Part 12
Ach, und der Jüngling war's, der jüngst so feindlich turneyte: Wallstein! Als in der Schreckensnacht, vernichtet von Ottgars Wüthendem Zorn, er, allein, gehöhnt, und urplötzlich aus Edens Rosenau'n, wohin ihn Hedwigs Engelgestalt rief, Rauhverstoßen sich sah: da warf er die Blicke, mit Ingrimm, Schweigend noch, um sich her; erhob sie g'en Himmel; zerwühlte Sich mit der Rechten das lockige Haar an der Stirn', und besann sich: Was ihm gescheh'n? Jetzt trieb er das Roß mit schrecklichem Ruf' an; Riß aus der Scheide den Stahl, und schlug, und bohrte dem armen, Immer tiefer den Sporn in den Leib, daß er blutet' im Lauf hin. Also wohl Stunden lang, fort über die Hügel und Thäler Trieb er hinaus und herein, voll Wuth, bis athemberaubet, Endlich das Roß hinsank am hainumränderten Blachfeld. Lange stand er dort, wie erstarrt. Der nahenden Sonne Rosiger Strahl, nach welchem er sonst mit Liebe sich sehnend, Rasch die Höhen erklomm, und dort aufjubelte, wenn er Ihm die Stirn', die umliegende Flur, und der wirbelnden Lerchen Zartes Gefieder beschien, die hoch vom Gewölk' ihn begrüßten -- Ha, wie trüb erglüht' er ihm jetzt! Wie schrecklich ertönt' ihm Heut der sonst entzückende Ruf der befiederten Sänger Drüben im schauernden Wald, und wie schal erschien ihm das Leben Ringsum! Furchtbar schwoll ihm die Brust von unsäglichen Qualen: Lichtleer dünkt' ihn der Tag, und die Sonne verloschen. Er warf sich Dann auf die Erde; verbarg im thauenden Grase das Antlitz; Lag schwerathmend noch, und weinte mit leisem Gestöhn' fort. Doch nun fuhr er empor (ihn faßt' unbändige Zornwuth) Riß sich vom Haupte den Helm, den Panzer vom Leib', und die Schienen, Hastig, von Arm und Bein', und verstreute sie, schmetternd, im Staub dort, Weil ihn solche nicht schirmten, zuvor, g'en Schmach und Entehrung. Jetzt mit dem Schwert in der Faust, und dem einen Gedanken im Herzen: »Ottgars Tod!« hinbraus't' er im Feld', ihm zu nahen, entschlossen. Also den Tag und die Nacht fortras't' er, und kam an dem Morgen, Wutherschöpft, g'en Hof an der March zu dem einsamen Schloß her; Klomm den Thurm empor, und forschte herum in der Dämm'rung. Stille herrscht'. Er sah hinab in den schwindelnden Abgrund: Einen Schritt von dem Rand -- kopflangs hinunter, und stumm war Plötzlich der schreiende Schmerz in der Brust, und verschollen der Menschen Liebehöhnender Ruf. Doch Ottgar lebend auf Erden Noch? Nur jenen erwürgt zuvor: dann sterben wie immer! Nun, vor den Kaiser geführt, und dort nur Worte der Sanftmuth Hörend von ihm, den er erst jüngst, ein eifernder Ritter Ottgars, offen gehöhnt: das brach ihm das Herz, und mit Thränen Hätt' er, liegend im Staub', ein Reuiger, jetzt ihn gesöhnet; Doch ihm folgte sein treues Thier, und er jagte von dannen.
