Rückreise von Java nach Europa mit der sogenannten englischen Überlandpost im September und October 1848

Part 10

Chapter 103,564 wordsPublic domain

Nur ~ein~ Gegenstand machte sich auch im Dunkel der Nacht bemerkbar und malte sich schwarz auf dem heitern Sternenhimmel ab, nämlich die Rauchsäule eines ~dampfenden~ Vulkans! -- der zu unsrer Rechten liegen blieb. Es war der schon den Alten bekannte Dschebel ~Tair~[31] (die _insula exusta_ des Periplus vom rothen Meere), aus dessen Krater der Pascha von Egypten seinen Bedarf von Schwefel holen läßt. Alle die vorigen vulkanischen Kegel, die wir im rothen Meere gesehen hatten, schienen erloschen zu sein, wenigstens ~zur Zeit~ nicht zu dampfen, obgleich die Schiffsoffiziere behaupteten, auf frühern Reisen aus einem von ~ihnen~ hervorwirbelnde Dampfsäulen bemerkt zu haben. Auf jeden Fall beweist das Vorkommen dieser Kegel, welche in Gruppen, mehr oder weniger reihenförmig dem Busen des rothen Meeres, d. i. der tiefen Erdspalte, welche von diesem ausgefüllt wird, entsteigen, den großen Antheil, den in einer neuern geologischen Zeit vulkanische Kräfte an der Bildung und Umbildung der angränzenden Länder, von Aden an über den Sinai hinaus bis zum todten Meere, genommen haben.[32]

Der Vulkan Tair, in der Nacht vom 6ten zum 7ten October, war die letzte Insel, die wir im rothen Meere sahen.

Vom Morgen des 7ten October an bis zum Abend des 10ten, also vier volle Tage lang, erblickten wir auf unsrer Fahrt durch den Golf in seiner Längenausdehnung nach Nord-Nord-West zu kein Land, keine Küste, keine Insel mehr. Wir sahen Nichts, wie einen heitern Himmel, eine spiegelglatte See und standen eine drückende Hitze aus, die nur selten durch ein schwaches Windchen etwas gemäßigt wurde. Kein Fisch, viel weniger ein Seekameel (Naqua el Bahr[33]), ließ sich sehen, um uns einige Abwechselung zu verschaffen und vergebens blickten wir während dieser langen Fahrt von der Verschanzung unsres Schiffes herab wohl zu hundert Malen nach allen Seiten hin auf's Meer, in der Hoffnung, irgendwo eine Spur von der rothen Alge zu entdecken, welcher der arabische Meerbusen wahrscheinlich seinen Namen, »~rothes Meer~«, zu verdanken hat. Doch wir sahen nur immer ~bläuliches~ Wasser.

