Rückreise von Java nach Europa mit der sogenannten englischen Überlandpost im September und October 1848

Part 12

Chapter 123,573 wordsPublic domain

Wenn man das platte Dach des Hotels betritt oder den Berg der Citadelle, den höchsten Punkt in ganz Cairo, -- oder das Minaret einer Moskee ersteigt und sich auf die Gallerie, die rund um diese Thürmchen läuft, begiebt, so kann man einen großen Theil der Stadt und von der Citadelle aus sogar ~ganz~ Cairo mit seinen Umgebungen, -- dem angränzenden Nilthale in Westen bis Norden, und der Wüste in Osten und Nord-Osten, -- überschauen. Man sieht dann über ein Chaos von niedrigen, doch meist zweistöckigen, oben platten Häusern hin, die viereckigen Kasten mit dunklen Löchern, den Fensteröffnungen, gleichen und die eine eben so schmutzig-braune Farbe haben, wie die angränzende Wüste. Viele davon sind nur aus Erde (Nilschlamm) erbaut und als einst vor 20 Jahren ein Regenschauer fiel, was hier eine große Seltenheit ist, so lief die halbe Stadt große Gefahr, in Schutt zu versinken, nämlich in Wasser aufgelöst zu werden und die Bewohner flüchteten aus ihren Häusern. Nur hier und da schimmert ein besseres, weiß angestrichenes Haus aus dem Wirrwarr der übrigen hervor oder erhebt eine aus Stein erbaute Moskee ihre Minaret's. Das größte Privathaus in der ganzen Stadt ist das Hotel (Fig. 18), in dem wir abgestiegen sind. Es liegt im nord-östlichen Theile der Stadt und hat die Aussicht über die Gartenanlagen des Platzes Esbekieh, an die es gränzt. Dies ist der öffentliche Spaziergang der Bewohner von Cairo, wo sich die Türken des Abends unter den Bäumen mit Lautenspiel und Kaffeetrinken belustigen. Man erblickt daher hier das Grün von Bäumen und Sträuchern, fühlt aber auch den Nachtheil, den die Nähe des Wassers, der gegrabenen Kanäle, welche Esbekieh umzingeln, hat, nämlich Schwärme von Mosquiten, die auch im Innern des Gasthofes nicht fehlen. In allen übrigen Theilen der Stadt ist nirgends einiges Grün zu entdecken, außer den mehr grauen als grünen Wedeln der Dattelpalmen, die hier und da sehr vereinzelt über die Mauern hervorragen. Der Anblick über das Ganze, so wie es daliegt im blendend hellen Scheine der Sonne, wenn man es von einer Anhöhe herab beschaut, ist denn auch mehr eigenthümlich als schön. -- Und wenn man sich in das Innere der Stadt begiebt und die engen Gassen durchwandert, die gewissermaßen nur Spalten zwischen den Häusermassen sind und deren Bewohner ihren Nachbarn gegenüber die Hand zureichen können, so stößt man auf den buntesten Wirrwarr, den man irgendwo erblicken kann. Man sieht die engen Kanäle (Gassen) vollgepfropft von Arabern, Türken, Griechen, Kopten, Juden, Malthesern, Franzosen, alle in ihrer Nationaltracht durch einander fluthend. -- Kaufleute mit Datteln und andern Herrlichkeiten und Dutzende berittener Esel drängen sich durch's Gewühl hindurch, das an den schmalsten Stellen oft ganz in's Stocken geräth, so daß man weder vorwärts, noch rückwärts kann, -- und wenn dann noch ein Kameel mit seiner Last ankommt, das ~auch~ hindurch will, ob es gleich den ganzen Raum der Gasse beinahe allein einnimmt, über deren Gewimmel es mit seinem riesenmäßigen Halse hoch hinwegschaut, so läuft man große Gefahr, zerquetscht oder zertreten zu werden. -- Dessenungeachtet, als ob die Gassen nicht schon an und für sich selbst eng genug wären, erblickt man überall die Kaufwaaren in Ballen, Körben, Kisten, auf Tafeln und Gestellen vor den Thüren zur Schau ausgestellt.

