Rudolph Von Habsburg Ein Heldengedicht In Zwolf Gesangen Johann
Chapter 15
Hell aufflammte des Morgens Strahl. Die freundliche Sonne, Die den Abend zuvor in Westen ermüdet hinabsank, Hob sich in Osten jetzt, als unter dem kreisenden Erdball Sie die heimliche Bahn vollendete, schöneren Anblicks, Wieder herauf, und erweckte die Welt zu erneuertem Leben. Frischer grünte das Feld, und glänzender hüpfte der Strom hin; Voll war Himmel und Erde vom Laut der verjüngeten Schöpfung; Nur aus dem Waffenschmuck des versammelten Heers in dem Lager, Sog die Sonn', im Lauf, toddräuenden Glanz, und erfüllte Rings die Völker umher mit Angstgebilden der Zukunft. Aber den Kaiser umgab ein Kranz erlesener Feldherrn; Alle horchten auf ihn, und harrten freudig des Winkes, Der zu Thaten sie rief. Da sprach er, finsteren Blicks, so: »Ottgar säumt, uns hier, wie er gestern gedroht, zu vernichten. Schmach der That: nicht der Sitte gemäß, die aus grauender Vorzeit Wir ererbten, uns both er den Kampf; nein, heimlich, im Dunkeln Fiel er, dem Währwolf gleich, der nächtlich die Hürde bestürmet, Ueber uns her. Es gelang dem Kühnen, zerstreute Geschwader Niederzuwerfen: sie trugen die Schuld und hatten den Lohn hin, Allen zum warnenden Wink, daß nimmer ein Gleiches geschehe! Aber vernehmt, was mir zuvor an heiliger Stätte Mächtig die Seel' ergriff. Der entschwundenen Tage des Lebens Dacht' ich im stillen Gemüth: kein dauerndes Glück ist auf Erden. Als ich Gutes und Schlimmes erwog, da fand ich, verwundert, Daß ich am Freitag, an dem der Welterlöser für uns starb, Stets mit Vortheil focht, und den Sieg errang in der Feldschlacht. D'rum, nicht aus Feigheit, nein, aus herzentspross'ner Verehrung Für das geheiligte Kreuz, will ich den Kampf der Entscheidung Morgen kämpfen, am Tag des heiligen Bartholomäus -- Heute, gefaßt, nur kühn abwehren den feindlichen Angriff Ottgars, so er ihn wagt. Wir wollen sogar ihm versöhnend Nah'n vor des furchtbaren Kampfes Beginn. Hervor aus den Reihen, Trautmansdorf! Zieh' hin zu dem Könige; bieth' ihm des Friedens Oehlzweig noch einmal aus meiner versöhnlichen Rechten. Mögen auch dein' Erzeugten, wie sonst, dir folgen, daß etwa Solches den Trotz ihm beugt, und das Herz zur Milde beweget: Denn tief rührt uns die Schau des söhn'umgebenen Helden!« Also geschah's. Hervor aus den Reihen der tapferen Ritter Kam nun Trautmansdorf mit den zwölf ruhmdürstenden Söhnen -- Zwei entraffte der grimmige Tod schon gestern im Nachtgrau'n, Als sie im Ueberfall dort Ottgars Rechter erlagen. Ach, nicht lange, so fallen auch sie, auf dem eisernen Schlachtfeld Kämpfend, und einsam kehrt der trauernde Vater zur Burg heim! Jetzt entblößt' er den Stahl, und sagte mit sinnigen Blicken: »Hart ertönet dem Vater der Ruf, daß er nahe dem Gegner, Dessen Rechte noch roth vom Blut der erschlagenen Söhn' ist: Denn er könnte den Streit, obgleich ein Bothe des Friedens, Heißer entflammen. Wohlan, wir wollen des Friedens gedenken!« Sagt' es, und sprengte davon, umringt von den tapferen Söhnen.
