Rumänisches Tagebuch

Part 1

Chapter 13,234 wordsPublic domain

Hans Carossa

Rumänisches Tagebuch

1924 Im Insel-Verlag zu Leipzig

»Raube das Licht aus dem Rachen der Schlange!«

_Libermont (Nordfrankreich), 4. Oktober 1916_ zerbrach ich am Waschtisch den kleinen geschliffenen Spiegel der Madame Varniers und ging zu ihr, um mich zu entschuldigen und Bezahlung anzubieten. Gewiß war der alten Frau sehr leid um das hübsche Stück; sie ließ aber nichts merken und versetzte lächelnd, es habe gar nichts zu sagen, wo doch die halbe Welt in Trümmer gehe, was liege an einem Spiegel? Dann zählte sie die vielen Besitztümer auf, die ihr im Kriege vernichtet worden, und alles »pour rien«! Zum Glück war eben eine Sendung Schokolade-Makronen aus München gekommen; ich gab ihr die volle Schachtel, die sie ohne Umstände in ihre zittrigen Hände nahm und sogleich davontrug, um sie mit ihrem Manne zu teilen. Später, gleichsam als Gegengabe, stellte sie mir ein Zierbäumchen ans Fenster, eine Art Araukarie, dem Wuchse nach an eine Fichte erinnernd, starrend von harten schwarzgrünen Blättchen, die sich aufsträuben, als warnten sie jeden, sich an der strengen Schönheit des Ganzen zu vergreifen. Von Zeit zu Zeit kommt sie wieder herein, tritt zum Bäumchen, pustet über die Zweige hin, als läge Staub darauf, trommelt eine Weile mit den Fingern an den Scheiben, seufzt, murmelt etwas vor sich hin und geht wieder. Von der Somme herunter donnert es in unsern Müßiggang; es klingt, als wäre im Kamin ein stark loderndes Feuer. Alle Fenster klirren; die Türen, wie von Zornigen geworfen, schlagen auf und zu.

* * * * *

Ich reite nun wieder täglich nach dem Dienst gegen Guiscard hinaus und bilde mir dann ein, die See zu wittern, als käme mir ein Gruß aus der freien großen Welt, von der uns Deutsche das Geschick ausgeschlossen hat, wer weiß, für wie lange. Gefühl der Meeresnähe, ja, das ists, was mir diese Landschaft ein wenig verklärt, in der sonst nicht gut wohnen ist für unsereinen, so abgewandt ist jeder Baum, jeder Stein. Das immer ein wenig verstimmte Blau des Himmels über den leeren Flächen und flachen Hügeln, die gepflasterte Heerstraße, die Bonaparte mit dem Lineal gezogen hat, die grauen, wie Negerhütten spitzdächigen Streuschober, auf denen uns Raben und Elstern beobachten -- es kann uns alles an nichts gemahnen und verrät uns nichts von seiner Innigkeit, die man doch manchmal ahnt. Wären nicht die deutschen Bauernsöhne, die das allen heilige Erdreich pflügen, und unsere jungen, starkbrüstigen Pferde, die, frei von Zaum und Sattelzeug, in den Hürden grasen, der Blick hätte nirgends ein freudiges Ruhen.

5. Oktober

Die Division verlangt einen Bericht über unsere Gefechtsstärke. Die Gasmasken sollen abermals geprüft werden. Das ganze Bataillon wird morgen gemustert, und ich muß alle Mannschaften aussondern, denen ich nicht genügend Kraft zu großen Leistungen zutraue. Sie kommen zu den Ersatzbataillonen; die bleibenden werden gegen Cholera geimpft. Über das Wohin verlautet nichts. Die Schutzimpfung gegen Cholera spricht für den östlichen Kriegsschauplatz. Offiziere und Mannschaften sind, wie vor jeder Veränderung, sehr aufgeräumt, obgleich ihnen Maurepas noch in den Nerven zittert. Alle verwünschen schon wieder die sogenannte Ruhe mit karger Kost, unaufhörlichen Besichtigungen, Übungen, Appellen, Alarmen und Ehrfurchtsgebärden vor unversehrten Uniformen. Viele sehnen sich wieder nach dem gefährlicheren und härteren, aber würdigeren und freieren Leben vor dem Feind.

