Rudolph von Habsburg: Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen. Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (2/3)

Part 2

Chapter 23,430 wordsPublic domain

All' umhüllete jetzt der Schlaf mit bleiernem Fittig Schon. Sie errangen zuvor, nach schrecklichem Kampfe, die Mauern Drosendorfs, von dem Hohenberger, dem tapferen Feldherrn Rudolphs, der sie mit Macht und entflammendem Muthe beschirmte. Aber noch wacht' im Gezelt der König der Böhmen. Zum Kriegsrath Rief er um Mitternacht die Feldherrn: denn von dem Kaiser Waren die Friedensbothen zu ihm, in das Lager gesendet: Meinhard, Graf von Tyrol, und Lichtenstein: in den Waffen Beide berühmt. Nicht dacht' er zwar, den friedlichen Oehlzweig, Den sein Gegner ihm both, mit versöhnlicher Rechten zu fassen: Denn er sann nur blutigen Kampf, nur Tod, und Verderben Ueber Rudolphs Haupt zu wälzen im Felde der Waffen; Aber es sollte der Helden Verein, was er in dem Busen Heimlich beschloß, nun künden mit lautentscheidendem Ausspruch. Siehe, vor allen kam der Führer des reisigen Volkes, Lobkowitz, ein gewaltiger Greis, deß' leuchtender Aarblick Unter den buschigen Brau'n den Muth im Herzen verkündet, Der auf die Waffenbahn ihn schon als blühenden Jüngling Trieb, und das Herz ihm gewann des schlachtruhmdürstenden Königs! Doch umwölkt war jetzt ihm die Stirne von inniger Trauer, Und zur Erde geheftet sein Aug', da er dort vor dem Herrscher, Schweigend, stand. Alsbald, obgleich von heimlichem Unmuth Selber gebeugt, begann, mit erzwungenem Lächeln der König: »Wahrlich, nicht wirst du den Feldherrn heut, mit dem Gram in den Augen, Muth einflößen im Rath! Hat dir das treffliche Streitroß, Das zum Siege dich schon in zwanzig Schlachten getragen, Und aus Feindes Gedräng' oft rettete, heute das Futter, Aechzend, verschmäht, und du sorgest vielleicht um den Liebling im Herzen? Wie, verfehlte der Spürer im Wald des flüchtigen Rehbocks, Oder des Hirsches Spur, mit dem sechzehnendigen Hauptschmuck? Fasse dich, tapferer Greis! Bald wird der Braune genesen; Bald erfreut uns der Fried', und du streckst in fröhlichen Stunden, Draußen am Rasengrund der waldumränderten Hügel, Wieder im Hörnerklang' und Gebell verfolgender Spürer Raschanstürmendes Wild mit sausenden Lanzen zu Boden. Denke des Worts: bald sind wir heimisch im Lande von Oestreich.« »Herr,« sprach jener bewegt, »gewartet mit emsiger Sorgfalt Wiehert das Roß, das mich in zwanzig Schlachten getragen, Und aus dräuender Todesgefahr oft rettete, muthig Drüben im Zelt! Nicht denk' ich des Weidwerks jetzt in den Tagen Ernsten Kriegs, deß' Bild uns jenes, im sanfteren Frieden Oft ergetzt, und die Kraft uns stählt in erhöhter Gesundheit. Ja, du sprachst es im Scherz nur, o Herr! Doch dünkt es mich selber: Nicht wohnt Heiterkeit dir in den tieferglühenden Augen. Möge die dunkle Nacht verborgenen Strebens enthüllen Jetzo der Wahrheit leuchtender Strahl! Zum wichtigen Kriegsrath Riefst du die Feldherrn: denn die Friedensbothen des Kaisers Harren der Antwort im fernen Gezelt. Des Friedens erwähnst du? Heischest Rath, und ach, beschlossen im heimlichen Busen Hast du den Krieg auf Leben und Tod! O, möchte des Friedens Freundlicher Ruf den Haß aus deinem empöreten Herzen Nun verscheuchen, und dir und dem Volk die Fülle des Segens Schaffen hinfort! Erfüllt hast du mit unendlichem Kriegsruhm Weithin die Erd' umher; allüberall preisen die Völker Deine Weisheit und Kraft. Zieh' heim nach dem herrlichen Erbreich, Das dir gehorcht -- nach Böhmen und Mähren: die trefflichsten Völker Nährt es im blühenden Schooß. Dort lebe dem Glücke der Deinen, Und unsterblicher Ruhm harrt dein, in der spätesten Zeit noch. Hast du nicht jüngst mit Siegel und Schrift und mit heiligem Eidschwur, Oestreich, Kärnthen, und Krain, als Lehen, entsagt vor dem Kaiser Selber, auf Glauben und Treu', und im Treubruch hoffst du zu siegen? Bebe der That: schwer rächte den Bruch geschworenen Eides Stets an den Sterblichen noch die ewigwaltende Vorsicht.«

