Rückblicke

Chapter 3

Chapter 33,665 wordsPublic domain

Meine Mutter war das jüngste der drei Kinder. Die ältere Schwester Frieda war verheiratet mit Dr. Paul Gerber in Königsberg, Arzt und auch Schriftsteller (37), Mutters Bruder Walter Oettinger war Arzt, Bakteriologe, außerordentlicher Professor an der Universität Breslau (38). Die Geschwister und einige der Vettern und Kousinen meiner Mutter wurden protestantisch. Eine der engsten Freundinnen meiner Mutter in ihrer späten Jungmädchenzeit in Breslau war Stella Whiteside, später verheiratet mit Dudley Braham, eine von zwei englischen Schwestern, die damals in Schlesien lebten und englischen Unterricht gaben. Sie hat mir viel später, als ich sie nach dem 2. Weltkrieg in London wiedersah, erzählt, daß sie dabei war, als meine Eltern sich zum ersten Mal sahen (39).

Kapitel 3

Kindheit und frühe Jugend

Nachdem ich nun versucht habe, ein Bild von Vorgeschichte und "background" zu skizzieren, kehre ich wieder zu meinen eigenen Kindheits­ und Jugenderinnerungen zurück, mit denen wir begonnen hatten. Wir wohnten in einer großen Villa, von der Friedrichstraße, Hauptverkehrsader der Stadt, durch einen Vorgarten, mit Bäumen und Sträuchern dicht bewachsen, Blumenbeten und Spazierwegen dazwischen, abgeschirmt. Im ersten Stock war aber auf diesen Garten und die Friedrichstraße hinaus ein großer Balkon, von dem man die Straße gut sah und so am Leben, das da vor sich ging, Anteil nehmen konnte. Da zogen vorbei die jährliche große Fronleichnamsprozession und andere festliche Umzüge, viele lange Beerdigungszüge, oft mit ein oder mehreren Musikkapellen, manchmal Gruppen von schön uniformierten Bergleuten dabei, Truppen marschierten ein und aus, Demonstrationen und auch Schlimmeres. Gegenüber unserem Vorgarten, an der anderen Ecke der Schulstraße lag die evangelische Kirche, auch mit großem Vorgarten, aber doch so, daß das Kommen und Gehen auch zu unserer kindlichen Umwelt gehörte, ebenso wie bei den beiden Mittelschulen uns gegenüber an der Schulstraße.

Westlich angrenzend, an der Friedrichstraße, war in meiner frühen Kindheit das Haus der Großeltern Grünfeld, 1870 gebaut, in dem bis 1913 die Großmutter wohnte, mit zwei verwitweten Schwestern des Vaters und deren Kindern. Nördlich von beiden Häusern zog sich ein großer Garten bis zum Rawafluß hin, mit einer Spielwiese an der Rawa, einem Tennisplatz, viel Obstbäume und Gemüsegarten, Holunder, Jasmin und dann waren da auch Ställe für die Pferde und Haustiere. Wir Kinder hatten also ein Paradies und immer viel Besuch von anderen Kindern, die beinahe täglich zum Spielen kamen. Auch sonst war immer viel Besuch. Das Haus war nicht leer, denn es brauchte ja viel Hilfe, und diese Menschen waren auch Teil der kindlichen Welt.

Unser Haus hatte 14 Zimmer und war nicht nur in meiner Erinnerung, sondern auch nach dem Urteil vieler Besucher, die kamen, ein besonders schönes Haus. Im Erdgeschoß zog sich eine große Diele beinahe durch die ganze Länge des Hauses, links waren ein Eßzimmer, mit angrenzender Anrichte, Küche etc., rechts drei weitere Wohnräume, Herrenzimmer, Salon und Damenzimmer. Im 1.Stock waren die Schlaf- und Kinderzimmer und zwei Gästezimmer.

Da das Haus so groß war, hatten wir von bald nach Kriegsbeginn dauernd Einquartierung. Das zog sich bis etwa 1925 hin, und die Wechsel der politischen Geschicke spiegelten sich auch für uns Kinder dabei wieder.

