Rudolph Von Habsburg Ein Heldengedicht In Zwolf Gesangen Johann
Chapter 13
Jener verschloß ihm das Ohr. Doch wer entflammt' an dem Abend Schon den noch nicht ersehneten Streit im tosenden Schlachtfeld? Marbod, der muthige that's. In den Reih'n der stürmischen Reiter Spornt' ein munterer Held bischöflicher Leute von Salzburg, Schörlin, ein unbändiges Roß heran in dem Kriegszug.[8] Ihm nicht fern, ersah das Nest pferdstachelnder Bremsen Marbods spähendes Aug': er eilte dahin, und empörte Mit gewaltigem Geisterhauch die entschlummerten Quäler: Denn er brannte vor Gier des Kampfs Arbeiten zu schauen. Sieh', und, also geweckt, im heulenden, wilden Gesumme Fuhr der Schwarm empor; er flog dem muthigen Rosse Schörlins unter den Bauch, und stachelte solches, erboßt, wund. Schrecklich tobt' es umher, schlug aus, bog, stöhnend, die Ohren Gegen die Brust, und rannte dahin: nicht achtend des Rufens, Nicht des Schrei'ns, das Schörlin erhob, da er, rücklings gebogen, Zog an dem Zügel, es noch im wüthenden Laufe zu hemmen. Schnurgerad auf Ottgar hin losrannte das Thier jetzt. Zorn erfüllte sein Herz; er rief den staunenden Feldherrn: »Wahrlich, nicht dacht' ich mehr den Stahl an dem heutigen Abend Feindlich zu zieh'n; doch seht, die Unsinnigen stürzen sich selber Ihm entgegen, voll Wuth! Sie sollen mir büßen die Kühnheit. Fort! Wir greifen sie an mit den schwergeharnischten Reitern, Welch' uns Böhmen gesandt, den tapfersten Männern auf Erden, Und im gemessenen Schritt' uns folge das Heer auf dem Fuß nach.« Alsbald gab er dem Pferde den Sporn, und jagte die Höhen Brausend herab. Ihm nach, mit dem kampferfahrenen Helden Lobkowitz, flog die Schar zweitausend geharnischter Reiter. Wie, wenn unterirdische Gluth aus den Tiefen des Erdballs Aufwärts braus't, und gehemmt, weithin erschüttert die Gegend So, daß vom stürzenden Felsengebirg' unzählige Trümmer Schnell in's drönende Thal herrollen mit wildem Getümmel, Krachend der Wald entsinkt, und Staub auffleugt in die Wolken: Also stürmt' auch hier der König mit seinen Erwählten Von den Höhen herab. Vor den Kommenden stürzte das Reitroß Schörlins zusammen. Kein Leid ihm geschah: die furchtbaren Reiter Setzten über ihn hin; er lag, listsinnend, im Scheintod Dort bis Mitternacht, und kehrete heim zu den Seinen.
