Rückblicke

Chapter 26

Chapter 263,432 wordsPublic domain

Am Bahnhof wurde ich abgeholt von Fred Rau und Oskar Lazar, Inhaber des Chemischen Laboratoriums McLachlan & Lazar, ein guter Freund Derbys in Südafrika, der eine Handelsfirma "Minerals & Plant (Pty.) Ltd" in Johannesburg gegründet hatte, um die Vertretung von Derby zu übernehmen. Der als geschäftsführender Partner von Lazar vorgeschlagene junge Anwalt, den Fred Rau jetzt hatte kennenlernen sollen, erwies sich als unverträglich und gab auf. Fred Rau schlug vor, daß ich in die neue Firma als geschäftsführender Partner eintreten soll und diese dann die gemeinsame Vertretung von Derby und der von Herbert geführten Grünfeld Gruppe übernehmen würde. Man besprach die Grundlinien von Verträgen dafür, nach wenigen Tagen flog ich zurück auf meinen Posten in Mufulira. Plan und Vertragsbedingungen brauchten noch die Zustimmung aller Beteiligten in London, ich mußte Einwanderungsgenehmigung für Südafrika beantragen und sechs Monate Kündigung meines Postens in Mufulira geben.

Wenn ich auf meinen Lebenslauf bis dahin, zum Jahre 1946, zurückblickte, hatte ich ja immer wieder eine Menge gutes Glück gehabt, aber es oft auch bitter nötig, denn so vieles kam mir da nicht leicht bei. Auch hier wieder gab es unerwartete Schwierigkeiten, die Bearbeitung meines Einwanderungsgesuchs zog sich hin, dann wurde es abgelehnt. Es gab einen starken Einwanderungsdrang, technische Berufe hatten bessere Chancen, für meine geplante kaufmännische Tätigkeit war das schon schwerer, aber mit den Empfehlungen der Beteiligten, der Auslandsvertretung des südafrikanischen Bergbaudepartments in London und der Schwedischen Botschaft in Pretoria hatte man gedacht, mein Antrag würde eine sichere Passage haben. Alle Beteiligten beschlossen erneute Interventionen in Pretoria.

Unterdeß war meine Kündigungszeit aber abgelaufen, der Manager, den ich vertreten hatte, aus Wales zurückgekehrt und ein Nachfolger für mich aus Johannesburg geholt worden. Ich verließ meinen Job und beschloß aus Mufulira abzureisen, zurückblickend auf eine sehr bedeutsame, auch etwas eigenartige und zurückgezogene, aber doch auch wieder anregende und lehrreiche Zeit in meinem Leben. Ich hatte mir etwas Geld gespart und beschloß in Ruhe den Ausgang der weiteren Anstrengungen in Pretoria abzuwarten. Für einige Wochen ging ich in die Hauptstadt Lusaka. Dort gab es auch interessante Bekanntschaften unter polnischen Evacuees, die in der Regierung Stellungen hatten, zum Teil im Audit­ aber auch in anderen Departments. Eine Bekannte, Janka Süsskind­Scheck, hat dann sogar im nordrhodesischen Regierungsdienst bis in die Jahre nach der 1964er Übergabe von der englischen Kolonialverwaltung an die neue Regierung des unabhängigen Zambias gearbeitet.

Dann ging ich nach Livingstone, die ursprüngliche Hauptstadt am Zambesi, nahe den Victoriafällen. Die ganze koloniale Besiedlung Nordrhodesiens war ja sehr jung, sogar bei den Maßstäben meiner Heimat im oberschlesischen Industriegebiet, aber diese kleine koloniale Stadt Livingstone hatte schon so etwas wie Patina, verglichen mit den ganz neuen Siedlungen im Copperbelt. So erschienen einem auch die jüdischen Kaufleute dort mehr alteingesessen als alte Kumpanen anderer Alteingesessener in Bowling oder Golfclubs und die Frauen bei durch die Kriegzeiten gegebenen charitativen Gelegenheiten in Uniformen der St.Johns Brigade. Besonders in Erinnerung bleibt mir die Familie Kopelowitz. Sie führten ein gar nicht pompöses, aber sehr stilvolles und gastfreies Haus. Er präsidierte auch über die jüdische Gemeinde, die Synagoge war viel benutzt, es gab auch viel Jugend und verschiedene Bekanntschaften mit deutschen jüdischen Emigrantenfamilien. Auch polnische Evacuees gab es in Livingstone. Eines Tages hörte ich, daß unter denen, die durchgereist waren, um nun doch nach Hause in die Volksrepublik Polen zu gehen, auch der alte Senator Kornke war. Meine Freunde aus Mufulira sind einige Jahre später dann auch zu ihren Familien nach Polen zurückgekehrt.