Siehe, nicht fern von Zwerndorf theilt, von trüben Gewässern Schwer, sich der Weidenbach, und eint sich nur wieder vor Marcheck. Links hin streckt er im Augefild den schlängelnden Arm aus, Während, die Straß' entlang, er rechts die tieferen Fluthen Träg fortwälzt. In dem Eiland dort, Baumgarten vorüber, Traf nun Trautmansdorf auf die Reisigen, welche der Gegner Sandt', umspähenden Blicks, zu erkunden die Nähe des Gegners: Denn es erlies't auf der Kriegslaufbahn ein jeglicher Feldherr Waghäls' sich, die im Grau'n des feindbedroheten Vorschritts, Als _Erleuchter_ ihm zieh'n, und Sicherheit schaffen der Heersmacht.[1] Schon von ferne die Schar, die Rudolph sandte, gewahrend, Ritten sie, brausenden Flugs, zu den Mähnen gebeugt, und den Degen Schwingend auf in die Lüfte, heran: sie wähnten, des Gegners Vorhuth sey's, und brannten vor Gier, sie niederzuschmettern. Laut schrie Trautmansdorf: »Halt ein! Als Herolde nah'n wir: Blutigen Kampf -- will's Gott, noch lieber den Frieden zu biethen!« Jen', unmuthigen Blicks (denn beutebegierig) ihm winkten Stille zu halten am staubenden Weg', und sendeten alsbald Zween der Reiter zurück, des Feldherrn Sinn zu erforschen, Milota's; doch er that, des Herolds Worte bedenkend, Solches dem Herrscher kund, und er säumte nicht: denn mit den Reitern Seines Gefolgs und Milota's, kam er heran zu dem Vor-Zug; Hemmte den Rappen, und hieß, mit zorngerötheten Augen, Gegen ihn stolzausstreckend den Arm, den Redner beginnen: »Mein erlauchtester Kaiser und Herr,« so sagte der Ritter, »Sendet dir freundlichen Gruß, und thu't dir kund, und zu wissen: Nicht nach edelem Brauch -- unritterlich hast du sein Volk ihm Ueberfallen bei dunkeler Nacht, und zu weichen, gezwungen. Dennoch biethet er jetzt, hier unter des wölbenden Himmels Heiterem Blau, und im Angesicht des versammelten Heeres, Dir an dem Fest des heiligen Bartholomäus, auf morgen, Offen die Feldschlacht an; obgleich gerüstet, entschlossen Heut' in dem Lager zu ruhn, und abzuwehren den Angriff Deiner Gewaltigen, wenn -- doch, das sey ferne, sie stürmten. Aber er heißt dich zugleich das Wohl und das Wehe bedenken Tausender. Seyd versöhnt! Du vernahmst des Friedens Bedingniß.«
Ottgar schwieg erstaunt. Ihn erschütterte heimlich die Bothschaft. Auch ergriff ihn mit Zaubergewalt ein flüchtiger Anblick Jener blühenden Schar, die um ihren Erzeuger zu Pferd saß. Bald auf dem einen und bald auf dem anderen hing mit Gefallen Sein gemilderter Blick: er dachte des Sohnes, und -- Wallsteins! Schon gewahrete jetzt auch Lobkowitz, daß ihm der Unmuth Wich aus der Brust: er kam, des Friedens Ruf zu erneuern; Aber da naht' ihm Katwald schnell, und haucht' ihm, vor allem, Trotz in das Herz. Er sagte: »Du sollst für den blühenden Oehlzweig Tauschen heute dein Schwert im furchtbarn Felde der Waffen, Wo der Sieg dich erhöht'? Ein Thor wär's, der es nicht sähe, Daß nur die Angst vor dir ihm solches gerathen; zerschmettr' ihn!« Also der Geist. Auch Milota rief ihm, verhöhnend, entgegen: »Ha, du sollest vielleicht neu huldigen, wie auf dem Eiland Kamberg? Steht das dunkle Gezelt, mit dem trüglichen Vorhang, Dich zu beschimpfen, bereit, daß rings die Völker dich schauen, Dich, den König von Böheim, dort auf den Knie'n vor dem Kaiser?« Ottgar ballte die Faust; er sah mit grimmigen Augen Um sich her, und begann voll Wuth: »Wer wagt es, vom Frieden Hier zu sprechen? Hinweg auf immer mit jeglicher Einung Zwischen Habsburgs Grafen und mir, dem Könige! Weichet, Zitternde Memmen, nur wieder zurück', und entbiethet von Ottgar Ihm die Fehd' auf Leben und Tod! Zieht hurtig von hinnen, Alle, daß euch nicht ereile mein Zorn schon hier, vor dem Angriff.«
