Rudolph von Habsburg: Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen. Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (2/3)

Part 16

Chapter 163,508 wordsPublic domain

Also die beiden dahier. Capellen, der Edle, gewahrend Drüben im Feld den Tod der muthigen Scharengebiether, Sandte den Oesterreichern den Meißauer hier, und den Steyrern Dort den Lichtenstein, aus der Schar der Ritter, als Feldherrn. Schnell gehorchten die zwei Feldobersten jetzo Capellens Ruf; denn jener erkor, an Berchtholds Stelle, den Helden Summerau, und Lichtenstein den furtbaren Ritter Merenberg, an jene des Seldenhofen, zu Führern. Hoch schwang Merenberg sein Schwert in die Luft, und er rief dann: »Ha, nun endlich dem Ziel, dem schrecklichen, näher und näher Schreit' ich den dunkelen Pfad! Komm, Richard, und stehe dem Bruder Treu zur Seite, mit ihm die entsetzliche That zu vollführen, Die sich der Merenberger ersehnt! O denke des Bruders: Wie er am Galgen hing -- das Haupt zu den Füßen gebunden, Dreimal schreckliche Tage sich wand! Wie, leben soll Ottgar?« Alsbald einte sich ihm in dem Kampf sein finsterer Bruder. Doch mit erneuetem Muth vorstürmten die beiden Geschwader, Und ermordeten, was sich entgegenstemmt' in den Reihen. Also gedrängt von den Stürmenden, wich Morawia's Fußvolk Langsam zurück', und stand, und wehrte sich wieder: nicht anders Weicht der gewaltige Felsenblock, nach dauerndem Regen Losgewühlt vom Gebirg', an des Bergs abgleitendem Rand hin; Bis nachströmend die Fluth ihn bewegt, und er in den Abgrund Stürzt im sausenden Sprung' und Getös', unhemmbaren Fluges.

Doch der erhabene Kaiser sah mit Freude die Seinen Ringen im Feld, die im Vorkampf schon die gesunkenen Lorbern Ihrer Heldenstirn' jetzt herrlicher wieder erhöhten. Schnell entboth er zu sich Trentschins Gebiether, der Ungern Muthigen Hort, und sprach: »Noch ward dir, tapferer Feldherr, Nicht eröffnet das Thor an der siegsruhmbiethenden Laufbahn; Aber ich kenne den Muth, der dich und die Deinen beseelet. Zieh' g'en Schönfeld hin mit den furchtbarn Reitern, und harre Drüben des Winks: urschnell dem Feind' in die Seite zu fallen. Aber der Wink sey dir: wenn, blutrothschimmernd, von Marchecks Ragendem Thurm die Sturmfahn' weht, und die Glocken erschallen. Also erringst du dir Ruhm, und mir den herrlichsten Vortheil.« Jenem erglänzten die Augen wie Gluth; er strich mit der Rechten Sich den mächtigen Bart, und sprach: »Glorwürdiger Kaiser, Gleich dem Morgenthau, der schmachtende Fluren erquicket, Hat dein ehrendes Wort das Herz mir gelabt, und des Unmuths Wolken entflieh'n mir jetzt vor den lang'umdüsterten Augen! Tödtendem Blitz und verheerenden Stürmen gleich ist im Schlachtfeld Ungerns tapferes Volk: ich will sie dir lenken zum Vortheil, Mir zum Ruhm: weil mich des edelsten Kaisers Vertrau'n ehrt.« Sagt' es, und ritt im Flug, mit den jauchzenden Scharen nach Schönfelds Auen hinab, ersehnend den Wink zu dem schrecklichen Angriff. Aber der Kaiser entsendete links und rechts an die Feldherrn: Albrecht hier, und Meinhard dort, die Herolde; stehen Hieß er sie noch vor dem Wall', und festabwehren des Gegners Furchtbardrängende Wuth, bis, blutrothschimmernd, von Marchecks Ragendem Thurm die Sturmfahn' weht, und die Glocken erschallen: Denn er ordnete dort die zeichenerspähenden Männer.

