Rückblicke

Chapter 6

Chapter 63,424 wordsPublic domain

Das war gut, denn am 2. Oktober kam mein 13. Geburtstag und damit meine Barmitzwah, und es wurde dazu Familienbesuch erwartet. Ich sollte ein Jahr vorher mit Vorbereitungsstunden anfangen und die hatte ich beim Lehrer Willner, den ich sehr gern hatte. Er war einerseits ein jüdischer Gelehrter, aber auch preußischer Volksschullehrer mit großer Allgemeinbildung. Abgesehen von hebräischer Schrift und Sprache galt der Unterricht auch Grundkenntnissen in jüdischen Bräuchen und Gesetzen. Die Zeit von einem Jahr war knapp bemessen, und da von Mai bis August wegen des polnischen Aufstands die Stunden wegfielen, blieb meine Kenntnis der hebräischen Sprache sogar noch viel mangelhafter als vorauszusehen war. Ich hatte diese Stunden mit großen Erwartungen begonnen, sie gaben meiner Anhänglichkeit an jüdische Religion und damit auch jüdische Geschichtsverbundenheit mehr Substanz.

Die Barmitzwah Zeremonie blieb eine gewichtige Erinnerung. Sogar die Mutter kam in die Synagoge. Der Onkel Max Grünfeld aus Berlin als Miterbauer der Synagoge und für den architektonischen Entwurf damals verantwortlich wurde als Dritter zur Thora aufgerufen. Zu Hause kamen dann sehr viele Gratulanten, auch einige noch sehr fromme entferntere Verwandte, mit denen wir sonst kaum Kontakt hatten. Nachmittags waren auch meine Freunde eingeladen. Ich bekam, neben anderen Geschenken, sehr viel Bücher, Grundlage einer noch wachsenden, recht vielfältigen Bibliothek, die ich dann bei Ausbruch des 2. Weltkriegs mit einem Schlag mit soviel anderem verlieren sollte.

Kapitel 4

Kattowitz kommt zu Polen

Die Botschafterkonferenz hatte zunächst keine Einigung über die Zukunft Oberschlesiens erreicht und im August den Völkerbundsrat um ein Gutachten gebeten. Es handelte sich dabei natürlich nicht nur um eine möglichst gerechte Auswertung der lokal so buntgewürfelten Abstimmungsergebnisse, sondern auch um wirtschaftliche und geographische Argumente, nachdem wohl von Anfang an die Möglichkeit einer Teilung nicht ausgeschlossen worden war. Den Abstimmungsresultaten nach wurde bald als gegeben angenommen, daß die Kreise Rybnik und Pleß zu Polen kommen würden. Sie allein hätten Polen wichtige Kohlegruben und ­vorkommen gegeben, aber nichts von der Eisen­ und Stahlindustrie oder Zinkhütten. Es wurde aber auch von einer Abrundung durch einen Teil des Kreises Kattowitz gesprochen, wo der Landkreis eine polnische Mehrheit gebracht hatte, wodurch beides für Polen dazu kommen würde.

Die Engländer und im Allgemeinen auch die Italiener waren gegen eine Teilung des Industriegebiets oder seine Abtrennung von Deutschland, von der man annahm, daß es die Wirtschaftskraft des Gebiets schwächen würde, und auch Deutschlands Möglichkeiten, die ihm in Versailles auferlegten Reparationen zu bezahlen. Die Polen besaßen eine Kohle­ und Stahlindustrie im östlich an Oberschlesien angrenzenden Dombrowaer Gebiet, wo französisches Kapital stark beteiligt war. Die Franzosen waren vor allem an einem auch wirtschaftlich starken Polen an der deutschen Ostgrenze interessiert. Basierend auf den Empfehlungen des Völkerbundsrats beschloß die Botschafterkonferenz am 20.Oktober 1921 einen Teilungsplan, in dem Polen auch der ganze Kreis Kattowitz und ein Teil des Kreises Beuthen zugesprochen wurden. Die beiden großen Industriestädte Kattowitz und Königshütte, die mit großen Mehrheiten für Deutschland gestimmt hatten, sollten also zu Polen kommen und wirtschaftlich weit mehr als die Hälfte der Kohleproduktion und der Hochöfen, die Hälfte der Stahlwerke, fast die ganze Zinkindustrie. Das Industriegebiet sollte mitten durchgeschnitten werden, mit seinem dichten Eisenbahn­ und Straßenbahnnetz, Wasser­ und Stromversorgung, ja auch unter Grund wurden Gruben durchschnitten, mit einem Schacht auf der polnischen und einem anderen auf deutscher Seite.

