Rudolph von Habsburg: Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen. Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (2/3)

Part 20

Chapter 203,429 wordsPublic domain

Sieh', ihm ritt, tollkühn, der jugendlich blühende Ritter Falkenberg, in den Weg, den oft sein strenger Erzeuger Heimlich und offen gestraft, ihn zu bändigen; aber vergebens: Denn er quälte die Menschen und Thier', und beherrschte des Herzens Unmuth nicht, der stets zu gewaltsamen Thaten ihn hinriß. Ottgar jagte das Roß dem Nahenden seitwärts vorüber; Schwang sein Eisen, und hieb im Flug mit unbändiger Kraft ihm, Sausend, den Helm und die Scheitel entzwei: er stürzte zum Boden. D'rauf erreichte sein Schwert auf dem Todespfade den Helden, Dietrichstein. So schnell, so kundig der Tapfere vordrang, Ihn mit gesenktem Speer' aus dem Sattel zu heben, so kam ihm Ottgar doch, verderbend, zuvor, und bohrte den Mordstahl Ihm durch Harnisch und Wamms in das muthvollschlagende Herz ein So, daß er lautlos, bleich, entseelt, an dem Rosse herabsank. Jammern werden daheim die zartaufblühenden Kinder Da er, schon frühe der Gattinn beraubt, ein liebender Vater, Oft auf den Armen sie trug, und so mild, so freundlich und gut war.

Schnell, zu rächen das Blut der Erschlagenen, blitzten auf Ottgar Jetzt unzählige Speere heran. Da brausete pfeilschnell Otto von Meissau vor, von dem Herrscher gesendet, und schrie laut: »Ritter, schont den Gesalbten des Herrn: so geboth es der Kaiser!« Rief's; doch jener ergrimmte noch mehr, und spornte sein Streitroß Mitten unter die Schar (zu sterben entschlossen) den heißen, Glühenden Durst nach Rach' im Blute der Feinde zu löschen. Jetzt umgab ihn des Todes Grau'n. Die furchtbaren Ritter, Merenberg, die, beide mit nie gesättigter Blutgier Näher und näher herbei an die Seite des Königs sich drängten, Sorgend: er beuge sich dort, ein Gefangener, oder er falle Andern, nicht ihren, durch Haß zur Rache bewaffneten Händen, Sprengten dicht vor ihn hin; eröffneten, schnaubend vor Mordlust Ihren geschlossenen Helm, und der ältere rief ihm noch laut zu: »Sieh', gleich Rachegeistern, vor dir die furchtbaren Brüder, Merenberg -- ein Nahme, der dich zur Hölle hinunter Schleudert! So fahre denn hin, Unmenschlicher, stirb, und verzweifle!« Ha, und sie bohrten den schneidenden Speer mit wildem Gejauchz' ihm, Beide zugleich, in das Herz (ihm fest in die sterbenden Augen Schauend) und also, voll Hast, mit stets empörterem Ingrimm, Zwölfmal noch in die tapfere Brust, in den Hals, und den Rücken, Bis er, von Wunden bedeckt, hinsank, und das Leben verhauchte.

Wüthender flog in dem Feld dem Besiegten das siegende Heer nach; Aber vor allen das reisige Volk der Magyaren und Kunen, Heute zu einem vereint, und gehorchend dem tapferen Helden Von Trentschin, der stets den Flüchtenden, mordend, im Rücken Lag, und das Land umher mit unzähligen Leichen besä'te. Rastlos fort g'en Schrieck; dann weiter und weiter von Asparn Bis g'en Laa, der ummauerten Stadt, nachjagten die Ungern Ottgars fliehendem Heer', und, wo sie dann der Verfolgung Endlich setzten ein Ziel, wird heute zu Tage das Dorf noch »Ungerndorf« genannt: dem Heldenvolke zum Denkmaal. Siehe, die Wolken entfloh'n; der Geister unzählige Scharen Brauseten, lautaufjubelnd, davon, und die scheidende Sonne Sah von dem Abendthor, verklärt, auf des Sieges Gefild her!

