Rudolph Von Habsburg Ein Heldengedicht In Zwolf Gesangen Johann
Chapter 18
Heftig bewegt, ging Ottgar jetzt im dämmernden Zeltraum Auf und nieder, und sann. Schon längstentflohene Zeiten Kehreten ihm, nun lieblich und hell, nun nächtlich und furchtbar, Wieder im Bilde zurück, und ach, unendliche Wehmuth Faßte sein Herz, als dort die dämmernde Helle des Nachtgrau'ns Trauergewölk verschlang, und um ihn, verödet, die Welt lag! Stöhnend streckt' er zuweilen den Arm weit vor, und ersehnte Heiß, zu entreißen dem Grab, was solches im Moder bedeckt hielt. Seine Lippen bewegten sich dann, und lispelten Nahmen, Ort, und Zeit umher in die Dämmerung. Willigen Herzens, Wär' er mit flehendem Wort vor Dem, und vor Jenem gesunken Auf die Knie', zu erringen den Wink ersehnter Verzeihung. Doch, als Niemand war, der Antwort gab, und auf Erden Alles, verstummt, und erstarrt, auf immer jegliches Mitleid Ihm zu versagen schien: da hob er die furchtsamen Augen Auf zu dem Himmel, und sah durch leis'aufquellende Zähren, Zweifelnd, hin, bis jetzt, erschüttert, die bebenden Händ' er Faltete; dann, gesunkenen Haupts, auf die Kniee sich werfend, Also begann: »O Herr, nicht geh' in's Gericht mit mir Armen! Ringsum drängt mich die Schuld, wie die Fluthen des schwellenden Bergstroms, Und einstürzender Berge Geröll. Wo find' ich Errettung Einst vor deinem Zorn, Allmächtiger, wo, so dem Schuldner Nur vergeltendes Recht, nicht auch Erbarmen zu Theil wird? Doch Erbarmen mit mir, das, hart- und eiserngesinnet, Ich nicht übt' an den Menschen -- ein Mensch? Erhebe die Hand nur, Furchtbarer, straf' mich: denn ich hab' es verschuldet, auf immer! Dennoch nimmst du die Sühne noch an; barmherzig und gnädig Bist du, o Herr, wenn reuig das Herz auf der irdischen Bahn noch, Schmerzdurchdrungen, sie beut! Noch wandl' ich auf ihr. Im Bewußtseyn Schrecklichen Frevels, zu dem auf der schwindelnden Höhe des Thrones Mich die gefährliche Macht und der feiggesinneten Schmeichler Zauberruf hinriß, und des ungebändigten Herzens Ehrgeiz, Stolz, und begierliche Gluth stets mächtiger drängte, Will ich, läßt du mich leben, o Herr, mit reuigem Herzen Sühnen die Schuld! Wie ich einst des Kreuzes heiliges Zeichen, Siegend, zur Ostsee trug, und dort den verwilderten Heiden Deines Nahmens Ruhm verkündigte, eifernd für Wahrheit, Tugend, und Recht; wie dort das Herz bei jeglichem Guten Höher im Busen mir schlug, und ringsum die heitere Schöpfung Lächelte, weil in der Brust noch Frieden mir wohnte: so will ich, Ein erneuerter Mensch, hinfort dir leben, und würdig Wandeln vor dir, geschirmt von deiner allmächtigen Rechten! Ha, der Morgen graut! Ich stehe g'en über den Feinden: Jenem zumal, der mich verhöhnete -- mir in dem Herzen Glühenden Haß und Rachsucht weckt'. Ich verzeih' ihm: du heischest Solches, mein Heiland, von mir zum Gehorsam. Im redlichen Kampf nur, Den des Throns erworbenes Recht und die Liebe der Völker Heiliget, will ich ihm steh'n, und anheim dir stellen mein Schicksal. Gieb mir den Sieg, Herr! Doch nicht mein -- dein Wille geschehe!«
Aber die Himmlischen feierten nun der unendlichen Allmacht Huldausstrahlenden Wink. Auf Erden erglühte das Frühroth.