Die praktischen Probleme waren enorm, für die menschlichen wurde vorgesehen, daß beide Teile ein Minderheitenschutzabkommen abschließen würden, um die Rechte der sprachlichen Minderheiten zu schützen. Das junge Polen hatte ein solches Abkommen mit den Alliierten Mächten in Versailles am 28.Juni 1919 zum Schutz seiner verschiedenen Minderheiten abschließen müssen, und es wurde ihm nun auferlegt, dies entsprechend auf die neu entstehende deutsche Minderheit in dem polnisch werdenden Teil Oberschlesiens auszudehnen, während Deutschland gehalten wurde, ein entsprechendes Abkommen für die polnische Minderheit im deutsch bleibenden Teil Oberschlesiens zu schließen.

Es war nur wenige Tage nach meiner Barmitzwah, daß diese Entscheidungen bekannt wurden und eine ganz neue Situation schufen. Mit der Ungewißheit hatte man ja schon drei Jahre gelebt. Nun war der gordische Knoten durchhauen, es kam etwas ganz Neues auf einen zu. Vater war schon in den Wochen davor in viele Sitzungen und Gespräche zur Lage verwickelt, nun wurden sie für die Stimmung beherrschend. Die Ideen vom frühen Sommer während des polnischen Aufstands, daß man eventuell weggehen würde, waren ganz verflogen. Unter den ansäßigen Deutschen verbreitete sich die Stimmung, daß man sich mit der neuen Situation abfinden und eben auf ein Leben als deutsche Minderheit im polnischen Teil Oberschlesiens und damit im polnischen Staat einrichten müsse. Durch die Auflage eines Minderheitenschutzabkommens, das nun eifrig ausgearbeitet und dann auch am 22.Mai 1922 in Genf unterzeichnet wurde, war man ja ganz klar so angesprochen. Es gehörte dazu, daß die Vertreter der deutschen Seite im Polen zugesprochenen Teil Oberschlesiens sich nun zusammentun und ihre eigenen Reaktionen und Ideen zu ihrer zukünftigen Haltung ausarbeiten und aussprechen mußten. Dazu gehörte auch die ehrlich gemeinte Zusicherung der Loyalität für die neue staatliche Souveränität, und das Alles geboren aus einem Heimatgefühl, daß nämlich, was aufgebaut und erworben war, nicht zu Grunde gehen, sondern weiter gedeihen sollte.

Es liegen darüber mannigfache Äußerungen von maßgebenden deutschen Funktionären aus dem polnisch werdenden Teil von der Zeit nach der Entscheidung vor. Deutlich erinnere ich mich, daß mein Vater von einer Sitzung in Beuthen oder Gleiwitz schon kurz nach der Entscheidung nach Hause kam und sehr erregt erzählte, ein aus Berlin anwesender Minister hätte gesagt, was die künftige deutsche Politik zu dem abzutretenden Teil anbelangt, wären doch wohl Alle mit der in Berlin herrschenden Auffassung einig: "abschnüren und vernichten".

