Rückblicke

Chapter 9

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Beschränkung der Mitgliedschaft der Studentenschaften auf "völkisch"­deutsche Studenten wurde verlangt, also Ausschluß jüdischer Studenten. Die Verfassungen mußten aber von den zuständigen Länderregierungen bestätigt werden, es sollte sich ja um öffentlich anerkannte Studentenschaften handeln, denen die Selbstverwaltung staatlich geförderter Studentenhilfseinrichtungen wie Mensa, Krankenkassen usw. anvertraut werden sollte. Die Verhandlungen zwischen den stark rechtsradikal gewordenen Studentenführungen und den Regierungen, voran dem Preußischen Kultusministerium, zogen sich Jahre lang hin. Die Studentenschaft hatte für Hochschulen in Deutschland die vom Ministerium als Norm festgesetzte Mitgliedschaft aller Studenten, die deutsche Staatsbürger waren, angenommen, aber für das "Großdeutsche Prinzip", auf dem sie bestehen wollten, daß österreichische und auslandsdeutsche Studenten auch Mitglieder sein könnten, wollten sie das auf "deutsche Abstammung" beschränken unter Ausschluß von Studenten jüdischer Abstammung.

Die Führung der Deutschen Studentenschaft, fest in den Händen der rechtsgerichteten Korporationen, blieb darüber in ständigem Konflikt, besonders mit der preußischen Weimarer Koalitionsregierung, der sich rechtlich auf zwei Punkte in der Verfassung der Deutschen Studentenschaft zugespitzt hatte, erstens wenn auslandsdeutsche Studenten weiter aufgenommen werden sollten, dann ohne Arierparagraph, und zweitens, wenn die Deutsche Studentenschaft weiter mit österreichischen oder auslandsdeutschen Studentenschaften, die bei sich gar nicht staatlich anerkannt sind, "koalieren" will, dann nur solchen, die auch keinen Arierparagraphen haben.

Dieser Konflikt beschäftigte Anfang 1927 nicht nur die Hochschulen, sondern auch Parlament und Tagespresse. Es war mir somit vor Studienbeginn, in Kattowitz, schon klar, daß ich, deutsch­jüdischer Herkunft aus Polnisch­Oberschlesien, zu dem umstrittenen Personenkreis für Aufnahme in die Studentenschaft gehören würde und stellte Antrag für Aufnahme gleich bei Semesterbeginn. Mir wurde zunächst gesagt, meine Aufnahme würde den Prinzipien der Studentenschaft widersprechen, aber ich würde Bescheid bekommen.

Wenig später erhielt ich durch das Sekreteriat der Hochschule die Aufforderung, mich bei der sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Wegscheider im preußischen Landtag zu melden. Ich traf eine sehr resolute, ältere Dame, Hochschulreferentin in ihrer Fraktion; sie sagte, sie hätte über mich gehört (6), und fragte, ob ich Aufnahme in die Studentenschaft beantragt hätte, und da ich schon auf Bescheid wartete, aber eine Ablehnung in Aussicht gestellt worden war, sollte ich mich im Fall irgendwelcher Schwierigkeiten sofort bei Dr. Otto Benecke melden, dem Presseschef im Preußischen Kultusministerium. Bald darauf kam die Ablehnung und ich machte meinen ersten Besuch im preußischen Kultusministerium. Nach einiger Zeit wurde ich zur Studentenschaft gebeten. Der Schriftführer Walther Nothis, der konservativ­katholischen Verbindung CV angehörend, bestätigte meine Aufnahme, die vorherige Ablehnung wäre ein Irrtum gewesen (7).

Im politischen Verfassungskonflikt der Deutschen Studentenschaft mit dem preußischen Kultusministerium kam es aber zu keinem Kompromiß. Das im Juli 1927 gestellte Ultimatum wurde von den Studentenschaften in einer Urabstimmung im November abgelehnt und die Studentenschaft daraufhin vom Ministerium aufgelöst. Meine Mitgliedschaft währte also nicht lange.

