Rückblicke

Chapter 25

Chapter 253,503 wordsPublic domain

Die Lage der polnischen Flüchtlinge in Rußland dagegen hatte sich langsam verbessert. Die Sowjetregierung erkannte die polnische Exilregierung in London an, es wurden Vereinbarungen über Bildung einer polnischen Armee in Rußland aus dort befindlichen Flüchtlingen getroffen, dann aber Pläne für deren Evakuation über Persien in den Westen gemacht. Meine Mutter konnte zusammen mit den alten Weingrüns und Töchtern Andzia und Irene aus der Internierung in Marijskaja auf langem Weg zunächst in die provisorische Hauptstadt Rußlands in Kuybishew auf der Wolga fahren, wo auch die englische und polnische Botschaft waren. Meine Mutter erhielt dort im Oktober 1941 einen neuen Paß und ihr englisches Visum, dann fuhren sie weiter nach Uzbekistan, von wo manche polnischen Flüchtlinge dann über die Grenze nach Persien gehen konnten. Besonders diejenigen, die Angehörige in der polnischen Armee hatten, bekamen dazu die Erlaubnis. Obwohl mein Schwager in der polnischen Armee in Egypten diente und meine Mutter ein Visum nach England hatte, wurde sie in keinem der polnischen Transporte mitgenommen. Auch vorsorgliche Bitten um Hilfe bei der polnischen Regierung in London hatten nicht geholfen.

Der Vater Weingrün war unterwegs in Taschkent gestorben. Als meiner Mutter die Ausreise verweigert wurde, blieben die alte Frau Weingrün und Tochter Andzia mit ihr zusammen in Uzbekistan in der Stadt Kermine zwischen Bokhara und Samarkand. Für viele ein Land märchenhafter Erzählungen, aber sie haben dort sicher in großem Elend leben müssen. Meine Mutter ist dort am 30.November 1942, wie man mir später sagte, an Typhus gestorben. Der Taschenkalender, den sie seit 1939 führte, hat sich erhalten, da steht noch unter den Adressen "Mein geliebter Walter c/o Savory Monze Northern Rhodesia", also daß ich in Nordrhodesien gelandet war, hat sie noch erfahren, hoffentlich auch noch Briefe von mir gehabt. Über ihren Tod hörte ich erst im April 1943 von Lotte aus Tel Aviv, es war eine tragische Botschaft, sehr großes Leid.

Damals war ich schon ein Jahr lang weg von der Farm bei Monze und arbeitete im Copperbelt. Als es in meinen ersten Monaten auf der Farm diese Welle der Sympathie für das mitkämpfende Rußland gegeben hatte, wurde zu Spenden aufgefordert durch eine Gesellschaft der Freunde Rußlands, und ich gab eine kleine Spende, die Savorys fanden das richtig, sie hatten es auch getan. Wie das aber schon mehrmals gewesen war, dann gab es wieder Nachrichten über die abstoßenden Züge des dortigen Regimes, es kam eine, die bei mir wieder eine entschiedene Abwendung brachte. Zwei Führer des jüdisch­sozialistischen "Bund" aus Polen, Alter und Ehrlich, die auch als Flüchtlinge in Rußland waren, wurden nach einem Prozeß erschossen. Ich hatte die Nachricht in der polnischen Exilpresse gelesen. Diese Sowjets waren immer wieder die alten. Wer für Ansichten stand, die nicht 100% Konform waren, mußte umgebracht werden. Man konnte sich nur abwenden, was für eine Tragik. Es hieß nichts Gutes für die Zukunft.

Mein Vetter Herbert hatte Verbindungen zu den zwei großen Bergbaukonzernen, die in Nordrhodesien Gruben besaßen, da sie ja auch Kobalt bzw. Vanadium produzierten. Es gab keine Vakanz bei Anglo­American, aber durch Ronald Prain bekam ich eine Stellung bei Mufulira Copper Mines, ging April 1942 dorthin, fing an im Magazin zu arbeiten. Der Chefarzt aber fand, daß mein Röntgenbild Silikosisverdacht (Steinstaublunge) zeigte. Es war gegen die Politik der Grubengesellschaften, Silikosisverdächtige anzustellen. Ich fand eine andere Stellung im Copperbelt bei Northern Caterers, die alle Hotels und Bäckereien dort betrieben. Abgesehen von einigen dienstlichen Zwischenaufenthalten in Kitwe und Luanshya blieb ich in Mufulira, mit wechselnden Stellungen allerdings, bis Anfang 1947. Dort habe ich dann also auch den weiteren Verlauf der Kriegsjahre miterlebt.

