Part 4
Schon erglühte das zarte Gewölk im lichteren Osten, Das dem erwachenden Tag das Nahen der herrlichen Sonne Kündete: sieh', da führte sein treues Gefolge der Kaiser Schnell zum ersehneten Alpenrand, wo jetzo die Aussicht Unermeßlich groß, vor den Augen der Männer sich aufthat! Aber sie bebten zurück vor freudigem Schreck und Erstaunen: Erst zur Tiefe hinab, wo auf duftigen Schwingen die Nebel, Zögernden Flugs, bald hier, bald dort nach entfernteren Thälern Flatterten, sank ihr Blick. Wie staunt' er: gewaltige Berghöh'n Nun zu Hügeln versunken, zu schau'n, und auf jeglichem ringsher Wiesen, und Ackergründ', und waldumsäumtes Gehöftland; Unten am hellen Teich das Gotteshaus, und des Klosters Riesengebäude; das Thal entlang, an der schimmernden Traisen Hin, aufwirbelnden Rauch von den Eisenhämmern und Hütten -- Dann unendlich hinaus vom Gebirg verbreitet die Fluren; Doch als jetzt aus dem Nebelmeer ihr breiteres Antlitz, Dunkelgeröthet, die Sonn' erhob, und ringsum der Erdkreis Jubelte: reich mit Perlen geschmückt, und begrüßt von den Scharen Zahlloser Vögel im Wald', in den Thälern, und hoch in den Lüften, Wo sich empor unsichtbar schwangen die wirbelnden Lerchen: Ha, da erglühte die Brust der Männer vor tiefem Entzücken! Mancher faltete, bethend, die Händ', und blickte hinunter, Rings umher, dann himmelwärts, mit Thränen der Wonne. Keiner hatte zuvor erstiegen die Höh'n, und gesehen Dorther tausendfaltig besä't mit schimmernden Städten, Dörfern, und Klöstern das Land, und hochaufragenden Burgen; Nur der erhabene Kaiser allein erlabte schon oft sich Dort an der seligen Schau, und begann jetzt freudigen Blickes: »Seht, wo nördlich hinaus sich die Straße, wie schimmernde Leinwand, Dehnt, Sanct-Pölten, die Stadt voll trefflicher Bürger und d'rüben Herzogburg mit dem Gotteshaus' im lieblichen Aufeld. Seht dort links, erbaut auf dem weitgesehenen Berggrath, Göttweih herrschen im Donauthal, das herrliche Kloster; Doch, nicht ferne der Burg des Hoheneckers am Wald dort, Herrlicher Mölk: bewohnt von Benedicts Söhnen die beiden; D'rauf die Stadt' auch: Krems, Und, Stein, von Traubengebirgen Rings umgrünt, an dem Ufer der hellerglänzenden Donau. Doch, o! wer erspäht', auch schärferen Blickes, noch jenseits, Bis zu dem bläulichen Kranz der Karpathen hin, und den Marken Mährens der Menschen Wohnungen all' in unendlicher Landschaft? Seh't, g'en Westen, den Traunstein dort: er senket den Felsfuß Tief in den Gmundner See: die Zierde des Oberen-Oestreichs. Näher erglänzet die Tillisburg, die im ruhigen Thalgrund Birgt Sanct Florians Stift, das Haus ruhmwürdiger Chorherrn. Dann erhebt der mächtige Briel, und drüben der Oetscher Noch das Haupt zum Gewölk, und rings bis zum östlichen Schneeberg, Der nach der Wiener-Neustadt schaut, der _Immer-Getreuen_,[9] Sehet ihr Berg' auf Berge gethürmt, erschütternden Anblicks. Nur verhüllt uns der Kahlenberg mit seiner Karthause Wien, die Kaiserstadt, und das weitverbreitete Marchfeld, Wo jetzt Ottgar lagert, und dort auf blutigen Kampf sinnt; Doch wir biethen ihm lieber die Hand mit dem friedlichen Oehlzweig, Als daß er fühle den Schlag der eisernen, niedergeschmettert. Ha, dieß Bild entschwind' euch nie, das heute so wonnig Uns enthüllten die Höh'n des Lilienfelder-Gebirges!«
