Chapter 5
Die Ankunft der französischen Besatzungstruppen in Kattowitz brachte für uns zu Hause eine große Veränderung. Da Oberschlesien auf französisch Haute Silesie hieß, brachten die Franzosen Gebirgstruppen. Sie bliesen muntere Weisen aber benahmen sich zunächst eben wie fremde Besatzungstruppen. Etwas weiter weg in der Friedrichstraße war die Villa der Frau Else Silberstein, Inhaberin einer großen Kohlenhandlung, mit der Firma Emanuel Friedländer liiert; wir kannten uns gut, sie war mit den Eltern befreundet. Sie war schon lange verwitwet, hatte ein besonders schönes und sehr gastfreies Haus. Die Franzosen beschlagnahmten es, um dort ein Offizierskasino einzurichten. Sie durfte dort bleiben, mußte aber fast das ganze Haus für das Kasino zur Verfügung stellen. Als sich bald Differenzen ergaben, wurde sie ihres Hauses verwiesen und mußte ins Hotel ziehen. Wir waren also verwarnt.
In der Tat, sehr bald kamen sie zu uns, um ein Kasino einzurichten. Wir durften bleiben, in einem der vier Wohnzimmer des Erdgeschosses, unsere Köchin durfte zunächst auch in der Küche für uns kochen, aber als der französische Koch ein großes Stück Fleisch ins Feuer warf, weil es ihm nicht gefiel, und sie (es war ja noch große Knappheit bei uns) es retten wollte, wurde sie aus der Küche geworfen und mußte versuchen, für uns in der Waschküche im Dachgeschoß zu kochen. So bekamen wir es also alle gleich wirklich mit, daß wir jetzt unter französischer Besatzung waren. Die große Diele war ihrer Lage nach für die Passage beider Parteien da, also sahen wir viele französische Offiziere. Bald zog das Kasino aber aus, und wir bekamen wieder jeweils einen Offizier als Einquartierung.
Oben im Gastzimmer wohnte immer noch der Herr v.Brunn, der nach seiner Demobilisierung eine Stelle beim Berg und Hüttenmännischen Verein, der Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie hatte. Ohnehin mußten wir größere Räume, nämlich zwei der Wohnzimmer im Erdgeschoß, Damenzimmer und Salon, für den französischen Offizier hergeben. Das waren dieselben, die auch zu Beginn des Krieges der Oberstleutnant v.d.Mölbe hatte. Diesmal sollte es 1925 werden, bis wir sie wieder selbst bewohnen konnten.
Die Vorbereitungen beider Seiten für die Abstimmung waren schon in Gang gekommen. Korfanty wurde zum Chef des polnischen Plebiszitkommissariats mit Sitz in Beuthen ernannt, das deutsche übernahmen nacheinander die Landräte a.D. Urbanek und Dr. Hans Lukaschek. Der Kampf zwischen Deutschen und Polen verschärfte sich, die gegenseitigen Demonstrationen nahmen an Häufigkeit und Hitze zu, all dies drang immer mehr in unseren Alltag ein. Wie schon erwähnt, es gab auf beiden Seiten heimlich bewaffnete Gruppen, auf deutscher gehörten sie zu den Freikorps, die nach der 1918er Revolution sich in Deutschland gebildet hatten. Auf polnischer Seite waren es Gruppen von polnischen Oberschlesiern, von Korfantys Plebiszitkommisariat organisiert, aber auch von Polen infiltrierte Angehörige von Pilsudskis POW. Diese beiden Gruppen waren nicht immer einer Meinung (12).
