschah etwas Neues. Eine Granate fuhr mitten in die Säge hinein, die wir nahezu erreicht hatten; eine Explosion erfolgte, dann eine zweite, dann fünf, dann unzählbare, und überall aus Dächern und Wänden zwängten sich die Flammen. Wären wir in diesem Augenblick mit aller Kraft weitergerannt, wir wären gewiß noch durchgekommen und säßen vielleicht beim Bärenschmaus in Sóstelek. Aber ohnedies noch leicht betäubt, sahen wir uns nur mit schauderndem Vergnügen das Ereignis an und versäumten die günstige Minute. Die Gegner ihrerseits begriffen schnell, was sie angerichtet hatten; übermütigen Knaben gleich, schossen sie wie rasend in den Brand hinein, und noch immer, in schrecklich langsamer Steigerung, entladen sich unaufhörlich die massenhaft aufgeschichteten Patronen, Handgranaten, Schrapnelle, Granaten und Minen. Wir brauchen uns nicht an die Wände der Schlucht zu schmiegen; die starken Luftwellen pressen uns an. In uns und um uns ist ein Summen und Beben, als würden Luft, Gestein und wir selber gleichmäßig elektrisiert. Die Sprengstücke fliegen weit. Dem Gefreiten Junker hat ein Splitterchen die Ohrspeicheldrüse durchschlagen; das Blut spritzt in langem dünnem Strahl in den Schnee, ist aber leicht zu stillen. Mir ist die linke Hand geritzt; es blutet wenig. An der Säge selbst, besonders nach der offenen Seite hin, mag es dichte Streuungen geben. So hat uns der Feind gewissermaßen eine Festung in den Weg gesetzt, an der wir nicht vorbeigelangen können. Immer noch zürnt er gewaltig; unsere fernversteckten Batterien fahren fort, ihn zu reizen, er findet sie nicht und rächt sich an den paar Leuten, die er sieht. Der kleine Lüttich, vielleicht von einer Art Platzangst erfaßt, kam auf den Einfall, aus der Schlucht herauszuklettern und das offene Gelände zu erkunden; er ist mit zerschmetterter Schulter zurückgekehrt. Die schlecht verwaltete Festung drüben fährt fort, zu verschwenden; bald wird sie sich ausgegeben haben. Schließt man die Augen, so hat man das Gesicht einer fürchterlichen, auf kleinsten Raum zusammengeballten Schlacht, von der nichts bleiben wird als Asche und Gebein. Wie langsam rückt die Sonne! Aber auch durch böse Stunden läuft der Zeiger. Um fünf Uhr muß es dunkeln. Um sieben Uhr können wir in Sóstelek sein.

¾4 Uhr

Die Sonne verläßt schon die unteren Felsen. Man friert nicht; der Brand wirkt herüber, Schnee tropft vom Gestein. Auch die rings aufgeschichteten Bretter stehen in Flammen. Die Entladungen dauern an. Oben am Gipfel ist man noch wachsam. Rehm glaubte nicht mehr an die Gefahr, ging versuchsweise eine Strecke der Front entgegen, erhielt Feuer, kehrte zurück, unverwundet. Über uns ist starre Klarheit; das Föhnige hat sich wieder aus der Luft verloren. Auf naher Birke wippt ein winziger grauer weißbauchiger Vogel; Schnee naschend von jedem Zweige, hüpft er unermüdlich auf und ab. Keiner der Genossen ist niedergedrückt. Ja, die gepreßte Stunde, wo Tod und Leben dicht beisammen sind, es ist, als festige und läutere sie den Grundstoff der Naturen, und wie eine schlechte Bleiglocke, getaucht in reinen Sauerstoff, auf einmal klingt wie eine silberne, so beginnt jeder in seinem eigensten Wesen zu tönen. Mancher erzählt von seiner Kindheit, und fast jeder will einen anderen beschenken. Von Kristl befürchtete ich sehr einen Rückfall in die Verstörung; aber er ist ganz gelassen. Den Lüttich hat er aufs beste verbunden, dann aus Brot einen drolligen kleinen Bären geknetet und ihm eine von seinen Goldmünzen ins Maul gesteckt. Wie eine Weihgabe stellt er das Figürchen in einer Felsennische auf, die will er mit Hölzern und Kieseln zubauen, einmal werde schon jemand das Bärlein finden, und es solle ihm gehören samt dem Goldstück, auch wenns ein Rußki wäre. Lüttich, unter Morphium gehalten, schläft. Mir aber vertreiben die Sprüche des Toten die Zeit. Um einigen Überblick zu bekommen, las ich sie einmal alle nacheinander herunter, zuerst leise für mich, bis ich merkte, daß die Kameraden zuhorchten, dann sagte ich ihnen, daß es ein Gedicht sei, das man bei dem gefallenen Glavina gefunden habe, und wiederholte mit lauter Stimme:

»Laßt uns den Hügel bauen am Berge Kishavas, ein Mal den Getöteten auf der bereiften Felsen- und Wacholderflur!

