Part 14
Ich hatte zu Alexandrien die Wahl, meine Reise nach Europa mit einem englischen, französischen oder deutschen Dampfschiffe nach Southampton, Marseille oder Triest fortzusetzen; ich wählte den letztern Weg und schiffte mich den folgenden Tag (23sten October) um 2 Uhr am Bord der ~Germania~ ein. Es war nämlich das Schiff Nr. _XXV._ von der ~österreichischen~ Dampfschifffahrts-Gesellschaft: Lloyd. Das Schiff war vortrefflich eingerichtet, selbst prachtvoll und übertraf sowohl an Glanz, als an Bequemlichkeit die englischen, auf denen ich von Singapur bis Suez gefahren war. Die Tafel war ausgezeichnet, die Offiziere und übrigen Schiffsleute waren höflich, zuvorkommend, -- leider aber fehlte es an Gesellschaft; denn außer einem jungen Italiener war ich der einzige Passagier, der sich nach ~Germania~ hatte wagen wollen! -- Ein Dutzend Engländer hatten allerdings wohl Lust gehabt, die Reise durch Deutschland zu machen, sich aber durch die Furcht, zwischen Windischgrätz und der deutschen Nation in die Klemme zu gerathen, davon abschrecken lassen. -- Eine solche Aussicht war für mich freilich auch nicht sehr einladend, aber ~heiligere~ Pflichten und Gefühle zogen mich dorthin und stählten meinen Vorsatz, ungeachtet der Gefahr, durch politische Wirren aufgehalten zu werden.
Den 24sten durch das mittelländische Meer nach Nord-West dampfend, sahen wir kein Land; -- den 25sten früh aber waren wir der Insel Candia (dem alten Kreta) gegenüber, deren hohe Gebirgszüge fast den ganzen Tag sichtbar blieben. Ihr eingerissenes durchschluchtetes Gehänge stieg steil aus dem Meere empor und erhob sich zu einem schroffen Kamm, der weißlich in die Ferne schimmerte, während das Ganze ein mehr grau-falbes, kahles, sehr steriles Ansehn hatte. Wir blieben stets zu weit vom Lande entfernt, um den Küstensaum erblicken zu können, sahen daher nichts, wie diese schroff durchfurchte, bleiche Gebirgskette, die sich Tagereisen weit auszudehnen schien. -- Theils auf dem höchsten Kamme der Kette selbst, theils mehr unter diesem, sahen wir einen streifenförmigen Zug von geballten Wolken hängen, der so lang wie die Kette selbst war und unbeweglich starr am Gehänge gelagert blieb, während sich der ganze übrige Himmel durch eine vollkommene Heiterkeit auszeichnete. Dies waren die ersten Wolken, die ich seit meiner Abreise von Ceylon wiedersah.
Am Morgen des folgenden Tages (den 26sten October) war es der südliche Theil von Morea (der Pelopones), dessen mäßig hohe, in vielen Reihen hinter einander liegende Gebirgszüge wir zu unserer Rechten erblickten und am fernen Horizont zur Linken zeigten geballte Wolkenlagen, bei übrigens heitrem Himmel, das Vorhandensein von Land an der Stelle an, nämlich von Calabrien, über dessen Gebirge sie sich verdichtet hatten.
Wir fuhren zwischen 10 und 11 Uhr vor dem Meerbusen von Arkadien hin, dessen mäßig hohe Bergzüge zur Rechten sichtbar waren und näherten uns der Straße zwischen dem nördlichen Theile von Morea und der ionischen Insel Zante, deren Südküste als steile Mauer von bleicher Farbe aus dem Meere emporstieg. Wir schifften nun durch ~klassische~ Gewässer und sahen den klassischen Boden von Griechenland, von dessen alter Größe aber leider nur Ruinen zurückgeblieben sind und hier und da ein Name, der wie ein verlorener Schall aus dem romantisch-schönen Alterthume heraufklingt. Zwischen 1--2 Uhr hatten wir die Hauptstadt der Insel Zante zur Linken. Wir sahen ein Chaos weißlicher, viereckiger Häuser am steilen Südfuße eines Berges liegen, an dessen Gehänge -- amphitheatralisch über einander erbaut -- sich noch viele Gebäude hinanzogen, während vom Scheitel des Berges selbst die Mauern der Festung niederschauten, welche die Stadt beherrscht. Nach Norden verlängert sich dieser Festungsberg in einen Rücken, der sich allmählig tiefer senkt und noch mit vielen weißen Gebäuden bedeckt ist, die aus dem Gebüsche der Oliven und anderer pyramidaler (cypressenartiger) Bäumchen hervorschimmern. Dazwischen sieht man auf geebneten Terrassen auch gelbe Streifen, die wahrscheinlich reifes Getreide sind und hinter den vordern Bergen ragt noch eine fernere, höhere Bergkette empor.