In den deutschen Zeitungen, die wir lasen, stand viel über blutige Gewalttaten der polnischen Gruppen, mit Verschleppungen und manchmal tödlichen Mißhandlungen von Einzelnen, die sich für die deutsche Sache einsetzten. Aber es gab große Gewalttätigkeit auch von der deutschen Seite, voran diesen Freikorps, wofür sie ja auch anderswo in Deutschland einen traurigen Ruhm sich erworben hatten. Als wir Kinder einmal mit unserer Mutter im abseits am Wald gelegenen "Stauweiher" badeten, war dort eine Gruppe junger Deutscher, die provokativ ein Lied der "Brigade Ehrhardt" sangen, mit gewalttätigem antisemitischem Refrain, und der alte Förster mit dem langen anheimelnden Bart, der den Stauweiher beaufsichtigte, er tat nichts gegen sie. Man wußte von ihrer Rolle z.B.in Bayern. Ein anderes deutsches Freikorps, von dem man viel hörte, war die "Orgesch" (Organisation Escherich). Man sah sie auch in den Straßen.
Das Bild ist aber nicht vollständig, ohne sich auch zu erinnern, daß sich dies in Oberschlesien ja noch in der Zeit der Nachwehen der 1918er Revolution abspielte. Die oberschlesische Arbeiterschaft blieb auch in sozialistischer Kampfstimmung. Es gab viele Streiks und Protestumzüge. Man sah häufig rote Fahnen. Ein großer Teil der Bergarbeiterschaft war polnisch sprechend, und es gab eine starke polnische sozialistische Partei, die auf der polnischen Seite im Abstimmungskampf sehr prominent und mitverantwortlich war, aber in Arbeitskämpfen mit den deutschen Sozialisten zusammen agierte. Links von diesen gab es auf deutscher Seite damals noch die Unabhängigen Sozialisten, die mit den Spartakustendenzen in Deutschland sympathisierten und daher prosowjetisch waren. Das wurde ein sehr brennendes Thema im Sommer 1920. Beide Seiten warfen sich vor, einen Putsch vorzubereiten, um durch ein "fait accompli" die Abhaltung der Abstimmung hinfällig zu machen.
Zu dieser Zeit war die Ostgrenze Polens noch viel mehr umkämpft als im Westen, und Polen hatte, nach längeren Verhandlungsphasen, im April 1920 einen neuen Angriff auf Rußland begonnen, der zunächst zur polnischen Besetzung von Kiew führte. Aber das Blatt wandte sich, und im August standen die Russen vor Warschau. Die Existenz des neuen Polens schien gefährdet.
Was mir für immer von diesen Tagen so lebhaft und schrecklich in Erinnerung blieb, war der gewalttätige Mord an dem polnischen Arzt Dr. v.Mielecki, der sich in Kattowitz am 17.August 1920 in nächster Nähe unseres Hauses abspielte. Die unheimliche Brisanz dieses tragischen Vorgangs blieb für mich immer der größte Schock all dieser umstrittenen und blutigen Jahre.
Es war uns Kindern gesagt worden, daß große Demonstrationen, größer und vielleicht gefährlicher als bisher angesagt waren, und wir sollten unter keinen Umständen das Haus verlassen. Die Eltern hatten jeder etwas vor, und wir waren allein mit dem Personal. Das Haus hatte ein großes, ganz flaches Dach, das gerade ganz neu mit weißem Kies ausgelegt worden war, und wir hatten dort unerlaubterweise öfters gespielt, bis es uns ganz streng verboten wurde. Man hörte nun am Nachmittag schon Unruhe von der Friedrichstraße, und da mußte man doch schnell aufs Dach. Leute vom elterlichen Haushalt entdeckten uns dort bald, der Tumult war schon so angewachsen, daß einige auch mit uns oben blieben, von unten kamen immer laufende Kommentare, was draußen vor sich ging. Eine tobende Menge hatte sich vor dem Haus der französischen Kommandantur angesammelt.
