Part 11
»Halt, Verruchter!« so rief, aus dem Sattel gestiegen, ihm Hartmann Donnernd zu. Er entblößte das Schwert, und kam wie ein Rohrwolf, Der in des Winters Frost, vom Hunger getrieben, voll Blutgier, Ein in die nächtlichen Hürden stürmt, und die blöckenden Lämmer Würgt mit zerfleischendem Zahn: so kam er in Eile gesprungen. Flammen sprühte sein Aug', und aus seiner erhobenen Rechten Zuckte der Blitz gen Waldram hin; doch als er ihm nahte, Wandte sich dieser, und rief: »Ha, du, Verhaßter vor Allen; Jetzo nur muthig heran: euch all' entsend' ich zur Hölle!« Flog, so rufend, ergrimmt, dem Feind' entgegen, und strebte, Stöhnend vor Hast, das Schwert in die tapfere Brust ihm zu stoßen; Aber er schlug, vorschauenden Blicks, den nahenden Mordstahl Seitwärts; führte den Todesstreich; zerschmetterte Waldrams Helmdach tief in die Stirne hinab, und warf ihn entseelt hin. Doch nicht rastet' er noch: er saß blitzschnell in dem Sattel Wieder: erhob das blutige Schwert; ritt glühend vor Mordgier Mitten hinein in die Schar der Empörer, und wüthete links, rechts Dort mit würgender Faust, daß Leichen auf Leichen sich häuften. Ihres Gebiethers beraubt, und entmuthiget, warfen die andern, Schnell die Waffen von sich, und floh'n, im Verborgenen Rettung Suchend, davon. Die Burg ward frei durch den tapferen Jüngling.
Czernin drängte zuvor die hauptverwaiseten Scharen Arnolds: ihm wichen die Krieger nur Schritt für Schritt in dem Wuthkampf, Bis zu dem Schottenthore hinab. Sie schlossen sich eng' an Dort vor dem Gotteshaus', und wehrten sich: alle für Einen, Einer für alle zu sterben bereit, im rühmlichen Tod nur. Keiner wär' ihm entfloh'n, wenn jetzo nicht, keuchend im Eilflug, Näher der Reisige kam, und schrie: »Erschlagen ist Waldram: Denket der Flucht! Er fiel in dem Kampf mit des Kaisers Erzeugtem; Aber er selber, so jubelt das Volk, hält draußen am Burgthor.« »Freunde,« so rief ihr Hort den Reisigen, »Rüdiger Waldram Hat uns schnöde getäuscht; nicht des Kampfes Gefahren -- der Festung Leichten Besitz verhieß er uns jüngst, da er stolz sich des Antheils Aller Bewohner vermaß! Mit Recht wohl büßt' er den Frevel. Unser, zum Glück, das Thor: nun laßt uns gedenken der Rückkehr!« Rief's, und den Tiefengraben entlang, zu dem stilleren Neuthor Jagt' er das Roß: ihm nach die Reisigen alle. Die Flügel Theilten sich heulend entzwei, und nicht rastet' er, bis er die Fähren Wieder ersah an dem Ufer der weithinrollenden Donau. Doch nicht füllte den Raum der schwankenden jetzo die Last mehr, Wie zuvor: erwürgt in den Straßen der mächtigen Festung Lag die Hälfte des reisigen Volks, das gestern herankam.
Aber mit Trauer im Blick, obgleich ein Sieger, und Retter In der Gefahr, kam Hartmann jetzt aus dem finsteren Burgthor, Langsam geritten heraus, wo sein der liebende Vater Harrte; trauernd auch er, ob solchem Vergehen des Sohnes. Dieser begann: »Verhallt ist der Sturm unsinnigen Aufruhrs: Waldram büßte die Schuld: von meinem vernichtenden Eisen Liegt er, durchbohrt, an der Treppe der Burg, die er, frevelnden Fußes, Erst zu betreten gewagt; die Verbündeten schützte die Flucht nur. Dennoch steh' ich vor dir, ein Schuldiger. Soll ich auch büßen -- Denke des dunkeln Geschicks, das oft auf irdischer Laufbahn Auch die Besseren feindlich ereilt! Nie mög' es dich treffen!« Und er senkte das Haupt. Doch Rudolph sah ihn, bewegt, an, Hob die Rechte empor, und sagte mit rührender Stimme: »Treu erfülltest du dein Wort, als edeler Ritter, Mildgesinnet, und fromm, der sterbenden Mutter gehorsam; Aber dich sollte die Pflicht mit eiserner Macht an die Festung Bannen: ihr solltest du steh'n ein Hort in dräuender Kriegszeit, Und ein wehrsamer Schild in der Noth. Wer darf sich erkühnen, Das, was höher ihm schien, vor jener zu wählen nach Willkühr? Herrndienst rief dich hier zu dem Dienste des Herrn, und du fehltest Gegen das göttliche Wort des welterleuchtenden Lehrers. Dein Vergeh'n, unglücklicher Sohn, soll keinem der Krieger Künftig zum Beispiel seyn, zur Ermunterung, Gleiches zu wagen! So wie ich jüngst, der Veste zum Schirm, das Schwert dir vertraute, Stellst du's wieder zurück', in die Hände des Helden von Tauffers.« Jener reichte das Schwert ihm dar, erblassend, und schweigend.
