Rückreise von Java nach Europa mit der sogenannten englischen Überlandpost im September und October 1848

Part 7

Chapter 73,120 wordsPublic domain

Besser als eine Beschreibung wird vielleicht die von mir entworfene Ansicht (obgleich sie nur eine flüchtige Skizze ist,) im Stande sein, den Leser mit der Physiognomie dieser Berge bekannt zu machen. Er wird dadurch zugleich ein Bild erhalten von dem landschaftlichen Charakter des westlichen Theils vom Südgestade Arabien's überhaupt, wovon diese Berge nur ein kleiner, den übrigen vollkommen ähnlicher Theil sind. Man werfe daher einen Blick auf Fig. 17.

Hier wird das Auge zuerst getroffen durch den Anblick eines Gebäudes, das die Aufmerksamkeit um so mehr auf sich zieht, weil es fast das einzige ist, das man in dieser wüsten Gegend gewahr wird. Wir sahen es von Bord unsres Schiffes in Süd-Süd-Ost. -- Einsam liegt das Häuschen da am Gestade, in der stillen Bucht, die muldenförmig nach innen ansteigt, -- halbversteckt zwischen den Bergen, die sich schroff und kühn auf allen Seiten emporthürmen. Ihre Wände steigen glatt, nur von oben nach unten von kleinen parallelen Furchen durchzogen, steil wie eine Mauer empor und endigen sich hoch oben in einen Kamm, der den Thalbewohnern den Anblick des Himmelslichtes noch lange nach dessen Aufgange verbirgt und lange, finstere Schatten in die Klüfte wirft. Der Saum hat eine eingerissene, höckrige, gekerbte Beschaffenheit, hebt und senkt sich in den wildesten, regellosesten Formen und malt sich in schroffen Umrissen, zackig-durchklüftet, wie eine Säge am Blau des Himmels ab. Hinter den vordern Bergzügen, die lauter schmale, an ihren Seiten wandartig steile Jöche sind, thürmen sich in der Ferne noch höhere Jöche, noch wüster und rauher als die vorigen empor, -- aber, so unbesteigbar sie dem Auge erscheinen, so verkündet doch ein hoch in die Lüfte hingepflanztes Signal, -- ein für die christliche Menschheit so bedeutungsvolles Zeichen, -- ein ~Kreuz~, das von der höchsten Zacke des höchsten Joches »Schamshan« herab auf die Rhede blickt, daß menschliche Wißbegierde sich auch zu diesen unwirthbaren Höhen einen Zugang verschaffte. -- Die Meereshöhe dieses Punktes soll 1660 par. Fuß betragen.

Nur auf dem unmittelbar an's Meer gränzenden Saume des schmalen Gestades bemerkt man sandige Stellen, die wie jene sandigen Theile der zuerst genannten kleinen Halbinsel gelblich hellgefärbt sind. Alles andere bis hoch hinauf auf die Firsten der Berge liegt in einer einförmigen, düstern Schminke da, nämlich in einer ~schwärzlichen~, ~grau-braunen~ (umbrabraunen) Farbe, die nirgends von einer verschiedenen Nüance abgewechselt wird und die den unwirthbaren, gleichsam bangen, furchteinflößenden Anblick der Gegend noch düstrer macht. -- Vergebens sucht das Auge nach einem Baume, vergebens nach einem Strauche; kein Grashalm, kein einziges grünes Fleckchen ist weit und breit zu entdecken. Dunkel, umbragrau düstert Alles umher. Nur nackte, kahle Felswände, wohin er sich wendet, blicken den Reisenden an und die furchtbar zerrissene Zackenform der Bergkämme blickt drohend auf ihn nieder. Sähe man das Häuschen nicht, das dort aus seiner stillen Bucht im Kesselthale freundlich hervorblickt, -- wäre der blaue, heimathliche Himmel nicht, der über diesem Gebirgschaos herablächelt, so könnte man glauben, sich auf einem fremden, verwüsteten Planeten zu befinden.