Es waren dieselben Zeitungen wie in Monze, ich wurde auch Abonnent der "Time". Radioempfang war gut, man blieb doch ganz gut informiert, außer der polnischen Exilpresse sah ich manchmal das deutsche Emigrantenblatt "Aufbau" aus New York. Ich teilte alle diese Erlebnisse mit den etwa 2000 Europäern (10) in Mufulira. Die Mehrheit waren die Englischstämmigen, darunter manche Bergleute aus Yorkshire oder Wales, viele Beamten der Grube, auch Südafrikaner, englische oder Buren, auch einige jüngere ostjüdische Einwanderer und sephardische Juden aus Rhodos und drei andere von den polnischen Evakuees, zwei Juristen und ein Bankdirektor; wir hielten engen Kontakt.

Von den nicht zur Grube, sondern wie ich zur kommerziellen Township gehörigen, wurden zu engsten Freunden die Familien Mohrer und Messerer aus Frankfurt und zwei Familien Illion aus Libau. Es gab eine sehr ungezwungene Gesellschaft, viel angeregte Unterhaltung und auch Meinungsverschiedenheiten. Zu den jüdischen Feiertagen gab es kleine Gottesdienste, erst im Hause Mohrer, schließlich wurde eine jüdische Gemeinde gegründet und sogar eine schöne, nicht zu große Synagoge gebaut. Es waren doch etwa 100 Mitglieder. Die Begeisterung besonders des jungen Messerers war inspirierend. Schließlich war ich auch im Vorstand, als Kassierer. Der Verlauf des Krieges gab mehr Zuversicht, daß er mit einem Sieg der Alliierten über Hitlers Axismächte enden würde. Es gab immer noch viel Ungewißheit, so im Fernen Osten und den U­Bootkrieg, aber in Nordafrika und an der Ostfront hatte es doch deutliche Fortschritte gegeben. Zwei große Felder von Sorgen zeichneten sich ab. Das eine war das Schicksal der jüdischen Bevölkerung, die in Hitlers Hand gefallen war. Man wußte über die Vorgänge in den Anfängen der Besetzung Polens, hatte immer wieder von dort gehört. Mit dem Eindringen der Deutschen in Rußland waren noch schrecklichere Nachrichten über systematische Ausrottung der dortigen jüdischen Bevölkerung gekommen. Eines Tages kam die Nachricht, daß aus dem polnischen Untergrund Berichte nach London gekommen waren über den Beginn von systematischen Vernichtungsaktionen auch im besetzten Polen. Die Meldung kam in sehr eindringlicher Form, nämlich daß der Abgeordnete im polnischen Exilparlament in London, Schmuel Zygielboim, sich aus dem Fenster gestürzt und das Leben genommen hatte, aus Protest dagegen, daß es keine wirkliche Reaktion auf diese Todesberichte aus Polen gegeben hatte. Sein Selbstmord wurde verschiedentlich von der Presse berichtet, aber die polnische Exilpresse gab ihm natürlich das weiteste Profil. Sein Name als Führer des jüdischen "Bund" war mir ja von der Besetzung Warschaus her vertraut. Er hatte zu den zwölf Geiseln gehört, die für die Zeit der Übernahme den Deutschen vom polnischen Verteidigungskomitee hatten gestellt werden müssen. Er war dann entkommen und nach Aufenthalten in Brüssel und New York 1941 nach London gelangt. Es war eine erschütternde Nachricht zu einer Zeit, als das Vernichtungslager Auschwitz mit seinen Cyclon B Anlagen noch nicht bekannt war. Lager wie Treblinka wurden aber schon erwähnt. Man hörte auch von Deportationen aus Holland und Frankreich und es gab so viele, um die man sich persönlich Sorgen machte, eben auch die Schwester Marianne. Es schien nichts zu geben, was von alliierter Seite getan werden konnte, auch nicht nach dem großen Signal, das Schmuel Zygielbojm als Protest des jüdischen Volkes gesetzt hatte.