Marbod nahte heran. Er schwebte zuvor in dem Zeitraum Eines entfliehenden Augenblicks nach den schimmernden Mauern Drüben der Wunderstadt, Venezia,[2] die aus des Meeres Fluthen sich hebt, und des Fremdlings Brust erfüllet mit Staunen, Dort das ehrende Maal des Heldengreises zu schauen, Dandolos, der mit den Franken im Bund', ersiegte die Hauptstadt Constantins, erst jüngst, mit nie zu erschütternder Thatkraft. Doch nun kehrt' er zurück', und staunte der Menge der Leichen, Die in der Männerschlacht schon weit bedeckten die Felder. Wie den Wanderer Grau'n befällt, der plötzlich ereilet Von dem sausenden Sturm', in den tiefergesunkenen Wolken Weißherschimmernden Hagel ersieht, und drüben im Wald' ihn Wüthen hört, wo er bald, entstürzend mit lautem Geprassel, Blühende Zweige zerschlägt, und zu Boden schmettert die Wipfel: Also befiel ein Schauder auch ihn. Im Fluge vernahm er Katwalds Ruf, wie er hier empörte den mächtigen Herbot. »Ha,« so sprach er, »du prahltest zuvor: du wollest lebendig, Oder todt, aus der Schlacht heimführen den Kaiser der Deutschen? Eitler Schwätzer, wie werden dereinst dein spotten die Helden! Reite zur Rechten hinab, und versuche denn quer in die Reihen Einzudringen, wo Rudolph weilt, und keine Gefahr ahnt.«

Herbot besann sich schnell; fünfhundert Reisigen rief er: »Folgt mir!« und jagte zur Rechten hinab, wo, nahe dem Herrscher, Meinhards Heldenruf die Krieger zum Kampfe bewegte: Denn schon maßen im Waffengemeng' auch die Bayern und Sachsen Sich mit den Tapferen Krains und Kärnthens. Dicht, und unzählbar Lagen die Leichen im Gras'. Doch Czernin führte die Völker Gegen Meinhards Macht, der jetzt ihn näher gewahrend, Schnell vordrang, und, genaht, ihm rief: »Du hast dich vermessen, Nächtlich, im Ueberfall, Vindobona, die herrliche Festung Zu betreten; gehofft, als Sieger, herunter zu schauen, Stolzen Blicks, aus der Kaiserburg: nun sollst du es büßen, Was du frevelnd gedacht, und gewollt, und nimmer erreicht hast.« Czernin schwieg, ergrimmt. Er senkte den Speer, und erreichte, Sausenden Flugs, den Mann, der also ihn schalt vor den Scharen, Ihm die Brust zu durchbohren, gesinnt; doch fehlt' er des Zieles, Zitternd vor glühender Hast, und der blutgeröthete Speerstahl Streifte nur, zwischen dem Leib' und dem Arm, durchfahrend, den Harnisch. Meinhard säumte nicht, hob, und senkte das Schwert, und zerschlug ihm Jetzo den Helm und die Stirne zugleich, daß er rücklings vom Rosse Sank, und, gestreckt lang hin, in Todesschauern erblaßte. So vor den äußersten Reih'n stritt auch der muthigen Sachsen Feldherr, Pfeil, mit dem weitgefürchteten Grafen von Heunburg, Der den Kärnthnern geboth, und der Hort der krainischen Scharen, Ortenburg, mit Bayerns gewaltigem Herzoge, Heinrich, Jetzo auf Leben und Tod: da Scharen des einen und andern Sich bekämpften, und rings nur Mord und Gewürge zu schau'n war. Heunburgs blitzendem Stahl' erlag der tapfere Markgraf Pfeil, nicht des Todes Pfeil, von des Gegners Rechte geschleudert, Mehr vermeidend, nach schrecklichem Kampf', und hauchte den Geist aus. Heinrich gelang's, den Ortenburg aus dem Sattel zu heben, Ihm durchstoßend den Arm, daß er dort im knisternden Sandstaub Blutete, kriegsgefangen sich sah, doch wieder gerettet Heim in das Lager kam, und dem kundigen Arzte sich hingab.