Eiliger wandt' er jetzt die Schritte zurück, in der Hütte Noch dem frommen Klausner zu nah'n -- zu vernehmen des Segens Laute von ihm, und ach, wie ergriff ihn Angst und Entsetzen, Als er geöffnet die Thür', und ihn, vor dem Bild des Erlösers Auf den Knie'n, im Gebeth, mit gesunkenem Haupt und zum Boden Starrendem Aug', ersah -- doch stumm, und erblasset im Tod schon! Lange staunt' er, bewegt, den Verblichenen an, und enteilte Dann der Hütt'. In des Augenblicks entschwindendem Zeitraum Schwangen die Reiter sich all' in den Sattel, und trabten ihm, schweigend, Nach, zum Kloster hinab, wo er, tieferschüttert im Geist noch, Anbethend, weilt in dem Gotteshaus', und dann in dem Kreuzgang Wandelnd, hinauf in das Schlafhaus stieg in der Stunde des Mittags. Hundert Schritt' entlang, auf mächtige Säulen gegründet, Wölbete dreifach die Halle sich auf: nur dämmerndes Zwielicht Brach durch farbiges Glas der zierlichgestalteten Fenster. Ernst ergriff ihn das Bild der Vergänglichkeit, als er mit Ehrfurcht Staunte dem Bau. »Du sollst«, so lispelt' er leise für sich hin, »Eiserngefügt, mit Stolz auf die wechselnden Zeiten herabschau'n; Aber vielleicht, daß nach sechs Jahrhunderten, oder nach sieben Du in dem Schutte versinkst, wenn dort die prasselnde Flamme Ueber dir braust, und vergeblich des Wanderers Auge dich suchet!«[10]
Sieh', da nahte des Klosters Abt mit den Brüdern, und sagte: »Herr, du zürnest uns wohl? Wir säumten den Herrscher zu grüßen!« Doch der Kaiser begann: »Nicht euere Schuld ist es, wahrlich: Denn ich schlich gar leise herein, als käm' ich, ein Späher. Jetzo gedenkt, Herr Abt, mit sorglicher Liebe zu einen Staub dem Staub', aus welchem er kam: die Leiche des Klausners, Der in dem Herrn entschlief, in der einsamen Hütte der Alphöh'n.« »Weh',« entgegnete jener bestürzt, »so schwand auch der Segen Von den Alpen mit ihm: denn seinen erhörten Gebethen Dankten sie ihr Gedeih'n, und des Segens Fülle die Hirten! Aber nicht zeitlichen nur, auch ewigen wußt' er zu spenden. Liebend brach er das Brot den Großen und Kleinen -- versteht mich Wohl, erlauchtester Herr: das Brot des göttlichen Wortes, Das die Seel' ernährt, und stärket für immer und ewig! Aber woher er kam; weß' Landes und Stamm's er gewesen, Hat noch keiner enthüllt. Versenkt in düstere Schwermuth, Kam er in frühester Jugendzeit auf die Alp', und erbaute Dort die Capelle, geweiht dem Dienste der seligsten Jungfrau. Weniges sprach er nur, mit den Worten geizend -- mit Werken Himmlischen Wohlthuns nicht: ein Heiliger allen verehret. Morgen wollen wir ihn mit der Seelenmeß' und dem Bußpsalm Würdig zur Erde bestatten, und ihm erhöhen den Denkstein.«