Die an allen Hochschulen bestehenden wirtschaftlichen Einrichtungen für die Studenten, ja die eigentlichen, praktischen Seiten studentischer Selbstverwaltung, hatten ein gewisses Eigenleben, unabhängig von den rechstradikalen, politischen Aktivitäten der Deutschen Studentenschaft entwickelt. Sie sollten weiter bestehen, unabhängige neue Rechtsformen (E.V.) wurden gewählt, auf gesamtdeutscher Ebene wurden sie nun im Deutschen Studentenwerk E.V. mit Sitz in Dresden zusammengefaßt. Die Wirtschaftseinrichtungen wurden von manchen aktiven oder früheren Studentenschaftsfunktionären geführt, die sich auf diese Arbeit spezialisiert hatten, zum Teil halb­ oder sogar vollberuflich dort tätig waren. Es hatte sich also eine eigene personelle Struktur für diese Wirtschaftseinrichtungen entwickelt, deren Mitglieder stark auf die sachlichen Aufgaben konzentriert, weniger politisch engagiert und daher jetzt bei Auflösung der staatlich anerkannten Studentenschaft sehr an der Fortführung der Wirtschaftshilfe in Zusammenarbeit mit den Landesbehörden interessiert waren.

Schon im Laufe des Konflikts in Preußen hatte es außerhalb Preußens in Heidelberg 1926 einen Beschluß des Studentenschaftsparlament(Asta) gegeben, aus der Verfassung die strittigen völkischen Bestimmungen herauszunehmen und eine unparteiische, unpolitische, auf die eigentliche Selbstverwaltung ausgerichtete Studentenschaft anzustreben. Heinz Ollendorf hatte damals als Heidelberger Astamitglied von republikanischer Seite gemeinsam mit dem Sozialisten Hoeber an diesen Beschlüssen mitgewirkt und auch auf dem Studententag der Deutschen Studentenschaft in Bonn den Heidelberger Standpunkt mitvertreten(8).

Die Heidelberger Studentenschaft wurde daraufhin aus der Deutschen Studentenschaft ausgeschlossen. Die Leipziger Studentenschaft war auch nahe dran. Anschließend an ihre Heidelberger Erfolge ging nun von Ollendorf und Hoeher die Initiative aus zur Gründung einer Gegenorganisation zur Deutschen Studentenschaft, die nun in den nächsten Monaten als Deutscher Studentenverband(DStV) auch entstand.

An unserer TH waren die studentische Wirtschaftshilfe und die Studentenschaft in je einer von den Baracken auf der Rückseite der Hochschule untergebracht.Im Grunde genommen verschwand die Studentenschaft wie sie bisher politisch existiert hatte, gar nicht. An allen preußischen Hochschulen gründete die gesamtdeutsche Deutsche Studentenschaft sofort neue Organisationen; an der TH Charlottenburg nannte sie sich "Großdeutsche Studentenschaft" und fuhr weiter fort mit demselben Vorstand und Ausschüssen, Programmen und Propaganda. An der Universität Berlin zum Beispiel waren republikanische Studenten und ihre Vereinigungen zwar auch in der Minderheit, aber sie hatten bei den Astawahlen Sitze erhalten und waren so auch bei Auflösung der Studentenschaft aktiv in den Wirtschaftsorganisationen vertreten. An unserer TH waren sie nicht vertreten. Die Wirtschaftsorganisationen brauchten natürlich weiter Studentenvertreter für ihre Gremien. Die erste wichtige Aufgabe war lokal für die verschiedenen republikanischen Studentenvereine zu verhindern, daß die neue Großdeutsche Studentenschaft einfach in den Funktionen der alten aufgelösten Studentenschaft fortfahren könnte. Eine gemeinsame republikanische Gegenorganisation wurde notwendig und mit Namen "Freiheitliche Studentenschaft" gegründet. Die Wirtschaftshilfe und sogar das Rektorat konnte so gezwungen, oder sagen wir durch Hinweis auf vermutliche Ansichten des Kultusministers veranlaßt werden, Vertreter der republikanisch gesinnten Studenten auch in die Außschüsse der Wirtschaftshilfe zu berufen und die Büros in der Studentenschaftsbaracke zwischen den beiden aufzuteilen.