Sieh', jetzt kam aus dem Thor' ein Jüngling gelaufen, und rief so: »Herr, voll Angst erschein' ich, ein Both' aus des Jammers Behausung. Deine Gattinn verschied in den Armen der liebenden Töchter Sanft und ruhig um Mitternacht, noch ehe der Hammer Zwölf' ausschlug; o komm, und sey den armen ein Tröster!« Hartmann warf sich vom Roß, und flog -- ihm folgte der Vater, Langsam und wankend vor Schmerz, die Stufen hinauf in die Kammer, Wo die Heilige sanft entschlummerte: schnell zu erwachen Wieder zum ewigen Glück' und nie vergänglicher Wonne. Ihr zu dem Haupt' und den Füßen, die Stirn' in die Hände geheftet, Saßen die Töchter umher: gleich Marmorgestalten am Grabmaal, Die zur herzerschütternden Schau der Künstler gebildet. Hartmann beugte sich über sie hin; er küßte, noch stöhnend, Ihr die erkaltete Hand, und der leis'aufweinende Vater Warf sich im stillen Gebeth' auf die Knie'. Nur Seufzer erschollen; Thränen regten sich nur an den schmerzerstarreten Wangen.
Aber am Morgen wie dumpf und bang ertönen die Glocken Von den Thürmen der Stadt! Was läuft, und drängt sich das Volk jetzt, Thränenumflossenen Blicks, in die heiligen Hallen des Domes, Den, wie im Dunkel der Nacht, unzählige Kerzen erhellen? Feierlich schallt ein Wehe-Getön' aus der Orgel: Posaunen Heulen, gedämpft, in den Sterbegesang vielstimmigen Chores, Der von dem Tage des Zorns, von dem unerbittlichen Richter, Von dem Gericht und dem Ende der Welt in Feuer und Flammen, Spricht mit erschütterndem Laut. Doch jetzt gewahren die Augen Mitten das Trauergerüst, auf drei, sich verjüngenden Stufen Sinnig erbaut, und umher mit schwarzem Tuche behangen. Ueber den Stufen gesammt ruht dort die sterbliche Hülle Jener Verewigten schon, mit der Stirn' zum Altare gewendet, In dem geräumigen, sammt- und goldbekleideten Bleisarg. Oben ziert ihn die Krone von Gold; die schimmernden Wapen Sind an dem Trauergerüst ringsher auf Säulen geheftet, Und auf silbernen Leuchtern erhöht die flammenden Kerzen. Weihrauch wallt empor in die heiligen Hallen; die Priester Feiern das Seelen-Amt am Altar, und die bethende Volksschar Liegt auf den Knieen, und schluchzt: um die Beste der Fürstinnen trauernd, Die nur zum Segen gelebt, als Mutter der Armen und Waisen. Aber, erschütternd zu schau'n: nicht fern dem heiligen Altar, Knie't, von den Seinen umringt, und im Trauergewand auch der Kaiser: Alle zugleich vor Schmerz erblaßt -- wie gealtert seit gestern! Ach, sie starren zuweilen mit rothgeweineten Augen Nach dem Sarg', und sehnen sich, ihr, der selig Erhöhten, Wieder vereinet zu seyn schon dort auf immer und ewig! Als nun alles erfüllt, und die heilige Handlung vollbracht war, Schwebte der Sarg, vom Gerüst' auf kräftige Schultern gehoben, Langsam hinab in die Fürstengruft. Zu Paaren geordnet, Gingen die Priester ihm vor, und beteten leise den Bußpsalm; Ihm nachfolgten die Ihren mit wankendem Schritt. Und so ward dort Beigesetzt in der Gruft die Leiche der edelsten Fürstinn.[2]
