Rudolph Von Habsburg Ein Heldengedicht In Zwolf Gesangen Johann

Chapter 9

Chapter 93,593 wordsPublic domain

Ottgar schwieg, und das Heer zog weiter in täuschender Stille, Wie er gebothen zuvor. Doch sieh', aus den nächtlichen Wolken Senkte sich Arpad[3] jetzt in Eile herunter! Ein Vater Ward er genannt dem Magyaren-Volk', und aus seinem Geschlecht her Sproßte der Segenszweig: der erste, der heilige König Ungerns, der, sein Volk auf des Heilands Pfade geleitend, Ihm der Menschlichkeit beglückende Recht', und der Sitten Mildere Form kund gab, auch Gesetz' ihm schenkte zur Wohlfahrt. Arpad, schauend den Kun, im Rohrgefilde verborgen, Sann alsbald nur Thaten des Muths, und er nahete pfeilschnell Ladislav, dem Könige, der, entschlummert im Zeltraum Lag auf dem Bärenfell' im grasumwucherten Aufeld; Beugte sich über ihn hin, und preßte den Mund auf den Mund ihm So, daß er ängstlich sich wand, und stöhnete, bis er die Augen Aufschlug, schrie, und im finsteren Zelt', entrüstet, umher sah. Arpad haucht' ihm Muth in die Brust mit dem Seelengelispel: »Also bezwungen vom Schlaf, dehnst du die blühenden Glieder, Eingelullt vom Gesang kumanischer Frau'n und der Zither Sanftem Getön? Wach' auf, du Weichlicher! Denke der Ahnen Weitgefeierten Heldenruhms, und des feurigen Muthes, Der sie beseelte beim Klang des furchtbarbrüllenden Rindhorns, Wenn die Feinde sich trafen im Feld', und der Würgenden Ruf scholl. Wachen muß dort stets für alle der Herrscher, und rastlos Walten bei Tag und bei Nacht, in gefahrumdräuender Kriegszeit. Horch dem Gewirr! Schon zieht der Böhm' in täuschender Stille Eilig die Straße hinab g'en Thalsbrunn, dort in des Lagers Weitumkreisendem Raum, von dem Rasenwall' und dem Graben Mächtig geschirmt, dem Feinde sich rasch entgegen zu werfen. Zahllos regten sich dort viel' Tag' und Nächte die Gräber, Die er entboth in dem Land' umher voll schrecklicher Drohung; Doch im Rücken des eilenden Heers, nichts Arges vermuthend, Kommt mit schwachem Gefolg' auch der König vorüber, und langsam Folgt ihm die Wagenburg: d'rum schnell an das muthige Werk jetzt! Sende hinaus in den Hinterhalt der bewährtesten Reiter Tausend, die, verborgen im trocknen Geröhr', an dem Heerweg Harren, bis Ottgar naht: gleich weit entfernt von den Scharen Und von der Wagenburg; dann all', im sausenden Eilflug, All' auf ihn los, und erhascht ihr ihn, schnell in Geschrei und Getümmel Wieder zurück in das Lager gejagt mit dem werthen Gefang'nen. So beginne den Kampf, ein Sieger, zur Freude dem Kaiser -- Dir, und dem Vaterlande zum Ruhm, dem Lande der Helden!« Sagt' es mit lispelndem Laut. Da trat ein Kun in das Zelt ein, Athemberaubt vor Hast, und verkündete: daß auf dem Heerweg Zahllos, Schar auf Schar, der Böhme vorübergezogen. Feuriger hauchte der Geist, da er sprach, dem horchenden König Noch in die Seele den kühnen Entschluß. Sieh', eilig erhob er D'rauf sich vom Lager, und rief nach dem tapferen Führer der Kunen, Kaduscha, der, von Gestalt nur klein, und häßlich von Anseh'n, Doch unbändiger Kraft, und flammenschnaubenden Muths war. »Eile,« so sprach er zu ihm, »mit tausend erlesenen Reitern Bis an den Rand des Geröhres hinaus, und harre mit Vorsicht Dort in dem Hinterhalt, bis Ottgar selber dir nah' ist: Weit getrennt von der Wagenburg, und den eilenden Scharen; Dann im Fluge hinaus, zu erhaschen den Herrscher der Böhmen! Fünfzig Rosse sind dein, und zehn goldschimmernde Sättel, Auch der Waffenschmuck des Königes, kehrst du als Sieger.« »Ich vernahm es,« entgegnete stolz der muthige Feldherr, Als er das Roß bestieg. Er jagte mit tausend Erwählten Bis an den Saum des Geröhres hinaus, und warf sich, des Königs Harrend, in's Gras. Wie in dunkeler Nacht der schreckliche Rohrwolf Lauscht an der Trift, und dort auf die Hinterfüße gesunken, Winselnd vor Gier nach Blut, mit glühenden Augen umherschaut: Ob nicht der Rinder Schar vorüber wandere, grasend? So der Kune dahier. Doch sieh', bald wogten des Feindes Reihen vorbei, und im Zwischenraum, nichts Arges vermuthend, Naht' auch Ottgar jetzt, als Kaduscha, sich in den Sattel Hebend, den Kunen zu stürmen geboth. Vor dem wilden Getümmel Klirrender Waffen, und brausender Ross', und der stürmenden Krieger Lautem Gejauchz' erbebte die Nacht, und des Königs Geleitschar Starrte vor Angst: denn schnell, weit vorgebeugt aus dem Sattel, Schwingend mit wildem Gebrüll den krummgehämmerten Säbel, Jagten die Kunen heran, und drohten ihm Tod und Verderben. Wallstein rief alsbald dem Gefolg': »O, schließt um den Herrscher Einen ehernen Kreis mit der Brust, und fielen im Kampf wir Alle zugleich, nur sey des Herrn Gesalbter errettet!« Aber nicht säumten die Tapferen: denn dreihundert aus Böhmen, Bayern, und Sachsen, erwählt zum Geleit', umringten den König Schirmend, und kehrten die Brust nach dem Feind, der, ähnlich dem Sturmwind, Naher und naher im Flug, herbraust' auf dem staubenden Heerweg.