Wir waren aber gar nicht auf das Haus und den großen Garten begrenzt. Spazierengehen spielte eine große Rolle. 1910 wurde meine Schwester Lotte und 1912 Marianne geboren, wir waren dann zu dritt, auch hatten wir für lange Zeit immer ein Kinderfräulein. Bei der Ziegelei der väterlichen Firma draußen in Karbowa war auch ein Garten eingerichtet, hauptsächlich Gemüsegarten, auch mit Obst und Beeren. Morgens wurde wochentags immer ein Spaziergang nach Karbowa gemacht, oft mit der Mutter, dann spielten wir morgens dort und gingen zum Mittagessen wieder nach Haus.

Das waren diese Spaziergänge durch die Felder zwischen Kattowitz und dem "Vorwerk" Karbowa, wo man mit den Bauern und Bäuerinnen bekannt wurde, die meist polnisch sprachen, aber mit uns deutsch. Wir machten aber auch Spaziergänge in den "Südpark" von Kattowitz oder in die Stadt. Zu frühesten Erinnerungen gehört ein Besuch bei uns von Mutters englischer Freundin Stella Braham mit Sohn Harold, wenig älter als ich. Es verwirrte mich, als er in meiner Badewanne gebadet wurde. Dann erinnere ich mich auch an verschiedene Einzelheiten von Ferien in Rauschen in Ostpreußen im Sommer 1912, so auch wie wir in Königsberg bei den Verwandten Gerber im Garten saßen und der Onkel Paul Gerber dazukam und wir ihm Guten Tag sagten. Das sind solche blitzartigen Erinnerungen einzelner Szenen aus kindlicher Vergangenheit.

Zu den Erinnerungen aus frühester Kindheit gehören auch die regelmäßigen Besuche bei den Großeltern Oettinger in Breslau. Damals fuhren wir immer mit dem Zug, erst einige Zeit nach dem ersten Weltkrieg wurde das auch schon mal im Auto gemacht. Die Großmutter holte uns am Bahnhof ab, und wir fuhren in einer Droschke in die Wohnung der Großeltern.

Die Großmutter war immer ganz außer sich, wenn wir ankamen, und überfiel uns mit vielen Küssen. Sie war eine sehr lebhafte und, ich glaube, recht kapriziöse Frau, hielt immer viel auf elegantes Aussehen und elegante Kleidung. Mutters sowohl wie unsere Kindergarderobe wurde immer als recht unzureichend empfunden, und es folgten große Einkaufsexpeditionen in Breslau, wo es ja auch größere und elegantere Geschäfte als in Kattowitz gab. Meine Mutter war weit weniger modebewußt als die Großmutter, ja ihr lag eigentlich viel eher eine betonte Einfachheit, so mußten diese Einkaufsexpeditionen ihr manchmal aufgezwungen werden, aber die Großmutter war sehr lebhaft und energisch. An den Großvater erinnere ich mich als sehr ruhig, ausgewogen und verständnisvoll, er konnte auch manchmal sehr böse werden, das war dann schlimmer, als wenn er es immerfort beim kleinsten Anlaß geworden wäre. Er bleibt mir von frühester Kindheit an in sehr lieber Erinnerung.