Ich nehme an, daß es eine Sitzung der Deutschen Demokratischen Partei Oberschlesiens war. Auf Provinzebene waren Sanitätsrat Bloch in Beuthen und Justizrat Kochmann in Gleiwitz, der auch im preußischen Landtag saß, prominenter gewesen, für das Gebiet des künftigen Polnisch­Oberschlesiens aber war mein Vater wohl nun der führende Exponent geworden. Er hatte diesem Reichsminister sehr scharf widersprochen, und ich habe ihn selten so erregt gesehen, wie er uns darüber erzählte. Für die Deutschen im künftigen Polnisch­Ober­schlesien mußte es andere Wege des Denkens in ihrer neuen Situation geben. Es brachte sie in die Linie des Denkens der nationalen Minderheitenbewegung, die sich in Europa nach dem ersten Weltkrieg entwickelte. Mich haben diese neuen Begriffe und Vorstellungen auch später im Zusammenhang mit manchen anderen Problemen des 20. Jahrhunderts immer wieder sehr interessiert.

Der Übergang des Gebiets an Polen sollte durch einen feierlichen Einzug der polnischen Truppen in Kattowitz am 20.Juni 1922 vollzogen werden. In der Zwischenzeit hatte es zunehmende Zeichen von Auflösungsstimmung gegeben, Beamte gingen weg, Behörden waren im Übergang, wir merkten das auch in der Schule. Laut Genfer Abkommen mußte der polnische Staat auch deutsche Minderheitsschulen unterhalten. Unser Gymnasium sollte das neue staatliche Gymnasium sein, ein großer Teil des bisherigen Bestands seine Minderheitsabteilung. Viele der Lehrer wollten weg nach Deutschland gehen, doch einige, vor allem jüngere, waren bereit zu bleiben. Man wußte noch nichts Genaues. Als das letzte Abitur um Ostern abgehalten war, wozu auch der Oberschulrat aus der bisherigen Provinzhauptstadt Oppeln kam, konnte man fühlen, daß der traditionelle Bierabend der Lehrer mit den Abiturienten auch eine Art Abschiedsfeier für den Lehrkörper wird. Als wir Jüngeren am nächsten Morgen in die Schule kamen, waren nur wenige Lehrer da, man sah die Meisten herumwanken, kaum einer konnte ganz grade stehen. Die Schule fiel aus, wir wurden nach Hause geschickt. Es war gewiß auch ganz komisch, aber eigentlich war es niederschmetternd. Das Gefühl der Auflösung nahm übergroße Proportionen an.

Die polnische Regierung bestimmte den General Stanislaw Szeptycki zur Führung des feierlichen Einzugs der polnischen Truppen. Sein Name war uns damals neu, aber bald danach wurde er zeitweilig polnischer Kriegsminister, also mußte er ein prominentes Mitglied der polnischen Generalität sein. Der Name der Familie ist unterdeß bekannter geworden, eine ostgalizische Adelsfamilie, die starke Bindungen an die dortige westukrainische Bevölkerung hatte. Sein Bruder Andrzej wurde Metropolit der mit Rom Uniierten Slawisch­Orthodoxen Kirche (1). Der General selber hatte im 1.Weltkrieg große Erfolge im Kampf gegen russische Truppen im östlichen Polen errungen, er war zum

österreichischen General gemacht worden, hatte mit Pilsudski zusammengearbeitet. Es kam also jemand wirklich von der ganz anderen Seite Polens.

Der Gewerkschaftssekretär Josef Rymer, zum ersten Wojewoden der neuen Wojewodschaft Schlesien mit Sitz in Kattowitz, von nun an Katowice, ernannt, begrüßte den General mit seinen Truppen an der schlesischen Grenze bei Schoppinitz. An der Stadtgrenze sollte der neue Oberbürgermeister Gornik, ein oberschlesischer Pole, ihn zusammen mit dem deutschen Stadtverordnetenvorsteher Dr. Reichele begrüßen. Von unserem Balkon aus konnten wir ihn in einer Droschke allein auf seiner einsamen Fahrt zur Stadtgrenze vorbeifahren sehen. Er hatte, da er erst so kurz im Amt war, meinen Vater gebeten, es doch mit ihm zusammen zu tun, aber mein Vater entzog sich dem.

