Chapter 4
Ich erinnere mich auch, daß Frau Speier um diese Zeit ein Gedicht für einen der öffentlichen Appelle geschrieben hatte, gebt Gold für Eisen oder so etwas ähnliches. Es war uns schon zu Hause gezeigt worden, und ich war begeistert. Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter es auch war. Dann wurde es an alle Schulklassen verteilt, ich war wieder begeistert, aber unser Lehrer hängte es auf die Innenseite des Schulschranks. So mußte man immer zum Schulschrank gehen und die Tür aufmachen, wenn man das Gedicht sehen und sich patriotisch ermahnen lassen wollte. Ich fand das schon damals als Kind etwas merkwürdig und enttäuschend und natürlich unbequem aber war ganz arglos. Heute frage ich mich, hatte der Lehrer etwas dagegen aus pädagogischen Gründen, daß man so etwas in eine Vorschulklasse hängt, oder war ihm der Kriegspatriotismus allgemein schon zu viel geworden, fand er das Gedicht schlecht, konnte er die Frau Speier nicht leiden, oder, und das fällt mir eigentlich erst heute ein, war es vielleicht einfacher Antisemitismus? Ich wußte damals noch nicht, wie kompliziert das Leben sein kann.
Die jüdischen Freunde der Eltern Dr. Speiers und Koenigsfeld machten von jüdischer Religion eher noch weniger Gebrauch als mein Vater. Dr. Ehrenfried zum Beispiel ging nur alle paar Jahre am KolNidre Abend in die Synagoge, er ging ja ganz auf in seinen musikalischen Interessen und der Präsidentschaft des Meisterschen Gesangvereins, und so hatte er einen gesellschaftlichen Kreis, in dem kaum nach Religion oder Herkunft gefragt wurde. Aber er war ein sehr bewußter Jude, hatte der jüdischen Studentenverbindung KC angehört und blieb ihr aktiv verbunden. Mein Vater war auch ein bewußter Jude, aber er war gegen betonte jüdische Absonderung. Die beiden Brüder Lubowski waren getauft, die Frauen nichtjüdisch. Frau Else Lubowski, Frau des Augenarztes, Tochter eines Oberstleutnant Knecht, der aus dem Elsaß stammte, ihre Mutter aus der Schweiz. Der Sohn KarlHeinz wurde damals unter unseren Spielgefährten mein nächster Freund. Nur in puncto Religion zogen wir in verschiedene Richtungen. Seine Mutter gehörte auch zum Vorstand der Evangelischen Kirchengemeinde, später sogar auch sein Vater Pastor Voss, ein enger Freund der Familie. KarlHeinz wollte als Junge immer Pastor werden, bei uns im Garten war ein großes Schaukelgestell, da stellte er sich manchmal eine Leiter auf und wollte zu uns predigen, während ich im Herbst immer wollte, daß wir alle eine Laubhütte in unserem Garten zum jüdischen Laubhüttenfest bauen sollten.
Im Sommer 1916 fuhren wir mit Mutter auf Sommerferien nach Heringsdorf, blieben unterwegs in Berlin und trafen alle Verwandtschaft dort, wohnten aber in Hotels. Diese und die enorme Stadt machten noch einen größeren Eindruck als Breslau. Die Ferien an der See waren eine ganz andere Welt, es war wunderbar und erfrischend, man traf auch ganz andere Kinder, viele waren aus Berlin, es war schwierig mit ihnen fertig zu werden. Als weitere Horizontbereicherung: in einem Hotel, dem sehr eleganten Hotel Monopol, hatten wir auch einmal in Breslau gewohnt, als wir mit beiden Eltern hinfuhren. Der Vater hatte Sitzungen, es gab eine Eröffnungsfeier mit Paraden und später als ich mehr wußte über solche Sachen, erfuhr ich, daß das damals eine Eröffnungssitzung des Schlesischen Provinziallandtags war, in dem mein Vater die Stadt Kattowitz vertrat und dem auch mein Großvater Max Oettinger als einer von vier Vertretern der Stadt Breslau angehörte.