Ottgar nahete schon den äußersten Wachen der Steyrer. »Auf, zu den Waffen!« so schrie Wildon, der tapfere Hauptmann (Pfannberg weilte noch fern bei Capellen, dem obersten Feldherrn, Drüben im luftigen Zelt, des Kriegs Arbeiten erwägend, Die der Morgen verhieß) und das Fußvolk eilt' aus dem Lager: Denn nicht dachten des Streites mehr die erlesenen Ritter Jetzt, in der sinkenden Nacht. Wohl mancher saß in dem Gras' noch, Haltend das Roß an dem Zaum', und beredete Dieses, und Jenes; Doch nun fuhren sie all' empor, von dem feurigen Marbod Aufgestürmt mit empörendem Ruf. Bald schwang in den Sattel Jeder sich auf, erhob den Speer in der Rechten, und senkte Sein Helmgitter herab, das Roß zu dem Kampfe bewegend. Ha, und der Kampf begann! In dem Vorderzuge, des Feindes Dräuende List zu erspähen gesandt von dem sinnigen Feldherrn, Stand ein Brüderpaar der Trantmannsdorfe beisammen: Heinrich, und Götz, von der Schar der Verwaiseten. Laut, und mit Nachdruck Hieß sie des Hauptmanns Ruf in die Reih'n der Versammelten kehren: Aber sie hörten ihn nicht, von glühendem Muthe getrieben. Ottgar fuhr auf den älteren los, und, ob er den Speer schon Ihm entgegen streckt', und des Kampfs wohl kundig sich zeigte, Schlug er ihm doch mit dem Heldenschwert den nahenden Speerschaft Seitwärts, und durchstieß ihm den Hals, wo, gleitend, vom Harnisch Sich der Helm verschob: er sank, und verhauchte das Leben. Götz drang muthig auf Lobkowitz ein; verwundete, jauchzend, Sein aufbäumendes Roß, und stürmte noch feuriger vorwärts; Aber ihm bohrte, von jenem gekehrt, der empörete König Sein, von des Bruders Blut geröthetes Schwert in die Brust ein So, daß er rücklings vom Sattel sank, und dicht an dem Bruder Ruhete, langgestreckt, und erblassend im Tode. Sie lagen Dort wie jährige Leu'n im Staub, die, grausam, ein Tiger Eben erwürgt' im Gebüsch', als Beut' aufsuchte die Mutter. Doch der feurige Katwald sprach, umschwebend, in's Ohr ihm: »Ottgar, flüchtig enteilet das Glück: erhasch' es im Flug jetzt! Werfe den Feind, eh' Rudolphs Schwert dir nah't. Ich gewahrte Helfende Geister um ihn, die ihn warneten: eile, zu siegen!« »Ha, wer drängt mich so muthig, und kühn?« sprach zürnend der König, »Muthig, und feig zugleich, mit Rudolphs Schwert mir zu drohen: Denn er komme nur, bald entreißt ihm das meine das Leben!« Rief's, und jagte dahin wie der brausende Sturm auf den Heiden.
Welchen erlegt' er zuerst aus den Reih'n der tapferen Ritter? Sieh', ihm warf sich Stubenberg vor allen entgegen: Weit vorhaltend den Schild, deß' Zier, im Ringe der Anker, Schlangenumwunden, sich wies, und strebte, das muthige Herz ihm Durchzubohren im Wuthanlauf mit dem blinkenden Speerstahl; Doch in des Rosses Bauch stieß Ottgar, stachelnd, den Sporn ein So, daß es seitwärts sprang, und er drängte dem Gegner den Degen Tief in die Brust, als ihm die entblößte Höhle der Schulter Räumigen Eingang both: er sank, und athmete nicht mehr. D'rauf erwürgt' er auch noch urschnell den redlichen Knappen Edelred, der jetzt dem Ritter zu Hülfe geeilt war. Czernin stellte sich g'en Wildon zur Wehre: sie kämpften Lange mit wechselndem Glück; verwundeten: jener des Gegners Bein, und dieser den Arm, und schieden mit dräuendem Ingrimm Mitten im Kampf: denn schon herstürmten im Felde die Reiter Ottgars, welchen das Fußvolk rasch nachdrang, und urplötzlich Hob sich der schwellende Ruf mit dem Waffengetöse der Würger Himmelempor, und erfüllte die Welt mit Entsetzen und Schauder.