Ottgar stand, erschüttert im Geist vor dem Schreckensgedanken; Sprechen wollt' er schnell, und es bebten die Lippen ihm leis' nur. Doch nun drang ihm das Wort aus den festgeklammerten Zähnen: »Ha, sey nun, und auf immerhin, der Leib und die Seel' auch Mit in dem Spiele gewagt! Nicht kann ich mehr weichen: die Gattinn -- Ja, das schreckliche Weib, hat mich zu dem Schritte gezwungen. Da ist kein Rückgang mehr: ich folg', ein Opfer des Schicksals!« »Wie,« so sprach, ihm freundlicher nahend, der Greis, »um die Herrschaft Stritten des Reiches Hort und der König von Böhmen; im Frieden Schieden sie erst, und die rach'empörende Zunge der Gattinn Drängte sie wieder zum Würgen zurück? Nicht mühen die Frau'n sich Ab in dem Feld. Wenn wir erlagen, erkiesen sie wieder Sich den neuen Gemahl, und erfreu'n sich im Kreise des Lebens; Doch uns lass' das Wohl und das Wehe des Landes bedenken. Ottgar, stolz und tapfergesinnt, gehorchte dem Weib' nun?«[4]

Also der Greis; doch, da er es sprach, entflammte des Königs Niedergeheftetes Auge sich stets zu größerer Wuth noch. Wie der Drache mit glühendem Blick von dem finsteren Felsschlund Aufschaut, wenn ein Ruf ihn empört; dann zischend dem Eingang Nah't, und, das Haupt zum Boden krümmend, den furchtbaren Rachen Weit vorstreckt, den Feind zu verschlingen, begierig: so sah er Jetzo dem Greis' in das Aug', und stöhnte vor heimlichem Ingrimm. Endlich rief er, bewegt: »Halt ein! O tadle den Gatten Nicht, der solchem Weibe gehorcht: Margarethen, der Frauen Sanfteste, stieß ich von mir: da sandte der Rächer im Himmel Mir Kunegunde. Sie hat, ja, bebe dem schrecklichen Wort nur, Ueber mich Macht und Gewalt. Wie ein Geist des ewigen Abgrunds Steht sie vor mir ... mich schrecken entsetzliche Träume. Verschließe Das in der redlichen Brust. Sieh', hätt' ich auch tausend und tausend Eide geschworen: umsonst! Nicht kann ich zurück in dem Kampf mehr Weichen: ich muß ihn mit Habsburgs Leu'n nun enden für immer.« Jetzo winkt' er dem Greis': denn, eilenden Schrittes, genahet Waren die Feldherrn all', und einten sich ihm in dem Kriegsrath. Neben ihm saß zur Rechten der Hort und Gebiether der Bayern, Heinrich; zur Linken ihm Pfeil, der Markgraf; d'rauf um den Tisch her, Der, nach Lagers Gebrauch, von niederen Bänken umstellt war, Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Dietrich, Herbot von Füllenstein, und die Kunring', tapfere Helden. Doch von der Mitte herab des hochgespannten Gezeltes Hing die flammende Lamp', endlos vom Oehle genähret, Und erhellte den Tisch in des Zeltraums düsterem Schimmer.