Als Höhepunkt des Aufenthalts in Livingstone bleibt mir aber der Besuch der Englischen Königsfamilie im Juni 1947 in Erinnerung. Dieser war ausgedehnter für Südafrika und Südrhodesien. Für die damalige Kronkolonie Nordrhodesien war Livingstone der einzige Punkt, in dem sich so alles für den Empfang des Königspaars zusammenzog. Es war eine außerordentlich wirksame und malerisch geplante Veranstaltung. Alle waren sehr aufgeregt und die Stimmung herzlich. Außer den üblichen Empfängen für Behörden und Honoratioren unter der Bürgerschaft gab es auch zwei großartig ausgedachte und aufgezogene Veranstaltungen, die die Begegnung des Königpaares mit den schwarzen Eingeborenen darstellten. Sie waren dem Publikum zugänglich, ich erinnere mich gut an sie. Eine besondere Ehrung wurde dem Chief des Barotse Stammes zuteil. Er beanspruchte königlichen Rang, sein Stamm hatte einst die meisten anderen im nachmaligen Nordrhodesien tributpflichtig gemacht. Symbol seiner königlichen Würde war eine zeremonielle Barke, in der er jährlich auf dem Zambesi von der Sommer­ in die Winterhauptstadt seines Stammesreiches fuhr. Nun wurde arrangiert, daß diese Barke am Ufer des Zambesi bis in die Nähe der Viktoriafälle transportiert wurde. Als Beginn ihres nordrhodesischen Besuchs fuhren der Englische König mit Familie und Begleitern in einem Motorschiff vom südrhodesischen Ufer des Zambesi herüber zum nordrhodesischen Ufer, in der Mitte des Flusses begegneten sie der traditionell geruderten königlichen Barke der Barotses mit dem Chief und Gefolge, es gab die entsprechenden Salute und Respektsbezeigung. Sehr aufgeregt über diese spektakuläre Veranstaltung, an deren Erfolg er auch, wohl schon im Zusammenhang mit dem schwierigen Transport der anthropologisch so interessanten Barke Anteil zu haben schien, war der Dr. Max Gluckmann. Ich hatte viel Zeit in seinem Rhodes­Livingstone Institut zugebracht, wunderte mich, wie jemand, dem man kommunistische Neigungen nachsagte, sich emotionell so stark mit der Stammestradition der Barotse verbunden fühlte, die einst fast ganz Nordrhodesien unterworfen hatten. Trotzdem fand ich seine professionelle Begeisterung über diese Zeremonie sehr sympathisch und nachdenklich machend. Später gab es dann die offizielle Begegnung des Englischen Königs mit den Vertretern der gesamten eingeborenen Bevölkerung, wozu die vier Chieftains der wichtigsten Stammesgruppen ausgewählt wurden. Es war eine Art Indaba auf einer großen Wiese, tausende von Schwarzen waren da, einer der Chieftains war natürlich der König der Barotse. Drei von ihnen erschienen in traditionellem Gewand oder in einer prunkvollen Uniform, aber der Häuptling des größten der Stämme, der Bemba, erschien wie ich mich erinnere, ganz ohne Prunk in einem grauen Lounge Anzug. Die Bemba waren mir gut vertraut, stellten einen großen Teil der Bevölkerung des Copperbelts.

