Rudolph von Habsburg: Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen. Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (2/3)

Part 6

Chapter 63,230 wordsPublic domain

Eilig traten sie ein. Die finsteren Scharengebiether Folgten dem Könige nach, und setzten sich rings um den Tisch her, Sonder Ordnung, noch Wahl. In zottige Pelze gehüllet, Sah'n sie stolz aus den tiefvergrabenen Augen dem Fremdling Jetzt in das heitre Gesicht, und strichen den Bart an der Lippe. Bald erschienen im Zelt' auch die rosigblühenden Mädchen, Tragend in Körben Pferdfleisch auf, das unter dem Sattel Barg der Reiter, und dann hinflog, bis solches im Ritte Heiß geworden, und mürb', des Volks ersehntes Gericht war; Auch gebratenes Fleisch vließtragender Lämmer, mit Knoblauch Vielgewürzt; dann Brot aus dem feinsten Mehle gebacken, Hochgewölbet und weiß, nach Art magyarischer Backkunst, Und die mächtigen Krüge, gefüllt mit den edelsten Weinen. Alle schmaus'ten nach Lust; doch Hugo verschmähte des Kunen Lieblingsgericht -- nicht des Weins, des trefflichen, schonend: unendlich Gab er bei Humpen Bescheid, und blieb stets seiner noch Meister.

Siehe, von neuem erscholl der Zither Getön', und der Herrscher Mahnte die Männer und Mädchen zum Tanz', dem Gaste zu Ehren! Jene stellten sich ernsten Blicks, dem König gehorchend, Draußen in Doppelreih'n, und hoben den werbenden Tanz an, Der in das Feld den Jüngling ruft, und Gefühle der Wehmuth, Ihm in der Brust aufregt, an die Zeiten der Väter ihn mahnend, Mit wehklagenden, tief das Herz bestürmenden Weisen. Aber sie schlugen die Hand an die Hand, und die Sporn' an die Spornen; Stampften zugleich, rasch hin und daher sich wendend, den Boden; Stöhnend vor Lust, und ihr Aug' erfüllten oft schimmernde Thränen, Plötzlich geweckt von dem Sturm der empörten Herzensempfindung. Doch als d'rauf zu dem Wechseltanz der erfahrene Künstler Rasch in die Saiten griff, mit dem Fuße der schnelleren Weisen Zeitmaß schlug: da faßte die Tänzerinn jeglicher Tänzer Um den blühenden Leib, und schwang sie umher an der Stelle, Bald mit dem linken, und bald mit dem rechten Arme sie drehend Fort im verengenden Kreis'. Dann riß er sich wieder von ihr los; Hüpfte schnell vor ihr hin, und schlug die klingenden Spornen, Jauchzend, zusammen, und schlug die Wade mit wechselnden Händen. Aber sie folgt' ihm entfernt. Die Recht' an die Seite sich stemmend, Hielt sie die Schürze am Saum' sich stolz vom Leib' mit der Linken, Wandte sich links und rechts, mit niedlichen Sprüngen, und mied ihn Scheinbar, bis sie, ersehnt, urschnell in die Arme des Tänzers Flog, und von neuem das Paar in schwindelnden Kreisen sich drehte. Doch nun winkte der König zum Schluß: die Saiten verstummten; Hoch erhob der Tänzer die Tänzerinn noch, und entließ sie; Kam dann, triefend von Schweiß, und setzte sich wieder zum Tisch hin. Jene entfloh'n, und der König sprach, mildlächelnd, zu Hugo: »Ritter, du hast magyarische Tänze geseh'n, und ergetzet Dich bei'm fröhlichen Mahl', obgleich du ein nüchterner Gast bist! Nun ersehnte mein Geist zu vernehmen, wie Kaiser Rudolphus, Unser Bundesgenoß' und Freund, zum Throne gelangt ist -- Er, einst Habsburgs Graf? Doch künde zuvor uns die Abkunft Und die muthigen Thaten des huldbeseligten Herrschers, Die mit unsterblichem Ruhm' ihm zieren die Stirne. Der Morgen Graut: bald steht ihm Ungerns Macht zu Geboth' in der Feldschlacht.« »Zwar verweigerst du noch,« so entgegnete jener, »des Kaisers Herold' ein willig Gehör, und lullst ihn bei Tänzen und Mahlen, Zaubernd, ein, daß er ganz vergesse der wichtigen Sendung. Aber, weil dich verlangt, von meines erlauchten Gebiethers Abkunft, Muth und Heldenkraft, die Carol des Großen Glänzenden Thron ihm errang, zu hören, so will ich mich fügen In Geduld, und harren: es gilt ja die Ehre des Kaisers!«

