Chapter 7
Auch in PolnischOberschlesien entwickelte sich die Industrie zunächst bis 1925 ganz hoffnungsvoll. Das Baugeschäft des Vaters hatte auch aktive Zeiten. Abgesehen vom Regierungssektor hatte Kattowitz ja durch die Teilung Oberschlesiens auch als industrielles Verwaltungszentrum noch an Bedeutung gewonnen, und es war in der Nachkriegszeit ohnehin schon an Wohnungsbau einiges nachzuholen. Mein Onkel Max Grünfeld schied aus der Firma aus und ging in Ruhestand. Der große Hausbesitz in Berlin hatte in der Inflationszeit verkauft werden müssen.
Die politische Lage und Spannungen in PolnischOberschlesien aber wechselten, und das war nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich bedingt. Es gab etwas in Oberschlesien, was man als "schwebendes Volkstum" bezeichnet hat (3). Ein Teil der damaligen oberschlesischen Bevölkerung fühlte sich auch bei polnischoberschlesischer Umgangssprache politisch nicht so festgeschrieben. Die wirtschaftliche Lage konnte dadurch auch Stimmverhältnisse zwischen deutschen und polnischen Parteien leicht beeinflussen, wie sie eben beeinflußt werden, wenn Wähler wirtschaftlich unzufrieden und geneigt sind, die bestehende Regierung dafür verantwortlich zu machen.
In den ersten Wahlen zum Schlesischen Sejm hatten die polnischen Parteien gut abgeschnitten. In Kattowitz selbst blieb aber die Mehrheit deutsch. Die Regierung löste das Stadtparlament auf und die Stadt wurde für zwei Jahre kommissarisch regiert. Die wirtschaftlichen Verhältnisse hatten sich 1925 in Polen verschlechtert, der Regierung Grabski folgte zunehmendes politisches Chaos, das durch einen Staatsstreich Pilsudskis und seine Wiederkehr, nun als Diktator, beendet wurde.
In Oberschlesien hatte sich die Wirtschaftslage besonders verschlechtert, da der bei der Teilung 1922 abgeschlossene Vertrag für Einfuhr polnischoberschlesischer Kohle nach Deutschland im Juni 1925 ablief, und Deutschland sich nicht beeilte, ein neues Abkommen abzuschließen (8). Polen konnte dann neue Märkte finden, begünstigt durch den englischen Bergarbeiterstreik von 1926 vor allem in Skandinavien, aber unterdeß litt die Beschäftigung in den Kohlengruben.
Für November 1926 waren Wahlen für ein neues Kattowitzer Stadtparlament ausgeschrieben. Umliegende, viel stärker polnische Industriedörfer waren unterdeß eingemeindet worden, was eine polnische Mehrheit hätte sichern sollen. Der Eindruck verstärkte sich aber, daß die deutsche Seite doch stark an Rückhalt gewonnen hatte (4). Der Ausgang der Wahlen brachte der neuen polnischen PilsudskiRegierungspartei, der "Sanacja", gleich zwei Enttäuschungen: die Deutschen gewannen 34 der 60 Sitze, die namentlich von Korfanty und den polnischen Sozialisten vertretene polnische Opposition erhielten 14, die Sanacja nur 5 Sitze.
Da der älteste gewählte Stadtverordnete, der deutsche Katholikenführer Senator Thomas Szczeponik kurz vorher gestorben war, mußte mein Vater, der auch wieder auf der deutschen Liste kandidiert hatte, die erste Sitzung als Alterspräsident eröffnen, und das war eine Amtshandlung, in Polnisch, das er wirklich gar nicht sprach. Ich half mit meinen Schulkenntnissen bei der Übersetzung und schrieb dann den Text für ihn phonetisch auf. Es war nicht erfolgreich. Nach Vaters Rede verlangte der besonders kämpferische Führer der polnischen Sozialisten, Biniszkiewicz, daß die Rede nun ins Polnische übersetzt werde, sie sei in einer ihm unbekannten Sprache, vielleicht auf Chinesisch gehalten worden. Die Sitzung verlief auch sonst sehr stürmisch, da die Deutschen als stärkste Fraktion darauf bestanden, einen Deutschen, den katholischen Gewerkschaftssekretär Jankowski, der gut Polnisch sprach, als Stadtverordnetenvorsteher zu wählen, und die Polen daraufhin die Versammlung verließen.
