Rückblicke

Chapter 8

Chapter 83,341 wordsPublic domain

Das war ein sehr anregender Kreis von sehr lebendigen und interessierten jungen Menschen, viele waren Juristen und Mediziner. Unter ihnen lernte ich auch gleich einige kennen, die in den Studentenvertretungen und der Hochschulpolitik als FWVer auf der republikanischen Seite aktiv und führend geworden waren, wie Heinz Ollendorf, bei dem ich dann als Neuling "Leibfuchs" wurde, Fred Rothberg und Kurt Lange. Wie andere Verbindungen hatte die FWV das Amt des "Fuchsmajor" zur Einführung der Neulinge, das war der junge Anwalt Günter Joachim, aktiver Sozialdemokrat und Reichsbannermitglied, dann bekannt geworden als Verteidiger von in Zusammenstößen mit Nazis verwickelten Republikanern.

Doch im Winter 1927/28 stand das Leben in der FWV noch nicht unter solchen Zeichen. Es war ein anregendes Medium, das auch der Stimmung und der Bewegtheit der damaligen Berliner Kulturszene der Goldenen 20er Jahre entsprach und dazu beitrug, daß man sich mit Gleichgestimmten daran soweit als möglich beteiligte und es mitgenoß. Natürlich kamen dafür auch immer wieder Anregungen von andersher, auch der großen Verwandtschaft. Im Haus Grünfeld in Dahlem sah besonders Tante Grete immer, daß man die richtigen Konzerte und Theateraufführungen mitmachte und Gemäldeausstellungen besuchte, wo man damals viele französischen Impressionisten sah, aber auch eigenen Neigungen folgen konnte.

Es gab in der Verwandtschaft auch andere Beziehungspunkte zum kulturellen Leben Berlins. Verglichen mit der Generation meines Vaters, einem von zehn Geschwistern, war die väterliche Familie in meiner Generation nicht so groß geworden. Während meiner Studentenzeit konnte ich nun mehr von den Vettern und Kusinen sehen, die in meiner frühen Jugend von Oberschlesien nach Berlin gezogen waren. Meine Kusine Guste Kaiser war Malerin, kopierte oft alte Meister im Kaiser Friedrich Museum, Margot Epstein wurde als Journalistin bekannt, so mit Besprechungen von Kinderbüchern, Ellen Epstein war konzertierende Pianistin, Schülerin von Schnabel, und Hans Hirschel hatte für seine literarische Tätigkeit eine Basis in Mitherausgabe der Zeitschrift "Das Dreieck" gefunden mit einigen anderen, schon bekannteren Literaten, arbeitete aber auch im Erzgeschäft von Rawack & Grünfeld. Mir war Das Dreieck zu "avantgard", aber die Besuche bei Hirschels waren immer anregend und herzlich, und diese drei Schwestern des Vaters in Berlin kochten exzellentes Essen.

In der mütterlichen Verwandtschaft in Berlin war vorerst ihr Bruder Walter Oettinger, nun Stadtmedizinalrat von Charlottenburg, unverheiratet. In seinem Kreis spielten Freundschaften aus dem Breslauer Akademisch­Literarischen Verein eine große Rolle (4). Dieser war auch das, was ich als "paritätische" Verbindung beschrieben habe, mit hohem Anteil getaufter Juden. Die literarische Verpflichtung war dabei ein sehr ernstes Anliegen, bei Walter Oettinger konzentrierte sie sich auf Friedrich Hebbel, er wurde ein großer Kenner und Sammler. Er war politisch konservativ, hielt den Lokalanzeiger, aber sonntags kaufte er "heimlich" das Berliner Tageblatt.

Ein Vetter meiner Mutter war Erich Oettinger, Physiker, auch aus dem Breslauer ALV, Assistent Fritz Habers an der TH Karlsruhe gewesen, nun bei der AEG, dem ich während meiner Berliner Zeit sehr nahegestanden habe. Er hatte einen weiten Kreis geistiger Interessen und dementsprechend viele interessante Freunde; leider ist er noch während meiner Studentenzeit sehr früh gestorben.