Aber der Kaiser sprach zu dem ältesten seiner Erzeugten, Albrecht: »Glühender Schmerz nagt tief in dem Herzen des Vaters Und der Erzeugten zugleich, die jetzo der Mutter beraubt sind. Ach, mich zög' es wohl hin, in der einsamen Kammer zu trauern, Jahrlang: denn nicht sehe ich mehr die holde Genossinn Meines Lebens vor mir; nicht hör' ich die Worte des Trostes Aus dem Munde der Gattinn hinfort, wenn Tage des Kummers Nah'n! So lösen sich hier die trautesten Bande des Lebens, Die uns umfingen mit Lieb', und wir steh'n am errungenen Ziel oft, Wie der pilgernde Fremdling, allein. Doch sey es, wie Gott will! Jetzt, wo das Glück der Völker, der Ruhm, und das Beste des Landes, Uns'rer Ehre vereint, von des blutigen Kampfes Entscheidung Abhängt, laß uns das Leid, das eigene, tief in des Herzens Unterstem Grund verschließen, und stark und kräftig einhergeh'n, Wie es dem Manne geziemt, der würdig zu handeln, bestimmt ist. Höre denn, was ich zuvor erwog im Gemüth', und getreulich Dann zu erfüllen beschloß! Jüngst wüstete weit in dem Marchfeld, Wege und Stege gesammt, das entsetzliche Donnergewitter So, daß dem Heereszug Gefahren entgegen sich thürmen Sonder Zahl, die ein Feldherr nie hochmüthig verachte. Ich geleite das Heer gen Heunburg heute noch, morgen Ueberzusetzen, gesinnt, den Strom auf künstlichen Brücken,[3] Die uns, auf Flöß' erbaut, und mit lastenden Ankern gefesselt, Dienen zur Bahn. Schon sah ich am Ufer unzählige Stämme, Wohl behau'n, und gefügt von den werkbeflissenen Löhnern. Eile mir vor im Gefolg fünfhundert erlesener Krieger, Dort zu gebiethen den Bau, mit kundiger Sorgfalt. Ich folge Rasch mit dem Heere dir nach, und steh' an dem kommenden Morgen Drüben am Ufer der March, vereint mit des Königs von Ungern Tapferem Volk, im Rücken des Feind's, und im mächtigen Vortheil. Rühmt er der Menge sich gleich, doch siege die Treu' und das Recht nur.«
Jener begann alsbald: »Mit Freuden gehorch' ich dir, Vater! Aber, o sieh', da sprengt dein Hartmann, eilenden Fluges, Mit dem getreuen Kurd, der einst in den Jahren der Kindheit Ihn auf den Armen trug, und den blühenden Jüngling das Reitroß Bändigen lehrt' auf der Ritterburg, ein tapferer Degen, Näher; mich dünkt: zu weiterer Fahrt, mit dem Treuen, gerüstet!« Hartmann hemmte den Lauf, und sagte, herüber gewendet: Denn schon stand sein Roß auf dem Sprung, zu den Staunenden also: »Leb' wohl, Vater, und ihr, Geschwister mein, auch ihr alle, Lebet auf lange denn wohl! Gar viele der Wege hienieden Sind's, die Gott die Seinigen führt; doch bringt er uns einst dann Wieder zusammen im Glück von unvergänglicher Dauer! Fort an den vaterländischen Rhein -- hinüber nach Aargau, Führt mich der Weg: denkt mein, des Entfernten, mit Liebe zuweilen!« Rief's; dann gab er dem Pferde den Sporn, und schwand auf dem Heerweg Plötzlich dahin: ihm sah'n die Beiden mit thränendem Blick nach.
Siebenter Gesang.