Während dieser Golf in der Bibel nur unter dem Namen Bahr Suph (algenreiches Meer) vorkommt, so hieß er bei den Griechen und Römern bekanntlich schon seit ~Herodot's~ Zeiten _mare erythraeum_, unter welchem Namen gewöhnlich auch die Theile des indischen Meeres mit inbegriffen wurden, welche die Südküste von Arabien bespülen, ohne daß man den eigentlichen Ursprung dieser Benennung kannte. Denn erst Ehrenberg[34] beobachtete im December 1823, als er sich am Süd-West-Fuße des Sinai in der kleinen Bai von Tor befand, eine Erscheinung, die im Stande war, über jenen Namen und die Berechtigung des Meeres zum Tragen dieses Namens, ein helles Licht zu verbreiten. Er sah nämlich den Meerbusen auf beträchtliche Strecken weit ~roth~ oder röthlich gefärbt und fand durch angestellte Untersuchung, daß diese Färbung des Wassers verursacht wurde durch eine mit dem bloßen Auge kaum unterscheidbare und auf der weißen Leinwand, durch welche das Wasser geseihet wurde, nur in Gestalt des feinsten Pulvers oder der dünnsten Härchen hängenbleibenden ~Alge~, die in Millionen und abermal Millionenzahl anwesend sein mußte, da sie als ein so kleiner Körper so ausgedehnte Stellen des Meeres roth zu färben vermochte. Es war eine Oscillatorie (gegliederte Fäden, zu einzelnen Bündeln zusammengruppirt), die er deßhalb _Trichodesmium erythraeum_ nannte (a. a. O.). -- Zum zweiten Male wurde, nach der Mittheilung von M. C. ~Montagne~[35], die Erscheinung, und zwar in einem noch viel ausgezeichnetern Grade, beobachtet von M. ~Evenor Dupont~, als dieser im Juli 1843 auf einem _Landmail-steamer_ von Bab el Mandeb nach Suez reiste. Er brachte den färbenden Gegenstand, die Oscillatorie, mit, so wie sie auf einem weißen Taschentuche kleben geblieben war, nachdem er das Meerwasser hindurchgeseihet hatte, so daß sich ~Montagne~ durch Untersuchung von der Identität derselben mit _Trichodesmium erythraeum ¡Ehrenb.¡_ überzeugen konnte. Es war ebenfalls im nördlichen Theile des arabischen Meerbusens, dem Golf von Suez, wo ~Dupont~ die Erscheinung beobachtete, und hier sah er das Meer in einer räumlichen Ausdehnung, die nach seiner Berechnung 85-1/4 Lieues oder 256 engl. Meilen betrug, nämlich 32 Stunden, also mehr als einen ganzen Tag lang, während der schnell fortgesetzten Fahrt des Dampfschiffes, ~ununterbrochen rothgefärbt~. -- Wir, auf unsrer Fahrt, sahen uns vergebens nach einer ähnlichen Erscheinung um; es ist aber wahrscheinlich, daß sie seit den ältesten Zeiten ~zuweilen~ beobachtet worden ist und die Veranlassung zu dem Namen «_mare erythraeum_» (rothes Meer) gegeben hat.

* * * * *

Erst am 10ten October, um 6 Uhr des Abends, als wir bereits dem immer schmäler zulaufenden nord-westlichen Ende des rothen Meeres, der Bucht von Suez, nahe gekommen waren und der Wind etwas frischer aus Nord-West zu wehen anfing, bekamen wir, auf unsrer linken Seite, wieder Land zu Gesicht, nämlich Gebirgsketten von Oberegypten, die sich in blauer Ferne hinzogen und einen eben solchen, eingerissenen, zackig-gezähnten Kamm hatten, wie alle Bergketten, die wir vorher in Arabien gesehen hatten. Die Sonne war so eben hinter diesen Ketten untergegangen; vor den Bergen zog sich der stahlblaue, glänzende Spiegel des Meeres hin, -- dann kam, in der Aussicht, die wir hatten, aufwärts ein bräunlich-heller Dunst, welcher den Fuß und die untere Hälfte der Bergketten umnebelte, und dieser hellere Dunst ging über in ein Bergblau, das nach dem ausgezackten Saume der Ketten zu immer dunkler und deutlicher wurde. Wie mit dunkelblauer Farbe auf Goldpapier gemalt, zogen sich die Zacken und Nadeln dieses Bergkammes in einer langen Reihe am Horizonte hin. Denn hinter dem Bergsaume lag ein wunderschönes Abendroth, das von kleinen goldnen und und feuerfarbnen Wölkchen durchflammt und durchflickert war, und dieses Abendroth floß nach oben zu in den hell blauen Schmelz des reinsten Äthers über. -- Der Farbentöne in diesem Gemälde waren nur wenige, aber der Glanz und die Reinheit der Farben war prachtvoll, -- vielleicht der trocknen Luft und Landschaft eigenthümlich, -- egyptisch.