Jetzo erscholl mit freudigem Ruf Drometengeschmetter Von dem Wege heran, der Zell' entgegen -- der Jungfrau Gnaden-Zelle, führt, wohin, wie der Hirsch nach dem Bronnen Schmachtet, unzählige Pilger zieh'n mit sehnendem Herzen Nach dem Segens-Born der göttlichen Huld und Erbarmung. Hell erglänzte das Aug' und die Wange des Kaisers. Er eilte Rasch die Stufen herab: denn Albrecht, sein ältester, kam jetzt Her aus den rheinischen Gau'n mit tapferen Scharen gezogen. Laut begrüßt' er den nahenden Sohn, und both ihm die Hand dar, Freundlich und mild; doch warm erwiedert' es dieser, und innig, Obschon er düstern Gemüths nie lächelte. Siehe, zur Heerschau Hatt' er die Krieger in Reihen gestellt! Mit stolzem Vertrauen Wies er ihm erst fünfhundert aus Zürch, die im Kampfe der Markgraf Hochberg lenkt; dann jene von Kyburg, Salm und Luzern her: Dreimal so viel' an der Zahl, die Nürnbergs tapferer Burggraf, Friedrich, erkiesend, im Felde beherrscht, und wies ihm dann endlich Jene, den ersteren gleich an der Zahl, die er selber in Schwabens Heiteren Gau'n jüngst warb, und jetzo zum Kampf und zum Sieg führt: Lanzengewaltiges Volk, mit Helmen bewehrt und mit Schilden. Aber hinab und herauf vor den Reih'n erging sich der Kaiser Dort mit zögerndem Schritt'. Er sah mit freundlichen Blicken Jedem Krieger in's Aug'; erzwang ihm ein Lächeln, und fragt' ihn: Wie's ihm erging seither? -- bei'm Nahmen die Tapferen rufend. Manchem strich er das rauhe Gesicht mit der Rechten; dem andern Faßt' er die Hand, und verhieß ihm des Kampfs Arbeiten die Fülle: Da er schon alle zuvor im furchtbarn Felde der Waffen Sah, und erprobte den Muth und die Kraft des einen und andern.
Jetzo begann der Sohn dem herrschenden Vater zu künden: Wie er das Kriegsvolk warb in der Heimath -- d'rauf an den Marken Schwabens vereinte zum Heer'; wie er schnell g'en Ulm an der Donau Zog, wo zuerst der Strom den breiteren Rücken zur Fahrt beut; Dann' in Schiffen herab, durch Bayerns gesegnete Fluren, Also durch Oestreichs obere Gau'n nach Enns, und gelandet, Nach Stadt-Steyer geeilt, die am hellerglänzenden Waldstrom Vielfach den Wand'rer ergetzt durch eisengestaltender Meister Sinnigen Fleiß, und jetzt unwegsame Schluchten durchirrend, Kam nach Zell, wo sich an der Gnadenquelle die Krieger Alle reinten von Schuld, und des himmlischen Brotes genossen. »Doch,« so erzählt' er fort, »wie erhob mich, nicht ferne dem Ziel mehr, Heut' in dem dunkeln Oetscherthal' ein Wunder der Allmacht! Vor mir sprang ein flüchtiger Gemsbock fort in des Weges Krümmungen. Ich, von Jagdlust heiß, verfolgte den Kühnen Seitab, bis er vom Rand der steilabgleitenden Felswand Stürzte zur Tiefe hinab, und zerschmetterte dort die Gebein' all'. Aber der Rückgang schien auch mir versagt, und ich wand mich Mühesam nur, die Schluchten entlang, zu lichteren Stellen. Plötzlich ergriff mein Ohr ein Donnergetümmel: die Felsen Drönten umher; stets furchtbarer scholl aus der Schlucht, wie ich nahte, Stürzender Fluthen Gerausch', und erfüllte die Thäler mit Schauder. Doch nun war errungen der Stand. Von des schwindligen Felsens Schmalvorragendem Riff' ersah ich, vor freudigem Schrecken Selber zum Stein erstarrt, des Waldstroms Fall in den Abgrund: Denn vor mir aufthürmte sich hoch der gespaltene Felsberg Oben am Rand nur sanft zur Rechten gebogen, und dorther Stürzt, ein raschvorstürmendes Ungethüm, nieder die Lasing.