Aber viel höher als diese und in ihren Umrissen noch mehr an die Form von Kegelbergen erinnernd, sind die Gebirge der Insel Cephalonia, die uns, vorn zur Linken, allmählig näher rückte, je weiter wir zwischen den ionischen Inseln und dem Eingange zu dem Meerbusen von Corinth (dem Golf von Lepanto) dahin dampfend nach Norden kamen. Es war von 3-1/2--5 Uhr, als wir dieser Insel auf der Ost- (Nord-Ost-) Seite vorbeifuhren. Ihre doppelten Bergzüge stiegen zu einer imposanten Höhe empor und die weißlichen Häuser und dunklen Bäume erschienen ihren bräunlichen Böschungen wie angeklebt. Sie lagen schon im Schatten der hinter ihnen stehenden Sonne und blickten düster und steil auf uns herab. -- Wir hätten zwischen 5--6 Uhr glauben können, uns in einem Gebirgssee zu befinden, denn wir waren ringsherum auf allen Seiten von hohen gebirgigen Ländern eingeschlossen, -- hinten und zur Linken lag Cephalonia, links und vorn Ithaka, rechts die kleine Insel Atako, hinter ihr die viel höheren Gebirge von Griechenland (Akarnanien) und vorn, die Aussicht schließend, die Insel Leucadia (Sta Maura). Es war ein malerischer, schöner Anblick. Auf unserer linken Seite, wo die Gebirge im Schatten lagen, war alles bräunlich dunkel und an den Gehängen von Ithaka wechselten viereckige, bräunliche (kahle) und dunkle (begrünte) Felder mit einander ab, -- aber auf unserer rechten Seite, in Ost, lächelte auf dem Berggehänge noch der helle Schein der immer tiefer sinkenden Sonne und hier konnten wir die Olivenwälder deutlich erkennen, die dem hellern (hellfalben oder bräunlich-grauen) Grunde ein grün beflecktes und betüpfeltes Ansehn gaben. Und es schien uns, daß Alles Waldige, Dunkle, das wir, selten in zusammenhängenden, größern Flecken, sondern meistens nur in mehr oder weniger gedrängten, runden Tüpfelchen (Punkten) auf den ionischen Inseln sahen, stets Olivenbäume waren. Der Boden dazwischen schien eine helle Farbe zu haben und gelblich, bräunlich-grau oder hellbraun zu sein; da, wo sich Wege befanden, erkannte man diese als weiße, gerade oder geschlängelte Linien, die sich an den Wänden hinzogen.
Die kleine Insel Atako, die uns um 5-1/2 Uhr gerade rechts gegenüber lag, erhob sich steil als eine hellfarbige Felsmauer aus dem Meere und bildete dann einen gerundeten Bergwulst, der waldbetüpfelt war, und noch mehr so betüpfelt zeigte sich Ithaka zu unserer Linken. Wir sahen um 6 Uhr noch die weißlichen Häuser eines Dorfes, das dem Berggehänge der letztgenannten Insel angebaut war und kamen ihm so nahe vorbei, daß eine Anzahl von gelblich gefärbten Windmühlen, die theils am Abhange, theils oben auf der Firste des Bergrückens ihre großen Flügel herumdrehten, einen recht sonderbaren, bizarren Effect auf uns hervorbrachten, die wir in schneller Fahrt dahinschifften.