Am folgenden Morgen, 11ten October, früh befanden wir uns schon ~in~ der schmalen Bucht von Suez und erblickten Land zu beiden Seiten, nämlich links in der Morgensonne, bräunlich-gelb und hell, die Bergketten Egypten's und rechts, noch in tiefem Schatten liegend und bräunlich-dunkel, den Berg ~Sinai~ -- ~Horeb's Höhen~! Dieses Sinai-Gebirge, oder besser, diese Bergketten, wovon nur ein kleiner Theil, Sinai und Horeb, oder Dschebel Musa, d. i. Mose-Berg, genannt wird, zogen sich in mehren alternirenden Reihen unabsehbar weit hinter einander hin und hatten einen eben solchen gezähnten, zackig-zerfressenen Saum, wie alle früher von uns gesehenen. Obgleich wir keinen Küstensaum an ihrem Fuße zu erkennen vermochten, also weiter von ihnen entfernt waren, so erschienen sie doch doppelt so hoch, als die egyptischen Bergketten zu unsrer Linken in Westen, die uns näher lagen und vor denen sich ein flaches, sandiges Vorland, eine Küstenterrasse, hinzog. -- Fig. 15 stellt einen Theil der Bergketten auf der Halbinsel Sinai, in der ausgezackten Form ihres Saumes ~getreu~ nachgeahmt, dar. -- Schon seit gestern Abend war es merkbar kühler geworden und jetzt wehte aus einer Richtung, die unserm Cours direkt entgegengesetzt war, nämlich aus Nord-Nord-West, also vom mittelländischen Meere her, ein ziemlich starker Wind, der wenigstens in Vergleich mit der Backofengluth, die wir an den vorhergehenden Tagen und erst gestern noch ausgestanden hatten, ~kalt~ zu nennen war. Freudig begrüßten wir diesen kühlen, ich möchte sagen, europäischen Wind, als das Zeichen unsrer baldigen Erlösung aus dem glühenden Tropenklima und unsrer Annäherung an das Vaterland.

Um 7-1/2 Uhr befanden wir uns einem Theil der Küste, auf der Halbinsel Sinai, gegenüber, der wandartig steil emporstieg und ein sonderbares, zackig-geschupptes Ansehn hatte, so wie ich es in Fig. 12 dargestellt habe. Alle Schuppen liefen nach oben spitz zu und vereinigten sich in eine Anzahl ähnlich gestalteter, nur größerer Hauptabtheilungen oder Hauptschuppen, zwischen denen kluftförmige, tiefe Zwischenräume, zurückspringende Theile der Wand lagen, und diese Hauptabtheilungen liefen auf dem gezähnten Kamme der Wand in die höchsten Spitzen aus. Die Küstenberge der Sinai-Halbinsel aber, die später, nord-westwärts, auf diese folgten, wurden niedriger; sie gestalteten sich um 9 und 10 Uhr, wie in Fig. 13 abgebildet ist und stellten uns die eigenthümliche Configuration ~neptunischer~ Gebirge, im Gegensatz zu jenen plutonisch-vulkanischen, die man in Fig. 12 erblickt, recht anschaulich vor. Denn sie bildeten nun (Fig. 13) einen ebenen, nicht ausgezackten, nur sanft gehobenen oder gesenkten Saum; sie waren oben dunkel gefärbt, unten aber, und mehr als zur Hälfte hinan, mit Sand überschüttet, der eine helle, gelblich-bräunliche Farbe hatte, glatt von Oberfläche war und sich auch noch an den Wänden selbst, in nach oben zu schmäler werdenden Rippen, hinanzog. Offenbar bestanden diese so geformten Gebirge (Fig. 13, 14) aus ~geschichtetem~ Gestein, sie waren entweder horizontal-liegende oder nur sanft einfallende Flötzbildungen, die seewärts steil abgebrochene, jedoch nicht so hohe, bis zur halben Höhe herauf mit Sand überschüttete und von diesem Sand geglättete, Wände bildeten.

Und ~nur~ solche neptunische Berg~platten~, die sich auf den ersten Blick von jenen plutonischen Fels~kämmen~ unterschieden, sahen wir nun noch, besonders an den Küsten der östlichen Seite, der Sinai-Halbinsel, im Verlaufe des heutigen Tages, während wir nord-nord-westwärts immer tiefer hinein in den Golf von Suez dampften und während uns ein immer stärkerer Wind entgegenblies, nämlich die kühlere Luft, welche vom mittelländischen Meere zuströmte, um die luftverdünnteren Räume entlang den arabischen Küsten auszufüllen.