»Wisse demnach! Stolz hebt sich vom Fels die mächtige Habsburg Aus umdämmerndem Wald, an der Aar in die bläuliche Luft auf. Dort, so kündet die Sag', erschien in grauender Vorzeit Rudolphs edles Geschlecht, aus fränkischem Stamm, und erbaute Jene, wie auch Aarburg, und Brugg, die gewaltigen Vesten. Aber vor allen hieß die »Herrliche« jene von Habsburg: Denn mildherzige That an den Dürftigen, eisernes Schirmrecht Gegen die freche Gewalt des Unterdrückers der Schwachen, Uebten aus ihr, gebührend, die weitgerühmten Gebiether. Dort erwuchs, entflammt von dem Ruhm gefeierter Ahnen, Rudolph, Albrechts Sohn, des Weisen, und Hedwig, der Frommen, Lernend durch Gottesfurcht und Weisheit frühe des Lebens Höchstes Glück in der eigenen Brust zu gründen für immer. Doch wo wäre Beginn und Ende? so Alles und Jedes Ich dir kündete: wie an den Hof ihn Friedrich, der Kaiser, Der zu der heiligen Tauf', als Path' ihn führte, gerufen, Daß er ihn lehrte mit Rittersmuth nach rühmlichen Thaten Streben; wie er im sicilischen Krieg', und in jenem von Oestreich, Gegen den Streitbar'n focht, und miterstürmte die Stadt Wien, Die, vor allen beglückt, ihn einst als Herrscher begrüßet; D'rauf in der Ahnen-Burg[11] zugleich mit dem Vater das Kreuz nahm; Nach dem Gelobten-Land, die Feinde des Kreuzes bekämpfend, Wallete; dort den Vater begrub, und, als er zur Habsburg Heimzog, freudig zu eh'lichem Bund sich Annen erkies'te, Hochbergs Kind, voll Huld, und die tugendreichste der Frauen -- Auch, allmänniglich werth, ein trefflicher Ritter und Herr war. Wohl gebräch' es mir auch an der Zeit und an Odem, geziemend Nun zu schildern die sieg- und ruhmverherrlichten Krieg' all', Die er geführt in den zweimal eilf unseligen Jahren, Wo das verwaisete Reich nach Friedrichs Tode, des Kaisers, Voll von Mord und Plünderung war, da in grauser Verwild'rung Aus der thürmenden Burg ein jeglicher Ritter, nach Willkühr Schaltend, Sitten, Gesetz', und allem Heiligen Hohn sprach; Wie er beschirmte das Recht und die Unschuld stets, und das Banner Habsburgs ward dem Schwachen zum Trost', und den Räubern zum Schrecken. Aber vernimm dieß einzige nur, wie kühn, wie entschlossen, Und wie edel er ist! Ihm stand der Abt zu Sanct-Gallen, Der, ein Falkensteiner, das Schwert und den hirtlichen Krummstab Kundig zu führen gelernt, gar feindlich entgegen; sie quälten Tapfer sich ab. Da brach sein Zorn auf die Baseler Bürger Los, die ihm, wildempört, erschlugen die Freund' und Verwandten: Denn mit wenigen Reisigen hielt er still vor den Thoren Wyls, des Städtchens, und heischte noch Einlaß dort zu dem Stiftsabt, Der bei dem nächtlichen Imbiß saß, und, erstaunet, ihn ansah. Aber er both ihm die Hand, und sprach: »Daß ich also zu dir kam, Diene zum Zeichen dir: ich achte dich, redlichgesinnet, Wie ich es bin, und vertraue dir kühn so Leben und Freiheit. Höre, viel besser wär's, daß wir uns in Rechten vertrügen, Heute noch; dann die Waffen vereint, nach den Baselern kehrten, Die mir erschlugen die Freund', und erwürgten die theuern Verwandten!« Also geschah's: sie schmaus'ten versöhnt. Am kommenden Abend Zogen sie rasch auf die Baseler los, und fürchterlich brannt' es Bald von der Stadt auf; bald versöhnete Blut die Erschlag'nen, Und die Gegner umfing der Friede mit traulichen Armen. D'rauf durchschwamm er die Furt, die noch »habsburger« im Land dort Heißet, des mächtigen Rheins mit reisigem Volk', und erstürmte Breisach kühn, mit dem Stahl in der Faust, ein trefflicher Stürmer!«