Sieh', als hier in dem Streit die erbitterten Völker sich maßen; Schlachtruf scholl; Drometen schmetterten; Trommelgewirbel Klang: der Würger Geschrei und Verwundeter Aechzen ertönte, Jagte Herbot von Füllenstein mit seinem Geschwader Durch den sondernden Raum, der zwischen der mittleren Heersmacht Und dem Flügel zur Linken sich fand, in Eile hinunter -- Dann auf den Kaiser los, den Katwald ihm, wie der Gemsaar Fernhin schauend, verrieth mit empörendem Geistergelispel. Rudolph kam, im Gefolge der Trautmansdorfe (nur Erdwin Weilte noch, frommbesorgt, in Marchecks schattigem Freythof) Eben heran, gelockt von des raschvorstürmenden Meinhards Lautem Siegesgeschrei, und ahnte die nahe Gefahr nicht; Doch nun hemmt' er mit zweifelndem Blick das Roß, und erforschte Gierig: ob Freund', ob Feind' ihm naheten? bis er des Ritters Riesengestalt ersah, der kennbar im feindlichen Heer war. »Ha,« so rief er, »erlag mein Volk? Entsetzliches Unglück Droht: denn, seht, uns kommt ein feindlich Geschwader entgegen!« Doch schon war er umringt. Laut schrie zu seinen Erzeugten Trautmansdorf: »Kommt, laßt uns sterben für unseren Kaiser: Rettet ihn, kämpft, und ersiegt euch hier unsterblichen Nachruhm!« Alsbald kehrten die sechs untad'ligen Brüder den Feinden Kämpfend, entgegen die muthige Brust, vom rühmlichen Beispiel Ihres Erzeugers entflammt, den edelsten Herrscher zu retten. Aber auch Marbod sah die Gefahr, die jetzo dem Leben Rudolphs droht'; er umfing mit heißumschlingenden Armen, Flehend, Capellens Brust, und rief: »Zur Linken hinüber Eil' im sausenden Flug', und errette den Kaiser vom Tod jetzt!« Jener staunte bei sich, wie ihn solche Gedanken bestürmten? Gab dem Rosse den Sporn, und jagte herüber im Blachfeld.

Schon umhäuften die Brüderschar in Menge die Leichen; Schon war Edelred mit Erhard gefallen: die andern Bluteten; doch ermahnte sie laut ihr edeler Vater Noch mit dem Schwert' in der Faust, zum Kampf für den edelsten Kaiser. Sie gehorchten ihm all', und erlagen nach schrecklichem Mord nur: Kurd, Agilolf, und zuletzt mit Otto der heitere Winfried. Jetzt drang Herbot schnell mit dem Speer, der hoch wie ein Mastbaum Sich in die Lüft' erhob, auf Rudolphs tapfere Brust ein. Siehe, nicht traf er die Brust des kampferfahrenen Herrschers; Doch dem steigenden Roß durchstieß er die Stirn, daß es stöhnend Sank, und zugleich in den Staub den trefflichen Reiter herabwarf! Ha, wer rettet ihn mehr? Zwar nahte Capellen; die Ritter Naheten; links und rechts herstürmten die muthigsten Krieger: Dennoch war es um ihn gescheh'n, und die Hülfe vergeblich, Wenn nicht hurtig er selbst, mit dem mordenden Speer in der Rechten, Auf den schrecklichen Mann losfuhr; unbändigen Muthes Ihn bekämpfte; den Streich nach seinem geschlossenen Schlachthelm Führend, mit solcher Gewalt ihn traf, daß die Augen ihm alsbald Dunkelten -- Seh'n und Hören verging. Auch erhob er urplötzlich Wieder den Speer: durchstach dicht unter dem Kinne den Riemen, Der den Helm an das Haupt ihm festigte; drehte den Schaft noch Hurtig herum, und riß blitzschnell ihn vom Sattel herunter. Wie die Zinne der Burg, vom Orkan zur Erde geschleudert, Fällt mit Gekrach, und der Grund weit hin erbebet: so fiel dort Herbot zur Erde: sie bebte dem Fall', und Gerassel der Waffen Scholl im Gefild' umher. Laut schnaubend vor Angst und Entsetzen Jagte Capellen herbei. Er both, vom Pferde gesprungen, Solches dem Kaiser, und half ihm hinauf in den Sattel, er selber Schwingend das Schwert mit Trautmansdorf, dem tapferen Helden, G'en die umdrängende Feindesschar sich zur Wehre zu stellen.

