Rudolph von Habsburg: Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen. Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (2/3)

Part 3

Chapter 33,324 wordsPublic domain

Doch nicht völlig verhüllt den Augen des Himmelsbewohners War des schlummernden Königs Geschick. Er sah Drahomira Walten um ihn, und Gefahr ihm bereiten auf schlüpfrigem Pfad hier, Der zum Verderben führt, und zu nieversiegendem Jammer. Flehend faltet' er jetzo die Händ', und blickte mit Ehrfurcht Auf zu dem Thron des Ewigen, der in des kreisenden Weltalls Hehrstem Raum', auf lichtausströmenden Sonnen erhöht steht. Dorthin drang sein Blick, wo Cherub- und Seraphim selber Sich in der Nähe des Throns mit den Fittigen hüllen die Augen, Dreimal Heilig singend dem Herrn, der herrscht von dem Thron dort, Hehr, allmächtig, weis', und gerecht, barmherzig und gnädig! Ueber die Himmel hinauf erhebt er das Haupt; auf dem Abgrund Ruht sein Fuß, und sein Arm umfaßt das kreisende Weltall. Als er gewürdigt ward, die Blicke zum Thron zu erheben, Sah er, schauernd vor Ehrfurcht, dort enthüllet die Zukunft: »Ottgar, der nun bald mit reuigem Sinn um Erbarmen Fleh'n wird, büßet die Schuld vergangener Jahre: den Feinden Fällt er besiegt in dem Kampf', und verlieret das Reich und das Leben; Aber sein Gegner wird ein Vater des Herrschergeschlechtes, Das in die fernste Zukunft hinab unzähliger Völker Glück zu fördern, erwählt, im Segen der Erde genannt sey.« D'rauf gewahrt' er den Wink des Herrn: »daß es also gescheh'n wird!« Sieh', da flammten, und floh'n, und kehrten in Eile die Sonnen Wieder zur Bahn! Der Donner rollte hinunter am Weltrand, Kreisende Monden und Sterne vorbei; die Vesten des Erdballs Zitterten; hoch aufrauschte das Meer, und die Ström' und die Flüsse Braus'ten wirbelnd zurück, und schäumten empor in den Luftraum.

Aber die Himmlischen feierten nun der unendlichen Allmacht Huldausstrahlenden Wink. Auf Erden erglühte das Frühroth.

Zweiter Gesang.

Siehe, wer reitet den Wald entlang? Vom felsigen Boden Tönet der eiserne Huf. Wer zieht im Schatten der Thäler Fort im eilenden Trab? Doch dort, wo am lichteren Waldsaum Weitgesondert, die Tannen steh'n, und der sonnige Bergpfad Schlängelnd sich hebt, erblitzt es von hellgeglätteten Waffen Quer in die Eb'ne herab. Jetzt näher und näher erschallet Munterer Reiter Gespräch, und das Schnauben und Wiehern der Rosse. Doch wer ist's, der allen voran den feurigen Rappen Reitet, so freundlich und mild, so bar all' prunkenden Schmuckes? Zwar erhellt die, in Rosengluth versinkende Sonne Kein' unedele Stirn', und Ehrfurcht heischen die Augen Dieses Gewaltigen, der ein Fürst, ein Kaiser von Anseh'n Scheinet? Er ist's -- ha, Rudolph ist's, der Kaiser der Deutschen!