Diese Büros schufen natürlich eine deutliche Präsenz für die republikanische Seite, wie sie sich gar nicht an allen preußischen Hochschulen so ergab. Die Mitgliedsvereine mußten Kräfte nicht nur für die übliche Vorstandsarbeit und Vertretung in Wirtschaftshilfe und gegenüber dem Rektor bereitstellen, sondern auch für Abhaltung von Bürostunden. Bei der Gründung war der Sohn eines prominenten Professors der TH, Fritz Schlesinger vom Demokratischen Studentenbund, und ältere Semester von FWV und KC führend beteiligt, aber Schlesinger erkrankte; ich übernahm von ihm, wurde dann Vorsitzender dieser Freiheitlichen Studentenschaft der TH und blieb es mehrere Semester. Enge Mitarbeiter und Nachfolger waren Rudi Samuel vom KC und später der Sozialist Ahrens.

Bei Beginn meines 3.Semesters, Sommer 1928, erwartete mich zu meiner größten Überraschung ein noch viel weitergehendes Engagement. Nichts ahnend kam ich zu einer Mitgliederversammlung des Demokratischen Studentenbunds Berlin, und vor Beginn wurde mir mitgeteilt, daß Alfred Tismer den Vorsitz aufgeben muß, er wurde von einer bekannten Privatbank beauftragt, eine Methode für Errechnung der "Goldpunkte" auszuarbeiten, und das neben seiner Dissertation wäre dann zuviel.

Ich hatte mich häufig an Debatten beteiligt und zu den meisten politischen Themen etwas zu sagen gehabt. Die maßgebenden Mitglieder hielten mich für den geeignetsten, ja eigentlich den einzigen damals plausiblen Nachfolger. Die Plötzlichkeit erschreckte mich, ich war bereit erst einmal mich im Vorstand einzuarbeiten, aber so aus dem Stand den Vorsitz zu übernehmen war zuviel. Müllerburg, Tismer, Winners u.a. versprachen vollste Unterstützung, nun mußte man auch noch sehen, wie man die übrigen Vorstands­ und anderen Mitglieder dazu bringen konnte, aber ich wurde gewählt und trat das Amt mit einigen Zweifeln und Ängsten an, fühlte mich aber bald wie ein Fisch im Wasser.

Das rein Organisatorische war nicht der Berg, den ich mir vorgestellt hatte, das Interessante war die Programmgestaltung und Vorbereitung, die Kontakte und Repräsentanz, in Liaison mit der Demokratischen Partei, ihren Abgeordneten und anderen Politikern und den Hochschullehrern, die ihr nahestanden. Sie gehörten teilweise zu der Altherrengruppe, die der Studentenbund gebildet hatte, mit Theodor Heuss als einer der aktivsten Stützen, der Geschäftsführer war Ministerialrat Haensel im Reichsinnenministerium und regelmäßige Besuche in seinem Büro gehörten zur Routine meines neuen Amts. Dann waren noch die Jungdemokraten, deren Verband die Studentengruppen auch angehörten und schließlich Kontakt mit den gleichgesinnten Zeitungen. Das war besonders Werner Mahrholz von der Vossischen Zeitung und Rudolf Olden vom Berliner Tageblatt, die dort über Hochschulfragen schrieben und alte Beziehungen zu den Entwicklungen in der Studentenschaft hatten. Besonders Werner Mahrholz galt als so etwas wie ein Mentor der republikanischen Studenten, und der Demokratische Studentenbund war ihm dabei der nächste. Die Besuche bei beiden waren für mich besonders wichtig und anregend.