Ihrem Verlaufe nach bilden die Gassen das größte Labyrinth, das man sich denken kann, sie drehen sich zu hundert Malen, -- rechteckig -- in den verschiedensten Richtungen hin und her, -- bald werden sie breiter, bald wieder schmäler, -- bald machen sie endlose winklige Gänge und kommen dann wieder auf denselben Punkt zurück -- oder sie theilen sich in zwei bis drei Gassen und diese endigen sich, nachdem sie die wunderbarsten Biegungen, jederzeit in rechten Winkeln, gemacht haben, blind, so daß der Reisende, nach viertelstündigem Wandern keinen Ausweg findend, wieder zurückkehren muß, -- und daß ein Wegweiser durch die Stadt einem jeden Fremden, der nicht in der Irre herumlaufen will, unentbehrlich ist. Das schmutzigste Quartier mit den allerschmälsten, oft ganz überbauten Gassen, mit den wunderlichsten Schlupfwinkeln und schiefen Häusern, die den Einsturz drohen, ist das der Juden und aus diesen Gründen wohl besehenswerth. -- Manche Theile der Stadt, wo die Häuser theils eingefallen, theils, zum Breitermachen der Straßen, eingerissen sind, liegen ganz in Schutt. -- Etwas besser schon ist das Quartier der Kopten, noch besser das der Franken (europäischer Christen), deren größte Zahl hier in Cairo Franzosen sind. Unter diesen findet man besonders Krämer, Schenkwirthe, Halter von Billard- und Kaffeehäusern, Kleiderkünstler, Professoren der Haarschneidekunst und Buchhändler. Viele Franzosen befinden sich im Dienste des Pascha als Offiziere oder Beamte und tragen alsdann das gewöhnliche egyptisch-griechische Kostüm, dessen Kopfbedeckung eine rothe Kappe mit einer großen Troddel von blauer Seide ist.

Das Hotel d'Orient, in dem Theile des Frankenquartiers gelegen, der an den schon oben genannten Spaziergarten gränzt, ist ein geräumiges, vierflügeliges, rund um einen innern, viereckigen Hofraum laufendes Gebäude von drei Etagen, das luftige und reinliche Zimmer enthält. Auch findet man daselbst eine Anstalt, um warme und kalte Bäder zu gebrauchen, für deren jedes man drei Franken bezahlt, -- ein Lesekabinet -- einen großen Speisesaal, aber eine schlecht besetzte Tafel, auf welcher die Hauptspeisen Hühner- und Hammelfleisch, nebst in stinkendem Fett gedämpftem Reis waren. Die Kost war überhaupt sehr schmal und stand, nach meinem Geschmacke, ~unter~ der inländischen Kost der Javaner. Der Gastwirth war ein Franzose (_Coulomb, frères_). Der tägliche Preis für Kost und Wohnung betrug 10 Francs (8 Schilling oder 4 indische Rupien), für eine Fahrt mit dem Wagen, wenn diese auch noch so kurze Zeit dauerte, bezahlte man 15 Francs (12 Schilling oder 6 Rupien) und für einen Dragoman, einen Türken oder Griechen, der Französisch versteht und als Dolmetscher oder Wegweiser dient, 5 Francs (4 Schilling oder 2 Rupien) täglich. Ein Dutzend Stück Wäsche kostet 2-1/2 Francs.[41] Spottwohlfeil aber waren die ~Esel~, die denn auch zu dem gewöhnlichsten Transportmittel in der Stadt und deren Umgebung dienen und die mit eben solchen dicken, unbehülflichen Sätteln, wie zu Aden, angethan, gewöhnlich zu Dutzenden auf dem Platze vor dem Hotel bereit standen.