Auf der Empore für die Begegnung mit dem englischen König konnte man auch den Chief­Induna, also etwa Kanzler, der Barotse sehen. Man hatte ihn öfters erwähnt in diesen Tagen als vermeintlich den klügsten Mann in Nordrhodesien überhaupt, dessen Rat oft bei der Regierung in Lusaka gefragt war. Ich sah ihn also, ein älterer Mann, auch in einer schönen Uniform oder Hoftracht. Viele Jahre später sollte mir auffallen, als Nordrhodesien unabhängig und der Staat Zambia wurde, da war von einem Mann seiner Stellung wenig die Rede mehr. Es waren ganz andere Kräfte, die dabei in den Vordergrund traten.

Eines Tages traf ich in Livingstone Frau Savory. Ich hatte die Savorys in den über fünf Jahren, seit ich von der Farm bei Monze wegzog, nicht mehr gesehen, aber manchmal geschrieben. Sie lud mich ein, doch einige Tage bei ihnen auf der Farm zu verbringen, wenn ich noch auf das Permit von Südafrika warten muß. Ich habe das sehr gern getan. Es war schön die Menschen und die alte Szene meiner ersten Monate im Lande wiederzusehen und diese Freundschaftlichkeit der Savorys wieder zu erfahren. Es war dann wirklich so, nach schon zwei Tagen kam das Telegramm von Oskar Lazar, mein Einwanderungsvisum war bewilligt, ich mußte mich bei den liebenswürdigen Gastgebern entschuldigen, fuhr zurück nach Livingstone und dann bald auch mit dem Zug nach Johannesburg. Es war der 17. August 1947. Mein Dasein als Kriegsflüchtling und Evakuee war nun vorüber. Ich war jetzt eingewandert in Südafrika, damals ein Dominium im Britischen Commonwealth.

P.S.: In Johannesburg war man Informationen und Literatur über die Welt meiner Vorkriegs­ und Kriegserlebnisse wieder soviel näher gekommen, als ich es in Nordrhodesien haben konnte. Bald nach meiner Ankunft 1947 sah ich in einer Buchhandlung eine dünne Broschüre "A German of the Resistance". Das interessierte mich brennend, ich hatte so wenig darüber lesen können. Es hieß weiter "The Last Letters of Count Helmuth James von Moltke". Ich hatte von ihm und dem Kreisauer Kreis im Zusammenhang mit dem mißlungenen Putsch vom 20. Juli 1944 gehört, aber nie Einzelheiten erfahren. Ich sah, daß die Mutter dieses Grafen Moltke englischer Herkunft war, die Tochter des Chief Justice des Transvaal, Sir James Rose­Inness. Die Broschüre, die ich gekauft habe, war in Südafrika herausgegeben "wegen des Papiermangels in England, um die Briefe den vielen Freunden des Grafen Moltke und der Familie Rose­Inness in Südafrika zugänglich zu machen". Es war ein Nachdruck, von dem "Round Table" herausgegeben.

Die Broschüre brachte mit Abdruck einzelner Briefe auch eine Liste der Hauptteilnehmer des Kreisauer Kreises, der sich um den Grafen Moltke gebildet hatte. Ich war sehr bewegt, als ich unter den 16 Namen, die genannt waren, so viele mir bekannt sah, so Carlo Mierendorf und Paul van Husen, der auch in Kattowitz amtiert hatte, und persönlich hatte ich drei von ihnen gekannt, es waren Theo Haubach, Adolf Reichwein und Hans Lukaschek, ich habe ihn öfters erwähnt in meinen Rückblicken. Es gab mir doch das Gefühl einer noch immer bestehenden Verbundenheit mit diesen Menschen, für die man nur die größte Bewunderung haben konnte, etwas, was einem neue Zuversicht für die europäische Zukunft geben konnte.

Anmerkungen

Anmerkungen zu "Frühes Panorama und Vorgeschichte"

1) So Thomas G.E. Powell in "Europe, Prehistory..", Encyclopaedia Britannica 1964, Bd.8 S.852/3.

2) Jazdzewski, Konrad "Urgeschichte Mitteleuropas" Wroclaw 1984 S. 271/486; auch A. Gieysztor u.a. "History of Poland", Warszawa 1968 S. 31. Als gegenteilige Meinung O. Kleemann "Vorgeschichte Schlesiens" in "Geschichte Schlesiens", Stuttgart 1961.