Das war schräg gegenüber dem benachbarten Haus, der früheren Villa Sachs, Ecke Sedan und Friedrichstraße. Man hörte Rufe, Schreie, Singen von Liedern, Schüsse, dann wurde berichtet, man habe den Dr. v. Mielecki aus seiner Wohnung gegenüber der Kommandantur geholt (13), er wurde auf der Straße schwer mißhandelt. Dann kam eine Droschke, es hieß, er werde nun weggefahren, tobende Leute aus der Menge folgten der Droschke, an unserem Gartenzaun entlang. Dann hieß es, er sei erschlagen worden. Um unser Haus wurde es langsam ruhiger, aber vor der Kommandantur dauerte der Aufruhr noch für Stunden. Mein Vater kam nach Hause, als wir noch auf dem Dach waren und kam auch dort herauf, ich berichtete ihm sehr aufgeregt, was wir gehört und zum Teil gesehen hatten. Ich habe ihn nie so erschüttert gesehen, er war bleich und sprachlos. Er hatte Dr. v.Mielecki gut gekannt, als Führer der polnischen Stadtverordneten, ein gut angesehener Mann in Kattowitz. Wir wurden nicht einmal ausgeschimpft, daß wir trotz aller Verbote wieder auf dem Dach waren und so das alles aus nächster Nähe hatten miterleben müssen.
Es wurde dann gesagt, daß "Orgeschleute" an dem gewaltsamen Verlauf der Protestkundgebung und dem Mord an Dr. v.Mielecki schuldig waren. Die Zusammenhänge waren aber viel komplizierter (14). Es hatte Berichte gegeben, daß die französischen Besatzungstruppen Waffenvorräte und sogar Truppen nach Polen abgezweigt hätten, um der polnischen Regierung in ihrem Kampf gegen die auf Warschau vorrückenden Russen zu helfen. Arbeiterkreise wurden zum Protest dagegen mobilisiert, daß die Franzosen die "Neutralität Oberschlesiens" im polnischen Kampf gegen die Sowjetunion gebrochen hätten. Zu dieser Kundgebung hatten die Gewerkschaften aufgerufen als eine Aktion gegen die französische Besatzungsmacht. Die französische Kommandantur wurde hart bedrängt und mußte sich mit dem Abzug ihrer Truppen aus dem Gebäude und der Stadt einverstanden erklären. Es verhandelten darüber die Gewerkschaftsführer. Aber ganz eindeutige nationalistische Töne hatten die Oberhand gewonnen, mit bekannten deutschen patriotischen, antifranzösischen Schlagworten und Liedern in höchster tumulthafter Erregung, was ganz klar zeigte, daß die Kundgebung, ursprünglich von Sozialisten veranstaltet, von gewalttätigen rechtsradikalen Elementen unterlaufen worden war.
Im deutschen Reichstag hatte bereits am 27.Juli der Ostexperte der Deutschnationalen Volkspartei Dr. Hoetzsch erklärt, er persönlich stehe dem russischen Kriegsziel mit voller Sympathie gegenüber (15). Proteste gegen die Franzosen als Mitbesetzer und Forderungen, daß sie abziehen und die Besetzung allein den Engländern und Italienern überlassen sollten, waren schon früher erhoben worden. Diese mündeten nun auch in die Demonstration für die "Neutralität" Oberschlesiens im polnischrussischen Krieg ein, zu der die Gewerkschaften für ganz Oberschlesien aufriefen, verbunden mit einem Generalstreik. Die Schlesische Arbeiterzeitung, das Parteiblatt der Unabhängigen Sozialdemokraten schreibt am 19.August:
"Die blutigen Zusammenstöße in Kattowitz sind ohne Zweifel auf das Verhalten deutscher Nationalisten zurückzuführen, die die proletarische Demonstration gegen den polnischen Eroberungskrieg und für Räterussland in verbrecherischer Weise benutzen, um ihrem Chauvinismus Luft zu machen" (16).