In unserem Leben in Kattowitz gab es dann, bis ich Ostern 1915 in die Schule kam, zwei einschneidende Ereignisse. Zunächst in der Familie: Im Herbst 1913 starb die Großmutter Grünfeld. Der Großvater war schon 1894 gestorben, ich hatte ihn nur von den großen Portraits gekannt, die in Wohnung und Büro des Vaters hingen. Auch die Großmutter Grünfeld habe ich nur wenig gekannt. Wenn wir sie besuchen durften, saß sie fast immer in einem Sessel. Ich weiß, daß ich sie gerne besuchte und daß es mich beeindruckte, aber meine Erinnerungen bleiben vage. Meine Tante Grete Grünfeld, Tochter des Bruders der Großmutter des Elias Sachs, und später nicht nur ihre Nichte, sondern auch ihre Schwiegertochter, als sie den jüngsten Bruder des Vaters, Dr. Paul Grünfeld heiratete, beschreibt die Großmutter Grünfeld als "eine schöne, naturhaftkraftvolle und dominierende Persönlichkeit" und dann noch: " Die große Verwandtschaft. .. vereinigte sich im schönen Grünfeldschen Heim in Kattowitz beim allwöchentlichen Freitagabendessen um die dominierende Schwiegermutter. Diese naturhafte Frau strömt in meiner Erinnerung immer noch einen Waldduft aus, den sie von ihren alltäglichen Spaziergängen mitbrachte. Zu ihrer außerordentlich kraftvollen Konstitution hatte ihr das Schicksal den "sacro egoismo"...mitgegeben. Schönes Haus, prächtiger Garten, reichliche Dienerschaft hielten sie nicht ab, alljährlich viele Monate in ihrem geliebten Marienbad zu verbringen, wo die Kinder sie abwechselnd besuchten. Niemand konnte ihrer imponierenden Persönlichkeit etwas versagen oder sie beeinflussen".

Das Haus der Großeltern aber war mir ganz vertraut, der Garten war ja gemeinsam, und da war ein großes Maiglöckchen Beet, das sie besonders liebte, und ich erinnere mich auch, daß sie in den Garten kam. Die verwitweten Töchter, die mit ihr im großelterlichen Haus lebten, waren Lucie Hirschel, deren Mann, Landgerichtsrat Max Hirschel, 1904 in Gleiwitz starb, mit den zwei noch jugendlichen Kindern Hans und Gretel, und Minna Epstein, deren Mann Justizrat Salomon Epstein, seinerzeit auch Stadtverordnetenvorsteher von Kattowitz, 1909 dort starb. Von ihren zwei schon erwachsenen Töchtern wollte die jüngere Ellen Pianistin werden, die ältere Margot war im Pestalozzi­Froebel Haus in Berlin als Kindergärtnerin ausgebildet und hielt einen großen Kindergarten im Hause ab. Frühe Versuche, mich dort hinein zu bringen, scheiterten. Es tut mir noch jetzt leid. War ich so scheu oder so schwierig? Ich bin doch dann ein sehr geselliger und jedenfalls Gesellschaft suchender Mensch geworden.

Ich erinnere mich auch an ein Gartenfest, zu dem die Großmutter einlud. Wir kleinen Kinder nahmen eigentlich nicht teil, aber am Anfang durften wir es uns ansehen. Es war ein Kostümfest mit vielen Lampions und Musik. Gretel Hirschel führte uns hin, nachdem wir vorher noch gesehen hatten, wie sie ihr Kostüm anzog. Sie war einige Jahre älter als ich, ich war noch nicht fünf Jahre. Bei dem Fest war viel Jugend. Die beiden Epstein Töchter und die Geschwister Hirschel und ihre Freunde machten überhaupt den Garten belebter, und es wurde auch viel Tennis gespielt.

Als ich gerade 5 Jahre war, starb die Großmutter Grünfeld. Es wurde uns zunächst nichts gesagt. Aber an einem Nachmittag sollten wir ins Nebenhaus gehen, es gab einen direkten Durchgang von unserem Eßzimmer in eine Art Loggia im Großelternhaus. Es waren furchtbar viel Menschen dort, viel Famìlie, und Tante Lucie Hirschel begrüßte uns, ich fragte nach der Großmutter, und sie machte eine Handbewegung zur Decke hinauf. Jetzt verstand ich, Großmutter war nun im Himmel.

Das wußte ich also schon vom Tode. Man hatte tote Tiere gesehen, es gab so oft Beerdigungszüge, auf unserem Weg nach Karbowa kam man am evangelischen und am katholischen Friedhof vorbei, wir gingen mit dem Kinderfräulein auch manchmal da durch. Am katholischen brannten zu Allerheiligen und Allerseelen auf allen Gräbern kleine Kerzen, ein starker Eindruck schon der frühesten Jugend. Der jüdische Friedhof lag ganz woanders, es dauerte noch lange, bis ich davon wußte.