3) Darüber siehe ausführlich O. Pustejowsky "Schlesiens Übergang an die böhmische Krone", Köln 1975.

4) O. Karzel, "Die Reformation in Oberschlesien", Würzburg 1979, S.224, allgemein für Ausbreitung der Reformation im südlichen Oberschlesien S.150f.,206f. Maßnahmen der Gegenreformation waren aber früh wirksam: die Kirche in Woschczytz wurde für den lutherischen Gottesdienst 1628 gesperrt.

5) Für die frühen Besuche zeugt die "Raffelstädter Zollurkunde". Ein früher Reisebericht stammt von dem jüdischen Kaufmann aus Spanien Ibrahim ibn Jaqub (G. Rhode "Kleine Geschichte Polens", S.8 und A. Gieysztor a.a.O S... Für spätere jüdische Ansiedlung siehe B. Bretholz "Geschichte der Juden in Mähren im Mittelalter" I, Brünn 1934.

6) V. Lipscher: "Die Juden im Habsburgerreich des 17.und 18. Jahrhunderts am Beispiel Böhmens und Mährens", Dissertation Zürich 1983, S.103 undS.141.

7) H. Teufel: "Zur politischen und sozialen Geschichte der Juden in Mähren vom Antritt der Habsburger bis zur Schlacht am Weissen Berg (1526­1620)", Phil. Dissertation Erlangen 1971, S.74,S.84.

8) S. Dubnow: "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes", Berlin 1928, Bd. VI, S.225 und C. d'Elvert: "Zur Geschichte der Juden in Mähren und Österr.­Schlesien", Brünn, 1895, S.123.

9) B Brilling: "Die schlesische Judenschaft im Jahre 1737" im Jahrbuch der Schlesischen Friedrichs­Wilhelm­Universität zu Breslau, Bd. XVII, Berlin 1972.

10) S. Dubnow a.a.O., Bd. VII, S.286f.

Anmerkungen zu "Die Familie und Kattowitz"

1) Nr.1256 des Staatsbürgerverzeichnis im Amtsblatt der Königlichen Breslauschen Regierung vom 16.November 1814, Beilage S.16, sein Wohnsitz Woschczytz. Er ist auch verzeichnet im Register der im Kreis Pless damals wohnenden Juden im Zydowski Instytut Historyczny w Polsce, Warszawa, als 1782 geboren, seit 1808 verheiratet mit Saara, und zu seinem Hausstand gehören 4 zwischen 1799 und 1806 geborene Stiefkinder mit dem Namen "Walder". Laut Überlieferung und anderer Evidenz war die Ehefrau Sarah geb. Holländer, verwitwete Waldau. Keines der beiden Register hat Rubriken für den Geburtsort oder Namen des Vaters. Über diesen, meinen Ururgroßvater haben wir nur die mündliche Tradition, daß er in seinem Alter von Woschczütz als Schriftkundiger nach Pilica gerufen wurde und dort starb. Das könnte zu der Zeit gewesen sein, als Pilica durch die Teilungen Polens an der Grenze des preußischen und österreichischem Teilgebiet lag (Gieysztor "History of Poland", Karte Nr.25).

2) Siehe "Mormonen" Film 579598 Bd.29 Familienregister der Juden von Sohrau Nr.39. In der 1817 Zuzugseintragung ist sein Geburtsjahr als 1779 verzeichnet, sein Beruf als Lederhandel.

3) Von den Kindern seiner verstorbenen Frau adoptiert er den 1802 geborenen jüngsten Stiefsohn Isaak, dessen Sohn Louis später Mitgründer der bekannten Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld wird.

4) Vermutlich eine Tochter des 1768 geborenen, seit 1809 in Nieborowitz, Kreis Rybnik, ansässigen Gastwirts Samuel Huldschinsky.

5) Handbuch zu dem Atlas von Preußen, Erfurt 1836.

6) Im Zuge der wieder zunehmenden Ansiedlung von Juden in Oberschlesien wird Woschczytz für 1693 erwähnt(....), und ein jüdischer Toleranzsteuerzahler in 1737 ist auch für Woschczytz erwähnt bei Brilling S...