Eben hatt' er die Helden begrüßt, und wollte beginnen: Sieh', da scholl's von Hufen der Roß' in der nächtlichen Stille Näher und näher, und jetzt absaßen die Reiter am Zeltthor. Ottgar winkte sogleich dem blühenden Jünglinge, Wallstein, Der ein Liebling ihm war, schon seit der zartesten Kindheit. Alsbald eilt' er hinaus, und faßte vom niederen Gluthherd Einen leuchtenden Span, den dort ein Krieger entflammte: Schürend die Gluth, und häufend zugleich das harzige Kienholz. Mächtiger flammte der Span, da ihn über dem Haupt in die Graunnacht Wallstein hob, und schauete: wer die Versammelten störe? Staunend, sah er die Königinn selbst, Kunegunde, sich schwingen Aus dem Sattel, im Kreis' erlesenen Reitergefolges; D'rauf durcheilte sie rasch den Zelteingang, und, den Vorhang Schleudernd entzwei, schritt sie, mit stolzer Geberde, zum Sitz hin, Den der Jüngling verließ, an der Seite des Königes selber.

Ueber ihr schwebte mit grimmerfülletem Blick Drahomira Leise herein. Sie trieb die Königinn eilig von Drösing Her in der dunkelen Nacht, daß sie erst durch schmähende Reden Reize den Gatten, und dann entflamme zur Gier nach des Krieges Schrecknissen, mehr denn je, in des Raths entscheidendem Zeitraum. Wehe, sie forscht', auf Arges bedacht, im Kreise der Helden Gierig herum, wie die Schlange verhüllt in dem laubigen Zweig lauscht: Ob ein Vögelchen ihr zur Beute sich bieth'? -- und sie fand noch Dort den Ersehneten nicht; doch, als der blühende Jüngling Eintrat, dachte sie schnell dieß Herz zu berücken durch Ehrsucht, Und zu verderben mit ihm den, ihr verhaßten Beherrscher!