Er sollte den General ohnehin noch treffen. Da der Colonel Ardisson schon weg war, wurde der General bei uns einquartiert. Er machte bald einen formellen Höflichkeitsbesuch. Wie schon oft bei den französischen Offizieren wollte mein Vater auch damals, daß ich dabei bin. Ich erinnere mich nur, daß zuerst einige etwas verlegene Worte waren, wie man sprechen sollte, und die Unterhaltung spielte sich dann auf Französisch ab.

Sonst bestand für uns sein kurzer Aufenthalt nur aus gelegentlichem Zunicken, aber dann kam ein Schock, er erschien plötzlich mit einem kleinen Foxterrier. Mein Gott, seufzte meine Mutter, die schönen Salonmöbel, sie waren mit Damast bezogen. Aber der General fuhr bald ab, ohne größeren Schaden anzurichten.

Die beiden Wohnzimmer wurden aber nicht freigegeben. Wir bekamen als zivile Einquartierung den neuen polnischen Präsidenten der Eisenbahndirektion Sikorski, der noch einige Jahre dort wohnte, ein sehr ruhiger Mitbewohner, er blieb praktisch ohne jeden Kontakt mit uns.

Der größte Wechsel kam für uns Jungen, als die Schule wieder anfing. Der neue polnische Direktor beider Abteilungen hieß Wolff. Die meisten der bisherigen Schüler wollten in die deutsche Minderheitsabteilung gehen. Die Meldungen für die polnische Abteilung waren vorerst kleiner, der Zuzug polnischer Beamten und anderer Familien entwickelte sich erst. Herr Wolff verfügte, daß alle Jungen mit polnischen oder polnisch klingenden Namen in die polnische Abteilung übergehen müßten, und er kam selbst, um uns einzuteilen. Es entstand Verwirrung und Aufruhr. Die meisten der so betroffenen konnten kein Wort polnisch sprechen, und so gab es lange Gesichter in beiden Abteilungen, und es gab wohl sofort Protestschritte des Deutschen Volksbunds, der der Genfer Konvention nach zum Schutz der Minderheitenrechte auftreten sollte. Diese Frage, wer zur deutschen Minderheit gehörte und wer nicht, brachte sehr klar ein Problem und einen Gefahrenpunkt des ganzen Konzepts der Minderheitsrechte für Volksgruppen zum Vorschein. Hier wurde also von deutscher Seite darauf bestanden, daß die Zugehörigkeit zur Minderheit eine Sache freier Wahl, als des "Bekenntnisses" sein muß. Die Erinnerung an dieses Jugenderlebnis erweckt bei mir eine ganze Reihe weiterer Gedanken. Schließlich standen da bei uns in der Untertertia unsere Mitschüler, ein guter Teil von ihnen, und Herr Wolff wollte ihnen nicht mehr erlauben, weiter in die deutsche Schule zu gehen. Die Freiheit, die er für sich selbst als polnischer Gymnasialdirektor mit deutschem Familiennamen nahm, wollte er unseren Mitschülern aus Familien mit polnischem Namen, aber oft wohl schon seit Generationen deutschsprachig, nicht zuerkennen.

Die Freiwilligkeit der Zugehörigkeit zu einer Minderheit habe ich immer als sehr entscheidend empfunden. Es entspricht wichtigen liberalen Grundsätzen. Die Forderung nach autonomer Verwaltung für Minderheiten, jedenfalls auf kulturellem Gebiet, wurde ein zentraler Punkt der Minderheitenbewegung in Europa, aber ich fand sie nur vertretbar, wenn das auf freiwilliger Assoziation beruhte. Menschen zwangsweise in solche Kompartments einzuordnen, würde neue Elemente von Unfreiheit einführen.

