Rudolph von Habsburg: Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen. Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (2/3)

Part 5

Chapter 53,626 wordsPublic domain

Dort, wo im schimmernden Zelt', umfangen von nächtlichen Schatten, Ottgar eben, vereint mit den tapferen Helden, zu Rath saß, Hielt er, schwebend, und sank, wie der Aar, der hoch aus dem Luftraum Auf die kreischenden Jungen sich senkt, vor dem Zelte herunter; Doch wie erwachte sein Zorn, als jetzt Drahomira die Recht' ihm Lächelnd both, im Wahn: er nah' als Verbündeter Freund ihr. Grimmig sah er sie an; sie lächelte wieder, und sagte: »Ha, nicht hast du die Knie' vor des Menschen-Sohne gebeugt einst, Du, in dem Lande der Frei'n Geborener: hast in des Eichwalds Schauriger Nacht, noch triefend von Blut, geopfert den Göttern -- Zwar erschuf sie der Wahn, doch hatten wir Schuld an dem Irrwahn Dort? Jetzt nähr' ich ihn kühn -- will nie dem stolzen Gewaltspruch Huldigen. Komm, und stehe mit mir im Bund des Verderbens. Stark ist mein unbändig Gemüth: dir will ich auf immer Thatengenossinn seyn auf der Bahn, die Empörung genannt wird Von dem Beherrscher des All's. Wir wandeln sie muthig und kühn fort, Wie er es will, uns fern von des Lichtreichs Gränze verbannend. Uns vereine das gleiche Geschick und die gleiche Gesinnung: Ottgar falle besiegt; Kunegund' sey Herrscherinn! Mir gleich Trägt sie im Busen ein Herz, voll Kraft, und unbändiger Kühnheit.« Aber sie lockt' ihn umsonst: aus der Bläue der trotzigen Augen, Die, vom röthlichen Haar umwallt, einst, Gegnern zum Schrecken, Glüheten, sah er, verachtenden Blicks, auf die Zauberinn nieder; Wandt' ihr den Rücken, und fuhr in den Raum des Zeltes herunter: Denn ihm schwebt' Erwinens Bild vor den Augen, und Thränen Trübten sie schnell, da er jetzo, bewegt, der Sanften gedachte. Doch als sie in dem Kreis' der Versammelten hier Kunegundens Herz mit verblendendem Zorn und Haß zu erfüllen bedacht war; Ottgar selbst, von dem Weib' empört, dem Herrscher der Deutschen Grause Vernichtung sann; Verrath in den Mauern der Hauptstadt Gegen ihn dräuend sich hob, und, »Rache,« die Losung des Heers war: Ha, da flog der entrüstete Geist in Eile von dannen! Eben erglühte das Morgenroth, erneut, wie der Hoffnung Herzerheiternder Strahl, an dem östlichen Himmel. Er fühlte Ruh' in der stürmischen Brust, und schwebte hinan zu den Zinnen Wiens, wo er bald mit ringsumspähendem Blick im Gebein-Haus, Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen, Rüdiger Waldram fand, der dort mit den Bürgern zu Rath saß: Rudolphs Feinden die Veste noch heut zu verrathen, entschlossen. »Seht,« so sprach er, »uns frommt's des ruhmverherrlichten Ottgars Herrscherthron zu erhöhen in Oestreichs blühender Hauptstadt. Wir sind Bürger der Stadt, und erfuhren es all' in der Wahrheit, Daß uns Rudolphs Macht, des stolzaufstrebenden Fremdlings, Schon in dem früheren Völkerkampf nicht zu schirmen vermochte. Seine Heimath ist fern -- ein Aargau'r bleibt er noch immer. Flieht den Leu'n im güldenen Feld: _roth_ glüht er vor Ingrimm;[4] Aber euch sey in dem Purpurfeld der _weiße_[5] willkommen, Selbst vor dem Doppelaar, den Kaiser Friedrich, der And're,[6] Hier zum Wapen uns gab. Nun hört', ihr Getreuen! Erschallen Wird vor dem Stubenthor im mitternächtlichen Grauen Dreimal ein Glöckchen. Es ruft uns zur That: denn kühne Gesellen, Von dem König der Böhmen gesandt, durcheilen den Wehr-Gang Außer der Veste, wo ich in Menge die tödlichen Waffen Heute gehäuft. Wir öffnen das Thor, und, wißt es: verrathen, Oder errungen im Blut -- uns gleich! wir biethen die Stadt ihm Morgen zum Unterpfand des jüngstbeschworenen Bundes. Eilt nun heim, und gedenket des Muths, und des herrlichsten Lohn's nur!« Schweigend reichten ihm jene die Hand, und eilten von dannen.