Marbod sah aus den Wolkenhöh'n, verglommenen Blickes, Wie der Mond, umflort von herbstlichen Nebeln am Morgen, Lang' auf die dämmernden Fluren herab. Er dachte des Bruders Ernst auf dem Kahlenberg, der kriegrische Thaten verschmähend, Froh in der Einsamkeit verharrete: selbst, da ihm Hartmann Ehre und Vortheil both in des Throns hellschimmerndem Umkreis. Völlig fremd erschien ihm die Erd', und verändert der Menschen Leben und Geist. Nur Feindes-Gewürg im Schlachtengetümmel Sann er sein Lebenlang; nur Kampfmuth heisch't er vom Manne, Und, ergrimmt, so ihm einst das heiß Ersehnte versagt war, Schlug er den Stein mit dem Schwert', und spaltete Bäume des Waldes -- Ja, was jetzt ihn zermalm't, unschuldigen Menschen die Scheitel: Denn jetzt hört' er von Liebe des Feinds, versöhnender Sanftmuth, Schonung, und froher Geduld, und des Friedens sanften Gebothen. Feig und entnervt erschien ihm fürwahr dieß Volk, so er seither Nicht mit staunendem Blick sein Heldenleben gewahrte: Seinen Muth in dem Kampf' und im Tod, der Helden zu Theil wird. Doch nun horcht' er, erstaunt: im lauten Getöse der Waffen Kam des Kaisers gewaltige Macht auf dem stäubenden Heerweg Näher. So, wie der Sturm, empört, hersaust, und die Blätter, Tausendfältig bewegt, aufrauschen im finsteren Waldthal: Also klang in sein Ohr des kommenden Heeres Getümmel. Alsbald schwebt' er vom Morgengewölk nach den Zinnen der Heunburg Hin: einst Attila's Burg, der sich, als König der Heunen, Furchtbarn Ruhm gewann, da er Gottes Geißel genannt ward;[1] Doch verödet aufragte die Burg in die Lüfte; der Epheu Kroch an der Mauer umher, und durch weitgehöhlete Fenster Sah der bläuliche Himmel herab in den grasigen Hofraum, Wo vom zerschlag'nen Gesims' ureinst verfallener Bögen Sich der Dornstrauch hob, und im Windesgesäusel sich wiegte. Dort von des Wartthurms schwindliger Höh' ersah er des Kaisers Nahende Macht, und ihn selbst inmitten der tapferen Scharen: Wie auf dem feurigen Roß er schaltete, hin und herüber Eilend, sie in geordneten Reih'n zum Ziele zu leiten. Unabsehlich hinab auf der Straße war reges Gewimmel, Lärm, und Getös'. Im Lichte der hellaufstrahlenden Sonne Lachten die Fluren rings, und sie sog aus den blanken Gewehren, Aus dem Harnisch und Helm, wie der Blitz augblendend, die Funken.
Jetzt, wo am Fuße des Bergs sich weit hinüber, im Halbkreis Windet der Donaustrom, anlangten des Heeres Geschwader. Zweifach theilt er sich dort, und streckt ein liebliches Eiland, Gegen die breiteinmündende March zum linken Gestad hin. Sieh', und all' die Nacht anschwammen die mächtigen Stämme Wolkengethürmter Fichten, gesandt aus dem südlichen Forstland Oestreichs, das im Gebirg, unendlicher Fülle, sich ausdehnt! Dort, gehorchend dem Wink des hohen Erzeugers, erbaute Albrecht nun die Brücke dem Heer'. Der Stämme je sechzehn Hatt' er zu Flößen vereint, und über des eilenden Stromes Rücken, im kiesigen Grund mit lastenden Ankern gefesselt: D'rauf erhöht das Säulengebälk'; unendliche Stämme Ueber ihn hin gefügt, und sie in die Quere mit Bohlen Dicht bedeckt: dem Mann' und dem Rosse zum sicheren Heerweg, Den an