Als ich im 3.Semester mit dem Architekturstudium zusehends unzufriedener wurde, begann ich mich für Fortsetzung des Studiums an der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der TH zu interessieren, auf betriebswirtschaftliche Führung von Industriebetrieben ausgerichtet, mit technischen und wirtschaftlichen Fächern kombiniert. Für meine 2.Sommerferien fand ich eine Stelle als Praktikant bei der Firma Holzmann auf einer ihrer Wohnblockbauten in Weissensee im nordöstlichen Berlin. Ich war kein geborener Maurer, aber so zu arbeiten entsprach mir für zwei Monate durchaus, es war gut, diese Welt kennenzulernen. Ich hatte mit ihr zu Hause schon Kontakt gehabt, aber das war nun etwas anderes. Mein Maurerpolier, ein richtiger Berliner, war ein alter Sozialdemokrat, nach Arbeitsschluß kamen manche der Arbeiter noch in die Baubude, wo er residierte, und man trank Bier.

Leider machte mir meine praktische Arbeit auf dem Bau noch klarer, daß das nicht mein Beruf war. Ich habe das dann noch zu Hause besprochen, aber zur Entscheidung noch offengelassen. Ich wollte nicht endgültig einen Studiengang wählen, der zu eventueller späterer Arbeit oder Übernahme des väterlichen Geschäfts keine Beziehung mehr hatte. Ein Weg wäre Umsattlung auf Bauingeneur gewesen, aber die Verbindung von wirtschaftlicher mit technischer Grundbildung, hauptsächlich allerdings auf Maschinenbau gestützt, die in der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung geboten wurde, zog mich mehr an.

Entscheidend wurden für mich lange Unterhaltungen mit Erich Oettinger, ich fand, daß er in meinem Berliner Umkreis der Beste war, mir unabhängigen Rat zu geben und die Courage, die ich für so einen, den Erwartungen meines Vaters entgegengesetzten Entschluß brauchte. Nach unseren langen Unterhaltungen war seine Diagnose, meinen ausgesprochensten Interessen und auch anscheinender Begabung nach sollte ich eigentlich Soziologie studieren. Das war eine gerade sehr stark beachtete Wissenschaft geworden. Mein hochrangiger nationalökonomischer Kollege im Demokratischen Studentenbund, Alfred Tismer, hatte dafür nur das Wort "Schmonzologie".

Ich entschied mich für die mehr auf praktische Zwecke ausgerichtete Lösung der Wirtschaftswissenschaften an der TH Charlottenburg. Die Abteilung war nach dem Muster einer in Belgien bestehenden Industriehochschule gegründet worden. Eine ähnliche gab es in Deutschland in München aus der Vereinigung der dortigen Handelshochschule mit der Technischen Hochschule. Dort stand als Abschluß immer noch ein Diplomkaufmannsexamen. In Charlottenburg aber war es ein Diplomingeneur auch für die Wirtschaftswissenschaftliche Abteilung.

Dort konnte ich nun Nationalökonomie bei dem sehr geachteten Dr. Goetz Briefs hören, er war katholisch eingestellt, auch im Verband republikanischer Hochschullehrer tätig. Sein Assistent, der Privatdozent Fischer, war, wie sich später herausstellte, weit mehr rechts, aber diskret damit. In seinem Weltwirtschaftlichen Seminar hatte ich den Auftrag in zwei Sitzungen über die Überlebenschancen des Britischen Empires zu referieren. Er hatte mich auf die zentrifugalen Tendenzen in allen Dominien hingewiesen, und ich mußte die wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten überall studieren und aufarbeiten, so auch die Frage der Kolonien. Ich kam zu einem für England positiven Schluß, und sah dann, daß er seine Enttäuschung nur schwer verbergen konnte. Er hatte mich auf die vielen Fragezeichen überall aufmerksam gemacht (mein politischer Platz war ja allgemein bekannt an der Hochschule). Es gab sie ja auch, aber ich habe ja, jedenfalls bis zur Zeit nach dem 2.Weltkrieg, Gott sei Dank recht behalten. Gründliche Ausbildung in Betriebswirtschaft, Finanzwesen und Buchhaltung gab es bei Dr. Prion, juristische Fächer mußten meist an der Universität und Handelshochschule belegt werden. Die technischen Fächer, Maschinenbau und Allgemeine Technologie waren für mich neu, Maschinenbau und die Zeichnungen, die man da anfertigen mußte, nicht nach meiner Wahl, aber dann später belegte ich Eisenhüttenwesen als Nebenfach, und das war ein technisches Fach, das mich wirklich interessierte. Als weitere Nebenfächer an der TH belegte ich dann später noch Wirtschaftsgeographie bei Dr. Rühl, einem Freund Erich Oettingers, den ich dort kennengelernt hatte, und auch ein Semester Patentrecht bei Reinhard Jacoby, einem Vetter meiner Mutter. Das neue Studium gab mir also ein ziemlich großes Programm.