7) M. Freudenthal "Leipziger Messgäste"...

8) Nerlich S.51.

9) A. Weltzel, Geschichte der Stadt Sohrau, Sohrau 1897, und die neuere von G. Nerlich, Dortmund 1972.

10) Weltzel S.65.

11) Weltzel S.431.

12) Nerlich S.46.

13) Das Rittergut Bogutzker Hammer mit Kattowitz und Brynow wurde 1702 an die Plesser Standesherren v. Promnitz verkauft. Das Inventar (Urbar), das dafür gemacht wurde, verzeichnet die Namen der angesiedelten Gärtner, darunter Skiba (Hofmann S.30) und erwähnt wird auch (Majowski 1958, S.25) der "Kretschem, von dem wegen Bier­und Brannweinverlag der Jude jährlich Mittem zu geben pfleget". Eine ausführliche und, in vieler Beziehung sich um Abgewogenheit bemühende Darstellung der Geschichte des Dorfes Kattowitz und der nachfolgenden Stadtwerdung bringt auch S. Karski in Kattowitz (1985).

Unter den jüdischen Toleranzsteuerzahlern 1737 (Brilling S.57) ist für Bogutzker Hammer ein Abraham Moses verzeichnet, auch je ein Name für die Dörfer Bogutschütz und Zalenze, ebenso wie für Woschczytz. Das Rittergut mit den Dörfern ging 1736 von den v. Promnitz wieder an die Myslowitzer Standesherren, die polnische Adelsfamilie v. Mieroszowski über.

14) Dieser Urgroßvater Peretz (oder Perens) Sachs, 1794 geboren, Sohn des dann 1812 in Maczejkowitz, Kreis Beuthen, ansässigen und Staatsbürger gewordenen Isaac Sachs, zog 1819 von Hajduck, Kreis Beuthen, nach Smilowitz, bei Nikolai, Kreis Pless und heiratete dort die 1799 geborene Tochter Minel des 1812 dort ansässigen Joachim Ludniowski, der selbst als 1763 geboren ausgewiesen wird. Das Ehepaar Peretz Sachs zog 1827 mit 3 Kindern von Smilowitz nach Zalenze, damals im Kreis Beuthen gelegen.

15) Unter den Veröffentlichungen über ihn siehe Dr. Ernst Koenigsfeld in "Schlesien" IV, 1984. Von polnischer Seite, wo man sich auch gern an diesen Engländer unter den Pionieren der oberschlesischen Stahlindustrie erinnert, die Broschüre "John Baildon" von Jerzy Sikora (Katowickie­Tow.Spo.Kult.).

16) Majowski 1958 S.55/6.

17) Hoffmann S.34.

18) Broszat, Martin "Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik" S.90.

19) Broszat S.105. Es ist interessant, daß die Betonung auf dem Erfordernis der Loyalität gegenüber dem preußischen Staat und seiner Monarchie lag, zu deren Stärkung Kenntnis der deutschen Amtssprache verbreitet werden sollte, aber sie sollte nicht aufgedrängt werden und "jeder Anschein einer versuchten Verdrängung oder Beeinträchtigung des polnischen Elements vermieden werden" (Denkschrift des v. Arnim­Boitzenburg, zitiert von M. Broszat).

20) In einer Atmosphäre, die sich schon zu der liberalen 1848 Revolution hin entwickelte, hatte der Führer der Liberalen im Preußischen Landtag, Georg v. Vincke, erklärt, nicht nur das Großherzogtum Posen, auch Teile anderer preußischer Provinzen, so Oberschlesien müßten "als der polnischen Nationalität zugehörig" angesehen werden. S. Broszat, S.108.

21) Broszat, S.116.

22) Für 1783 verzeichnet Hoffmann 490 Einwohner für Kattowitz mit Brynow, 1825 675, 1836 sind es laut Atlas von Preußen, Erfurt, 785 Einwohner. Für 1867 sind es schon 4.815 ohne Brynow, das nicht ins neue Stadtgebiet einbezogen wurde.

23) Hoffmann S.54.