Jetzo vernahm in der zweiten der fünf Heersäulen Capellen Kämpfender Krieger Geschrei, das drüben, am Rande der ersten, Stets vernehmlicher scholl in der Dämmerung. Eifernd besprach er Eben mit Pfannberg dort, dem Führer des steyrischen Volkes, Für den kommenden Tag des Angriffs muthige Weisen; Auch die verstellete Flucht: den wechselnden Kampf, und den Rückzug, So des Krieges Geschick ihn gebeut: da verstummt' er auf einmal, Horchte dem Lärm, und sprach, voll Hast, zu dem Scharengebiether: »Pfannberg, eile zurück! Der Feind, so sagt uns der Lärm dort, Wagte den Ueberfall in der Dämmerung; eile zur Rettung Deines Volks: ich folge dir schnell mit erlesenen Scharen.« Also geschah's. Im Flug' erreichte der tapfere Feldherr Sein gefährdetes Volk, und warf, mit dem Schwert' in der Faust, sich, Allen voran, als sie nachbraus'ten im stäubenden Saatfeld, Rasch auf die furchtbare Macht der Geharnischten, die zu dem Angriff Ottgar selber geführt, und jetzt umtobte, voll Mordwuth. Ihm selbst hätt' er die Brust durchbohrt, so plötzlich erschien er Mitten im Waffengemeng; doch schlug ihm der muthige Ritter, Zawiß von Rosenberg, der schönste der Männer im Kriegsheer Böheims, sein erhobenes Schwert aus der Faust, und durchstieß ihm Schnell mit dem Speere den Arm, daß er, stöhnend, vom Sattel herabsank. Ottgar rühmte gerührt den Tapferen; doch Drahomira Lächelte Hohn aus den Lüften herab: sie erspähte die Neigung Schon, die verborgene, jüngst in der Brust Kunegundens für Zawiß, Und gedachte mit Lust der unheilschwangeren Zukunft.
Pfannbergs Volk, den Sturz des tapferen Führers gewahrend, Drang jetzt eilender vor, und kämpfte, der Löwinn nicht ungleich, Die vor der Höhle die Jungen, umringt von Pardeln erblicket, Um den Verwundeten dort, und es hätte gesiegt mit den Scharen Oestreichs, die Capellen zu Hülfe geführet, und jenen, Die aus dem Hinterhalt' auch Kaduscha, hörend im Nachtgrau'n Feindlicher Waffen Getös', ihm, lautaufjauchzend, vereinte: Hemmt' es nicht Katwalds List. Er sah in der Reihe der Edeln Einen, mit bleichem Gesicht' und scheuumirrenden Augen, Träg vorschreiten im Kampf: den Pettauer, der vor dem König Ottgar, einst die Ritter der steyrischen Mark des Verrathes Zieh, und dieser verhängte sogleich entsetzliche Strafen; Aber er hatte nicht Ruhe noch Rast seitdem, und im Herzen Trug er die Strafe der Schuld, da er jeglichen Trostes beraubt war. Diesem nahete Katwald jetzt, und schrie in das Ohr ihm: »Horch, dir drohet Verrath und Mord! Unseliger, fliehe!« Schauer durchlief ihm die Haut, da er solches im Geiste vernommen: Alsbald wandt' er das Roß, und rief, entfliehend: »Verrath! Mord!« Wilde Verwirrung begann: das vorgedrungene Fußvolk Wankte zuerst; ihm folgten die Reisigen -- dann auch die Ritter. Tausendzüngig erhob sich der Ruf: »Entflieht dem Verrath! Fort!« Aus den flüchtenden Reih'n. Auch Kaduscha wich mit den Seinen Lärmend zurück, und entsetzlich erscholl in der Nacht das Getümmel.
Doch in dem fernen Gezelt vernahm der erhabene Kaiser Jetzo den Lärm, und geboth den Mannen die Rosse zu zäumen: Denn schon lagerten sich die Tapfern ruhig im Saatfeld, Reichend den Rossen das Futter zuvor, und stillten den Hunger Dann mit Brot, und den Durst mit des Quellbachs kühlenden Fluthen: Alsbald waren die Pferde gezäumt, und die Muthigen saßen Sattelfest. Da kam vor allen, gesprengt, auf dem Pfad her Oestreichs Reiterschar. Mit zürnendem Ernst in den Blicken Ritt ihr der Kaiser entgegen. Sie stand von Schauer ergriffen: Denn kein Vorwurf kam aus dem Mund des erhabenen Herrschers. Also gehemmt, wuchs stets zu dichteren Haufen die Heersmacht, Und er kehrte mit ihr g'en Marchecks sandige Fluren.