Die zu Cairo ansässigen, europäischen Herren, die ich kennen lernte, hatten fast alle mehr oder weniger inländische Gewohnheiten angenommen, sie saßen nicht auf Stühlen, sondern auf niedrigen, breiten Ottomanen, manche auf türkische Art mit untergeschlagenen Beinen, -- und rauchten aus langen türkischen Pfeifen, die, von einem Diener schon angesteckt und dampfend, auch uns Gästen angeboten wurden. Manche hielten auch ihren Harem und blieben Christen, wie zuvor. Bei solchen Besuchen hatte ich Gelegenheit, in Erfahrung zu bringen, daß die Wohnungen im Innern doch gewöhnlich viel besser eingerichtet, -- reinlicher, wohnlicher, zierlicher und schöner meublirt waren, als man nach ihrem äußern, kahlen und schmutzigen Ansehn hätte erwarten sollen. Die meisten und fast alle von den größern Gebäuden waren vierflügelig und umschlossen einen innern Hofraum, in dessen Mitte sich, oft von einem Paar Bäumen beschattet, ein Brunnen (Cisterne) befand. Um diesen, allen neugierigen Blicken von außen völlig unzugänglichen, Hofraum liefen, wenigstens auf der obern Etage, zierliche offene Galerien herum, in denen sich die Fenster der Zimmer öffneten, während die Außenseite der Häuser nach den Straßen zu nur aus kahlen Wänden bestand. Hier und da sah man auch Luxus, -- Fluren und Galeriesäulen waren oft von Marmor und der Boden vieler Zimmer war getäfelt.

Eine dankbare Erinnerung für zuvorkommende Gefälligkeiten, die ich genoß, knüpft sich an die Namen: ~de Champion~ (östr. Consul), ~Annibal Petracchi~, ~Leop. de Rossetti~ (Spanier), _Dr._ ~Bruner-Bey~, ein Bayer, _Dr._ ~Gaëtani-Bey~, ein Spanier, war Leibarzt von ~Mehmed Ali~ und _Dr._ ~Klot-Bey~, ein Franzose, von ~Ibrahim Pascha~.

Die hauptsächlichsten Sehenswürdigkeiten Cairo's und seiner Umgegend sind: verschiedene schöne Moskee'n, die ein jeder gute Christ besuchen darf, wenn er nur seine Schuhe im Vorportale ausziehn will, -- die sogenannten Gräber der Khalifen, -- die Gräber der Mammeluken, -- einige Wasserleitungen auf hohen Bögen, -- der Nilmesser auf der Insel (Geziret) el Rudah, Alt-Cairo gegenüber, -- die weitläufigen Gartenanlagen und der Palast von Chabra (Schubra), wo ~Ibrahim Pascha~ wohnt, am Ufer des Nil zwischen Bulak und Alt-Cairo, -- der Obelisk von Mataria (oder Matarieh), nord-ost-wärts ein Paar Stunden von der Stadt, an der Karavanenstraße nach Suez, wo die Ruinen von Heliopolis liegen, -- der sogenannte versteinerte Wald, nämlich verkieselte (dicotyledonische) Baumstämme, der Tertiärformation angehörig, in einer drei Stunden von der Stadt entfernten Gegend der Wüste. -- Ich will jedoch nur zwei Gegenstände einigermaßen näher hervorheben, die Citadelle und die Pyramiden.