Als der König die Gattinn ersah, da erblaßten die Wangen Ihm vor Zorn; doch schwieg er, und ließ die Stolze gewähren, Auf daß keiner im Rath' ihn verachtete -- jeglicher dachte: Jetzt erschiene sie hier, ersehnet von ihm, und gerufen. Rasch war ihr Drahomira genaht: in dem Hauche des Unholds Ward ihr Busen empört, und alsbald rief sie verhöhnend: »Ha! welch' Wunder geschah? Schon heut erfreuen die Böhmen Sich der Eroberung Drosendorfs, der mächtigen Festung, Nach den Tagen unendlichen Müh'ns? O, schändliche Thorheit War es: vor ihr die goldene Zeit zu vergeuden -- zu harren, Bis der klügere Feind, noch arm an Kriegern und Waffen, Sich verstärket', und euch des Eisens Spitze wohl biethet! Schnell, mit würgender Hand euch bahnend den Weg in die Hauptstadt, Mußtet ihr folgen der Stimme des Ruhms, und dem dringenden Aufruf Rüdiger Waldrams[5] dort, des muthigen Meisters der Bürger, Der nun bald, ein schmähliches Opfer, dem Feinde verrathen, Fällt durch euere Schuld, durch eure Verblendung, und Feigheit.« Siehe, da grins'te vor Lust Drahomira den Helden in's Antlitz; Doch jetzt fuhren empor von dem Sitz die Versammelten alle; Ballten die Faust vor Zorn, und wollten enteilen: nur einer, Milota, regte sich nicht, und lächelt' unheimlich für sich hin. »Faßt euch,« rief der König, bewegt, »die Königinn duldet Schon seit jenem unseligen Tag, der uns, und die Völker Böhmens beschimpft -- dem Tage der Huldigung,[6] nagenden Kummer Und zerrüttendes Weh' in den Tiefen des Herzens. Ihr Helden, Dessen gedenkt, und achtet den Schmerz des unglücklichen Weibes: Denn nicht wägt er genau das raschverwundende Wort oft, Das der Zung' entflieh't im Sturm der empörten Empfindung. Aber vernehmt es, was ihr in der Stille der nächtlichen Stunden Jetzo mit uns erwägen soll't nach euerer Weisheit: Rudolph sandte zuvor zwei tapfere Ritter in's Lager Her, uns dringender noch als jüngst, die Hand zur Versöhnung Biethend. Erneuend sodann den Wunsch: durch unserer Kinder Wechselheirath das Band der Freundschaft für immer zu gründen, Ladet er uns g'en Wien, zu turnei'n; die Speere zum Scherz nur, Nicht zum Ernst zu versuchen, und dann die ersehnte Verlobung Durch ein gastlich Mahl zu feiern im schimmernden Prunksaal. Solches verkündete heut' in geheim uns Rüdiger Waldram; Aber zugleich: g'en Lilienfeld[7] hin ziehe der Kaiser Albrecht, seinem Erzeugten, mit hundert Reitern entgegen, Der in den schwäbischen Gau'n die Krieger ihm warb, und vom Aargau Her die tapfersten führt, die ihm oft errangen den Lorber, Altgedient, und versucht im Grau'n der eisernen Feldschlacht. Soll mein Volk vorstürmen bis Wien, daß unser Vertrauter, Waldram, ihm eröffne das Thor in der nächtlichen Stille, Wie er es eben verhieß, mit den treuen Bürgern verstanden? Ist's wohl räthlicher noch, mit Kunrings Reitergeschwadern Ueberzusetzen in Fähren den Strom der mächtigen Donau, Und aus dem Hinterhalt den Kaiser zu fah'n in der Waldschlucht, Welche sich links und rechts an dem Kaumberg, trüglich herumschlingt? Nie versagt' ich das Ohr dem Rathe der Männer: was dünkt euch?« Herbot schrie zugleich mit dem Kunring, lärmend, und laut auf: »Fort nach Wien! Bald sinkt mit der kühnerrungenen Hauptstadt Rudolphs Macht in den Staub: wir bürgen für herrlichen Sieg dir!«