Kaduscha hieb der erst' in den Kreis des kühnen Gefolgs ein. Er zerschmetterte schnell zwei muthigen Bayern, von Törings Mannen, die Stirn', und erhob sein Eisen, noch fürder zu wüthen. Töring, der edele Ritter, der, ausziehend aus Seefelds Ragender Burg, dort sieben unmündige Kinder zurückließ: Denn ihm raubte der Tod erst jüngst die treffliche Hausfrau, Senkte den Speer auf den Wüthenden; ritt rasch an, und durchstieß ihm Also die Rechte, daß ihr alsbald entschlüpfte der Säbel. Jetzo hatt' er gerächt die Ermordeten; aber es barg sich Jener sogleich im Gedräng', und rief nach dem Führer des Volkes, Zobor, ihm vertrauend des Kampfs entscheidende Leitung -- Ihm, dem Riesen an Kraft: er lockte den grimmigen Bären Aus der Höhle heraus, und erwürgte ihn, ringend, am Boden. Seitwärts drang er auf Töring ein, der, schnaubend vor Rachgier Reiter auf Reiter herab aus dem Sattel warf mit dem Speerschaft. Vier' erwürgt' er schon: da stieß ihm die Spitze des Eisens Zobor tief in's Genick', als er nach dem Gegner sich beugte. Töring sank in den Staub, und hauchte den muthigen Geist aus. Ach, und die Amme führt, wie die liebvollsorgende Mutter, Jeglichen Morgen die Kinder heraus auf die Zinnen der Felsburg; Zeigt dort allen den Weg, den jüngst der Vater gezogen, »Und euch allen,« so sprach sie, »ein schönes Geschenk aus der Hauptstadt Heimbringt, so ihr euch fromm und gut, wie er's heischte, benehmet.« Doch nicht kehret er heim; sein harren die Kinder vergeblich: Denn er liegt getödtet im Staub! So fielen noch hundert, Unter der würgenden Faust der Kunen, gebändigte Krieger, Und Verderben umgab stets näher und näher den König. Wie wenn nächtlich im Wald' ein wandernder Fleischer, von Räubern Angefallen, mit tapferem Muth' sich wehrt, und der Gegner Manchen erlegt; doch wäre noch all sein Mühen vergeblich, So das menschengetreueste Thier ihm nicht fest an den Seiten Kämpfte: sein mächtiger Hund, der rasch im Kreise sich wendend, Diesem die Kehle durchhaut mit den tödlichen Zähnen; den andern Niederreißt am Genick', und, würgend, nicht ruhet, nicht rastet, Bis er errettet schaut den Gebiether: so stritt für das Leben Ottgars, häufend die Leichen umher, der tapfere Wallstein. Doch, als jetzt die Gefahr ihm noch gewaltiger drohte, Schrie er ihm zu: »Mir nach, mein König und Herr!« und er bahnte Sich mit dem sausenden Stahl durch Feindeshaufen den Blutpfad. Ottgar folgt' ihm beherzt, und hieb die Umstürmenden nieder. Ha, nach entsetzlichem Mord und Gewürg, durchhau'n, und gesprengt war Endlich der Todesring, und ihm entrannen die beiden, Brausenden Flugs, auf dem Heerweg fort! Im nächtlichen Dunkel Schwanden sie bald aus den Augen der weitnachfolgenden Gegner; Doch die kehrten zurück', und des Königs treue Geleitschar Fiel nach tapferer Gegenwehr (denn Keiner ergab sich) Hier erschlagen im Kampf mit den herzblutdürstenden Kunen. Ach, wie grausam wütheten jetzt die Schrecklichen: hauend Allen das Haupt von dem Rumpf', und es dann auf die Spitze des Säbels Pflanzend, zogen sie heim, siegtrunken und rachegesättigt: Denn sie sahen zuvor wohl doppelt die Zahl der Gefährten Hingestreckt im Staub', und erwürgt von den tapferen Feinden.