jeglichem Rand' ein leichtes Geländer begränzte. Doch vom Gestade, wohin mit duftenden Matten das Eiland Sich erstreckt, hieß Albrecht dann die Brücke noch schneller Ueber den schmälern Arm erbau'n: denn längliche Fähren Reihten, über der Fluth von gewichtigen Ankern gehalten, Sich hinüber den Strom, und einten die ragenden Ufer: Sicheren Uebergang dem eilenden Heere zu bahnen. »Trefflich hast du, mein Sohn,« so rief ihm der Kaiser entgegen, »Alles und Jedes vollbracht, und bezwungen die Fluthen des Stromes So, daß wir hinziehn auf ihm, und, des furchtbaren Abgrunds Achtlos, freudig zum Ziel, dem ersehneten, fördern die Schritte: Drüben dem stolzvertrauenden Feind' in den Rücken zu stürmen. Dein gedenken mit Ruhm noch kommende Menschengeschlechter.« »Vater,« so sagte darauf der Tapfere, »nimmer geahnet Hättest du wohl: ich sey jetzt eigennützig, und harre Gierig des Lohnes? So ist's: mir wollest du solchen gewähren Bald in der Schlacht: daß ich dort das Zeichen des Sieges vor dir her Tragend, kämpfe zugleich für den edelsten Herrscher und Vater!«
Rudolph legte die Hand ihm sanft auf die Schulter, und sah ihm, Beifalllächelnd in's Aug': ein zartgesinneter Vater! D'rauf erhob er das Schwert, und ritt, der erste vor allen Ueber die Brücke, das Roß kurz haltend am Zaum', und ihm folgten So im gehalt'nen Schritt die Reisigen -- folgte das Fußvolk Rastlos nach. Sie donnerte laut, von unzähligen Hufen Wiehernder Rosse gestampft; doch unter des eilenden Fußvolks Ehernem Schritt', erdrönte sie dumpf nur, und schwankte der Last nach. Also zog er den breiteren Arm, des grünenden Eilands Augefild', und den schmäleren Arm der mächtigen Donau Freudig hinüber zum linken Gestad', am unendlichen Marchfeld. Dort aufstellt' er das Heer, und rief dem kühnen Capellen: »Tapferer, sey mit der Schar fünfhundert erlesener Reiter Heute der Führer des Vorderzugs, schlagfertig und wachsam Jeglichen Augenblick, so Gefahr uns drohte vom Gegner! Otto von Meißau lenkt die Reisigen; doch vor dem Fußvolk Ziehe nun Meinhard, herrschend, einher; ich gebiethe dem Nachzug. Rastlos wollen wir bald des Feindes Lager uns nähern.« Also geschah's: Capellen ging an der Spitze der Reiter Vorwärts. Hoch in der Luft, vom säuselnden Winde gehoben, Flatterte, grün, sein Fähnlein vor in der Farbe der Hoffnung. Otto's Fähnlein, blau, die Farb' ausdauernder Thatkraft, Folgte mit neun- und zwanzigen noch, die im Lichte des Morgens Schimmerten, vielfach an Farb', wie solche dem Ritter genehm war, Der sie gewählt, ihm nach, und mit jeglichem kamen der Reiter Hundert. D'rauf erschien, blutroth, des unbändigen Muthes Farbe verrathend, die Fahne der görz- und tyrolischen Herrschaft: Meinhards Siegespanier! Ihr reihten der schimmernden Fähnlein Fünfzig sich an, und nach jeglichem eileten hundert der Krieger: Alle mit Helmen und Schilden bewehrt, und mit Lanzen bewaffnet. Aber nach ihm, umringt von der Schar der edelen Ritter, Führte der Kaiser selbst in dem Nachzug jene zum Kampf vor, Die aus den rheinischen Gau'n nach Oestreichs Fluren gekommen, Und ihm folgte das Kriegs-Gezeug' im unendlichen Zug nach.