Daß die deutsche Seite und dann auch die Führung der Minderheitenbewegung dieses Bekenntnisprinzip vertrat, war ja eigentlich ein Abrücken vom strikten Sinn völkischer Denkweise. Die Konzeption des Nationalen war eben tatsächlich vielmehr verwandt mit dem Begriff der Kulturkreise, um den Geist von Arnold Toynbee zu berufen. Dieser aber relativiert gleichzeitig die Nationale Idee und bringt einen so zu einer Annäherung an europäische Wirklichkeit zurück. Man liest oft über anscheinend bedauernswerte Gebilde: Vielvölker­ oder Gemischtvölkerstaaten, so die alte Donaumonarchie, ja in deutscher Sicht, dann die 1918 entstandene Tschechoslowakei. Genealogisch gesehen waren es ja auch weite Gebiete Ostdeutschlands, mehr als man davon Kenntnis genommen hatte. Da war nichts bedauernswertes daran, wenn man nicht inkongruente völkische Ideologien dahinein brachte.

Ich glaube, es hat in der Minderheitenbewegung auch manche liberale Kräfte gegeben, die Sinn hatten für die europäische Bedeutung und liberale Grundnote der Sache. Aber es gab wohl auf deutscher Seite auch Viele, die das Bekenntnisprinzip in Sachen Nationalität hochhielten, weil das für den Besitzstand der deutschen Volksgruppe z. B. in Polen zahlenmäßig so wichtig war. Man sieht wieder, wenn es um klare Interessenlage ging, hier gar nicht wirtschaftliche, sondern einfach Macht­ und Bedeutungsinteressen der Volksgruppe, da verschwanden Ideologien in den Hintergrund. Dann blieb nur noch der Antisemitismus als Kaffeesatz der völkischen Idee.

Die Qual meiner Untertertia Schulkameraden war bald vorüber, ja es entbehrte nicht einer gewissen komischen Wirkung, als sie so schnell wieder in unsere Klasse zurück durften und das normale Schulleben unter dem neuen Regime begann. Dieser Vorfall war beigelegt.

Auf längere Sicht waren aber die Polonisierungsmaßnahmen auf anderen Wegen erfolgreicher. Nach einiger Zeit gab es auch in der Stadt Kattowitz eine polnische Bevölkerungsmehrheit. 1932 war die deutsche Minderheitenabteilung des staatlichen Gymnasiums schon viel kleiner geworden, schließlich wurde sie geschlossen, und es gab dann nur noch ein deutsches Privatgymnasium. Der Direktor Wolff blieb nicht lange, unser nächster polnische Direktor hieß Steuer, und unter ihm habe ich noch 1926 dort mein Abitur gemacht.

Kurz nachdem wir in Kattowitz die Übergabe an Polen erlebt hatten, wurde in Berlin der damalige deutsche Reichsaußenminister Walter Rathenau ermordet. Für uns waren und blieben die Ereignisse in Deutschland immer noch ganz hautnah. Das Berliner Tageblatt und die Breslauer Zeitung kamen weiter jeden Tag, und dazu kam noch die Ostdeutsche Morgenpost aus Beuthen, denn man mußte ja auch mit dem deutschgebliebenen Teil Oberschlesiens Kontakt behalten, und sie kam früh morgens am selben Tag.

Die Erregung dieser Tage in Deutschland erlebten wir sehr stark mit. Man erinnerte sich an die Ermordung des katholischen Finanzministers Mathias Erzberger im August 1920, auch durch rechtsradikale Freischärler. Rathenau war Jude, er war für mich als 14jährigen etwas wie ein Idol geworden, ich hatte einige seiner Bücher gelesen. Es war die menschliche Tragödie dieses Mordes an Rathenau, und eben auch das Licht, das da auf die Turbulenz der Lage in der jungen Weimarer Republik fiel, für die es dann mit vernichtender Inflation, französischer Ruhrbesetzung und dem Hitlerputsch November 1923 kaum eine Atempause gab. Dieser Hitlerputsch damals war aber ein theatralischer Fehlschlag. Die Republik hatte doch schon Muskeln, eine Regierung der Großen Koalition (Deutsche Volkspartei, Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten) unter Stresemann war am erfolgreichsten mit der Konsolidierung, unterstützt vom Erfolg der Schacht'schen Währungsreform.