Schon entfloh die Gefahr: ein Jauchzen erscholl um den Herrscher, Als jetzt Herbots Volk sich ergab an die drängenden Scharen. Aber er stand, und zitterte. Schnell, empört von dem Anblick Dieses Gewaltigen, der das Leben des Kaisers bedrohte, Sprengten die zürnenden Krieger herbei, an ihm Rache zu üben; Doch der Erhabene rief: »Zurück, verschont ihn: er lebe! Das sey ferne, daß ich bestrafe den tapferen Ritter, Der so kühn sich erwies, nicht Tausende scheuend, im Angriff: Heute noch komm' er nach Wien in ehrenvolle Gewahrsam. Trautmansdorf, dir dank' ich das Leben, nach Gott! Nicht zum Boden Wende den Blick jetzt mehr, noch einmal die Opfer zu sehen, Die es dich kostete! Fort, zur Rechten hinab, und entbiethe Albrecht schnell: er stürm' in den Feind; du stehe zur Seit' ihm Dann mit gewaltigem Arm, ein rettender Schild in Gefahren! Eilt nun all' an's Werk! ich bin geborgen; erhebt euch!« Alle jagten davon; nur einer -- unglücklicher Vater, Nur du allein verweiletest noch, und sah'st auf die Todten, Uebergebogen, hinab; dann gabst du dem Rosse die Spornen! Ach, und das Augenpaar des umschauenden Kaisers erglänzte, Thränenumhüllt! Doch jetzt aufschwang er den Degen: von Marchecks Thurm ertönten mit stürmendem Ruf die Glocken, und blutroth Flatterte dort in die Luft die thatengebiethende Sturmfahn'; Bald erscholl ringsum Geschrei und verwirrtes Getümmel.

Ottgar zögerte noch. Umsonst ermahnte der Greis ihn, Jammernden Lauts, getäuscht von Herbots Kühnheit, und sagte: »Sieh', wie dort rechts hin die Reisigen stürmen, das Fußvolk Rasch vordringt! Nun gilt's: entscheide den schrecklichen Kampf du!« Aber der König begann: »Fürwahr, wir tauschten für heut schon Art und Gemüth: du kühltest die Gluth sonst mir in dem Busen, Kaltvorschauend, und heut', empört zu Feuer und Flammen, Hast du nicht Ruhe, nicht Rast. Bald tönt der ersehnete Ruf dir.« Dann begann er noch leise für sich in sinnender Schwermuth: »Wallstein, ach, ich schau' in des Sieges Gefilden dich nimmer!« Lobkowitz schwieg. Doch sieh', nun hemmte die stürmenden Krieger Milota's Feldherrnwink! Er dacht', ergrimmend im Geist, so: »Jetzo der Thaten genug, daß mir vertraue der König. Ist's nicht klar? Er sann mir heute den sicheren Tod nur, Als er mich ehrend erkor: ich lebe noch, ihm zum Verderben.« Dacht' es, und zog alsbald, schwachkämpfend, mit zögernden Schritten Sich auf des Nachhalts Reihen zurück. Ihn empörete Katwald, Tapfer zu steh'n: umsonst, er wich! Doch, sausenden Flugs, war Marbod den Völkern genaht, die am rechten Flügel, gehorchend Albrechts Stimme, voll Heldenmuths, nach dem Kampfe sich sehnten. Hochberg, der den Zürchern geboth, ersah er, und rief ihm: »Schreie: »Der Feind entflieht!« Gar mächtig ertönet dein Ausruf.« Hochberg schrie: »Der Feind entflieht« mit gewaltiger Stimme, Die zum Kern des Heers, und hinaus zum äußersten Flügel Donnerte. Bald erscholl's von tausenden Stimmen auf einmal: »Holla, die Feind' entflieh'n! Sie flieh'n -- die Feinde, sie fliehen!«