Eilfter Gesang.
Zweifelnd rang der Tag mit der Nacht, und im schauernden Zwielicht Ruhte die Erde, noch rings vom holden Schlummer umfangen, Als das schreckliche Paar der Meerenberger in's Lager Kehrete. Dort an dem Pfad, der, längs dem duftenden Weinberg, Immer höher sich hebt, und erst an dem felsigen Hügel Schwindet, von welchem der Rabenstein empor in die Luft ragt, Standen die Rachebrüder, vereint zu entsetzlichen Thaten, Schon drei Stunden lang, und sah'n mit finsteren Blicken Bald nach dem Hochgericht, bald einer in's Auge dem andern, Das, wie der Blitz aufflammt in dem Nachtgrau'n, öfters erglühte Vor dem gewaltigen Drang des grimmgesättigten Herzens. Aber da sprach der ältere so zu dem jüngeren Bruder: »Siehe, der Morgen graut; schon bin ich gefaßt, und entschlossen! Komm: die Vorhuth harrt, der wir uns entzogen.« Und jener Sagt', erweicht: »Noch ist das Entsetzliche, dem ich erbebe, Nicht gescheh'n; noch stehen wir fern dem gekröneten Gegner, Den ich zu morden schwur in der offenen Schlacht, in des Tempels Heiligthum, und in dem stillen Gemach, wie solches das Glück mir Günstig beut. Bereit ist die Rach', und der schändlichste Frevel Heischt sie mit Recht, und doch -- ich könnt' ihm verzeihen! Nicht zürne Theurer, mir ob dem Wort', er sinkt: ich könnt' ihm verzeihen!« »Wie,« so entgegnete jener voll Wuth, »das verhaßteste Wort kam Dir von den Lippen: verzeih'n? Sieh' hin nach dem Baume des Fluches! Ist er nicht jenem gleich -- vielleicht daß die höllischen Mächt' ihn, Mir zum Hohn, durch Zaubergewalt herführten im Luftraum, Weh', auf dem der edelgesinnete Bruder, mein Seyfried, Schuldlos litt; das Haupt zu den Füßen gebunden, nach dreimal Schrecklichen Tagen verblich? Verzeih'n? Ich erwürge dich, thust du's!« Jener verstummte vor ihm, und sie kehrten mit eilenden Schritten Wieder zurück zur Heldenschar der erlesenen Vorhuth.
Drüben in Osten entstieg des erd'umrandenden Himmels Tiefen, gehüllt in Rosengluth, die ersehnete Sonne; Aber sie schwand dann bald, von düsteren Wolken verschlungen, Wieder, und zeigt' auch heute nicht mehr ihr freundliches Antlitz, Bis sie vom Abendthor erreicht das herrliche Ziel sah! Schon war drängende Hast und dumpfes Gemurmel im Lager Beider Gegner erwacht; schon sprengten die Herolde hierhin, Dorthin fort: des Heers Aufstellung den schaltenden Amtnern[1] Kund zu thun, wie solche zuvor der Herrscher gebothen. Ottgars dräuende Macht hob weit an dem dunkelen Spannberg Sich empor: ausdehnend rechts den mächtigen Flügel Bis g'en Weidendorf, und links an die Marken von Dürnkrut, Also geordnet in sechs Heersäulen, dem Feind zu begegnen: Hier an das Böhmen-Volk der Sachs und der Bayer, und drüben Reuß' und Pol' an jenes aus Mähren, gereiht, mit den Scharen, Kunrings: denn ihm verharrete dort mit erlesenen Kriegern Noch zu getreulichem Dienst Hadmar, der ältere; Leutold Nur, aufflammenden Zorns, zog jüngst mit den Seinen zur Burg heim.