Schnell g'en Hof an der March vordrangen die muthigen Völker, Sonder Trommelgetön und Drometengeschmetter: dem Gegner Weislich zu bergen die Macht, die ihn bald umstürmet im Schlachtfeld; Naheten dann Schloß-Hof, wo empor aus den düsteren Mauern Einer verödeten Burg der Wartthurm sich in die Luft auf, Dräuenden Anseh'ns, hob.[2] Nur Molch' und giftige Nattern Haus'ten in ihrem unheimlichen Raum. Mit rieselndem Schauder Eilte der Wand'rer vorbei, und der Hirt hielt ferne die Heerden Von den Mauern, wo einst (so kündet die Sage) die Hausfrau, Eitelen Sinnes, der Wangen Paar in dauernder Schönheit Sich zu bewahren, in's Burgverließ die Kinder verlockte, Schlachtete, dann mit dem Blute sich wusch, unmenschlichen Herzens; Aber sie starb durchs Schwert, und die Burg vermieden im Land dort Rings die Bewohner umher -- zumal in den Stunden des Abends, Wo, so kündeten sie, ein Werfen mit Steinen im Hofraum, Lautes Zischen vom Wartthurm her, und ein Stöhnen und Aechzen Aus dem Verließ erscholl. Doch sieh', als jetzo vorüber Eilte das Heer, da gewahrete Jörg, der muthige Reiter Steyrischen Oberlands, auf den Zinnen des ragenden Wartthurms Sitzend ein Wesen von Menschengestalt, von Bewegung, und Leben! Alsbald sprang er vom Sattel, und rief, verhöhnend: »Nicht furchtbar Sind die Geister bei Tageslicht; ich wette, die Böhmen Sandten den Späher heran: ich will es ihm tapfer gesegnen!« Rasch enteilt' er, und klomm an der Mauer, der Gemse nicht ungleich, Die an der Felswand schwebt, empor, bis über dem Fallthor Er die Stufen gewann, und schnell zu den Zinnen hinaufstieg. Schon entfuhr ihm ein höhnender Ruf, da wankt' er voll Schrecken Wieder zurück: so grausenhaft erwies sich der Fremdling, Der ein Jüngling ihm schien. Sein losgewühletes Haupthaar Flog ihm wild um die Stirn'; an dem blutigen Wamms und den Schenkeln Hingen nur Trümmer des Riemwerks noch vom zerschmetterten Panzer, Wie auch der Schienen am Bein'. Er zitterte: Wuth und Verzweiflung, Rach' und Schmerz verrieth sein tieferglühendes Antlitz, Als er, den Degengriff mit krampfhaftzuckender Rechten Haltend, nach Jörg umsah, der jetzt ihm wieder genaht war. Aber dem dräuenden faßt' er die Brust, und warf, mit des Riesen Kraft gestählt, von des Wartthurms Rand' ihn hinab in den Abgrund: Seinem Volke zur Schau, das eben voll Muthes heran kam. Siehe, da liefen sogleich die Gefährten des sterbenden Kriegers Hin nach dem Thurm, voll Gier, den schrecklichen Frevel zu rächen; Doch schon eilt' er die Stufen herab, und sprang wie der Steinbock, Den der Schütze verfolgt von Klippe zu Klippe hinunter, Mit erhobenem Schwert, von der Mauer der Burg auf den Vorgrund, Gegen die Rächerschar, sich wüthend zu wehren, entschlossen! Aber es sprengte der Kaiser das Roß in Eile herüber, Und, vernehmend die That des grimmerfülleten Jünglings, Hemmt' er die Krieger, und rief dem Nahenden: »Halt, ich gebieth' es!« Jenem sank der dräuende Arm bei den Worten des Herrschers Plötzlich hinab, daß am Stein die Spitze des funkelnden Eisens Klirrete: denn er besann, die Augen erhebend, sich jetzo: Ob er die Stimme gekannt, die ihm also gerufen? Er starrte Schweigend ihn an; die Wuth entschwand, wie schneeige Flocken Vor dem mächtigen Strahl der wolkenenthülleten Sonne Schwinden, aus feinem Gesicht', und im Kreise der zuckenden Wimpern Wies sich nun herzinniges Leid, das nahe der Thränen Leis'aufstrebenden Quell verkündete. Mild, und versöhnend Sagte der Kaiser: »Verschonet ihn doch: nicht mit hellem Bewußtseyn Hat er Arges verübt. Kein größerer Jammer auf Erden, Denn des Unglücklichen Schau, deß' edelster Vorzug: des Geistes Licht, verdunkelt ward; der unter den Lebenden weilet, Aber, entfremdet dem holden Verkehr' und der trauten Gemeinschaft Seiner Lieben, zum Grab fortwankt im finsteren Wahnsinn. Wahrlich mich däucht, als hätt' ich ihn jüngst gesehen: ein Zerrbild Jenes Ritters, der so feindlich am Tabor turneyte!« Pferdegetrab erscholl jetzt laut in der Nähe: des Reiters Ledig, kam mit verhängtem Zaum der Braune gesprungen; Lief dem erkannten Jünglinge zu, und fuhr mit dem Hals' ihm, Wiehernd, unter den Arm, daß er über den Mähnen herabhing. Alsbald faßt' er dies', auf des treu erfundenen Thieres Rücken sich schwingend in Hast, und flog nach dem Ufer der March hin. Nicht besann er sich dort: er schwamm die Fluthen hinüber, Und entschwand den Augen der stummnachstarrenden Krieger.