[11] Ha, wie Fluth auf Fluth und Wog' auf Woge sich dränget, Rastlos; dann, erbebend dem Sturz', aufheult, und die Stimme Aller, vereint, zum furchtbarn, schrecklichen Donnergetös' wird! Wie sie sich fassen im Flug, mit eh'rnem Geprassel die Klippen Schlagen, und schäumen vor Wuth; wie sie von dem Felsen herunter Fort und fort, den jähabrollenden Schnee-Lawinen Gleich, im kreisenden Schwung sich wälzen, und stürzen, und ewig Rauschen, und brausen, daß rings die waldigen Höhen erzittern. Ueber die Berg' empor, in die hehren Gefilde der Wolken Fleugt der glänzende Staub zerschellter Gewässer, und dreht sich, Wirbelnd, im eisigen Hauch des stromgeborenen Windes. Doch als dort in die Felsenschlucht, am glänzenden Mittag, Freundlich die Sonne schaut, da haucht sie in vielfacher Wölbung Hin auf das wirbelnde Naß den siebenfarbigen Bogen, Der die stürmende Brust mild sänftiget: so wie er Noah Einst erquickte das Herz, ein Zeichen der hohen Verheißung. Wahrlich, entzückend schön, und erhebend dem fühlenden Menschen, Pranget der Lasingfall in Oestreichs hehrem Gebirgsthal!« Aber er horchte den Worten des Sohn's mit Lust, und geboth dann, Laut, dem Volke zu Fuß und den Reitern den eiligen Aufbruch.
Staunend ersah'n die Krieger zuvor, an der Seite des Kaisers Müllern im Ritterschmuck -- den ebenbürtigen Bürger Zürcher Stadt; sie sah'n es, und lispelten, wiegend das Haupt noch, Einer dem andern die Frag' in's Ohr: »was solches bedeute?« Jener gewahrt' es, und, sich im kreisenden Schwung in den Sattel Hebend, lenkte den Rappen herbei; dann heischt' er von Diesem, Jenem die Rechte zum Gruß, und preßte sie, heiß in der seinen. Aber da kam, erglühenden Blicks, der Kaiser, und sagte: »Staunt nicht fürder, daß ihr im Ritterschmucke den Bürger Euerer Stadt erblickt. Allmänniglich ist es bekannt ja, Wie er in großer Gefahr mit tapferem Muth mir das Leben Rettete: d'rum auch werth und würdig des Standes der Edeln; Aber nicht Müllern nur, auch jeglichem steh' ich als Schuldner, Der so, wie er dem Kaiser und Reich sich verdingte: Rudolphus, Kaiser des Reichs, wird ihm die Schuld mit Wucher bezahlen.« Sagt' es, und schwang sich auf's wiehernde Roß. Zum freudigen Aufbruch Scholl die Dromet', und schnell g'en Wien bewegte der Zug sich.
Sieh', in des Abends Grau'n, gewiegt von gaukelnden Lüftchen, Rauschte das Laub in dem Weidenhain, der nahe den Mauern Drösings, am Hügel empor sich hob, und im schlängelnden Waldbach, Längs dem duftenden Thal sich spiegelte! Völlig verhallt war Nun des Kampfes Getös' -- erstürmt die Veste. Die Gegner Wichen, bezwungen, zurück, und Ottgars furchtbare Gattinn Sah schon stolz auf das Land, das bald (so wähnte sie thöricht) Oestreichs Aar' entrissen, dem Leu'n von Böhmen zu Theil wird. Doch wer ist die holde Gestalt, die, zögernden Schrittes, Drüben, den Bach entlang, hinwandelt in sinniger Schwermuth? Hedwig, ihr' Erzeugte, die Wonne des herrschenden Vaters, Und der Liebling des Volks, geliebt, und bewundert von allen. Aber warum erbebt ihr hochgesinnetes Herz nun Unter der sanftvorwölbenden Brust? Entlockte der Thränen Hellerglänzendes Paar, das über die rosige Wang' ihr Träufelte, tiefverborgener Gram, und die Einsame geht nun Solches dem spähenden Blick der furchtbarn Mutter zu bergen? Ach, nicht der Mutter allein -- auch allen den Sterblichen ringsum, Ja, sich selbst, und sogar dem Allerforscher im Himmel, Bärge sie gerne den Gram, dem heute