Das nördliche Ende von Ithaka, hinter dem sich Cephalonia eben so weit nach Norden fortsetzt, lag uns um 7 Uhr zur Linken, während wir zwischen den Inseln hinaus nach Westen steuerten; zur Rechten hatten wir das Südende von Leucadia; das Meer wurde nun wieder weiter, die Ufer traten zurück und entzogen sich bald in der Dämmerung der fallenden Nacht gänzlich unsern Blicken. Das Wetter war fortwährend heiter, die Luft still.
Erfreulicher noch, als der Anblick der obengenannten Insel von mehr europäischer Physiognomie, war für mich der Eindruck der ~größern Kühle, die sich nun erst~, am Abend des heutigen Tages, ~recht deutlich fühlbar machte~; -- das Abendroth war weniger farbig, als ich es zwischen den Wendekreisen zu erblicken gewohnt war, -- es sah gleichsam ~frostiger~ aus und es war mit innigem Behagen, daß ich die wohlthätige vaterländische Luft athmete!
Ich hatte nun seit meiner Abreise aus Ostindien, von Java auf der Südseite des Äquators bis hierher 45 Breitengrade durchschnitten und Gegenden durchreist, deren Naturphysiognomie mit der Annäherung an den Pol sich mehr und mehr veränderte. Es waren besonders ~drei~ Kulturgewächse, die ich in dieser Ausdehnung des Erdballes gesehen hatte, wo sie eben so eigenthümlich für die Physiognomie des Landes auftreten, als sie für die Bewohner desselben von unentbehrlicher Wichtigkeit sind: die schlanken ~Kokospalmen~ in Indien, wovon ich noch auf der Südküste von Ceylon ganze Wälder sah, -- die ~Dattelpalmen~ in Arabien und Egypten -- und die kleinen graugrünen ~Olivenbäume~, nebst den Reben in Süd-Europa. -- Die Kälte nimmt von jenen bis zu diesen allmählig zu, die Üppigkeit der Natur nimmt ab und in gleichem Maaße erheben sich stolzer die Werke von Menschenhand. -- Errichtete ~Kreuze~ und ~Kapellen~ blicken bedeutungsvoll nieder von den bebauten Höhen, -- und anstatt der üppigen Urwälder Indien's treten ~Kirchen~ und ~Kirchthürme~ auf mit Glocken, gleichsam um uns den nahen Eintritt zu verkündigen in eine vierte noch nördlicher liegende Zone von Kulturbäumen, -- ich meine die Obstgärten der heimathlichen ~Äpfel und Birnen~.
Auf unserer Weiterreise durch's adriatische Meer sahen wir den folgenden Tag (27sten October) das hochgebirgige Land der Türkei (Epirus und Albanien), das aber oft in weiter Entfernung vor unsern Blicken verschwand und auch den 28sten waren die viel weniger hohen Bergzüge an der Küste von Dalmatien sichtbar. Wir erblickten von der großen Menge Inseln, welche dieser Küste vorliegen, des Morgens früh zuerst Busi und St. Andrea, die zur Linken und die größere Insel Lissa, die zur Rechten liegen blieb, während wir zwischen beiden hindurchfuhren.
Als ich am Morgen dieses Tages die Sonne anstatt, wie seit einem Dutzend Jahren immer, um 6 Uhr, erst um 7 Uhr aufgehn sah, als ich den Himmel, der seit meiner Abreise von Ceylon stets heiter geblieben war, zum ersten Male wieder voll von grauen Wolken erblickte und dabei die immer mehr zunehmende Kühle der Luft empfand, -- kam es mir vor, als wenn Alles, was mich umgab, Luft, Wasser und Land, die Sterne des Himmels nicht ausgenommen, anfinge zu sprechen und mir in einer stummen, aber allerverständlichsten Sprache zuzurufen, daß ich mich nun an der andern Hälfte des Erdballes befände, fern, fern vom Äquator. -- Besonders das späte Aufgehn der Sonne, das, die größere Annäherung an den Pol kund gebend, im nördlichen Theile des adriatischen Meeres immer mehr auffiel, war es, das einen tiefen, nicht leicht zu beschreibenden Eindruck auf mich machte.