Aber wie gestern am Wall', zu drei Heersäulen geordnet, Standen des Kaisers Reih'n entgegen den Reihen der Gegner, Und gedachten anjetzt vor dem Kampf, der Beicht und des Bußwerks: Denn manch tapferer Krieger sprach: »Wo weilt in des Heeres Ordnung der Seelenhirt, der von dem verirreten Schäflein Höre die Sünden bekannt, und im Nahmen des Herrn es entlasse, Ledig der Schuld? Ach, furchtbar wär's, in solcher zu scheiden!« Bald gewahrt' er den Wink, der ihm das ragende Zelt wies, Wo in dem dämmernden Raum, mit niedergehefteten Augen, Heiligen Mitleids voll, der Priester des Herrn zu Gericht saß. Willig senkten vor ihm auch sonst unwillige Knie' sich Jetzt in den Staub, und, segengestärkt, bekannten die Krieger, Nicht durch Erdenmacht -- nein, nur von dem Herzen getrieben, Was sie gefehlt, und bereut; sie höreten warnende Lehren; Hörten erfreuenden Trost, und zuletzt den göttlichen Ausspruch, Der sie lös'te, nicht band, auf dem Wege des Heils und Erbarmens, Wie es der Meister gelehrt, der Menschen des Himmels Gewalt gab. D'rauf, als dort vor jeder der drei Heersäulen ein Priester Würdig die Feier des Abendmahls vollendete, traten Sie zu dem Tische des Herrn, und empfingen die Speise der Seelen, Klopfend die Brust dreimal mit des Kapernaonischen Hauptmanns Demuthssinn, der sprach: »O Herr, nicht würdig erkenn' ich Mich, daß du einkehrst heute bei mir; doch, sprichst du ein Wort nur, Wird die Seele gesund!« Und mit Freudigkeit stellten die Scharen Wieder sich auf in Reih'n, gestärkt in heiliger Andacht.[2]
Jetzt erwacht' in dem Lager Getös'. Der edele Ritter Rief den Knappen herbei, daß er säh' nach dem Zaum' und dem Bügel -- Nach dem Sattel und Gurt: ob jedes dem mächtigen Schlachtdrang Haltbar sich wies'? da er selbst den Helm mit dem Riemen am Kinn sich Festigte; dann sein gutes Schwert, aus der Scheide gezogen, Prüfte, die Schneid' entlang, mit sanfthingleitendem Daumen. D'rauf noch einmal umwandelnd das Roß mit forschenden Blicken, Faßt' er hurtig den Zaum, und sagte zu seinem Getreuen: »Grüß' mir den grauenden Vater daheim, so der Vater im Himmel Mich in dem Waffengemeng, durchbohrt vom feindlichen Eisen, Abruft: bald nachfolgt, vom Alter gebeugt, er in's Grab mir!« Aber ein Anderer sprach: »Merk' auf! So ich niedergeworfen Lieg' auf dem Feld', und du kehrst, so bringe der Grüße viel tausend' Dort der Schwester noch, der redlichen: denn in dem Leben Theilten wir Freud' und Leid, vereint von der zartesten Jugend!« Wieder ein Anderer trat mit dem Knappen beiseit', und geboth ihm: »Kömmst du vorüber die Burg, wo mir, holdselig, das Fräulein Treue Minne gelobt: oft hast du es selber gesehen, Wie von dem Erker sie mir, dem Scheidenden, thränenden Blickes, Nachsah, dann noch fern mit dem schimmernden Tuche mir winkte: O so sprich: »Treu bis in den Tod ihr weiht' ich das Leben!« Doch der fromme Gemahl begann mit sinnendem Ernst so: »Redlicher, kehrst du, des Ritters beraubt, zur rühmlichen Heimath: Grüße die beste der Frau'n und die holdaufblühenden Kinder Alle mit herzlichem Wort! Die so edelgesinnete Gattinn Solle mir ja bewahren den Eid, und die munteren Jungen, Sorgend mit Mutterhuld, zur Furcht des Herrn auf der Wahrheit Hellem Pfad' erzieh'n, daß sie Männer in jeglichem Sinne Werden, und wir vor Gott uns wiederfinden in Wonne!«
So bestelleten dort, voll Hast, die gerüsteten Ritter, Vor dem Entscheidungskampf, des ergriffenen Herzens Geheimniß. Andere sprengten daher, und schüttelten Diesem und Jenem Freundlich die Hand, »leb' wohl!« auf immer vielleicht ihm zu rufen. Doch die, bundesgesellt, in den schimmernden Reih'n sich erblickten, Eineten sich mit betheuerndem Wort' und mit kräftigem Handschlag: Nahe zu seyn in Gefahr, und zu schützen der eine den andern.