Ich war noch jung in meinem Amt, ohnehin noch nicht 20, als dann neue Reichstagswahlen am 20.Mai 1928 stattfanden. Wir Studenten mußten an den Vorbereitungen für die Partei mithelfen, Wahlversammlungen besuchen, war aber nicht sehr mein Fall, Adressenschreiben. Die Wahl wurde ein großer Erfolg für die republikanischen Parteien, und man teilte das Hochgefühl einer beginnenden politischen Sicherheit für die Weimarer Republik, das sich daraufhin verbreitete. Es bildete sich eine Reichsregierung der Großen Koalition unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller und als Außenminister dem Volksparteiler Gustav Stresemann als dem anderen Eckpfeiler. Die Demokraten waren vertreten durch ihren Parteiführer Erich Koch­Weser (Justiz) und Hermann Dietrich (Ernährung). Dies ging zusammen mit einer Zeit wirtschaftlichen Booms, die sich wiederentwickelnde und aufbauende deutsche Wirtschaft zog erhebliche Kapitalzufuhr vom Ausland an, das bessere Klima des Vertrauens schien der Sache der Republik zu Hilfe zu kommen. Bei diesen Wahlen im Mai 1928 verlor die Rechte an Stimmen und die NSDAP kam im Reichstag auf nur zwölf Mandate. Die Wahlresultate und Bildung einer scheinbar soliden Regierung der Großen Koalition stärkten auch die Stellung unserer republikanischen Studentenorganisationen im Hochschulleben. Es war eben nicht mehr nur der preußische Kultusminister, der hinter uns stand, die Mehrheit des deutschen Volkes war für die Republik und auch die beiden größeren republikfeindlichen Parteien, die Kommunisten und die Deutschnationalen, hatten im Moment wenig zu bestellen.

Ein besonderes Anliegen, das ich verspürte, war Kontakt mit dem Verein für das "Deutschtum im Ausland" (VDA), der jährliche Pfingsttagungen mit großer Beteiligung der Schul­ und studentischen Jugend abhielt. Einige meiner Kattowitzer Schul und anderen Freunde gingen dorthin. Der VDA war damals schon stark auf die Minderheitenschutzideen ausgerichtet, die mir von Hause her am Herz lagen. Der Anhängerkreis rekrutierte sich aber stark aus rechtsgerichteten Kreisen, und die unheilige Mischung aus Minderheitenschutzparolen und nationalistischem Chauvinismus war, meiner Ansicht nach, gar nicht in der Natur der Sache. Republikanisches Interesse und Beteiligung am VDA schien mir daher wünschenswert. Werner Mahrholz hatte sich auch seit vielen Jahren für Auslandsdeutschtum als eines der Themen seiner schriftstellerischen und journalistischen Tätigkeit interessiert, und mit dem Kontakt, den ich mit ihm hatte, war ich ermutigt, an der Pfingsttagung 1928 des VDA teilzunehmen. Ich meldete mich vorher bei der Studentengruppe des VdA in Berlin, die vom VdST­er Neumann geleitet wurde, erklärte, wer ich bin und daß ich teilnehmen würde.

Es war eine lange Bahnfahrt von Berlin. In meinem Abteil saßen drei VdSter, die Skat spielten, es kam kaum eine Unterhaltung auf, die Stimmung war antagonistisch. Auf einer der Haltestellen kam ein anderer Student dazu und setzte sich mir gegenüber; wir hatten eine sehr angeregte und auch recht persönliche Unterhaltung. Man konnte mit ihm sehr vernünftig über viele politische und weltanschauliche Fragen sprechen, auch wenn so viele Ansichten sehr gegensätzlich waren. Es stellte sich bald heraus, daß der mir gegenüber sitzende Zusteiger Hermann Pröbst war, Vorstandsmitglied der Deutschen Studentenschaft, ein bayrischer Katholik, seinen Namen kannte ich. Er schien ein recht gemäßigter Mann im Führungsgremium der Deutschen Studentenschaft zu sein. Abgesehen von einer wirklich interessanten und aufgeschlossenen Unterhaltung hatte sein Zusteigen mich von der Alleinreise im Abteil mit den eher provokativen Skatspielern erlöst. Ich habe nie erfahren, ob er zufällig zustieg. Erst nach beinahe zwei Jahren bin ich ihm dann wieder begegnet.