Rasche Bewegung erhob sich im Kreis' der gesendeten Helden: Manchem zuckt' es im Arm, aus der Scheide sein blinkendes Eisen Gegen den König zu zieh'n; doch schnell bezwang sie der Vater: »Denket,« so rief er gefaßt, »wir kamen als Herolde Rudolphs, Unsers erhabenen Kaisers, gesandt: nicht ziemt es uns, jetzt hier Rächer der Unbill zu seyn; doch bald, in dem Felde der Waffen Laßt uns gedenken der Schmach, und sie rächen im Blute mit Nachdruck.« Rief's, und jagte den Renner zurück'. Ihm folgten die Seinen Zögernd, vor Ingrimm, nur, und wandten die flammenden Augen Häufig zurück: denn ach, die raschnachstürmenden Reiter Höhnten sie noch mit Geschrei und mit schallendem, lautem Gelächter! Sieben gehorchten, und folgten ihm nach; doch lenkten die andern Fünf', aus der Zahl der eigenen Söhn', unbändiger Wuth voll, Plötzlich die Rosse herum, und flogen zurück auf dem Heerweg. »Brüder,« so rief der älteste laut, »kommt, lasset uns sterben, Eh' wir dulden die Schmach, die uns also die Seele betrübet!« So mit empörendem Ruf' enteilete Hartwig, den Degen Schwingend zur Luft. Ihm nach, mit Eckhard, Walther, und Siegfried, Folgte sein Zwillingsbruder und Freund, der tapfere Dietbert, Bis sie erreichten die Schar der Reisigen, die zu dem Angriff Herbot von Füllenstein, der riesengestaltete, führte: Denn er warb sie entlang die grünlichen Fluthen des Peltew, Jüngst: Klein-Reussens Volk, zu des Kriegs Beschwerden gestählet, Wie auch geübt in dem Schlachtengedräng, schnellfüßige Rosse Spornend, vorzusenken den Speer aus der Röhre des Bügels; Dann mit des Fußes Druck' und dem Stoße der nervigen Rechten Einzustürmen im sausenden Flug' in die feindlichen Reihen.
Siehe, so weit ein Pfeil, von der Sehne geschnellt, in den Lüften Herfleugt, hemmte schon Hartwig das Roß, und harrte, dem Leu'n gleich, Der in der Hetz', umringt von emporgereiheten Sitzen Voll schaulustigen Volkes, allein, der entfesselten Rüden Heulender Schar, wie sie kommen, mit todandräuenden Augen Harrt, und vor Grimm dumpf murrt: so Hartwig, als ihm die Reiter Naheten; doch er rief mit gewaltiger Stimme noch laut so: »Ha, ihr brüstet euch wohl, auf die zierlichgestalteten Mützen Wie auf das wallende Kleid und die fähnleintragenden Lanzen Stolz, in dem Vor-Zug oft, in vielumstürmender Mehrzahl, Niederzustoßen den einzelnen Mann? -- so gar nicht geachtet, Weder dem Feinde noch Freund': denn bar all' edler Gesinnung, Die des Kriegers Brust, des tapferen, füllet mit Großmuth! Euere Zung' ist kühn, die Helden zu schmähen; so kommt denn, Zeiget den Muth, uns hier zu besiegen im rühmlichen Vorkampf!« Also drang er im Eilflug vor; ihm folgten die Brüder Alle, zur Wuth empört. Den Schaft der feindlichen Lanzen Jetzt aufschleudernd zugleich mit dem Schwert', erwürgten der Gegner Dreizeh'n sie, voll Hast, und wandten dann fliehend den Rücken. Fort nur ein Weniges noch, und sie waren entrückt dem Verderben: Da fiel Dietberts Roß, und begrub mit dem Rücken den Reiter. Hartwig ersah's, wie er lag in dem Staub: denn immer nach ihm hin Wandt' er den lächelnden Blick; urplötzlich verscheuchte das Lächeln Jetzo die Angst: er stieg nicht, er stürzte vom Pferde herunter; Lief, erhob ihn, und strebt', auf den Rücken des rasch und behend sich Wieder erhebenden Thiers, ihm, lautermunternd, zu helfen.