Weiter noch ging eine Erklärung des sozialistischen Reichtstagabgeordneten Breitscheid, der, allerdings "unter lebhaftem Widerspruch des Grafen Westarp" mitteilte, den Unabhängigen Sozialisten in Oberschlesien seien von nationalistischen Offizieren ganze Lastautos mit Waffen angeboten worden, wenn sie gegen die Polen und die Entente losgehen wollten (17). Die demokratische "Vossische Zeitung" vom 27.August 1920 schließlich kritisiert die Gewerkschaften, daß sie auf bloße Verdachtsgründe über französische Truppenverschiebungen hin, zu der scharfen Waffe des politischen Generalstreiks griffen, "ohne Fühlungnahme mit der stärksten deutschen Partei, der Katholischen Volkspartei(Zentrum)" (18).
Auf der polnischen Seite wurde der Krieg gegen die Sowjetunion hauptsächlich von Pilsudski und seinen Anhängern betrieben, einem ehemaligen Sozialisten, dessen Regime und Parteiungen damals im innerpolnischen Leben Polens als links gerichtet angesehen wurden. Der Aufruf, den das Polnische Plebiszitkommittee nach dem blutigen 17. August erließ, klagt die preußischen Militaristen an, daß sie gemeinsam mit den Sozialisten, Nationalen Bolschewisten und Kommunisten den Plan hatten, sich Oberschlesiens zu bemächtigen (19).
Dieser Aufruf war nicht nur unterschrieben von Korfanty, wir finden auch den Namen von J.Biniszkiewicz für die Polnische Sozialistische Partei, Michael Grajek für die polnische Bergarbeitergewerkschaft und mehrerer anderer polnischer Gewerkschaftsführer. Man sieht also, es gab auf beiden Seiten Flügel, deren nationalistischer Eifer viel größer war als ihre vermeintliche Bindung an politische Ideologien. Während bei Ausbruch der Unruhen am 17.August es schon Gerüchte über den Fall Warschaus gab, hatte die Wende durch einen erfolgreichen Gegenangriff Pilsudskis schon begonnen und im Laufe der Woche war sein "Wunder an der Weichsel" komplett, die Russen waren geschlagen und die Polen gewannen damals die ihnen von Rußland bestrittenen Ostprovinzen wieder. In Oberschlesien brach der 2. polnische Aufstand unmittelbar nach den Unruhen des 17.August aus, verschiedene Landkreise waren von den polnischen Aufständischen besetzt. Während in Kattowitz die französischen Truppen hatten abziehen müssen und erst nach 2 Tagen die interallierten Fahnen auf dem Kreiskommando wieder aufziehen konnten, fand nun die deutsche Sicherheitspolizei ihre Position in vielen Teilen des Landes unhaltbar, es wurden Bürgerwehren in vorwiegend polnischen Orten gebildet.
Schließlich kam es zu Verhandlungen zwischen den beiden Plebiszitkommissariaten in Beuthen. Von polnischer Seite war es Korfanty, von der deutschen Sanitätsrat Dr. Bloch aus Beuthen, der mit Ulitz für die Deutsche Demokratische Partei im Deutschen Plebiszitausschuß saß. Am 27.August wurde ein Abkommen abgeschlossen, das den polnischen Aufstand beendete, wogegen die deutsche Sicherheitspolizei aus Oberschlesien zurückgezogen werden und durch eine 50/50 deutschpolnische "Abstimmungspolizei", aus Oberschlesiern gebildet, ersetzt werden sollte (20).
Das war eine beträchtliche Veränderung auch für unser tägliches Leben. Die Polizei sollte nun aus zum großen Teil nicht vorgebildeten Kräften bestehen, das Abkommen sah auch Zusammenarbeit bei Beendigung politischen Terrors und Waffenzufuhr vor, aber es litt die normale Verbrechensbekämpfung, und das vertiefte das immer größer werdende Gefühl um sich greifender Auflösung.