Die Citadelle liegt am süd-östlichen Ende der Stadt auf einem mehre hundert Fuß hohen Felsberge, der sich auf drei Seiten isolirt aus der Fläche erhebt. Nur in Süd-Ost hängt er durch einen etwas tiefern Einschnitt mit dem letzten ziemlich schroff gesenkten Nord- oder Nord-West-Ende des Gebirges zusammen, das den Nil in seinem Laufe auf der Ostseite begleitet und das wegen der steilen, mauerartigen Senkung, die es auf der rechten Seite, nach dem Nilthale zu, bildet, von Cairo an, Tagereisen weit den Namen Dschebel Mokattam (steile Felswand) trägt. Außer den sehr alterthümlichen Festungswerken selbst, den Kasernen und einigen tiefern Brunnen, ist die neue prachtvolle, sehr hoch gewölbte Moskee sehenswerth, welche ~Mehmed Ali~ auf dem höchsten Scheitel des Bergs, im Innern der Festung, hat erbauen lassen, und außerdem die Wohnung von ~Mehmed Ali~ selbst, die sehr bescheiden ist und in keinem Verhältniß steht zu dem, wenn auch von außen nicht schönen, Palaste seines Harem's, der sich ebenfalls, nebst noch andern Wohnungen oder Palästen, in der Festung befindet. ~Ibrahim Pascha~ regierte damals schon, ~Mehmed Ali~ hatte abgedankt und galt für ~blödsinnig~. Man sah ihn in einem Zweispänner oft in der Stadt spazieren fahren und die Umstehenden höflich grüßen. Seine Diener machten keine Schwierigkeiten, mich während einer solchen Abwesenheit ihres Herrn in seinem Palaste herumzuführen, der nur ein einstöckiges, ziemlich niedriges Haus war. Selbst in sein Schlafgemach wurde ich gebracht. Die Zimmer sehen ziemlich gut aus, doch war die Pracht, die man erblickte, für einen König von Egypten -- den Nachfolger einer ~Kleopatra~ -- nicht groß. Sie waren übrigens bequem eingerichtet und auf türkische Art mit niedrigen, breiten Bänken versehen, die an den Wänden rund um das ganze Zimmer liefen. Ein Überfluß von seidenen Kissen bedeckte diese Bänke. Auch ein Billard war in einem der Zimmer vorhanden. Mehr, als die Besichtigung dieser Gebäude aber, belohnt den Reisenden die Aussicht, die er von der Citadelle, diesem höchsten Punkte der Gegend, aus gewahrt, für die Mühe der Besteigung. Wenn ich nicht irre, so ist das Telegraphenthürmchen der höchste Punkt des Festungsberges. Man sieht von dort weit über die Stadt hin, in die Wüste hinein, nach Ost und Nord-Ost, wo man mit dem Fernrohr, in der Nähe von Heliopolis, den zweiten Telegraphenthurm erblickt; im Westen liegt das Nilthal, von dem ich aber nur einen bräunlichen Wasserspiegel sah, der sich weit nach Norden in das Delta hineinzog. Es war die Zeit der Überströmung und schon in einer Entfernung von 3/4--1 engl. Meile vom westlichen Theile der Stadt fing der Wasserspiegel an, der den ganzen Raum erfüllte bis an den gegenüberliegenden Wüstenrand, worauf sich in West-Süd-West von der Citadelle, zwei schräg hinter einander stehende, spitze Hügel erhoben, die, wenn man sie einmal gesehen hat, nie wieder aus der Erinnerung verschwinden. Es waren die beiden Pyramiden von Gizeh, die ich erblickte. Bis zum Fuße des erhöhten Wüstenrandes, auf dem sie stehn, war das ganze Nilthal nur ~eine~ Wasserfläche, ein bräunlich-gelber Spiegel, auf dem eine Anzahl langer, streifenförmiger Inseln zu schwimmen schienen. Dies waren die Dörfer, -- und die vereinzelten Dattelpalmen, die sich auf diesen Landstreifen, neben oder in den Dörfern, erhoben, waren das einzige Grün, das man in der Landschaft sah, so weit das Auge reichte. Nackter, falber Sand und ein an Farbe diesem fast gleicher, gelblich-trüber Wasserspiegel war fast Alles, was ich von dem so gefeierten Egypten sah. Die ganze Landschaft war kahl und so weit das Auge reichte, jene Dattelpalmen ausgenommen, die in streifenförmigen Reihen aus dem Wasser hervorragten, ohne Grün. Aber je einförmiger der ganze Umkreis war, desto deutlicher fielen die Pyramiden in's Auge und blickten als Denkmäler, die der Vergänglichkeit trotzen, von ihrem Wüstenrande so stolz über den neun englische Meilen weiten Raum[42] herüber, daß, mit ihnen verglichen, die Inseln im Wasser und die Gebäude der Stadt in ein kleinliches Nichts versanken und man sich leicht in der Schätzung der Entfernung irrte. -- Sie sind der Gegenstand, auf dem das Auge des Fremden zuerst haftet, da man sie nicht nur überall vom Nilufer aus, sondern auch vom Dache eines jeden höhern Gebäudes in Cairo erblickt. Man hält sie anfangs für kleiner, als sie sind, weil man die Entfernung zu gering anschlägt und weil alle andern hohen Gegenstände, die zur Vergleichung dienen könnten, in der Landschaft fehlen.