Wenigstens in mir brachte der Anblick Aden's den Eindruck hervor, der ich solche eingerissene Bergform, -- solch' öde Wüstennatur zum ersten Mal anschaute. -- Alles vegetabilische Leben schien von hier verbannt zu sein und Nichts war vorhanden, was mich an die reiche Pflanzenwelt von Java, in deren Wäldern ich so viele Jahre lang geweilt hatte, hätte erinnern können. Ich befand mich hier in einer Natur, die jener in ~schroffem~ Contraste gegenüber stand. Nur ~ein~ Wesen zeigte sich, das mich an Java erinnerte, als wenn es mich auf der Reise von dort hierher begleitet hätte, -- ein thierisches Geschöpf nämlich, -- ein Vogel. _Falco pondicerianus_ flog, hier wie dort, in Kreisen um das Schiff.

Da der Führer unsres Schiffes bekannt gemacht hatte, daß wir wegen einiger kleinen wünschenswerthen Reparaturen und des nothwendigen Einnehmens eines neuen Vorraths von Steinkohlen, nicht vor 8 Uhr des folgenden Morgens weiter reisen würden, so begab ich mich, um von diesem Aufenthalte so viel als möglich Nutzen zu ziehen, den 4ten October früh an's Land, um den heutigen Tag nebst dem folgenden Morgen zum Durchstreifen der Halbinsel in verschiedenen Richtungen und zu geologischen Untersuchungen derselben zu benutzen. Weil man überall natürliche und oft sehr schöne Entblößungen der Felsen findet, so war der geologische Theil der Untersuchungen leicht, und stand in gar keinem Verhältniß zu den Schwierigkeiten, die sich der Erforschung vom innern Bau des Landes auf Java entgegenstellen.

Ich begab mich in dem Kahne eines Somali[22] (eines Abyssiniers aus dem Arabien südwärts gegenüberliegenden Lande Somali), der schöne Gesichtszüge, aber dünne Waden hatte, an's nahe Land und wanderte, nur mit einem tüchtigen geologischen Hammer und einigen Thermometern bewaffnet, über die schmale Strandfläche hin, dem Hotel zu, das in geringer Entfernung von der Küste im hintern Theile der Sandfläche lag, da, wo diese anfängt, sich schon etwas zu erheben, um in die muldenförmigen Thalgründe zwischen den Bergjöchen emporzusteigen.

Dutzende von arabischen Buben drängten sich zu mir heran und wollten durchaus nicht erlauben, daß ich zu Fuß ginge, zumal da ein jeder einen gesattelten Esel am Zaume führte. Sie priesen die guten Eigenschaften und den ruhigen Gang ihrer Thiere um die Wette und waren so besorgt um meine Bequemlichkeit, -- obgleich das Hotel kaum 200 Fuß weit von uns entfernt lag, -- daß ich mich bald zwischen lauter Eseln eingeklemmt sah und meine Thermometer Gefahr liefen, zu brechen. Erst nachdem ich mit einem von ihnen (zum Behufe eines Ausflugs in die Insel) für ein Paar Gulden einen wechselseitigen Contract geschlossen hatte, zogen die übrigen -- (Esel) ab.