Fort, und fort im Galopp war Ottgar schon in des Heeres Nähe gelangt; nur die Höh'n von Prottes, dem ruhigen Dörfchen, Lagen noch, trennend, vor ihm, und hinter den eilenden Scharen. Milota trabte die Höhen herab. Mit ängstlicher Sorgfalt Forschte sein Auge zuvor nach dem König: er hatt' ihn dem Tod schon Lange geweiht, und harrete nur des ersehneten Tages, Wo er nach Rache die Gier an ihm sättigte, schrecklich und furchtbar! D'rum verlor er ihn nie aus den Augen, und so, wie der Kater, Grausamer Lust, freigibt das erst gefangene Mäuschen: Da folgt ihm sein glühender Blick, und will es entrinnen, Streckt er sogleich ihm nach die klau'nbewaffneten Pfoten -- Reißt es zurück in den Todes-Kreis, und weidet die Augen So an dem armen, voll Grimms: nicht anders verfolgten die Augen Milota's Ottgarn stets, der Rach' ihn zu opfern, entschlossen. Jetzo gewahrend: er sey's, begann er von weitem zu rufen: »Wahrlich, du wagtest viel, mein König, so fern dich zu halten Von dem schnellvoreilenden Heer! Wer so die Gefahr sucht, Wandelt auf glattem Geröll', an des Abgrunds schwindligem Rand hin: Denn in den Auen der March droht uns der schrecklichen Kunen Leis'umspähendes Volk: du warst die erwünschteste Beut' ihm, So es dich traf. Doch sprich, wo weilt dein Reitergefolg noch?« »Mein Gefolg ist todt,« entgegnete jener, »gefallen Unter des Feindes würgender Faust. Dem tapferen Jüngling Hier verdank' ich das Leben allein; stets hielt er im Leben Treulich an mir; er sey, wie ein Sohn, mir geliebt in der Zukunft.« D'rauf hinbeugt' er nach Wallstein sich von dem Sattel; er küßt' ihn Auf die glühende Stirn, und drückt' ihm die Rechte noch freundlich. Jener, mit Freudenthränen im Blick', erwiederte, hebend Ottgars Hand an den Mund, der Liebe beglückendes Zeichen. Plötzlich sah er im Geist der wahnsinngenähreten Hoffnung Truggestalt in der Wirklichkeit, hellschimmernden Glanzes, Ihm genaht, und gestillt des Herzens unendliche Sehnsucht. Wehe, daß Drahomira so nah' ihm war in des Nachtgrau'ns Schrecklicher Stund', und stets auflauerte, daß sie, verderbend Ihn, sich räche zugleich an Ottgarn, höllischer Lust voll! Hufesgerassel erscholl: denn Milota's Reitergeschwader Jagte heran. Sie schrie ihm ins Ohr: »Der Feind ist im Anzug!« »Ha, der Feind!« rief Milota laut, und in wilder Verwirrung Jagt' er nach Ebenthal, woher sie gekommen, das Roß hin. Ottgar folgt' ihm schnell; nur Wallstein hemmte den Läufer Oft: um den König besorgt, und für ihn zu sterben, entschlossen. Aber ihm däuchte das nahe Gebirg, und drüben das Blachfeld Jenes von Ebenthal an der freundlichen Burg, wo er seicher Oft sich erging, des Weidwerks Lust ergeben im Feld' auch. Ottgar hörete jetzt den Ruf des warnenden Jünglings; Tobte vor Zorn, und sprach zu Milota grimmigen Blickes: »Hat dich mein böses Geschick mir entgegengeführt an dem Kreuzweg, Wo in dem nächtlichen Grau'n nur menschenfeindliche Geister Hausen, daß du dem Heer mich entrückst, und verleitest zum Irrgang? Wahrlich, der Himmel straft heut Nacht die Vergehungen alle, Die mich erniedrigten einst auf des Lebens verlockenden Bahnen! Fort, g'en Stillfried jetzt, wo die Wagenburg und der Nachhuth Tapfere Schar mich schirmt, bis wir dem Heere vereint sind!«