1917 kam ein neues Kinderfräulein, Else Jeppesen. Vorher hatten wir einen richtigen Gouvernantentyp, diese aber kam aus dem Pestalozzi Froebel Haus, von Margot Epstein arrangiert. Sie hatte in dem Reber'schen Frauenchor mitgesungen, den Margot Epstein in Berlin leitete. Eigentlich hätte ich ja kein Kinderfräulein mehr haben sollen, aber die Schwestern waren jünger. Irgendwie gab es mit ihr einen frischeren Ton. Sie war nach Pestalozzi Froebel Art sehr gut und darauf aus, uns Handfertigkeit beizubringen. Alle Freunde, die im Sommer zum Spielen und Tennis kamen, mußten mit uns im Herbst und Winter Laubsägearbeiten, Klebereien usw. machen, ganze Dörfer und Tierparks wurden angesammelt und zu Weihnachten wurde alles armen Kindern geschenkt.
Meine Mutter war damals Betreuerin von zwei städtischen Kinderhorten. Ich weiß nicht mehr, ob das mit Vaters Stellung in der Stadtverwaltung zu tun hatte oder mehr mit Mutters Rolle im Vaterländischen Frauenverein. Wir gingen öfters mit ihr hin, die Hortleiterinnen kamen oft zu uns ins Haus, und zu Weihnachten gingen Alles was wir laubgesägt oder anderweitig fabriziert hatten zu den Einbescherungen der Kinder in diese beiden Horte.
Weihnachten mit Else Jeppesen wurde noch viel perfekter gefeiert, mit Singen und Vorspielen, es war ja auch herzerwärmend und hatte wirkliche Schönheit. Wir waren ja auch gar nicht die einzige jüdische Familie, die sich diesem Zauber nicht versagte. Das Jahr 1917 stand aber auch zusehends im Zeichen der Lebensmittel und anderer Verknappung: Es gab viel Erdrüben, bei uns Klacken genannt, das Brot wurde dunkel und kleiig, Fleisch, Butter und Eier selten, wir gingen in Holzpantoffeln. Dann gab es auch die ersten
Lebensmittelunruhen, die ersten Ausschreitungen für mich überhaupt, und ich habe ja dann in späteren Jahren noch so oft unruhige, tobende Mengen miterleben müssen.
Diesmal kam es zweifach sehr nahe. Bei uns hörte man von der Friedrichstraße die lauten Demonstrationen, und morgens waren uns gegenüber die Läden geplündert, die meisten Scheiben zerschlagen. Es gab auch antijüdische Untertöne, wurde uns gesagt. Diese 1917er Unruhen waren nicht auf Oberschlesien beschränkt. Es gab auch anderswo antijüdische Beitöne. Ich erinnerte mich aber an das, was ich eher für besonderen Umstände in unserer nächsten Nachbarschaft hielt. Trotz der Nähe Galiziens und Kongreßpolens waren eigentlich Ostjuden in ihrer traditionellen Kleidung nicht so häufige Erscheinungen im Kattowitzer Stadtbild gewesen. Im Verlauf des Krieges kam das bisherige RussischPolen unter deutsche Besetzung, die Grenze war leichter geworden. Im letzten Haus auf unserer Schulstraße hatten sich einige ostjüdischen Familien eingemietet, Geschäftsleute, die auch viel Besuch von Familie und Geschäftsfreunden aus dem galizischen Auschwitz oder dem kongreßpolnischen Bendzin hatten. Das hatte sich erst seit ganz kurzer Zeit so entwickelt. Ich erinnere mich, diese armen Leute wurden um die Zeit der Unruhen belästigt und waren ein Thema. Es wurde aber auch erwähnt, daß es Ausrufe von Demonstranten einfach gegen Juden gegeben hatte.
Ich bin mir nicht bewußt, daß diese Unruhen etwas mit polnischer nationaler Agitation zu tun hatten, sie wurden als Arbeiterunruhen beschrieben. Es gab natürlich auch, wie es einem bald klar werden sollte, eine starke polnische sozialistische Bewegung. Daß es zu Unruhen kam, war nicht verwunderlich, Elend, Knappheiten und Gesundheitslage waren entsetzlich geworden, die Stimmung schlug um. Ich las damals auch schon Zeitungen, und es wurde über alles, was den Krieg und Politik betraf, viel gesprochen. So wußte ich über die Russische Niederlage und Revolution, den Eintritt der Amerikaner in den Krieg und die Debatten in Deutschland über die Stellungnahme zu Friedensinitiativen. Eine Zeit lang hatte das Oberkommando der deutschen Armee mit dem Kaiser und Generalstab seinen Sitz im oberschlesischen Pleß beim Fürsten von Pleß. Der fatale deutsche Beschluß zur Erklärung des "unbeschränkten UBootkrieges", auf den Amerikas Eintritt in den Krieg folgte, wurde am 8.Januar 1917 in Pleß gefaßt (2).