Sieh', und rastlos fort g'en Marcheck zogen die Scharen Weiter im fröhlichen Muth, nicht achtend des sengenden Mittags, Noch des qualmenden Staubs, entlang den unendlichen Heerweg! Aber vor Marcheck kam ein Häuflein kumanischer Reiter Näher gesprengt: wohl fünfzig Mann, und der Führer des Volks war Kaduscha. Ihm ertönte der Gruß der Kampfesgenossen. Auch er schwang den blitzenden Stahl, den Freunden zum Dank, auf, Und erkundet' im Flug: wo er treffe den mächtigen Kaiser? Aber ihn führte das Volk stets weiter zurück' in den Reihen, Bis er im Waffenschmuck die Schar der erlesenen Ritter Drüben ersah, und gerad' dorthin den schnaubenden Läufer Spornte. Umforschend im Kreis', begann er, und sagte, verwundert: »Traun, ich schaue vor mir vereint gewaltige Männer; Doch nach dem Herrscher des deutschen Volks, dem Kaiser Rudolphus, Forsch' ich umsonst! Erkennbar leicht ist der König der Ungern Schon an dem Purpurpelz, der, rings mit Zobel verbrämet, Ihm von den Schultern fließt; an dem Stern, voll Edelgeschmeides, Der an der Brust den Pelz festschlingt mit der goldenen Kette; Auch an dem Reiher, des Kalpags Zier, entschwebend des Demants Funkelnder Ros', und dem Stab, den er in der Rechten, zum Zeichen Heerebewegender Macht, und erhabener Herrschergewalt führt: Denn nur kurz ist der Stab, von Golde getrieben, und oben Noch mit der Kugel verseh'n: ein Abbild furchtbarer Waffe, Die in des Ungern Faust zerschmettert dem Feinde die Scheitel;[3] Doch wen grüß' ich als Herrscher hier mit meines Gebiethers Freundlichem Wort? Verzeiht, so ich irre! Mich dünket, der Ritter Dort in der einfachen Wehr', ob seines erhabenen Anseh'ns Und der Macht in dem Blick', ist der Herrscher, zu dem ich gesandt bin.« »Wohl, er ist's,« entgegnete jener, »du hast ihn gefunden! Aber verkünde nur schnell: was uns der tapfere König, Unser Freund und Bundesgenoß', Erfreuliches darbringt?« »Heil und Segen zum Gruß,« sprach Kaduscha, heimlich erschüttert, »Sendend zugleich mit der Siegesbothschaft Zeichen des Glückes Dir zum Geschenk! Den Kampf begann der Kune mit Ruhm schon. Längs dem Ufer der March, im Hinterhalte verborgen, Lag mein Volk: da zog des Weges vorüber der Böhmen Streitgerüstetes Heer. Wir harrten, lauernd im Dunkel, Bis der größere Hauf' hinschwand, und die Beute so herrlich Dar sich both. Fürwahr, ein blutiger, schrecklicher Kampf war's! Dennoch entkamen der Feinde nur zween aus hunderten: alle Lagen erwürgt. Wir hieben sogleich von dem Rumpfe die Häupter, Sie, auf die Säbel gespießt, nach dem Lager zu tragen, und eben Bringt in Körben von Schilf dir solche mein Volk zum Geschenk her, Drüben am schlängelnden Weidenbach, wo dein der Beherrscher Ungerns harrt mit gewaltiger Macht. Das soll ich dir künden.« Heimlicher Schauder ergriff, bei der Red' entsetzlichem Inhalt, Rudolphs mildgesinnetes Herz, er wandte sich seitab, Barg die Stirn' in die Hand, und rief nach erschütterndem Schweigen: »Furchtbar habt ihr gesiegt, und dem Feinde Verderben bereitet, Uns voreilend sogar. O möchte die Liebe des Heilands, Möchte sein hohes Gesetz in euren verwilderten Herzen Eingang finden, daß ihr entsagtet für immer der Ahnen Schmählichem Götzendienst: nicht würd' unmenschlicher Kriegsbrauch Schänden den Sieg, den ihr mit tapferem Muthe gewonnen! Biethet der Krieg nicht genug des Furchtbaren dar, und ein Jammer, Schrecklich, wie der, soll ihn noch entsetzlicher, wilder gestalten? Wehe, daß oft nur aus Blut des Friedens lieblicher Oehlzweig Keimt, und, mit glühenden Thränen benetzt, die Blüthen entfaltet! Schwarzenberg, gib jetzo Geleit den muthigen Kunen; Zieh' uns voran, und verkünde mit Huld, wie es Rittern geziemet, Unsern Freundesgruß dem Könige! Aber ich folge, Tapferer, dir auf dem Fuß, mit dem muthbegeisterten Heer nach!« D'rauf noch sagt' er ihm leis': »O schaffe die Reste der Todten Schnell bei Seite, daß solch' ein frommer Priester begrabe, Würdig, nach Christenbrauch: denn unsere Brüder begräbt er! Hohn, an den Todten verübt, erfüllet die Seele mit Schauder.« Sagt' es, und jen' entschwanden im Flug auf dem stäubenden Heerweg.