Um die Kolosse in der Nähe zu betrachten, begab ich mich am 15ten October des Nachts um 3-1/2 Uhr in Begleitung eines Dragoman auf die Reise. Wir setzten uns auf unsre Esel und ritten durch die engen Straßen der Stadt, von denen nur ~eine~ belebt und mit einer Art von Kronleuchtern beleuchtet war, die von quer über die Straße ausgespannten Tauen herabhingen. Es wurde hier eine Hochzeit gefeiert, es wurde geschmaust und gespielt. Alle andern Straßen waren einsam und todtenstill. Der Mond aber schien so hell gegen die kahlen Mauern der oft klosterartigen Gebäude an, daß es auch in den schmalsten Gassen hell genug war, um ohne Straucheln fortkommen zu können.

Wir erreichten nach einem halbstündigen Ritt durch die Stadt, die in einem tiefen Schlummer lag, das Thor Bab el Seydeh, wo uns augenblicklich eine Wache entgegentrat.

Wie sich in dem Mährchen von Tausend und eine Nacht die Thore bezauberter Burgen öffnen, sobald der Glückliche, der das Geheimniß kennt, das rechte Wort ausgesprochen hat, so geschah es auch hier. Ich sprach nur leise das Wort ~Derbiel Gamiez~ (dessen Bedeutung ich gar nicht kannte), -- und die Pforte Bab el Seydeh flog knarrend in ihren Angeln vor mir auf. Die Wache trat respectvoll zur Seite und wir schritten zum Thore der Stadt hinaus. Es war nämlich das Wachtwort, das ich vom Befehlshaber der Citadelle erhalten hatte, und das ich dem commandirenden Offizier der Thorwache ganz leise in's Ohr flüstern mußte.

Wir verfolgten nun unsren Weg auf sandigem Grunde zwischen Gartenmauern und anderm Gemäuer, ritten durch den Thordurchbruch unter einer sehr hohen und schmalen Wasserleitung hin, die nur von sehr schmalen, nicht bis zum Grunde reichenden Öffnungen, wie von hohen Bogenfenstern durchbrochen war und setzten unsre Reise dann von Neuem in Winkeln hin und her, zwischen den kahlen Mauern von Gärten fort, über welche, im Mondlichte glänzend, hier und da der Wipfel einer vereinzelten Dattelpalme herüberblickte. Die Wasserleitung ist die Ruine eines sehr alten Werkes, das aber auch jetzt noch dient, um die Citadelle mit Nilwasser zu versehn und sich fast 3000 Meter weit von West nach Ost hinzieht.