Doch sollte ich auch hier etwas sehen, das mich lebhaft an Java erinnerte. Es waren die Berge Dalmatien's, die von des Morgens an bis in den Mittag sichtbar waren. Sie sahen dem java'schen »Tausend-Gebirge« (Gunung-Sewu), das auf der Südküste zwischen Jogiak[)e]rta und Patjitan liegt, so außerordentlich ähnlich, daß ein Ei dem andern nicht besser gleichen kann und daß ich mich sehr irren würde, wenn beide nicht auch ganz und gar dieselbe petrographische Zusammensetzung hätten, nämlich aus Kalkstein bestehn. So viel ich weiß, ist in Dalmatien die Juraformation verbreitet. Jene auf Java aber sind tertiärer, dichter Kalkstein, ganz von Höhlen durchzogen. Und so wie diese sind auch die Berge Dalmatien's ihrer Form nach lauter isolirte, hemisphärische Hügel und Hügelwellen, zu Tausenden neben einander liegend, alle abgerundet und durch mehr oder weniger hohe Zwischenräume mit einander zu einem Ganzen verbunden, gleich runden Höckern, Warzen auf der Oberfläche eines Körpers. Hier und da senkten sie sich in eine schroffe Küstenmauer herab. Sie lagen in einer bräunlich-fahlen, olivenfarbenen Schminke da. -- Von den Bergzügen Italien's bekamen wir auf unsrer Reise durch das adriatische Meer nichts zu sehen, weil unser Cours der ~östlichen~ Küste entlang ging.
Ein trüber, bewölkter Himmel hatte uns gestern schon in die Nähe der Küsten von Europa eingeführt und ein echtes, europäisches Regenwetter bewillkommnete uns am Morgen des 29sten October daselbst. Es war der erste Regen wieder seit Ceylon, den wir beobachteten. Weil in der feinen Regenluft alle Signale an den Ufern unsichtbar waren, so hatten wir uns schon in der Nacht genöthigt gesehen, uns vor Anker zu legen und es war schon 7 Uhr vorbei, als wir unser Schiff wieder in Bewegung setzten.
Wir befanden uns um 8 Uhr dem Leuchtthurm auf Cap Salvore (Punta di Salvore) gegenüber, -- es war ein flach convexes Land, olivenfarbig mit Bäumen, Dörfern und einzelnen Gebäuden besetzt, -- darauf folgte eine tiefe Bucht, worin mehre große Schiffe lagen, -- dann kam ein zweites Cap mit der Stadt Pirano, die am Fuße und Abhange des vorspringenden Gebirges lag, -- der Anblick des Landes und der Wohnungen, die es bedeckten, wurde immer europäischer -- dann kamen wir einer zweiten Bucht vorbei, in deren Hintergrunde die Stadt Capo d'Istria lag, -- wir näherten uns also immer mehr dem nord-östlichen Ende des Meerbusens zwischen dem Flachlande von Venedig und der Halbinsel Istrien -- und ließen um 9-1/2 Uhr unsre Anker fallen auf der Rhede von ~Triest~.
Da lag die prächtige Stadt. Ihre weißen Häuser und Paläste erhoben sich im Amphitheater, bis zur Citadelle hinauf, das eine über dem andern und erschienen dem olivengrünen Gebirge wie angeklebt. Noch hoch am Gehänge ragten stolze Kirchen und Klöster empor und kleine Villen zogen sich hinan bis dicht unter den Saum der lang hingestreckten Kette, die steil und schroff auf die Schiffe an ihrem Fuße herabsah. -- Dieses stolze, doch freundliche Bild traf unser Auge!