Nicht nur wegen politischen Geschehens, sondern vor allem auf kulturellem Gebiet war man, auch nach der Abtretung Ostoberschlesiens, mit dem Leben in Deutschland weiter stark verbunden. Für uns heranwachsende Jungen blieben auch die Ideen der Jugendbewegung in Deutschland, des Wandervogels, eine Anziehung. Wandervögelbünde selber hatten sich in Kattowitz nicht so entwickelt während der Zeit der Besetzung und politischen Kämpfe. Es gab aber eine Gruppe des jüdischen Jugendbundes "Kameraden", und einige meiner Schulfreunde gehörten dazu. Es war ein nichtzionistischer Bund. Beide Eltern widersetzten sich meinen sehr dringenden Wünschen, da auch beizutreten, ich sollte stattdessen in den "Alten Turnverein" gehen, der mich gar nicht begeisterte, und den ich bald verließ.

Bedeutsam wurde, daß ich mit einigen Freunden, meist aus der nächst höheren Klasse, zu einem Lesezirkel gehörte, in dem gelesen, aber auch viel diskutiert wurde. Es waren Klassiker und zeitgenössische Literatur und eben manches, das mit der Jugendbewegung zusammenhing, und wir hatten einige der Zeitschriften der Jugendbewegung. Wir trafen uns abwechselnd zu Hause. Einige der "Kameraden"­Mitglieder spielten auch eine Rolle, so Manfred Danziger, und von anderer Seite erinnere ich mich besonders an den alten Freund Karl­Heinz Lubowski

und an Wolfgang Juretzek.

Zu den starken Anregungen in Richtung Jugendbewegung gehörte auch für mich ein Besuch bei uns zu Hause von Dr. Rudolf Trevenfels aus Breslau. Das war eigentlich eine Familienfreundschaft, er war zehn Jahre älter, aber noch ganz erfüllt mit solchen und anderen Ideen und hatte viele enge Kontakte mit einigen Schlüsselfiguren aus dieser Welt (2).

Auch das kulturelle Umfeld blieb für uns eigentlich ganz unverändert und weiter sehr reich und aktiv. Das Stadt­Theater wurde nun zwischen deutschem und polnischem Theater geteilt, an den der neugebildeten Deutschen Theatergemeinde zustehenden Tagen wurde es von der ebenfalls neuentstehenden Landesbühne aus dem deutschgebliebenen Oberschlesien "bespielt". Das war dann doch eine sehr starke, auf den ganzen Industriebezirk sich stützende Unternehmung, und es gab ein interessantes Programm und Kräfte. Die Theatergemeinde, in der Rosa Speier bald eine führende Rolle übernahm, veranstaltete auch in mehreren Jahren jeweils für einige Wochen Gastspiele der Wiener Volksoper. Bis dahin hatte ich Opern nur bei Besuchen bei den Großeltern in Breslau erlebt, jetzt wurden es ganze wochenlange Festspiele, mit uns besonders verknüpft, weil mehrmals Künstler der Wiener Volksoper bei uns wohnten. Auch wurde der Meister'sche Gesangsverein für einige Opern zu Chorszenen hinzugezogen, und dann konnte ich meine Mutter auch verkleidet auf der Bühne sehen.

Überhaupt wurde der Meister'sche Gesangverein eine große Quelle musikalischen Miterlebens. Ich trat dem Chor zwar nie bei, kaum einer von uns, die dann zum Studium weggingen, tat es, aber aus Chorwerken und Opern spielte ich im Klavierauszug vor und nachher, und für die Aufführungen kamen Solisten, von denen jemand bei uns wohnte, ebenso für Solistenkonzerte, Pianisten, Violinisten, Kammermusik­ und Gesang. So hatten wir im Laufe der zwanziger Jahre viele sehr bekannte Künstler, die bei uns als Gäste wohnten. Unverändert machten wir auch die regelmäßigen Besuche bei den Großeltern in Breslau. Es gab auch ganz spezielle Gelegenheiten, den 70. Geburtstag der Großmutter, 80. des Großvaters und ihre Goldene Hochzeit, mit einem großen Abendessen im Hotel Monopol, eine selten schöne und sehr große Familienfeier. Wir drei Kinder spielten ein von Rosa Speier in Form eines kleinen Theaterstücks verfaßtes, langes Gedicht. Es gab viele brilliante Reden. Besonders erinnere ich mich an die Damenrede des zur nahen Bernstein Familie gehörigen Herrn Jakobowitz, er war, die Brust mit Orden übersät, ein Kampfflieger im 1.Weltkrieg gewesen.