Religion wurde im Elternhaus nicht sehr groß geschrieben. Wir lernten, ein Nachtgebet zu sagen, nicht nur das Kinderfräulein, auch die Mutter hielten darauf, daß wir es nicht vergaßen, es wurde Weihnachten mit großem Baum und viel Kerzen und Geschenken gefeiert für uns Kinder und natürlich das Hauspersonal mit Familien, und noch Verwandte oder Bekannte, die dazu kamen. Aber ich habe eigentlich keine Erinnerung, daß der liebe Gott selbst dabei so eine Rolle spielte. Daß wir jüdisch waren, erfuhr ich eines Tages eigentlich durch Zufall, ohne eine Vorstellung zu haben oder je gehört zu haben, daß es so etwas gab oder was es bedeutet. Es war ein Tag des Großreinemachens gewesen, und unsere Matratzen und Bettzeug lagen alle auf unserem Balkon und ein Teppichklopfer auch. Es war Spätnachmittag, als ich auf den Balkon kam und nicht widerstehen konnte, mit dem Teppichklopfer auf die Matratzen einzuhauen, so wie ich es vorher von den Hausmädchen gesehen hatte.

Ich war wohl grade sechs Jahre. Da kam das Kinderfräulein ganz aufgeregt, ich muß sofort aufhören, was sollen denn die Leute draußen denken, der jüdische Feiertag hat doch schon angefangen und siehst Du, dort auf der Straße geht grade Dein Vater vorbei auf dem Weg in die Synagoge. Und richtig, er ging dort im Zylinderhut und schwarzem Gehrock. Am nächsten Tag war Vater noch einmal gegangen, und ich sah den Zylinder unten in der Diele liegen. Ich weiß nicht, was und wieviel mir die Eltern damals erklärten. Es war mir in späterer Zeit klar, daß es der Versöhnungstag war und der Vater am Vorabend zum KolNidre Gottesdienst gegangen war. Etwas mehr von der Bedeutung von Religion und, daß wir jüdisch waren, sollte mir eigentlich erst klar werden, als ich Ostern 1915 in die Schule und damit auch zu jüdischem Religionsunterricht kam.

Nach dem Tod der Großmutter gab es große Veränderungen. Von ihren zehn Kindern hatten mein Vater und zwei schon erwähnte Schwestern in Kattowitz gewohnt, die älteste Schwester Martha Kaiser und der jüngere Ernst, orthopädischer Chirurg lebten in Beuthen, und dort lebten auch die beiden jüngsten Kinder, Dr. Paul Grünfeld, Direktor bei der Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld und Ida Benjamin, deren Mann Felix Benjamin bei Rawack und Grünfeld führend wurde. Rawack & Grünfeld hatte beschlossen, ihren Hauptsitz von Beuthen nach Berlin zu verlegen, und die beiden Familien Paul Grünfeld und Felix Benjamin sollten Anfang 1914 nach Berlin ziehen. Nun nach dem Tod der Großmutter wurde das großelterliche Haus verkauft und zwar an die Deutsche Bank, und die beiden Tanten mit ihren Kindern zogen auch

nach Berlin.

Also von den zehn Geschwistern blieben nun nur noch drei in Oberschlesien. Für meine Eltern war das wohl noch eine viel größere Veränderung als für uns Kinder. Meine Mutter hatte sich mit Margot Epstein angefreundet, die auch später zu Besuch kam oder mit Mutter und uns auf Ferienreisen ging.

Die Deutsche Bank baute lange um, ihr Direktor war Herr Böhnert, und die Böhnerts, die dann im 1.Stock im Nebenhaus wohnte, hatten zwei Kinder, Horst und Vera, in Lottes und meinem Alter, und wir haben dann viel mit ihnen gespielt.

Das weitere Ereignis, das dann kam, war einschneidender in viel weiterem Sinn, der Ausbruch des 1.Weltkriegs. Ich hatte schon in den Tagen vorher etwas von Krieg gehört, es war eine große Spannung, und man spürte Angst und Aufregung in der Umgebung. Am Tag davor, als wir in der Stadt waren, lief ein älterer Offizier mit einem dicken roten Streifen an den Hosen, wie ich sie noch nie gesehen hatte, es war ein Generalstabsoffizier, wurde gesagt, ganz schnell über die Straße, und die Mutter sagte, na da wird es wohl Krieg geben, wenn der es so eilig hat. Die Szene ist bei mir immer mit der Erinnerung an den Kriegsausbruch verbunden geblieben.