Doch schon nahten im Flug die erbitterten Feinde. Die Lanzen, Lechzend nach Blut, voreileten weit, zugleich von der Rechten Und vom kräftigen Fuße gedrängt, zum schrecklichen Mordstoß. Sieh', und, als den Zaum und die Mähn' erfassend, sich Dietbert Auf in den Bügel schwang, da bohrten der feindlichen Reiter Zween ihm die Lanz' in die Brust: er sank, und verhauchte das Leben, Eh' aufschreiend vor Angst um den liebenden Bruder, ihm Hartwig Hülfe geschafft, und Eckhard, fern mit Walther und Siegfried, Sich des Jammers versah'n im lauterbrausenden Heimritt. Zwar sie kehrten zurück'; auch Hartwig saß in dem Sattel Wieder, und so wie der wüthende Bär, dem drüben der Weidmann Schon das zweite Geschoß in die Seite getrieben, sich brüllend, Auf den hinteren Beinen erhebt, und rasch auf den Schützen Losstürmt: drang auch er, ergrimmt, auf die feindliche Schar ein. Nur die Zween im Aug', die ihm erst erwürgten den Bruder, Gab er dem Rosse den Sporn, und warf sich inmitten der beiden: Einem im Flug zerschmetternd die Stirn', und dem andern die Scheitel So, daß sie lautlos jetzt, und auf einmal dem Sattel entstürzten! Hoch aufflatterte noch, im Sturz, von dem Schafte das Fähnlein, Das, geröthet vom Blut des erschlagenen Bruders, ihn reizte. Lang' noch, hätt' er zugleich mit den drei kampfmuthigen Brüdern, Sich, unbändiger Kraft, gewehrt, und noch manchen der Gegner Hingewürgt; doch schrie, vor Wuth sich die Lippen zernagend, Jaroslav, der Führer des Volks, mit entsetzlicher Stimme: »Schließt, ihr Memmen, den Kreis um die Rasenden; stoßet sie nieder!« Also geschah's: denn jetzt, umringt von dichteren Haufen, Sanken sie dort, mit nie zu erschütterndem Muthe sich wehrend, Alle, vom Sattel herab, und verhauchten auf Leichen der Gegner, Die sie im Kampf' erwürgten zuvor, die tapferen Seelen.
Doch der unglückliche Vater flog auf dem schnaubenden Rosse Nach dem Lager zurück. Den Herrscher zu treffen, verlangend, Daß er ihm künde sogleich das Nahen der feindlichen Heersmacht, Sprengt' er, die Scharen entlang, dorthin, wo im Hauche des Windes Sein Panier aufflatterte, schön und erhaben vor allen. Eilig sprach er vor ihm, um die fünf gefährdeten Kinder, Die ihm nicht folgten, besorgt: »Umsonst ersehnst du den Frieden Jetzt mit dem Könige: denn nur des Kampfs und der Rache gedenkt er. Wisse, dir nah't sein Heer; nicht fern mehr streifen die Reiter Milota's. Ach, mir gönne die Huld, vor des Lagers Umwallung, Kehrend in Eile, zu schau'n: ob mein' Erzeugten mir folgen? Denn sie sanken vielleicht, empört von unwürdiger Schmähung, Die von dem Feind' uns ward, als Opfer unbändiger Rachgier!« Sagt' es, und eilete dann, von den tapferen Söhnen umgeben, Wieder hinaus vor des Lagers Wall, wo Lärm und Getümmel Unter dem Volk sich erhob: denn Milota's furchtbare Reiter Jagten herbei, wie am grau'numhülleten Morgen des Winters Mit endlosem Geschrei unzählige Krähen heranzieh'n; Schwangen die Lanzen zur Luft, und bothen dem Heere des Kaisers Kampf auf Leben und Tod, mit wildverhöhnendem Trotz', an. D'rauf nachbrausten sie wieder im Flug den Kriegesgefährten, Sich auf des Feldherrn Wink schnell aufzustellen im Saatfeld.