Meine Großeltern waren unterdessen in eine viel kleinere Wohnung gezogen, der Großvater war nicht mehr so aktiv und prominent im bürgerlichen Leben Breslaus, aber zu den morgendlichen Gratulationskuren bei diesen Festen kamen immer der Oberbürgermeister Wagner, sein Stellvertreter Tiktin, der auch für die in Breslau bekannte "Gesellschaft der Freunde" kam, deren Direktor mein Großvater für über 25 Jahre gewesen war, der Oberrabbiner Dr.

Vogelstein und immer auch der Geheimrat Pfeiffer, unter dem der Sohn Oettinger an der Universität gearbeitet und gelehrt hatte. Bis ins hohe Alter blieb der Großvater geistig rege und sehr interessiert und nahm an seinem Stammtisch im Café Fahrig teil. Er gehörte aber zu denen, die die Inflation schlecht überstanden, fast das ganze Vermögen war in Staatspapieren angelegt, und er war danach auf die Unterstützung seiner Kinder angewiesen. Er starb Mitte der zwanziger Jahre. Ich fuhr mit zur Beerdigung. Es rührte mich, meiner Mutter zu kondolieren und sie am Grab ihres Vaters zu sehen, es war ein neuer Eindruck. Ich selbst habe ja dann während des 2.Weltkriegs und danach nie an den Gräbern meiner Eltern stehen können. Nach der Beerdigung des Großvaters wurde mir auf dem Friedhof in Breslau auch das Grab meines Urgroßvaters Dr. Albert Oettinger gezeigt.

Die Schulzeit von Untertertia an brachte natürlich auch ein zunehmendes Maß von Bekanntschaft mit polnischen Dingen. Polnisch als Sprache gab es zunächst nur zweimal die Woche. Die Regierung fand erst, die Deutschen sollten gar nicht polnisch lernen, sondern weggehen, aber das änderte sich im Lauf der Jahre. Natürlich interessierte einen bald, etwas über polnische Geschichte, ja auch Literatur zu hören, und das spielte dann auch eine zunehmende Rolle im Unterricht auch in der deutschen Minderheitabteilung, und man fuhr nach Krakau zu den sehr schönen Sehenswürdigkeiten aus polnischer Vergangenheit.

Die polnische Politik dieser frühen zwanziger Jahre nahm auch einen sehr turbulenten Verlauf. Es gab immer wieder die scharfen Spannungen zwischen Ost­ und Westschwergewicht, einst durch den Gegensatz Pilsudski­Dmowski gekennzeichnet, es war auch einer zwischen rechts und links, klerikal und nicht so klerikal, die Spaltung zwischen klerikal und laizistisch in anderen katholischen Ländern widerspiegelnd. Es ging gewaltätig zu, auch mit Putschversuchen. Die Rechte hatte 1922 einen Wahlvorteil errungen, und Pilsudski trat als Staatspräsident zurück; als Nachfolger wurde Dr. Narutowicz, der linkeren Bauernpartei und auch Pilsudski nahestehend, gewählt, aber er wurde schon bald im Dezember 1922 ermordet, nur wenige Monate nach dem Mord an Rathenau in Deutschland. Als Einführung zu regelmäßiger Anteilnahme an politischen Entwicklungen in Polen war das ein beunruhigendes Erlebnis. Wirtschaftlich war Polen auch schweren Finanz­ und Inflationswirren ausgesetzt, hatte dann aber unter Führung von Grabski von Ende 1923 bis 1925 eine nichtparlamentarische "Experten"regierung mit besserer Stabilität.