Am nächsten Tage war es nun Krieg. Es wurden so viele Leute, auch aus unserer Bekanntschaft in Kattowitz eingezogen. Vater war bald 49 Jahre und war dispensiert. Auch hieß es, alle guten Pferde müßten abgegeben werden. Wir fuhren mit den Eltern nach Karbowa am Bezirkskommando des Militärs vorbei, mein Vater hatte es gebaut, und man winkte, daß wir mit den Pferden gleich hineinfahren sollten. Das tat mein Vater nicht, aber dann mußten wir die Pferde doch bald abgeben. Sie hießen Wolfram und Ingram und ich war ihnen sehr zugetan. Sie gehörten sehr zu unserem Leben, und wir besuchten sie oft in ihrem Stall. Nun war ich untröstlich. Bald erkundigte ich mich, ob man gehört hat, wie es ihnen geht. Man hatte noch nichts gehört, aber dann sagte der Diener Karl Glowig zu jemandem so zur Seite, wahrscheinlich sind sie schon längst zerschossen. Wieder eine merkwürdige Erinnerung an die ersten Kriegswochen, aber nichts hatte mir zunächst so klar gemacht, als die Seitenbemerkung, die ich nicht hören sollte, was der Krieg ist. Dabei brauchte es dies sehr bald nicht mehr. Der russische Vormarsch in Ostpreußen war durch die Schlacht bei Tannenberg aufgehalten worden, aber im Süden waren die Russen in Galizien gegen die Österreicher für längere Zeit erfolgreich und versuchten auch nach Schlesien vorzudringen. Wir hörten Kanonenfeuer, wie es hieß von Olkusz, die Stadt füllte sich mit Verwundeten, Hilfslazarette wurden uns gegenüber in den Mittelschulen eingerichtet, man sah viel mehr Soldaten in der Stadt und wir bekamen Einquartierung.

Ein oder beide Gästezimmer waren dann während des ganzen Kriegs von deutschen Offizieren als Einquartierung belegt, aber die erste, an die ich mich gut erinnere, war viel größer. Im Erdgeschoß wurden Salon und Damenzimmer dem Oberstleutnant v.d.Mölbe und seinem Stab überlassen, der vorübergehend mit Truppen in Kattowitz inmitten der Krisensituation stationiert war. Schon Tage vorher hatte es geheißen, daß wir alle nach Berlin abreisen müßten, es wurden große Kabinenkoffer herausgeholt und provisorisch gepackt. Die beiden Wohnzimmer, in denen die Offiziere waren, gingen durch eine weite Schiebetür, die meist offen war, in unsere große Diele, es war ein Kommen und Gehen. Einmal kam ein neuer Offizier zu den Eltern, wurde dem Oberstleutnant vorgestellt, der sehr erstaunt war. Erst viel später wurde mir erklärt, der war auf Veranlassung von Onkel Walter Oettinger gekommen, der hatte seine Stellung an der Universität Breslau aufgegeben und war damals als Stabsarzt im nahen Oppeln stationiert. Er ließ sagen, wie man die Lage in Oppeln sah, sollten wir nach Berlin abreisen. Er hatte ja nicht gewußt, daß wir unterdeß auch so gut informierte Einquartierung hatten. Die waren dann der Ansicht, daß die Gefahr weiteren russischen Vordringens einstweilen behoben sei, und wir blieben. Aber der Alarm wiederholte sich noch mehrmals, und die Koffer blieben einige Zeit gepackt. Die v.d.Mölbe Einquartierung, die sich meinem Gedächtnis so eingeprägt hat, war bald vorüber.

Die Offiziere, die dann als Einquartierung bei uns wohnten, aßen auch oft bei den Eltern. Sie wechselten oft, auch verschiedene Ränge, manchmal auch gar keine Berufsoffiziere, einer war aus Frankfurt a. Main, kam beinahe täglich, sein Dialekt machte mir Spaß, es gab immer Wein.