Laut aufjubelten jetzt die Kumanier, preisend des Ritters Heldenmuth, und, ergreifend, voll Hast, den irdenen Weinkrug, Der vor jeglichem stand, mit edelem Moste gefüllet, Leerten sie ihn bis zum Boden hinab auf seine Gesundheit Aus, auf einen Zug: daß ihr Haupt mit dem steigenden Weinkrug Weit zurücke sich bog, und stellten ihn dann auf den Tisch dort Nieder mit ohrerschütterndem Schlag. Doch wieder begann er: »Also erscholl sein Ruhm zu den fernentlegensten Ländern So, daß der Böhmen-König sogar, der jetzt in dem Feld uns Biethet die Fehd' auf Leben und Tod, mit schimmernder Goldschrift Ihn an den Hof zu sich lud, und zum Marschalk, ehrend, ernannte. Ha, nicht reut' ihn die Wahl! Er focht ihm zur Seite mit Siegsruhm, Gegen die Heiden im Preußenland', und errang ihm den Lorber Auch im Vernichtungskampf g'en Bela's schreckliche Heersmacht. D'rum kein Wunder, daß er, nach dem Wink der erbarmenden Vorsicht, Die des gemeinsamen Vaterlands unendlichem Jammer Setzen wollt' ein Ziel, von den _sieben_ glänzenden Sternen Unser's heiligen Reichs zur herrschenden Sonne gewählt ward: Daß er im goldenen Schmuck der Kaiserkrone des Segens Strahlen über die Gau'n des deutschen Landes versende. Sieh' er lag vor Basel mit Macht; da brachte die Bothschaft Ihm der Pappenheimer! Er stand, und wankt', und besann sich; Aber, auf Gott vertrauend, geboth ihm das Herz in dem Busen Freudigen Muth. Er ging, und bald vereinte der Krönung Allerfreuendes Fest die Völker der Deutschen zu Aachen. Dort heischt' er, im Dome gekrönt, den Eid von den Fürsten: Daß sie verschafften nach _Recht_ dem heiligen, römischen Reich' jetzt, Was ihm die Faust entriß.[12] Sie ersannen, zaudernd, die Ausflucht: »Noch vermiss' er zum Königseid' den Zepter der Ahnen.« Doch er wandte sich schnell; hob selbst das Kreuz von dem Altar; Hielt es empor, und rief: »Wer kennt ein schöneres Zeichen, Kraft zu verleihen dem Eid', denn dieses, woran der Erlöser Sterbend hing, und uns errettete, heilig und wahrhaft?« Und sie schwuren darauf: erbebend dem herrschenden Manne, Der so kräftig gesprochen -- so fest- und so muthiggesinnt war. Dir, und manniglich ist es bekannt, wie der Kaiser, Rudolphus, Redlich gehalten sein Wort, und treu gelöset den Schwur hat: Bannend den Uebermuth, und des Faustrechts wildes Gewaltreich Muthig aus Deutschlands Gau'n -- an Leib und an Seel', er, ein Deutscher, Der bald unserer geist- und herzerhebenden Sprach' auch Sinnig zu Ehren half: in den Kanzeleien den Vorzug Ihr vor dem todten Latein, dem schwerverständlichen, gönnend.[13] Also geschah es, daß, dankerfüllt, ein jegliches Herz ihm Huldigte: denn ihm zürnet allein der König der Böhmen, Weil er, thörichten Sinns, die Kaiserkrone verschmähend, Sie auf dem Haupte des Mannes sah, der einst ihm als Marschalk Dienete. Doch umsonst bestürmt er die Erd' und den Himmel, Sie zu entreißen dem Haupt, dem Gott sie gegeben, zum Segen Gegenwärtiger Zeit und endlos dauernder Zukunft. Ha, schon winket das Morgenroth! So höre mit Huld nun, Was mein Kaiser und Herr zum freundlichen Gruß dir entbiethet: Wenn von dem Kahlenberg in dem mitternächtlichen Grauen Hoch die Loh' auffleugt: dann eil' aus dem schirmenden Lager Schnell hinüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge Sie in dem trocknen Geröhr' an dem Weidenbache bei Marcheck: Denn auch er wird also dir nah'n, und die Hände dir reichen Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.« Und er erhob sich nun, schnell heimzukehren, entschlossen.