Finster umhüllete noch das Gewölk den nächtlichen Himmel; Noch aufriß der entfliehende Blitz zuweilen die Lieder, Zürnend, und sah mit feurigem Blick aus Osten herüber. Bergan hob sich der Weg, und Milota sagte, verhöhnend, Als die Ross', oft zögernden Gang's, aufschritten den Bergpfad: »Hoffst du, Herr! vor des Ewigen Richterstuhle so leicht dich Abzufinden dereinst mit dem schreckengerüsteten Engel, Der dein Blatt dir weis't in dem Buche des Lebens und Todes? Wähnst noch gar, du habest gebüßt für Alles und Jedes, Was du verübt seither, schon heut' im nächtlichen Irr-Ritt? Grauses vernahm mein Ohr. Ist's Wahrheit, oder nur Täuschung, Was die Sag' uns gab von dem blutbesudelten Handel Dort? Daß die Ost- und die steyrische-Mark dir bleibe zu Eigen, Hast du Schätze gesandt nach Wälschland -- heimlich verbündet Rom und Neapel dir, und Konradin, Friedrich von Oestreich[4] Hingeopfert des Henkers Schwert, die blühenden Fürsten? Hast nicht Erbarmen geübt, als d'rauf die Mutter des letztern, Gertrud,[5] sanften Gemüths, aus dem Erbe der Väter vertrieben, Fliehen hieß dein Wüthrich fort in stürmischer Nachtzeit? Bist du rein von Schuld an dem Tod der verstoßenen Gattinn, Margareth?[6] Ward der edele Herr und Ritter von Meißau Nicht in unwürdiger Haft von dir verbrannt in dem Schloßthurm?[7] Nicht die Heldenschar, von dem Pettau'r,[8] niedrigen Herzens, Angeschwärzt, jahrlang' in schmählichen Banden gehalten -- Ihrer gewaltigen Vesten beraubt? Sieh' dort auf dem Hügel Drüben den Rabenstein: wie im Wind sich die dürren Gerippe Dreh'n nun hin, nun her, und im Schwung lautächzen die Ketten! Hu, aufsträubt sich mein Haar -- und dennoch lieber gehenkt dort, Als daß ich übte, wie du, an dem Merenberger[9] den Frevel! Aber horch! Da er nun, das Haupt an die Füße gebunden, Zweimal den Morgen und Abend sah, in schrecklichen Qualen Hängend am Rabenstein, war nur der geschändeten Schwester Bild -- geschändet von dir, vor seinem Gemüthe! Dir flucht' er, Eh' er starb, durchbohrt von einem der wilden Szupanen. Wie, du erschrickst? Nein, fürchte nichts, Herr! Daß ich jetzo der Tochter,[10] Meines geliebtesten Kindes, gedacht, nicht verdenk' es dem Vater, Der nicht weinen mehr kann um sie, die schändlich verführt ward. Ihre die Schuld, der Metze: sie gab sich wohl selber der Schmach hin!«