die Thränen geflossen! Doch nun hemmt sie den Schritt. An den Stamm des schattenden Baumes Stützend den Arm, und pressend die Wang' in die Höhle der Linken, Hebt sie das Aug', voll Himmelsbläu', empor zu den Sternen. Seitwärts sank von der hellen Stirn' ihr des bräunlichen Haupthaars Ringelnde Meng', und hing von den Schultern zugleich, und des Nackens Schöner Säul' an dem schneeigen Faltengewande hinunter, Das dicht unter der schwebenden Brust der goldene Gürtel Lieblich umfing. Nicht kam von den funkelnden Sternen ein Lichtstrahl Ihr in die grau'numnachtete Brust. Sie starrte, verstummend, Lange vergeblich empor; doch jetzt mit lispelndem Laut nur, Und umschauend mit Angst, begann das jammernde Fräulein: »Ha, vernichtendes Bild -- entsetzlich, und furchtbar, und dennoch Himmlisch zugleich aufschwebst du vor mir, umgaukelst mich rastlos, Und bethörst mir den Geist mit tiefverwirrendem Schwindel! Wallstein -- Gott! Wen nannt' ich? Sein Nahm' entriß sich den Lippen Mir, der Unglücklichen jetzt, und ach, der holdeste Laut wär's; Süßer als Harfengetön' in des Mondlichts freundlichem Schimmer, Klang' er mir in dem Ohr', dürft' ich ihn nennen -- ich darf nicht! Glückliche Menschen ihr, die ihr dort in der niedrigen Hütte Wohnt, wo des Throns augblendender Glanz nicht das Herz von dem Herzen Trennt, dem ihr's auf immer geweiht: wie zög ich so freudig Hin den dunkeln Pfad, der euch beglückend zum Ziel führt! Weh', wie sprach ich? Wohin entschwand mir jede Besinnung! Grünende Matten, du murmelnder Bach, und ihr Sterne da oben Sagt es nicht, was ihr gehört. Du Mutter des Heiligsten, Besten, Huldvolle Maid, nah' mir, der armen Verirrten, zur Rettung! Billig haßt' ich ihn. Ha, wie verwegen er jüngst zu den Knie'n mir Sank -- ich bebte vor Angst, in des Gartens umschattendem Laubgang; Wie er mir faßte die Hand, an die glühenden Lippen sie pressend, Bleich aufstarrte zu mir! Nicht soll er fürder mir nahen. Doch wer eilt im Dunkel daher? Ich stürbe vor ihm jetzt.«
Sagt' es, und wollt' entflieh'n: da trat ein edeler Ritter, Schimmernd im tönenden Waffenschmuck', in der Stille des Abends Ihr in den Weg, und sprach: »Gönnt mir, holdseliges Fräulein, Freundlich Gehör! Von Eginhards Geschlechte geboren, Folg' ich, ein Rittersmann, der Fahne des Königs von Böhmen, Eures Erzeugers, und doch, erschrecket nicht, steh' ich, ein Anwald Seines Gegners, vor euch. Ich komme, gesendet von Hartmann, Rudolphs Sohn', der euch schon lange zum Gatten erwählt ist: Denn in dem rosigdämmernden Licht unschuldiger Kindheit Wollten zu eh'lichem Bund' euch die liebenden Aeltern vereinen, Ehe des schrecklichen Jammers Grund, die Krone der Kaiser, Feindlich die Fürsten schied, und her auf das eiserne Schlachtfeld Zog. Doch hört: mich hob er zuvor mit dem Speer' aus dem Sattel, Als ich die flüchtende Schar aus den kühneroberten Mauern Drosendorfs verfolgt', und ihn selber bestand auf dem Heerweg. Aber er schenkte das Leben mir, und die Freiheit -- auf Ritters Redliches Wort d'rob heischend die Pflicht: daß ich brächte die Bothschaft Her, und zurück, wie es euch Bescheid zu geben, genehm ist. Ach, er hat euch jüngst, so sprach er mit leuchtenden Augen, Wiedergeseh'n