Gestern zog er im Abendlicht mit hundert Erwählten Eilig zum Kärnthnerthore hinaus nach dem herrschenden Hügel, Wo (so kündet die Sag') in grau'numhülleter Vorzeit Eine Spinnerinn saß, und bettelte, reichliche Spenden Sammelnd: ein Kreuz zu erbau'n von zartdurchlichtetem Stein dort, Wo das hölzerne, morsch, zerfiel, an welchem sie lebte. Aber es wurde zugleich ihr Grab, von dem Fremdling bewundert: Denn erblickt er die Stadt, die weit auf Erden gerühmt wird, Vor sich in schimmernder Pracht der Thürm' und unzähliger Häuser, Zollt er vor allem der sinnigen Wahl der Spinnerinn Beifall, Und erquickt sein Aug' an dem wunderherrlichen Anblick. D'rauf einlenkt' er zum Fuß' der traubengesegneten Hügel: Petersdorf, und Brunn am Gebirg, wo der emsige Winzer Keltert den kräftigen Most für die spätnachfolgende Zeit noch, Und durchtrabte die Stadt von Mödeling.[1] Mächtigen Anseh'ns, Schaut in das düstere Felsenthal, durch welches der Waldbach, Eingezwängt, sich windet, und rauscht, die ragende Felsburg, Mödling herab (ein Eigen des babenbergischen Herzogs, Heinrich) und lieh auch zugleich dem Städtchen den Nahmen. Die Nacht hing Dunkel herab; nicht erspähte der Wart von dem ragenden Wartthurm Rudolphs hohe Gestalt: d'rum scholl die Dromete zum Gruß nicht. Doch jetzt zog er am Tannberg fort,[2] wo im ruhigen Thalgrund Schimmert das Gotteshaus zum Heiligen-Kreuz mit dem Kloster. Herzog Leopold baut' es, der Heilige. Mönche von Cisterz Rief er dahin, daß dies' in Saatengefilde die Wildniß Wandelten, und im Gesange des Chors lobpriesen den Schöpfer. Manches Helden Gebein', auch Friedrichs, des streitbaren Herzogs, Letzten seines Geschlechts, deckt dort der ehrende Denkstein. Aber es sandte darauf vom Heiligen-Kreuze der Stiftsabt Auch nach Lilienfeld die Brüder: so wollt' es der Herzog Leupold, der Glorreiche, selbst, als er an dem Fuße der Alpen Im bezaubernden Thal das Gotteshaus und das Kloster Stiftete, dem jetzt Rudolph naht'. Schon ließ er auch Kaumbergs Marken zurück, und als die Sonne im rosigen Schimmer Sich in Osten erhob, da zog er durch's liebliche Hainthal, Und erkor's in des Mittags Stunde zur Rast. An dem Göls'bach Weideten frei die Rosse hinab. Die tapferen Krieger Saßen im Kreise herum: sie sättigten sich an des Weizens Goldener Frucht, zum nährenden Brote gebacken, und löschten Dann an der Quelle den Durst. Inmitten der fröhlichen Männer Saß der Kaiser im Gras'; er rief den Einen und Andern Auf zu ergetzlichem Schwank', und zuletzt den redlichen Knappen Müller, den Zürcher, der ihm das Leben gerettet, und seither Stets zu getreulichem Dienst' ihm stand, im Krieg' und im Frieden. »Künde«, so sprach er zu ihm, »den Kriegern das lustige Mährchen: Wie du mich, den Zürnenden, einst auf der Straße begegnend, Sühntest, listengeübt: denn manchen von meinen Getreuen Hast du niedergeworfen zuvor, ein frevelnder Raufbold.« »Mit Vergunst, Herr Kaiser,« begann der fröhliche Kriegsmann, Schlaugewendeten Blicks, »so ich ruhmbegierig, und eitel, Meinen Gefährten des Zugs verkünde zuvor, daß ich Habsburgs Grafen im Kampf mit dem Regensberg das Leben gerettet! Edle von Toggenburg, und Homburg; jene von Nidov, Palm, und Warth mit Eschenbach vereinten dem Ritter Regensberg, den er gewaltig bedrängte, die Scharen; Doch er dachte der List, kriegskundig, dem Feinde zu schaden. Oft ritt Regensberg mit zwölf weißschimmernden Rossen, Welchen voran mit lautem Gebell zwölf ähnliche Doggen Sprangen, zur Jagd, von dem Uttliberg, stolzirend, herunter. Rudolph lag in dem Hinterhalt: die Ross' und die Doggen Hatt' er, wie jener gewählt. Mein Volk, die muthigen Zürcher Brachen hervor, mit ihm in dem Handel verstanden, und als er Nahte der Burg in verstellter Flucht, da meinte der Wächter, Oeffnend das Thor voll Hast, sein feindbedroheter Herr sey's Alsbald ward erobert die Burg, und zerstöret von Grund aus. Ist's nicht also gescheh'n, mein hocherlauchter Gebiether? Aber da stellten sie euch, auf offnen und heimlichen Wegen Nach. So geschah's, daß einst, auf einsamer Fährt' in dem Wald ihr, Nur mit schwachem Geleit dem Feind' in die Hände gefallen, Rang't auf Leben und Tod, als bügellos in den Staub euch Warf das getödtete Roß. Ihr waret erlegen der Mehrzahl; Doch der Seinen gedenket der Herr: er sandte den Müller Euch zu Hülf'. Er kam auf dem Pfade geritten, und sah euch Kämpfen, ähnlich dem Leu'n, den wüthende Tiger umringen; Naht' im Flug, und ihr, in den Sattel gehoben, entrannet So der Gefahr. Doch Müller ist euer getreuester Jünger Seitdem -- rühmt sich denn auch des edelsten Meisters auf Erden. Ihr erlaßt mir vielleicht für heute das lustige Mährchen:[3] Denn, mich dünkt, es entfielen, wie Perlen gestaltete Tropfen Eueren Wangen. Mich drängte früher die Noth, und euch später: Alles auf Erden eint der Liebe geschäftige Sorgfalt.« Innig gerührt ergriff ihm der Kaiser die Hand, und begann so: »Edel hast gehandelt an mir, mein trefflicher Jünger! Doch die Capelle winkt auf den Alphöh'n: heute noch sollst du Ernten herrlichen Lohn, der Heldenthaten gebühret. Jetzt rasch auf, ihr Reisigen: rasch zu dem winkenden Ziel hin!« All' erhoben sich nun voll Muths; sie zäumten die Rosse, Jauchzend, auf, und es ging dann weiter der fröhliche Zug fort.