Abends

Eben las ich zum drittenmal Vallys Brief, der fast nur von dem kleinen Wilhelm handelt. Wie schön ist es doch, wenn ein Mensch dem andern durch feinste, beleuchtendste Züge versäumte Gegenwarten ersetzen möchte! Neulich, während eines heftigen Sturms, läuft der Knabe im Garten von Staude zu Staude, greift schließlich in eine Buchshecke hinein, wo der Wind gerade am stärksten wühlt, preßt die Hand fest zusammen und rennt zur Mutter: »Jetzt hab ich den Wind gefangen«, schreit er in atemlosem Entzücken, indem er vorsichtig die Faust öffnet, und ist sehr erstaunt, weil da nichts zu sehen ist, als ein paar Blätter und Stengel.

8. Oktober

Die Musterung dauerte den ganzen Tag. Den Abend verbrachte ich mit Leutnant T. in seinem Quartier. Er war verdrießlich, weil er solche Massen abgehender Briefpost zensieren mußte, und gestattete nach einigem Knurren, daß ich ihm wieder ein wenig dabei half. Kein Brief darf durchkommen, durch den die bevorstehende Ablösung verraten werden könnte. Fast unwillkürlich suchte ich nach der steilen, klaren Handschrift des jungen Glavina, der oft an seine Freunde so wunderliche Sätze schreibt. »Was wäre das für eine geistige Einheit, die wegen der Explosion einer dummen Granate gleich auseinanderspränge?« las ich diesmal.

Pronville, 9. Oktober 1916

Um drei Uhr früh weckte mich Rehm. Ich trank den Tee im Bett, blieb noch eine Viertelstunde liegen, bedachte manches. Das Einpacken ging schnell. Einige Bildchen ließ ich, den Dämonen zum Opfer, an der Wand hängen. Wilhelms Zeichnung, ein Ding halb wie ein Schiff, halb wie ein Vogel, nahm ich am Ende doch mit. Beinah wäre die rote Wachshand der kleinen Regina in der Schublade liegen geblieben. Ich hatte das Kästchen gestern beim Umräumen übersehen. Nun sind es zwei Jahre. Was Kindern für Einfälle kommen! Aber eigentlich hatte die Mutter schuld daran. Warum zwang sie das Mädchen, eine wächserne Hand auf den Mariahilfberg zu tragen? Da wars kein Wunder, daß Regina dachte: der Doktor hat mehr Mühe gehabt als die Mutter Gottes, warum soll er leer ausgehn? Daß ich die Reliquie immer bei mir haben soll, war freilich ein Verlangen. Aber schließlich schleppe ich nicht schwer daran. Ists nicht Liebe, so ists Aberglaube; auch der hat viel Gewalt.

Die alten Varniers waren bereits aufgestanden und angekleidet, als ich in die Küche kam, um Abschied zu nehmen und Dank zu sagen. Sie wehrten ab, -- »on remplit son devoir«, sagte die Dame höflich. Doch drückten wir uns kräftig die Hände. Um halbfünf Uhr, bei Finsternis, rückten wir ab und erreichten Ham um halbneun Uhr. In sehr langsamer Fahrt, über Cambrai hinaus, verging der kurze Tag; es dunkelte schon wieder, als der Marsch nach Pronville begann. Der Mond stand hinter Wolken; doch ferne Felder schimmerten von ihm. Im Winde war ein Gurren wie von Lachtauben; dürres Laub lief über den Boden wie Mäuse. Von der Somme her tost es wie Weltuntergang; von tausend Mündungsblitzen und Leuchtraketen fiebert der Himmel.

Um Mitternacht, auf der Landstraße, aßen wir bei den Feldküchen Bohnen und Büchsenfleisch; das war Mittag- und Abendessen zugleich und schmeckte köstlich. Gern hätte man sich den Teller noch einmal füllen lassen; aber die Vorräte sind bedenklich knapp geworden, und der Mannschaft ein Beispiel tüchtigen Hungers zu geben, kaum rätlich. Während wir noch aßen, zersetzte sich das Gewölk zu Flocken; der Himmel »häutete sich«, wie wir in Bayern sagen, der Mond wurde frei.