Zu den Weihnachtsferien 1928 war ich, wie immer, wieder zu Hause in Kattowitz. Die Familie, die alten Freunde, manche netten Mädchen, es gab viel Geselligkeit. Die Studenten, die in den Ferien nach Hause kamen, hatten es eingerichtet immer einen Ball zu veranstalteten, ich hatte mich an der ursprünglichen Initiative stark beteiligt. Zum Sylvesterabend in unserem Haus kamen dieses Mal neue Gäste, Frau Dr. Göppert aus Göttingen, mit Tochter Maria, die in Göttingen Physik studierte. Sie war etwas älter als ich und mir sehr sympathisch (6), war in Kattowitz geboren; unsere Eltern waren befreundet, bis ihr Vater an die Universität Göttingen ging.

Eine Folge des Sylvesterabends war, daß Maria Goeppert, Karl Heinz Lubowski und ich einen Ausflug nach Krakau machten, um ihr diese alte polnische Stadt zu zeigen, die für Kattowitz ja nun eine Art Nachbarstadt und kulturell ein großer Anziehungspunkt geworden war. Ich kannte es natürlich schon, aber dieser Ausflug verstärkte den Zauber, der von der Stadt ausging, es gab auch ein besseres Empfinden für polnische Geschichte und alte nationale Ambitionen, die sich daraus entwickeln mußten. Man hatte ja schon Unterricht in polnischer Geschichte in der Schule mitgemacht. Im Studium in Berlin war man dem etwas mehr entrückt. Karl Heinz zum Beispiel hatte sich entschlossen, in Krakau zu studieren, und er war nicht allein damit.

Das Sommersemester 1929 war für meine politische Betätigung zusammen mit Studium, besonders hektisch verlaufen. Während der Semesterferien mußte ich noch eine weitere praktische Arbeitszeit machen, die etwas mit Maschinenbau zu tun haben sollte. Erich Oettinger schlug die Lehrlings­ und Fortbildungsschule der AEG in Reinikkendorf vor und brachte mich dort unter. Ich wollte nicht wieder, wie in meiner Maurerzeit in Weissensee, täglich von meiner Bude in Charlottenburg hin­ und herfahren. Ich gab mein Zimmer auf, mietete eins in Reinickendorf, also ich lebte nun wirklich in einem unteren Mittelstands­ und Arbeiterbezirk. Die Belegschaft in Arbeit/Schule war auch ganz anders, darüber mehr später, wenn ich über die politische Entwicklung spreche.

In meine Praxiszeit 1929 fiel auch mein Geburtstag, der 21., zu dem die Eltern nach Berlin kamen, bei Onkel Max fand ein großes Geburtstagsdinner statt. Meine Schwester Lotte kam auch mit; sie wollte in Berlin an der Kunstgewerbeschule Innenarchitektur studieren, man wollte sehen, daß sie anständig untergebracht war. Wir sollten versuchen, etwas zusammen zu finden, und das gelang auch in zwei möblierten Zimmern bei Frl. Sachs in der Clausewitzstraße. Der Besuch meiner Eltern war eine große Freude, und die gemeinsame Wohnung mit Lotte wurde auch eine große Bereicherung meines Lebens in Berlin. Wir verstanden uns sehr gut, es war wie ein zu Hause und wir konnten Freunde einladen. Die jüdischen Feiertage Neujahr und Versöhnungstag verbrachte ich ja zum ersten Mal nicht zu Hause, sondern der Praxis wegen in Berlin, und zwar im overflow Gottesdienst in der Philharmonie, mein erster mit liberalem Ritus, es sagte mir sehr zu. Ich hatte ein Argument mit meinem AEG Werkmeister, der mir keinen Urlaub für Neujahr geben wollte. Ich nahm ihn mir einfach, schließlich war das doch eine von Rathenau gegründete Firma, fand ich. Erich Oettinger war über meinen Entschluß ebenso kritisch wie das AEG Management. Er meinte, ich hätte den Technischen Direktor anrufen und mich beschweren sollen, aber nicht einfach wegbleiben. Für den Versöhnungstag gab es das Problem nicht mehr, ich war da schon bei Jachmann, wo man mehr Verständnis für meine immer wieder starken religiösen Bedürfnisse um diese Jahreszeit hatte. Ich wußte allerdings damals gar nicht, daß die Jachmann Familie jüdisch war. In der Hitlerzeit wurden sie dann Pioniere in der Eisen- und Stahlindustrie im damaligen Palästina.