Siehe, nicht lang', und sie sah'n jetzt schon die bläulichen Alphöh'n Oben, und tiefer den _Kulm_ und den kegelgestalteten _Spitzbrand_, Freudigen Blicks, als unter dem Huf der gewaltigen Rosse, Drönend, die Brück' erscholl, die, stets von den Fluthen der Traisen Unten durchrauscht, im Grund die rasche Forelle beschattet. Weit gerühmt ist die Traisen im Land (daß beide den Ursprung Sich bestreiten, die Hohenberg-, und die Lilienfelder) Sprudelnd hervor aus dem Schooß des Traisenberges im Waldthal, Und enteilend voll Hast, sich dem Donaustrome zu einen.[4] Freundlich blickten die Sterne bereits vom Gewölbe des Himmels, Wieder zur Erde herab; schon hauchten die würzigen Matten Kühlung umher; es verglommen die ragenden Höh'n, und die Fluthen Dampften im Thal, als jetzt mit seinem Gefolge der Kaiser Nahe vorüber an Lilienfeld, dem herrlichen Kloster,[5] Eilete: denn zum Abendgebeth' ertönte das Glöckchen Schon von dem Thurm'; es lud zu des Chors Vollendung die Brüder, Und erweckte zugleich, mildklagend, die Wonne der Wehmuth Tief in der fühlenden Brust, die leise nach Ruhe sich sehnet Nach den verschollenen Stürmen des Tags, auf irdischer Wand'rung.