Wir kamen ein Viertel vor 5 Uhr am rechten Nilufer an, im Flecken Masr el Antikah, gewöhnlich Alt-Cairo genannt, und suchten uns eine von den vielen Barken aus, die am Ufer lagen. Wir befanden uns oberhalb, südwärts, von der sogenannten Herodes-Insel, Geziret el Rudah, die mit den Gärten und Gebäuden des ~Ibrahim Pascha~ bedeckt ist und auf ihrer Südspitze den Nilmesser trägt. Hier schifften wir uns mit unsern zwei Eseln ein und kamen nach viertelstündigem Rudern über den daselbst etwa drei Viertel engl. Meilen breiten Nil im Dorf el Gizeh an, am linken Ufer, das wegen seiner höhern Lage eben so wenig, wie das rechte, in dieser Gegend überschwemmt war. Wir vertauschten die Barke nun wieder mit unsern Eseln, kamen durch ein Campement von Cavalleristen, die in niedrigen Zelten wohnten oder ganz im Freien auf dem Sande umherlagen, neben ihren Pferden, welche mit Sätteln und Allem angethan, ebenfalls in freier Luft campirten, nämlich auf türkische Art mit den Füßen angebunden waren an kurzen Pfählen, die im Sande staken. Wir ritten dann auf schmalen, oft sehr schlammigen Dämmen hin zwischen Feldern, die unter Wasser standen, bis nach 5-1/2 Uhr die mehr und mehr vom Wasser eingeengten Dämme zwangen, wieder eine Barke zu besteigen und unsre Reise bald in tiefen, schlangenförmigen Kanälen zwischen fruchtbaren Feldern von Reis und Mais, die nur zum Theil überschwemmt waren, -- bald in dem untiefen Wasser über die inundirten Felder selbst fortzusetzen. Um 6-1/2 Uhr kamen wir rudernd zwischen zwei Dörfern mit viereckigen Steinhäusern hindurch, Thormes und Saft, von deren Straßen viele ganz unter Wasser standen, eben so wie die Dattelpalmen, wovon hier ganze Wälder zu sehen waren. Ihre Stämme, die man in Beziehung zur Kleinheit des Baumes dick nennen konnte, ragten wie graue Säulen empor und waren ganz vom Wasser umfluthet. Ihre Wipfel aber, die mit goldgelben Fruchttrauben überladen waren, blickten freundlich auf den Spiegel des Wassers herab, gleichsam dankbar für den fruchtbaren Schlamm, den dieses Wasser auf dem Boden absetzt. -- An andern Stellen, wo das Wasser schon wieder abgezogen war, sah man die Stämme auf dem Schlamme selbst sich erheben, der eine ganz ebne, gelblich-braune Oberfläche bildete. Indem wir so bei nächtlicher Weile unsre Wasserfahrt fortsetzten und uns den westlichen Gegenden des Nilthales mehr und mehr näherten, wurden die überschwemmten Gegenden immer größer, flossen mehr und mehr zusammen, so daß wir bald nur einen meilenweiten ~See~ vor uns erblickten, in dem die Dörfer und die Landstreifen, auf welchen Dattelpalmen standen, nur noch isolirte Inselchen bildeten. An allen diesen über das Wasser hervorragenden Stellen war grünes Gras und das Grün der Dattelpalmen sichtbar, außerdem aber sah man ringsherum nichts, wie den Spiegel des bräunlich-gelben Wassers, das bis an den Fuß der Wüstenterrasse, weit von hier in West und Süd-West, reichte. -- Zwischen den inselförmigen Dörfern, die durch Erdwälle vor der Überströmung geschützt waren und den schmalen Landstreifen und Dämmen, die hier und da ein bis zwei Fuß hoch aus dem Wasser hervorragten, war die Strömung so stark, daß wir oft vergebens ankämpften und unsre Barke mehr als einmal Gefahr lief, umgeworfen zu werden oder zu scheitern.

In der Ferne sahen wir den breiten Bergrücken, der die Wasserfläche auf der Westseite begränzt; er erhob sich wie eine Stufe, die oben flach und ausgebreitet ist und von seinem Rande in Süd-West blickten die Pyramiden herab. Sie erschienen in ihrem nächtlichen Kleide schwärzlich-grau von Farbe, mit Ausnahme der einen Seite, die, vom Monde beschienen, hellgrau war und weit in die Ferne schimmerte.

Wir kamen näher, sie wurden größer. Als endlich die Sonne über der Wüste aufgegangen war und ihre ersten Strahlen auf die Steinkolosse warf, da fing die eine Seite derselben an, in einem gelblich-falben Lichte zu erglühen, während die andere Seite noch in tiefem schwärzlich-braunen Schatten lag, -- und diese Licht- und Schattenseiten standen so grell einander gegenüber, sie waren durch so scharfe Gränzlinien von einander getrennt und eben so grell, mit eben so scharf gezogenen Linien, von dem hellen Blau des heitren Himmels hinter ihnen abgeschnitten, daß wir anfingen, außer von der Heiterkeit des egyptischen Himmels, allmählig auch von der Größe der Pyramiden eine richtigere Vermuthung zu bekommen. -- Sie warfen zwei unabsehbar lange schwarze Schlagschatten hinter sich hinaus, zwischen denen der Sonnenschein, indem er zwischen den beiden Pyramiden hindurch auf die Wüstenplatte fiel, einen schmalen Streif bildete.