Glühenden Blickes sah aus dem schimmernden Thore des Morgens Nach dem Zelteingang die Sonne herüber, und hauchte Hüpfende Funken in's bleiche Gesicht der schläfrigen Krieger, Die um den König herum sich lagerten. Aber er hob jetzt, Stillhinbrütend, vom Stuhle sich auf. Zur glänzenden Heerschau Dacht' er zu wecken sein Volk, dem scheidenden Fremdling zum Staunen. »Gern,« so entgegnet' er, »will ich mich ganz dem Winke des Kaisers Fügen, und eilen in's Feld, sein redlicher Bundesgenosse; Aber nicht wollest du scheiden zuvor, eh' dir nicht zur Heerschau Draußen mein Volk sich wies: nicht soll sich's lange verziehen.« Sagt' es; riß sich das Schwert von der Hüft', und schlug in die Tafel Dann mit der Klinge so stark, daß die ird'nen Gefäße zum Boden Taumelten: ein's das and're im Flug zu Scherben zerschmetternd. Wunder zu schau'n! Da fuhr in brausender Eile der Feldherrn Leise zum Schlaf hinnickende Schar von den Sitzen, und leer war's Bald in dem weiten Gezelt. Dem Könige folgte der Ritter Staunend nach. Doch jetzt erschollen von grausem Gebrülle Tausend Hörner, die einst die mächtige Stirne des Pflugstiers Ziereten, breitgestellt, daß kaum der größte der Männer Sie mit den Armen ermaß von einer Spitze zur andern. Schon erhob sich Geschrei und Getös', und das Wiehern der Rosse Rings in dem Lager, und füllte mit Angst und Entsetzen die Umwelt. Hoch auf fuhr der finstere Staub, und dicht, wie der Krähen Wimmelnde Schar durchstürmt den nebligen Himmel, so flogen, Schnell gewahrend den Wink des Königs, unzählige Haufen, Sich in den Sattel schwingend, voll Hast, nach dem Ufer der March hin.

Dort, auf dem sandigen Feld', in fernhinschwindenden langen, Drei Mann tief, geordneten-Reih'n aufritten die Kunen: Lenkend hurtige Rosse vor und zurück mit des Schenkels Mächtigem Druck, den, weitumflatternd, das leinene Beinkleid Hüllete bis zu der Ferse hinab, und den ledernen Bundschuh'n. Sonst ihr Kleid: ein Pelz von dem zottigen Vließe des Widders, Ueber dem kürzeren Hemd', das halb des Niedergebeugten Rücken entblößt -- doch weit die Arme umwallt, und, der Scheitel Zur Bedeckung, die Mütze von Filz, mit der wallenden Feder. Zehnmal tausend' erhoben zur Luft den blitzenden Säbel, Der der Sichel des Neumonds glich in der Krümm', und es führten, Eben so viele den Bogen und Pfeil mit dem hämmernden Tschakan. Diese lenkte Suhol, der Eber genannt von den Seinen, Ob des unbändigen Muths, und der Blitzstrahl, Kaduscha, jene: Denn er flog so schnell wie der Blitz im Sturme der Schlacht hin. Aber der Ungern edeles Volk beherrschte Matthias Von Trentschin, der schlachterfahrene, tapfere Feldherr, Dessen gewaltige Burg an den schimmernden Fluthen des Waagstroms, Dräuend, in's Waag-Thal schaut, und Schrecken gebiethet den Feinden. Auch er führte heran zehntausend muthige Reiter, Welchen der Kalpag zierte das Haupt mit des Reihers Gefieder; Aber der Pelz, am Rücken hinab an goldenen Schnüren Hängend, von hellblau'm Tuch, verbrämt mit schwärzlichem Lammsfell, Und gelbschimmernden Knöpfen besetzt; dann, ähnlich, der Dolman, Schimmernd von Gold an der Brust, vom seidenen Gürtel umfangen, Ziert' ihm den Leib, und der Bein' anschmiegende, gleiche Bekleidung Zierte die Füße zugleich mit den spornenbewaffneten Tschismen. Jeglicher hielt in der Faust, an die Schulter gelehnet, des Säbels Krummgehämmerten Stahl, der, sausend, die Feinde zerschmettert.