Die Straße ist voll ziehender Kolonnen; erst kommt preußische Infanterie, bringt böse Kunde, Maurebas verloren, Péronne gefährdet, klagt über viel zu geringe Wirksamkeit unserer Artillerie, ja ohne die ungeheure Leistung der Infanterie, meint ein Offizier, wäre die Front gewiß bereits durchbrochen. Bald hierauf kommen preußische Artilleristen, bestätigen die schlimmen Nachrichten, schmälen über das arge Nachlassen der Infanterie und begreifen nicht, warum wir alle herzlich lachen, als sie beteuern, die Artillerie ganz allein halte noch die Front.

Franzosen in langen dunklen Mänteln, die Schultern fröstelnd hochgezogen, marschieren in Gefangenschaft. Einige von unseren jungen Tapsen nähern sich ihnen, scharren ihre paar Vokabeln zusammen, möchten gerne wissen, wieviel sie drüben Löhnung, was für Essen sie haben, wann Friede werde und dergleichen. Die Fremden scheinen nicht recht zu verstehen; ihre bleichen Gesichter starren undurchdringlich im Mondlicht, und in ihrer Lage, mitten in ihrem zerstörten Lande, ist es ihnen kaum zu verdenken, wenn sie der naturhaften süddeutschen Zutraulichkeit wenig entgegenkommen.

Endlich kam bayrische Artillerie auf dem Weg in Ruhequartiere. Infanterist Wimmer von der 6. Kompagnie tritt mich kräftig auf den Fuß, rennt mit flüchtigster Entschuldigung weiter, leuchtet jedem Artilleristen mit der Taschenlampe ins Gesicht. »Licht aus!« ruft man ihm zornig zu. »Es sind ja die Achter!« schreit er verzweifelt; »bei denen ist mein Vater Kanonier«, dreht aber das Lämpchen doch ab. Zum Glück wird bei den Batterien Halt befohlen, und bald gelingt es durch eifriges Fragen wirklich, den Kanonier Wimmer zu finden. Er ist ein hagerer, schon ergrauender Mann mit hartem, rasiertem Gesicht voll kleiner Falten, die Mundwinkel eingekniffen; der Mondschein fiel gerade auf ihn, so daß ich sah, wie seine Augen vor Staunen und Freude groß wurden. Die beiden schauten sich an, hielten sich bei den Händen, kamen lange in kein Gespräch. Die Kunde von dem ungewöhnlichen Zusammentreffen läuft schnell herum, und man zieht sich zurück, um die zwei nicht zu stören. Schließlich nimmt der Vater ein Päckchen aus der Tasche und gibt es dem Sohn. Die Kompagnieführer verzögern den Abmarsch; endlich aber ertönt der Ruf: An die Gewehre! Der lange, schon eingereiht, gibt im Augenblick des Abmarsches seiner Ergriffenheit unwillkürlich den einzigen Ausdruck, der ihm innerhalb der soldatischen Form zur Verfügung sieht: er macht vor dem zurückbleibenden Vater eine regelrechte Ehrenbezeigung, obgleich dieser keinerlei Charge bekleidet, eine rührende Gebärde, die unter den anderen ein leises gutmütiges Lachen hervorruft.

Nach Mitternacht erreichten wir Pronville. Ich wurde in ein schloßartiges, parkumgebenes Gebäude verwiesen. Auf dem Flur erschien ein Offiziersdiener, der mir vertraulich riet, lieber in die Nachbarschaft zu ziehen, dort wären saubere Räume frei, hier dagegen wimmele es von Läusen. Ich vermutete gleich, was bald herauskam, daß der Bursche auf einen Zweck hinredete. Sein Herr hatte bis jetzt in zwei Zimmern recht bequem gewohnt; nun sollte er eins davon mir einräumen, und diese Pein suchte der treue Diener von ihm abzuwenden. Auch Rehm durchschaute den Schlauen und überhob mich der Antwort, indem er freundlich erklärte, wir fürchteten uns nicht vor Läusen, es könnte sogar sein, daß wir etliche mitbrächten, worauf jener wie ein mit Weihwasser besprengtes Gespenst verschwand.