Inzwischen kam ich im April 1915 in die städtische Knabenmittelschule als meine Vorschule. Mein Vater war sehr stolz, daß die Stadt diese Art Schulen unterhielt. Die meisten Schüler würden dort ihre Schulbildung nur bis zur mittleren Reife beenden, er fand das sehr gut, daß ich in so einer Schule anfing. Ich weiß nicht mehr, ob ich Schule gleich gern hatte, aber sehr bald hatte ich es, nur mit dem Schreiben war es schwer. Ich war nämlich vorzugsweise Linkshänder, manches machte ich automatisch rechtshändig, manches nicht, und beim Schreiben hatte ich unwiderstehlichen Vorzug für die linke Hand, aber das wurde nicht erlaubt, und es kostete mir mehr Mühe es zu lernen, ich bekam eine schlechte Schrift, noch für Jahre mahnte der Vater immer, ich sollte Schönschreibeunterricht nehmen.

Das Kriegsgeschehen machte sich natürlich auch in der Schule bemerkbar. Es gab Siegesfeiern und Apelle für Sammlungen.

Ich konnte nun auch an der Tätigkeit und den vielen Interessen des Vaters schon mehr Anteil nehmen. Er wollte das sehr, und ich bin dankbar dafür.

Trotz seinem vielfältigen Engagement im öffentlichen Leben glaube ich doch, daß seine berufliche Tätigkeit als Baumeister ihm wirklich am Herren lag. Morgens ging er täglich zunächst auf Besuche der Bauten, dann in die Ziegelei und zu anderen Nebenbetriebe, nach Karbowa, und schließlich nach Hause ins Büro, das dem Wohnhaus angegliedert, auf dem Grundstück nunmehr der Deutschen Bank war. Ich wurde schon manchmal mitgenommen bei Besuchen zu Bauten und der Ziegelei und immer mehr, je älter ich wurde, besonders zu Fahrten über Nikolai nach Lazisk, wo das Elektrizitäts­ und Karbidwerk der Prinzengrube gebaut wurde. Auch über Vaters Rolle als Stadtverordnetenvorsteher wußte ich bald mehr. Auf dem Ring der Stadt gab es Siegesfeiern und Apelle, eine große Hindenburgbüste wurde aufgestellt, und das Publikum sollte Nägel je nach gestifteten Beträgen aus verschiedenen Metallen kaufen und selbst einschlagen. Der Vater als Stadtverordnetenvorsteher mußte auf einer Eröffnungsfeier den ersten Nagel einschlagen und eine Rede halten, auch im Zylinder und Gehrock. Natürlich wurde in der Schule dann auch darüber gesprochen.

Beginn der Schulzeit hieß für mich das Aufhören der täglichen Morgenausflüge nach Karbowa und dadurch ein Stück weniger von der Naturnähe, in der wir, obwohl wir Industriestadtkinder waren, aufwachsen durften. Der Garten hinterm Haus sorgte immer noch dafür, daß dies keineswegs verschwand, der Krieg brachte sogar, als die Verpflegung schwieriger wurde, einen Zuwachs des Tierbestandes. Ingram und Wolfram waren durch zwei schwerere Brabantertype Pferde ersetzt worden, die aber keine kindlichen Zuneigungen mehr hervorriefen. Aber jetzt gab es auch Ziegen, eine Kuh, viele Hühner, Enten, Gänse und dann auch Schweine.