Die beiderseitigen Küsten traten immer näher zusammen, der Golf wurde schmäler, die Gebirge niedriger und der Sand fing immer mehr an vorzuherrschen. Die Bergplatten, die wir um 2 Uhr auf der egyptischen Seite erblickten, waren deutlich terrassirt, bestanden also aus geschichteten Massen, die sich nach dem Ufer des Meerbusens zu in mehren Absätzen herabsenkten. Auch auf der Halbinsel rechts waren die Bergmassen deutlich geschichtet und viel heller gefärbt, selbst ~weißlich~, -- jedoch wahrscheinlich nur deßhalb, weil die dunklern Abhänge der Berge auf der linken Seite schon im Schatten lagen. -- Um 4 Uhr bemerkten wir auf der linken Seite einen weiten, flachen Zwischenraum zwischen den Gebirgen, dann aber nordwärts von diesem erhob sich wieder ein höherer sargartiger Rücken. Auf der rechten (Sinai-) Seite trat nur hier und da noch eine geschichtete Gebirgsscholle, wie Fig. 14, bis zum Meere hervor und senkte sich dann schroff, mauergleich, zum Gestade herab, in allen übrigen Gegenden sah das Auge nun nichts mehr, wie Sandflächen oder niedrige, weit ausgebreitete Sandrücken, die in ihrer licht-falben Schminke, von aller Vegetation entblößt, glatt, kahl, einförmig und öde dalagen. -- Einige von den gestreiften, geschichteten Wänden der Bergplatten waren bis oben hinauf mit Sand überschüttet, andere nur bis zu drei Viertel oder, wie Fig. 14, nur bis zur Hälfte und dann waren sie durch ihre dunklere Farbe und gestreifte Beschaffenheit schon aus der Ferne von der geglätteten Oberfläche der Sandmassen zu unterscheiden.

So sahen wir fast Nichts mehr wie Sand, -- dürren Sand, der durch seine helle Farbe, da, wo ihn die Sonne beschien, die Augen blendete und die Frage hervorrief: ist ~das~ der gefeierte Anblick Arabien's? -- sieht so Egypten aus?

Um 7-1/2 Uhr des Abends (den 11ten October) wurde die Küste auf der rechten, östlichen Seite noch niedriger, flacher, -- auf der linken, egyptischen Seite aber sahen wir vor uns noch eine, nämlich die letzte, nördlichste von jenen Landplatten, die von West, oder Süd-West, her schief ansteigen, in's Meer vorspringen und sich dann, nach Osten zu steil, terrassenförmig hinabsenken.

Eine halbe Stunde später ließen wir im nördlichsten Theile der Bucht unsern Anker fallen, direkt in Süden der Landenge von Suez; wir waren aber noch drei englische Meilen vom Ufer, das die gleichnamige Stadt trägt, entfernt, weil der untiefe Korallengrund des Meeres allen größern Schiffen die weitere Annäherung verbietet.

Ich habe bis jetzt bei den verschiedenen Ländern und Gegenden, die ich auf dieser Reise Gelegenheit hatte, zu besuchen, die ~Literatur~ angegeben, so weit mir diese bekannt geworden war. -- Ich that dies zur Bequemlichkeit derjenigen Leser, welche sich über diese Länder, an denen ich gewissermaßen nur vorübergestreift bin, gründlicher zu unterrichten wünschen möchten, und brachte ihnen deßhalb die durch den Druck bekannt gemachten ~hauptsächlichsten~ Werke, die von diesen Ländern handeln, kürzlich in Erinnerung. -- Wollte ich aber eben so in Beziehung auf Arabien und Egypten handeln, so könnte ich einen halben Bogen voll schreiben, allein mit den Titeln der Werke, welche über diese viel bereisten, besser als Indien bekannten, Europa nahe liegenden Gegenden des Erdballs in englischer, französischer und deutscher Sprache erschienen sind.