Die "Kattowitzer Zeitung" aber bestätigt in ihrem Bericht (5), daß "bei der deprimierenden Atmosphäre des 1.Teils der Sitzung" die polnischen Herren Widuch und Rechtsanwalt v.Kobylinski meinem Vater (bei seinen weiteren Amtshandlungen als Alterspräsident) mit ihren polnischen Übersetzungen taktvoll und hilfsbereit zur Seite standen. Mein Vater war dann bis 1930 Vorsitzender der deutschen Fraktion im Stadtparlament und blieb Stadtverordneter, bis er 1933 zurücktrat.
Nachdem er 1922 an der Gründung des Deutschen Volksbunds mitgewirkt hatte, gehörte er auch dem Verwaltungsrat an und wurde später einer der beiden Vizepräsidenten, bis zu seinem Rücktritt 1933. Bis dahin nahm er an vielen Sitzungen und Besprechungen teil, aber die Mitglieder des Verwaltungsrats traten in der Öffentlichkeit kaum auf. Es kamen aber im Zusammenhang damit manche interessante Besucher ins Haus, so Herbert Weichmann, der zu Beginn seiner Karriere Chefredakteur der "Kattowitzer Zeitung" war.
Eine besondere Aufgabe des Vaters, an die ich mich erinnere, hing mit dem Prozeß zusammen, den die Regierung gegen verschiedene Beamte des Deutschen Volksbunds einleitete. Die polnische Politik gegenüber der deutschen Minderheit hatte sich seit 1926 sehr verschärft. Das wird erklärt mit der Weigerung der deutschen Regierung, den Locarnovertrag von 1925 auch durch eine entsprechende Regelung im Osten zu ergänzen, was in Polen unvermeidlich verstärkte Furcht, Wachsamkeit und Abwehrstimmung gegen deutschen Revisionismus hervorrufen mußte (6).
Der neue schlesische Wojewode Grazynski war 1926 eingesetzt worden, um der deutschen Minderheit ganz entscheidend Schach zu bieten, aber auch, um die Stellung der Sanacja gegenüber dem nationaldemokratischen Korfanty zu stärken. Die von der polnischen Polizei vorbereitete Anklage gegen Ulitz stand auf schwachen Füßen, nämlich Dokumenten, die dem Verdacht der Fälschung ausgesetzt waren. Der Schlesische Sejm unter dem alten polnischen Vorkämpfer, Rechtsanwalt Wolny, einem KorfantyAnhänger, lehnte eine Aufhebung der Immunität des Abgeordneten Ulitz ab, aber der Leiter des Deutschen Schulvereins Dudek kam vor Gericht. Für seine Verteidigung war aus Warschau ein Führer der polnischen Sozialisten, Dr. Hermann Liebermann, gewonnen worden, und mit den Abmachungen dafür hatte mein Vater zu tun.
Dr. Liebermann wohnte auch bei uns, und das war auch wieder ein interessantes Erlebnis für mich. Er war schon als Anwalt und politisch im österreichischen Galizien aktiv gewesen. Als später Pilsudski scharf gegen seine Opposition in Polen vorging, wurde er auch in das Internierungslager Bereza Kartuska gesperrt, wo auch Korfanty hinkam. Dr. Liebermann war während des 2.Weltkriegs dann Mitglied der polnischen Exilsregierung in London (7).