Sieh', da ritt, umringt von seinen gewaltigen Feldherrn, Nach vollendetem Mahle des Herrn, auch der Kaiser herüber! Hugo von Tauffers sah des Heers Aufstellung, und sagte: »Herr, nicht schweigt dein Haug: er kennt den gütigsten Herrscher! Heiße die Scharen in fünf, nicht in drei Heersäulen geordnet, Gegen den Feind vordringen im Feld, daß die tapferen Krieger Jeglichen Volks, entflammt von der rühmlichen Liebe der Heimath, Streben den andern zuvor, zu erringen den herrlichen Siegspreis.« »Klug hast du,« sprach jener mit Huld, »mir gerathen. Des Weisen Rath ist besser denn Gold, und des Demants funkelnder Reichthum Wiegt ihn nicht auf. So möge das Heer in gesonderten Haufen Stehen: um mich die Ritter-Schar und die Völker aus Deutschlands Oberen Gau'n; dann rechts, in zwei Heersäulen der Ostmark Heldensöhn' und der steyrischen Mark, und in zweien, zur Linken, Jene von Kärnthen und Krain, von muthigen Führern geordnet; Aber das tapfere Volk der Ungern stehe zur Rechten -- Jenes der Kunen zur Linken zurück: im entscheidenden Zeitraum Vorzubrechen, und dort zu vernichten die fliehenden Scharen, Da von der Warte von Ebenthal der mächtige König, Schauend als Zeuge sein Volk, zum Sieg entflammet die beiden.«
Also geschah's. Noch war der volkvereinenden Fähnlein Pracht im Heer nicht enthüllt. Die Fahnenjunker entbanden Solche dem ragenden Schaft', und sie flatterten jetzt in dem Wind hin, Zahllos, buntvermengt, wie im Lenze die Blumen des Feldes. Alsbald sprengten die Edeln heran, den Ruhm zu erringen: Vor dem Kaiser im Kampf' einher zu tragen die Sturmfahn':[3] Oestreichs Demantberg' und Edelgesteine mit Konrad Haselau; dann Trautmansdorf mit seinem Erzeugten, Ach, dem einzigen jetzt, und auch Capellen mit Heunburg! Aber mit freudigem Stolz begann der erhabene Kaiser: »Werth seyd ihr des Ruhms, des herrlichsten, alle vor allen; Doch mein Haselau, der achtzigjährige Greis dort, Heischt ihn mit Recht: d'rum werd' ihm heut die erlesene Stelle Oestreichs Siegespanier für Oestreichs ewige Herrschaft In der entscheidenden Völkerschlacht zu erhöh'n, und es steh' ihm Lichtenstein, so er dort ermattete, hülfegesellet. Tritt, Markgraf von Hochberg, vor, und empfange die Reichsfahn'! Albrecht, du, mein ältester, komm, mir die erste der Fahnen, Die vor allen, geziert mit dem Bild des erlösenden Kreuzes, Aufragt, heut zur ermunternden Schau, in dem Kampfe zu weisen: Dicht vor mir in Gefahr und todverbreitendem Schlachtgrau'n, Wie du es selber ersehntest jüngst, im muthigen Herzen!