Als nun Hugo die Völker geseh'n, da sprach zu Matthias Von Trentschin der König, ihm selbst und den Seinen zur Trauer: »Tapferer, weile dahier mit deinen Geschwadern, des Lagers Mächtiger Hort: denn bald, erbaut auf schwankende Fähren, Einet die Brücke des Flusses Gestad', und all das Geräth hier Schaffest du dann noch heute hinüber, dem Heere zum Vortheil! Aber, o freundlicher Greis, du, Hugo von Tauffers, der Ritter Edelster, folg' mir nach, und künde dem mächtigen Herrscher, Heimgekehrt in die Kaiserburg, was du an der March hier, Staunend, gewahren wirst; künd' ihm: wir stehen den Feinden Jenseits nahe genug; zum würgenden Kampfe gerüstet!« Sagt' es, und sprengte voraus: ihm nach die Kumanier alle, Mitten hinein in den Fluß, hinüber zu schwimmen, entschlossen. Hochaufspritzte die Fluth dem gewaltigen Drange; die Wässer Brauseten laut von unzähligen Hufen der Rosse geschlagen; Brandend flogen die Wellen zum Land', und schäumten, und zischten Endlos. Wie in dem eisigen Belt keckmuthige Fischer, Eilend zum Wallfischfang' in schaukelnden Booten, auf einmal Nahe des Unthiers Riesengestalt, das Heere der Fischchen Vor sich jagt, erseh'n: da werfen sie schnell die Harpun' aus, Die zweizackig gespitzt, einstürmt in die Weiche des Bauches, Oder in's breite Genick des riesigen Fisches, und Blut färbt Alsbald ringsum das Meer: denn eilig hinunter zum Abgrund Fährt er, und eilig herauf, und peitscht mit dem Schweife die Meerfluth, Daß sie himmelan fleugt, und röchelt mit dumpfem Gebrülle Durch den schrecklichen Sturm der empörten Gewässer: so wogte, Schäumt', und braus'te die March, als jetzo die Kunen hinüber Mit gewaltigem Lärm und Geschrei, die wiehernden Rosse Spornten, und all' das Heer errang, durchschwimmend, das Ufer. Hugo saß in dem Sattel, und schwieg; doch jetzo besann er Sich nicht lang', und schwamm (ihm folgte der redliche Knappe) Eisenbewehrt, wie er war, auf dem mächtigen Gaule hinüber; Schwang das Schwert in die Luft, und flog entgegen der Hauptstadt.

Vierter Gesang.

Leis' entschwebte die Nacht; aus dem hehren Gewölbe des Himmels Schwanden die Sternenheere dahin, und auf gaukelnden Lüftchen Schien ein freundlicher Tag sich herab auf die Fluren zu senken: Doch, es erhob vor dem Morgenroth am östlichen Erdrand Sich ein Nebelgewölk, das, eiligen Flugs, sich verbreitend, Mehr und mehr den hochaufwölbenden Himmel befleckte. Sieh', als jetzo dem Saum der lichtergewordenen Höhen Näher die Sonne kam: da erglühten im bläulichen Luftraum Rings die zerrissenen Wolken umher, blutröthlichen Schimmers. Jetzt erhob sie das Haupt; nur sparsam scholl aus den Lüften Und aus dem Wald, der Morgengruß der befiederten Sänger Ihr entgegen: sie sah mit trauerndem Blicke herüber. Schwül umwogte die Luft; erboßter quälten die Fliegen Menschen und Thiere zugleich; dumpf klang der wechselnde Windstoß Ueber die Heid': er kräuselte weit den Rücken des Stroms hin, Und erhob in Wirbeln den Staub. Kein kühlender Nachtthau Hatte die Fluren erquickt, und die Schöpfung trauerte ringsum: Zeichen all' annähernden Sturms und gewaltigen Regens. Aber im Zelteingang, verlassend das nächtliche Lager, Saß der Kaiser, und sah mit düsterem Blick' in des Morgens Dräuende Gluth. Er dacht' im Geiste das dunkele Schicksal Tausender, bis zu dem Abendlicht' entschieden zum Leben, Oder zum Tode, mit Angst! Bald sollten die Lose, so grau'nvoll, Fallen des blutigen Kriegs -- des holdumlächelnden Friedens, Wie es dem mächtigen Feinde gefiel, dem er ihn gebothen. Ach, der Jammer des Volks durchdrang ihm die Seele! Zum Himmel Hob er den Blick, und lispelte so mit gefalteten Händen: »Laß den Frieden, o Herr, ihm mild erscheinen im Frühroth, Und erwärmen sein Herz mit den huldausspendenden Strahlen, Daß er erkenne die eigene Schuld, entsage der Rachgier, Und, als Herrscher versöhnt, heimkehre den Seinen zum Segen!« Aber mit Staunen vernahm's der, einst kampfdürstende Marbod, Als er umschwebte das Haupt des Bethenden, wie er dem Gegner Frieden gelobte, versöhnlich und mild, und konnt' es nicht fassen -- Er, der stets nur Schlachten ersehnt', und glühenden Muths voll, Selber aufreizte den Feind auf den Pfaden des irdischen Lebens. Zweifelnd stand er lange vor ihm. Er wähnte, bekümmert: Ihm gebrech' es an Kraft und an raschvordringender Kühnheit (Nicht begreifend sein Herz, ein Irrender, Lichtesberaubter) Wiegte das Haupt, und fuhr, verstört, zu dem Morgengewölk auf.