Aber mit Schrecken vernahm den schnöden Verrath an dem Kaiser Marbod im schwebenden Flug', und sann, wie er solchen vereitle. Jetzt entschloß er sich rasch, zu nah'n im warnenden Traumbild Hugo von Tauffers, dem Greis' unbändigen Muthes im Schlachtfeld, Dessen gewaltiger Feldherrnkraft die Veste vertraut war. Wie sich ein Nebelgewölk hersenkt auf die dämmernden Berghöh'n: Also nahet' er ihm, und wies in der Tiefe des Grabens, Außer dem Stubenthor', ein Heer von Wölfen: sie folgten Eilig dem Weidmann nach, der wildanlockenden Köder Trug in der Hand, und Waldram glich, voll triegender Arglist. D'rauf durchstürmten sie das eröffnete Thor, und erwürgten Ringsum Kinder und Greis', und lautaufheulende Mütter So, daß das Blut durchwogte die Stadt, wie ein brausender Gießbach, Der im regnigen Herbst mit schäumenden Fluthen daherfleugt. Stöhnend entwand sich der Held dem Traum', und sagte, verwundert: »Wahrlich, mir führte die Nacht noch nie so klar und lebendig Gaukelgebilde des Schlafs an der Seele vorüber. Mich dünket, So ich es recht erwäg' im Gemüth: ein warnender Traum seys!« Und er erhob sich behend', um die Veste besorgt in dem Herzen.

Jetzt erscholl ringsher von den hochaufragenden Wällen, Mächtiger stets Drometengetön', und unzählige Glocken Weckten mit ehernem Schall des Volks unendlichen Jubel: Denn von des Berges Höh'n, wo die Spinnerinn saß an dem Kreuzbild, Kam Kriegsvolk, und vor ihm der erhabene Kaiser. Die Sonne, Die sich im rosigen Osten erhob, sog blitzende Strahlen Aus dem stählernen Kleid der Gewaffneten, herrlich zu schauen! Rührend zugleich, und herrlicher noch: wie, inmitten des Volkes, Das entgegen ihm zog, im Geleit zwo lieblicher Töchter, Agnes und Adelheid, und Hartmann, ihres Erzeugten, Man die Kaiserinn trug in der Sänfte. Die Mutter der Armen Hieß sie dem Volk', und hieß die trefflichste Mutter und Gattinn: Mild sich bewährend an allen zugleich, ein Engel an Sanftmuth; Doch sie naht', abzehrend, des Lebens Ziel', und auf einmal Welket sie hin wie die Blume, versengt vom giftigen Mehlthau.