12. Oktober

Ein Lager von Edamer Käsen ist im Keller unsers Quartiers entdeckt worden; der Jubel war ungeheuer. Der Major, der gerade dazukam, behandelte die Sache sehr dienstlich; vor aller Augen sollte der Schatz im Hof auf Zeltbahnen geschüttet, von Schutt und Schimmel gesäubert und unter die Kompagnien verteilt werden. Der Feldwebel, der die Käse zählte, bemerkte, daß sie beim Fallen recht hart aufklangen, und zog sein Messer, um einen anzuschneiden, was sich aber als unmöglich herausstellte; die Masse war wie verbeint. Schweigsam standen die Soldaten umher; hinter den etwas vergrauten radieschenroten Schalen mochte sich jeder ein fettes, weiches Gelb erträumt haben, und noch gab keiner seine Hoffnung auf. Manche hielten sich nicht mehr, zogen auch ihre Messer und stachen in die nächsten Rotköpfe, fanden aber den gleichen Widerstand. Viele entfernten sich jetzt, einige mit Hohnrufen, andere mit verzichtenden Mienen, als wüßten sie schon, daß ihnen nichts Gutes gegönnt sei. Dem häuslichen Sinn des Majors aber widerstrebte es, den froh begrüßten Fund preiszugeben; er befahl, die Käse auseinanderzusägen, indem er hoffte, sie würden sich wenigstens auf Parmesanart zerpulvern lassen. Aber das Innere zeigte sich nicht nur durchaus fest, sondern auch überall mit einem rötlichgrünen Zersetzungsnetz durchzogen, das freilich gleichfalls der Verhärtung anheimgefallen ist. Die Leute, die noch gewartet hatten, gingen jetzt ärgerlich lachend auseinander, ohne sich jedoch zu äußern; nur Infanterist Kristl mußte wieder einmal seinen immer arbeitenden Grimm entladen, indem er vorschlug, die Käse doch an des Kaisers Hoftafel nach Spa zu schicken. Er sprach so laut, daß der Major es hören mußte; der aber weiß ja längst, wie gerne Kristl in ein Strafverfahren verwickelt würde, um auf Gefängnisumwegen in die Heimat zu gelangen, und so nahm er von dem frechen Wort keine Kenntnis.

Zehn Minuten später ist ein Fußballspiel mit den roten Kugeln im Gang. Auch Kristl beruhigt sich. An einem Baum lehnend schnitzt er aus einem abgesägten Stück eine Tierfigur, durch kluge Verwertung der Schimmelstreifen schön getigert. Endlich aber ist die Masse doch zu brüchig, die halbfertige Form zerbröselt; heftig wirft er sie auf den Kies.

Der Abend wird kalt. Aus hochgestuften braungesäumten Wolken stehen schräge breite Strahlen wie Flügel einer Windmühle. Bei Bapaume entsteht eine neue Schlacht; viele glauben, daß man uns dort einsetzen wird. Eben hüpft aber ein Gerücht umher, als wären wir für die rumänische Front bestimmt. Feldpost kommt. Das Söhnchen ist wieder gesund und will immer zeichnen und bauen.

_Am 13. Oktober_ gegen abend wurden wir in Aubigny-au-Bac mit unbekanntem Ziele verladen. Es vollzog sich langsam und umständlich. Der kleine Kommandeur hält noch immer nicht viel von schwäbisch-bayrischer Gewandtheit und Findigkeit und will wieder alles allein tun, jede Feldküche, jedes Maschinengewehr selbst verstauen. Alles lacht und schimpft über ihn wie über das Urböse, während er mit kummervoll verbissenem Gesicht und heftigen spastischen Gebärden Befehle bellt, welche niemand versteht, bis endlich der Bahnhofkommandant ungeduldig wird und ihm hochmütig droht, er werde den Zug in fünf Minuten unter allen Umständen abfahren lassen. Dies gerät nun unserem aufgeregten Gebieter zum Heile; mit einem Schlag regen sich alle Hände für ihn. Denn wenn er uns auch oft gar zu sehr in Atem hält und mancher ihm eine kleine Unannehmlichkeit wohl gönnte, er ist doch unser Kamerad, und sein dürftiges, fahlgraugrünes Umhängchen, stearinsteif von den Kerzenlichtern vieler Unterstände und verdreckt von allen Erden Frankreichs und Flanderns, ist uns wahrlich ehrwürdiger als der nagelneue Prunkmantel des Herrn Oberstleutnants vom Bahnhof. Ungeheißen greift jetzt jeder zu, ein Viertelstündchen, und der Zug steht bereit.