Zwölfter Gesang.

Schauerlich irrt durch Nacht und Grau'n ein zitternder Lichtstrahl Ueber das schweigende Schlachtfeld hin. Nicht lang', und es folgen Ihm unzählige nach; viel hundert Fackeln erhellen Bald die Gegend umher: ihr Schimmer, vom Winde gefächelt, Wogt (entsetzlich zu schau'n!) auf den bleicherstarreten Leichen Tausender blitzschnell fort, und erfüllet die Seele mit Wehmuth. Doch wen suchen, voll emsiger Hast, die furchtbaren Männer Jetzo, schreitend umher, in den weiten Gefilden des Todes? Ottgarn! Sieh', und bald verkündete drüben ein Hügel Rings um ihn her erschlagenen Volks, wo er muthig im Kampf sich Wehrete, bis er, durchbohrt, den Rachebrüdern dahinsank! Dorthin wandelte, schweigend, der Zug; die leuchtende Flamme Wies ihn: erkennbar leicht, obgleich entblößt von des Heeres Plünderndem Troß, wie er lag im finsteren Kreise der Leichen, Mit den heruntergezogenen Brau'n, und den Lippen, zum Bogen Eingekrümmt vor Zorn: denn selbst mit des schwindenden Lebens Letztem Hauch, da ihm schon aus dreizehn Wunden das Blut rann, Wähnet' er noch: er habe gerecht bestraft den Verräther, Den so feig, so unedel jetzt die schrecklichen Brüder Rächten: zur Wuth empört von der langgenähreten Blutgier.

Aber des Führers Ruf erscholl, und der stattliche Wagen, Schon mit der Leiche des Königs beschwert, und verhüllt mit dem Bahrtuch, Folgte, rasselnd, dem Zug sechs glänzender, feuriger Rappen, Die zum eng'gemessenen Schritt mit Mühe der Roßwart Bändigte. Sieh', da trug der weitgefeierte Sänger, Horneck, leise die Harfe herbei. Ihm rollten die Thränen Ueber den grauenden Bart in den Busen herunter, und schweigend Starrt' er nach Ottgar hin; dann hob er den Klagegesang an: »Weh', da liegt er entseelt, der einst gewaltige König! Tausende blickten auf ihn, und es drängte der eine den andern, Glühend vor Hast, so er rief; nun ist er verlassen: es horcht ihm Keiner der Emsigen mehr. Wie staunt', und bewundert' ihn Jeder Sonst, da er noch zu dem Königsthron, von Edelgesteinen Schimmernd am gold'nen Gewand', aufschritt: nun wandten sie, schaudernd, Von dem Nackten sich ab, den kaum das kärgliche Gras barg! Ha, wo weilte der Arzt, dem Vergehenden Labsal zu reichen? Waren nicht seidene Kissen zur Hand, nicht schimmernde Decken, Ihn zu erwärmen, und ach! nicht scholl aus dem Munde der Gattinn, Kinder, Verwandten und Freunde umher, ein tröstendes Wörtchen, Ihm zu erheben das Herz? Verließen im Kampfe die Streiter All' ihn? Wie, nicht einer der Tapferen kam, ihn zu schirmen? Welt, Welt, so ist dein schnöder Gewinn! Ach, wehe dem Thoren, Der dir, falschen, vertraut! Erst biethest du lieblichen Honig Mit bethörenden Worten ihm dar; dann wandelst du plötzlich Solchen in furchtbares Gift: er saugt Verderben und Tod ein. Also erging es auch hier dem Könige. Fürsten, bedenket Sein Geschick! Handhabt die Gerechtigkeit, schützet das Recht nur; Seyd durch Tugenden groß, durch Wohlthun herrlich und geizet Nach dem Lohne der Welt nicht allein: vor Gott ist er eitel! Ottgar, ach, er geizte nach ihm! Die, prahlend, geschworen: Auszuhalten bei ihm im Leben und Tode -- wo sind sie? Einsam sinkt er jetzo hinab in des Todes Behausung. Welt, Welt, so ist dein schnöder Gewinn! Ach, wehe dem Thoren, Der dir, falschen, vertraut: denn nichtig entschwebt ihm das Leben!«[1] So wehklagte der edele Greis. Ihm horchten die Krieger Alle mit pochender Brust, den Trauerwagen umstehend, Und erhebend die Fackeln zur Luft, die, flatternden Schimmers, Ottgars finstere Stirn' erhelleten. Jener entzog sich Ihren Blicken, und wanderte dann auf dem nächtlichen Pfad fort. Doch sie schlugen behend', als solches der Führer gebothen, Ueber die Leiche das Bahrtuch her. Die schnaubenden Rappen Trieb der Roßwart an, und sie trabten, gehaltenen Schrittes, Von den Kriegern umschart, g'en Wien, die herrliche Stadt, hin.