Achter Gesang.
»Ha, was röthet den Himmel fern im nächtlichen Dunkel? Welch' Geschrei erfüllt urplötzlich mit Angst und Entsetzen Drüben die Stadt? Ein Jüngling sitzt, verwilderten Ansehn's, Dort auf des Felsens Höh'n, und schaut auf die schreckliche Brandstätt' Grinsend herab, wo ruhig noch erst unschuldige Menschen Schlummerten, jetzt Gewürg' erschallt, und in Strömen das Blut fließt? Furchtbare Schau! Darf also der sterbliche Mensch an dem Menschen Wüthen, daß sanfterer Art der grausame Tiger erscheinet? Wehe, wie fiel er so tief! Wie entwürdigt ihn Laster und Thorheit! Doch ich nah' ihm schnell, zu erkunden, wie solches geschehen?« So sprach Inguiomar, das gluthverheerete Städtchen Schauend, und eilt' im Fluge dahin, wo, schrecklichen Blickes Jener hinuntersah nach der Stätte des Jammers. Er saß dort Schauerlich in sich gekehrt, und ihm zuckten die schneeigen Wangen Leise vor ungesättigtem Grimm, da er, vorwärtsgebogen, Stützend das Kinn auf die krampfhaftgeschlossene Faust, in die Flammen Starrete. Doch es stockte das Wort in dem Munde des Geistes, Als er ihn näher geseh'n. Er bebte dem Jammer, und eilte Fort nach den Ufern der March, wo heut', unferne dem Städtchen Marcheck, nach unrühmlicher Flucht sich die Krieger vereinten.
Wallstein war's, der dort auf dem Felsriff saß, und hinunter Starrte, voll Grimms. Sein war die entsetzliche That, und der Hölle Jüngstentlaufene Brut, Drahomira, hauchte die Wuth ihm In die empfängliche Brust, aus welcher des warnenden Engels Bild entfloh, da er sich der Sinneschmeichlerinn hingab. Sieh', er eilte zuvor aus der Nähe des Kaisers, und setzte, Schwimmend, die Fluthen der March mit dem schnaubenden Rosse hinüber; Flog dann, Auen und Wälder entlang, an Moravia's Marken Rastlos fort, bis endlich das Roß am dämmernden Abend Stöhnend zu Boden sank. Er entschlummerte neben dem Thier dort; Aber ihm war Drahomira gefolgt. Wie der feurige Schweißhund[1] Angeschossenes Wild, so heiß es auch strebt, zu entkommen, Durch des umschattenden Waldes Nacht verfolgt auf den Fährten, Rastlos, bis es ermattet ihm fällt: so ließ Drahomira Ihn aus den Augen nicht mehr: denn Ottgar sollte getödtet Fallen durch ihn, und ihr Herz sich ersättigen dort an des Jammers Grau'nerregender Schau -- an dem Fall des unglücklichen Jünglings. Einen täuschenden Traum ersann, und bannte sie, zaubernd, Vor den Entschlummerten hin. Er sah im Geiste das Städtchen, Kostel in Mähren, vor sich, und dort sein Alles auf Erden, Hedwig, gefesselt im Thurm, weil sie nicht verhüllte die Neigung, Die sie ihm still genährt in dem treuergebenen Herzen; Sah, wie sie, jammernd, ihm mit den kettenbelasteten Händen Winkt', und so bleich her sah von des Fensters eisernen Stäben, »Hülfe!« schreiend, und »Rach' an Ottgar!« Aber er stöhnte Laut in dem Schlaf', und schlug sich die Brust vor unsäglichem Herzleid. Bald erweckt' ihn Geschrei anstürmender Krieger. Der Kunen Tausend, vereinten sich erst: Weglagerer, Räuber, und Mörder, Von dem Heere getrennt, auf Raub zu ziehen, entschlossen, Die Drahomira noch mehr empörte zu schrecklichen Thaten.