Ottgar rückte mit Heer'smacht an. Nur das Auge der Geister Dringt in die weiteste Fern': entflohen der sterblichen Hülle Schau'n sie vom Nord- zu dem Südpol hin des kreisenden Erdballs Vielbevölkerten Raum; sie schau'n des unendlichen Weltmeers Schwankende Wüsten, und dort, wohin kein segelndes Fahrzeug Je noch Sterbliche trug, auf weitentlegenen Inseln, Sonder Zahl, gar seltsamgestaltete Thier' und auch Menschen. Marbod sah aus den Wolkenhöh'n des entrüsteten Ottgars Nahende Heeresmacht mit heimlichem Schauder: unzählbar Schien sie ihm gegen des Kaisers Heer an Mannen und Rossen; Auch nicht ferne zugleich der wildumwüthende Kampf mehr. Alsbald sann er besorgt, ob einer der Lüftebewohner Nahe sich fände, mit ihm vereint, in blutiger Feldschlacht Beizustehen dem Hort der edelmüthigen Deutschen? Schauend umher vom Gewölk nach den fernentlegensten Ländern, Drang sein forschender Blick von dem Rücken des sanften Gebirges, Wo, beginnend vom Donaustrom', an dem freundlichen Preßburg Höher und höher empor sich hebt, und thürmt der Karpathen Mächtige Kett' (entlang die silesisch- und polnischen Länder, Eine schirmende Mark für die reichen Gefilde von Ungern) Bis zu dem Riesen der Lomnitz hinauf, der, schneeigen Hauptes, Hoch aus den Wolkenhöh'n in die lieblichen Thäler der Zips schaut:[4] Dorthin drang sein Blick. Auf der Scheitel des Riesen gewahrt' er Jetzo, erstaunt, den, einst gewaltigen Führer der Gothen, Katwald, hingestreckt mit Inguiomar, dem Cherusker,[5] Hermanns Ohm, der, zürnend dem heftigen Varus-Besieger, Ihn zum Bundesgenossen erkor in den Tagen der Nothwehr. Schüchtern naht' er den Höh'n: denn Katwald, finstern Gemüthes, Trug ihm Haß in der Brust. Er hatt' ihn vertrieben aus Böheim; Jener rächte sich d'rauf, mit den Römern im Bund', und vertrieb ihn Wieder aus Marobud, der Stadt, die er gründete, machtvoll So, daß er dann ein Flüchtling starb in den Mauern Ravenna's. Dennoch bezwang er sein sträubendes Herz, und schwang sich hinüber Von dem Gewölk. So lang', als hier, aus der Schleuder geworfen, Fleugt der sausende Stein, und fern zur Erde herabsinkt, Währte sein Eilflug nur, und er stand vor den Beiden, und sagte: »Ha, ihr weilet dahier, entzückt von der reizenden Ansicht, Die dieß Land gewährt im Schooß' umragender Berghöh'n? Schön ist es: wie nach den vier Weltgegenden, mächtige Flüsse, Ewig genährt von dem sprudelnden Quell, aus dem hohen Gebirgsthal Wälzen die silberne Fluth; wie solches, mit Städtchen und Dörfern Rings besäet, die blühende Flur dem Auge zur Lust beut! Aber ein wichtiger Streit entzweit die mächtigsten Fürsten: Welchem die östliche Mark, die ich einst beherrschte, zum Eigen Werde noch heut': denn nah' ist der Kampf, dem Kaiser der Deutschen, Oder dem König des Lands, das ach, von Rache getrieben, Katwald, du, mir entrissest im Kampf -- dem König von Böhmen? Habt ihr völlig vergessen des Muths, der schnell in dem Busen Aufflammt, wenn die Dromet' erschallt, das wiehernde Schlachtroß Steigt, und der blitzende Stahl in der Rechten des Helden umhersaus't? Kommt, mit thatenerregendem Wort' und stachelndem Zuruf Anzufeuern die Kraft der, uns abstammenden Deutschen, Und zu verherrlichen heut' in dem Feld den erhabensten Kaiser!