Draußen in Matzleinsdorf, wo fromme Verehrer ein Standbild Weihten dem Sankt Florian, dort hob Jahrhunderte lang schon Eine Linde sich auf, die mächtigen Zweige verbreitend Rings, und biethend in Sommers Zeit umschattende Kühlung So dem Pilger zugleich, wie dem schwerarbeitenden Löhner. Dort geboth er die Rast, und grüßte die nahende Volksschar Freundlichen Blicks. Doch jetzt, die treffliche Gattinn gewahrend, Trat er zu ihr, und führte sie sanft zum beschatteten Sitz hin. Wie ihm die liebende Brust auch blutete, sie an des Lebens Kraft so erschöpft, und ach, dem Tode verfallen zu schauen; Dennoch bezwang er den Schmerz, und sah ihr noch heiter in's Antlitz! Aber das liebliche Paar der Töchterchen legt' ihr das Kissen, Unter den Füßen zurecht, und wand das Tuch ihr mit Sorgfalt, Um die erschütterte Brust: der dräuenden Kühle gedenkend. Doch sie sprach zu dem trauten Gemahl, verweisend mit Sanftmuth: »Gar nicht erwägest du, ach, wie des Vaters die Kinder bedürfen -- Meiner, der Mutter, nicht mehr: denn schon gewahr' ich sie mündig Alle vor mir, und bewahrt, mit Gott, in jeglichem Guten! Rastlos sucht dein Geist nur Müh' und Arbeit: die Tag all' Schwinden dir hin, und die Nächte, gesammt, in ewigem Streben Nach dem erkorenen Ziel', und die Ruh' erquicket dich nimmer. Auch bestehst du zu oft und zu kühn die Gefahren, als Herrscher; Zogst auch jetzo hinauf g'en Lilienfeld in dem Waldthal Nur mit schwachem Geleit, und leicht wohl hätte die Heimkehr Dir der Böhme verwehrt, so ein arger Verräther es kund that. Weh', und neu entflammt sich der Krieg! Von neuem beginnst du Wieder den blutigen Lauf, und, ob auch die liebende Gattinn, Ob die Mutter vergehe vor Angst, und die Kinder, verwaiset, Schreien nach dir -- umsonst: du kennst, Tollkühner, die Furcht nicht! Ach, erhob dich die Huld der ewigwaltenden Vorsicht Nicht auf den Thron, daß du beglückest unzählige Völker; Führest den Frieden zurück' in die sturmerschütterten Gauen Deutschlands, unseres Vaterlands, und erhebest die Ostmark, Deinem Geschlechte zum Ruhm -- zum Sitz' unendlichen Segens?« Jener entgegnet' ihr sanft: »Nicht also gedacht, und gesprochen Hast du, Theure, zuvor in den blühendentfalteten Jahren, Als in den Kampf dein Held auszog. Du reichtest die Waffen Selber ihm dort, vom Staub sie reinigend, oder vom Blutrost Oft mit dem Hauche des Mund's und den zartgestalteten Fingern, Und umgürtetest ihn mit dem Schwert, nach ad'liger Sitte. Zwar dir pochte die Brust, und die rosigerglühenden Lippen Zitterten ob den Gefahren des Kampfs; doch immer bezwangst du, Schweigend, die Angst, und theiltest die Freude des kehrenden Siegers: Denn nicht eitelen Ruhm, nicht schnöden Besitz zu erjagen, Lag ich draußen im Feld; nie schaffte mein Eisen das Eigen Armer und Waisen mir heim: nur diese zu schirmen -- zu rächen Unterdrückung und Schmach der Unschuldigen, zog ich mit Macht aus, Wie es die Ritterehre geboth. Auch jetzo, gezwungen Nur, entreiß' ich das Schwert der rostenden Scheide. Des Friedens Bothen, erhaben an Rang und Verdienst, entsandt' ich in's Lager Ottgars erst: wohl mir, so er beiden ein günstiges Ohr leiht! Doch so er taub verschmäht den ein- und den anderen: dann sey Gott befohlen mein Haupt. Ich muß ja leben, und sterben, Wie es der Völker Wohl und des Herrschers heilige Pflicht heischt. Mög' er Tröster dir seyn, und das Leben noch lange dir fristen Mir zur Freud', und den Kindern zum Glück', auf immer und ewig!« Jetzo erhob er sich rasch von der steinernen Bank mit der Gattinn; Winkt', und reicht' ihr, zum Scheiden, die Hand. Durch quellende Zähren Sah'n sie lang' einander in's Aug': die Zitternde sank ihm Dann, voll Hast, an die Brust, und küßte das pochende Herz ihm. Angst ergriff das Volk, und ihr' Erzeugten verhüllten, Weinend, das Aug': sie kehrete heim nach der einsamen Hofburg. Ach, nicht sieht er sie mehr, die holde Geliebte der Jugend, Nicht die erlesenste Gattinn mehr, nicht die beste der Mütter: Denn ihr Lebenslicht soll nun, wie die Lampe verlöschen, Die, des Oehles beraubt, nur matt aufflimmert noch einmal!