Nahend dem Ziele, durch's _Thal_, geboth der Herrscher den Reitern, Längs dem Bach zu erringen den Kulm, auf dem breiteren Saumpfad; Aber er selber klomm, des Weg's wohlkundig, mit Müllern Dort, wo ein lieblicher Wasserfall, von schroffer Gebirgswand Plätschernd herab, zerstäubt die silbernblinkenden Fluthen, Schweigend, die Höhen empor. Er sah nach den lichten Gefilden Ferner Ebenen, jetzt aus der nächtlichdämmernden Waldung, Jetzt vom schwindligen Fels mit thauendem Blick', und errang so Früher den Kulm; doch dort, vereint mit seinen Erwählten Wieder, rastet' er nicht, und stieg, stets höher und höher, Bis er, den dunkelen Wald entlang, auf blühenden Matten Wandelnd, schimmern sah im Schooße der luftigen Alphöh'n, Aus dem Gezweig umhüllender Tannen der kleinen Capelle Heiligthum, wo das Licht, in der Lampe genährt von dem Klausner, Sandte die fächelnde Flamm' empor aus goldenem Oehlduft. Dorthin wies ein Gesicht, im mitternächtlichen Grauen Ihm aufsträubend das Haar vor Furcht und Erstaunen, ihn heut' erst. Wichtiges sollt' ihm, dort enthüllt nach des Ewigen Rathschluß, Mächtig erheben das Herz in der Stunde des nahenden Kampfes.

Jetzt verließen auf seinen Wink die Reiter den Sattel, Daß, freiweidend im Feld, die Pferde sich letzten. Des Zaumes Ledig, sprangen sie wiehernd davon, und wälzten im Gras' sich Links und rechts, die Gluth des gepreßten Rückens zu kühlen. Auch die Reiter gesammt ausruheten dort von der Wand'rung. Aber der Klausner, ein Greis, von neunzig entflohenen Jahren, Trat aus der Hütt', im barnen Gewand', und führte den Kaiser, Schweigender Ehrfurcht voll, zur Capelle. Der silberne Bart floß Ihm zu dem hanfenen Gürtel herab. Von den lastenden Jahren Wenig gebeugt, sah noch aus seinen erglühenden Augen Jugendkraft, die manchmal in sinnender Trauer am Boden Hafteten. Doch jetzt traten sie ein, und beugten die Knie' dort, Wo gesegnetes Brot, der Seelen Speise, verwahrt war; Wo das Bild des Gekreuzigten stand, und die Mutter das Kindlein Wies in dem hehren Gemähld', voll Lieb' an den Busen es drückend, Und, den wonn'ausstrahlenden Blick auf die Menschen gerichtet, Allen zu rufen schien: »O liebt den Liebenden mir gleich!« Aber der Greis, als wär' es zum legten Male hienieden, Sah zu ihr lang' empor, und wandte sich dann zu dem Pilger: »Herr«, sprach er, »blick' auf zu der Himmlischen! Früh in des Lebens Blüthenzeit hast du die Verehrung der seligsten Jungfrau Dir erkoren zum wahrenden Schild', und dem Schiffer nicht ungleich, Der in der Sturmnacht fest aufschaut zu dem rettenden Leuchtthurm, Dadurch bewahrt im reinen Gemüth Vertrauen und Demuth: Jenes zu Gott und auf Menschenwerth, und dies' auch im Glück' noch. Also wandeltest du, ein Seliger, fort auf des Lebens Dornenpfad mit heiterem Muth: der göttliche Sohn hört Gerne der Mutter Fleh'n, in ihrem Schutze geborgen. Jetzt auch wirst du gewiß, in dem furchtbarn Kampf der Entscheidung, Huldbeglückt, erringen den Sieg, wenn dir auf dem Schlachtfeld, In umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd' tönt: »Fromme Jungfrau'n einst zu versammeln zum Zeichen des Kreuzes.«[6] Höre, demnach was mir mein Meister und Herr in Gesichten Dunkeler Zukunft wies: Ein Vater unzähliger Fürsten Wirst du seyn, und so oft auch hier auf irdischer Laufbahn Wechselt des Menschen Geschick vom Guten zum Schlimmen: so wird doch Treu', und Redlichkeit stets in deinem Geschlechte noch dauern.«[7]