Dort scholl freudiger Lärm dem kommenden Morgen entgegen, Als, dem Sieger zum Ehrenempfang', in geschäftiger Hast sie, Durch die dunkele Nacht sich schmückte mit festlichen Kränzen: Denn vor dem Thor, das sich nach Kärnthen dem Wanderer öffnet, Sollte von Laubgehölz' ein Siegesbogen sich heben, Hochgewölbt, und geziert mit schimmernden Bändern, und oben Rufen die goldene Schrift ein »Lebehoch!« dem Befreier, Der von der Stadt und dem Land' abwehrt' unendlichen Jammer; Oestreichs Herrscherthron fest gründete; dauernden Frieden Deutschlands Gauen errang, und ein Ziel aufsteckte der Willkühr, Die sich gefiel im Raub', und in all' den Gräueln des Faustrechts! Auch die Straßen entlang, erhoben sich, dicht vor den Häusern, Lieblichgrünende Reiser zur Luft; buntschimmernde Blumen Hauchten Wohlgeruch her auf die Bahn, die, erkoren dem Sieger, Durch die Stadt sich wand, und zahllos wogten die Fahnen Oestreichs rings von dem Wall' und den ragenden Thürmen im Wind hin. Also schmückte sich jetzo die Stadt, wie die blühende Braut sich Schmückt an dem Morgen des Tags, der sie eint mit dem Lieben auf immer.

Hinter des Ostens dämmerndem Thor' entfaltete jetzo, Neuverjüngt, der Tag die Fittige: weit sich erstreckend Hoben sie fächelnd sich auf, und wehten den glühenden Schimmer, Der sein Rosenlager umfing, empor an dem Himmel; Doch sie weckten zugleich des sanftumschmeichelnden Frühwinds Kühligen Hauch. Er kam aus des säuselnden Waldes Umlaubung Ueber die blumigen Matten heran; verbreitete ringsum Balsamduft, und erfüllte mit Lust die erwachende Schöpfung. Zwitschernd regte die Schwalbe sich schon im Nest mit den Jungen, Das sie im Lenz' erbaut' an dem Mauergesimse des Hauses; Auch umgirrete laut die Taub' in dem Schlag', und der Hahn rief Schmetternd darein, als draußen vom Feld, von dem Hain', und dem Hochwald Bis in die bläuliche Luft empor das Getöne sich mehrte. Jetzt von des Himmels Rand, dem Rosenlager entschwebend, Hob die herrliche Sonne sich auf; umhüllte die Berghöh'n, Häuser und Thürme der Stadt mit röthlichem Duft', und entflammte Hier die Fenster zu Gold, und dort auf den blühenden Matten, Unermeßlich umher, den Thau zu blitzenden Perlen. Doch bald schwang sie, verklärt, sich empor: den wölbenden Himmel Trübte kein Wölkchen, und rings auf dem lichtumflossenen Erdkreis Scholl ein Wonnegejauchz, dem schönsten der Tage zur Feier. Aber schon zogen den Weg nach dem Kreuze der Spinnerinn, eilig, Krieger zu Fuß und zu Pferd in gesonderten Haufen, und weithin Blitzten im Sonnenschein die hellgeglätteten Waffen -- Blitzte der Harnisch und Helm der Tapferen, die, von dem Schlachtfeld Kehrend, zum Siegseinzug' auf dem sanfterhobenen Berg sich Sammelten, wie es der Herrscher geboth. Mit grünenden Reisern Waren die Helme geschmückt, behangen mit Kränzen die Rosse; Laut scholl Jubel die Scharen entlang: denn fröhliche Weisen Sang der Krieger; sein Roß ihm wieherte d'rein; die Drometen Schmetterten, Zink' und Pauk' erklang, und die wirbelnde Trommel Rief das verworr'ne Getön zum allerfreuenden Einklang.