Die Büros des Generalstabs waren teilweise in Kattowitz im Gebäude der Fürstlich Pleßschen Bergwerksdirektion. Als Einquartierung hatten wir damals Offiziere des Generalstabs. Sie kamen nicht oft zum Essen, engeren Kontakt hatten die Eltern dann mit dem letzten deutschen Offizier, der bei uns einquartiert war, ein Major v.Brunn. Viel hörte ich immer über die politische Lage, wenn die Freunde der Eltern zu Besuch kamen. Der Vater war aktiver Anhänger der Freisinnigen Volkspartei. Außer der damals eher rechtsstehenden oder nationalliberalen Kattowitzer Zeitung abonnierten die Eltern die freisinnige Breslauer Zeitung und das Berliner Tageblatt. Dr. Speier und die Brüder Lubowski standen weit mehr rechts, und es gab heftige Debatten, in denen mein freisinniger Vater oft ganz isoliert schien, aber zu meiner Begeisterung heftigst argumentierte. Bis weit in die frühen Tage der Weimarer Republik haben mich diese Debatten zu Hause immer sehr interessiert.
Zu Ostern 1918 kam ich dann in das Humanistische Gymnasium und bin noch heute dafür dankbar. Ich hatte mich bald für Latein erwärmt. Der Gymnasialdirektor war Geheimrat Hoffmann, ein ganz alter Herr und immer noch im Amt, der auch in Vertretung einige Lateinstunden in meiner Klasse gab (3).
Ich hatte damals schon ein lebhaftes Interesse nicht nur für die politischen Vorgänge um uns herum, sondern auch für alles Geschichtliche. So bekam ich schon mit neun Jahren eine zweibändige "Deutsche Geschichte" (Otto) geschenkt, ich wurde überhaupt ein eifriger Leser von Büchern. Beide Eltern waren es und hatten jeder eine große Bibliothek. Es gab da nicht nur die ledergebundenen vollzähligen deutschen Klassiker und Romantiker, in Übersetzungen auch französische und die meiner Mutter besonders nahe russische und skandinavische Literatur, die ja alle im frühen 20. Jahrhundert im deutschen Kulturleben großen Nachhall hatten. Natürlich waren da auch damals moderne Deutsche Schriftsteller, auch viel Geschichte, Kunst und andere "Sachbücher". Das wurde für mich bald eine wunderbare Fundgrube. Die Mutter war immer mit Anregungen bereit, was ich als Nächstes lesen könnte.
Im Herbst 1918 nahm sie mich auf einen Spaziergang in den Südpark und fing an, über die Lage des Kriegs zu sprechen. Sie sagte mir in so vielen Worten, daß Deutschland den Krieg verloren hat und es zu einer Revolution kommen würde. Ich war wie versteinert. Das hatte ich nicht gewußt. Es war ja immer wieder, noch im August 1918, von neuen Offensiven und Schlachten die Rede. Vater hatte zwar schon lange keine der patriotischen Reden gehalten, aber daß es so kam, war kaum vorstellbar. Meine Mutter erklärte mir, daß das schon einige Zeit vorauszusehen war, und sie daher für die Einstellung der Sozialdemokraten zum Krieg schon lange die meiste Sympathie gehabt hätte. Die Unterhaltung war eine notwendige und heilsame Vorbereitung für mich auf die turbulenten Ereignisse, die nach einigen Wochen einsetzten mit dem deutschen militärischen Zusammenbruch und der Revolution. Sie ließen lange Gesichter, große Ängste vor unbekannten Untiefen. Für Oberschlesien hieß das Kriegsende auch, daß das deutschpolnische Problem nun weit aufbrach und im Laufe der Jahre darum immer wieder viel Blut fließen würde. Natürlich hatten wir auch die innenpolitischen Unsicherheiten, Unruhen von den extrem Linken, Zeichen von Umtrieben rechtsgerichteter Freischärler und die Inflation, aber der deutschpolnische Konflikt, die Besatzung durch interalliierte Truppen und dann die Teilung Oberschlesiens wurden bei uns die dominierenden Ereignisse.