D'rauf an der Wien, die träg in den buschigen Ufern sich fortwälzt, Führt' er die Heerschar schnell den Mauern der Veste vorüber: Denn nicht wollt' er die Burg in den Tagen des Kampfes beschreiten, Wählend das Zelt zur Wohnung im Kreise der tapferen Krieger. Außer dem Stubenthor naht' ihm mit eilenden Schritten Hugo von Tauffers, er, des treuen, tyrolischen Berglands Heldensohn, der, jüngst erkoren zum Schirmer der Festung Tausend trefflichen Schützen geboth, die er warb in der Heimath. »Herr,« so sprach er ihm leis' in das Ohr, »nicht wollest du Hugo's, Deines Getreu'n, der lange, fürwahr, den Schuhen des Jünglings Schon entwuchs, jetzt höhnen, als aberwitzigen Träumers! Wohl ist des Menschen Geschick, zu spielen als Kind an dem Morgen; D'rauf an dem Mittag ernst zu wandeln als Mann, -- wie ein Kind fast Sich zu geberden als Greis, an dem Abend des wechselnden Lebens; Doch, getrost: noch sitzet das Haupt mir fest auf den Schultern; Schaue noch scharf in die Fern', und mir entgehet der Laut nicht, Der zu Thaten mich ruft im rühmlichen Felde der Waffen! So verkünd' ich dir jetzt, wie heute am dämmernden Morgen Mir ein Wundertraum das Geheimniß enthüllte, daß Gegner Drinnen im Schooße der Stadt gehägt, gleich giftigen Nattern, Sinnen auf Mord und Verrath. Ich sah an dem heimlichen Wehr-Gang, Der, verborgen im dichten Gesträuch, vom Ufer der Donau, Vielverschlungenen Zugs, zu dem inneren Graben heraufführt, Listigeröffnet die Thür', und gehäuft unzählig die Waffen: Sie zu vertrau'n der würgenden Faust verruchter Gesellen. Auch entnahm ich zuvor aus dunkelen Zeilen, daß Waldram, Gestern um Mitternacht Rath hielt im grausen Gebeinhaus Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen. Solches erwäg', o Herr, und begegne dem schnöden Verrath jetzt!« »Horch,« so gab ihm der Kaiser zurück, »der Huth in der Festung Eine sich hier die Schar zweitausend gewaltiger Schweizer Heute noch, die, so heiß' es, erschlaffte die dauernde Heersfahrt! Hartmanns Muthe vertraut sey dann die Vest' und die Hofburg; Doch du schwinge dich hurtig auf's Roß, und reite g'en Theben, Wo schon Ladislav, mit der Krone des heiligen Königs Jüngst geschmückt, als Freund und verbündeter Kriegesgenosse, Unser mit Sehnsucht harrt im Kreise der tapfer'n Magyaren. Ihm entbiethe denn unsern Gruß: er solle bereit steh'n, Bis von dem Kahlenberg', in dem mitternächtlichen Grauen Hoch die Lohe sich hebt: des Kampfs bedeutender Wink; dann Eil' er herüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge Sie in dem trocknen Geröhr', an dem Weidenbache vor Marchek. Auch ich werde nicht fern mehr seyn, und ihm einen die Scharen Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.« Hugo vernahm das Wort -- nicht zweimal braucht' er's zu hören: Denn er hob sich, behend', im kreisenden Schwung in den Sattel, Jagte davon -- ihm nach der rüstige Knapp', und in Säulen Hob sich der Staub empor in die Luft vom schimmernden Heerweg.