Es war Sonntag -- und das Erste, was unser Ohr vernahm, -- seit 13 Jahren zum ersten Male wieder -- war ~Glockengeläute~! -- ein so feierliches Getön aus allen Kirchen und Kapellen der Stadt, -- ein so harmonischer Klang, der an sich schon mächtig, ahnungsvoll und zur Andacht stimmend, mich an die Jahre meiner Kindheit erinnerte, und mich mit einer Wonne, einer Wehmuth erfüllte, die ich nicht abzuwehren vermochte. -- Glückliche Jahre des Glaubens, -- des unbedingten Glaubens an die ~Heiligkeit~, die sich mit diesem Geläute verband!
Es bannte mich denn auch jetzt noch durch seinen Zauber und hielt mich gefesselt an die Verschanzung des Schiffes, wo ich still-lauschend, mich noch länger den Eindrücken dieser Glockentöne würde überlassen haben, wenn die Welt nicht so voll von Contrasten wäre, und wenn nicht die ~Douanen~ mich aus meiner Träumerei geweckt hätten.
Diese kamen unsre Koffer zu untersuchen, die wir öffnen mußten. Sie waren jedoch sehr höflich und bescheiden und ließen selbst einige Kisten Cigaren (sonst scharf verbotene Waare in Österreich) passiren, da wir ihnen den Beweis lieferten, daß sie nur für den täglichen Gebrauch bestimmt seien. Auch die Gesundheitsbeamten, die gekommen waren, sich nach unserm Wohlbefinden zu erkundigen, fanden es gut, daß wir keine Pest aus Egypten, sondern nur Cigaren aus Manilla mitgebracht hatten, die sie schmackhaft fanden.
Ich stieg nun in einer christlichen Schaluppe an's Land gegen christliche Bezahlung und nahm meinen Einzug in ein großes drei- oder vierstöckiges Hotel, das gewiß erst seit kurzer Zeit den Namen Hotel ~National~ führte, den es, wenn ich nicht irre, jetzt (1851) ~nicht~ mehr führen wird.
Dreimal täglich, um 10, 3 und 9 Uhr geht von Triest ein ~kaiserlicher~ Postwagen ab, der die Reise nach Laibach in 12 Stunden zurücklegt. Der Preis für einen Passagier mit 40 Pfund Bagage ist 7 Fl. 52 Kr. und für jede 100 Pfund Bagage mehr 2 Fl. 40 Kr. (nämlich österreichische Gulden, deren 8 auf 10 holländische gehen). Von Laibach nach Salzburg geht nur jeden Dienstag und Sonnabend, um 1 Uhr des Mittags ein Postwagen ab. An der Eisenbahn, die, um den Karst zu vermeiden, von Triest einen weiten Umweg nach West machen muß (erst am Strande hin, dann über Monfalcone, Görz und Idria nach Laibach), wurde damals noch gearbeitet. Erst eine Tagereise weit, auf der andern (Nord-Ost-) Seite von Laibach, war sie vollendet und lief von Cilli bis Wien.
Ich ging den 31sten um 10 Uhr mit der Post von Triest weg. Das steile Berggehänge, an dessen süd-westlichem Fuße die Stadt liegt, zieht sich von Süd-Ost nach Nord-West der Küste entlang hin. Die Straße fängt gleich auf der Nordseite hinter der Stadt an emporzusteigen und windet sich bald in Schlangen-, bald in Zickzacklinien an diesem Berggehänge hinan, das bis hoch hinauf in Terrassen und Gärten umgeschaffen und mit Gartenhäusern geziert ist, die auf diesen Terrassen stehn. Es ist der seewärts gekehrte Abfall des ~Karst~plateau's und trägt auf seinem untersten Gehänge und Fuße die Stadt.
Hier war Alles noch grün, die Matten waren mit Gras bedeckt, aber die Weinranken in den Gärten und auf den Terrassen, die Aprikosen- und andern Fruchtbäume, die dort standen, fingen doch schon an, sich zu entfärben, -- denn der entblätternde Hauch des Herbstes nahte heran. Wir sahen eine Menge kleiner Steinbrüche zur Seite des Weges, in denen einige wenige Arbeiter beschäftigt waren. Man erkannte hier, daß das Gebirge vorherrschend aus einem seinen, hellgrauen Sandstein (höher oben aus Kalk) bestand, der in 1/2--3 Fuß dicken, gewöhnlich stark geneigten, geraden, zuweilen aber auch wellenförmig gebogenen Schichten vorkam.