Ottgar schlug sich die Brust, und wimmerte: »Vater, Verzeihung; Mein ist die Schuld allein: den Himmlischen glich sie an Reinheit!« »So?« -- sprach dann mit gedehnetem Laut der entsetzliche Vater. Ottgar stöhnte vor Angst, daß es jener vernahm; mit den Zähnen Knirscht' er; sah empor, und rief mit ersterbender Stimme: »Milota, sieh', wie es über den armen Sündern erblitzet!« Sagt' es, und stützte das Haupt, vergehend, auf Milota's Schulter. Jetzt in der geistverzückenden Zeit todähnlicher Ohnmacht Sah, wie entkörpert, er dort an dem Rabenstein, Drahomira Schweben umher, und oft hellstrahlen von röthlichen Flammen. Ihr nachfolgten zum Dienst drei Mißgestalten der Hölle So, daß der Halbentseelte noch zuckt', und bebte vor Schrecken, Als er die Furchtbar'n sah. Aus schwarzumhüllendem Schleier Starrten mit weitgeöffnetem Aug' todblasse Gesichter, Und ihr Leib, durchblinkt von der Flammengestalt Drahomira's, Floß, wie ein Trauerflor, hinaus in das finstere Nachtgrau'n. Doch, nach dem Wink der Gebietherinn, auf, und hinunter sich schwingend Dicht an dem Rabenstein, wie der Mauerspecht am Gemäuer, Der mit kläglichem Ruf nach Gewürm' und Käferchen spähet, Nagten sie dort ein Giftgewächs und das Moos mit den Zähnen Ab von dem Stein und Gehölz, und schwebten hinab auf den Heerweg. (Zwischen Ottgar hier, und Milota -- aber vor Wallstein Dort, der zögernd folgt': in täuschende Träume versunken Künftigen Glücks) und hauchten zugleich auf die Erde den Unrath. Doch Drahomira kam, vorhaltend in glühender Rechten Einen Becher, in dem verderbliche Säfte von Kräutern Gähreten: erst entpreßt dem Eisenhütchen und Schierling, Dann Tollkirschensäfte vermengt, der plötzlich des Menschen Sinne verwirrt. Sie goß mit zaubergewaltigen Worten, Vor den Drei'n, die sie nachmurmelten, wie aus der Felskluft Grimmvoll murrt ein Drach', das Gift auf den furchtbaren Unrath Aus; zertrümmerte schnell den Becher auf ihm, und erhob sich Dann im Weh'ausruf des Höllengefolg's in den Luftraum. Alsbald schwamm ein bläulicher Duft, des giftigen Pfuhles Nebel gleich, umher: dem nahenden Jüngling zum Falle Hingebannt von der Macht Drahomira's, des schrecklichen Weibes.

Ha, schon naht' er heran! Noch brannte der glühende Kuß ihm Auf der Stirn'; noch scholl in das Ohr ihm der schmeichelnde Zuruf Ottgars: »Daß er ein Sohn ihm sey -- dem liebenden Vater.« »Wie, ein Sohn? Dann ... ja, wenn Hedwig die Rechte mir reichet! Himmlische Hoffnung!« Rief's; da bäumte schnaubend sein Reitroß Dort an der furchtbarn Stelle sich auf. Ihn däuchte der Wehruf, Den er jetzo vernahm, aufhorchend mit pochendem Herzen, Hedwigs Stimm': alsbald vorspornend den hurtigen Läufer, Stand er gebannt in dem Zauberkreis', und urplötzlich, so wähnt' er, Ward ihm zur Gegenwart die nimmergeahnete Zukunft. Hochbeglückt hielt er die Ersehnete jetzt in den Armen: Ihm schwand Himmel und Erde dahin! Doch flatterte blitzschnell Weiter der täuschende Spuk, da, schnaubend vor Angst und Entsetzen, Nun das Roß fortsprang aus dem Zauberkreise der Hölle. Stöhnend sah er zurück, und die Blässe des Todes bedeckte Seine Wangen: ein Traum, so schien es ihm, flüchtig entronnen, Wies ihm des Erdenglücks Erwünschtestes. Wehe, nicht schwand jetzt Mehr des Gesehenen Bild aus seinem Gemüth'. In den Adern Kocht' ihm das Blut, und im kreisenden Schwung' umgaukelte jenes Rastlos ihn, da er flog, getrieben von höllischem Zauber, Abzufordern die Hand der Königstochter dem Vater; So zu empören des Herrschers Stolz, und, von diesem gehöhnet, Racherfüllt, sich selber und ihn zu verderben auf immer.