« Hochberg hob nun zuerst des heiligen, römischen Reiches Fahne zur Luft, wo schwarz im gelbherschimmernden Feldraum Sich der Doppel-Aar, mit Zepter und Krone geschmückt, wies; Jene von Oestreich Haselau, ehrwürdigen Anseh'ns, Weisend den schneeigen Streif in Leupolds rühmlichem Blutfeld. Beide hielten, dem Kaiser nicht fern, zur Rechten und Linken; Aber vor ihm hob dann sein Albrecht die heilige Fahn' auf, Die in dem grünlichen Feld mit dem Bild des Erlösers geschmückt war. Wieder begann er, und sprach vor dem Heere mit leuchtenden Augen: »Schwarzenberg, nun hin, zu erforschen den König von Böhmen: Ob er gerüstet im Feld' uns heut zu begegnen, gewillt sey? Nahe der Vorderhuth, mit den Reisigen wirst du ihn treffen: Denn er kennt in Gefahren des Kampfs die unmännliche Furcht nicht!« Jener enteilete, wie der fernhinbrausende Sturmwind, Der des Staubes Gewölk auf dem Heerweg, wirbelnd, emporhebt. Bald annahte der Held dem nahenden Feind', und gewahrte Dort an der Vorderhuth, im Kreis' erlesener Feldherrn, Ottgars hohe Gestalt, der, herrlichgewaffnet, daherkam: Denn er hüllte das Haupt in den silbernen Helm, und es wand sich Rings um selben, die Kron' aus strahlendem Golde, gezackt, auf; Auch der Harnisch und Schild, und am Arm und dem Beine die Schienen, Die er sich heute gewählt, erglänzten von Silber, und dräuend, Warf von des Degens Griff in der Rechten ein röthlicher Demant Blitz' umher. So kam er, zum Kampf gerüstet, herüber. Als er den Ritter ersah, da hemmt' er den schnaubenden Rappen Rasch mit zorngeröthetem Blick; doch jener begann so: »Herr, du hast den Frieden verschmäht: so bieth' ich dir Krieg denn, Ich, von Schwarzenberg, des Kaisers gesendeter Herold, Krieg auf Leben und Tod, im Nahmen des Kaisers! Er fragt dich, Edelgesinnet, zuvor, nach altherkömmlicher Sitte:[4] Ob du, gerüstet zum Kampf', ihn heut' erwartest im Schlachtfeld?« Also der tapfere Held. Grimmlächelnd erwiederte jener: »Bring' ihm die Kunde zurück: ich sey Streit's halber[5] gekommen!« Sagt' es, und wandte das Roß, im schnelleren Zuge die Krieger Vorzuführen zur Schlacht, und zu schrecklichem Feindesgemetzel.
Schon verkündete Schwarzenberg, der edele Herold, Kehrend in Eile zurück, dem Kaiser, daß ewige Feindschaft Ihm der König gelobt, und bald vorstürme zum Angriff. Sieh', und kaum entfuhr ihm das Wort, da jagten des Gegners Vorderste Haufen herab von dem Hügel; viel tausende folgten Bald den ersteren nach, und verdunkelten alle die Höhen! Manchem der Krieger, der zum ersten Male des Feindes Scharen ersah in dem Feld; noch nie der würgenden Waffen Furchtbaren Schlag vernahm, und empfand in dem Sturme des Angriffs, Pochte das Herz in der Brust viel mächtiger: wechselnde Schauer Liefen ihm fort und fort an dem Haupt und dem Rücken hinunter, Und zu dem Helmdach hob sich oft sein starrendes Haar auf.