Es begann aus tiefen Wolken zu regnen; ich fand Platz bei zwei Kompagnieführern, aß noch einen Apfel und wickelte mich in die Decke. Etwas Fieber scheint mir im Blute zu spuken, -- wie froh bin ich, daß Ruhetage kommen und hinter ihnen eine große Reise! Ich schlief bald ein und träumte mancherlei. Einmal sah ich Vally mit Wilhelm an einem Tischchen sitzen. Sie hatten Spielkarten zu Reihen gelegt und sahen, die Stirnen in die Hände gestützt, Schachspielern ähnlich, darauf nieder. Später kam auch die kleine Regina, setzte sich zu ihnen und tat wie sie. Plötzlich zog sie einen versiegelten Brief hervor, hielt ihn mir hin, ohne von den Karten aufzublicken und sagte: »Es ist nichts Eiliges. Nur eine Botschaft vom Heiligen Geist.« Beim Erwachen war mein Rücken feucht; ich merkte, daß das Fieber geschwunden war.

14. Oktober

Frühstück in Charleroi. Vor einem Jahr, um die nämliche Stunde, bin ich auf dem Wege zur Front hier durchgefahren. Den spitzen Schlackenbergen ist seither noch etwas mehr Grün angeflogen; bald werden sich Rasenflächen ausbreiten, dort und da steht schon ein Bäumchen. Ich freute mich wieder der nahen Kanäle mit den Pappelreihen, die der Meerwind seltsam zugeformt hat, der alten Männer und Frauen, die an Seilen ihre behäbigen Barken dahinziehen, der lieben blonden Kinder, die zutraulich heranspringen und um Brot bitten. Am Fuß der schwarzen Berge steht ein Wasser mit fettig schillernder Haut, aus der wie Speere einer versunkenen Phalanx lange dürre Schilfrohre schräg aufstarren. Schafe liegen kauend im Gras; der Himmel ist niedrig und grau, voll silberheller narbiger Einziehungen.

15. Oktober

Noch schlafen alle; mich allein haben Licht und Kälte geweckt. Der Zug fährt auf hohem Viadukt über einem Tale voll Nebelrauch; spitztürmig steht ein Schattendörfchen vor dunkelblau durchscheinendem Hügel, darüber die Sonne als überströmender Glanz in zerhöhltem Gewölk. Essen veratmen graugelben Dampf, der am Rand ins Purpurne spielt. Ich sah in die rote Glut eines Hochofens hinein, schwarze Männer gingen hin und her, so hab ich mir als Kind Salamander im Feuer geträumt. Nach diesem Anblick schlief ich noch einmal ein.

* * * * *

Immer schneller gegen Osten. Diesen Tag will ich keine Bezeichnungen der Bahnhöfe, keine Plakate, keine Dorfnamen lesen, auch nicht hinhören, wenn sich die andern darüber unterhalten. Auf die namenlose Landschaft will ich achten, wie sie sich leise ändert und die Tönung des Himmels über ihr.

½3 Uhr nachmittag

Überall braunrotes Ackerland, mit Wintersaat lichtgrün bestäubt, die Bäume schon viel mehr vergilbt als in Pronville und Libermont. Eine rötliche Straße führt zu kleinen Ortschaften und darüber hinaus zu Höhen mit Gehölz und Gestrüpp. Langsam fahren wir durch einen kleinen Bahnhof; eine alte Bäuerin steht allein an der Sperre. Ihr schwarzes Kopftuch bildet über der Stirne ein spitzbogiges Vordächlein, und auch die vielen tiefen Furchen des Gesichtes streben gotisch zueinander auf. Die Bahnhofuhr zeigt eine falsche Stunde; darunter liegen, aneinandergefesselt, Kirchenglocken, die Klöppel ausgerissen, die Sprüche und verzierenden Figuren mit nassen Blättern beklebt. Sie müssen zum Einschmelzen für neue Geschütze bestimmt sein. So bin ich diesmal schlafend über den Rhein gefahren. Wir sind in Deutschland.