Zunächst gab es auch hier die ersten Konsolidierungserscheinungen der Weimarer Republik. Es gab Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung, auch zum preußischen Landtag und zur Stadtverordnetenversammlung. Der Oberbürgermeister Pohlmann ging als Abgeordneter der neuen Deutschen Demokratischen Partei, der Nachfolgerin der Freisinnigen Volkspartei, in die Weimarer Nationalversammlung, mein Vater als deren Spitzenkandidat und dann Fraktionsführer ins neue Stadtparlament. Für dieses gab es einen lebhaften Wahlkampf. Nach der Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts war die Zusammensetzung des Stadtparlaments ganz anders geworden. Die katholische Zentrumspartei stellte als stärkste Fraktion den Arzt Dr. Max Reichel als Stadtverordnetenvorsteher. Wegen der langjährigen Amtszeit, Erfahrung und das Prestiges meines Vaters nannte sich Dr. Reichel manchmal scherzhaft den Stadtverordnetennachsteher. Es gab nun auch eine polnische Fraktion im Stadtparlament, geführt von dem Frauenarzt Dr. v.Mielecki.
Ich habe ja schon bemerkt, daß einem als in der Stadt Kattowitz lebenden Jungen bis 1918 die einschneidende politische Bedeutung der polnischen Frage für Oberschlesien gar nicht so bewußt geworden war (4). Oberschlesien hatte ja schon lange nicht mehr zu dem unabhängigen polnischen Staat gehört, dessen Teilung und Verlust der Unabhängigkeit bei der Bevölkerung der entstandenen Teilgebiete einen starken Widerstandswillen und Sehnsucht nach Wiederherstellung ihres unabhängigen Polens wach hielten.
So hatten sich auch die verschiedenen polnischen Aufstände des früheren 19.Jahrhunderts nicht auf Oberschlesien ausgedehnt. In Oberschlesien vertrat die katholische Zentrumspartei lange auch die Interessen der polnisch sprechenden Bevölkerung, aber es bildeten sich polnische Vereine und Genossenschaften, bis 1903 zum ersten mal Wojciech Korfanty als ein polnischer Abgeordneter in den Reichstag gewählt und 1907 von weiteren gefolgt wurde. Nach dem Eintritt der USA in den 1. Weltkrieg wurden die 14 Punkte ihres Präsidenten Wilson offizielle Friedensziele der Alliierten, Punkt 13 sah die Wiederherstellung eines unabhängigen Polens vor (6). Für Oberschlesien stellte sich der "Kleindruck" als das Wichtigste heraus. Es waren nicht mehr die historischen Grenzen vor Polens Teilungen gemeint, sondern alle "von einer unbestreitbar polnischen Bevölkerung bewohnten Gebiete".
Damit war nun auch Oberschlesien, obwohl es nicht ein Teilungsgebiet war, deutlich anvisiert. Nachdem wir in Kattowitz zunächst im November die Aufregungen und Veränderungen der deutschen Revolution von 1918 mitmachten, wurde es langsam klar, daß die Friedensbedingungen, mit denen Deutschland konfrontiert war und für die noch das kaiserliche Kabinett des Prinzen Max von Baden Anfang Oktober die 14 Punkte Wilsons als Basis hatte annehmen müssen (7), ganz ernstlich die Einverleibung Oberschlesiens in den neuerstehenden polnischen Staat einschlossen. Es entwickelte sich bald eine lebhafte gegenseitige Propaganda mit Demonstrationszügen und Protestkundgebungen, an denen auch die Schuljugend beteiligt wurde. Vor Wohnungen oder Geschäften von polnischen Führern wurde demonstriert, die, wie gesagt, oft aus Posen stammten und bis dahin garnicht so bekannt waren, aber die Gemüter wurden weitgehend
beherrscht von dem Namen Korfantys.
Der war ja nun wirklich ein Oberschlesier. In meiner Familie war er nicht unbekannt. Als Gymnasiast hatte er dem jüngsten Bruder meines Vaters, Paul, Nachhilfestunden gegeben. Die Familie Grünfeld stand damit nicht allein. Ruth Storm, Tochter des Verlegers und Buchhändlers Carl Siwinna, Herausgeber der Kattowitzer Zeitung, berichtet (in ihrem Buch "..und wurden nicht gefragt" S.50), daß der Pfarrer sich bei ihrer katholischen Großmutter für den intelligenten, aber armen Jungen Korfanty eingesetzt hatte, und er den Geschwistern ihres Vaters Nachhilfestunden gab. Im Reichstag wurde er bald prominent unter den polnischen Abgeordneten. Nach dem Zusammenbruch im November 1918 kam es in Posen gleich zur Bildung eines polnischen Volksrats. Korfanty gehörte zu seiner Leitung, profilierte sich also schon damals über seine oberschlesische Stellung hinaus auf der gesamtpolnischen Szene.