Befinden wir uns doch hier auf dem klassischen Boden, den, außer noch frühern Reisenden, von 1763--1845, so viele tüchtige Forscher durchkreuzt haben, -- in einem Lande, das der Schauplatz der Untersuchungen war eines ~Niebuhr~, ~Seetzen~, ~Burckhardt~, ~Rüppell~, ~Ehrenberg und Hemprich~, ~Laborde~, ~Wellstedt~, ~Schubert~, ~Robinson~, ~Russegger~, ~Lepsius~! -- und das noch jährlich viele Reisende durchkreuzen, die zum Theil nur zu ihrem Vergnügen den Sinai ersteigen oder aus Egypten bis nach Nubien vordringen.

Ich will mich daher von Suez an auf die kurze Erzählung meiner Reise beschränken und nur die Erscheinungen, die ich selbst beobachtete, so wie sie flüchtig an mir vorüber flogen, mittheilen.

Ich setzte mich bald nach unsrer Ankunft in einen kleinen Kahn, den zwei Araber fortruderten. Das Meer war bis auf meilenweite Entfernungen vom Ufer so seicht, daß ich im Mondschein überall den weißen Korallengrund sehn und nachher selbst mit meinem Spazierstocke auf den Meeresboden aufstoßen konnte.

Wir kamen dann auch erst eine gute Stunde später an's Land, -- der Anblick aber, der sich mir daselbst, in der Nacht vom 11ten zum 12ten October, darbot, war so höchst eigenthümlich, so bizarr, die ganze Scene war so spukhaft und so voll romantischer Contraste, -- daß sie nimmer wieder aus meiner Erinnerung verschwinden wird.

Mein Kahnführer setzte mich an einem großen, zweistöckigen Gebäude ab, das noch zwei Flügel hatte und dessen Hauptfront an's Meer gränzte; hier stieg ich auf breiten Treppen hinan zu einer überdeckten Galerie und gelangte aus dieser durch einen Thoreingang in den innern, viereckigen Hofraum des ~Hotel's von Suez~, das seiner Form nach eher einem Kloster, als einem Gasthause glich. Hier war Alles voll Leben und Menschengewimmel. -- Wir waren fast anderthalbhundert Passagiere, die wir uns ~aus~schifften und aus Indien im Hotel ankamen, -- 160 andere aber, aus Europa angekommene, warteten schon im Hotel und standen reisefertig da, oder waren mit dem Einpacken ihrer Güter und dem Ordnen ihrer Koffer beschäftigt, um sich auf dem ~Bentinck~ ~ein~zuschiffen und ~nach~ Indien zu gehen. Also, außer den Dienern des Hotels, den Officianten, Gepäckbesorgern, Lastträgern, Kahnführern, wimmelten und flutheten hier mehr als 300 Reisende, deren Interessen sich regelrecht durchkreuzten, weil die eine Hälfte derselben gerade dahin wollte, wo die andere herkam, durch einander. Dazu kam noch, daß die Cholera, die in Cairo aufgehört hatte zu wüthen, hier noch täglich ihre Opfer fraß und daß ein Jeder verlangte, ~so schnell wie möglich~ von hier wegzukommen, nämlich anderthalbhundert vom Hotel auf's Schiff und anderthalbhundert, so schnell wie möglich, vom Schiffe in's Hotel und aus dem Hotel nach Cairo. Hier hatte Keiner Lust, zu bleiben, ein Jeder hatte Eile, das Wachtwort aller war nur »für sich selbst zu sorgen,« und so sah man in dem engen Raume des Hotels das Schauspiel von anderthalbhundert Doppel-Interessen, die mit einander in Conflict geriethen. So zahlreich die Zimmer des Hotels auch waren, so hatte die erste Hälfte der Reisenden, die nach Indien verlangten, doch bereits alle vorhandenen Räume in Beschlag genommen; ja, wenn noch leere Zimmer vorhanden gewesen wären, so würde es an Dienern gefehlt haben, um sie dem Reisenden anzuweisen, da das Personal dieser letztern der Dienerschaft weit überlegen war. Man mußte ~selbst~ suchen und nehmen, was man haben wollte. Wenn die Passagiere eine Räuberbande gewesen wären, so hätten sie das Hotel nebst der ganzen Stadt Suez bequem ausplündern können. Als ich in den weiten Corridoren des Gebäudes herumschritt, dessen weiße Gemäuer von dem Mondschein hell beleuchtet waren, traf ich wirklich leere Zimmer an, die von den Reisenden, die sich auf's Schiff begeben hatten, schon verlassen waren. In einigen brannten auf Waschtafeln, oft mitten zwischen Bettvorhängen, noch Kerzen, welche der vorige Bewohner in der Eile vergessen hatte, auszulöschen, und in andern lagen zwischen nur halb erloschenen, noch glimmenden Kerzen die Betten auf der Flur. -- Malerische Unordnung! -- In dem allgemeinen Gelag- oder Speisezimmer, das in der untern Etage war, konnte man Wein, Bier, Milch, Kaffee, Thee, Bouillon, Brot u. dergl. erhalten, aber hier war das Gedränge derjenigen, die anderwärts keinen Platz hatten finden können, so groß, daß sich ein Jeder selbst nehmen mußte, was er haben wollte, und daß die Kränklichen oder Müden der Passagiere froh waren, in irgend einer Ecke noch eine unbesetzte Bank oder einen Stuhl anzutreffen, um daselbst ausruhn zu können. Draußen, im Freien, war es empfindlich kalt und man hörte viele von denen mit den Zähnen klappern, die aus Indien gekommen waren.