Bei der Tagung selbst war nicht nur die Landschaft am Wolfgangsee, sondern auch das Treiben der Menge, besonders der Jugend erfrischend, aber es war nicht wirklich interessant. Die Formen der Studententagung waren konventionell, ein großer Kommers als Höhepunkt. Der Klang patriotischer Lieder schwoll durch den Saal, und als nationalistische Begeisterung so besonders stark anschwoll bei dem Lied "Schleswig­Holstein meerumschlungen", da wollte ich am liebsten mich herausreißen. Das war es also "von der Etsch bis an den Belt". Gehörte das mit Dänemark auch zum Katalog der Revision des Versailler Vertrages? Plötzlich kam mir die Unterhaltung über die Kaiserpfalz von Goslar, aus der Religionsstunde in der Schule in den Sinn, und wieder kam ein Fragezeichen: was tat ich eigentlich hier?

Nach meiner Rückkehr nach Berlin besuchte ich nochmals Neumann im VDA, wie er gebeten hatte, um meinen Kommentar über die Tagung zu geben. Ich fand, Verbundenheit mit den Auslandsdeutschen darf nicht gleichbedeutend mit nationalistischen Kundgebungen sein, und die Form des Kommerses verleitet dazu. Eine zeitgemäßere Form wäre besser, zum Beispiel eine akademische Feier mit Vortrag und Musikumrahmung. Er notierte das.

Im Verlauf meines 3.Semesters waren zu meinen Pflichten im Demokratischen Studentenbund und der Freiheitlichen Studentenschaft der TH noch Mitarbeit im Deutschen Studentenverband gekommen, mit Sitz im neugebildeten Hauptausschuß. In der ersten Sitzung war ich dafür, die Gründungserklärung so zu halten, daß ein Weg offen blieb für Zusammenarbeit zwischen den studentischen Lagern in der praktischen studentischen Selbstverwaltungsarbeit. Meine Einstellung war beeinflußt davon, wie sich die Dinge da an unserer TH entwickelt hatten. Mir schien immer wesentlich, eine Brücke zu den Gemäßigten im anderen Lager aufrecht zu erhalten, als beste Chance für eine Verbreiterung und damit Festigung einer republikanischen Front. Zu dem Gremium, das da beisammen war, gehörten auch ältere, frühere republikanische Studentenführer, die im ersten Jahr des Deutschen Studentenverbands uns mit Rat und Tat halfen. Ich blieb aber ziemlich isoliert mit meiner Einstellung, und als dann während unserer Sitzung eine sehr feindselig gehaltene Erklärung der

Deutschen Studentenschaft zur Gründung unseres Verbands veröffentlicht wurde, da war jede Mäßigung vom Tisch. Einer unserer älteren Mentoren, Hans­Helmuth Preuss(9), wandte sich etwas höhnisch zu mir: "sehen sie, so lassen einen manchmal die besten Freunde im Stich".