16. Oktober

Es regnet, und man bringt das Frösteln nicht los. Als ich eben zu mir kam, lachten die Kameraden und sagten, ich habe zwölf Stunden geschlafen und schon zweimal das Essen versäumt. Einmal aber muß ich doch wach gewesen sein, vielleicht gestern abend. Wir fuhren gerade an Leipzig vorbei, und ich erstaunte, daß die Stadt so unversehrt unter dem Gewitterhimmel ruhte, daß nicht jedes Haus, jeder Turm zertrümmert war, eine sonderbare Täuschung des Fiebers.

Die Stunden werden lang; die andern spielen Karten und rauchen; ich habe einen Aufsatz über Atome und Elektronen nahezu auswendig gelernt, sodann im Notizbuch abgerissene Sätze gefunden, die ich in Briefen Glavinas gelesen und nie ganz vergessen hatte, so daß ich sie später leidlich getreu nachschreiben konnte. Nun suche ich den einen oder andern in meiner Sprache zu entwickeln, fürchte nur, daß dann etwas anderes daraus wird, daß der ursprüngliche Jugendklang verloren geht.

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»Es gab wilde Zeiten, da riß der Sieger dem erlegten Feinde das Herz aus der Brust und aß es auf, weil er dadurch die Tugenden und Kräfte des Toten zu erben hoffte. Zugegeben, daß dies ein kindisch-grausames Verfahren war; aber so völlig sinn- und ehrfurchtslos, wie es dem ersten Blick erscheinen mag, ist es doch nicht. Haß, ist er mit Liebe nicht aus einer Wurzel? Der Meister der Menschen, ernährt er nicht seit zweitausend Jahren mit seinem Herzen unzählige Seelen? Mir ist, als sei keiner von uns zu langem Leben berufen, -- erkennen wir es doch! Opfern wir uns bewußt und freudig dem unbekannten Geiste der Zukunft, bevor uns ein armseliger Zufall ereilt und sinnlos zerfleischt!«

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»Durchsichtig-dichte Jahre der Kindheit! Wo man sich wunderte, weil in der Welt nur immer gerade so viel Wichtiges und Gefährliches geschah, daß die Zeitung davon genau voll wurde, nie mehr und nie weniger! Meistens, wenn die Blätter ins Haus kamen, teilten sich Vater und Mutter darein; gespannt und sorgenvoll blickten sie auf die bedruckten Seiten, es mußte ruhig im Zimmer sein, und ich durfte meine Angelegenheiten nicht zur Sprache bringen. Aber wie Sonnenfinsternis ging der ängstliche Zustand vorüber; verächtlich wurden die Papiere weggelegt, und alles Fremde war damit unschädlich gemacht und abgetan. Heute nacht nun hatte ich einen seltsamen Traum. Ich war wieder Kind und ging während eines Gewitters über steinige Berge. Ein weißes Blatt hielt ich in Händen und wandte keinen Blick davon. Frage ich mich jetzt, was auf der weißen Fläche stand, so muß ich bekennen, daß sie ganz leer war, ohne Schrift, ohne Zeichen; dennoch las ich mit Entzücken darin. Tiefziehende Wolken besprühten das Blatt, Blitze loderten darüber hin, Himmel und Felsen ertönten, und schaurig aus der Ferne riefen die Geister der Toten. Ich aber las auf dem leeren Weiß unsagbar selige Begebenheiten und kümmerte mich nicht um Gewitter und Rufe der Toten.«

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»O Freund, ich selber würbe gern ein Heer zu wunderbarem, nie gewagtem Feldzug; aber es ist noch zu früh, der Feind, den wir überall spüren, hütet sich zu erscheinen, in keiner Sprache noch läßt sich die Parole ausgeben, und die ich wecken soll, die schlafen noch zu tief. Ists da unklug, wenn ich so, wie früher Königssöhne taten, einstweilen in einer anderen Armee diene, damit ich mich schon jetzt an kriegerisches Treiben gewöhne? Ja, suchen wir Gefahr und Mühsal, wie sie sich gerade bieten, so bereiten wir uns für höhere Mühsal, wahrere Gefahr. Mir ist wie einem Täter, der seine Tat noch nicht kennt. >Raube das Licht aus dem Rachen der Schlange!< Was ist es für eine Stimme, die mir dies Wort manchmal zuruft aus tiefem Schlaf?«