Meine religiöse Einstellung hatte damals schon begonnen, ganz neue Dimensionen zu entwickeln. Es war einerseits die Welt von Martin Buber und vor allem Franz Rosenzweig, der großen Eindruck auf mich machte, aber es war auch Bekanntschaft mit der sogenannten bibelkritischen Literatur, oder besser der historischen Betrachtung menschlicher religiöser Entwicklung, und eben auch der entscheidenden Beiträge, die das Volk Israel und das Judentum dazu gemacht haben. Der Mensch war also auf dauernder Suche nach Gott, und die jüdische Thora und dann die Prophetenbücher, über Jahrhunderte von Menschen geschrieben, waren das Bild der jüdischen Entwicklung, die dann eben auch zur Entstehung des Christentums führte.

Die damit ins einzelne gehende bibelkritische Literatur wurde zunächst von meist protestantischen Alttestamentlern und von Historikern getragen, aber bald kamen auch jüdische Autoren zu diesen nicht­fundamentalistischen Forschungen. In der Preußischen Staatsbibliothek, in die ich ja auch in meinem Studium und für die politische Tätigkeit zu gehen hatte, fand ich auch Zugang zu dieser religionsgeschichtlichen Literatur. Meine religiösen Gefühle aber blieben lebendig, und ich habe bis in mein Alter jährlich an den jüdischen Gottesdiensten teilgenommen, wo immer ich auch war.

Nur ein halbes Jahr später, im Frühjahr 1930, es gab schon weltwirtschaftliche Depression und zunehmende Krise der Weimarer Republik, fand ich auch bei meinen Osterferien zu Hause, daß nicht alles beim Alten blieb. Das väterliche Baugeschäft war sehr ruhig geworden, eine drastische Verkleinerung des Apparates wurde notwendig. Die Ziegelei war sehr beschäftigt gewesen, sodaß mein Vater Expansionspläne durchführte, für deren Finanzierung die Konjunktur aber nicht ausreichte. Es wurde daran gedacht, das große, gutgelegene Stadtgrundstück, auf dem wir wohnten, zu verkaufen, und ein Verkauf, mit Umzug der Eltern in eine Wohnung schien vor der Tür zu stehen.

Mit diesen möglichen Veränderungen auch vor mir, ging ich dann wieder nach Berlin zur Arbeit an meinem Vorexamen, das ich im Juni ablegen wollte. Ich bestand es dann auch und konnte mich cand.ing. nennen. Mein Vater schien besonders glücklich damit. Ich machte nur einen kurzen Besuch zu Hause, wo die große Änderung mit Umzug der Wohnung, Verkauf eines Teils der schönen Einrichtung der großen Villa usw. schon im Zuge waren.

Für August war nämlich bei mir eine Blinddarm Operation im Krankenhaus Westend in Berlin fällig, in dem mein Onkel Walter Oettinger mich dafür untergebracht hatte. Gesundheitlich war ich seit einiger Zeit angeschlagen. Allergisches Asthma und dann die Blinddarmbeschwerden hatten mich geplagt. Ich wollte die Ferien dazu benutzen, das hinter mich zu bringen.

Einige Tage nach der sonst gut verlaufenen Operation hatte ich sehr schweres Asthma, ein großer Schock, und es sollte für Jahrzehnte auf und ab ein ständiger Begleiter bleiben.

Nach der Operation durfte ich mich vor Weiterreise im Haus der Dahlemer Verwandten erholen. Ich war ja dort immer wieder zu sehr herzlich und anregend verlaufenden Besuchen aufgenommen worden. Das Büro meines Onkels Paul bei Rawack & Grünfeld war in Charlottenburg an der Hardenberg­ Ecke Schillerstraße, also direkt bei der Technischen Hochschule, und wenn ich in Dahlem wohnte, konnte ich oft mit ihm in die Stadt fahren. Neuerdings hatte er auch den Hauptsitz seiner industriellen Firma GFE von Nürnberg dorthin verlegt. Wenn ich in Dahlem wohnte oder ihn besuchte, nahm ich auch teil an dem Kommen und Gehen der vielen Besucher, die mit Onkel Pauls Ferrolegierungsindustrie zusammenhingen.