Mein Maurerpraktikum im Norden Berlins in den Sommerferien 1928 ist mir auch für politsche Eindrücke in Erinnerung geblieben. Es war ja grade erst nach den für die Sozialdemokraten und die Republik so erfolgreichen Wahlen 1928, die Stimmung war zuversichtlich, von Nationalsozialisten war auf dem Bau noch kaum zu hören. Mein Maurerpolier hatte schon viel in der sozialdemokratischen Parteiorganisation miterlebt. Es gab mir aber einen neuen Einblick über deutsch­jüdische Beziehungen. Er machte durchaus einen Unterschied daraus, daß ich jüdisch war. Er grenzte es ganz scharf ab von nationalsozialistischer, antisemitischer Propaganda, die schon damals recht lautstark wurde, er hatte auch einen eingeheirateten jüdischen Schwager in der Familie, es war so nichts feindliches in seiner Einstellung, aber der Unterschied nicht nur klar empfunden, sondern auch sofort ausgesprochen und bei Namen genannt, da war kein Raum für die Art von Tabu, das jüdische Assmilation oft errichten zu wollen schien. Mir war das recht so. Im Grunde genommen hat es mir geholfen, spätere antisemitische Angriffe, zum Beispiel in Studentenversammlungen an der TH mit größerem Gleichmut zu ertragen.

Auch nach dem Wechsel im Studium blieb ich bei meiner politischen Aktivität. Im demokratischen Studentenbund gab es eine vielfältige Reihe von Vortragenden bei den wöchentlichen Zusammenkünften. Einmal hatten wir Theodor Heuss eingeladen, er wollte vorher mit mir seinen Vortrag besprechen. So fuhr ich zu ihm nach Steglitz, es war ein richtiges Gelehrtenzimmer, sehr gemütlich, wo man sich unterhielt, er bot mir eine riesige Brasilzigarre an, weit größer und schwerer als ich sonst damals schon rauchte, und die sich dann auch nicht gut mit der Rückfahrt vertrug.

In der Demokratischen Partei gab es deutliche Gegensätze und Spannungen zwischen linken und rechten Flügeln, das machte sich auch beim Studentenbund bemerkbar. Der demokratische Reichstagsabgeordnete Dr. Hermann Fischer, Präsident des Hansabundes, eines Verbandes mittlerer industrieller und gewerblicher Firmen (er galt als Inhaber der größten Zahl von Aufsichtsratsitzen in Deutschland), dominierte, wenn nicht die Partei, so doch den rechten Flügel; er war selbst einst Korpsstudent und zeigte großes Interesse für unseren Studentenbund, ohne viel Gegenliebe zu finden. Der Studentenbund war zwar nicht so links wie die Jungdemokraten, aber Einflüsse von Wirtschaftsverbänden waren nicht populär. Da war schon viel mehr Sympathie für Anton Erkelenz, Gewerkschaftsführer. Eine große Traditionsfigur in der Partei war Friedrich Naumann geworden, und als die ihm nächsten Nachkommen galten wohl Theodor Heuss und Gertrud Bäumer, die auch bei uns sprach.

Ich finde es schwer zu sagen, ob sie zum rechten oder linken Flügel der Partei gehörten, sie waren betont national in der Außenpolitik, wie es ja Naumann auch gewesen war, und so auch Hermann Dietrich, also eher rechts, ohne daß dies von der wirtschaftspolitischen Seite her kam. Anders wieder Oskar Meyer, von zunehmendem Einfluß (10) in Fraktion und Partei, Syndikus der Berliner Handelskammer und mit der Wirtschaft eng verbunden, aber sonst nicht rechts. Auch Dr. Ludwig Haas, als alter süddeutscher Liberaler Politiker sehr angesehener Abgeordneter (11) sprach bei uns, er war jüdisch und ein KCer.

Die Geister schieden sich damals vehement an einer gespenstischen Frage: dem Bau des Panzerkreuzers "A". Unter den Beschränkungen des Versailler Vertrages für deutsche Rüstung war der Bau von vier solchen Schiffen erlaubt. Die neue Regierung der Großen Koalition hatte von der vorherigen den Beschluß zum Bau geerbt, und als dies in den Etat aufzunehmen war, entstand starke Opposition innerhalb der sozialdemokratischen Partei und auch bei Teilen der Demokraten. Die Polemik und Presseagitation nahm Ausmaße an, die meinem Gefühl nach in keinem Verhältnis zum wirklichen Gewicht der Sache standen. Der Kampf darüber hatte eine lähmende Wirkung im Gefüge der Großen Koalition. Auch in unserem Studentenbund gab es Gegensätze darüber, wie die Demokratische Partei sich dazu stellen sollte. Ich fand, da der Versailler Vertrag das vorsah, sollte der Panzerkreuzer gebaut werden und die Demokraten mit Zentrum und Deutscher Volkspartei dafür stimmen. Es gab auch verantwortliche sozialdemokratische Politiker, die dafür stimmen wollten (12).