Als sie jetzt den Schlummernden sahn, der, blühender Jugend, Noch im Schlafe das Schwert umklammert hielt mit der Rechten; Durch die gesenkten Brau'n Wuth kündet', und, stöhnend, von Rachgier Mit den verzerreten Lippen sprach, da riefen sie freudig: »Seht, den sandt' uns Tyr,[2] der Gott des Kriegs und Verderbens: Ihm gleich, hält er das Schwert umfaßt, und drohet im Schlaf noch Schrecken dem Feind'. Er sey uns Führer im nächtlichen Raubzug!« Also erweckt' ihn ihr wildes Geschrei; sie faßten, und hoben Ihn von der Erd' empor; umhingen in Eile die Schulter Ihm mit dem Pelz, der, marderumbrämt, zur Ferse hinabhing; Setzten die Mütz' auf sein Haupt, mit dem schwebenden Reiher, und bothen Ihm das erlesenste Pferd. D'rauf sagte noch Sikra, der Hauptmann: »Komm, und führ' uns im sausenden Ritt nach Kostel, dem Städtchen Drüben im Mährenland, voll reichthumstolzer Bewohner, Die, dem Böhmenkönig getreu, zum Kampfe sich rüsten. Unser König bekriegt ihn selbst auf den Feldern von Oestreich: Wir erhoben uns hier, ihm Schaden zu thun, und zu rächen Plünderung, Mord, und Brand, mit welchen er Ungern vor Jahren Wüstete: ha, nun Rache dafür an dem grausamen Ottgar!« Also tobten sie fort. Der Jüngling ließ sie gewähren, Stand verstört, und wußte nicht, wie ihm geschehen? Er sann jetzt: Ottgar ward ihm genannt -- der Grausame hieß er den Räubern Selbst? Da jauchzet' er laut; entblößte das Eisen; erhob sich Schnell in den Sattel, und rief: »Mir nach, wir rächen die Unthat!« D'rauf ging's fort, im sausenden Ritt nach Kostel in Mähren. Vor ihm flog Drahomira einher, und lächelte grimmig: Denn sie sah das Entsetzliche dort vollbracht, und Verderben Ueber des Jünglings Haupt, und Ottgars schweben im Vollmaß.
Tief entschlummerten schon des ummauerten Städtchens Bewohner. Ach, oft ahnet der Sterbliche nicht, der ruhig dem Schlaf sich Noch an dem Abend ergibt, welch' Jammer ihn weckt vor dem Morgen! Früher erspähten die Räuber schon des friedlichen Städtchens Schwachverriegeltes Thor und die leichtersteigbare Mauer, Die sie, keuchend vor Hast, erkletterten. Aber das Reitroß Spornte Wallstein rasch umher: denn hoch in die Nacht auf Ragte der Thurm, der dort die holde Geliebte (so wähnt' er Noch, getäuscht von dem Traum) von ihm für immer getrennt hielt. Wehe, und bald aufflammte die Gluth, an die breternen Dächer Durch die entsetzlichen Kunen gelegt, und erhellete weithin Rings die schweigende Nacht! Nicht säumte der lauernde Nachtwind, Lauterbrausenden Flug's annahend, die Flamme zu wälzen Hin und daher, an den Häusern der engverschlungenen Straßen. Wildes Geheul erscholl: aus den Stuben hervor auf den Marktplatz Flüchteten jetzt die Bewohner, um dort die Väter, und Mütter, Kinder, und Greise zu seh'n, wie sie bluteten unter dem Schwerthieb Wüthender Räuber, und bald, erwürgt mit den andern, zu fallen Rettungslos: denn Niemand war, der half in dem Jammer. Wohl anlangten den Abend zuvor zwölf muthige Reiter Ottgars, über die March, von Drösing herüber gesendet: Mundvorrath aus dem Städtchen hier, in das Lager der Böhmen Heut noch zu schaffen mit Waffenmacht: denn schreckengerüstet Herrscht in des Krieges Zeit die Gewalt: nur Laute des Ingrimms Treffen das Ohr, das sonst des Friedens sanfte gewohnt war. Als der feindliche Lärmruf scholl, da schwangen die Reiter Sich auf das Roß, zu entflieh'n der wuthempöreten Mehrzahl; Doch sie waren umringt, und nun, mit dem Schwert' in der Rechten, Kämpfend, zu sterben bereit. Sie stellten sich fest und entschlossen, Vor dem Thurm dort auf, und harrten des nahenden Feindes.