Es bewegte sich nun Alles auf die Abstimmung am 20.März 1921 zu, mit Kundgebungen, an denen auch Schulklassen teilnahmen, ebenso wie Adressenschreiben im deutschen Plebiszitkommissariat. Die Leitung der Abstimmung in Kattowitz hatte eine dreiköpfige Kommission unter dem französischen "Kreiskontrolleur" mit dem Gewerkschaftssekretär Josef Rymer, nachmaliger Wojewode, als polnischem und meinem Vater als von allen deutschen Parteien ernannten deutschen Vertreter. Wir waren also durch seine Rolle den Vorgängen nahe.
Auch alle in Oberschlesien geborenen aber nicht mehr wohnhaften Personen sollten am Geburtsort abstimmungsberechtigt sein, und die ganze Familie kam, die nach Berlin gezogen war, ein unbekannter Verwandter aus München meldete sich auch. Unser Haus war voll von Familienbesuch, und das gab dem Abstimmungstag für uns noch ein besonderes Gepräge.
Es waren auch außerhalb der Familie viele alte Bekannte der Familie nach Oberschlesien gekommen. Ich erinnere mich, daß ich die Tante Lucie Hirschel auf einem Spaziergang begleitete. Sie traf eine große Gruppe von Mitgliedern der Cassirer Familie aus Berlin. Sie waren auf dem Rückweg von Rybnik, wo sie herkamen und abgestimmt hatten. Hans Hirschel hatte schon einen Ruf in der Familie als angehender Literat, und ich bat ihn, ein Gedicht zur Abstimmung zu machen, das ich dann vortragen wollte. Das kam aber nicht zustande, und was ich dann vorsang, war von mir, voller Ressentiment gegen Korfanty, und Tante Ida Benjamin, die jüngste Schwester des Vaters, zum Beispiel konnte ihren Abscheu gegen diesen jugendlichen Chauvinismus nicht verbergen. Die Benjamins und Paul Grünfelds waren nur den Tag über da, waren die Nacht über gefahren und fuhren abends wieder nach Berlin zurück, andere Verwandte blieben etwas länger. Aber in der Atmosphäre der Abstimmung war das keine Zeit, ein schönes Wiedersehen mit der Familie zu feiern.
Die Abstimmung und auch die Tage und ersten Wochen danach verliefen ruhig. In der Stadt Kattowitz selbst hatten 85% für Verbleib bei Deutschland gestimmt, im Landkreis 55% für Polen, beide zusammengerechnet ergab 51.7% für Deutschland, aber die benachbarten Kreise Pleß und Rybnik hatten, abgesehen von den ja kleineren Städten viel größere Mehrheiten für Polen, während Stadtund Landkreis Beuthen zusammen gerade 50.3% für Deutschland entschieden. Das oberschlesische Gesamtergebnis war 59.6% für Deutschland. Laut dem Versailler Vertrag (21) sollte für "die als Grenze Deutschlands in Oberschlesien anzunehmende Linie....sowohl der von den Einwohnern ausgedrückte Wunsch, wie auch die geographische und wirtschaftliche Lage der Ortschaften Berücksichtigung" finden. Die Alliierten Mächte, durch ihre Botschafterkonferenz, sollten darüber befinden.
Die Abstimmungsergebnisse gaben ein sehr komplexes Bild, der polnische Stimmenanteil, besonders in den südlichen Gebieten, war sehr viel höher als die deutsche Seite erwartet hatte (22). Alles deutete nun darauf hin, das es zu einer Teilung Oberschlesiens kommen würde. Von deutscher Seite wurden aus Oberschlesien im April Delegationen nach England, Frankreich und Italien gesandt, "um einflußreiche politische Kreise zuverlässig zu unterrichten" (23). Mein Vater gehörte der vierköpfigen Delegation nach Italien an. Sie bestand außerdem aus Pfarrer Ulitzka aus Ratibor, Reichstagsabgeordneter der katholischen Zentrumspartei, in der er später sehr prominent wurde, dem Generaldirektor Pistorius der Fürstlich Plessischen Bergwerksdirektion Kattowitz, wo er auch stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher gewesen war, und dem sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretär Franz. Warum der Vater in den aufgeregten Zeiten nach der Abstimmung wegfuhr, wurde uns natürlich ausführlich erklärt, und so erinnere ich mich auch, daß er eine Einführung an den Chef der Banca Commerciale in Milan, Toeplitz, hatte, der damals ziemlich bekannt war. Als Vertreter der Deutschen Demokratischen Partei war Vater wohl allgemein für Kontakte mit den damals einflußreichen "laizistischen" Parteien zuständig, er war ja auch Freimaurer.