Zur Zeit der Prozesse, bei denen er mitwirkte, war die Haltung des Deutschen Volksbunds sehr klar, daß er sich ganz als Minderheitenvertretung fühlte und auftrat. Dr. Liebermann gehörte eben zu denen, die im eigenen Lager gegen polnische Verletzungen der Minderheitenverträge waren (8).
Es gab damals schon in Deutschland auch außerhalb der Rechtsradikalen unterschwellige revisionistische Gedanken, die solches Verständnis der Deutschen in Polen als Minderheit zu unterlaufen drohten. Die aggressive Politik der polnischen Regierung nach 1926 gegen die deutsche Minderheit spielte solchen Tendenzen in Deutschland in die Hände, wie man so oft findet, daß die Radikalsten auf beiden Seiten sich unwissentlich/wissentlich Bälle zuwerfen.
Nun will ich meinen Rückblick auf die Jugendjahre in Kattowitz noch mit ganz persönlichen Erinnerungen abschließen. So zum Beispiel, daß da auch lauter Mädchen heranwuchsen, es Tanzstunde und viele Parties gab, Verliebtheiten und Spaziergänge. Es wurde so absorbierend, daß der Lesezirkel und Gedanken der Jugendbewegung zurücktraten und sich die Schwergewichte im Kreis der Freunde auch änderten. Man fing an, auch mit Vergnügen zu Bierabenden in Kneipen zu gehen.
Viele aus diesem Kreis wurden später Korporationsstudenten. Ein guter Freund wurde Hans Kuhnert. Ein anderer neuer Freund aus den späten Schuljahren war Hans Werner Niemann. Er kam wie aus einer anderen Welt, war eine Klasse jünger, voll aggressivem, aufgeschlossenem Enthusiasmus in weltanschaulichen und literarischen Dingen, provozierte lebhafte Meinungsverschiedenheiten, so über meine damalige Heinebegeisterung, und war eher "jungkonservativ"
eingestellt. Sein Stiefvater war Direktor der Kohlengrube Murcki, wir waren oft dort, das einzige Mal, daß ich eine Kohlengrube untergrund besuchte.
Ein paralleles Erlebnis war mein Besuch in einer der großen oberschlesischen Eisenhütten und Stahlwerke, der Julienhütte in Bobrek, die im deutsch gebliebenen Teil Oberschlesiens lag. Diese erste Bekanntschaft mit dem Hüttenwesen interessierte mich sehr, die Umformung des Metalls von Erz über Roheisen zum Stahl, und was man das "bulk handling" der Materialien nennt.
Ein Onkel, A. Tramer war der kaufmännische Direktor der Hütte, seine Frau Flora war Vaters Cousine, eines von den in meiner Jugend noch lebenden acht Kindern des Jakob Grünfeld und der Maria geb. Sachs in Zalenze (9). Mit den noch in Oberschlesien lebenden gab es immer Kontakt. Der jüngste Sohn Paul mit Frau Mimi aus Göttingen war gut situierter Eisen und Stahlkaufmann in Beuthen. Sie waren sehr lebenslustige Leute mit viel Stil. Er war Mitglied der Schlaraffia, die beiden waren gar nicht onkel- und tantenhaft mit uns und sie wurden gute Freunde.
Häufige Ausflüge "über die Grenze" nach Beuthen wurden für uns ohnehin ein wesentlicher Bestandteil der zwanziger Jahre. Dort war der jüngere Bruder des Vaters, der Orthopäde Ernst, mit seiner netten, manchmal etwas rauhen Art und sein orthopädischer Turnsaal, und dann eben das soviel jüngere Ehepaar Paul Grünfeld. Aber es waren gar nicht nur solche Familienverbindungen, man fuhr eben oft nach Beuthen. Paul war ein eifriger Reiter in dem neuen Reitklub, der in Beuthen entstand. Mit einigen Freunden fuhren Lotte und ich auch dorthin zum Reiten. Mir gefiel diese Sportart, aber sehr gut war ich nicht, während Lotte bald Preise im Springen sammelte.