« Inguiomar erhob bei den Worten sich schnell von des Felsens Schneeigem Kulm, wo er saß (er ragte noch höher denn Marbod, Riesengestaltet, auf), ergriff ihm die Hand, und begann so: »Trauter, nicht sah dich mein Aug' seitdem, als, flüchtig des Landes, Du nach dem herrlichen Wälschland zogst: mehr Jahre, denn tausend, Sind den Menschen entfloh'n, seit solches geschehen! Ich weilte Unten im Schooße der Erd', in düstere Träume versunken; Plötzlich rief es mich fort. Wer rief? nicht wußt' ich es -- folgte. Doch nun zieh' ich mit dir: ein Freund der Söhne von Deutschland!« Also gesellt' er sich ihm; doch Katwald starrt' in den Abgrund Finster hinab, und verschloß den mildversöhnenden Worten Marbods feindlich das Ohr: da entschwanden die beiden Vereinten, Arm in Arm. Er hob mit Grimm in den bläulichen Augen -- Trotz in dem blassen Gesicht', um welches der säuselnde Westwind Wiegte das röthliche Haar, sich vom Boden, und folgte nur zögernd Jenen nach, die rasch nach Oestreichs Fluren enteilen.
Aber auch Marcheck lag im Rücken des ziehenden Heers schon. Von Baumgarten herab, in der Au feldlagerte weithin Ungerns Macht, verhüllt von schattenden Weidengebüschen. Dorther jagt' im Gefolg der Reisigen jetzt auf dem Heerweg Ladislav, der König, heran: er dachte dem Kaiser Würdig zu nahen, und hielt, als Staub aufwallte zum Himmel. Schwarzenberg mit Kaduscha war's, der eilig daherkam. Jener entblößte den Stahl, und senkt' ihn zum Zeichen der Ehrfurcht, Vor dem Könige; d'rauf erhob er ihn wieder, und sprach so: »Mein erhabener Kaiser und Herr entbiethet dir, Hoheit, Seinen Gruß! Er kommt, dein redlicher Bundesgenosse, Dich an die sehnende Brust vor dem Heere zu drücken. Nicht fern mir Folgte der Vorderzug: bald siehst du ihn schalten im Nachzug.« »Herr,« sprach Kaduscha jetzt, »erblickst du sein Heldengefolg dort, Forsche mit Fleiß, daß vor Allen sogleich dein Aug' ihn erspähe: Denn nicht glänzt er im Waffenschmuck; nur magst du ihn kennen An der erhabenen Stirn', der wölbenden Nase des Adlers, Und an dem Herrscherblick in der Himmelsbläue der Augen! Fremd ist die Furcht dem Kaduscha, doch erbebt' er, ihm nahend.« »Freude mit ihm,« entgegnete schnell der König, »und Glück uns Beiden Verbündeten, da sich Ottgars furchtbare Heersmacht Gegen uns wälzt wie die Fluth, die aus ihren Gestaden getreten! Aber er komme nur: bald begegnen wir ihm in den Feldern Ewigen Ruhms, vereint mit Rudolphs tapferen Scharen. Unser Stahl ist geschärft, und die Rechte gar mächtig zum Einhau'n.« Sieh', da hob sich erneut von der Straße der wirbelnde Staub auf, Und der Rosse Getrab ertönete näher und näher! Rudolph jagte heran im Gefolg' erlesener Ritter: Denn ihn drängte das Herz, den verbündeten König zu grüßen! Aber noch standen die Ross' an dem Weg, tiefhangenden Hauptes Tragend den Siegespreis unmenschlicher Krieger. Nicht säumte Schwarzenberg, und begann mit eiferndem Laut vor dem König: »Schnell g'en Zwerndorf hin, da es also dem Kaiser genehm ist, Trage die Last der wohlverhülleten Körbe das Saumthier: Ihm ein werthes Geschenk, weil dort der redliche Priester Solche nach heiligem Christenbrauch der Erde vertrau'n wird.« Sagt' es, und rief Luitold, dem muthigen Knappen. Er nahte Folgsam, und führte die Schar der Treiber zurück mit den Rossen. Ringsum staunte das Volk, und sah bald seinen Beherrscher, Bald den Fremdling an; doch, tieferglühenden Blickes, Saß der König im Sattel, und schwieg, und ließ ihn gewähren.