24) Veröffentlichungen des Katowickie Towarzystwo Spoleczno­Kulturalne und auch dort Krystyna Szaraniec "Znani i nieznani Katowiczanie".

25) Dr. J. Cohn, Geschichte der Synagogengemeinde Kattowitz, S.1.

26) Hoffmann, S.71. Auch die neue Veröffentlichung Kattowitz 1985 behandelt die damaligen Vorgänge ausführlich, so Dr. S. Karski S.30/37.

27) S. Wenzel, "Jüdische Bürger und Kommunale Selbstverwaltung", S. 126/8.

28) Fuchs, Konrad, Wirtschaftshistoriker in Mainz, erwähnt die Gründung des Unternehmens durch diese 3 "Kattowitzer Finanziers"; in "Die Bismarckhütte in Oberschlesien..." in der Schriftenreihe "Tradition" 15/1970 gibt er eine ausführliche Darstellung des Werks, das bald auf Wunsch seines technischen Pioniers Wilhelm Kollmann in Bismarckhütte umbenannt wurde.

29) Das Baugeschäft war sehr erfolgreich und hatte meinen Großvater zu einem sehr anerkannten und wohlhabenden Mann gemacht. Aus dem Jahr 1877 stammen Zeugnisse über von ihm ausgeführte Arbeiten in der oberschlesischen Industrie. So bescheinigt Wilhelm Kollmann den Um­ und Neubau (1869/72) des ganzen Hüttenwerks der damals W. Hegenscheidt'schen Baildonhütte unter den schwierigsten Verhältnissen, während die Hütte selbst in fortwährendem Betrieb war, einschließlich schwieriger Fundament­ und Zementarbeiten für die Maschinen, Dampfhämmer, Kessel und Schornsteine. Das zweite Zeugnis von Kollmann bescheinigt die Bauten an der Bismarckhütte 1872/4 (das ganze Puddel­ und Walzwerk mit 12 großen Kaminen, das Verwaltungsgebäude und 10 große Arbeiterwohnhäuser). \XC4hnlich preisend ist das Zeugnis des Herrn Bernhardi für Giesche über Arbeiten 1874/76 u.a. an den Wilhelm­ und Pauli­Zinkhütten. Es erwähnt besonders eine 302 Fuß hohe Esse. Es gibt dann noch alte Zeugnisse der Schlesag (einer Zinkhüttengesellschaft), der Thiele­Winkler'schen Verwaltung und der Eisenbahnverwaltung betreffend Arbeiten in Kattowitz, Königshütte, Beuthen, Gleiwitz und Neuberun.

30) In einem Bericht über die Einweihung des neuen Gymnasiums 1900 (aus Kattowitzer Zeitung, abgedruckt im Oberschlesischen Kurier, Salzgitter) sind beide Brüder in diesen Eigenschaften erwähnt, der Stadtbaurat Max Grünfeld wurde dabei mit einem Orden ausgezeichnet, da das Gymnasium nach seinen Entwürfen gebaut wurde. Viele Jahre später erwähnt (auch in einem Beitrag in der Kattowitzer Zeitung, abgedruckt im Oberschlesischen Kurier) der einstmalige Kattowitzer Stadtrat Louis Dame, auch ein Baumeister, in seinen Erinnerungen an Kattowitz, die städtebaulich hervorragende Bebauung der damaligen August Schneiderstraße (später und noch heute ulica Mickiewicza): das städtische Badehaus, danach die Synagoge (die ebenfalls von meinem Onkel Max Grünfeld entworfen war) und dann eben das Gymnasium, alle in einer Reihe, in ähnlichem roten Backsteinbau. Er erinnerte sich damals an diese Lösung als ein besonderes städtebauliches Schmuckstück für Kattowitz. Für eine Abbildung siehe Sammelwerk Kattowitz, 1985, S.92. 1939 haben die Nationalsozialisten als Eindringlinge die Reihe gestört, als eine ihrer ersten Taten sprengten sie die Synagoge.

31) Maximilian Harden in seinem Buch "Köpfe", S. 141, erwähnt ihn als Hausarzt des Geheimrat Holstein, der bekannten "Grauen Eminenz" im Auswärtigen Amt.