Ottgar horchte dem Ruf mit kalthinstarrendem Blick' auf; Wandte das Roß, und sprach zu Lobkowitz: »Wahrlich, vermuthend War ich des Unfalls mir: denn höre des Herzens Geheimniß! Jüngst, in der furchtbarn Zeit des mitternächtlichen Grauens Hieß ich, im dunkelen Eichenhain, die Alrune,[3] des Schicksals Hehre Verkündigerinn durch Bothen befragen; sie gab mir Antwort: Ottgarn winkt an Stillfrieds Marken das Ziel schon! Dort ist der Sieg mir gewiß; wir wollen uns fechtend zurückzieh'n!« »Herr, nicht der Hölle vertrau',« so rief der jammernde Greis auf, »Gott vertraue -- dir selbst, und deinen gewaltigen Kriegern! Noch steht Sachs und Bayer im Kampf; noch nichts ist verloren. Wolle mit Ernst den Sieg, er ist dein: o komm', und erring' ihn!« Aber er trabte zurück. Ihm folgten am Fuße die Scharen Milota's, der in dem Nachzug noch voll täuschenden Eifers, Selbst abwehrte, zum Schein, die raschnachrückenden Gegner.

Bald erscholl auch drüben Geschrei, wo Bayern und Sachsen Kämpften im Waffengefild, geführt von dem tapferen Herzog Heinrich, und Zierotin, dem kraftgerüsteten Helden: Denn Matthias, der Hort magyarischer Krieger, ersehend Oben am ragenden Thurm die blutrothflatternde Sturmfahn' -- Hörend der Glocken Getön', erhob sich in Eile von Schönfeld, Mit zermalmender Macht dem Feind' in die Seite zu fallen. Vor zu des Rosses Mähne gebeugt, den blitzenden Säbel Schwingend in kräftiger Faust, hinbraus'ten die Reiter, und hieben Links, rechts, ein: bald lagen die Leichen gesä't in dem Blutfeld, Wankten die Gegner, und floh'n, verfolgt von den Gegnern in Hast fort. Rastlos eilte der König dahin im sinkenden Nachtgrau'n, Bis er nach Dürnkrut kam in das Lager, das er noch letzthin, Stolz vor Siegeshoffnung, verließ -- nun trotzig begrüßte: Denn er dachte des Siegs am nächstaufstrahlenden Morgen. Doch bis Ebenthal, dem einsamen Schloß' an dem Waldthal, Führte der Kaiser sein Heer, und ruht', umlagernd, im Feld dort. Ganz verhallte des Tages Lärm, und vom nächtlichen Himmel Sah'n die Sternenheer' auf die schlummernden Völker herunter.

Zehnter Gesang.

Abendröthlich erglänzt der schnellentgleitende Rheinstrom; Völlig verhallte der Sturm; nur liebliche Lüftchen bewegen Manchmal, leis'umsäuselnden Flugs den ergossenen Spiegel Seiner Gestade, wo links und rechts, von dunklen Gebüschen, Wäldern, und Höh'n, nun hochaufragende Thürme der Burgen, Nun hellschimmernde Städt' und Gotteshäuser sich heben, Und ihr Bild in die spiegelnde Fluth von oben nach unten Kehren, gewiegt von dem Zuge der raschforteilenden Wellen. Wechselnd, von einem zum andern Gestad' durchkreuzen der Vögel Singende Scharen die Luft, und ziehen dem schauernden Wald zu. Abendglockengetön, vermengt dem Blöcken der Heerden Schallet die Ufer entlang, als jetzt an dem wölbenden Himmel Auf sich schwingen die goldenen Stern'; umschattendes Dunkel Ruh' auf die Welt umher verbreitet, und jeglicher Laut stirbt. Von Schafhausen allein tönt Donnergetös', in des Abends Stille hörbarer noch dem Ohr: wo im schwindelnden Jähsturz Sich von dem Klippendamm hinab zum versunkenen Strombett Stürzt die gewaltige Fluth, aufschäumt an den Felsen, und dorther Schauernden Nebelqualm in die Haine hinaus, und die Thäler Sendet im Windeshauch', unendlichen, ewigen Eilflugs.

Sieh', ein Ritter kam aus fremden Landen gezogen! Eilig trabt' er die Straße herab, und ihm folgte der Knappe Fern, ermattet der Last der Wanderung. Aber den Ritter Trieb herzinniges Leid und der Heimath glühende Sehnsucht. Als er im Abendlicht, hervor aus dem dunkelen Eichwald Kommend, vor sich das weitverbreitete Land, und inmitten Fluthen sah den ersehneten Rhein, da hielt er das Roß an; Sprang aus dem Sattel herab, warf sich, erschüttert, zum Boden, Netzt' ihn mit Thränen, und stand, in des Anschau'ns Wonne versunken. Hartmann war's, der jetzo dem Strom sich nähernd, und kehrend Heim in das Vaterland, die trauten Gefilde begrüßte. Drüben am linken Gestad', ersah er das freundliche Städtchen Rheinau, welches der Rhein im kreisenden Lauf, sich nach Osten Wendend, umfließt. Dort baute (so künden die Sagen der Vorzeit) Sorglich das Gotteshaus Funtan, der Heilige,[1] Schottlands Königen blutsverwandt, den Brüdern von Monte-Cassino, Als er, ein Pilger, dort die Stelle, vom Geiste getrieben, Endlich fand, wo allein der Strom nach Osten den Lauf kehrt. Hartmann sah vom Gestad mit bewegtem Herzen hinüber -- Sah im Geist noch hinaus weit über die Berge, des Aargau's Liebliches Thal, und dort von dem Felsenhügel die Habsburg Ragen aus dunkeln Tannen empor in die Luft, und herunter Schau'n auf die Fluthen der Aar, die ihr, eilenden Laufes vorbeirauscht. Zwar vermißte sie jetzt die trauten Gebiether: der Vater Fern (er tauschte den Grafenhut mit der Krone der Kaiser) Todt die Mutter -- von ihm die holden Geschwister geschieden. Er, der Unglückliche, kehrt allein, in einsamer Stille Dort zu erreichen das tröstende Ziel der irdischen Wand'rung.

Doch nun rief er, bewegt, dem spätnachfolgenden Knappen: »Mangold, fasse das Roß an dem Zaum', und führ' es mit Vorsicht Ueber die Brücke zur Stadt; bald folg' ich dir nach in die Herberg!« Mangold faßte das Roß an dem Zaum, und führt' es mit Vorsicht Nebenher, dem seinen gesellt, hinüber nach Rheinau So, daß die Brück', entlang, erst laut, dann leiser und leiser Unter dem eisernen Huf fortpolterte, bis zu dem Land hin. Hartmann weilete noch. Er saß in Trauer versunken, Dort auf dem Felsenriff, das sich auf die Fluthen hinüber Beugt; sah oft nach den Wellen hinab, wie sie rollten, und eilten Rastlos fort in des ewigen Meers verschlingende Tiefen, Und gedachte mit Trost der eilenden Tage des Lebens. Sieh', nun hob sich vor ihm der Mond in des Himmels Gezelt auf; Hellte die Nacht, und zog in grünlichen Goldes Gefunkel Quer auf dem dunkelen Strom die flimmernde Straße hinunter, Der er, bewegt, nachsah, bis dort zu dem äußersten Rand hin, Wo das Gestirn sich scheitelrecht in den helleren Fluthen Spiegelte. Dort winkt' ihm (so däucht' es ihn) freundlichen Blickes, Jenseits her aus ätherischem Glanz die liebende Mutter. Ach, er streckte die Arme nach ihr mit stöhnender Brust aus; Beugte die Stirn', und ihm sank die heimliche Thrän' aus den Augen! Jetzo fuhr ein Kahn rasch über den schimmernden Mondpfad; Muntere Stimmen erreichten sein Ohr. Herüber von Rheinau Kehrte nach Eglisau, der Vater mit seinem Erzeugten, Der, ein Fischer, dahin die Beute der Netze getragen, Und seit Jahren umher auf dem fischdurchwimmelten Rheinstrom Ruderte. Nun verfehlt' er, getäuscht, des Zieles: der Kahn schlug, Von der Strömung gerafft, an dem Joch der gewaltigen Brück' um, Barst entzwei, und die Zween verschlang, so mächtig sie kämpften, Schrie'n, und riefen, die Fluth. Nicht der lastenden Rüstung gedenkend, Nicht der grausen Gefahr, aufsprang der edele Ritter Auf das Angstgeschrei nach Rettung jammernder Menschen; Lief das Ufer entlang, und warf sich hinab in die Strömung, Als der Junge hervor aus der Fluth die Rechte gehoben; Aber nicht rettet' er ihn, und fand in dem brausenden Abgrund Dort das Ziel des schwermuthvoll entschwundenen Lebens.[2]