Westwärts vom Hotel, dem Meere zunächst, lehnen sich die großen Kohlenmagazine dem Fuße der Berge an, nämlich viereckige offene Räume, in denen die Kohlen hoch auf einander gestapelt sind. Sonst sieht man hier Nichts von Menschenhand Gemachtes. Ich nahm mein Absteigequartier im Hotel, das, wenn ich nicht irre, außer dem Speisesaale 30 luftige, mehr oder weniger geräumige Zimmer enthält. Es ist nur zum Theil aus Stein erbaut, dem größern Theile nach aus Bambus, Schilf und Dattelblättern zusammengezimmert und wird von einem Parsen gehalten. Außer den sehr willkommenen, periodischen Gästen, die mit den Landmailschiffen kommen und deren Zahl nicht groß ist, wird es noch von vielen unwillkommenen, stationären Gästen, nämlich Ratten bewohnt. Die Tafel (für die erstern) war weniger gut besetzt, als dies an Bord der Fall war, denn da Aden selbst nicht das Geringste producirt, so müssen alle Lebensmittel theils mit Schiffen, theils auf Kameelen aus fern gelegenen Gegenden hier angeführt werden. -- Mein erster Ausflug galt dem von hier entferntesten, östlichsten Theile der Halbinsel, wo sich, ein Stündchen Wegs von hier, die auf alten Ruinen wieder neu errichtete Stadt befindet. Da noch viele andere Passagiere vom Schiff dieselbe Absicht hatten, die Stadt zu besuchen, so waren die vielen Esel, deren leitende Nebengeister vor dem Hotel ungeduldig auf angenehme Befrachtung harrten, binnen Kurzem alle besetzt. Wir bedauerten einige schöne, zarte Damen, die so gütig waren, uns ihre Gesellschaft zu schenken und die ebenfalls mit diesem langgeöhrten Transportmittel vorlieb nehmen mußten, dem einzigen nämlich, das man außer seinen eigenen Füßen hier haben konnte. Die Sättel auf den in Arabien sehr geehrten Thieren waren ungemein hoch, aber sehr lose angeschnallt und wackelten unerbaulich hin und her. Sobald unsere Karavane vollständig beritten oder besser gesagt beeselt war, zogen wir auf der neuen Straße, welche die Engländer auf dem schmalen Raume zwischen dem Meere und dem Fuße der Berge angelegt und oft durch hervorragende Felsecken hindurchgehauen haben, dahin und umschrieben einen weiten Halbkreis rund um den Fuß des Gebirges, erst nach Nord-Ost, dann nach Ost und endlich nach Süd. -- Ein jeder Esel hatte einen leitenden Geist oder Maschinist, der, mit einem tüchtigen Stocke in der Hand, hinter ihm herging. Wenn nun die vierfüßigen Unterthanen zuweilen etwas schläfrig wurden und »Eile mit Weile« in Ausübung brachten, so schlugen die zweibeinigen Maschinisten auf's Locomotiv hinten auf, das dann gewöhnlich einen vertikalen Sprung mit den Hinterbeinen machte, während es mit den Vorderbeinen plötzlich stille stund. Die Reiter wippten dann, oder richtiger, ~wurden~ in die Höhe gewippt, einen halben bis einen Fuß hoch, und wurden dadurch wider Willen an die Erdbeben erinnert, die ohne Zweifel einmal an diesen Felsen gerüttelt und geschüttelt und eben dadurch die Gebirge so zerstückelt hatten, wie sie jetzt sind. Man konnte solchen vertikalen Stößen um so weniger widerstehen, je unerwarteter sie kamen und die Folge davon war, daß manche schlechten Reiter herabplumpsten in den Sand und -- mit Ausnahme der schönen Reiterinnen, die bei diesen Exercitien »das Unterste zu oberst« jederzeit viele Beweise der zärtlichsten Theilnahme empfingen, -- von den Übrigen ausgelacht wurden. Manche blieben, wenn sie durch solche Stöße das Gleichgewicht verloren hatten, auf der Seite schweben und Andre, die sich an den Sattel hatten fest halten wollen, der sich aber nach den Gesetzen der Schwere herumdrehte, kamen unter den Bauch der Esel zu hängen, die dann, durch diese verkehrte Art zu reiten, außer Fassung gebracht, wie vom Teufel besessen davon galoppirten. Die Nebengeister der Esel liefen dann, unter einem lauten Halloh, was sie laufen konnten, hinter drein, das arme Opfer, das in einer so »schwebenden Pein« hing und das vielleicht schon an das tragische Schicksal eines ~Mazeppa~ dachte, schrie, was es schreien konnte und -- die Andern lachten. Doch lief die Pilgerfahrt glücklicher Weise ohne Halsbrechen und ohne andre Beschwerden, als Hitze, Sand- und Staubwolken ab.