32) Als Student in Würzburg trat er der "Deutschen Burschenschaft" bei, wie damals manche aus stark assimilierten jüdischen Familien.

33) Die Stadt Rackwitz hatte laut Atlas von Preußen 1836 1494 Einwohner, "besuchte Getreidemärkte". Josef Oettinger war ca.50 Jahre Gemeindevorsteher, gründete 1806 die "Chevra Kadisha", er starb 1862. Ein Sohn, Hermann Noah, als "fromm und wohltätig bekannt", gründete das Handelshaus H.N. Oettinger & Cie. in Hamburg (Hepner S. 879).

34) Eine Kopie seiner Dissertation (mit Lebenslauf: Geburtsdatum 1808, hatte das Gymnasium in Posen besucht) zum Thema "Hippokrates, vita, philosophia et ars medica", in lateinischer Sprache verfaßt, habe ich in der Zentralbibliothek Zürich gefunden und kopieren können.

35) Ihre Familie gab es in Wollstein, zu ihr gehörte Moritz Schiff und Frau Sydonie geb. v. Taussig, die Verwandtschaft in Ungarn hatte.

36) Er soll ein sehr erfolgreicher Industrieller geworden sein, der in jungen Jahren mittellos aus Litauen nach Ostpreußen kam, mit einem jüngeren Bruder, den er studieren ließ und der als Beamter und Wissenschaftler in preußischen Statistischen Ämtern eine Karriere machte und den Geheimratstitel erhielt. Das war dann wohl der früheste in meiner Familie, aber ich habe keine Details darüber gefunden.

37) Paul Gerber war Hals­, Nasen­ und Ohrenarzt, Professor an der Universität Koenigsberg, auch mit Geheimratstitel, veröffentlichte aber auch Gedichte und auch kleine politische Schriften, so eine um 1918 betitelt "Goethe und die französische Revolution, ein blaues Trostbüchlein in roter Zeit". Politisch gehörte er zur Deutschnationalen Volkspartei, er starb schon jung 1919.

38) Er war Assistenzarzt des bekannten Dr. Flügge und danach, bis er 1914 in den Krieg ging, Oberarzt des Dr. Pfeiffer in Breslau. Als Student gehörte er zum "Akademisch Literarischen Verein" in Breslau.

Anmerkungen zu "Kindheit und frühe Jugend"

1) Es gibt dafür Hinweise in der nach dem 2.Weltkrieg sich profilierenden Literatur über Anzeichen von Antisemitismus in Deutschland vor der Hitlerzeit.

2) An Encyclopaedia of World History ed. W. Langer, London 1948, S.936.

3) Verfasser der Geschichte der Stadt Kattowitz (1895), hatte lange dort gelebt, mein Vater kannte ihn gut. Wie mir erzählt wurde, verließ er mit anderen seine Burschenschaft aus Protest gegen den Ausschluß jüdischer Altburschenschaftler, also ein liberaler Zug, aber in die Weimarer Nationalversammlung ging er 1919 als deutsch­nationaler Abgeordneter.

4) Über die sprachliche Verhältnisse im Regierungsbezirk Oppeln zu Beginn des 19. Jahrhunderts heißt es im "Handbuch zu dem Atlas von Preußen" (Erfurt, 1836): "Die herrschende Sprache ist die polnische, um Neisse und Grottkau wird ganz, um Falkenberg und Neustadt viel deutsch, in den Kolonien Friedrichgrätz, Buddenbrock und Prittwitz böhmisch, an der österreichischen Grenze mährisch gesprochen" (S.l91). Dann werden die einzelnen Kreise besprochen, so zu Beuthen: "die Sprache der Bevölkerung ist fast überall polnisch", Lublinitz: "die polnische Sprache ist fast überall die herrschende", Kreis Neustadt: "die Sprache ist um Neustadt die deutsche, übrigens wird mehr polnisch gesprochen", Kreis Pless: "In Pless wird deutsch, übrigens polnisch gesprochen", Rybnik: "die Einwohner, welche sich der polnischen Sprache bedienen..." (S.207).

Exkurs