Sieh', und es lief unzähliges Volk aus der Stadt und vom Land her, Nach der Straße hinaus, auf welcher die Tapferen kamen: Alle mit Angst in der Brust, bis sie in den fröhlichen Reihen Ihre Lieben ersah'n! Da scholl (erschütternd zu hören!) Jauchzen empor; da bog sich mancher vom Sattel herunter: Einer umhalste den Freund, ein andrer den Sohn, und ein dritter Reichte dem grauenden Vater die Hand, der grauenden Mutter, Oder der Braut, die thränenden Blicks, ihm lächelte, sprachlos! Aber es trat nun hier, nun dort mit erblassendem Antlitz Auch der unglückliche Mensch aus den lautaufjubelnden Scharen: Denn nicht hatt' er die Lieben erseh'n, und dem Fragenden tönte Schrecklich der kurze Bescheid: »Er fiel, und kehret nicht wieder!« Feldeinwärts ging dort ein zartaufblühendes Mädchen, Ringend die Hände mit schwerem Gestöhn; hier saß an des Grabens Rand der Vater: er sah in die Tiefe hinab, und die Mutter Preßte den Arm mit der Stirn' an den Baum, und schluchzte vor Herzleid. Aber der schwellende Ruf des Entzückens dämpfte des Wehes Schnellverhallenden Laut, und unendlich erscholl das Getümmel, Als dem festlichen Kreuz der Spinnerinn jetzo der Kaiser Nahte mit hehrem Gefolg: denn Ladislav, der Magyaren Blühender König, ritt, hellschimmernd von Gold, ihm zur Rechten; Ihm zur Linken sein tapferer Sohn, der jüngst in der Feldschlacht, Muthentflammt, vortrug der Erlösung heiliges Zeichen, Und ihm folgten, erwählt, des Heers siegstolze Geschwader Nach auf den Wienerberg, der unter den Drängenden bebte, Und in dem Waffengeblitz erschütternd dem Auge zu schau'n war. Jetzt umgab er sich dort mit dem kaiserlichprangenden Mantel; Setzte den Helm, an welchem umher der goldene Kronreif Schimmerte, sich auf das Haupt; entblößte den Degen, und hob ihn Auf zum ersehneten Wink'. Alsbald bewegte das Heer sich Im Geleite des Volks nach Wiens aufjubelnden Mauern. Sieh', ihm eilten die Ritter vor mit den Reisigen Ungerns -- Jenen der Ost- und der steyrischen Mark: von den Heldengebiethern Angeführt, und vereint um die ruhmgekröneten Fähnlein! Aber ihm folgten dann die muthigen Schweizer und Schwaben Und die Tapfern aus Kärnthen und Krain mit den kühnen Tyrolern. Wie der Alpenbach, vom Regen geschwollen, sein Bette Plötzlich verläßt, und quer von des Bergs Abhange sich stürzet, Endlos über die Matten hin die Fluthen ergießend: So fortwälzte sich schnell das Heer; stets näher erscholl ihm Festlicher Glocken Getön' und des Volks auftobender Jubel.