Wir kamen um 11-1/2 Uhr auf dem mehr als 1000 Fuß hohen Rande der Bergwand an.[47] Die Aussicht, die wir hier genossen, über das stolze ~Triest~ mit seinen Palästen und Gartenanlagen, der Rhede mit ihren Schiffen und über das Meer west-süd-westwärts, in der Richtung nach Venedig zu, war entzückend. Die Stadt lag im Süden von diesem höchsten Punkte des Weges. -- Nach der andern Seite zu, nach Nord und Nord-West, ging der Rand nur sanft gesenkt in das unebene Plateau des Karstgebirges über. Plateau mag es im Allgemeinen genannt werden. Es ist eine rauhe, wellenförmig unebene Gebirgsfläche, in welcher häufig ~weißgraue~ Kalkfelsen hervortreten und die überhaupt ein wüstes, felsig-rauhes Ansehn hat. Hier und da sieht man horizontale oder nur sehr sanft geneigte Felsplatten (Bänke), deren steil abgebrochene treppenförmige Ränder mehr oder weniger kubisch zerspalten sind. Besonders aber zeichnet sich dieses Gebirgsland aus durch die vielen kleinen, bald flach convexen oder kesselförmigen, bald mehr hemisphärischen, bald trichterförmig tiefen und steilen Senkungen, die man überall in der Oberfläche antrifft. Manche dieser Senkungen sind im Grunde flach oder nur sanft vertieft, mit fruchtbarer Erde bedeckt, mit Gemüse, mit Wein oder andern Fruchtbäumen bepflanzt, -- andere, die sich schroffer hinablassen, gleichen mit den weißgrauen Felswänden, die sie umgeben, kleinen Kratern, alle aber haben sie große Ähnlichkeit mit den kesselförmigen Vertiefungen im Kalkgebirge Gunung-Sewu auf Java und scheinen entstanden zu sein durch den Einsturz der Gewölbe von Höhlen, die sich unter ihnen befanden.
Diese Übereinstimmung zwischen zwei zu verschiedenen geologischen Formationen gehörenden Gebirgen ist bemerkenswerth. Doch fehlen dem Karstplateau (das aus Jurakalk besteht) jene Tausende von hemisphärischen Hügeln, womit die Oberfläche des -- tertiären -- Gunung-Sewu auf Java besetzt ist. -- Diese rauhe Gebirgsplatte war nur mit einer spärlichen Vegetation bedeckt, -- nämlich mit Gebüsch und mit kleinen Bäumen, unter denen eine 10--20 Fuß hohe Eiche (_Quercus Cerris ¡L.¡_) am häufigsten war. Die baumartige Haide (_Erica arborea ¡L.¡_) war nicht selten. Hier und da kamen liebliche Grasplätze zwischen diesen niedrigen Bäumen oder zwischen den kahlen Felsplatten und Felshöckern vor und von Zeit zu Zeit traf man ein Dörfchen oder ein kleines Gehöfte an.