Dem Gesetze treu, ohne Klage, unbemerkt, bluten sie hin auf den fremden Steinen, wo kein Eichbaum grünt.

Wie das endet, wer schaut? Finster brüten Völker. Habet acht, o Freunde! Seht ihr einen Sterbenden, demütig bittet ihn, daß er heilsam sterbe, keine Flüche denke! Bald ist alles Vorspiel nur. Alle gehn wir morschen Weg. Tote Hände, bedeckt sie mit Wacholderzweigen bläulich düster!

Wer aber heimkehrt, halte Bereitschaft! Jeden mit anderer Stimme ruft Gott. Ein grader Wandel ist euer, ein langer Werktag, selten ein Fest, selten ein feiernd Lied. Schlummert wachsam wie die Gemse schläft!

Denkt grauer Wahrsagung! Feindseliger Schein traf die Länder. Kaum atmet noch der Glühende, der vom Pol her den Fluch-Engeln wehrt.

Unsern Schlaf überschleicht ein stummer Mut-Ermüder, Vogel von Antlitz, doch nicht beschwingt, unzeugerisch, ob auch elektrische Kräfte verströmend. Wollüstig alle beugt er, selbst unbeugbar.

Die strengen bindenden Worte fallen aus Kindes Gedächtnis. Raben tragen die goldnen Bücher aus dem Heiligtum.

Opfer, was frommen sie noch dem, der den Ruf überhörte? Der Dom stürzt ein über Altar und Beter, und abgesprengt, noch klingend vom Pilger-Bittgesang, ins Meer hinaus, verbrennend, schwimmt die Brücke.

Der Geist wird stehn vor der Tür seines eigenen Hauses und nicht heim finden. Gras wächst auf der Schwelle des Meisters und Herrn. Dessen Seele ist Eis geworden, klares, rundes, gediegenes Eis, und alle Lust wund und wirr wie der Fisch unterm Eise sich freut.

Der du heimkehrst, halte Bereitschaft! Wirf ab die kleinen Träume! Stifte klares Vergessen! Segne dich ein in ein eigenes Gebot, und bevor du umschritten dreimal das heilige Feuer, schlafe nicht bei deiner Braut!

Selig, wer Flügel regt mitten in Zeiten-Gruft! Heil schöpft er aus Unheil. O, und wenn Welt vergeht und neue erst unkenntlich gärt, immer dann schwebt eine tiefe blaue Stunde voll Freiheit und voll Hellgesicht, wo Rhythmus-Woge Geister hebt, bis die ganz neues Ufer schaun und nun erst recht sich freun des Flugs!

Sonne, die große Seele, weiß nichts von Auf- und Untergang, und brennt sie nicht in uns? Geschieht nicht stündlich fern und nah beherzte Liebestat? Das Innig-Ewige, wehts über Meere nicht von Stirn zu Stirn als wie ein Hauch? Und sinds die zarten Hauche nicht, aus denen Gott-Sturm wächst?

Kommet, Boten der Gnade! Wohnet nicht länger auf Bergen, besucht von toten Sehern, bei Adlern wolkenfeucht! Erscheinen herztrunken, wo bei verloschnen Herden Geschwister glühend harren! Wecket, weckt uns den Ruf!

Wie soll auferstehn, was nie begraben ward? Geht um in zwölften Stunden! Lest auf aus taubem Schutte das oft zerbrochne Menschenbild! Mauert es heimlich ein unter die neuen Gebäude! Ihr kündet keine neue Lehre; schon viel ist uns gelehrt. Auf schwebender Grenze von Licht und Urnacht naht ihr euch singend. Wen ihr grüßet, der ändert sein Leben. Euer himmlisches Lied geht über in jedes Gewissen.

Ihr wandelt harte Kette in leichten Zauberzügel. Der Gefesselte lenkt seinen Feßler, und beide erkennen die Freiheit.

Und wer, an Erbschaft gebunden, verwurzelt in Unterwelt, mit Milch und Korn sparsam genährt, sich als ein Bleibender wandelt, suchet am Sonntag ihn heim! Saget auch ihm Gefahr und Herrlichkeit unsers Lebens! Dann mag er dem Erdreich getrost vielfältige Frucht abgewinnen! Nur was ihm zukommt, behält er. Fromm wirft er den ersten Schnitt in die Säule des ewigen Brandes, die Nahrung der Geister zu mehren.