Außer dem Kärnthner Thor, wo ein Siegesbogen erhöht war, Standen die trefflichen Bürger vereint. Ihr Meister, erkoren Durch gemeinsame Wahl an Waldrams Stelle, des falschen, Eilte heran, den Zug des erhabenen Kaisers zu hemmen; Both auf dem Becken von schimmerndem Erz, die vergoldeten Schlüssel Wiens, ihm huldigend, dar, und begann die Rede mit Ehrfurcht: »Heil dir, Oestreichs Herrn, dir edelstem Kaiser der Deutschen! Mögest du heut, wo dir, dem Retter, die jubelnde Stadt Wien, Festlichgeschmückt, entgegeneilt mit verlangenden Armen, Nicht gedenken der Schuld entflohener Tage -- des Herzens Deiner Getreuen gewiß! Nun herrsch' im Segen des Himmels Ueber dein glückliches Volk, und vom Thron, den du auf dem Grundstein Heiliger Religion, Gerechtigkeit, Tugend erhöhtest, Dein erhab'nes Geschlecht an der Zeiten entferntestem Ziel noch!« Sagt' es, bewegt; doch schnell entgegnete jetzo der Kaiser: »Ihr Getreu'n, habt Dank für des Herzens enthüllte Gesinnung! Gnädig willfahre mir Gott in dem Wunsch, daß ich gründe die Wohlfahrt Fern in die Zukunft noch der guten und trefflichen Völker, Die er mir anvertraut! Mein Glück ist das eure für immer!« Plötzlich entstürzt' ein heller Strom von Thränen den Augen Aller umher: denn rings erscholl, von Tausender Lippen Brausend, ein »Lebehoch!« und mehrte sich, jubelnden Lautes, Dort die Straßen entlang, die, erkoren dem festlichen Einzug, Schimmerten. Jetzt durch's Thor und die Straße Karinthia's trug ihn, Stolzvorschreitend, das Roß, und aus jeglichem Fenster ertönte Huldigung, wo, bekränzt, die zartaufblühenden Jungfrau'n -- Frau'n im glänzenden Schmuck', ihr schneeiges Tuch in die Lüft' auf Schwangen, und jauchzten empor mit hellerklingender Stimme. Doch, aus dem wimmelnden Volk vordrängten jetzt, wie verjüngt sich Wankende Greis', ihn zu seh'n, und zu segnen. Die Väter und Mütter Hoben ihr lallendes Kind auf den Arm; sie falteten erst ihm Freundlich die Händchen, und zeigten ihm dann den Herrlichen drüben, Daß es des Tages noch oft im spätesten Alter gedenke! Sieh', und nicht trockneten mehr dem erhabenen Kaiser die Augen All' die Straßen entlang, da er links, und rechts, in dem Siegszug Dankte dem jauchzenden Volk mit oft erhobener Rechten.

Also im Freudengeschrei unzähliger Meng', in der Glocken Festlichem Klang', und der Pauk' und Dromet' empörterem Jubel, Zog er entgegen dem Rothenthurm, und lenkete jetzo Ueber den schimmernden Hohenmarkt nach dem prächtigen Hof ein; Dann nach der Freiung hinab, und, dem Schottenkloster vorüber, Durch die Herrngass' fort nach dem breitaufragenden Graben, Bis er am Riesenthor des unendlichen Doms aus dem Sattel Eilig zur Erde herab sich schwang. Sein mächtiger Gegner, Ottgar, Oestreichs Herrscher vor ihm, vollbrachte des Domes Herrlichen Bau, da er einst zerstört von den Flammen, im Schutt lag.[2] Dort reicht' ihm der oberste Hirt der Gemeinde, vor allen, Festlichgeschmückt, im Kreise der Priester geweihetes Wasser Sanft mit dem Sprenger dar; dann schwang er das duftende Rauchfaß Dreimal ihm entgegen, und ging, beginnend der Lieder Herrlichstes: »Gott, dich preisen wir!« zum erleuchteten Altar, Singend, vor ihm einher, und Tausende sangen das Lied nach. Aber, als in dem wölbenden Raum des unendlichen Domes Rings umher des Gesangs allletztes Säuseln verhallt war, Knie'te der Kaiser noch hin, und bethete, heiliger Andacht Voll, am Altar', im Kreise der ruhmgekröneten Feldherrn. Staunend sah ihn das Volk; doch hingen mit inniger Wehmuth Auch an Trautmansdorf, dem Helden, viel Tausender Augen, Der, von dem schimmernden Kreis' entfernt, auf die Kniee gesunken, Beugte das grauende Haupt mit gottergebenem Herzen. Bald umhüllten ein jegliches Aug' untad'lige Thränen: Dort den Mann mit dem schneeigen Haupt so einsam zu schauen, Der noch jüngst, umringt von blühenden Söhnen einherging: Froh der gewaltigen Schar! Nun stand er allein und verlassen, Wie der verdorrete Stamm in dem Wald', um welchen die Windsbraut All' die frischen umher mit lautem Gekrach' in den Staub warf.