Da waren die Brüder Forchheimer, der ältere Dr. Jakob hatte als Techniker die Firma ursprünglich mitgegründet und war Partner meines Onkels, der jüngere Leo Forchheimer war Businessmanager der Firma geworden, nach Berlin gezogen, und ich sah ihn oft. Auch kam Ragnar Nilson, der Leiter der schwedischen Zweigfirma AB Ferrolegeringar, und ich lernte die Vertreter der amerikanischen Union Carbide kennen, die damals mit meinem Onkel über einen Zusammenschluß der Interessen in Europa Verhandlungen führten, die aber in der Weltwirtschaftskrise dann aufgegeben wurden. Auf den Autofahrten in die Stadt hat er auch manchmal über laufende Zeitfragen und auch wirtschaftliche und Geschäftsprobleme gesprochen.

Mein Vetter Herbert war zu Beginn seiner geschäftlichen Karriere zur Ausbildung von Rawack & Grünfeld zunächst nach Beuthen, dann von GFE zu ihren verschiedenen Werken und schließlich nach England geschickt worden. Ich sah ihn auch immer wieder mal in Dahlem, aber in den Jahren meiner engsten Verbindung mit dem Hause dort war er oft nicht da. Der jüngere Bruder Ernst stand noch vor dem Abitur.

1930 hatte meine Schwester Lotte ihr Studium gewechselt, von der Kunstgewerbeschule, für die sie sehr begabt war, zum Pestalozzi­Fröbelhaus, mit dem unsere Tante Grete so enge Beziehungen hatte und sie einführte; Lotte wohnte dann auch in Dahlem. Natürlich brachte mich das dann noch öfter dorthin. Dann war dort oft der Sohn des Heidelberger Onkels Hans Sachs, Werner Sachs, der damals am Kaiser­Wilhelm Institut in Dahlem an einer Dissertation in Chemie arbeitete. Er war auch ein Mensch mit großen allgemeinen Interessen, auch Weltanschauung, Geschichte und Politik, und es waren immer interessante Begegnungen.

Durch ihn kamen auch eine Reihe seiner Frankfurter und Heidelberger Freunde ins Haus, oft ebenfalls Professorenkinder, und da war auch Hans Bethe, Physikstudent. Aus der Familie von Werner Sachs's Mutter kamen aus Italien die Geschwister Hans und Annemarie Grelling. Hans trat in Onkel Pauls Firma ein, und nach seinem Doktorat auch Werner Sachs auf der technischen Seite. Seine Schwester Ilse, Medizinstudentin, lernte ich auch in Dahlem kennen, auch manche andere Verwandte und überhaupt viele interessante Menschen mit verschiedenstem background und Begabungen. Sehr enge Freunde waren auch die Familie Rohr, Gutsbesitzer an der polnisch­schlesischen Grenze, die ich viel in Dahlem sah.

Dieser weitere Rückblick auf die Verwandten in Dahlem bezieht sich ja nicht nur auf die Wochen der Rekonvaleszenz, die ich nach Blinddarmoperation und Asthma im August 1930 dort haben konnte. Ich konnte sie brauchen, denn für September stand mir Teilnahme an einer politischen Tagung in Genf bevor. Auf dem Heimweg von der Tagung verbrachte ich, nach einem kurzen Besuch in den Bergen, das jüdische Neujahrsfest in Luzern, ein ganz orthodoxer Gottesdienst, ganz ohne Chor, dann erste Durchreise durch Zürich, umsteigen in München und noch eine lange Bahnfahrt nach Kattowitz. Mich interessierte in München die wirtschaftswissenschaftliche Abteilung an der Technischen Hochschule, wo man mit einem Diplomkaufmannsexamen mit weniger Betonung auf die technischen Fächer abschließen konnte. Darüber wollte ich mich orientieren.

Zu Hause verbrachte ich dann wieder den Versöhnungstag und machte mich mit dem Leben in der neuen elterlichen Wohnung vertraut, Lotte war in Berlin, wohnte in Dahlem, Marianne war zu Hause. Ich ging wieder nach Berlin, das Studium nach dem erfolgreichen Vorexamen bot neue Anregung, aber mein Interesse für Nationalökonomie war eben doch so viel stärker als die technische Seite, ein Wechsel nach München versprach einen viel schnelleren Abschluß dieses Studiums. Ich hatte ja vorher Zeit verloren, und so nahm der Plan eines Wechsels nach München im Laufe des Semesters immer festere Formen an. Für meine politische Tätigkeit aber blieb dieses letzte Berliner Semester noch eine sehr an­ und aufregende Zeit.