Lobkowitz fuhr von dem Sitz', des Friedens Ruf zu erneuern; Aber ihm kam Kunegunde zuvor, und sagte dem König: »Wie, du spähest noch jetzt nach schlauverhülleten Pfaden, Thöricht verlassend die kühnere Bahn, die schnell zu dem Ziel führt? Ist denn völlig gewichen von dir der Muth und die Kühnheit, Die von Siegen zum Sieg dich leitete, Schlachtenberühmten? Zahllos warben die Freier um mich. Masowiens[8] Herzog Ließ auf dem glänzenden Thron mir Macht und Reichthum zur Erbschaft; Aber ich achtete keinen Mann, im stolzen Bewußtseyn Herrschender Geisteskraft, und lautgepriesener Schönheit. Auch du bothst mir die Hand. Der Ruf erscholl in den Ländern: Ottgar trug des Sieges Panier zu dem Belt hin; erbaute Dort noch Königsberg,[9] und schlug, heimkehrend, die Scharen Ungerns im Feld auf das Haupt. Er einte die Steyer- und Ostmark Dann, als Sieger, mit Kärnthen und Krain dem böhmischen Erbreich, Und errang die Bewunderung so der entlegensten Völker. Ha, da sank mein Stolz, beschämt, vor dem Helden! Ich gab mich Eiteler Täuschung dahin: mit der königlichsieghaften Rechten Würd' er auch mich erheben im Glanz' unsterblichen Ruhmes. Weh', nun steh' ich gebeugt, entehrt, und fruchtlos geopfert! Aber, denkst du der Ehre nicht mehr, so gedenke der Schmach doch! Soll ich den Mann, den König, und ach, den Gatten noch mahnen Dort an den graunerregenden Tag, wo gegen den Eidschwur, Der dich bewog, dem Kaiser zu huldigen heimlich im Zeltraum, Er, o schreckliche Schau! auf des Eilands ragendem Hügel, Das die Donau umschlingt mit weitgedehneten Armen, Plötzlich am listiggestalteten Zelt den rauschenden Vorhang Fallen hieß, und dich vor den Augen unzähliger Krieger, Die an dem Strom sich dieß- und jenseits, feindlichgesondert, Lagerten, wies zum Hohn' -- auf die Kniee gesunken, o schändlich, Ottgar, dich, dem er an dem Hof' einst dienet', als Marschalk,[10] Huldigend dort, in dem Staub'! O, könntest du solches vergessen?« Ottgar preßte die Stirn' in die Fläche der Linken, und glühend Rann ihm die Thrän' an der Wange herab. Er sucht', es zu bergen; Blickte grimmiger auf, und rief: »Nicht werd' ich's vergessen!« Doch nun drang Drahomira noch mehr in die Fürstinn. Sie hob sich Eilig vom Stuhl' empor, und sagte mit leuchtenden Augen: »Ha, die Dromet' erklinge dem Volk', und gebiethe den Aufbruch Nach den Mauern von Wien; in die Luft hoch flatt're die Sturmfahn' Vor den Scharen einher, und leite sie glücklich zum Sieg' hin!« Rief's; doch Ottgar sprach nun so zu dem tapferen Helden, Lobkowitz: »Wie, du schweigst mein sieggekröneter Feldherr? Nie ermangelt' ich deines Raths, und deiner Erfahrung, Weisheit, Treue und Kraft verdank' ich, was rühmlich gescheh'n ist.« Lobkowitz wiegte das Haupt, und sprach eintönig und trocken: »Haben doch and're vor mir, dem wankenden Greise, gesprochen, Die das heißere Blut, wie im Sturm, fortreißt auf des Ruhmes Glänzender Bahn -- weit blieb ich zurück', und bin es zufrieden. Sieh', ich wähnte, wir lieh'n ein Ohr des Kaisers Gesandten? Doch vor dem zürnenden Blick der Königinn? Sey es denn morgen!« Also der Held. Da sprach Kunegunde voll Wuth zu dem König: »Wohl, ich weiche zurück bis Drösing. Sinnst du auf Frieden Noch mit dem Kaiser, so sey's; doch nimmer siehst du mich lebend Wieder: nur mord' ich zuvor mit Freuden die blühende Tochter, Eh' ein schmählicher Bund dem verhaßtesten Feind sie vereine.« Rief's hinschreitend; erhob sich auf's Roß, und eilte nach Drösing, Das sie den Abend zuvor mit ihren Erzeugten bezogen.

Jetzt ließ Ottgar schnell die Gesandten des Kaisers entbiethen, Die schon lange voll Gier in dem fernen Gezelte des Rufes Harrten. Meinhard, Graf von Tyrol, erschien, und zur Seit' ihm Nahete Lichtenstein: des Heer's erlesene Zierden. Stattlich traten sie ein, und setzten sich würdig zum Tisch hin, Grüßend den König zuvor, und d'rauf, die versammelten Feldherrn. Meinhard neigte das Haupt, und begann mit edelem Anstand: »Rudolph, mein erlauchtester Herr, und Kaiser der Deutschen, Sendet uns, Meinhard und Lichtenstein, nicht unwürdige Bothen, Freundlich zu dir, erhabener Herr, und König der Böhmen! Wollest darum uns hören mit Huld, und unsere Reden Nicht verachten, da wir, nur arm an zierlichen Worten, Stets mit dem rauheren so, wie mit unserem blinkenden Eisen, Das wir zu führen gelernt, zum Ziel vorstreben, und treffen. Frieden beut er dir mit leichtversöhnlichem Herzen; Doch er beut ihn im Augenblick, wo er völlig gerüstet, Nicht, wie jüngst in dem Land', entblößt von Kriegern und Waffen, Sollte schon fast ihn erflehen von dir -- nein, wo er im Kriegsbund, Mächtige Völker vereint, und der Treue der Völker gewiß ist. Daß du, als Kaiser ihn anerkenn'st; ihm Böhmen und Mähren Tragest zu Leh'n; auf die ost- und die steyrische Mark, so auf Kärnthen, Krain, entsag'st: das ist des Friedens enthüllte Bedingniß. Drei gewaltige Vesten im Land: hier Drösing im Marchfeld, Dort Pöchlarn, und Enns sollst du mit starker Besatzung Halten zum Unterpfand durch drei der Jahre, von heut' an. Ha! du erstaunest? So ist's; ihr sollt euch finden in Freundschaft. Heilig ist Rudolphs Wort, du kannst ihm sicher vertrauen.«