Aber der Lärmruf scholl nun rings in dem Lager. Die Trommel Wirbelte; stets empörender klangen die hellen Drometen; Herolde flogen voll Hast umher; die Stimme der Führer Rief gebiethend zur Schlacht; das Fußvolk schloß sich in Reihen; Rasch auf das Pferd aufschwang sich der Reisige; schimmernden Anblicks Zogen die Ritter allen voran, und herrlich geordnet Ging jetzt Rudolphs Heer in festausdauernder Abwehr Außer des Lagers Wall, dem Feinde die Spitze zu biethen. Ach, dort starrete noch auf die fünf erschlagenen Brüder Trautmansdorf, der tapfere Held, mit erschütternder Fassung, Schweigend, hinab! Es sandte zuvor der schreckliche Feldherr, Milota, der auf dem Feld den angstergriffenen Landmann Zwang, das gehörnete Rind, in Eil', an den Karren zu spannen, Sie nach dem feindlichen Lager heran. Da enthoben die Krieger Jenem die traurige Last, und legten sie dort auf den Boden. Aber er trieb sein Gespann, schnell wieder zurück' auf dem Heerweg. Siehe, schon wandte sich Trautmansdorf von den theueren Todten Nach den Lebenden um, und gewahrte mit steigender Rührung Jetzt, daß sie all', ihm gleich, bezwangen die Thräne. Nur Erdwin Hielt sich nicht länger, der jüngst', und der theuerst' ihm seiner Erzeugten: Denn er sprang von dem Roß', und warf mit schallendem Wehruf Sich auf die Brüder hin: nun dem -- dann wieder dem andern Küssend die blasse Stirn' und die toderstarreten Lippen. Schnell umzog ein glänzender Thau die Augen des Vaters Und der Söhne zugleich; sie weineten, über die Todten Hingebeugt. Doch jetzo begann der tapfere Feldherr: »Keiner tadle den Schmerz, der uns bei den jammernden Tönen Meines geliebtesten Sohnes ergriff. Vielleicht, daß ihn auch bald Grausam der Tod entrafft. Daß mir doch solches geschähe, Eh' denn ihm -- zu entsetzlich wär' des Getödteten Anblick! Aber so will es des Kriegers Los: er sterbe der Pflicht treu! Nur beschirmt, als Brüder, ihn kühn! Im Gemenge der Waffen Möge der eine die Brust für den andern biethen, und Rettung Schaffen sich selber und ihm, der Wechselhülfe gedenkend! Erdwin, auf! Gebieth', und schnell gehorchen die Krieger Dir: nach Marchecks heiligem Grund die gefallenen Helden Heimzutragen, daß dort der Priester mit Grabesgesängen, Segnend, vertraue dem Staube den Staub; du folge dem Zug' nach!« Erdwin winkte den Kriegern stumm: sie erhoben die Leichen Auf langschaftige Speer', und trugen sie schnell nach den Mauern Jener, unferne gelegenen Stadt, daß Alles und Jedes Nach dem Willen geschah des mildgesinneten Vaters. Durch das geordnete Heer ging nun der trauernde Zug fort: Denn nach dem Rasenwall, den gestern unzähliges Landvolk Baute, und d'rauf mit dem Graben umzog, dem Lager zur Schutzwehr, Kam es heran: in den blutigen Kampf mit dem Feinde zu treten.