b)... und politische Bestätigung

Das Gefüge der Weimarer Republik, so schien es einem zu Beginn meiner Studentenzeit, hatte sich befestigt nach den stürmischen und gefährlichen Jahren, die der deutschen Niederlage und dem Versailler Vertrag folgten, nach Spartakus­ und Freikorpsrebellionen, Inflation, Ruhrbesetzung und gelungener Währungsreform, es entstand auch ein besseres Klima mit den Westalliierten unter Stresemann. Zunächst hatten die Rechtsparteien an Einfluß gewonnen, Hindenburg wurde 1925 zum Reichspräsidenten gewählt (der Gegenkandidat der mittleren Linken Marx verlor die Wahl, der Kommunist Thählmann hatte als Dritter kandidiert). Aber im Mai 1926 folgte dem MitteRechtskabinett Luther ein Kabinett des Zentrumsführers Marx, an dem außer Stresemann auch die Demokraten und Sozialdemokraten beteiligt waren. Wirtschaftlich hatte ein Konjunkturaufschwung begonnen, die politische Rechte schien in die parlamentarische Demokratie eingeordnet, obgleich die Republik ungeliebt blieb, und monarchistische Gefühle in weiten Kreisen der Rechten sich zäh erhielten, nicht nur in der Reichswehr, sondern in weiten Kreisen des Beamtentums, der Industrie und auch der Studentenschaft.

Dabei spielte das "Völkische", immer in unvermeidlicher Verquickung mit Antisemitismus bei den Studentenorganisationen seit langem eine besondere Rolle. Die rechtsgerichteten studentischen Korporationen schienen einen geschlossenen Block zu bilden, der vielerorts über 50% der Studentenschaft stellte.

So erinnere ich mich an das politische Bild, als ich zu Beginn meines Studiums zum ersten Mal den Demokratischen Studentenbund Berlin besuchte. Der mich, den Neuling, gleich freundlichst empfing war Richard Winners, der mir gleich einiges über den Verein erzählte, aber wohl auch sehen wollte, wer da gekommen war. Winners, aus westfälischen Arbeiterkreisen stammend, war ein Historiker aus dem Seminar Friedrich Meineskes. Er war dann auch Herausgeber des Demokratischen Zeitungsdiensts der Partei. Vorsitzender des Demokratischen Studentenbunds war damals Wolfram Müllerburg, und weiter bleiben mir besonders in Erinnerung aus dieser ersten Zeit der Jurist Kurt Kronheim, die Nationalökonomen Alfred Tismer und Gaedecke, Martin Goetz, auch aus dem Meinecke Seminar, und von der Technischen Hochschule Fritz Schlesinger, von weiblichen Mitgliedern Else Runge und Lotte Kronheim.

Für die wöchentlichen Zusammenkünfte im Demokratischen Klub wurden oft demokratische Politiker und andere zu Vorträgen gebeten, dazwischen gab es Abende mit Referaten eines Mitglieds und Diskussion, auf die man sich vorbereiten sollte. Es war hochinteressant, anregend und eine gute Schule. Danach konnte man noch ins Restaurant des Demokratischen Klubs gehen und saß dann manchmal zu einem Bier mit dem einen oder anderen demokratischen Parlamentarier oder anderen Klubmitgliedern.

Gleich nach meinem Eintritt in den Verein nahm ich an einer Pfingstwanderung teil; wir waren nur etwa zehn bis zwölf, wanderten von Rostock nach Stralsund, unbekanntes Land, eine erfrischende Erfahrung unter Menschen, denen man Verbindung mit der Jugendbewegung und Leben in Jugendherbergen noch anmerken konnte.

Meine erste Verwicklung in den eigentlichen hochschulpolitischen Konflikt jener Tage hatte sich aber gleich bei Studiumsbeginn aus einem besonderen Zusammenhang ergeben. Die Studenten einer Hochschule waren in einer offiziell anerkannten Studentenschaft zusammengefaßt, und die aller deutschen Hochschulen in der Deutschen Studentenschaft. Diese war nach 1918 unter Führung von zurückkehrenden Frontsoldaten gegründet worden, unter ihnen auch republikanisch gesinnte, so der erste Vorsitzende Otto Benecke, ideologisch noch prominenter für lange Zeit Werner Mahrholz und z.B. auch Immanuel Birnbaum und Ludwig Merzbach. Aber die alten studentischen Korporationen gewannen bald die Oberhand und trieben ihre völkischen Ideen voran, ebenso wie neue deutsch­völkische Gruppen.