Allen zuvor kam jetzt der Kaiser gesprengt, daß ihn alsbald Ladislav erkenne, der Hort der tapfern Magyaren. Beide sprangen behend' aus dem Sattel. Sie streckten die Rechten, Einer dem andern im schnelleren Gang, begrüßend, entgegen; Hielten mit heißem Druck die verschlungenen; standen, und blickten Lange, staunend sich an. Dem Auge des einen entstrahlte Feuriger Muth; entscheidende Kraft, und Würde des andern. Als sie jetzo gesättigt das Herz in freundlicher Anschau, Schweigend, begann voll Hast der jugendlichblühende König: »Werth sey mir der heutige Tag, und theuer vor allen, Wo ich, Erhabener, dir, deß' Ruhm erfüllet den Erdkreis, Nahete, bund'svereint: denn lang ersehnt' es mein Herz schon! Siehe, nicht riefst du umsonst: ich zog aus den unteren Landen Meines Reichs mit Heeresmacht dir zu Hülfe! Des Ungern Flammenden Muth kennst du, wie er einstürmt rasch in die Schlachtreih'n; Aber der Kun' ist schrecklicher: denn ihm wohnet die Wildheit Seiner, erst jüngst verlassenen Stepp' an des Tanais Ufern, Ungezähmt in der Brust; du sollst uns loben im Schlachtfeld. Ha, dort fleugt Staub auf! Fürwahr der Feind ist im Anzug; Solches verkündeten mir zuvor Eilbothen, aus Weiden Kommend, voll Angst: das Volk ersehnet den Retter Rudolphus!«
Als der Kaiser die Worte vernahm, da wandt' er die Augen Schnell g'en Oberweiden zurück, das über den Sandhöh'n Einsam liegt: ein hainumsäuseltes Dörfchen. Von dorther Hob sich der Staub zum Gewölk. Wie nach glühenden Tagen des Sommers, Hinter dem fernen Gebirg', empor die schwärzlichen Wölkchen, Gleich dem, gebläht, in die Lüft' aufsteigenden Balle sich heben, Bis sie im höheren Raum mit den weitgedehneten, lichten, Aestigen plötzlich vereint, den wetterleuchtenden Schleier Auf an den heiteren Himmel zieh'n: so flog auf dem Heerweg Sparsamer erst, dann häufiger, hoch der qualmende Staub auf, Der, von der Abendsonne durchblinkt, wie vom Blute geröthet, Ottgars nahende Macht verkündete. Jener begann so: »Ha, Beherrscher der Ungern, du bist zur Stunde des Glückes Jetzt mit dem Heldenheer' als Bundesgenoß mir erschienen! Säumen wir nicht. Nur einmal beut auf entscheidender Bahn dir Freundlich die Hand das Geschick: ergreifst du sie nicht, so entzieht es Selbe für immer vielleicht. D'rum sey in gebiethender Hast nun Unsere Macht zum Wohl unzähliger Menschen vereinigt. Frisch an die That! Wir ordnen das Heer sogleich in dem Feld hier.« Alsbald schwang er sich rüstiger auf in den Sattel, und sprengte Hin, und herüber im Flug, mit des Feldherrn Auge die Gegend Rings erforschend, zum Kampf den günstigen Raum zu erlesen. D'rauf entboth er vor sich die Herolde: hieß von des Heeres Rechtem Horn, g'en Zwerndorf hin Oestreicher und Steyrer Zieh'n; von dem linken die Macht der Kärnthner und Krainer, nach Marchecks Fluren hinab. Capellen geboth den ersteren; diesen Meinhard, Graf von Görz und Tyrol, als oberster Feldherr. Aber im mittleren Raum, Baumgarten nicht ferne, des Dörfchens Früchtegesegneter Flur, vereinte sein Wink die Tyroler, Schwaben, und Schweizer zugleich, gar tapfere Scharen im Schlachtfeld. Also in fünf Heersäulen stand des gewaltigen Kaisers Macht zu dem Kampfe bereit. Vor