Das andere Problem, auf das man zunehmend aufmerksam wurde, waren die sich abzeichnenden Interessengegensätze zwischen den Anhängern Rußlands und seines kommunistischen Regimes und den anderen Gegnern Hitlers. Da war nicht nur die wachsende Antipodie Rußlands gegenüber der polnischen Exilregierung in London, mit der sie schon April 1943 die Beziehungen abbrachen und dann zur Bildung einer eigenen polnischen, kommunistisch geführten Exilregierung in Rußland schritten. Es war auch die Entwicklung in Jugoslawien, die einen beunruhigte. Die von Moskau unterstützten Antihitlerguerillas Titos machten bald bessere Fortschritte als die den alten jugoslawischen Regimes treuen Guerillas Michajlowiczs, gegen die auch zu kämpfen den Gruppen Titos gar nichts ausmachte, im Gegenteil, dieser Kampf schien genauso ihr Ziel zu sein wie der Kampf gegen Hitler. Das war auch wieder beängstigend. Auf alliierter Seite war die Entschlossenheit zur siegreichen Beendigung des Krieges absolut vorherrschend, daher hat auch die englische Regierung Churchills dann Tito aktiv unterstützt, weil es die besseren Chancen für baldige Beendigung des Krieges zu bieten schien. Mit den polnischen Evacuee Freunden in Mufulira teilte ich stark die Besorgnisse, die man für die künftige Gestaltung der Dinge in Polen deswegen haben mußte.

In diesen Jahren waren für mich die Sylvesterabende immer ein Anlaß für wehmütige Erinnerungen an das zu Hause, die Eltern, und alles, was so vollkommen untergegangen zu sein schien. Es gab immer Feiern im Freundeskreis, einmal, wohl 1943/44 war es bei den jungen Illions gewesen. Danach hatte ich eine so besonders starke Erinnerung an diese Abende einst zu Hause, und ich sah vor mir auch das Bild des Dr. Hans Lukaschek, der ja einige Male Gast bei uns zu Hause an Sylvesterabenden gewesen war. Es war beinahe wie eine Vision, und ich erinnerte mich an die spätere Begegnung in Breslau, als ihm die Tränen über die Backen liefen wegen der Verhältnisse in Deutschland unter Hitler. Wo war das alles, gab es solche Leute noch in Deutschland, fragte ich mich dann gerade in dieser Sylvesternacht im fernen Mufulira.

Das nächste Jahr 1944/45, die Illions waren von Mufulira weggezogen, beging ich den Sylvesterabend bei mir zu Haus mit den zwei Polen Notar P. und Bankdirektor D. als meinen Gästen. Mein Hausgehilfe und Koch Moffat hatte eine schöne Ente bereitet, wir tranken südafrikanischen Rotwein, es war ein nachdenklicher und sorgenvoller Abend. Eine Radiorede des neuen Premiers der polnischen Exilregierung in London Mikolajczyk wurde von der BBC übertragen. Die Russen hatten im Juli 1944 das Moskauer polnische Komitee als polnische Regierung anerkannt; als die mit der Londoner Regierung zusammenarbeitende polnische Untergrundarmee und die Bevölkerung eine Aufstand in Warschau gegen die Deutstschen machten, verweigerte die nahestehende russische Armee jede Unterstützung und erlaubte den Deutschen diesen Aufstand blutig zu liquidieren. Trotz Luftunterstützung von den westlichen Alliierten kam es dazu. Grund für uns an diesem Tag zu düsteren Erwartungen. Für mich waren das nicht nur Gedanken an Polen und meine oberschlesische Heimat, ich fühlte, wenn die Alliierten sich nicht stark machen, eine wirkliche Unabhängigkeit Polens zu schützen, dann ist das ein schlechtes Omen für das zukünftige Bild Europas. Da war ich von den Ideen meines Memorandums noch nicht weggekommen. Ich habe damals wegen meiner starken Gefühle für die Interessen der Polen gegenüber russischen Vormachttendenzen viele Argumente mit meinen jüdischen Freunden und Anfeindungen von Fernerstehenden gehabt. Es war da ganz allgemein, einfach wegen vermeintlichem besonders großem Antisemitismus der Polen, ein starkes Vorurteil zugunsten der Sowjetunion bemerkbar.

Unter den ostjüdischen Minenarbeitern gab es einige, die stark kommunistisch eingestellt schienen, es gab aber auch revisionistisch­zionistische, alle etwas rabiater Disposition. Von den Linksstehenden wurde mir ausgerichtet, wenn mein Freund P. nicht mit seinen besorgten polnischen, d.h. antirussischen Ansichten zurückhält, dann könnte ihm eines Tages untergrund etwas passieren. Das möchte ich ihm doch bitte sagen, es sei ernst gemeint. Ich war konsterniert, so eine Drohung von Leuten, die der Gesellschaft der Freunde Rußlands nahestanden. Sie hatte einmal eine Versammlung gehalten mit Rednern aus Südafrika, zufällig saßen sie im Hotel am Nebentisch, daher habe ich mir die Namen so gemerkt, es waren die Advokaten Abraham Fischer und Zwarenstein. Man hat die Namen dann oft in Südafrika gehört.