Siehe, voll Himmelshuld war ihm sein schützender Engel Wieder genaht, und rief in sanftverweisenden Lauten: »Wie, umsonst ertönte dir erst mein warnender Zuruf? Wehe dir, Jüngling, ach, wenn Schuld verdunkelt die Reinheit Deines Gemüths! Wie ein Spiegel, noch erst im herrlichsten Lichtglanz Schimmernd, schnell abstirbt, so ihn feuchtannahender Hauch deckt: Also umwölkt es die Schuld. Bald scheint die blühende Schöpfung Dir verwelkt, und erstarrt ringsum das regsame Leben: Nichts des Hohen vollführest du mehr, von irdischen Banden Niedergehalten. Verzieh'; o denke des Ewigen, reuig; Kehre zurück, und beherrsche mit Kraft die Gelüste des Herzens, Daß du nicht Schmach dir jetzt durch thörichte Worte bereitest!«

Sagt' es, und schwang sich empor zu dem Vater im Himmel, deß' Antlitz Er mit dem Seraph und Cherub schaut für immer und ewig. Aber der Jüngling rief: »Ward erst der Seligen Wonne Mir von dem Himmel gewährt? Vernahm ich jetzo der Hölle Täuschenden Ruf? Nicht weiß ich's -- will es nicht wissen; es dreht sich Schwindelnd die Welt um mich her; sie reiße mich mit in den Abgrund!« Sieh, und er hieb in den Bauch des ächzenden Läufers den Sporn ein: Brausenden Sprung's trug fort ihn das Thier, bis er's vor dem Herrscher, Der mit dem Feldherrn, ernst und schweigend die nächtliche Bahn zog, Jetzt festhielt, nach gewaltigem Müh'n: denn wüthenden Ingrimms Flog es dahin! Nun sprach mit sanfterheitertem Antlitz, Nach dem Jüngling gekehrt, der weitgefürchtete König: »Wallstein, ha, wo weilst du? Komm, und rette den Vater Dir, dem liebenden Sohn, von diesem entsetzlichen Manne! Milota, fort! Entfleuch! Du warst mir treulich ergeben, Du, des Herrschers Vasall; doch hast du mit blutiger Faust ihm Heut' in dem Herzen gewühlt -- frechlautende Worte gesprochen. Gott ist gerecht. Die Schuld, vergrößert von feindlicher Mißgunst, Mindert vor ihm ein reuiges Herz: er wird's nicht verschmähen! Halte dich künftig entfernt von mir -- auch jetzt in dem Feldzug, Daß nicht mein Zorn, erwacht, dich noch verderbend ereile.« Jener lächelte grimmig, und rief: »Recht hast du gesprochen: Weichen will ich -- im Kampf' entfernt dir stehen; der Tochter Stets gedenken, und flieh'n die Nähe des dräuenden Herrschers.« D'rauf entschwand er im Feld; doch Ottgar sagte dem Jüngling: »Wallstein, höre mich nun! Stets warst du mir theuer vor Allen Ob des Heldenmuths und der Treue, mit welcher du, liebend, Hingest an mir: doch heut, wie lohn' ich geziemend die Thaten Ewigen Ruhms? Erst rächtest du mich an Rudolphs Erzeugtem; D'rauf hast du mich entrissen der Wuth umdrängender Gegner. Sieh', am kommenden Tag sollst du durch würdigen Lobspruch Hochverherrlichet steh'n vor meiner versammelten Heersmacht; Auch den Feldherrn dort, als Führer des böhmischen Fußvolks, Beigesellt, ein Zeuge der Huld und des Glückes erscheinen!«