Als er die Rede voll Kraft jetzt endete, herrscht' in dem Zeltraum Stille umher: doch Lichtenstein, gewahrend den Vortheil, Grüßte den König zuvor, und begann mit heiterem Blick so: »Ernstes sagte der Graf. Mit Gott und eurem Gewissen Werdet ihr solches erwägen zum Glück und zum Segen der Völker, Die ihr beherrscht; doch leiht auch mir ein günstiges Ohr noch. Nicht vom blutigen Kampf: von der Minne ersehneten Freuden, Von Turnei'n, und dem festlichen Mahl gedenk' ich, zu sprechen. Allwärts ist es bekannt, daß Herr Rudolphus, der Kaiser, Ein Turnei, bei'm Tabor,[11] am kommenden Donnererstag schon, Der Sanct Rochus geheiliget wird, zu halten, gesinnt ist: Denn nach Frieden verlangt sein Herz, und er hat dich geladen. Solcher Ehre Gewinn verschmäht kein tapferer Mann je. Sieh', d'rum harret er dein und deines so edeln Gefolges, Das den Herrscher umglänzt, wie die Stern' umglänzen den Vollmond! Aber noch höhere Freuden gedenkt, nach vollendetem Festmahl, Oben im prunkenden Saal der Kaiser mit dir zu bestellen: Lieblich erblüheten dir die schönsten der Töchter -- in Söhnen Ihm sein Glück: zum Bund der Einigung beut er die Hand dar: Hartmann führ' als Braut sich Hedwig, voll siegender Schönheit, Thekla, voll zartester Huld, sein Rudolph heim. So ersehnt er's.«

Als er gesprochen das Wort, und noch weiter gedachte zu reden: Sieh', da warf sich in brausender Hast der muthige Jüngling, Wallstein vor! Er stand, und hielt sich die Brust mit der Rechten; Athmete tiefer, begann zu sprechen, vermocht's nicht; er stürzte Dann zum Gezelte hinaus, und verschwand im nächtlichen Dunkel. Ottgar blickt' ihm, erstaunt, jetzt nach. Er wähnte: sein Liebling Sey urplötzlich erkrankt, und von wüthenden Schmerzen befallen; Doch Drahomira durchschaute sein Herz; sie lächelte grimmig; Jubelte dann laut auf, und folgte dem fliehenden Jüngling: Ihm für Hedwig die liebende Brust noch mehr zu entflammen, Und zu verderben mit ihm den, ihr verhaßten Beherrscher.