Für die Geselligkeit im Hause der Eltern waren ein jährlicher Höhepunkt die Sylvesterabende, immer in recht großem Kreis, vor allem nachdem die Einquartierung endlich beendet und die zwei weiteren Wohnzimmer auch frei waren. Mit die ältesten Gäste waren Dr. Speiers, und sie blieben dann auch die letzten in den späten 30er Jahren vor Ausbruch des Krieges. Sie waren in den 20er Jahren sehr befreundet mit dem Ehepaar Lukaschek, und so kam es, daß die Dr. Lukascheks auch für einige Jahre, bis er sein Amt als deutscher Vertreter in der unter dem Genfer Abkommen mit Sitz in Kattowitz waltenden Gemischten Kommission aufgab, an unseren Sylvesterabenden teilnahmen, und mit ihnen später auch Freiherr v. Grünau mit Familie, der einige Jahre deutscher Generalkonsul in Kattowitz war. Manche unserer jungen Freunde kamen noch nach Mitternacht und es wurde getanzt.
Der jüdische Religionsunterricht und die Gottesdienste waren für mich immer von ergreifendem Interesse geblieben. Als Rabbiner und Religionslehrer hatten wir in den frühen zwanziger Jahren den älteren Dr. Lewin aus Breslau, der mit dem dortigen Rabbinerseminar eng verbunden war. Wir waren schon etwas aufsässiger gewordene Gymnasiasten, und er hatte eine schwere Zeit mit uns; es waren nicht nur theologische Zweifel, mit denen wir ihn ärgerten.
Wir waren bei jüdischer Geschichte. Wie können wir, so fragte man ihn, an den Entwicklungen der deutschen Geschichte ebensolchen Anteil nehmen wie andere Deutsche? Natürlich, sagte er, wenn ich vor der alten Kaiserpfalz in Goslar stehe, da bin ich genauso beeindruckt und bewegt wie alle Deutschen. Das sagte er.
Es blieben Zweifel. Heute würde ich sagen: Vorfahren von heutigen Juden lebten auch dort zu dieser Zeit, sie hatten Teil an der Entwicklung der abendländischen Welt in Europa, und haben eine Beziehung zu diesen historischen Stätten, und eine besondere zu denen der abendländischen Nationalität, der sie sich selbst zugehörig fühlen. Wenn man genau hinsieht, ist das ein Teil auch des jüdischen Geschichtsbewußtseins.
Dr. Lewin ging bald nach Breslau zurück. Der Übergang an Polen machte sich später bemerkbar. Unter seinen Nachfolgern kam aus ganz anderer Welt der junge Dr. Jechezkiel Lewin aus Galizien. Sein Vater war Präsident der ganz orthodoxen Agudath Israel, er selbst wurde später in Palästina und Israel einer ihrer Führer. Er war sehr gebildet und intelligent, und trotz abweichender Meinungen und unserem background waren es sehr interessante Stunden. Er blieb nicht lange in Kattowitz.
Im Sommer 1926 bestand ich mein Abitur. Mit seinem Herannahen schon war meine Berufswahl dringend geworden. Ich war seit langem zwischen zwei Polen hin und hergerissen. Natürlich hatte mein Vater immer gewollt, daß ich, als dritte Generation, in das Baugeschäft eintreten und dafür Architektur studieren würde. Es war ein schöner Gedanke und ich versuchte immer, mich darauf einzustellen und vorzubereiten. Dahin gehörten die ja von früher Jugend her gewohnten Rundgänge durch Vaters Neubauten und Ziegelei, schließlich auch einfache Lehrbücher über Architektur, Fassaden und Grundrißlösungen, und Zeichen und Malstunden bei der Künstlerin Trude Willner, deren freundschaftliche Bekanntschaft auch später eine große Bereicherung war. Meine wirklichen Neigungen aber gingen eigentlich in andere Richtungen, ich wollte Jura studieren. Es gab sehr ernste Gespräche. Meine Mutter überraschte mich, sie fand, wenn ich nicht Architektur studieren will und mich auch nicht für sehr begabt für das Baufach halte, dann sollte ich doch meinen größten Interessen und anscheinender Begabung nach Geschichte studieren.