jeglicher wehten die Fähnlein Edeler Ritter empor in die Luft, und die sinkende Sonne Leuchtete hell aus den Helmen und Harnischen, furchtbar zu schauen! Reisige folgten den Rittern nach, und, diesen im Rücken, Trefflich geordnet, die Reih'n des lanzentragenden Fußvolks, Wo vor jeglicher, schimmernd im Licht, ein mächtiges Banner Flatterte, dort den Kriegern Verein in dem Kampfe gebiethend. Aber vor allen empor, aus dem Kern des stattlichen Heeres Hob sich die Reichsfahn' auf: wie des Meerschiffs mittleres Segel, Flatternd umher im Hauch des leis'umschmeichelnden Westwinds, Und enthüllend den Doppelaar, mit der Kron' und dem Zepter Herrlich geziert, nun rechts, nun links auf dem goldenen Feldraum; Immer wies sie dem Heer' die Nähe des waltenden Herrschers. Aber er sagte darauf zu dem Könige, schnell und entschlossen: »Sey dort hinter Capellens Macht, zur Rechten, der Kunen Furchtbare Schar gestellt, die Kaduscha's Winken gehorchet; Aber zur Linken, verhüllt von der schattenden Au', und des Meinhards Völkern zur Stütze gespart, erwarte die tapfere Heerschar, Die Trentschins Gebiether beherrscht, den ehrenden Aufruf: Loszubrechen mit Macht auf die wildanstürmenden Gegner; Doch du weiche zurück: denn also gebiethet die Sitte Deines Landes dem Könige -- fern von dem blutigen, Schlachtfeld Sitzend auf einer der ragenden Höh'n, auf dem rollenden Wagen, Oder dem feurigen Roß, des Kampfmuths seiner Erwählten Zeuge zu seyn![6] Schon neigt sich der Tag. Nicht wird uns der Feind mehr Heute begegnen im Feld; doch sey's: er komme! Mit Freuden Wollen wir entgegen ihm zieh'n, und der Ehre gedenken.« Sagt' es, und bald stand jegliche Schar, in Reihen geordnet, Nach dem schaltenden Wink des erhabenen Kaisers. Der König Ungerns gewann mit Gefolg die aufragende Wart' auf dem Hügel, Die in der Vorzeit einst zur Gränzmark diente den Völkern.
Doch g'en Westen hinab, nach des Abends goldenen Fluren Senkte die Sonne den Flug, und sah vom Rande des Himmels In das erhellete Nebelgewölk, das, duftigem Schleier Gleich, empor sich hob, sie in lieblicher Ruh zu umfangen; Rosig die Brust erhellt von ihren verglühenden Strahlen, Wanderten hoch in dem Wolkenreich nach entfernteren Zonen Singende Schwäne dahin; im Saatfeld zirpten die Heimchen; Leise verhallte des Tages Geräusch, und das Leben verstummte. Aber die Höhen entlang, die rechts von Weiden nach Marcheck, Weitgedehnt, sich zieh'n, und des Marchthals Fluren beherrschen, Tönete jetzt Getrab anstürmender Rosse, der Waffen Helles Geklirr, und das Schrei'n und Rufen unzähliger Krieger. D'rauf erschien, dem Gewittergewölk' im Sommer nicht ungleich, Das, von gährendem Donner schwer, am Himmel heraufschwebt, Drüben am Rande der Höh'n die schlachtgerüstete Heersmacht Ottgars: gierig des Kampfs, und zu muthigen Thaten entschlossen. Noch empört' ihn der Zorn ob jenes verwegenen Jünglings Frechenthülleter Gluth zu seiner Erzeugten, und dennoch Sehnt' er sich herzinnig nach ihm, in dem einsamen Kriegszelt Sitzend, und schlug sich die Stirn', und jammerte laut um den Liebling. Also kam er heran, und hoffte, des lechzenden Herzens Heißen Durst im Blut' und Gewürge der Feinde zu stillen.