Im erleuchteten Zelt verstummten von neuem die Helden; Gar nicht wollten von Ottgars Mund' die Worte sich lösen. Endlich hob er sich auf, und sagte den Beiden zum Abschied: »Wahrlich, nicht ahnete mir's, so glühend verlange der Kaiser Uns bei festlichem Turnkampf, Tanz, und Gelagen zu sehen! Aber wohlan -- das kündet ihm nur, so er etwa daheim ist: Ottgar werdet ihr schau'n im Gefolge der Edeln, und hören, Was er vom Frieden gedacht, und der Kinder ersehnter Verlobung! Aber, ihr Herrn, gehabt euch wohl; der Himmel geleit' euch!« Beid' erstaunten der Red', und eilten unmuthig von dannen. Draußen sagte zu Lichtenstein der tapfere Meinhard: »Ritter, sprecht, was dünkt euch? Nicht einmal die Krume zum Imbis, Nicht des Weines so viel, das unsere Lippen benetzte, Reicht' er zum Trunk' uns dar. Ich meine: von Heirathsgedanken Ist er so fern, wie dort von mir Veiths glänzender Wagen, Der an des Himmels Rand zum eisigen Norden hinabsinkt. Ha! und merktet ihr nicht, wie schnell der arge Verräther Rudolphs nächtlichen Ritt g'en Lilienfeld ihm enthüllte? Ach, er zog nur mit schwachem Geleit! Kommt: gut ist die Vorsicht!« Rasch aufschwangen sie sich in den Sattel, und flogen nach Wien hin.

Aber der König entließ die Versammelten. Jetzo noch einmal Blickt' er Jedem in's Aug', und sagte mit rauherer Stimme: »Mir zerwühlet die Wuth das Herz. Wie kecklich die Ritter Sprachen, als sey ich im Feld nicht fürder zu scheu'n, und, dem Ball gleich, Nun rechts hin, dann links im schwebenden Fluge zu wenden; Aber es zehr' ihr Hort sich zu Tod' an seinen Gelüsten. Mein Entschluß ist gefaßt: am Morgen gebiethet den Aufbruch Euerem Volk. Wir ziehen entlang den schlängelnden Marchfluß Bis an den Weidenbach, wo, erhöht, des räumigen Lagers Wall uns schirmt g'en List und Gewalt. Verstanden mit Waldram, Sey in dem Ueberfall nur »Rache« der Würgenden Schlachtruf! Ruhet ein Weniges noch: bald rufen euch laut die Drometen.« Jene gehorchten dem Wort', und eilten nach ihren Gezelten. Aber der König ging noch lang' im Schimmer des Nachtlichts, Sinnend umher. Oft seufzt' er laut; er ballte die Faust oft Vor Erbitterung; stand, ging wieder, und hatte nicht Frieden. Endlich warf er sich hin auf das Lager, und schlummerte leis' ein.

Ueber dem Haupt des Schlummernden hing sein schützender Engel, Trauernd. Verglommen war sein Glanz. Wie auf thürmender Alpen Ewigbeschneiten Höh'n der rosigglühende Schimmer In ätherischer Bläue verglimmt in der sinkenden Dämm'rung: Also auch er, den Schwermuthsblick auf den armen gerichtet, Den ein furchtbarer Traum umfing. Margarethe, die Gattinn, Welch' er schnöde verstieß, naht' ihm, und sah ihn so trauernd An, aus dem hüllenden Leichentuch: er wandte sich, schaudernd, Weg, und hieß sie entflieh'n. Nicht lang', und in hoher Verklärung Schwebt' auf schimmernden Au'n, und bekränzt mit himmlischen Rosen, Sie vor ihm hin. Er folgte -- sie floh; doch jetzt, an dem Ufer Eines unendlichen Stroms hielt sie den eilenden Flug an; Sah, huldflehenden Blicks, zu dem Himmel empor, und entschwand ihm, Schatten gleich, wenn Nebelgewölk umhüllet die Sonne. Wieder umfing ihn des Todes Nacht. Um sich her auf dem Schlachtfeld Sah er unzählige Leichen gehäuft: bis endlich ihm selber Dort zwei Würger genah't, mit rach'ausblitzenden Augen, Tief in die Brust einstürmten den Speer, und höhnten im Tod noch. Stöhnend wand er sich dann im Schlaf, und in mächtigen Tropfen Stand ihm der Schweiß auf der Stirn' und den hochgerötheten Wangen.