Die Yaltakonferenz einige Wochen nach unserem Sylversterabend gab den Russen weitgehende Handlungsfreiheit gegenüber der Londoner Exilregierung Polens. Es gab zwar Versprechen demokratischer Verfassungen, man konnte hoffen gegen alle Anzeichen, aber im Grunde genommen zeichnete sich eben ab, wozu es dann kam, die Zweiteilung Europas. Der Putsch gegen Hitler am 20.Juli 1944 war gescheitert, der Putsch, den die deutsche Heeresleitung allerspätestens nach Stalingrad hätte machen sollen, hatte nie stattgefunden. Die Alliierten hatten die bedingungslose Kapitulation Deutschlands schon 1943 als Ziel formuliert. Es wurde klar, die Russen würden vorrücken bis zu Linien, die man vereinbart hatte, und was hinter ihren Linien sich politisch gestalten würde, darüber sollte man keine Illusionen haben.

Ein anderes Thema heftiger Diskussion mit den jüdischen Freunden war die Entwicklung in Palästina. Für mich war die Verfolgung zionistischer Ziele ohne Rücksicht auf bestehende arabische Interessen nicht vorstellbar. Eine alte Dame wies mich zurecht, sie war nicht nur eifrige Zionistin sondern auch sozialistisch eingestellt gewesen. Sie sagte, die Interessen der Araber, das wären doch nur feudalistische Interessen, sehen Sie sich doch ihre Gesellschaftsordnung und Rückständigkeit an, Palästina kann doch nur gewinnen durch einen zionistischen Staat. Gewiß, ich dachte an manches, was ich gesehen, und Rückständigkeit war schon da, aber schon 15 Jahre vorher hatte ich Hans Kohns Buch "Nationalismus im Vorderen Orient" gelesen, das hatte ein ganz anderes Bild der nationalistischen Bewegung der Araber gegeben.

Im Argument über Polen und die Sowjetunion hat sich seitdem das Blatt sehr gewendet. Manche meiner Freunde von damals habe ich wiedergetroffen, sie haben mir unterdeß Recht gegeben. Nicht ganz so ist es mit dem Argument über zionistsiche Ziele, unterdeß also den Staat Israel. Dabei hatte ich damals auch nach dem Weggang von Palästina keineswegs meine Sympathie aufgegeben, war auch dem Zionistischen Verein in Mufulira beigetreten, sogar sein Sekretär geworden, lernte einige der südafrikanischen aktiven Zionisten kennen, aber auf meine grundlegenden Vorbehalte bin ich immer wieder zurückgekommen.

Um noch einen kurzen Blick auf meine berufliche Tätigkeit zu werfen, Northern Caterers hatten mich zunehmend als Vertreter für abwesende leitende Leute verwendet, auch in Kitwe im Hauptbüro der Gesellschaft. Dort war wieder der Freund Wasserberger, als Neuankömmlinge das jüngere Ehepaar Banasz, die in Polen nahe uns in Bendzin gelebt hatten, er war Ingenieur, erfahren in Zinkweißproduktion. Sie waren intelligente und anregende Gesellschaft dort. Ich verließ meine Firma, denn ich hatte mich dort in Abwesenheit des befreundeten Schulmanns von seinem Boss aus Bulawayo zurückgesetzt gefühlt, und fand gleich eine neue Stellung bei den griechischen Unternehmern Tatalias & Samaras in Mufulira, wo ich die administrative Seite zu betreuen hatte. Sie waren Kontraktoren mit Holzwirtschaft, Ziegelei und hatten ein Fleischgeschäft, das aber bald von der größeren Firma Werner & Co. übernommen wurde, die mir bei sich eine ähnliche Stellung anboten, und dort habe ich dann bis Anfang 1947 gearbeitet.

Die Firma hatte die Verträge für die Fleischversorgung der großen Mufulira­ und Luanshya­Minen. Ich hatte als Dienstwohnung die Hälfte eines Zweifamilienhauses, aber noch keine Familie, hatte mir ein Auto gekauft. Als nach Kriegsende der Leiter der Firma auf Urlaub nach England ging, übernahm ich die Vertretung und bekam als Dienstwagen einen großen Ford Mercury, also ich brauchte mich gar nicht zu beklagen. