Part 14
Wallstein stürzte hinaus, und flog nach dem feindlichen Lager, Rastlos, bis er erreichte die Huth der böhmischen Reiter. Schnell erkannten sie ihn, der oft im Gewühle der Schlachten Sie zum Siege geführt, und jubelten laut in die Nacht auf. Einer begann: »Kehrst du zur Freude des Heers und des Königs Wieder zurück, der, wisse es nur, mit unsäglicher Sehnsucht Nach dem verlorenen Sohn sich abhärmete? Wahrlich, er nannte Heute dich so, und verhieß allmanniglich reiche Belohnung, Der dich führte zurück in die Arme des liebenden Vaters!« Doch, es erwiederte Wallstein ihm den freundlichen Gruß nicht; Eilete vor, und erreichte das Zelt des entschlummerten Königs. Jetzo murrete Greif, der mächtige Hund, vor dem Eingang: Ottgars Liebling, ein Schrecken des Volks, das nächtlicher Stund' ihm Nahete, wo er, der Kette los, umwandelte wachsam: Denn er bewältigte leicht den stärksten der Reisigen; hielt ihn Nieder, und bellete, bis ein Hausgenosse daherkam. Wallstein zischte nur leis', und rief ihn bei'm Nahmen: da sprang er, Heulend, herbei; erhob sich mit freudigem, lautem Gewinsel Ihm auf die Schulter, lang wie er war, und leckt' ihm die Wangen; Lief dann kreisend umher, und kehrete wieder, vor Freuden Bellend, und heulend zugleich: denn Wallstein war ihm seit Jahren Hold, und quälet' ihn einst im jugendfröhlichen Muth' oft. Doch er streichelte jetzt den Treu'n mit unwilliger Hand nur; Trat in das Zelt, wo im Lampenschein, auf das Lager gesunken, Ottgar schlummerte: ganz in die Waffen gehüllt, und zu kämpfen Wieder am Morgen bereit, und schauderte, wie er den Mann dort Schlummern sah, der einst ihm vor allen Sterblichen werth war -- Jetzt, ohnmächtig im Schlaf', ihm Preis gegeben zur Willkühr. Grauer schien ihm sein grauendes Haupt seit Tagen geworden, Blässer sein blasses Gesicht. Er stöhnete laut vor dem Traum' auf, Der ihn umfing, und wand sich, und rief, fast wimmernd, nach Wallstein. Dieser entblößte das Schwert. Noch einmal stand ihm des Jammers Grau'ngestalt, den Ottgar schuf, vor den Augen; er eilte Vorwärts, schwang das Eisen, und sann. Drahomira durchschwebte Jetzo den Zelteingang; umflog in furchtbaren Kreisen Schneller und schneller des Jünglings Haupt, und hauchte des Abgrunds Gifte umher, daß er, schwindelnd, den Mord verübt' an dem König; Aber er hatte zuvor, vom Kaiser, mit Schrecken, des Heilands Worte gehört. Wie dort im Fiebertraum sich ein Kranker Freut, da ein Freund ihm naht, und nachsinnt: ob er ihn kenne? Also nur dunkel vernahm der zerrüttete Jüngling die Warnung; Dennoch bezwang er sich jetzt, trat näher, und stampfte den Boden. Auffuhr Ottgar schnell, und starrte dem Starrenden, schweigend, In das Gesicht. Ein ganzes, im Glück' entschwundenes Leben Eilete schnell, wie der Blitz, den Beiden noch einmal vorüber, Und die Vergangenheit warf, hellleuchtend, viel grausere Schatten Noch auf die dunkele Gegenwart. Doch jetzo begann er: »Wallstein, kommst du zurück'? Ich wußt' es: ein edeles Herz schlägt Dir in der Brust. O, schwer hast du mich betrübt, und des Abgrunds Seelenverwirrende Macht empörte die Wuth mir im Busen So, daß ich, nicht durch eigene Schuld -- von der Hölle betäubt nur, Dir das liebende Herz verwundete! Wohl sind die Menschen Sich zu betrüben, geneigt; doch Reue versöhnt, und Verzeihung Windet den schöneren Kranz um die friedenbiethenden Herzen. Du nun wieder mein Sohn, und ich -- dein liebender Vater ...«
Jener naht' ihm, und rief ergrimmt: »Halt ein, und erhebe Nicht den Vorhang mehr, der zwischen uns dunkel herabsank! Was du ersehntest -- es sey: ich verzeihe dir! Aber dem Bogen Furchtbarer Rach' entschwirrte der Pfeil; nicht reißt ihn des Schützen Hand mehr zurück. Weh' dir, Unglücklichem: denn ich entsandt' ihn! Böhmisches Blut benetzte dieß Schwert: mit den Kunen verbunden, Hab' ich zuvor dein Volk erwürgt, wie ein Söldner des Kaisers. Du hast ihm nach dem Leben gestrebt: ich both mich, als Rächer, Dir zu durchbohren die Brust; doch, sieh', dein edeler Gegner Achtet dein Haupt, und gab mir sanftversöhnende Lehren: Solchem fällst du besiegt -- ich meinem unglücklichen Schicksal!« Sagt' es, und kehrte das Schwert urplötzlich von unten nach oben Gegen die Brust, und sank in den Stahl, der, zischenden Lautes, Ihm das pochende Herz durchfuhr. Er verhauchte das Leben Lautlos. Jammernd erhob sich jetzt, ihn zu retten, der König: Aber umsonst: er lag entseelt, und regte sich nicht mehr! Schon aufjauchzte vor Lust Drahomira, der That sich zu rühmen: Da durchblitzt' ein Glanz den Raum des Gezeltes; ein Flehen Nach erbarmender Huld erscholl. Von Schauder ergriffen Wollte sie flieh'n, um fern in den übersinnlichen Räumen Noch zu entgeh'n dem Zorn der Himmlischen; aber unendlich Rauscht' Entsetzen ihr vor -- ihr nach: sie sank in den Abgrund Außer den Gränzen der Welt, betäubt vom Schrecken, hinunter, Und erkannte sich erst in den Jammergefilden der Hölle.
Draußen im Schattenkreis' des hochaufragenden Eichbaums Gruben die Krieger ein Grab. Der Entseelte lag auf dem Rasen Dort in den Lagermantel gehüllt: da hinkte sein Reitroß, Völlig des Anseh'ns bar, aus der Au herüber, und senkte, Leise genaht, das Haupt zu ihm hin, daß die wallende Mähn' ihm Dann mit dem Zaum nachsank, und des Todten Antlitz bedeckte. Jahr' entfloh'n: da hieß es, am Grabe des böhmischen Kriegers Liege das bleiche Geripp von seinem verschmachteten Roß noch!
Als aus Osten der Hauch des hellaufdämmernden Morgens Ueber die frischbethauete Flur den kühleren Frühwind Sendete; rings im Gefild sich die wiedererwachten Geschlechter Regten, mit gleichgeschäftigem Drang zu durchlaufen des Tages Kreisende Bahn, bis ihr Ziel, nun bald, nun später erreicht ist; Als in den Städten und Dörfern umher, in den Hainen und Wäldern Munterer Laut sich erhob: da hatte der Kaiser im Lager Schon die Scharen vereint, und zu drei Heersäulen geordnet, Sie in geschlossenen Reih'n dem Feind' entgegen zu stellen. Aber der Ost- und der Steyer-Mark geworfene Scharen Schob er den andern vor in der Mitte, daß sie in dem Schlachtfeld Sich den entwundenen Kranz jetzt herrlicher wieder erkämpften. Heiter saß er zu Pferd', und sprengte hinauf und hinunter Vor den Reih'n, zu entflammen den Muth der schweigenden Krieger: Denn sie schwiegen, beschämt von des Rückzugs quälendem Vorwurf. »Männer, wohlan,« so ermahnt' er sie laut, »steht heut' in dem Schlachtfeld Fest zusammengedrängt -- euch tapfer zu wehren, entschlossen: Denn bald dürfte der Feind, noch stolz auf errungenen Vortheil, Mit gesteigertem Muth vorstürmen zum blutigen Angriff! Ha, schon seh' ich den Siegeskranz, mein edler Capellen, Dir an der Stirn! Dir, Trautmansdorf, dem Vater der Helden, Glühen die Wangen vor Gier, zu rächen im Blute des Feindes Die, nur mit Uebermacht erschlagenen Söhn' in dem Vorkampf. Oestreichs Edelstein' und Demantberge, verdunkelt Heute sogar den Ruhm der thatengewaltigen Ahnen: Denket des Siegs! Doch, Lichtenstein, wie? Soll ich dich schelten? Nicht die gewohnte Heiterkeit färbt mit Freude dein Antlitz Heut': erbebst du dem Feind? Der Tapfere scheuet den Tod nicht.« So, vortummelnd das Roß, erregte der Kaiser die Helden. Aber dem Eilenden rief der Lichtensteiner im Scherz nach: »Mit Vergunst! Ihr irrt, erlauchtester Kaiser! Den Feinden Bebt kein Lichtenstein; doch, fröhlicher Dinge zu scheinen Noch, da uns Ottgar jüngst des Turnmahls schnöde beraubte, Gestern nicht gönnte die Zeit, an dem trockenen Brot' uns zu letzen, Auch den Schlaf uns stahl? Das möchte nicht allen genehm seyn! Doch wir tischen ihm bald die Mahlzeit auf, und verhelfen Ihm zu dem furchtbarn Schlaf, dem er gar freudig entrönne.«
Lächelnd hörte das Volk den Munteren. Aber der Kaiser Flog zur Rechten hinauf, wo Schweizer, Tyroler, und Schwaben, Muthbeseelt, sich eineten; schwang das Eisen, und rief dann Laut zu dem Sohn, den jüngst er jenen erwählte zum Feldherrn: »Albrecht, halte dich wohl! Stets warst du im Schlachtengewitter, Leuchtend, ein Stern; dir gleich der Burggraf Friedrich und Hochberg, Und mein Müller dort, der redliche, treue Geselle! Auf, ihr seyd mein Volk, ihr sollt mir Ehre gewinnen! Dietrichstein, du Hort der Helden Tyrols, wie erhebt dich Jetzo die Stelle, nach welcher mein Haug in der Veste sich sehnet!« Rief's; dann flog er zur Linken hinab, und ermahnte die Feldherrn: »Meinhard, trefflicher Held, nicht harrst du erregenden Aufrufs Muthig zu steh'n im Kampf: denn immer wird dir im Schlachtfeld Nur der herrlichste Lorber zu Theil; nun führe die Kärnthner, Führe die Krainer zum Sieg! Dir folgen die Tapferen: Heunburg, Albert von Görz, und der Ortenburg auf der rühmlichen Bahn nach.« Und er entflammte zugleich mit mutherregenden Worten Kaduschas Brust, und die Kraft des Trentschiner Helden Mathias. D'rauf entsandt' er die Herolde, noch in der Stunde des Morgens Aufzubiethen sein Volk: die heilige Sühne zu feiern.
Aber noch säumte daheim in dem Lager der König der Böhmen; D'rob der Kaiser sich hoch verwunderte: denn nicht enthüllt war Ihm des Jünglings Tod, und der Gram des erschütterten Königs, Ottgars. Katwald fuhr um ihn her, und erregte das Herz ihm: Jetzt auf des Siegs betretener Bahn mit gewaltiger Thatkraft Vorzudringen. Umsonst! Er saß, hinstarrenden Blickes, In dem Gezelt, und regte sich nicht -- wie ein Marmorgebild dort, Wo an der Urne des Sohn's, des frühverblich'nen, der Vater, Sitzt gesenketen Haupt's, und die Thrän' entlocket dem Wand'rer. D'rauf entschwang sich der Geist, und rief den muthigen Feldherrn: Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Herbot, Heinrich, dem Hort der Baiern, und Pfeil, dem Gebiether der Sachsen, Die zu erneuertem Kampfe bereit, des mächtigen Königs Harrten, schwebend umher von einem zum andern, ergrimmt, zu: »Eilt, und erweckt aus Gram und Verzweiflung euren Beherrscher: Denn er brütet erstarrt für sich hin, und verschließet des Glückes Stimme sein Ohr, das flüchtig entweicht! O nichtige Hoffnung: Als den geworfenen Feind nur die Nacht den vernichtenden Blitzen Eures Arms entriß, da flucht' er dem nächtlichen Dunkel Laut, und ersehnte des Morgens Strahl; nun weilet er müßig, Und versäumt des Schlachtengeschicks entscheidenden Zeitraum!« Also der Geist, und sie eilten sogleich nach dem Zelte des Königs; Doch, eintretend voll Hast, erbebten die Tapferen alle; Allen erstarb der Laut in dem Mund: so schrecklich zu schauen War die Gestalt, die jüngst noch in jeglichem Busen den Muth hob. Lange starreten sie, von Schauern ergriffen, dem König In das entseelte Gesicht; doch jetzt erhob er sich. Plötzlich Färbte glühendes Roth ihm die Wangen, und hell, wie im Nachtgrau'n Flammt der Essen zerschmelzende Gluth, von mächtigen Bälgen Brausend empört, ihm glänzten die zornausblitzenden Augen, Als er den Helden genaht, mit geballter Faust, und, den Boden Stampfend, das Kleid aufriß, und die Brust voll rühmlicher Narben Rasch entblößend, rief: »Habt ihr ihn getödtet, den Jüngling Voll gewaltiger Kraft, voll edelen Muthes und Sinnes? Nein, ihr nicht: denn ihr seyd feig! Doch heimlich empöret Habt ihr das edle Gemüth, daß er frech des Kindes Gehorsam Mir versagte, mich floh, und selbst mein schrecklichster Feind ward. Aber er stieß den Dolch, den ihr ihm gereicht, nicht dem Vater Hier in die liebende Brust: er durchbohrte sein eigenes Herz nur. Ha, was säumt ihr fürder? Entblößt -- dem meuchelnden Dolchstoß Offen seht ihr die Brust, in der ein tapferes Herz schlägt! Wohl bekannt ist mir's, daß ihr nach dem Leben mir strebet; Auf, vollführet es hier, eh' draußen noch tausende fallen, Opfer des Kriegs, des furchtbarn, der mir nimmer zum Heil wird!«[3] Dann verstummt' er, erblaßt, vor den Tapferen. Lobkowitz wiegte Trauernd, das Haupt: erhob g'en Himmel den Blick, und begann so: »Welchen Jammer verhängt der Ewige über die Völker Böheims! Herr, droht Krankheit dir? Ach, immer zum Herzleid Deines getreuesten Volks geschäh's -- doch jetzt zur Verzweiflung: Wo der Sieg uns winkt, und die Feinde, vom Schrecken gebändigt, Zitterten! Hab' ich, dem Streit abhold, nicht des segnenden Friedens Worte gesprochen im Rath'? Umsonst: du wolltest den Krieg nur! Nun vollführ' es mit Muth, was du so kräftig begonnen.« Ottgar wandte sich schnell zu Milota: »Führe,« so sprach er, »Heute den Kern des Heers rasch vor zu des Kampfes Entscheidung. Hast du die dunkele Brust mir jüngst auf dem nächtlichen Irrpfad, Höhnend, enthüllt -- zerfleischt mit blutigen Krallen das Herz mir: Traun, kühn war's! so wirst du auch jetzt unbändigen Muthes Stehen im Waffenfeld', und erringen den Sieg mit Gewißheit: Denn erprobt bist du in des Feldherrn wichtiger Stelle. Lobkowitz weile mit mir, der Thaten gewärtig, im Rückhalt.« Katwald hört', erstaunt, die Rede des Königs, und rief ihm Angstvoll: »Welch' entsetzliche Wuth verblendet dich vollends, Daß du den Kern des Heers dem heimlichen Gegner vertrau'n willst? Immer lächelt er Hohn, und sinnt verderbliche Tücken. Auf, ermunt're dich jetzt, und führe das Heer in die Feldschlacht, Selber, sogleich; wo nicht, so vertrau' es dem tapferen Helden Lobkowitz, eh' denn ihm, der dir zum Jammer erseh'n ist!« Aber er ballte die Faust, und wankte nicht, eiserngesinnet. Ihm sah Milota kalt in das Aug', und entgegnete trotzig: »Keinem Schwachen vertraust du den Stab, die Zierde des Feldherrn, Ueber den Kern des Heers: ich werde mir Ehre gewinnen! Zwar verbanntest du mich erst jüngst auf dem nächtlichen Irrpfad Ferne von dir: ich weilete heut', und in kommender Zeit noch Gern in dem Nachhalt nur: den hatt' ich mir heimlich ersehnet!« Sprach's mit bedeutendem Blick', und eilte hinaus in der Dämm'rung Schnell zu entbiethen des Vorderzugs beritt'ne Geschwader.
Draußen am Lagerrand, vor allen dem feindlichen näher, Saßen die Meißner und Thüringer noch, erlesen zur Vorhuth, An den Feuern umher, und verkürzten in frohen Gesprächen, Oft aufjauchzend zugleich, sich die nächtlichen Stunden. Nur, als jetzt Milota, schaltend, vorüberzog, verstummte des Kriegers Lautes Geschrei. Auch Inguiomar kam, eilenden Fluges, Näher, und rief dem Führer des Volks, dem tapferen Dietrich: »Ha, was sagte wohl jetzt der hochgesinnete Kaiser, Heinrich, der Finkler genannt, der herrliche Vesten-Erbauer,[4] Der auch Meißen erbaute, die Burg, und der Eurigen Ahn ist, So er euch sah' im Bund mit den Böhmen, als Deutsche den Deutschen Feindlichentgegengestellt, und gehorchend dem Fremdling' als Söldner Hier in dem Kampf, der euch nicht Ruhm gewähret, nicht Vortheil? Jetzt soll Milota's Wink, der euch nie günstig gesinnt war, Gegen den Feind mit dem Kern des Heer's euch drängen, und treiben: Denn hochwerth ist ihm, und noch mehr dem Könige selber, Deutscher Muth, und der Arm, der stets in dem Schlachtengefild noch Ihm den Sieg errang; doch bald vergißt er des Schweißes, Und des Bluts, das ihr vergeudet, im eisernen Feld' euch Mühend für ihn, und ehrt, wie jetzt, nur die Seinen als Feldherrn. Männer, besteiget das Roß, und zieht in der Stille, des Lagers Wall entlang, nach der Heimath fort, wo die einsame Gattinn Eurer mit Sehnsucht harrt, im Kreis' umlärmender Kinder! So nicht einet ihr euch, dem Eid' untreu, mit den Feinden Ottgars; aber auch ihm nicht fröhnet ihr mehr in dem Kriegszug.« Also der Geist. Da erhob sich schnell Herr Dietrich, und rief so: »Männer, hört, was dünkt euch? Ha, was sagte wohl jetzo Unser erlauchter Ahn, der treffliche Vesten-Erbauer, Heinrich, so er uns sah' im Bund mit den Böhmen, den Deutschen Feindlichentgegenstellt? Wie, Ottgar soll uns zum Kampf hier Drängen, daß wir mit dem Muth, der deutsche Herzen beseelet, Und noch stets ihm den Sieg errang in dem eisernen Schlachtfeld, Enden den Krieg, der uns nicht Ruhm gewähret, nicht Vortheil? Ha, er vergißt nur zu bald des Bluts, und des strömenden Schweißes, Den wir unverzagt ihm spendeten! Lieblinge sind ihm Nur die Slaven allein: denn Milota soll uns gebiethen. Brüder, sitzen wir auf, schnurstracks, und zieh'n in der Stille Fort, nach der Heimath fort: g'en Thüringen, Meißen, wo, liebend, Unser die Gattinn harrt im Kreis' umlärmender Kinder! Zwar stamm' ich aus der Ostmark her[5]: denn wisset es, Leupolds Tochter, des Herzogs, war's, die mich mit Schmerzen geboren, Und mit Lieb' erzog, zur Freude des _sieghaften_ Vaters; Doch nicht einen wir uns, dem Wort' untreu, mit den Feinden Ottgars -- zieh'n nur heim, daß wir nicht die Brüder bekämpfen.« Lautumjauchzender Schrei verschlang ihm das Ende des Zurufs. Zitternd vor freudiger Hast, aufzäumte der Krieger sein Reitroß; Hing das Schwert mit dem Wehrgehäng' um die Schulter, und schwang sich Auf in den Sattel, den eilenden Ritt zu beginnen, unmerkbar Milota's Falkenblick: denn als er wieder zur Rechten Kehrte, ritten sie links Herrn Dietrich nach in der Stille, Außer dem Rasenwall, thaleinwärts, bis sie den Heerweg Wieder gewannen, entfernt dem Heer', und für jetzo geborgen: Denn hier wähneten all': ein feindverderbender Zug sey's -- Milota's Werk. Doch jen' enteilten, voll Hast, nach der Heimath.[6]
Ottgar saß noch im Zelt vereint im Rath mit den Feldherrn. Milder schlug sein stürmisches Herz, und er sagte mit Sanftmuth Manches freundliche Wort den Tapferen. Aber vor allen Rühmt' er Czernin: ob des entschlossenen Zugs vor die Mauern Wiens, des Ueberfalls, und des kluggeordneten Rückzugs Nach dem rühmlichbestandenen Kampf mit unzähligen Gegnern. »Ha,« rief Czernin jetzt mit zweifelndem Blick, »noch entrann ich Glücklich des Kaisers Gewalt: denn hatte der Vater des Sohns nicht, Schonend, geharrt, der erst in nächtlicher Stunde die Festung, Für die sterbende Mutter besorgt, verließ: das Entrinnen Wäre nicht leicht, und sicher das Grab in dem Zug uns geworden. Jetzt nur schnell in den Kampf! Nicht in dumpfeinengenden Mauern, Und Spießbürgern vereint, behagt mir, zu streiten; in Freiheit, Draußen im Feld mir nahe der Feind: ich werd' ihm begegnen!« Als er geendet das Wort, da hob sich zur Decke des Zeltes Herbot von Füllenstein, der riesengestaltete Ritter, Der den reussischen Scharen geboth, in feuriger Hast auf, Blößte sein mächtiges Schwert, und sagte mit donnernder Stimme: »Nehmt, o König, zum Unterpfand des kühnen Versprechens, Herbots eidliches Wort: nie zieht er hinfort in das Feld mehr, So er nicht eueren Feind, der Kaiser sich nennet, gefangen, Oder todt, euch schafft: dann möget ihr würdig ihm's lohnen!« »Dann,« so höhnt' ihn Zierotin, »dann werd' ihm als Siegspreis, So er es kühn vollführt, was er so muthig verheißen, Böhmens Hälfte zu Theil -- vielleicht verhieß ich zu wenig! Aber, wohlan, wir all' erringen gewiß in dem Feld dir Heut' unendlichen Ruhm, so uns dein gewaltiger Wink nur Lenkt, und dein Siegesblick uns leuchtet im furchtbaren Schlachtgrau'n!« Sprach's mit Kraft. So riefen zugleich der tapfere Heinrich, Bayerns Herzog, und Pfeil, des Sachsen-Volkes Gebiether.
Nun trat Zawiß von Rosenberg, der blühende Ritter, Hastig in's Zelt. Ihm sah wildstarrender Grimm aus den Augen, Als er zu reden begann: »Nicht Erfreuliches werdet ihr hören: Fort ist Meißens und Thüringens Volk, das reisige. Treulos Zog es davon, und ihm liegt das Lager schon fern in dem Rücken, Da es im Flug' enteilt, zu erreichen die Fluren der Heimath.« All' aufschrie'n, von Zorn g'en jen' empöret; nur Ottgar Hob sich, schweigend, vom Stuhl. Wie des Vollmonds zitternder Schimmer Fern auf dem dunkelen Teich' erglänzt: so erhellt' ihm die Augen, Welche die Trauer umfing, des Muths aufdämmernder Lichtstrahl. Langsam trat er heraus vor das Zelt; ihm folgten die Feldherrn. Dort ersah er das Heer in der rosigen Frühe. Geschäftig, Wie auf gehügeltem Laub' im Walde die Ameisen rastlos Kommen, und geh'n: so regte sich schon, die Rosse besorgend, Rings das reisige Volk; der Waffen Glanz und des Lagers Dumpfauftosender Lärm erfüllt' ihm die Brust mit Vertrauen. Doch stets lauter ertönete jetzt des eisernen Hufes Schmetternder Schlag. Ein Ritter kam in brausendem Eilflug Näher, und hielt das Roß vor dem Könige, trotzigen Blicks, an. Leutold, der Kunring, war's. Auch ihn empörte so eben Inguiomar, daß er stolz entsage dem Waffenverein hier Mit dem Beherrscher des Böhmenvolks. Nun sprach er ergrimmt so: »Lang ersehnte mein Herz des furchtbarn Kampfes Entscheidung; Aber umsonst: noch zauderst du stets, und versäumest des Glückes Schnellentfliehende Zeit. Erst sah ich hinaus aus dem Lager Ziehen die Meißner zugleich, und die Thüringer. Also bewährt sich Mir die Sage: du biethest die Hand zum schmählichen Frieden, Auf des Sohnes Verlobung bedacht, dem Grafen von Habsburg? Sey's, ich tadle dich nicht: du magst verfahren nach Willkühr! Aber ich ziehe g'en Dürrenstein mit meinen Getreuen. Kommt dann, beide, vereint! Gar viel' erblickt ihr der Euren Liegen, entseelt, an dem Wall' umher, eh' Leutold, der Kunring, Fällt: nicht besiegt durch euch -- von dem Schutt der Veste begraben.« Stöhnend gab er dem Rosse den Sporn, und entschwand aus den Augen Ottgars schnell. Er griff an die Stirn', um welche der Frühwind Wiegte sein grauendes Haar, und sprach zu dem sinnenden Feldherrn Lobkowitz: »So ist des Menschen Geschick! In kräftiger Jugend Hüpft der muntere Bach hervor aus grünenden Thälern; Eilet dem freundlichen Land' und den schimmernden Städten entgegen, Stets gewinnend an Kraft, als sich unzählige Flüsse, Huldigend, ihm anreih'n: er rauscht, ein mächtiger Strom, fort. Doch nicht ferne dem Ziel', eh' er matt versinkt in des Meeres Dunkelen Schooß, reißt hier und dort sich in sandigen Eb'nen Wieder ein Arm nach dem andern von ihm, und er endet verloren Dann in dem allverschlingenden dort, auf immer die Laufbahn! Aber, wohlan, nicht klage der Feind: mit unzähligen Scharen Hätt' ich errungen den Sieg! Die treu verharren, genügen Mir noch, Oestreichs Thron zu erkämpfen im Felde der Ehren. Auf, wir ziehen dahin! Die Dromet' erschalle; die Trommel Rufe zur Schlacht, und im Wind entfalte sich winkend die Sturmfahn'!« Also geschah's: denn rasch vordrangen die muthigen Scharen.
Neunter Gesang.
Sanft verhallete jetzt der Gesang zu der heiligen Feier, Die der Priester des Herrn vollendete, kreisendumgeben Von des Heeres geordneten Reih'n. Im räumigen Lager Stand der Altar erbaut vor dem Bild des erlösenden Kreuzes Schnell, wie die Zeit es heischt', im Schmuck hellgrünender Reiser; Aber im Augenblick, wo nahe des Lebens und Todes Würfel fallen, aufschwang sich das Herz in heißerer Andacht Mit dem Gesange zu Gott: gar feierlich schlug's in dem Busen! Jetzt vom Staub, wo er bethend kniet', erhob sich der Kaiser. Himmlische Ruh' erhellte sein Aug', und, heiteren Muthes Pochte sein Heldenherz, da im Feld die kehrenden Scharen Schnell sich ordneten: denn schon riefen zum Kampf die Drometen.