Erst später, von 12 oder 1 Uhr an, ebnete sich die Gegend, die grünen Triften dehnten sich mehr und mehr aus, die fruchtbaren Felder, die Gärten nahmen an Umfang zu, -- die ~Wein~hecken wurden zahlreicher und die hübschen Dörfer häufiger, welche gute, steinerne Häuser hatten. Gewöhnlich lagen diese mehr bebauten Gegenden in sanften Vertiefungen, flachen Mulden der Bergplatte, in denen sich vorzugsweise die fruchtbare Erde schien angehäuft zu haben und diese kleinen Kesselthäler der Platte zwischen den Anhöhen, die übrigens nicht mehr so vorherrschend felsig waren, als in der Nähe von Triest, waren reich bebaut. Mein Auge weilte mit Entzücken auf diesen sanften Thalgründen, die den Reisenden um so freundlicher anlächelten, je starrer, felsiger oft die nächste Umgebung ist. Außer den wildwachsenden Bäumen, namentlich den Eichengebüschen und den überall häufig angepflanzten Reben sah ich hier zum ersten Male wieder ~Kirschen~- und ~Äpfelbäume~! -- O, wie schön kamen sie mir vor, als ich sie nach einer 14jährigen Trennung zum ersten Male wiedersah und als ich ihnen im Stillen zurief: seid mir gegrüßt ihr alten vertrauten Gestalten, -- denn mit Euch fängt meine ~Heimath~ an. -- Daß ihre Blätter schon anfingen, sich zu entfärben, daß der nordische Herbst aus vielen schon zum Theil entlaubten Gebüschen hervorguckte, -- das gab ihnen einen desto größern Reiz. Denn ich konnte ihren Anblick gleichsam nur genießen, indem sie ~entflohen~, -- die Zeit war kurz, -- der Winter nahte. -- Später erschienen Hagebutten (_Rosa canina_) u. s. w. Willkomm! -- _Evonymus europaeus_ trat auf, mit dessen Früchten ich als Kind die Rothkehlchen gefüttert hatte, -- Brombeeren (_Rubus_-Arten) erschienen und ich rief ihnen zu: Ihr alten Bekannten, von Herzen willkommen!
Der Leser wird vielleicht lächeln, wie diese so wenig geachteten, europäischen Sträucher mich so zu entzücken vermochten, -- und doch kann ich im Ernste versichern, daß ich nie in meinem Leben eine größere Freude empfunden habe, wie damals, als ich die stummen Gefährten meiner Jugend seit so langer Zeit zum ersten Male wiedersah.
Die Formen von Berg und Thal wurden immer sanfter, die Felder immer größer und schöner, die grünen Triften immer ausgedehnter und die Heerden zahlreicher, die auf ihnen weideten. Liebliche Dörfer mit weißen Mauern und rothen Dächern sah man in den Gründen und braune schon halb entblätterte Eichenwälder auf den Höhen. Wir näherten uns immer mehr, in der Richtung nach Nord-Ost, den so fruchtbaren, schönen Gegenden des mittlern ~Krain~, den sogenannten Julischen Alpen.
Um 3 Uhr wurde im Dorfe Prewald Halt gemacht und zu Mittag gespeist. Das Essen war gut und kräftig und hätte die Tafel mancher großen Hotels einer Hauptstadt beschämen können. Ein hoher kahler Felsberg von weißlicher Farbe steigt in der Nähe des Dorfes empor. -- Später kamen wir durch Adelsberg, befanden uns also in der Nähe der berühmten Adelsberger Höhle und des noch berühmtern Zirknitzer See's, die wir aber leider wegen Mangel an Zeit und wegen des feinen Regens, der schon seit 3 Uhr anhaltend bis spät in die Nacht herabrieselte, nicht besuchen konnten.
Wir kamen eine halbe Stunde vor Mitternacht in ~Laibach~ an. Ich verweilte in dieser Hauptstadt des nördlichen Krain bis zum 4ten November. Sie liegt zwischen den Zügen der Julischen Alpen in dem ausgedehnten flachen Thalgrunde der Sau, von schönen, grünen Wiesenflächen und fruchtbaren Feldern umgeben. Die ganze Gegend ist schön, romantisch und durch viele Naturmerkwürdigkeiten ausgezeichnet. Ich überließ mich dem Genuß, den mir der Anblick gewährte der grünen Wiesenflächen, die man nirgends zwischen den Tropen sieht, -- der Thalgründe, die sich zwischen Bergzügen dahin schlängeln, -- der Dörfchen und einzelnen Mühlen, die sie hier und da bedecken, -- der Tannen- und Fichtenwälder, womit die Höhen begränzt sind, -- der Schlösser und alten Ruinen, die von manchen dieser Höhen herabblicken, -- und der glänzenden Schneegipfel der Karnischen Alpen in der Ferne! -- Denn alles dieses, -- die ganze Natur ja, war etwas Neues, wenigstens seit lange nicht mehr Gesehenes für mich.