Doch nicht rastete jetzt Drahomira, die schreckliche Feindinn Ottgars: denn sie sah, wie Marbod und Inguiomar erst Sich vereinten, im Kampf zu entflammen die Deutschen. Sie nagte Heimlich vor Wuth an den Lippen, und hätte mit schmähenden Worten Jene gehöhnt; doch schwang sich nun, verdüsterten Blickes, Katwald her in der Luft, und sah nach der Erde herunter. Alsbald hob sie zu ihm sich empor, und rief, ihn erforschend: »Ha, du sahst es, wie Marbod, der schrecklichste dir in des Lebens Langentschwundener Zeit, auch Inguiomar zum Gehülfen Sich erkor, heut' Oestreichs Volk zu entflammen im Schlachtfeld! Komm, und eine dich mir! Erst will ich den König der Böhmen, Stürzen: denn mir zur Schmach verübt' er entsetzlichen Frevel; Aber erliegt er im Kampf, dann sey Kunegunde, des Zepters Würdig, erhöht auf den Thron; ihr laß uns erringen den Vortheil. Hoch erhebe sich Böhmens Ruhm, des trefflichen Landes, Das dir gehorcht', eh' Marbod dir's mit den Waffen geraubt hat.« Sagt' es mit stachelndem Wort; doch jener entgegnete zürnend: »Weiche von mir, du fluchbeladene, daß nicht dein Odem Noch verpeste die Luft, die mir umsäuselt die Wangen! Kein Verein, Drahomira, mit dir! So willst du mit Marbod Und mit Inguiomar, des Kaisers verbündeten Freunden, Ottgars Haupt gefährden im Kampf'? Ich nah' ihm, als Helfer, Schon dem Lande zum Ruhm, wo ich herrschend lebt' in der Vorzeit, Ha, und lache des Zorns, der, so wie zum Strande die Meersfluth Brausend fleugt, und zurück, der Ohnmacht eiteles Bild, sinkt, Dir empöret die Brust, und dräuet in nichtiger Ohnmacht!« Rief's, und stürzte herab vom Gewölk' an die Seite des Königs, Der das Roß anhielt, und des Kaisers geordnete Völker Staunend ersah, wie solche den Plan erfülleten weithin. Jetzo noch einmal, quer von dem Saum der Erde herüber, Blickte die Sonn', und verschwand; die Dämmerung zog von dem Thal her. Nicht gedacht' er des Kampfs für heut'; an dem kommenden Morgen Wollt' er dem Feind' ihn biethen auf Tod und Leben, den Herold Sendend zuvor, nach des Kriegs herkömmlicher, edeler Sitte.[7] Katwald war ihm genaht, und haucht' ihm vor allem den Rath ein: »Ottgar, wie, du willst, nachtlagernd, des dämmernden Morgens Harren dahier? Schnell vor, eh' dunkel die Nacht sich herabsenkt: Schleudre die feindlichen Reihen entzwei! So machst du dir heut' noch, Schrecken verbreitend, Bahn zu des Siegs erhellten Gefilden: Denn der erste Gewinn in dem eisernen Feld ist ein Hagel, Der die Halmen der Hoffnung zerschlägt; ein brausender Sturmwind, Der des Athems beraubt den Wanderer, und ihn ermattet. Alsbald biethet der Feind dir selbst ein Zeichen des Angriffs.«