Ach, nicht ahnte des theueren Sohns unglückliches Schicksal Rudolph noch, der fern im Zelt, von den Helden umgeben, Saß beim erquickenden Mahl, nach unsäglicher Mühe des Tages! Draußen, von Lagerfeuern erhellt, verlor sich des Himmels Nächtliches Grau'n; Geschrei und Gelärm erscholl mit dem Wehruf Blöckender Lämmer und Schaf', und des dumpfaufbrüllenden Rindes: Denn die Krieger besorgten das Mahl in geschäftiger Sorgfalt: Jetzo das Fleisch in der siedenden Fluth, die im räumigen Kessel Brodelte, wohl mürbkochend, und jetzt es auf kreisenden Spießen Bratend so, daß der Wohlgeruch weit das Lager erfüllte. Auch ermangeln sie nicht des herzerfreuenden Weines, Oder des Brots; nicht des Habers und Heu's die munteren Rosse: Denn des Heers Marschalk, der Breuner, hatte genügend Alles und Jedes zur Stelle geschafft für die dauernde Kriegszeit, Und stets lauter erscholl auftobende Freud' in dem Lager.

Drinnen im hellerleuchteten Zelt, von den Helden umgeben, Harrte der Kaiser zuvor des blühenden Königs der Ungern, Dem er den Herold gesandt, als dort vom Lager vor Marcheck Sich das siegende Heer erhob, die geworfenen Scharen Ueber den Weidenbach voll drängender Hast zu verfolgen. An dem Gestade der March, wo, g'en Hochstätten, im Halbkreis Sich hinwindet der Fluß, aufragte die Kuppe des Felsens, Der vor grau'n Jahrhunderten schon den Völkern zum Markstein Dienete, jetzt dem Zelt des lebensfreudigen Königs Kühlenden Schatten both, und, ferne geseh'n, in der Umwelt Alles dem spähenden Auge verrieth. Dort fand ihn der Herold Sitzend im munteren Kreis' der Zitherspieler und Sänger, Die von dem Heldenzug der Ahnen herüber nach Ungerns Reichem Gefild' und der Thatenkraft gepriesener Führer Sprachen im jubelnden Lied'; auch rühmten darauf: wie im Feld' erst, Kämpfend mit nieu erschütterndem Muth, des verbündeten Kaisers Macht die Feinde bestand, und, gleich dem brausenden Sturmwind, Der auf der Heid' im Herbst die verdorrten Disteln dahinjagt, Trentschins ruhmverherrlichter Held dann ihnen im Rücken Lag mit mordendem Stahl, als all die Scharen zerstoben. Aber so laut der König sich d'rob erfreute, so gönnt' er Dennoch dem Kunen den Ruhm vor dem Unger im heimlichen Busen, Und ergrimmte noch mehr, daß ihm Kaduscha heute zurückstand. Hastig nahet' ihm Meyenberg, der Herold, und sprach so: »Herr, dein Herz erfreue der Ruhm des herrlichsten Sieges, Den dein tapferes Volk mit raschentscheidender Thatkraft Uns erringen half. Zum Kriegsrath ruft dich der Kaiser, Und zu dem fröhlichen Mahl nach des Tags ermüdender Arbeit.« »Gern,« erwiederte jener, voll Hast, »hineil' ich in's Lager Meines erlauchten Verbündeten, der so edel gesinnt ist.« Sagt' es, und schwang sich auf's Roß, im Gefolg kumanischer Reiter, Ebenthal zu erreichen im Flug, wo im schimmernden Zeltraum Rudolph, heldenumschart, sein harrete. Wie er dahinflog, Fuhr der Staub zum Gewölk, erregt von den stampfenden Hufen.