Wahrscheinlich hatte sie recht. Ihr Bruder Walter und meines Vaters Vetter Hans Sachs, deren Vornamen mir gegeben worden waren, hatten sich beide in ihrem Fach Lorbeeren als Wissenschaftler erworben, und das war auch meiner Mutter Ehrgeiz für mich. Wenn nicht das, dann fand sie, Vaters Weg als erfolgreicher Baumeister wäre doch auch vielversprechend. Im letzten Schuljahr bekam ich einige Bücher über Nationalökonomie in die Hand und fand dies das Interessanteste und Zeitgemäße.
Zunächst war ich aber bereit, bei meinem Vater im Geschäft bis April 1927 zu praktizieren, vorher hatte ich keine Zulassung zu Hochschulen in Deutschland. So machte ich noch einen Winter "Saison" in Kattowitz mit, lernte die väterlichen Betriebe besser, auch mit Handangreifen kennen.
Ende 1926 starb mein Onkel Ernst Grünfeld in Beuthen; zur Beerdigung kam auch Felix Benjamin, der Chef der Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld aus Berlin. Er fragte nach meinen Berufsplänen, hielt aber gar nichts von einem Nationalökonomie Studium. Natürlich, wenn ich dem Vater zuliebe Architektur studieren will, könnte er nichts sagen, aber er lud mich ein, für einige Wochen nach Berlin zu kommen, und das tat ich auch.
Die Benjamins wohnten in einem hochherrschaftlichen Haus am Dianasee in Grunewald. Von meinen vier Cousinen waren drei im Hause (10), ich lernte etwas vom Großstadtleben Berlins kennen. Bei einem früheren Besuch waren wir drei Kinder 1922 in Berlin für einige Wochen im Haus in Dahlem von Onkel Paul und Tante Grete Grünfeld mit Vettern Herbert und Ernst eingeladen gewesen. Das war ein ganz anderer Stil, mit viel Betonung auf die Reitpferde und die große Gartenliebe, aber auch viel Anregung für Kunst und Musik. Jetzt bei Benjamins fehlte die Tante Ida, sie litt an Depressionen.
Natürlich hörte ich viel über Rawack & Grünfeld, besuchte das Büro, mein Onkel Felix Benjamin hatte abends weiter viele Telefongespräche und im Hintergrund war die Frage, wenn ich schon nicht besondere Lust oder Eignung fürs Baufach verspürte, warum soll ich nicht bei meinem Onkel bei Rawack & Grünfeld ins Erzgeschäft eintreten, anstatt zu studieren? Ich fuhr wie vorgesehen zurück nach Kattowitz; dort fiel der Entscheid für des Vaters Wünsche, und ich bereitete mich vor, zum Semesterbeginn im April 1927 auf der Technischen Hochschule Charlottenburg Architektur zu studieren, wo mein Onkel Max Grünfeld mit dem ihm befreundeten Architekturkollegen Dr. Weiss, der auch Kattowitz kannte, alles Nötige für meine Aufnahme und Förderung meines Studiums einleitete.