Im Studentenbund war ich allerdings in der Minderheit damit. Im November 1928 fuhren wir nach Frankfurt zu einer Tagung des Reichsbunds Deutscher Demokratischer Studenten, wo diese Frage auch eine gewaltige Rolle spielte und ebenso dann auf einer Sitzung des Parteiausschußes, an der ich als einer der Studentenvertreter teilnahm (13). Der demokratische Parteiausschuß war vollkommen gespalten um den Panzerkreuzer; ich erinnere mich am stärksten an das Auftreten von Dietrich dabei(14), und mir ist das alles so lebhaft in Erinnerung, weil es mich irritierte, daß ich eine so verschiedene Meinung von vielen meiner guten Freunde im Studentenbund hatte, auch wenn ich nicht ganz allein damit stand.

Aus heutiger Sicht wird dieses Argument um den Bau des Panzerkreuzers A mit den deutschen Zielen für Revision der deutschen Ostgrenzen mit Polen und diese schon damals als virulent angesehen (15). Man kann heute aus unterdessen veröffentlichen Akten herauslesen (16), daß diese Revisionsziele bei manchen deutschen Amtsstellen und Politikern immer eine Rolle spielten, aber die Spuren, die einem heute aus den Akten in die Augen springen, geben meiner Erinnerung nach nicht ein wirkliches Bild des Klimas in der Öffentlichkeit der späten 1920er Jahre.

Diese Frage der Ostgrenzen gehörte doch damals nicht zu einem politischen Aktionsprogramm, sie war ein "Vorbehalt". Deutschland war schwach, Ruhrbesetzung und Inflation gerade überstanden, das Hauptthema der Gegner der "Erfüllungspolitik" der Weimarer Parteien, auf die Stresemann und seine Partei eingeschwenkt waren, war die Last der Reparationen. Frankreich, Polen und die Kleine Entente waren militärisch unvergleichlich stärker als die Weimarer Republik. Das Argument, daß der Panzerkreuzer als eines der im Versailler Vertrag erlaubten Verteidigungsmittel dann auch gebaut werden sollte, schien plausibel.

Die deutschen Vorbehalte über die Ostgrenzen waren publizistisch hochgespielt worden, um den Locarno Westpakt der deutschen Rechten mehr schmackhaft zu machen. Die Linke ergriff Aktion gegen den Panzerkreuzer, aber nahm nicht entscheidend Stellung gegen Wünsche nach Revision der Ostgrenzen, was wirklich der Kern der Sache gewesen wäre, wenn man dem Bau dieses Panzerkreuzers einen aggressiven Anstrich beimaß. Die Frage der Ostgrenzen aber war ein heißes Eisen, sie war eher Tabu, man wollte sie nicht wirklich in den Bereich ernster öffentlicher Diskussion bringen. Nachdem Hitler 1939 die Bevölkerung über diese Frage der deutsch­polnischen Grenzen in den 2. Weltkrieg führen konnte, wird einem klar, welche fatalen Wirkungen manchmal auch solche "Vorbehalte" haben können, wenn sie zu oft und lange genug gemacht werden.

Auch in der damaligen Stimmung in Oberschlesien lag die Idee einer Rückkehr des abgetretenen Gebiets sehr fern. Die deutsche Minderheit war in einem andauernden Kampf um die Behauptung ihrer Minderheitsrechte auf Defensive ausgerichtet, und das waren die motivierenden Gesichtspunkte des täglichen Lebens.