So kam es denn auch, daß unser Vater nicht da war, als am 3.Mai der große 3.polnische Aufstand ausbrach. Das wurde nun für unsere Jugend eine weitere Bekanntschaft mit Gewalt, Gefahr und der Ungewißheit, was die nächste Stunde, geschweige denn die weitere Zukunft bringen würde. Die Umgebung der Stadt war sofort in den Händen der Aufständischen, als wir am 3.Mai aufwachten. Der Chauffeur, mit dem deutschen Namen Adler, der bei uns im Haus wohnte, war fort mit dem Hausschlüssel, es stellte sich heraus, daß er sich den Aufständischen angeschlossen hatte. Draußen in Karbowa waren auch die Aufständischen, ein guter Geist für die Familie, der Portier des Werks Theodor Walla, hielt die Verbindung aufrecht; manchmal bekamen wir Gemüse, aber sein ältester Sohn Heinrich hatte sich auch den Aufständischen angeschlossen. Das war eben Oberschlesien.
Der Aufstand war gut organisiert und vorbereitet mit Hilfe und starkem Zuzug von der POW aus Polen, aber der Stamm der Aufständischen waren eben polnische Oberschlesier. Es ging rücksichtslos und zum Teil grausam zu. Die Stadt war wie belagert, aber es bestand hier und in anderen Städten eine Art modus vivendi der Aufständischen mit den alliierten Besatzungstruppen, daß die Städte selber nicht angegriffen oder von den Aufständischen besetzt werden sollten.
Aber bei uns war dieser Ring sehr eng, und es wurde viel und auch in die Stadt hineingeschossen, vor allem nachts. Unser großer Garten hinter dem Haus grenzte an die Rawa; dahinter waren Bruchfelder, eine Art Niemandsland, auf der anderen Seit gehörte die Ferdinandgrube schon den Aufständischen. Auch von dort wurde manchmal geschossen. Zuerst durften wir überhaupt nicht mehr in den Garten, dann zeitweise, aber wenn man anfing, Schüsse zu hören, mußten wir sofort ins Haus.
Aber man weiß ja, wie das ist. Wenn die Risiken über eine Zeit andauern, dann wird man abgestumpft und fängt an, sie leichter zu nehmen. Schlimm war, daß nachdem nachts ganz systematisch für einige Zeit geschossen wurde, man am nächsten Tag las, daß Kinder in ihren Betten erschossen worden waren, auch von derselben Seite her, auf die unser Garten ging.
Wir hatten ja noch immer französische Einquartierung und zwar seit einiger Zeit den französischen Platzkommandanten Colonel Ardisson, der auch noch seine Frau und zeitweise den erwachsenen Sohn und die Tochter hatte nachkommen lassen. Der Herr v. Brunn war schon ausgezogen, und so hatten wir Platz genug. Natürlich empfand man die französische Besatzung als einen gewissen Schutz, aber man wußte doch nie, was der nächste Tag bringen konnte. Von der Ferdinandgrube war es kaum mehr als fünf Minuten zu Fuß und einen Sprung über die kleine Rawa bis zu unserem Garten, und überhaupt wer wußte, wie lange der Waffenstillstand über Nichtbesetzung der Städte anhalten würde.
Im Industriegebiet waren die Landkreise alle in den Händen der Aufständischen. Eisenbahn und Straßenverkehr waren praktisch lahmgelegt, die Aufständischen bildeten ad hoc Verwaltungen dafür, auch ein interalliierter Zug, der täglich von Kattowitz nach Oppeln und zurück ging, konnte nur mit ihrer Erlaubnis benutzt werden.