Kapitel 5
Als Student in der Weimarer Republik
A) Berlin
a) Leben und Studium
Als ich April 1927 in Berlin ankam, konnte ich zuerst bei Onkel Paul und Tante Grete Grünfeld in Dahlem wohnen, bis ich im Hansaviertel ein möbliertes Zimmer, eine "Bude" gemietet hatte. In späteren Semestern fand ich dann welche in Charlottenburg. Das Haus in Dahlem blieb mir während der ganzen Studentenzeit ein wohltuendes Refugium und Quelle vieler Anregungen auch für alle die großen Attraktionen des kulturellen Lebens im damaligen Berlin, und es waren auch immer viele junge Menschen im Haus, denen mit lebendigem Interesse begegnet wurde. Die Familie dieser Dahlemer Verwandten waren sehr kritisch, aber auch sehr begeisterungsfähig.
Für mein Architekturstudium sollte ich mich in engem Kontakt mit dem Onkel Max halten. Neben der Einführung in das Bauwesen bei Dr. Weiss hatte ich Mathematik, Physik und Statik zu belegen, dazu kam noch "Freihandzeichnen". Grade das war ein früher Kampf, und meine Unbegabtheit bald eine Warnung, daß ich es mit dem Architekturstudium schwer haben würde. Ich kämpfte drei Semester mit diesem Problem, und je näher man dem eigentlichen architektonischen Schaffen im Studium kam, desto stärker wurde die Überzeugung, daß ich aussteigen müßte. Dabei kann ich nicht sagen, daß ich nicht vieles an diesem Studium gern hatte, aber es war eine unglückliche Liebe.
Im Gegensatz zu meinem Onkel, der an alten Stilen hing und ein großer Kenner der alten preußischen Schlösser war, zog es mich zur modernen Architektur, und für die Sommerferien plante ich eine Reise zur Bauaustellung in Stuttgart. Vorher traf ich mich mit KarlHeinz Lubowski und Freunden in Bayern für eine Wanderung über das "Steinerne Meer" nach Zell a. See und Fahrt nach Innsbruck. Schon in der Schulzeit waren wir in Bayern, München, Tegernsee und Mittenwald gewesen. Nun lernte ich noch mehr von Süddeutschland kennen, ich ging von Stuttgart nach Heidelberg, einer Einladung meines Onkels Hans Sachs und Frau Lotte folgend, die ich in Dahlem getroffen hatte. Grete Hirschel studierte dort Romanistik und zeigte mir etwas vom Leben in Heidelberg. Für den Rest der Ferien ging ich nach Hause und arbeitete praktisch als Zimmermann auf einem Bau des Vaters.
Schon vor Beginn des Studiums hatte ich zu Hause im "Berliner Tageblatt" bemerkt, daß es in Berlin einen Demokratischen Studentenbund gab, und bei Beginn des 1.Semesters bald sein Anschlagbrett im Lichthof der TH entdeckt. Ich besuchte gleich ihre nächste Veranstaltung im Demokratischen Klub in der Victoriastraße, wo sie tagten. Bei ihnen habe ich mich dann, bis ich 1931 von Berlin fortging, sehr zu Hause gefühlt. Rückblickend auf mein 1.Semester wurde diese beginnende Teilnahme am politischen Leben in der Studentenschaft in diesen schwierigen, aber noch hoffnungsvollen Jahren der Weimarer Republik eine markante Entwicklung für mein Leben, über die ich zusammenhängend berichten will.
Im 2.Semester trat ich auch der "Freien Wissenschaftlichen Vereinigung " (FWV) bei. Etwas anders als in der mehr versachlichten und stets politisch orientierten Atmosphäre des Demokratischen Studentenbunds war die FWV eine Studentenverbindung, eben eine "Fraternity", mit Betonung auf die persönlichen Beziehungen der Bundesbrüder und ihre kulturellen Interessen als das Verbindende, obgleich von ihrem Ursprung in den 1880er Jahren her da auch eine entscheidende politische Note gewesen war. Die Formen entstammten den alten an deutschen Universitäten gewohnten. Ein kurzer Blick auf einige StudentenVerbindungen ist da angebracht.