Man werfe einen Blick auf die kleine Ansicht Fig. 19, welche die Pyramiden so darstellt, wie ich sie zwischen 7 und 7-1/4 Uhr in Süd-West erblickte, ehe wir das Dorf Kafrah erreichten. Sie lagen etwa noch drei englische Meilen von uns entfernt. Ich habe mich bemüht, die scheinbaren Größenverhältnisse, das Grelle der Beleuchtung und das eigenthümliche Kolorit sowohl der Pyramiden und des Wüstenrandes, als auch des Nilwassers so getreu wie möglich nachzuahmen. Man sieht, daß mit nur geringen Nüancen fast alles falb, bräunlich-gelb ist und daß nur Dattelgrün und Himmelsbläue einige Verschiedenheit von Farbe in die Scene bringen.[43]

Der Mangel aller Verzierungen, die einfache Form der Denkmäler, so wie auch der einförmig-flache Charakter des umringenden Landes, wo man vergebens nach Gegenständen zur Vergleichung sucht, bringen in der Beurtheilung der Größenverhältnisse der Pyramiden eine ungemeine Täuschung hervor. Man hält sie für viel kleiner, als sie wirklich sind, glaubt, daß sie viel näher liegen und kann sich nur mit Mühe überreden, daß diese plumpen Körper höher, als der Dom von Antwerpen sein sollen. Sie scheinen dem Reisenden anfangs nur 70--100 Fuß hoch zu sein und es ist einige Zeit dazu nöthig, bis der Eindruck ihrer Größe seine volle Höhe erreicht hat.

Erst als wir näher kamen, als unten am Strande, am Fuße der Terrasse, worauf oben die Pyramiden standen, Menschen sichtbar wurden, -- als wir diese Menschen nebst den Kühen, die sie vor sich her trieben, nur wie kleine schwarze Punkte zu erblicken vermochten, die sich dem Strande entlang bewegten, und als auch die Dattelpalmen, obgleich sie uns doch so viel näher lagen, noch so winzig klein blieben, während man schon am Saume der Pyramiden den Treppenbau und die einzelnen Steine zu erkennen vermochte, -- da fingen sie an, uns durch ihre einfache Größe zu imponiren! -- Wie kolossal, dachten wir, müssen diese Steinwürfel sein! Und hätten wir den Dom von Antwerpen neben die Pyramiden setzen können, wie würden wir erst über die ungeheuren Massen gestaunt haben! (Höhe der Pyramiden 450 Fuß, des Doms in Antwerpen 443-1/2 und des Münsters in Straßburg 437-1/2 par. Maaß.)

Wir landeten um 7-1/2 Uhr nord-nord-ostwärts von den Pyramiden im kleinen Dorfe Kafrah, das nur aus ganz niedrigen, viereckigen Erdhäusern bestand und durch einen ebenfalls aus Erde, Nil-Schlamm, aufgeworfenen Ringwall vor der Überströmung gesichert war. Es lag also als Insel, ohne alles Grün, ohne eine einzige Palme, mitten im Wasser. Wir bewunderten die schönen blendendweißen Zähne der Männer, die sämmtlich in lange weiße Mäntel gekleidet waren und in Menge aus ihren Hütten kamen, um uns zu sehn. Sie waren höflich und brachten ihre sehr friedsame Beschäftigung mit heraus, nämlich drehende Spindeln, die von der Hand eines Jeden an langen Fäden herabhingen. Sie spannen Baumwolle und fuhren damit so fleißig fort, als wenn sie keinen Augenblick von ihrer Zeit zu verlieren hätten. Womit sich ihre Damen beschäftigten, ist mir nicht bekannt, denn diese blieben unsichtbar.