Allen zuvor kam Wallstein, jauchzt', und hieb in den Haufen, Blindumwüthend, ein: denn Ottgars kenntliche Reiter Sah er vor sich, und schnob nur Rache, nur flammende Sehnsucht Hedwigs Retter zu seyn aus den Händen unmenschlicher Krieger. Jetzt auflachte voll Hohn Drahomira, und hob sich von dannen: Denn jetzt klebte das Blut des eigenen Volks an dem Schlachtschwert, Das ihm Ottgars Rechte vertraut', und sie dachte: nicht fern mehr Sey ihm das Ziel, zu fallen mit ihm, unrühmlich, und furchtbar! Siehe, die Reiterschar, umstürmt von den wüthenden Räubern, Fiel nach tapferer Gegenwehr auf die Leichen des Feindes, Die sie gehäuft! Doch Veith, der jetzt aus dem Sattel geworfen, Sank, rief sterbend ihm noch: »Ha, Wallstein: bist du ein Gegner Deines eigenen Vaterlands? Du ermordest die Böhmen?« Wallstein horchte bestürzt: er erkannte den redlichen Krieger, Der in der Ahnen-Burg gedient, und in zartester Kindheit Oft ihm Mährchen erzählt': ein treugesinneter Reiter; Hob die Blick' empor, und sah, durch des ragenden, leeren, Halbverfallenen Thurms verwitterte Fenster den Himmel, Sternenhell, herab auf das Blut der Reisigen starren; Sah, erstaunt, um sich her die Leichen der Greis' und der Kinder Schwimmen im Blut' -- all' überall Blut, und die wüthenden Kunen Nur erpicht auf Raub und Plünderung. Plötzlich ergriff ihn Seelenangst: er gab dem Rosse die Sporen, und jagte Durch das offene Thor hinaus auf den einsamen Heerweg; Dann seitab den Hügel empor, der, nahe dem Städtchen, Jäh sich erhebt. Dort saß er am Rand', aus dem Sattel gestiegen, Haltend das Roß am Zaum', und sah nach dem schrecklichen Jammer Drüben hinab. Bald wühlt' er, ergrimmt, sich die Brust mit den Nägeln Wund; bald stützt' er das Kinn auf die Recht', und starrte hinunter, Starrte hinauf zu dem tiefverstummenden Himmel, und rang nur Einem Schreckensbild zu entflieh'n, das fieb'risch die Brust ihm Schüttelte: denn er dachte, wie frech er die freundliche Warnung Von sich stieß in der Nacht, welch' über ihn schrecklich entschieden. Doch als jetzt ihm ein Thränenpaar heiß über die Wangen Träufelte, hob er sich auf von dem Boden, und plötzlich verscheuchte All die Bilder ein kühner Entschluß. Er sagte für sich hin: »Ottgar, kein Verein ist zwischen uns mehr! Ich gehöre Deinem Gegner hinfort: denn sieh', ich erwürgte die Böhmen -- Ach, mein Volk, mit den Kunen im Bund! Dieß blutige Schwert lechzt Jetzo nach deiner Brust, und nach meiner: wir fallen zugleich -- bald!« Stöhnend schwang er sich dann auf's Roß, und jagte herüber Immer den Fluß entlang, im Galopp, die lagernde Heersmacht Rudolphs noch vor dem Morgenroth zu erreichen vor Marcheck.