Auf Rinden und Gesteinen wie Wandrer alter Zeit hinterlasset ihr Zeichen einander, sogar in Sand und Schnee, und fällt euch der Tod an am Wege, vergehend lockt ihr noch mit Speise und sanfter Beschwörung wilde Vögel vom Himmel, schreibt auf weißen Fittich pupurne Liebesrunen.

Wir aber bauen ein Grabmal am Berge Kishavas, ein Mal unsern Toten auf der bereiften Felsen- und Wacholderflur!

Noch wintern Rumäniens Gipfel, am Himmel aber ist Frühling. Die Haut der Birke wird bräunlich und blättert ab, darunter schimmert silbern schon die neue. Wir wirbeln hin wie Laub in fremde Felder, -- was quillt aus unserm Tod?

Glauben, sternhaft gesammelt, laßt ihn glühn mit beständigem Licht! Vielleicht nach Monden und Jahren trifft es den reinen Kristall der göttlich erstarrten Seele. Die zwar bleibt Eis, die schmilzt nicht mehr; aber wie eine Linse, unwissend, biegt sie vielfarbige Strahlen zu fernem Brennpunkt hinüber, da schlägt neue Flamme aus uraltem Boden.

Vermorscht sind schon die Leichen am Berge Kishavas, verrostet unsre Schwerter, vergessen unser Kranz, da freuen Menschen sich wieder unschuldig des Brotes und Weines, die uns verbittert sind. Aus wildem Ahnendrang ist lockere Krume bereitet, die Seele frei zu nie gewagtem Opfer. Aus erschüttertem Blut steigen kühne Beginner, und die Satzungen sind Gesang.«

Elf Uhr abends

Das Ganze war mit Schweigen angehört worden. Endlich äußerte Raab, er habe nur Weniges recht verstanden, doch gefalle es ihm, er sei ganz fröhlich davon geworden. Die anderen schauten zu dem niederbrennenden Gebäude hinüber und sagten nichts. Leider geschah noch etwas höchst Unerwartetes. Der kleine Lüttich erhob sich auf einmal und ging stark taumelnd auf die Säge zu. Einer schrie Halt, ein anderer lief ihm nach; er aber, vielleicht im Fieber, vielleicht in Morphiumbenommenheit, schwankte weiter und fiel plötzlich, weich einbrechend, zusammen. Wir holten ihn heran, er war tot. Ein schmaler Eisensplitter stak in der linken Schläfe. Um dreiviertel fünf Uhr feuerten die Russen noch einmal aus allen Rohren, doch nur eine halbe Minute lang. Um fünf Uhr, wie auf Befehl, hörten die Explosionen im Sägewerk auf. Dämmerung und Nacht bezogen das Tal. Kristl fertigte für Lüttich ein Kreuz und schrieb Namen und Datum darauf. Uhr und Erkennungsmarke wurden abgenommen und verwahrt, hierauf begruben wir ihn. Der Boden ist bis tief hinab gefroren, wir brauchten über zwei Stunden. Schnee und Sterne gaben schwaches Licht. Um zehn Uhr erreichten wir Sóstelek.

Gedruckt bei Fr. Richter in Leipzig

Hans Carossa:

Doktor Bürgers Ende. Letzte Blätter eines Tagebuchs. _Zweite Auflage. In Pappband M 3.50, in Halbleder M 6.--_

Gedichte. _Dritte, veränderte Auflage. In Pappb. M 4.--_

Eine Kindheit. _In Pappband M 4.--_

Hier ist dies Lied einer Jugend: Ein Arzthaus in einem oberbayrischen Dorf ist die unruhevolle Umgebung, in der ein Ich, eine Menschenseele sich bildet. Die klare Epik großer deutscher Erzählerart formt Szene um Szene, Bild um Bild in männlich aufrichtiger Realistik: aber aus dieser Wirklichkeit steigt bald der Duft der Liebe, blühende Lebensfroheit, ernste Gottestiefe. Diese »Kindheit« wird bald zu den klassischen Büchern deutscher Offenbarung gehören.

Leipziger Neueste Nachrichten.

Das Buch ist so ohne Anfang und ohne Ende, wie das Leben ohne Anfang und ohne Ende ist, und hinter den alltäglichen Vorgängen lebt ein Raunen und Wehen von dem tiefen Geheimnis, wie der Saft in der Pflanze steigt, wie das Blut in den Adern kreist, wie die Erde um die Sonne schwingt und wie alles untereinander zuinnerst verbunden ist. Ein Buch, das oft zum Aufblicken und Augenschließen und Nach-Denken, Nach-Fühlen zwingt, ein beseeltes Buch ist es, das von innen heraus ganz eigen leuchtet.

Frankfurter Zeitung.

INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.