»Ernsten Gemüths, herrscht einst dein ältester über die Völker, Die dein heitres gewann, und fesselte. Ob er auch mannhaft Steht in der Männerschlacht, und vor ihm die Feinde, besiegt, flieh'n; Ob er auch ehret das Recht, und Gerechtigkeit übet als Richter, So auch die Wissenschaften, die Kunst', und den frohen Gewerbsfleiß Blühen heißt mit dem Ackerbau, ein sorgsamer Herrscher: Dennoch mißt er die Liebe. Die Hand der ewigen Vorsicht Waltet über des Menschen Geschick'. In Dunkel gehüllet Möge sein Ende dir seyn. Ihn rächen entsetzlich die Seinen.«

»Schön an Gemüth und Körper, die Lust des Menschengeschlechtes, Faßt mit unstraflicher Hand die Kaiserkrone dein Enkel. Aber, ihm gleich, ein Held, vom feindlichen Schicksal zum Feind' ihm Auserkoren, entwindet sie ihr auf dem rauchenden Blutfeld Mühldorfs; doch entreißt er, erst nur der Rache gedenkend, Auch in der Kerkerluft der Trausnitz dem edelsten Manne Nicht den unsterblichen Kranz, der, lohnend, dem Guten zu Theil wird. Sieh', er steht, erschütternd, vor ihm, da er Ehre viel höher, Denn des Lebens erlesenstes Glück, die goldene Freiheit, Achtet, und wiedergekehrt, die Hände noch selber den Fesseln Beut: ein Muster der deutschen Treu' auf Wort und auf Handschlag! Innig ehrt er ihn d'rauf, und theilt das nächtliche Lager, Ja, auch den Purpurthron mit dem Freund, der Erde zum Staunen.«

»Ha, schon winket des Theuerdanks unsterblicher Held mir Aus dem strahlenden Licht des thatenverherrlichten Lebens! Sein erbarmt sich der Herr, und rettet ihn, wunderbar oft so, Wie auf der Martinswand, aus unsäglicher Noth und Gefahren, Welch' ihm fortan drau'n auf des Herrschers dornigen Pfaden. Hoch erhebt er den Ruhm von Oestreich: kühn auf dem Schlachtfeld, Weis' im Rath; ein Liedergewaltiger, Held, und Beherrscher.«

»Aber ihm folgt, o Habsburgs Stolz, sein größerer Enkel! Sein Zeitalter leuchtet in wunderherrlichem Glanz' auf. Jugendlich regt sich die Erd', und treibt den erfreuenden Keim schon Jedes Großen und Schönen hervor. Erhabene Geister Wandeln auf ihr zum Ziel -- der Höchst' er unter den Hohen! Ha, wie würdig er herrscht, wie kraftvoll! Fern in die Zukunft Schaut sein Blick: er sinnt auf Deutschlands Größe durch Einung, Auf Hispania's Macht, und Italia's, daß er die Rettung Schaffe dem Christenvolk g'en wildempörter Osmanen Allverheerende Wuth, die er tapfer bekämpft, und besieget. Auch jenseits dem unendlichen Meer' erbeben die Völker Seiner Gewalt: nie geht die freundlichleuchtende Sonne Unter in seines umuferten Reichs endlosen Bezirken. Also die alt' und die jüngere Welt im Segen zu einen, Strebt sein hohes Gemüth. Wie dunkel die Wege der Vorsicht! Deutschlands Gau'n durchtobt die Neuerung. Feindlichgeschieden, Schaut urplötzlich der Mensch dem Menschen in's Aug: ihn verwildert Schrecklicher Sectenhaß: denn Mord, und Brand, und Empörung Würgt Jahrhunderte fort, und verscheucht bald jegliche Hoffnung, Die so herrliche Früchte verhieß. Vergeblich versucht er, Heimzuführen den scheuentflohenen Frieden: auf immer Scheint er entfloh'n. Ihn ergreift unendlicher Schmerz, und er endet, Freientsagend dem Thron, in einsamer Zelle sein Leben.«