In demselben Gebäude befand sich das Bureau der Landmail-Beamten, wo diejenigen Reisenden, die, wie ich, nicht bis England Passage genommen hatten und deßhalb nur bis Suez hatten bezahlen können, sich für 12 Pf. Sterling mit einem Passagescheine bis nach Alexandrien versehen mußten. Auch hier war das Gedränge groß und die Bänke im Vorzimmer waren mit Reisenden besetzt, die sich sitzend oder liegend einige Ruhe zu verschaffen suchten. -- In dem kahlen Sandgrunde des Hofraumes lagen Kisten und Waarenballen in wilder Unordnung umher und außerhalb des Gebäudes lagen sie nach dem Strande zu in ganzen Bergen auf einander gestapelt.

Der Transport der Reisenden durch die Wüste geschieht von hier in zweirädrigen Wagen, in deren jedem sechs Mann Platz haben. Damit sich die Zahl der Reisenden in den kleinen Stationen, die in der Wüste liegen, nicht zu sehr anhäufe, so werden jedes Mal nur vier Wagen zugleich befördert und die verschiedenen Züge oder Transporte, deren Zahl sich nach der Zahl der Reisenden regelt, folgen einander in Zwischenzeiten von 1-1/2--2 Stunden. Die, welche Passage bis England genommen haben, haben den Vorrang und von den übrigen werden Diejenigen zuerst befördert, die sich am Bureau von Suez zuerst gemeldet haben und sich zuerst in die Liste haben einschreiben lassen. Da ich zu keinen von beiden gehörte, so wurde mir mitgetheilt, daß ich unter die Zahl derjenigen Reisenden eingeschrieben sei, die mit dem Transporte um 4 Uhr von Suez abreisen würden.

Ich hätte also Zeit genug gehabt, einiger Nachtruhe zu pflegen. Da aber vor der Abreise der früher angekommenen Gäste auf's Schiff keine Zimmer mit frischen Betten zu bekommen waren, und das Ausruhn auf Bänken oder aneinander gesetzten Stühlen, dem sich manche überließen, mir nicht behagte, so zog ich es vor, dem Gewühle des Hotels zu entfliehen und ungeachtet der Kälte und der Cholera, meine Zeit auf Spaziergänge durch die Stadt zu verwenden.