Der Friedensvertrag von Versailles sah ebenso wie für einen Teil Westpreußens vor allem für Oberschlesien eine Volksabstimmung vor (9). In Vorbereitung und während der Abstimmung sollte Oberschlesien von deutschen Truppen geräumt und von alliierten Truppen besetzt werden. Der Versailler Vertrag vom 28.Juni 1919 trat aber erst nach seiner Ratifizierung am 10.Januar 1920 in Kraft und die Besetzung Oberschlesiens durch alliierte Truppen erfolgte Ende Januar 1920. Inzwischen hatte es im August 1919 einen polnischen Versuch gegeben, mit dem 1.polnischen Aufstand ein "fait accompli" zu schaffen und die Abhaltung einer Abstimmung in Oberschlesien hinfällig zu machen. Er dauerte nur wenige Tage und wurde von den Deutschen niedergeschlagen. Zu dieser Zeit gab es bereits Gruppen von Freikorps beider Seiten, die in die Kämpfe verwickelt waren und von nun an bis zur Durchführung der späteren Teilung Oberschlesiens nicht mehr von der Szene verschwinden sollten. Dieser erste polnische Aufstand war doch ein blutiger Zwischenfall und erregte auch nachträglich Beunruhigung und Bedrücktheit. Es kamen dann noch die Kommunalwahlen vom 28. November 1919, die starken Zuwachs polnischer Stimmen zeigten (10).
In der Deutschen Demokratischen Partei wurde Otto Ulitz, anfänglich noch in seiner Uniform des Polizeikommissars, sehr aktiv und ein häufiger Besucher meines Vaters und Begleiter an Wochenendspaziergängen, zu denen ich ja oft mitgenommen wurde. Er wurde dann zu einer Schlüsselfigur bei den deutschen Vorbereitungen für die Abstimmung. Ich nahm regen Anteil an all diesem Geschehen, und das taten auch alle in der Schule.
Meine Klasse war wie alle in diesem Gymnasium gut gemischt. Die meisten waren aus oberschlesischen Familien, viele auch Söhne von preußischen Beamten, Leuten aus der Industrie und Wirtschaft oder auch freien Berufen, die aus anderen Teilen Deutschlands gekommen waren. Katholiken waren in der Überzahl, ebenso gab es einen verhältnismäßig hohen Anteil von Protestanten und einige jüdische Mitschüler. Religionsunterricht hatten wir nun bei dem Rabbiner Dr. de Haas, und es interessierte mich immer noch sehr. KarlHeinz Lubowski blieb ein guter Freund, trotzdem er ein Jahr früher ins Gymnasium gekommen war und immer eine Klasse über mir blieb. Er hatte dort einen sehr aufgeweckten und anregenden Kreis und ich war diesem dann im Laufe der Jahre eher näher als meiner eigenen Klasse, und das traf auch für die jüdischen Mitschüler zu.
Wir waren dann bald in einem Alter, wo wir etwas von dem kulturellen Leben in Kattowitz mitbekommen konnten. Das moderne Stadttheater am Ring, das die Stadtväter Anfang des Jahrhunderts erbaut hatten, präsentierte sich als ein Wahrzeichen der so schnell aufgewachsenen Stadt, die ja nicht reich an repräsentativen Bauten war. Freunde der Eltern, wie Dr. Speiers und das Ehepaar Pohlmann waren auch mit Direktor LischkaRaul und anderen im Theater befreundet. Meine Eltern allerdings interessierten sich mehr für Besuch der Vorstellungen als hinter den Kulissen. Wir Kinder hörten doch schon darüber, was im Theater gerade gespielt wurde, manchmal durften wir auch hin. Zu den Volks und Wanderliedern, die schon lange die Kinderlieder abgelöst hatten, kamen nun auch Operetten und andere Schlager, die populär wurden. Bei der Operette war auch Mizzi Will, die Tanzstunden für Kinder unseres Alters veranstalten wollte. Das sollte sich abwechselnd in verschiedenen Häusern abspielen, und es gehörten zu dem Kreis, der sich fand, auch Kinder aus einigen jüdischen Familien. Es war ganz spaßig, richtige Salontänze für ganz jugendliche Paare.