»Ha, nach neun, durch Weisheit, Mild', und Gerechtigkeit ruhmvoll Herrschenden Männern deines Stamms, erseh' ich im Thronsaal Eine gewaltige Frau, die im Sturm umdrauender Nöthen, Gottvertrauenden Muths, die Lieb' und Bewunderung aller, Eintritt dort, mit dem Sohn' auf dem Arm, in die hohe Versammlung Eines edelen Volks, und tausend Stimmen erschallen, Als der ehernen Scheid' entrissen der blitzende Stahl fleugt: »Laßt uns sterben für Sie, die, als Königinn, uns ist ein König!« Glücklich als Gattinn und Mutter zugleich, und als Herrscherinn würdig Ewigen Ruhms, entschlummert sie sanft in den Armen des Todes.«

»Lange zum Manne gereift, nachfolgt ihr spät ihr Erzeugter: Herrschend des Volks Abgott, dem er nur Gutes gewillt ist. Aber ihm stürmts in der Brust: was kommenden Zeiten noch dau're, Müsse sorgsam gepflegt, und festgegründet der Bau seyn, Das bedenket er nicht, und sieht noch sterbend, verwelket Was er gepflanzt, und im Sand, sturzdrohend, was er gebaut hat; Dennoch beut ihm die Liebe den Kranz niewelkenden Nachruhms.«

»Siehe den Weisen, in dessen Hand dann erglänzet der Zepter, Reißt des Todes Geschick aus der Zahl der Lebenden schnell fort! Wohl ihm: denn früher erringt er das Ziel der herrlichsten Laufbahn Auf hesperischer Flur, wo er Glück ausspendet, und Segen!«

»Jetzt entschwinden die hehren Gesichte vor mir wie in Nebeln. Furchtbar steigt Geschrei in die Luft. Des alternden Erdballs Vesten wanken; es scheint, als sollt' ein neues Geschlecht sich Heben empor aus dem gährenden Grund, doch früher die alten Ganz hinschwinden in Nichts: so entsetzlich schwelgt die Empörung Fort an den Strömen vergossenen Bluts. Der tauschenden Gleichheit Mordruf schallt: hinschwindelt das Volk, und reißt mit des Thrones Stürzendem Heiligthum' auch sich selber hinunter zum Abgrund, Wo in dem nächtlichen Grau'n sein Wuthgestöhne verhallet. Aber ich sehe den Schiffer im Sturm, der, blickend zum Himmel, Unerschütterten Muths, durchfleugt die empörten Gewässer; Sehe den Sohn vor mir des Verblichenen, wie er im Nachtgrau'n Fortgewogt auf der Fluth, nun sinkt, nun steigt, bis er endlich, Lautumjauchzt, einfährt in den volkerfülleten Hafen, Und noch höher als erst, nach zwei Jahrzehenden aufragt: Denn ihn lenkt in den Tagen der Noth stets sicher der Tugend Heiliger Wink, und sein ist die Lieb' und die Treue der Völker, Die er, ein Vater, beherrscht mit mildvorsorgender Weisheit. Heißt auch mancher Gewaltige »Groß« in Geschichten der Menschen, Ihn wird einst die Nachwelt laut den _Edelsten_ nennen.«

»Dunkler ward's ... mir schwand in verworrenen Bildern die Zukunft. Doch nun hast du vernommen, was mir, unwürdigem Diener Heute der Herr enthüllt'. Leb' wohl! Vollbracht ist des Lebens Weitumirrender Lauf -- er endete, deiner gewärtig. Denk' auch mein im Gebeth. Stets sey der Himmel dir gnädig!« Sagt' es, und wankte hinaus, der Klaus' entgegen. Er warf sich Dort auf die Knie', und bethete leis' mit erblassenden Wangen.