nach Jahren voll Grams, und nimmer entschwindet Mehr ihm das Bild der holderblüheten Jugendgefährtinn! Nicht entfloh ihm die Hoffnung noch des ersehneten Friedens. Mild schlägt Rudolphs Herz: er biethet dem tapferen Ottgar Freundlich die Hand. Vielleicht, daß bald die gesonderten Krieger, Die jetzt noch, blutdürstenden Blicks, nach den Lagern hinüber Schau'n, und, geballt, erheben die Faust: voll dräuenden Ingrimms Gegen einander zu wüthen bereit, vernehmend des Friedens Fröhlichdrometenden Ruf, in die Scheid' ihr blitzendes Eisen Bergen, und mitten im Feld mit lautem Gejauchz' sich die Rechten Schütteln, und ganz vergessen des Grimms in froher Umarmung. D'rauf zerstreuen sich all'. Auf den stäubenden Straßen erschallet Sang und Klang. Bekränzt mit grünenden Reisern, enteilen Sie zur heimischen Flur, um dort in den Blicken der Lieben Jetzo des Wiedersehn's erschütternde Wonne zu lesen. Dann aufdämmert auch ihm, dem euch die liebenden Aeltern Einst verlobten, der Tag ersehnter, unendlicher Wonne. Doch so ihn tröge der Hoffnungs-Strahl, und die waltenden Herrscher Sich bekämpften mit eisernem Trotz' -- o, hört ihn! Er frägt euch: Wollt ihr auch dann noch treu dem geschlossenen Bund euch erweisen? Fromm, und gut ist des Kaisers Erzeugter gesinnt: auf dem Schlachtfeld Hob sich sein Ruhm, und Deutschlands throngeborene Jungfrau'n Schau'n mit sehnlichem Blick nach dem herrlichgestalteten Mann hin. Nur kargt er mit den Worten: es wohnt stets düstere Schwermuth Ihm auf der Stirn' -- und im Herzen nach euch unendliche Sehnsucht.« Also sprach er, und harrte, bewegt, der entscheidenden Antwort.
Hedwig sann für sich hin; nach dauerndem Schweigen begann sie: »Wohl ist Rudolphs trefflicher Sohn, der tapfere Hartmann, Mir bekannt -- ich ehre den edelgesinnten Jüngling; Aber getrennt hat uns des Schicksals eherner Rathschluß, Wandelnd in Haß, und nieversöhnliche Feindschaft der Aeltern Herzen um uns: ich steh', entledigt der frühen Verlobung. Ach, und sollt' in dem Kampf auch mein Erzeuger dem seinen Unterliegen, und ich, die Tochter des mächtigen Ottgar, Dem Europa's Völker umher sich beugen, voll Ehrfurcht, Stürzen hinab in den Staub der schmachbelasteten Armuth: Dennoch würd' ich nicht Rudolphs Sohn zum Gatten mir kiesen! Und, da nur ein einziges Wort entscheidet für immer, Künd' ihm: ich hätte gewählt -- für den Einen gelobt' ich zu leben.« Also floh ihr das Wort von den zitternden Lippen. Sie wandte Heim nach der Stadt die furchtbeflügelten Schritt', und der Ritter Eilte davon, beschwert mit der trauererregenden Bothschaft.
Dritter Gesang.
Ha, schon lockte der Kampf des Geisterreiches Bewohner Aus dem übersinnlichen Raum', und den Tiefen des Erdballs, Mächtigen Zaubers herbei! Auch _Marbod_,[1] der edele Markmann, Kam. Nicht im übersinnlichen Raum ergetzte das Licht ihn Seither: denn er saß, versunken in düstere Schwermuth, Dort in des Erdballs Schooß wohl zwölf Jahrhunderte lang schon, Seit er getrennt sich sah von der liebenden Gattinn, Erwine, Die, in dem Todeskampf', ihm die Hände mit weinenden Blicken Reichte zum letzten Mal', und dann, viel reineren Herzens Denn ihr Gemahl, empor zu glänzenden Räumen sich aufschwang.