So glühend die Hitze ist, welche die Sonnenstrahlen über Tag auf der Oberfläche von Sand und Fels hervorrufen, so groß ist die Abkühlung der starren Wüste des Nachts. Die Kälte war daher empfindlich und ich bedauerte, meine leichte, indische Kleidung nicht sogleich mit wärmerer, europäischer Bedeckung verwechseln zu können. Der Mond schien so hell durch die heitre Wüstenluft herab, daß auch im Schatten der Mauern alle Gegenstände deutlich sichtbar waren. Die Todtenstille, in welcher die Stadt dalag, machte einen tiefen Eindruck auf mich, der ich so eben erst das lärmerische, von Leben wimmelnde Gasthaus verlassen hatte. Ich sah auf dem Kai und in den benachbarten Straßen Hunderte von plumpen Massen liegen, die mit den Mauern der Gebäude und dem Sande, woraus der Boden bestand, so vollkommen ein und dieselbe fahlgraue Farbe hatten, daß ich sie für Felsblöcke oder große Waarensäcke hielt. Zwischen ihnen waren hier und da pyramidenförmige oder längliche Gestalten von völlig weißer Farbe sichtbar, die wie Gespenster und schweigsam wie diese, hin- und herschlichen. -- Alles war still. -- Man konnte kein Athmen, kein Geräusch hören, und erst als ich mich mitten unter jenen plumpen »Felsblöcken« oder »Säcken« befand und als lange, gebogene Körper, wie krumme Baumstämme, mir zur Seite und höher, als ich selber war, emporragten, da erkannte ich erst, daß jene schleichenden Gestalten Beduinen mit ihren weißen Mänteln waren, aus deren Kappe oben ein schwarzer Bart und zwei funkelnde Augen hervorguckten, -- und ich erschrak fast, als einer von jenen lang emporgereckten Körpern an seiner Spitze anfing, sich langsam zu bewegen und mir -- einen ~Kopf~ zudrehte, mit Augen darin und einem käuenden Gebiß -- -- --; ich schritt zwischen ~Kameelen~, dem Bilde der Geduld, dahin. Diese Thiere, Dromedare oder einbucklige Kameele,[36] lagen in der That eben so unbeweglich wie Felsblöcke im Sande hingestreckt, und der einzige Theil ihres Körpers, an dem man zuweilen eine leise Bewegung spüren konnte, war der Kopf, den sie langsam zur Seite drehten, wenn ein Araber oder ein fremder Reisender vorüberschlich. Man hätte dann diesen so unverhältnißmäßig kleinen Kopf, wenn er sich auf dem ungeheuer langen Halse nach einer Seite zu bewegte und sich ~allein~ bewegte, während kein andres Glied des Körpers Zeichen von Bewegung gab, leicht für einen ganz andern Gegenstand, für ein Thier an und für sich selbst, oder auch für eine Windfahne halten können.

Ich wandelte durch die engen Straßen zwischen den Häusern dahin, die schmutzig-grau oder bräunlich, wie der Sand des Bodens, sind, platt von oben, kahl und einförmig an ihren Wänden, die aber durch ihre kleinen, sehr vereinzelten, regellos angebrachten und dann noch gewöhnlich mit Gitterwerk geschlossenen Fensteröffnungen ein fremdes, geheimnißvolles Vorkommen erhalten. Manche Gassen sind so eng, daß nicht zwei Menschen neben einander gehen können. Die Häuser sahen aus, wie aus der Wüste herausgewachsene Erd- oder Felsstücke, von kubisch-plattgedrückter Form und ihre Vereinigung zu einem Ganzen glich einer platten Bergmasse, durch welche man schmale, sich regellos durchkreuzende Gassen hindurchgehauen hat. Alles war kahl und staubig. Nur hier und da blickte aus dem innern Hofraume, deren ein jedes größere Haus einen hat, eine Dattelpalme hervor und in dem Hintergrunde einer schmalen Gasse machte sich zuweilen die weiße, unheimliche Gestalt eines Beduinen kenntlich, die schnell hinter der Ecke verschwand. Sonst war Alles einförmig und bewegungslos. -- Nackte äußere Wände der Häuser, mit kleinen vergitterten Gucklöchern, -- viereckige innere Hofräume, nach welchen die Fensteröffnungen hingerichtet sind, -- Cisternen in diesen Höfen, -- hier und da die Minaret's einer Moskee, ähnlich den cylindrischen Schornsteinen europäischer Fabriken, -- platte Dächer -- Alkoran und -- Harem! -- das sind hier unzertrennliche Sachen.