Aber, nicht rastete Katwald jetzt im höheren Luftraum: Denn voll Muthes empört' er die Kraft des nahenden Feldherrn, Milota's. Sieh', als dieser die furchtbarn Reisigen Herbots Eilen hieß in dem Vorderzug, nach dem muthigen Fußvolk Mährens, dem er geboth, nachdrang ihm zur Rechten der Baiern Treffliche Schar, geführt von Heinrich dem edelen Herzog, Jetzt mit den Sachsen vereint, den tapferen, welche der Markgraf Pfeil (ein Pfeil in der Schlacht!) im Sturmschritt lenkte: den beiden Herrschte noch Czernin ob, als Feldherr. Aber zur Linken Drang der Böhmen erlesenes Volk, gehorchend dem Helden Lobkowitz, vor, und nach diesem kam das kühne Geschwader, Welches sich Ottgar heut' erlas, gleich loderndem Feuer, Rasch aus dem Nachhalt vor, in die Reihen der Feinde zu stürmen. Katwald eilte, voll Hast, vom Einen zum Andern, und weckte Mächtig in jeglicher Brust des Kampfs entsetzliche Sehnsucht. Horch, schon tönt drometendes Erz; schon wirbelt die Trommel, Schreit der Krieger, und wiehert das Roß; schon zittert der Boden Unter dem stampfenden Huf; des Blachfelds Weite bewegt sich Vorwärts. Doch, wie im Hauch zwei streitender Wind' an den Ufern Wogen die Fluthen des See's herauf und hinunter: so trat auch Rudolphs tapferes Heer vor dem Wall den Feinden entgegen, Und, wie der thürmende Wald erkracht, den plötzlich aus Süden Und aus Norden zugleich, Orkane zerschmettern im Spätherbst: Zahllos liegen umher die unendlichen Stämme geworfen Durcheinander hinab in den Staub: so lagen die Reiter Dort mit den Rossen, erwürgt, und des Fußvolks Reihen vermenget. Furchtbar wüthete heut vor allen der tapfere Feldherr, Milota, so daß Ottgar selbst den gewaltigen Thaten Staunte, die er vollbracht' in des Todes erkorenem Saatfeld. Ach, er ahnete nicht, wie der Rachebrütende jetzt auch Arges sann im Gemüth -- daß er ihm vertraue, die Scheingluth Heuchelte, bald Verrath nur an ihm zu verüben, entschlossen! »Herbot,« so rief er »hin, wo in keilgestalteter Ordnung Oestreichs Heerschar naht -- die Ritter für jetzo vermeidend, Eile zuerst, und stürm' im Flug' in die Seite des Volks ein!« Also geschah's: denn schmetternd erklangen die eh'rnen Drometen; Schnell, wie das Wetter fleugt, vorbraus'ten die reussischen Reiter, Und die gesenkte Lanz' aus der Röhre des eisernen Bügels Festnachdrängend, erkor ein jeder von ferne den Mann schon, Dem er die Brust zu durchbohren beschloß. Wohl sechzig erlagen Also dem tödlichen Stahl der wildanprallenden Reiter, Die in des oberen Oestreichs Gau'n der tapfere Hauptmann Berchthold, warb, und lautes Geschrei auftobte zum Himmel. Jene wichen zurück', um schnell zu erneuerndem Anlauf Sich zu stellen im Feld', und die mordende Lanze zu senken; Aber Capellen, der oberste Hort des Volks, wie des Ober- Also des Unterlands, flog her, und empörte sie laut so: »Denket der Ehr' und des Vaterlands, östreichische Männer, Jetzt in dem Kampf. Nur fest die Reihen geschlossen; die Lanzen Kühn dem Feind' entgegengesenkt, und, nah't er, zur Erd' euch Hurtig gebeugt; dann auf, zu durchbohren dem schnaubenden Rosse, Oder dem Reiter, die Brust! Bald schaut ihr sie fliehen im Schlachtfeld.« Auch die Steyrer entflammt' er, und rief: »Heut sollt an dem Feind', ihr, Krieger der Steyermark, euch rächen, der Schande gedenkend, Wie ihr gewichen vor ihm mit Lärm und Getös' in dem Nachtgrau'n, Fortgerissen durch Schuld des Pettau'r, der, von dem Kaiser Heimgesandt, hinfort zur Flucht euch nimmer verlocket! Jetzo nur kühn an den Feind! Uns lohnt der herrlichste Sieg bald.« Sagt' es, und sprengte zurück: da braus'ten die furchtbaren Reiter Herbots wieder heran, zu erneuen den muthigen Angriff. Jene senkten das Haupt, ausbeugend, zum Knie' hin, und bohrten Hier dem Reiter, und dort dem Roß den Stahl in die Brust ein, Als weit über ihr Haupt die feindliche Lanze dahinfuhr. Aber der Boden, mit Leichen bedeckt, verwandelte ringsher Sein erfreuendes Grün in die gräuliche Farbe des Blutes.