Unser Vater war unterdessen von Italien wieder nach Breslau und auch bis Oppeln gekommen, durfte aber nicht nach Hause kommen. Nach einiger Zeit konnte er aber für uns eine Genehmigung "zur Ausreise" arrangieren, und so fuhren Mutter, wir drei Kinder und Else Jeppesen mit dem interalliierten Zug nach Oppeln.
Diese Reise war natürlich eine ziemliche Aufregung. Man wußte von Einigen, die sie gemacht hatten, aber erst kurz vorher war zum Beispiel der Pastor Voss von den Aufständischen aus dem Zug geholt, allerdings dann nach einem Verhör wieder freigelassen worden. Bei uns aber ging es ohne Zwischenfall. Wir wurden dann nach einem Besuch in Breslau im Riesengebirge in Krummhübel für die nächsten Monate "parkiert", aber Vater war vorwiegend in Breslau und Oppeln. Natürlich war es sehr schön so lange im Riesengebirge zu sein, wir hatten es schon im Vorjahr bei einem kürzeren Ferienaufenthalt in Brückenberg kennengelernt, aber diesmal war doch alles von so großer Unsicherheit über die Zukunft umwittert. Die Verwandtschaft in Berlin plädierte stark mit Vater, daß er den Familienbesitz in Kattowitz verkaufen und nach Deutschland ziehen sollte. Onkel Felix Benjamin war im Aufsichtsrat der Lübecker Hütte, an der Rawack & Grünfeld damals maßgeblich beteiligt waren, und schlug vor, daß Vater die Leitung von deren Zementfabrik übernehmen sollte und wir nach Lübeck übersiedeln würden.
Bei all dem blieb aber doch im Vordergrund die Sorge, wie es wohl zu Hause aussieht. Man hörte und konnte sich vorstellen, die Not und Versorgungsknappheit in der "belagerten aber nicht angegriffenen Festung Kattowitz" war ganz schlimm geworden. Es wurde ein besonders heißer und trockener Sommer, und rund um die Stadt brachen große, verheerende Waldbrände aus. Als wir nach Beendigung des Aufstandes im Juli zurückkehrten, war das Bild der Umgebung südlich nach Pleß hin zunächst vollkommen verändert und trug noch weiter bei zu der Trostlosigkeit der Situation und Stimmung.
Der 3.polnische Aufstand hatte zu einem Wiedereinmarsch der deutschen Freikorps nach Oberschlesien geführt, die nach dem 2.Aufstand sich samt ihren Waffen hatten zurückziehen müssen. In einer Kampfhandlung am Annaberg am 21.Mai wurde ein Sieg über Kräfte der Aufständischen errungen, und auf deutscher Seite sah man das als die Wende an, die schließlich zur Beendigung des polnischen Aufstands, offiziell am 1. Juli, führte. Die Vorgänge gelten aber als zu kompliziert für solche Beurteilung (24). Die Engländer wandten sich gegen die polnischen Versuche, durch den Aufstand die für das weitere Schicksal Oberschlesiens ausstehende Entscheidung der Alliierten Botschafterkonferenz in Paris zugunsten Polens zu forcieren, und drohten, englische Truppen zur Unterstützung der französisch/italienischen Besatzungen zu senden.
Zu Hause war das Leben wieder mehr im gewohnten Gleis, aber die Unsicherheit über die bevorstehende Entscheidung der alliierten Botschafterkonferenz über Oberschlesien beherrschte die Stimmung. Unsere "Hausbesatzung", der Colonel Ardisson schien wieder in Kontrolle der Stadt als Platzkommandant, seine Familie war nach Frankreich zurückgekehrt. So hatten wir wenigstens wieder Verfügung über das Gastzimmer im oberen Stock.