Aber auch Rudolph lag mit tiefgesunkenem Antlitz So, daß die stürzende Thrän' auf die Marmorstufe hinunter Ihm aus den Wimpern sank, mit hörbarem Laut in der Stille, Vor dem Altar auf den Knie'n. Sein Dank auf den Fittigen tiefer, Inniger Andacht flog empor zu dem Vater im Himmel. Als er den Blick zu dem Bild' erhob, und das Aug' auf die Augen Heftete, die so mild den frommhinwandernden Pilger Wecken zur Liebe des Sohn's, da erblaßt' er betroffen. Ihn dauchte: Daß sie in himmlischem Glanz' erglühten, und schaudernder Angst voll, Wich er zurück vom Altar -- bis jetzt in der Lampe der Lichtdocht Hell aufflammt', und sanft, wie zuvor, die Mutter ihn ansah.

Jetzo rief er Müllern herbei, der draußen im Vorhof Harrte; legte die Hand ihm fest auf die Schulter, und sagt' ihm: »Hole die Waffen schnell: den Degen, den Helm, und den Harnisch; Auch die Spor'n, die wir mitführeten: leg' sie in Demuth Auf den Altar; dann fasse den Speer, die Wache zu halten, Bis zum Morgen. Ich geh', ein Weniges draußen zu schlummern.« Also geschah's. Der Knappe ging, und holte, verwundert, Alles und Jedes herbei; dann faßt' er den Speer, und erging sich Dort, gemessenen Schritts, die Wach' an dem Heiligthum haltend. Doch als jetzt an des Himmels Rand der erwachende Morgen Wie der purpurne Kelch der frischentfalteten Rosen Glühete, hieß der Kaiser sein Volk der kleinen Capelle Nahen, und dort im Kreis' umgeben den heiligen Altar. Anbethend stand er selber vor ihm; dann wandt' er sich freundlich Gegen den Kreis; rief laut dem Knappen Müller, und winkt' ihm, Niederzuknieen vor Gott auf die Marmorstufe. Den Wammsrock Nahm er ihm erst von dem Leib', und umgab mit dem glänzenden Harnisch Ihm die Brust: er reicht' ihm die Sporn' und den trefflichen Degen Dar mit dem Wehrgehang; bedeckte sein Haupt mit dem Festhelm, Riß dann schnell das Eisen hervor aus der Scheid', und begann so: »Weil du, tapfergesinnt, obgleich als Bürger geboren, Habsburgs Herrn, der jetzt des heiligen, römischen Reiches Kaiser sich rühmt, das Leben gerettet, und stets auf dem Schlachtfeld Ritterlich' Ehre gewannst durch heldenmütige Thaten: Will ich dich hier, vor Gottes Altare, den Edeln gesellen. Aber bedenke denn auch, daß dir hinfort auf des Ritters Ehrenbahn gezieme, zu schirmen das Recht und die Unschuld; Schützer zu seyn des zarten Geschlechts in Zucht und in Ehren; Nie zu meiden den Kampf, in die Schranken durch Edle gefordert; Nie zu dulden die Schmach, und zu rächen erlittenes Unrecht, Kräftig und ohne Verzug, so dir's nicht wehrt das Bewußtseyn: Hierauf schlag' ich dich Gott, und Maria, der heiligen Jungfrau, Auch Sanct Görgen, des Ritters Patron, zu Ehren, zum Ritter.«[8] Sagt' es, und führte den Streich kreuzweis mit dem tönenden Schwertstahl Ihm die Schulter hinab, erhob den Edeln, und küßt' ihn. Laut aufschrie die Schar der Versammelten. Jeglicher staunte, Forschte zuvor, wohin sich wende das ernste Beginnen? Doch, nun schüttelt' ihm jeder die Hand, und lächelt' ihm Beifall.