Erst von da an, wo sich die Straße am Ostfuße eines Joches ganz nach Süd-Ost und Süd gedreht hat, fängt sie an, am Gebirge hinanzusteigen und nähert sich immer mehr einer schmalen, tief durch den Kamm eines Joches hindurchgehauenen Kluft. Die Bergwand, welche sich hier zur Rechten, nämlich auf der ~West~seite des Weges erhebt und welche in der Richtung nach Osten in die, hier geschlossene[23] Bai herabschaut, ehe man jene Kluft erreicht hat, -- zeichnet sich durch eine Menge großer Löcher, oder ~buchtartiger Höhlungen~ aus, die nicht deutlich in Reihen liegen, sondern ziemlich regellos an der Wand zerstreut vorkommen. Sie ähneln den Aushöhlungen, die an manchen Küsten durch die Brandung des Meeres verursacht werden, liegen aber 1--300 Fuß über dem Niveau des Meeres und sind vielleicht (?) durch Kunst ausgehauene Cisternen (Tank's), die zu Wasserbehältern dienten und bestimmt waren, das hier so selten fallende Regenwasser aufzufangen.

Je höher man steigt und je mehr man sich der angedeuteten Kluft durch den Bergrand nähert, um so mehr wird man mit Bewunderung erfüllt über die ungeheuern Festungsbauten, welche die Engländer hier angelegt haben. Schon diese Befestigungswerke rufen in dem Reisenden die Ahndung hervor, daß er sich dem ~einzigen~ Zugange zu einer auf allen Seiten von der Natur durch unübersteigliche Felsjöche befestigten Stadt nähere. Da, wo diese Felsjöche eine Lücke, die Möglichkeit eines Zugangs ließen, da sieht man diese Zugänge verstopft durch Bastionen und gewaltige Mauern, welche daselbst errichtet sind und erblickt solche Mauern in Höhen von mehren Hundert Fuß an den steilsten Wänden, wie angeklebt, oder auf den höchsten Bergkämmen, wie aufgewachsen.

Die Kluft, der wir näher treten, ist ein durch die Kunst noch um 25--30 Fuß tiefer gemachter Einschnitt in die Felsen an einer Stelle, wo schon die Natur eine Kerbe im Kamme eines Joches gebildet hatte. -- Feste Mauern engen den Weg zu beiden Seiten ein, der zu ihr hinanführt, und eine gewaltige Batterie, die sich auf der Ost- d. i. linken Seite, wenn man von außen (von Norden) kommt, auf terrassenförmig höher steigendem Gemäuer erhebt, vertheidigt den Eingang. Die hindurchgebrochene Kluft selbst ist zu einem festen, überwölbten Thore umgestaltet, und durch dieses Thor, -- durch diesen ~einzigen Zugangspaß von der Nordseite her zur Stadt~, -- muß der erstaunte Reisende hindurchschreiten, wenn er zum Orte Aden gelangen will, zu einer Stadt, die von Natur schon fester als Gibraltar ist. Die Flur (oder die Sohle) des Thores mag 400 Fuß hoch über dem Meere liegen. -- Sobald wir hindurchgeschritten waren, blickten wir in ein Kesselthal hinab, in dessen Umfange sich fast auf allen Seiten steile Bergwände herumzogen und beinahe eine Kreislinie bildeten, wodurch der kleine Thalgrund gewissermaßen vor den Blicken aller Welt verborgen gehalten wird. -- Sein ziemlich flacher Grund mochte 300 Fuß tiefer, als der Paß durch den Bergrand, den wir auf der Nordseite des Kessels überschritten hatten, also etwa 100 Fuß über dem Meere liegen und eine englische Meile im Durchmesser haben. Nur auf seiner Ostseite, wo er sich zum Ufer der östlichen (Aden-) Bai hinabsenkt, waren keine umringenden Berge vorhanden. Dort war der Rand des Thalgrundes wenig, und theilweis gar nicht erhöht.[24]

Aus diesem Thalgrunde, so recht im Innersten der Gebirge versteckt, die ihn unzugänglich machen, blickte mit ihren Ruinen, neuen Gebäuden, Hütten, Krambuden und Kasernen die ~Stadt Aden~ zu uns herauf, die wir besuchen wollten. -- Wir stiegen auf dem Schlangenpfade der Straße hinab und wanderten bald zwischen Ruinen von alten, bald zwischen Bruchstücken von neu aufgerichteten Häusern, bald zwischen Menschen, die beschäftigt waren, mit Hülfe von Lastthieren Wasser aus tiefen Brunnen zu schöpfen und Mörtel zu neuen Bauten damit anzumengen und bald zwischen Arbeitern, die alte Brunnen aufräumten oder neue gruben, dahin und gelangten so in die Straßen der Stadt, die wir durchschlenderten.