Doch nun theilten die Schützen Tyrols mit den tapferen Schweizern Wiens ruhmwürdige Huth, wie solches der Kaiser gebothen, Der das Schwert von der Hüfte sich nahm, und dem tapferen Hartmann, Seinem Erzeugten, es gab mit sanftermahnenden Worten: »Deinem Muthe vertraut sey jetzo die Burg und die Festung Wiens, der herrlichen Stadt. Ein rettender Schild der Bedrängten Mögest du seyn, und den Ruhm von deinem Geschlechte bewahren, Das von der Habsburg kam, und Oestreich, liebend, zur Heimath Sich erkor: ihr Glück auf immer zu gründen, entschlossen!« Sagt' es, und Hartmann trat mit schweigendem Ernst in die Vest' ein, Dort zu gebiethen der Schar wallschirmender, muthiger Völker. Trauer umwölkte sein stilles Gemüth. Von den Sterblichen einer, Die, durch Prüfung bewährt, des Herrn verborgener Rathschluß Wandeln heißt auf der Dornenbahn in die ewige Heimath, Wuchs er in Schwermuth auf. Den Gegnern gefürchtet im Schlachtfeld, Und von Jeglichem ob des Wissens Reichthum bewundert, War er der Aeltern Stolz, und die Freude der edelsten Menschen; Doch mißlang ihm oft sein Müh'n und Streben, und ach, erst Kündet' ihm Eginhard des stolzgesinneten Fräuleins Liebeverschmähendes Wort. Er hielt sich die Brust mit der Rechten, Wo das Herz empörter ihm schlug, und sah zu dem Himmel Düsteren Blicks, empor; doch bald bezwang er sich wieder: Mit Ergebung vor Gott, und den Menschen zu wandeln, entschlossen. Jetzt, so hoch ihn der Ruf des Heldenvaters auch ehrte, Inner den ragenden Mauern Wiens dem Feinde zu trotzen, Und zu entreißen den Sieg, nicht weckt' er ihm Freud' in dem Herzen: Denn ihn hieß auf den Kahlenberg zur stillen Karthause Pilgern ein frommes Gelübd', und, wie es nun lösen? -- nicht wußt' er's.

Aber es zog auf der Brücke dort, die, einigend Leupold's Außen- und Inselstadt[7] mit dem Land' und der Vest', in dem Grund fußt, Eilig der stattliche Kaiser einher vor den muthigen Scharen. Schmal, und getrennt von dem Riesenarm der herrschenden Donau, Wogt in der Tiefe der Strom, und umfaßt ein mächtiges Eiland, Das im Schooße die Außenstadt und umschattende Auen Lieblich vereint, zur Lust des wandelnden Städtebewohners. D'rauf im Eilschritt ritt er hinaus auf den schwankenden Bohlen, Wo auf dem Riesenstrom sich die Fähren an Fähren, im Halbkreis Reihten, dem wachsenden Mond' an dem Sternenhimmel nicht ungleich, Wenn er auf dunkeles Nebelgewölk im Westen hinabsinkt. Angelangt an der Spitze, vom Tabor hinaus, wo im Aufeld Links an der Straß', und rechts sein Heer das Lager bezogen, Sah er zum Ehrenempfang die Scharen geordnet, und winkte Beifall den Amtnern[8] zugleich, und den muthbegeisterten Kriegern: Denn schon hob sich ihr Freuden-Geschrei die Reihen hinunter, Endlosdauernd im Ruf: »Hoch lebe der Kaiser Rudolphus!«

Allen voran stand dort der Hauf' östreichischer Krieger, Ober'n und unteren Lands; die letzteren führte Capellen, Jene Dietrichstein in das Feld: zehntausend der Männer, Die mit dem Panzerhemd, mit dem Helm', und dem Schilde bewehret, Kämpfend zu Fuß, aufschwangen im Feld die tödlichen Lanzen. Aber das muthige Volk der Steyrer, der Krainer, und Kärnthner Stand an jene gereiht, und, wahrt' auch der Helm nicht das Haupt ihm, Nicht der eiserne Harnisch die Brust; doch würd' es, den Degen Schwingend, durchbrechen im Sturm, und erringen den blutigen Kampfpreis. Pfannberg, Meinhard, und Ortenburg die untad'ligen Feldherrn, Riefen die Völker in's Feld: dreitausend erlesene Reiter. Auch der Schweizer gewaltiges Volk, und der heiteren Schwaben Heldenschar stand dort, gesellet der lagernden Heersmacht; Dies' empörte zur Schlacht der Burggraf, Friedrich von Nürnberg, Rudolphs Schwestersohn, und ein tapferer Degen im Schlachtfeld, Albrecht jene, der edele Sohn des edelsten Kaisers; Doch den beiden vereinten sich noch tyrolische Schützen, Die, gerufen erst jüngst aus den Thälern der Heimath, die Armbrust Auf der Schulter -- die Pfeil', im Bündel geschnürt, auf dem Rücken Trugen; umspähenden Blicks, wie dem Wild' auf der Fährte die Jäger, Fernhin sah'n, und, kühn, nicht in Stahl und Eisen sich hüllten. Tauffers war ihr Hort im Gewühle der Schlachten. Er flog jetzt Unaufhaltsam dahin, des Kaisers erlesener Herold.