Doch nun ritten im Flug' aus den Reih'n der mittleren Heerschar Hundert Jünglinge vor, die aus Zürich, dem Städtchen, gezogen; Stellten dort vor dem Kaiser sich auf, und einer begann so: »Möchtest du jetzt, erhabener Herr, ruhmwürdiger Sitte Denkend, ertheilen den Schlag, der uns den Edeln geselle! Ha, nicht soll es dich reu'n, wenn wir vordringen im Schlachtfeld!« Freudig entblößte der Kaiser sein Schwert, erhob es, und sagte: »Blühende Männer, wohlan: da ihr edele Thaten verheißet, So gescheh' euch nach Wunsch! Hart drängt uns die Stunde: wir schlagen Darum euch nur auf den Helm und den Schild, nach edeler Sitte, Jetzt im Nahmen des Ein-dreieinigen Gottes zu Rittern.« Und er führte den Streich kreuzweis nach den Helmen und Schilden Aller umher. So wurden sie hier den Edeln gesellet.[6] Aber er sprengt' im Fluge hinaus vor die glänzenden Scharen; Schwang das Eisen, und rief mit lautumschallender Stimme: »Tapfere, hört: nun gilt's! Dort nah't in furchtbarer Mehrzahl, Unversöhnlichen Grolls, der Feind, uns die Länder der Ostmark, Ja, auch die Krone des Reichs, im entscheidenden Kampf zu entreißen. Aber nicht soll er deß' sich erfreu'n. Allmächtig ist Gottes Schützender Arm: er führt uns mit allumfassender Vorsicht Durch die sonnige Flur und die Nachtabgründe des Lebens: Fest ruht mein Vertrauen auf ihm. So werdet auch ihr jetzt, Stark durch Gott, mit unbeugsamer Kraft des endlichen Kampfes Schrecknisse siegend besteh'n; den eidverhöhnenden Frevel Strafen: erringen die langersehnete Ruhe für Deutschland; Gründen der Völker Glück und euren unsterblichen Nachruhm. Ha, und erliegen wir auch, so laßt uns erliegen als Helden! Eins sey mein, und euer Geschick: ich, Kaiser der Deutschen, Leb', und sterbe mit euch auf dem winkenden Felde der Ehren.« Sieh', und die jauchzenden Scharen entlang aufblitzten die Waffen Aller zugleich in die Luft: sie heischten urplötzlichen Angriff.
Aber auch Ottgar rief entflammende Worte den Seinen: »Sehet,« so sprach er mit grimmigem Blick, »schon naht uns des Gegners Heersmacht, der so frech uns höhnete, schändliche Täuschung Uebend an mir, und an euch: noch bebt mir die Seele vor Schauder, Denk' ich's! Doch er büße dafür: denn ewige Schand' euch, So ihr nicht rächet die Schmach, die, gleich, dem Volk' und dem Herrscher Böhmens galt. Gedenket der Zeltvorhänge von Kamberg, Strafet des Frevlers Trotz. Er brüste sich, daß ihm die Kunen Gestern erfochten den Sieg. Schaut hin nach den rühmlichen Feldern Kressenbruns, wo ich Bela's Macht, vernichtend, in Staub warf. Ha, noch bin ich der Held, der euch vom Siege zu Siegen Führete! Fort -- greift an! Dem dräuenden Aare von Oestreich Möge der böhmische Leu' nun weisen die furchtbaren Klauen.«
Also empörten ihr Volk die schlachtgebiethenden Herrscher. D'rauf erscholl ringsher Geschrei und Getümmel; die Trommeln Wirbelten; laut in dem Sturm erklangen die eh'rnen Drometen: Hier die Reisigen, dort des Fußvolks Reihen zum Angriff Drängend im Feld', und so, wie ein Lüftchen die wogenden Aehren Treibt im Kreise herauf und hinab: so bewegte sich hierher, Dorthin, wimmelnd, das Heer. Staub flog empor, wie im Märzmond, Wenn der eisige Nord-, dann wieder der brausende Westwind Noch den entfliehenden Winter hemmt, und am glänzenden Mittag Rieselgewölk aufjagt: da hebt sich im wirbelnden Aufflug Hoch in die Lüfte der flimmernde Schnee; da schwindet des Himmels Sonnige Bläue; das Thal, und die ringsaufragenden Berghöhn Hüllt das Gestöber in Nacht: so erregte der feindlichen Scharen Schlachtanlauf unendlichen Staub in den Saatengefilden, Und das Entsetzen schnob aus dem Grau'n des umnachtenden Qualms her; Aber nicht anders, wie dann, mit entfesselter Wuth, die empörten Stürzen aus Westen und Norden zugleich auf den wimmelnden Hafen, Wo das Gewässer des Meers, aufbrandend, sich hebt; von den Ankern Reisset das Seil, und jetzt, wild an einander geschleudert, Mitten im furchtbarn Wogengeheul, am zerschmetterten Schiffsraum Kracht der Raum, am Maste der Mast, und, berstend am Kiel hin, Donnert das hohle Verdeck, daß rings den umuferten Hafen Grause Zertrümmerung hüllt: so stießen die Heere zusammen. Sieh', und seitwärts, weit vom Winde hinübergetragen, Legte sich jetzo der Staub in dem Feld: da sah'n sich die Gegner Näher in's Aug', und ha, bald traf das Eisen auf's Leben! Doch, ach! mußte der Kampf für Rudolphs Helden so schrecklich, Und am schrecklichsten noch, für den einen der Helden beginnen?