Es ist eine vielleicht erstaunliche Tatsache, aber ich empfinde es noch heute so, daß die ersten Religionsstunden, die ich in der Schule hatte, auf mich einen überwältigenden Eindruck gemacht haben. Der Lehrer Weissmann, mit einem kleinen weißen Bart, sah so etwa wie ein Patriarch aus, und erklärte alles über den lieben Gott anhand des alten jüdischen Gebets Adon olam, ein sehr schönes Gebet, das die Macht Gottes beschreibt. Ich war sehr beeindruckt durch alles Religiöse und natürlich eingenommen für alles Jüdische, durch das mir diese Welt der Religion nahegebracht worden war. Wir wurden aufgefordert, Sabbath nachmittags die Jugendgottesdienste zu besuchen, die Eltern erlaubten es mir schließlich, sie verstärkten meine Faszinierung mit Religion und Jüdischsein. Der Vater trug mir auf, dem alten Rabbiner Dr. Jakob Cohn guten Tag zu sagen und ihn zu grüßen, ein angeheirateter Vetter des Vaters. Auch stellte sich bald heraus, daß der Vater auch dem Vorstand der Synagogengemeinde angehörte. Da meine Begeisterung für diese Sphäre aber beiden Eltern zu viel wurde, mußte ich nach einiger Zeit die Besuche der Jugendgottesdienste immer mehr einschränken, durfte auch zu den Feiertagen nur nach harten Kämpfen zum Gottesdienst gehen, aber am Versöhnungstag konnte ich mit dem Vater zusammen in die Synagoge gehen, eine wirkliche Versöhnung. Es blieb ein großer Schmerz, daß meine Mutter dem so fern stand. Die anderen jüdischen Kinder gingen nach einiger Zeit auch noch nachmittags in die hebräische Unterrichtsanstalt im Gebäude der Jüdischen Gemeinde, wohl so etwas wie ein alter jüdischer Cheder. Ich durfte das nicht. Es wurde gesagt, ich könnte dann ein Jahr vor meiner Barmitzwah Privatstunde in Hebräisch haben.

Unter den Freunden meiner Eltern erinnere ich mich aus dem engsten Kreis an den Frauenarzt Dr. Ernst Speier mit seiner Frau Rosa, deren Großvater Fröhlich 1825 der erste jüdische Einwohner des Dorfes Kattowitz war. Sie war sehr begabt und anerkannt für ihre öffentliche Tätigkeit.

Sie hielt gute Reden und organisierte, war Vorsitzende des Vaterländischen Frauenvereins, der im Krieg mit Fürsorge und Lazaretten besonders aktiv wurde. Meine Mutter war auch im Vorstand, und wir haben als Kinder da auch viel darüber gehört und miterlebt. Dann waren andere Arztehepaare, unser damaliger Hausarzt Dr. Proskauer, Dr. Max Koenigsfeld, Augenarzt Dr. Ernst Lubowsky, dessen Bruder Ingenieur Heinrich Lubowski. Frau Dr. Lubowski und Dr. Koenigfeld gehörten auch sehr aktiv zum Vaterländischen Frauenverein. Frau Speier, Lubowsky und Mutter sangen auch regelmäßig mit im Meisterschen Gesangsverein und waren im Vorstand. Der Vorsitzende des Vereins, Dr. Ehrenfried, gehörte auch zum engeren Bekanntenkreis, ebenso der Direktor der Kunigunde­Zinkhütte Zoellner, mit seiner österreichischen Frau, die mit einer sehr schönen Altstimme konzertierte. Sie hatten zwei Söhne und Koenigfelds zwei Töchter in unserem Alter, und bei Dr. Lubowski war es Sohn Karl Heinz und den andern Lubowskis Horst, die alle regelmäßig zu uns zum Spielen kamen und den Kern der Freunde der Kindheits­ und Schulzeit bildeten.

Am 3.Oktober 1915 feierte mein Vater seinen 50.Geburtstag, es kamen viele Leute, der Oberbürgermeister Pohlmann hielt eine Rede, ich konnte schon soweit zählen, daß ich feststellte, der Frühstückstisch für den Empfang nach der Gratulationskur war für 50 Personen gedeckt. Für uns Kinder warf der Tag schon vorher seine Schatten voraus: Rosa Speier hatte ein langes Gedicht gemacht, für uns drei Kinder mit verteilten Rollen aufzuführen, auch Marianne, noch nicht ganz drei Jahre, hatte etwas zu sagen. Das ging weit über die kleinen Gedichte heraus, die man bisher bei Geburtstagen usw. aufzusagen hatte. Wir waren uns also der Bedeutung des Tages schon vorher wohl bewußt.