So wie aber die Stadt und der ganze Kessel, in dem sie lag, von oben, vom Paßthore herabgesehen, wohl einen öden, doch keinen freundlichen Anblick gewährt hatte, so sah auch ihr Inneres durchaus nicht einladend aus. Auch hier war nirgends ein grünes Fleckchen zu entdecken, viel weniger ein Baum, Alles war kahl und wüst, -- man sah nur Sand, Gebirgsschutt oder nackten Fels. Die Bewohner, deren Anzahl, außer der Garnison und einigen europäischen und armenischen Kaufleuten, auf 7000 angegeben wurde, bestehn aus Abyssiniern (Somali), Juden, und hauptsächlich aus Arabern, welche alle drei verschiedene Abtheilungen der Stadt bewohnen. Die meisten Häuser waren niedrig, nur aus Bambusrohr, Schilf, aus dem Holze und den Blättern der Dattelpalme aufgerichtet, auch mit den Blättern dieser Palme, mit Schilf und Matten gedeckt, und oben platt; nur wenige, worin vorzugsweise Juden wohnten, waren, doch nur roh, von Stein gebaut. Ich sah nur wenige bessere und zweistöckige Gebäude, in denen englische, armenische und chinesische Kaufleute wohnten; die übrigen waren niedrig, unregelmäßig und die Straßen zwischen ihnen schmutzig. Hier lag Kehricht in Haufen umher, dort standen getrocknete Fische zu Kauf, hier wurden Kuchen in Öl gebacken, dort standen Körbe voll Datteln, die zum Theil schon halb in Gährung übergegangen waren, zur Schau, -- und, außer dem Geruche, den diese Herrlichkeiten aushauchten, sorgten die Myriaden von Fliegen, die davon angelockt, in den engen Gassen herumschwirrten, dafür, daß die Reisenden daselbst nicht länger, als nöthig war, verweilten.

Wir besahen einige von den gegrabenen tiefen Brunnen, die in großer Anzahl im Umfange des Thalkessels, am Fuße der Berge, besonders auf der West- und Süd-Westseite liegen, da, wo diese Berge am höchsten sind. Die meisten waren in Gereibsel- (Conglomerat-) und Tuffmassen, wenige in compakten Fels ausgegraben und 30--40 Fuß tief. Sie liefern ein vorzügliches Trinkwasser, das übrigens auch das einzige Wasser ist, welches die Bewohner der Halbinsel besitzen. Nachdem wir die Stadt durchkreuzt und einige Erfrischungen zu uns genommen hatten, trennte ich mich von meinen Begleitern und machte nun Ausflüge zu Fuß in verschiedenen Richtungen durch die Gebirge, während jene auf ihren Eseln in's Hotel am Ufer der Back-Bai zurückkehrten. Ich will jedoch die Beobachtungen, die ich über die topographischen und geologischen Verhältnisse Aden's auf diesem, so wie auf spätern Zügen machte, welche ich an diesem Tage durch die östlichen und mittlern, und am folgenden Morgen vom Hotel aus durch die westlichen Gegenden der Insel unternahm, in ~ein~ gedrängtes Bild zusammenfassen.

Alle Berge, die ich sah, hatten aus einiger Ferne erblickt, überall dasselbe schwärzlich-grau-braune (umbrabraune) Kolorit und waren überall gleich nackt, ohne eine Spur von Verwitterungskrusten, ohne den geringsten Anflug von Flechten. Sie waren gewöhnlich vom Fuße an, bis zur Hälfte ihrer Höhe in Schutthalden (Gebirgsschutt, Gereibsel) verborgen, ja die weniger steilen Gehänge waren bis zu drei Viertel der Höhe hinan mit Gereibsel überstreuet, so daß nur die obersten Jöche als ~compaktes~, nicht zertrümmertes Gestein hervortraten. Ihrer Gestalt nach waren es sehr schmale, aber lang hingezogene Ketten oder große Rippen, die sehr steile, oft mauerartige Seitenwände hatten und sich oben in einen noch schmälern, meistens ganz scharf zulaufenden, höckrigen, gekerbten, oder scharf eingerissenen, ja oft auf das Wunderbarste ausgezackten und spitzgezähnelten Kamm (Firste, Gräte) endeten. Sie stellten sich dar als auf das Gewaltsamste zerrissen und zerklüftet und strebten ungemein kühn und zackig-rauh empor. Die Firsten der meisten sind gewiß unübersteiglich und unbeklimmbar.