Jener entgegnete schnell, von dem Höllenzauber getrieben: »Herr! du nanntest mich Sohn zuvor, und ein liebender Vater Willst du mir seyn? Wohlan! Ich rühme mich edlen Geschlechtes, Ja, des edelsten, das in dem Vaterlande genannt ist: Reich an Schätzen und Land, gleich Fürstensöhnen geachtet! Vater, mein höchstes, mein einziges Glück harrt deiner Entscheidung! Gib mir Hedwigs Hand, des angebetheten Fräuleins: Dann wird überschwenglicher Lohn mir zu Theil, und ein Eidam Steht dir dankbar bereit -- für dich zu sterben, entschlossen, Tapferen Muth's im Feld', ein mächtiger Schirmer des Thrones, Den du zierest, und Wenzeslav, dem Erzeugten, vererbest. Hörst du mich nicht: dann fort an die fernsten Gränzen des Weltmeers; Dann aus dem Leben fort, dann wähle dir treuere Diener!« »Tod und Hölle!« so rief entrüstet der König, »wie ward mir Heut das Geschick, Wahnsinnigen hier zum Spotte zu dienen? O Verblendeter! Wie? so täuschest du frech und verwegen, Meine Hoffnungen all', auf dich gegründet, und trotzest Auf die erworbene Herrscherhuld? Du erkühnst dich um Ottgars Tochter zu frei'n -- um Hedwig, nach welcher sich Könige sehnten? Schwind' aus dem Glanz der Sonn', aufdämmernder Stern, und durchlaufe Fern mit jenen die dunkele Bahn, die selber dir gleichen! Ehren sollte des Königs Ruf dich am kommenden Morgen? Sieh', ich schlage dich jetzt -- doch, wiss' es, Bube, zur Schmach nur: Daß du gedenkest hinfort, wie frech du ihn eben gehöhnt hast!« Rief's, von der Hüfte sich reißend das Schwert. Er schlug mit der Kling' ihn, Wüthend, über den Helm, und jagte hinüber zur Heersmacht, Der er genaht, in des Morgenroths erglühendem Lichtstrahl. Wallstein zog bei dem Schlag schon halb aus der Scheide das Eisen, Hielt's so, fest umspannt, hinbrütend, die Augen zum Boden Heftend, erblaßt, und starrete noch mit entsetzlichen Blicken Lang' um sich her; dann stieß er das Eisen zurück, und verlor sich Von dem Pfad seitab, in des Hains umschattendem Dunkel.

Sechster Gesang.

Sieh', im rosigen Duft versank die glühende Sonne Hinter dem fernen Gebirg; die Nacht umschleierte ringsum Schon die Gefild', als jetzo von Neuburg her an der Donau, Czernin kühn vordrang mit tausend tapferen Böhmen, Die er, unferne dem Bisamberg, in räumigen Fähren Uebergesetzt, nach Waldrams Wink, des frechen Empörers. Dort in verengender Schlucht, die am Fuße des Kahlen- und Leupold- Berges ein Dörfchen birgt in gebüschumhüllender Bergschlucht, Lagen die Böhmen im schlauen Versteck, sich Reiter von Oestreich Rühmend, und hielten das Volk in den Hütten fest, nach des Krieges Eisernem Brauch, daß kein Verräther dem Feinde zum Dienst sey. Doch als jetzo der Mitternacht ersehneter Zeitraum Nah' war, brachen sie auf, und schlichen am Ufer der Donau Leise hinab, den Füchsen gleich, die so den Gehöften Nah'n, aus den Ställen umher, raschwürgend, die Beute zu holen. Als sie Nußdorf links, durch freundliche Traubengeländer Wandernd, und d'rauf rechts Heiligenstadt, und Döbling erblickten, Lenkten sie wieder behend zu dem lautaufrauschenden Strom ein, Bis sie erreichten den Weidenhain unferne der Steinwehr, Welche das Neuthor schirmt, und harrten, im Dickicht verborgen, Dort des verheißenen Winks, durch List zu erringen die Festung.