Thauenden Blicks, trat jetzt von den heiligen Hallen der Kaiser Wieder heraus, vor dem Riesenthor zu beginnen den Heimzug Nach der erhabenen Burg. Doch sieh', welch' tiefes Erstaunen Unter dem Volk? Schnell theilt es sich links und rechts in den Straßen So, daß der Bahre, von sechs lautschnaubenden Rossen gezogen, Raum sey, fürder zu zieh'n bis hin zur Pforte des Domes. Schmerz ergriff die Brust des beseligten Siegers. Er starrte Lang' nach dem Trauerflor, und dem leich'umhüllenden Tuch hin, Und erwog im Gemüth: wie mächtig der Todte noch gestern Gegen ihn stand, der heut', erstarrt, all' irdischer Hoheit, Kraft, und Streitlust bar, dort unter der finsteren Hülle Ruhete! Dann begann er für sich mit rührendem Laut so: »Ottgar, lebtest du noch, und herrschtest im Frieden, der Rachgier Wüthenden Sturm in der Brust besänftigend; heiteren Blickes Würdest du seh'n: nie haßt' ich dich, und im redlichen Busen Strebte dieß Herz, voll Liebe, dem deinen entgegen zu schlagen! Ruhe denn jetzt im Schooß des Allerbarmers auf immer!« Sagt' es, und hieß die Leich' auf dem trauerumhülleten Wagen Fort nach dem Schottenkloster hinab mit Würde geleiten, Wo sie ruhe, bis ihr, nach der Seelenmess' und dem Bußpsalm Werd' ein Grab mit dem ehrenden Stein, an heiliger Stätte. Doch wer drängt sich hier, voll Ungestümm, vor aus den Scharen? Lobkowitz kam, erblaßt von der Wunde zugleich, und dem Herzleid Ob des erschlagenen Königs und Freunds, in Eile herüber, Führend an zitternder Hand das holdaufblühende Söhnlein Ottgars, Wenzeslav, der einsam in Drösing zurückblieb. Ach, er harrete dort des Vaters, in fröhlicher Unschuld; Aber nicht kehrt' er ihm mehr, und, verwais't in der zartesten Jugend, Mißt er die kräftige Hand, die ihn leitete, seines Erzeugers! Großes beschloß alsbald der treffliche Greis, und, dem Kaiser Jetzo genaht, vordrängt' er das Kind, und sprach in das Ohr ihm: »Geh', und umfass' ihm die Knie' mit festgeschlungenen Armen, Daß er dein sich erbarme mit Huld, und die Leiche des Vaters Frei gewähre zum Trost den Unglücklichen, die er zurückließ; Dir zum Ruhm, wenn einst auf vaterländischem Boden Du ihm erhöhst das ehrende Maal, und zur Zierde dem Land dort, Deß gewaltiger Held, und erhabenster Fürst er gewesen! Fasse nur Herz: nicht hartgesinnt erweis't sich der Kaiser Dir: als Vater das dunkle Geschick der Kinder bedenkend.« Ottgars blühender Sohn gehorcht' ihm: er stürzte zu Rudolphs Füßen; umfaßt' ihm die Knie', und rief erschütternden Lautes: »Mildgesinnt, so sprachen sie all', ist der mächtige Kaiser, Dem ich hier auf den Knie'n, und mit thränenerfülleten Augen Rufe: erbarme dich mein, des Verwaiseten; lasse des Vaters Leich' uns frei, der dir erlag in der schrecklichen Feldschlacht! Hast ja auch Kinder, und sie erfreu'n sich des liebenden Vaters Noch, der, machtbegabt, sie