Marbod herrschte, von Kraft und glühendem Muthe beseelet, Ueber ein tapferes Volk: Markmannen genannt in den Reihen Mächtiger Stämme des deutschen Vereins. Von Schwabens Gefilden Her, die norischen Alpen entlang, Pannonien nahend, Wo in der Ostmark sich am Ufer der mächtigen Donau Vindobona erhebt, bis hin zu den Höhen der Heünburg[2] Schirmten gegen den Feind, im Rücken der Berge, die Marken, Sie des gemeinsamen Vaterlands, als mannhafte Streiter. Aber dem schrecklichsten dort, der allzermalmenden Roma, Ferne zu stehen, und ihm einst kühn zu begegnen im Schlachtfeld, Zog er nach Bojenheim; verjagte den Gothen-Beherrscher Katwald; gründete sich ein Reich und die Stadt an der Moldau, Marobud,[3] und ward gefürchtet umher in den Ländern. Inguiomar, der Ohm des tapfern, cheruskischen Hermann, Floh, von diesem gehaßt, zu Marbod. Sie kämpften im Marchfeld Lange die blutige Schlacht, und es rühmten sich beide des Sieges. Aber an Hermanns Macht, des glücklichen, schlossen die Scharen Marbods sich an. Da entriß, mit den Römern verbündet, ihm Katwald, Stürmend, die Burg Mar'bud, und entthront' ihn. Ach, er vertraute Roma's täuschender Huld, und starb in den Mauern Ravenna's Arm -- ein Zeuge des wechselnden Glücks auf irdischer Laufbahn! Doch nun kam er herauf, und wandte sich rasch nach den Fluren Oestreichs, das er mit Bojenheim sein nannt' in der Vorzeit. Bald gewahrte sein Aug' auf des Lilienfelder Gebirgs Höh'n Drüben die Ritterschar blondhaariger Deutschen. Er schwebte Jetzt in sausender Eile dahin, und so, wie der Geier Schnell von dem Felsenhorst nach dem dunkeln Thale herabfährt, Weil er im Laub hellschwirrende Vögel erspähte: so blitzschnell Fuhr er herab. Er staunte: wie hier die ermüdeten Krieger Schlummerten; dort, zu dem Bild des Gekreuzigten, einer der Helden Flehend rang, und ein Greis ihm naht' in erschütternder Hoheit; Hörte: wie jenem der Greis der tiefverborgenen Zukunft Dunkel enthüllt', und Habsburgs Ruhm mit unzähliger Völker Glück in seinem Geschlecht verkündete: schauend im Geist dort Oestreichs Größ', und in Wonn' erbebend den hehren Gesichten. Aber vor allem ergriff des stattlichragenden Herrschers Näh' ihn, der, entsprossen aus seinem Stamm', in des Aargau's Thälern die Burge der Ahnen bewohnt', und von allen gepriesen Als der Schirmer des Rechts, zum erhabenen Kaiser der Deutschen Jauchzenden Rufes erwählet ward. »Doch biethet ihm jetzo,« Also sagte zuvor der Greis auf den luftigen Alphöh'n, »Ottgar furchtbarn Kampf, und er soll in dem Waffengefild nur Dann erringen den Sieg, wenn ihm« -- welch' dunkele Reden! -- »In umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd' tönt?« Dacht' es, und eilte, die Heeresmacht des gewaltigen Königs Drüben am Ufer der March, durchdringenden Blick's, zu erforschen; Rudolph helfend zur Seite zu steh'n; in dem Seelenverein ihm Stets zu erregen das Herz zu ruhmverherrlichten Thaten, Und zu enthüllen die List auflauernder Feind' in dem Feldzug.