Milota sah den wankenden Sieg mit Staunen: er sandte Schnell die Reiter zurück, und führte die mährischen Krieger Gegen das Fußvolk, das aus dem ober'n und unteren Oestreich Kam, und den Steyrern vereint, ihm entgegen stand in dem Schlachtfeld. Gleich den Wogen des Meers, die ein Sturm aus Süden daherrollt, Eilten die Reih'n jetzt vor; doch so, wie jene zum Strand sich Stürzen mit lautem Gebrüll', und im schäumenden Zorne zerschellen: Denn nicht wanket der Fels: so trafen sie auch an den Kriegern Oestreichs ehernen Widerstand im Gemenge der Waffen. Schrecklich ertönte der Schrei der Würgenden, schrecklich der Lanzen Kreischender Schlag, als sie den eisernen Helm und den Harnisch, Oder das Panzerhemd zerschmetterten, wüthend geschwungen. Gleich dem Orkan, flog jetzt auch Milota hin, und, ersehend, Wie die Führer des Volks: der Seldenhofen die Steyrer -- Berchthold Oestreichs Krieger zum Kampf' empöreten, schwur er Beiden den Tod. Urschnell auf Berchthold drängt' er das Streitroß, Und als dieser, erhebend das Schwert, die muthigen Krieger Oestreichs jetzt noch mehr vortummelte, siehe, da bohrt' er Ihm den Stahl in den Hals, daß alsbald ihm auf den Lippen Starb das Wort, er taumelnd sank, und das Leben verhauchte! Schmerz durchzuckte die Brust des Volks bei dem schrecklichen Anblick, Da er, so mildgesinnt, ein Vater der Krieger genannt ward. Doch mit erneuerter Wuth flog Milota hinter den Reihen Seines Volkes hinab; drang wieder hervor, und durchrannte Col von Seldenhofen das Herz, der weit vor den Seinen, Die er entboth, hersprang, und nach ihm sein blutiges Eisen Zuckte, die Stirn' ihm zu spalten, gesinnt. Nun brachen die Knie' ihm, Schlotternd, ein, und er fiel, im Tod' erbleicht, auf das Eisen. Ach, bald jammert daheim die alterserblindete Mutter, Deren einziger Sohn und Trost er war in den Jahren Trauerbelasteter Witwenzeit auf der einsamen Felsburg: Denn nicht kehrt er zurück, wie ein täuschender Traum ihr verheißen -- Er, den Traum ihr deutend, verhieß, die Gute zu trösten, Als er zum letzten Mal' auszog von dem rühmlichen Stammhaus! Hier erlag er zugleich mit fünf erlesenen Kriegern Milota's Schwert, der furchtbarn Muths, umtobt' in dem Schlachtfeld. Ottgar wandte sich jetzt nach Lobkowitz um, und begann so: »Nie war Milota's Seele mir hold: ich kenne der Menschen Trugverhüllende Brust; doch sieh', ein schrecklicher Krieger Ist er im Feld': ich vertraute mit Recht ihm die rühmliche Stelle!« Jener entgegnete schnell: »D'rum vor mit den Reitergeschwadern Jetzt, wo die Feind' erbeben vor ihm, sie niederzuwerfen, Und zu entscheiden den Kampf in der heiteren Stunde des Glückes.« »Nein,« so sagte der König ergrimmt, »noch laß uns verziehen, Bis er noch mehr aufflammt, und wir ihn entscheiden für immer!«