Siehe, der Kaiser trat alsbald erheiterten Blickes Aus dem Gezelt, und hörte mit Lust, unferne dem Lager, Walten geschäftig das Volk der Zimmerer, Schmied', und der Schreiner. All' die Nacht forthämmerten sie bei dem Scheine der Kesseln, Die mit schwärzlichem Pech und duftendem Harze genähret, Weit erhellten die Au an des Heerwegs schlängelndem Zug hin. Draußen bei Floridsdorf am Donaustrande, wo dreifach, Strahlen gleich, fortzieh'n die länderverbindenden Straßen: Diese nach Ungerland -- nach Böhmen und Mähren die andern, Eileten sie, zu erbau'n die Gerüst' und die Schranken der Turnbahn. Hundert Schritte, die Straß' entlang, und der Breite nach fünfzig, Ebneten sie den Grund schnurgleich, und bestreuten ihn zolltief Dann mit dem schimmernden Sand, der drüben am Ufer gehäuft lag; Fügten auf Säulen die Balken umher, und trennten mit Absicht So von dem Wiesengrund das langgedehnete Viereck. Aber es wich an dem unteren Rand des umschrankten Gebiethes Quer ein Balken zurück, so er Einlaß both den Erwählten, Und an dem oberen stand, gar herrlich gestaltet, die Prachtlug[1] Oben verziert mit dem Doppelaar, mit der Kron' und dem Zepter, Und von Innen geschmückt mit Sammtvorhängen von Purpur, Die an dem Saum' umher von goldnen Blumen erglänzten. Dort dem Herrscher und seinem Gefolg', erles'nen Geschlechtes, Standen die Sitz' erhöht, und emporgereihet im Halbkreis'; Doch ein breites Gerüst, entlang die Schranken der Turnbahn, Bauten sie auch; versahn's mit emporgereiheten Sitzen Für schaulustiges Volk aus den nahen und fernen Gefilden, Und erhöhten die luftigen Zelt', entgegen der Prachtlug: Tapferen Rittern zur Rast, die her zu turneien gekommen. Als der Krieger dem Zelt' enteilete, stand er, vor Staunen, Plötzlich verstummt; er rieb sich die Augen im dämmernden Frühroth; Sann: ob Träume der Nacht ihn äfften, oder von fern her Irgend ein Zauberer kam, und die Luftgebilde zur Schau gab? Doch bald lacht' er des eitelen Wahns: hochrühmend die Meister Des, mit Geschick und regsamer Kraft geförderten Werkes; Eilte hinaus, sein Roß an dem Standpfahl, wo es die Nacht durch Ruhete, jetzt mit sorglicher Treue zu warten, und klopft' erst Selbes am mähnigen Hals' mit der Hand, im freundlichen Zuruf; Aber es scharrt' in dem Grund', und wieherte, gierig des Futters. Rings erwachte Getös' und unendlicher Lärm in dem Lager.