Ein Mädchen, das teilnahm, aber mit der wir dann kaum Kontakt behielten, war Lotte Altmann, in deren Haus wir auch waren. Ihre Mutter war aus der Familie des orthodoxen Frankfurter Rabbiners Samson Raphael Hirsch, Gründers der religiös sehr orthodoxen, aber sonst für Assimilation stehenden Gruppe des deutschen Judentums, die sich "Austrittsgemeinde" nannte. Es gab manche Familien in Oberschlesien, die sich zu dieser Gruppe rechneten, und die große Familie Altmann war prominent unter ihnen. Ich erinnere mich an den Senior der Kattowitzer Familie, Leopold Altmann, der nach Vaters 50. Geburtstag zu ihm kam, um ihm zu gratulieren. Er war viel älter als mein Vater, war nicht zum Empfang und Frühstück gekommen. Es bestand eine deutliche Distanz in der privaten Sphäre zwischen diesen orthodoxen Familien und denen, die wie meine Eltern jüdischen Gebräuchen fernstanden, aber es gab gegenseitigen Respekt und eine gemeinsame Gemeinde. Die Eltern der Lotte Altmann zogen bald weg von Kattowitz nach Frankfurt. Ich erinnere mich an sie als ein damals sehr ernstes und stilles Mädchen und habe sie hier erwähnt, weil sie in ihren späteren Jahren bekannt wurde als Sekretärin des österreichischen Dichters Stefan Zweig, mit dem sie, dann mit ihm verheiratet, im 2.Weltkrieg in Brasilien aus dem Leben schied.
Das anziehende und lebhafte kulturelle Klima von Kattowitz ist oft gerühmt worden, man nannte es manchmal KleinParis. Aus einer rückblickenden Betrachtung Arnold Zweigs, der zwar in Glogau geboren wurde, aber in Kattowitz aufwuchs, möchte ich hier zitieren (11). Er rühmt erst die "freiheitlichen Deutschen", die seine Lehrer an der Oberrealschule waren einschließlich des Direktors Hacks. Dazu möchte ich erwähnen, daß diese Schule städtisch war und ihr Direktor Hacks 1908 Vorgänger meines Vaters im Amt des Stadtverordnetenvorstehers. Arnold Zweig fährt dann fort:
"das wirkliche Leben vollzog sich im Kreise von Jugendfreunden und freundinnen; von den ersteren sind einige bekannt geworden: der Maler Ludwig Meidner, der Dichter Arnold Ulitz, der bei Langemarck verschollene Philologe Rudolf Clemens. Ich nenne diese Namen, um einen geringen Hauch des geistigen und musikalischen Lebens jener Stadt Kattowitz anzudeuten, die in Professor Oskar Meister und seinen Nachfolgern Organisatoren eines echten Musiklebens besaß und einen wirklichen Kritiker von Geschmack, Urteil und Können fand in dem Geiger und Weinhändler Paul Rappaport, Freund vieler Musiker, Kenner
moderner Literaturen...".
Es gab noch einige andere Namen von jungen Leuten jener Zeit, die später bekannt wurden, so der katholische Philosoph Pater Erich Przywara. Es gab in Kattowitz den Buchhändler Georg Hirsch, dem nachgesagt wurde, daß er diesen Kreis heranwachsender Schüler sehr angeregt und gefördert habe. Seine Buchhandlung spielte auch in meinen Zeiten, ja bis in die späten 30er Jahre eine Rolle. Meine Eltern waren eifrige Käufer von Büchern und Kunden von Georg Hirsch. Unter anderem hatte er auch die Auslieferung der "Fackel" von Karl Kraus, die mir aber fremder blieb als zum Beispiel die "Weltbühne".
Der Meistersche Gesangverein spielte in unserem Leben weiter eine große Rolle. Meine Mutter hatte eine schöne Altstimme, nahm auch weiter Gesangstunden, ihr Mitsingen im Meisterschen Gesangverein hieß, daß sie zweimal in der Woche abends zu Proben ging, später auch meine Schwester Lotte. In Konzerte durften wir schon früh gehen, nicht nur die Chorkonzerte, es kamen auch Solisten, Quartette und Orchester, und mit der Zeit lernte man die meisten damals im deutschen Konzertleben bedeutenden Künstler kennen. Der von Arnold Zweig erwähnte Musikkritiker Rappaport war besonders mit dem Violinisten Josef Joachim befreundet gewesen. Seine Tochter Hannah Rappaport nahm auch an unserer Tanzstunde für Halbwüchsige teil, und mit ihr und ihrem Mann war ich dann in späteren Jahren sehr befreundet.
Nach diesem Rückblick auf die erfreulicheren Seiten des Lebens muß ich mich wieder den Erinnerungen an die weitere Entwicklung in den Kämpfen um das Schicksal Oberschlesiens zuwenden.