Wie schon erwähnt, waren ja deutsche Studentenkorporationen im frühen 19. Jahrhundert sehr freiheitlich aufgetreten, auch wieder in der 1848er Zeit. Die Burschenschaften hatten die schwarzrotgoldenen Farben als Symbol der Freiheitlichkeit und für deutsche Einigung gewählt, aber das völkische Prinzip der Nichtaufnahme von Juden als Mitgliedern hatte sich immer wieder erhoben und verschiedentlich durchgesetzt. Für Fraternities hat es ja solche Exklusivität, ebenso wie in vielen Klubs, immer gegeben, und keineswegs nur in Deutschland, aber die politische Zielsetzung und Virulenz des "völkischen Prinzips" wurde für die deutsche und vielleicht noch mehr für die österreichische Studentenschaft charakteristisch. Trotzdem hatten während des 19. Jahrhunderts die Burschenschaften in verschiedenen Zeiträumen immer wieder jüdische Mitglieder, unter ihnen auch manche später prominent gewordene aus den Kreisen stark assimilierter oder getaufter Juden (1).
Manche Korporationen hielten liberale Haltung und Satzungen aufrecht, einige schlossen sich zu dem kleinen Burschenschaftskonvent (BC) zusammen, andere blieben unabhängig. So entstanden sogenannte "paritätische" Verbindungen, was schon anzeigt, daß der Anteil der jüdischen Mitglieder unverhältnismäßig zunahm und bald ganz stark überwog. Diese Verbindungen hielten nur unterschiedlich an alten Gebräuchen der "Couleur" Studenten fest, wie Farben, Mützen und obligatorisch Fechten. Andere jüdische Studenten hatten dagegen Korporationen gebildet, die rein jüdische Verbindungen sein wollten, aus Überzeugung oder jedenfalls als die ihrer Ansicht nach richtige Antwort auf die Exklusivität und deutschvölkische Richtung der Überzahl der deutschen Korporationen.
Der KC stand dem CV (Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens) nahe, aber es gab auch den KIV als zionistische Verbindung. Weder ein Beitritt zu einer paritätischen Burschenschaft noch zum jüdischen KC oder gar den Zionisten hatte mich interessiert, aber die Freie Wissenschaftliche Vereinigung entsprach durchaus meinen Ansichten und Neigungen. Sie war 1886 gegründet worden, nachdem von Berlin durch die Tätigkeit des Predigers Stöcker ausgehend eine neue antisemitische und deutschnationale Welle zur Gründung des Vereins Deutscher Studenten (VDSt) geführt hatte. Das war eine neue Art von Verbindung in Deutschland, mit weniger Betonung auf Farben und Fechten, dafür aber mit ausgesprochener politischer Zielsetzung scharf rechts.
Als Opposition gegen diese gründeten prominente Liberale die FWV, führend der Arzt Virchow und der Historiker Mommsen. Der lebendige Kontakt mit liberaler politischer Tradition und dem Kulturleben blieb das Zeichen dieser Verbindung, die auf ihren Ursprung und ihre Vergangenheit stolz war. Im Laufe der Zeit wurde sie aber auch eine der "paritätischen" Verbindungen mit überwiegend jüdischer oder jüdischstämmiger Mitgliedschaft (2). Dies war keineswegs so bei den verschiedenen politischen Studentengruppen, wie der Demokratischen oder der Sozialistischen Studentenschaft, die ja den Großteil der außerhalb der rechtsgerichteten Deutschen Studentenschaft organisierten republikanischen Studenten stellten (3).
Die FWV hatte an der Technischen Hochschule eine eigene Verbindung, die Mitglieder fand ich sympathisch, aber noch entscheidender für meinen Beitritt zur FWV war wohl, daß ich durch meinen Vetter Herbert Grünfeld eine ganze Reihe von FWVern kennengelernt hatte, die mit ihm in Heidelberg studiert hatten. Er war dort der FWV beigetreten und hatte viele Freunde in Heidelberg und anderswo gemacht, die nun in Berlin weiter studierten.