Zamor trieb aus der Vorderhuth die rüstigen Schützen Reussens vor in die Schlacht. Sie hatten der tödlichen Armbrust Sehne gespannt; den Pfeil in die Röhre des Schaftes geschoben; Fest an die Wange gepreßt den krummgebogenen Kolben; Dann im Lauf, nach dem Gegner zielend, das schnellende Zünglein Losgedrückt: urplötzlich ertönte die Sehn', und erbraus'te Fort in der Luft der befiederte Pfeil, nach feindlichem Herzblut Lechzend: er traf, und verwundete Roß und Mann in den Scharen, Die aus der Steyermark herlenkte der tapfere Pfannberg, Und jetzt Trautmansdorf beherrscht: da jener, verwundet, Noch im luftigen Zelt des vielerfahrenen Arztes Sorge sich fügt: voll Gier, in die Schlachtreih'n wiederzukehren. Trautmansdorf ermahnete laut das treffliche Fußvolk Und die Reiter zugleich, des vaterländischen Ruhmes Eingedenk', heut' in dem Feld' als mannhafte Streiter zu stehen. Freudig gehorchte das Volk, und im Sturmlauf ging's an den Feind jetzt, Als, von der Armbrust her die befiederten Pfeile geschnellet, Zischten. Dicht vorüber dem Ohr des unglücklichen Vaters Flog ein mordender hin, und verschont' ihn -- den zartesten Sprößling, Der ihm von zehn-und-vier noch blühete, niederzuwerfen. Hinter ihm sank ein Reiter vom Roß'. Er hört' es, und bebte; Aber nicht sah er zurück, und rief des aufstürmenden Herzens Angst bekämpfend, noch lauter sein Volk zum Kampf und Gewürg' auf. Erdwin war's, der fiel, von dem Pfeil' im Halse getroffen, Da in dem Sturmlauf jetzt die Halsberg' sich von der Schulter Aufschob. Still, wie die Lilie sinkt, vom Hagel zerschmettert, Sank er vom Roß', und, fallend, bath er mit sterbendem Blick noch, Daß kein Laut sein Geschick dem enteilenden Vater verrathe. Trauernd gehorchten dem Wink die raschvorstürmenden Krieger. Doch schon drang im beflügelten Ritt sein edler Erzeuger Bis in die vordersten Feindesreih'n, und schnell, wie der Blitz schlägt, Warf sein schrecklicher Arm fünf Schützen aus Reussen zu Boden. Zamor, des Volkes Hort, ersah den Würger, und alsbald Jagt' er heran, den Tod der gefallenen Krieger zu rächen; Aber ihm eilte nur muthiger noch der Ritter entgegen; Faßte noch fester den Griff in die Hand, und hieb mit des Schwertes Tödlichem Stahl' ihm die hochgethürmete Mütz' und die Scheitel Tief in die Stirn' entzwei, daß er stürzend vom Sattel hinunter Taumelte, laut aufstöhnt', und das blühende Leben verhauchte. Ach, bald jammert die Gattinn daheim, die, heimlich im Busen Ahnend ihr Trauergeschick, dem scheidenden Gatten den Säugling, Schlummernd in lieblicher Unschuld wies, und die Knie' ihm umfaßte, Flehend mit Thränen im Blick, daß er doch bei den Seinen verharre; Aber umsonst! Ihn rief der ruhmverheißende Heerbann Fort in das Feld, und er sank, erwürgt, in dem schrecklichen Kampf jetzt. Siehe, nicht rastete Trautmansdorf: er drängte die Schützen, Rasch fortkämpfend, zurück', und Blut beströmte den Boden!