Sieh', und es rief in der Stadt, in den weitgetrennten Gehöften, Und in den Dörfern umher der Hahn, des dämmernden Morgens Muthiger Herold, sein »wach' auf« das andere Mal schon, Als er die seichtere Furt durchwatete; d'rauf vor dem Lager, Laufend, erschien, das Kunenroß heimjagend vom Ufer. »Wer da?« rief ihm die Huth vom Wall' entgegen, und zielte Dann mit der Lanze zugleich nach der Brust des nahenden Jünglings: Aber er sprach ergrimmt: »Zu Rudolph, eurem Gebiether Führet mich schnell! Hochwichtiges muß ich sogleich ihm enthüllen.« Jener sah ihn zuvor mit Staunen vom Kopf bis zum Fuß' an, Eh' er die Freund' entboth, ihm sich'res Geleite zu geben: Denn unglücklich nur -- nicht verdächtig erschien er von Anseh'n, Und sie führten ihn jetzt nach des Kaisers ragendem Zelt hin.
Aber der liebliche Schlaf (ein Balsam für blutende Herzen, Welcher so mild den Schmerz beschwinget, der in des Lebens Dornengefilden sie grausam zerriß) war eben auf Rudolphs Lieder gesunken, und er floh vor dem Fußtritt nahender Krieger Wieder hinweg. Oft wacht' er im Feld mit heiterem Antlitz Tag' und Nächte hindurch, zu des Kriegs Beschwerden gestählet. Als in das einsame Zelt der Jüngling getreten, da däucht' ihn: Jener Unglückliche sey's, der jüngst den muthigen Reiter Von dem Thurm in den Abgrund warf, und nicht irrte sein Scharfblick. Freundlich winkt' er ihm jetzt mit der Hand, und jener begann so: »Meine Rede sey kurz! Der Sterbende muß sich beeilen, Daß er enthülle das Wort, das lastend die Brust ihm beschweret. Höre mich, Herr! Ich war dein Feind, und hätte den Sohn dir Gern durchbohrt auf dem Plan, vom wüthenden Hasse getrieben; Aber es zieht das Geschick gar wunderbar oft in des Lebens Irre den Pfad: mich führt es als Freund dir zurück. Mit den Kunen Hab' ich, dein Dienstmann, erst gesengt, und gebrannt in dem Städtchen Drüben im Mährenland', und die Bürger zugleich mit den Kriegern Muthig erwürgt: all' Ottgars Schuld, des grausamen Wüthrichs, Der auch dir nach dem Leben strebt, und die Mörder bereit hält. Aber ich eil' ihm zuvor, willst du's, und raub' ihm das Leben Heut' noch. Dir ist dieß Schwert geweiht; nicht soll es ihn fehlen: Denn er verübt' an mir Entsetzliches. Sprich, und ich mord' ihn!« »Wie,« so begann, aufjammernd, der Kaiser, »Unselige, habt ihr Ruhige Menschen erwürgt, und gesengt, und gebrannt in dem Städtchen Drüben nach schrecklichem Kriegsbrauch? O, der Völkerbeherrscher Trauriges Los, daß ihr Streit auch Räuberhände bewaffnet, Ungezügelt und frech, dem Gesetz hohnsprechend, zu wüthen! Herr, nicht gehe mit mir in's Gericht: denn mein ist die Schuld nicht! Doch du kehre zurück, Unglücklicher! Kehre zu Ottgar, Der ein liebender Vater dir war, nun zurück, ihn zu söhnen, Ihn mit reuigem Sinn um den Segen zu fleh'n -- zu erwiedern Ihm verzeihende Huld, so er dich einst kränkte mit Unrecht! Also hat es der Herr uns gelehrt: er möge dir helfen!«