Was die Lage und Verbindung dieser Jöche betrifft, so streicht ein höchstes, centrales Joch, das die Araber ~Dschebel~ (Berg) ~Schamshan~ nennen, von West-Nord-West nach Ost-Süd-Ost durch die Halbinsel und von diesem Hauptjoche laufen Querzweige oder Seitenrippen, die übrigens eben so gestaltet und in der ersten Hälfte ihrer Erstreckung nicht viel weniger hoch sind, nach dem Meere aus, indem sie sich allmählig tiefer senken. Ihre Anzahl nimmt durch Spaltung, durch das Auftreten neuer Schluchten zwischen ihnen nach der Meeresküste hin zu, und so entsteht ein merkwürdiges, auf den ersten Anblick labyrinthisches Gegitter von schroffen Bergleisten und engen Schluchten zwischen ihnen, von denen die meisten in ihrem Grunde eben so schmal sind, wie die Bergrippen auf ihrer Firste. Nur einige von diesen Schluchten haben einen mehr muldenförmig-gerundeten Grund und breiten sich in ihrer untersten Gegend zu kleinen Sandflächen aus, die vorn an's Meer gränzen und kleine sandige Buchten zwischen den Bergrippen bilden. Die größte und fast kreisförmig gestaltete dieser Buchten ist das Kesselthal, worin die Stadt Aden liegt, begränzt auf der Süd- und Westseite durch die auslaufenden Rippen des Dschebel Schamshan und auf der Nordseite durch ein kleineres Joch, das auch weniger hoch ist, aber mit einer Rippe des Schamshan auf der Nord-Westseite des Thales ununterbrochen zusammenhängt. Über die Kerbe, den tiefsten Punkt zwischen beiden führt der uns bekannte Paß. Auf der Ostseite, der Insel Sira gegenüber, steht die Bucht offen und senkt sich steil zum Meere herab, auf ihrer Westseite aber erheben sich die höchsten Zacken des Schamshan, die man auch von der Back-Bai aus sehen kann (s. × auf Fig. 17). So bilden Jöche und Nebenjöche (mit Zwischenklüften) die ganze Halbinsel. Viele ragen mit ihren Enden, die sich steil hinabsenken, oft weit in's Meer hinaus und bestimmen dadurch die elliptische, in vielen Zacken vorspringende Form von Aden's Küstensaume. Der größte Durchmesser der Halbinsel von Ost-Süd-Ost nach West-Nord-West beträgt ohngefähr 1-1/2 Stunden. Die höchste Spitze des Schamshan soll 1660 Fuß hoch sein.

In einer Richtung, die der Streichungslinie des Hauptjoches von West-Nord-West nach Ost-Süd-Ost fast entgegengesetzt ist, nämlich in Nord-Ost, ist die Halbinsel mit dem Festlande von Arabien durch einen schmalen Isthmus verbunden, der, wie das angränzende Festland selbst, ganz niedrig, flach, sandig ist und nur aus zertrümmerten Korallen und Muscheln besteht. Wäre dieser Isthmus nicht, so würde das Gebirge von Aden eine ~vollkommen isolirte Berginsel~ sein.

Die steilen Abstürze, welche die meisten Rippen seewärts bilden, bieten dem Geologen schöne Entblößungen an. Ich habe deren besonders auf der Nord- und Nord-Westseite untersucht. Wegen der Kahlheit und dem Mangel bedeckender Erdschichten bietet aber auch das Innere der Halbinsel, in den Thalklüften, an den steilen, mauerartigen Gehängen der Jöche (da, wo diese in keinen Schuttmassen, Felsbruchstücken verborgen sind) fast überall eine reiche Gelegenheit dar, die geologische Structur zu erkennen.