Sieh', und schon gewahrt' er das Ziel! Die sinkende Sonne Stand an dem Abendthor', umhüllt von rosigem Schimmer. Heller glüht' ihr scheidender Blick; ihr goldenes Haupthaar Flammt' empor, da in hehrem Glanz sie noch einmal herüber Winkt' ihr Lebewohl! dem sanft entschlummerten Erdkreis. Aber die Kühlung sank auf den Fittigen schmeichelnder Lüftchen Leise herab, und erquickte die schweraufathmende Schöpfung. Jetzt vollbrachte den Ritt sein feuriger Renner; es flogen Dampfend und triefend von Schweiß ihm die Seiten; der Hals und der Rücken Schäumt', und ihm wankten die Füß', da er stand vor dem Zelte des Königs.

Dort den Hügel empor, wo jetzt nur Trümmer des Schlosses Weitumkreisenden Hof bezeichneten, das in der Vorzeit Herrschend hinuntersah auf das Land, aus dem in die Donau Drüben die March sich ergießt, und, von ihren gewaltigen Fluthen Stolz zurückgedrängt, seegleich bedecket die Fluren: Dort, auf Pfähle gespannt, erhoben sich tausend und tausend Schimmernde Zelte des Volks der Kumanier und der Magyaren.[9] Jene rühmten sich gleichen Geschlechts und Ursprungs mit diesen; Doch der edlere Stamm der ahnenstolzen Magyaren Hielt Jahrhunderte schon, aus Scythiens grasiger Steppe Kommend (Tanfu, Zuard, Lehel, und der tapfere Almus, Waren die Führer des Volks) Pannoniens herrliche Fluren Im Besitz', errungen im Sieg ruhmdürstender Ahnen. Jüngst erst kam der Kune heran, dem wilden Tartaren Folgend im Schreckenszug, und, als er, verwilderter heimzog,[10] Nach entsetzlichem Mord' und Gewürg' unzähliger Christen, Blieb er im Lande zurück: inmitten der Theyß und der Donau, Sich erwählend ein Sandgefild zum dauernden Wohnsitz, Welches der Steppe gleich, unendlicher Fläche sich ausdehnt, Und Kumanien heißt. Ihn nennt der Unger den Kun nur. Eisern hielt er noch fest an der Sitte der Heimath; auch Götzen Dienet' er, so vermengend das Wort der ewigen Wahrheit Mit entehrendem Wahn: denn kaum erkannte des Heilands Rettenden Weg sein Geist, und roh bewahrt' er das Herz noch. Aber entsetzlich wüthet der grimmige Kun' in der Feldschlacht. Ordnungslos, bald links, bald rechts sich wendend, im Eilflug, Braus't er heran wie der Sturm. Er schnellt von dem tönenden Bogen Durch die heulende Luft den befiederten Pfeil, und verfehlt nie, So er den Gegner in's Auge gefaßt, in die Brust ihn zu treffen. Aber von diesem bedrängt, entflieht, und kehret er wieder, Listengeübt; läßt oft dem fliehenden Rosse den Zügel; Wendet sich hurtig im Sattel herum, und schleudert des Tschakans Eisengewichtige Last dem Nahenden mächtig entgegen. Sieh', und hatt' er ihn etwa verfehlt, da setzt er sich wieder Rasch, im Schwunge, zurecht in dem Sattel; ergreifet die Zügel; Lenkt im kreisenden Lauf mit eisernem Drucke der Schenkel Eilig den Renner heran, und so der entflogenen Waffe Nahend, schwebt er mit einem Fuß noch im Riemen des Bügels; Beugt sich nieder im Flug', und hebt sie empor von dem Boden, Ehe der Feind sich gestellt, und des Fliehenden Jauchzen vernommen.