schirmt, und zu Ehren erhebet. Aber, o, mich Unglücklichen: denn des Vaters beraubet, Welcher so hold mir war, vermiss' ich die mächtige Hand jetzt, Die mich hatte geführt auf des Lebens unsicheren Pfaden! Dennoch wird sein Grab im vaterländischen Boden, Der sein theures Gebein bedeckt, und der redende Denkstein Mir erfüllen die Brust mit Trost, und mit Stärke sie waffnen; Stillen den Schmerz der Mutter um ihn, und erheben des Volkes Sinkenden Muth, das stets, in Treu' ergeben, ihm anhing.« Doch der erhabene Kaiser schwieg, mit sinnenden Blicken Ueber den Jüngling gebeugt, und das Volk dort weinete ringsum. »Höre des Sohnes Fleh'n,« begann jetzt Lobkowitz finster, »Himmelan hebt sich dein Ruhm: nicht bedarf er des ehrenden Denksteins Hier, der, rühmend, von Ottgars Grab verkünde der Nachwelt, Welchen Gegner du einst im Felde der Waffen erlegt hast. Allwärts preis't dich die Welt großmüthig und edel: als solchen Sollst du auch ihm dich erweisen -- wo nicht? so täuschte dein Ruf nur: Denn unziemlicher Haß g'en Ottgar füllet dein Herz noch.« Rief's empört, und übermannt von unbändigem Herzleid. Alle staunten umher; doch zürnte dem eifernden Alten, Welcher so edel gesinnt, und zugleich so tapfer im Feld war, Rudolph nicht. Voll Rührung erhob er nun den Erzeugten Ottgars, der erneut ihm die Knie' umschlang, von dem Boden, Herzt' ihn vor allem Volk', und begann mit erheitertem Antlitz: »Sey getröstet, mein Sohn! Nicht sann ich, vor Trauer verstummend, Dir ein kostbares Unterpfand zu entreißen: denn alsbald Geb' ich es frei. Auch führe zugleich mit dem tapferen Helden, Lobkowitz, dich der Füllensteiner im Ehrengeleit heim. Zieh' dann schnell g'en Prag mit der Leiche des theuern Erzeugers, Sie zu bestatten mit würdiger Pracht, und zu weihen ein Denkmaal Ihm, der, herrschend mit Kraft und mit vielumfassender Weisheit, Rastlos seines unzähligen Volks Gedeihen und Wohlfahrt Förderte. Doch, nun komm'! Ich will ein Vater dir werden, Wie ich's zuvor beschloß im Gemüth', und im Segen des Himmels Möge der sprossende Keim noch herrliche Früchte dir bringen.« Sagt' es mit freud'ausstrahlendem Blick', und als er, gewendet, Faßte des Rosses Zaum mit der Linken, hinauf in den Sattel Sich zu schwingen, da both er zugleich dem staunenden Helden, Lobkowitz, schnell die Rechte zum Gruß mit den freundlichen Worten: »Kühner, du stand'st mir zwar gar feindlich entgegen, und dennoch Sagt mir das Herz: wir scheiden noch bald, als Freunde für immer!« Jener dankt' ihm d'rauf mit thränenumflossenen Wimpern, Schweigend; aber es quillt ein Dank aus den schimmernden Thränen, Den im schwellenden Strom der Worte die Zunge nicht ausspricht. Solches gewahrete nun der Kaiser, erfreuet, und schwang sich Rasch auf das Roß, den Siegeszug in der Burg zu vollenden: Denn mit jubelndem Ruf fortwogten von neuem die Scharen.