Dort schwang Hugo sich jetzt mit forschendem Blick' aus dem Sattel, Und vertraute das Roß dem redlichen Knappen zur Pfleg' an. Fernher scholl an sein Ohr des Lagers Getöse: dem Meersturm Gleich, der himmelan braus't, erfüllt' ein dumpfes Gemurmel Drüben die Nacht. Stets glühender schien der wolkige Himmel Ueber dem Lager, erhellt von unzählbarlodernden Feuern. Dorther kam auftobender Männer Geschrei, und der Weiber Lautes Kreischen, vermengt dem Gebrüll' und dem Wiehern des Lastthiers: Denn von den Zelten hinaus umgrasete rings in dem Blachfeld Breitgehörnetes Rind und der Ross' unendliche Mehrzahl, Die nur klein von Gestalt, und unscheinbar dünken dem Fremdling, Aber, von feurigem Muth' erfüllt, und dauernder Kraft voll, Tragen den Reiter so schnell wie der Blitz an den Feind, und erretten Oft ihn im Schlachtengemeng, schnellfüßig zum Sprung und zum Laufen. Also lagerten hier die Kumanier. Doch in des Heeres Rücken ruhte das Reitervolk der edelen Ungern, Kummererfüllt: denn Ladislav, der König, erkor sich Jene zu Lieblingen, so der Ahnenehre vergessend.

Als nun Hugo dem Zelt des Königes nahte, vermeint' er, Zithergetöne zu hören; ihm schien: kumanische Mädchen Sangen dazu, nach Heidenbrauch, unziemliche Weisen. Ach, und so war's! Doch bald verstummte der Sang und die Zither, Als der Fremdling, in Eisen gehüllt, ihm näher getreten. All' erhoben sich schnell von dem Boden -- die bärtigen Männer Und die rosigen Mädchen, und jetzt der fürstliche Jüngling, Anmuthstrahlenden Blicks, an dem Haupte von bräunlichen Haaren Lieblich umlockt, voll Jugendkraft und blühender Schönheit. Aber er stand verwirrt, und wußte nicht, wie er beginne, Bis er sich wieder ermannt', und d'rauf mit kräftigem Laut rief: »Sprich: weß' Landes du bist, o Fremdling? Triegt uns die Ahnung Nicht, so kommst du gesandt von dem Kaiser der Deutschen, Rudolphus, Der uns vielleicht des Saumsals zeiht, und unrühmlicher Trägheit, Weil wir ruhen dahier, bei Saitenspiel und Gesängen Uns ergetzend, und sein', des feindbedrängten nicht achten? Doch wir harreten nur des Winks, den er uns verheißen, Und gedenken, ihm treu und redlich zu Hülfe zu stehen!« Hugo beugte das Haupt, und sagte mit edelem Anstand: »Herr, du ahnetest recht! Hier steht des Kaisers Gesandter, Hugo von Tauffers genannt, vor dir, und, wahrlich, ein Krieger, Seit er der Schul' entlief: ein Taug'nichts ist er am Schreibtisch! Aber nicht rostete noch in der Scheide sein trefflicher Degen; Gerne stellt er sich ein, wo es gilt ihm Ruhm zu gewinnen, Und hoch ehrt ihn die Sendung auch jetzt: denn Wichtiges soll er Dir kund thun; doch, Herr, verzeih' -- in dieser Gesellschaft?« Sagt' es, und lächelte fast; der König entgegnete leiser: »Ritter, mir scheint dein lächelndstrafendes Auge zu sagen, Was dem Könige ziemt, was nicht! Erfahrenes Alter Richtet streng; doch sieh', noch blüht mir der fröhlichen Jugend Rosenhain, und ich wandle in ihm mit heiterem Sinn fort; Weile so gerne dahier im Kreis' des unschuldigen Volkes, Das, von der Urzeit her die ererbeten Sitten bewahrend, Frei, die Fessel nicht kennt, die uns engt im verfeinerten Leben! Aber tritt in mein Zelt, und vergnüge dein Herz an dem Spätmahl, Das ich dir biethe nach Lagers Brauch; dann will ich dich hören.«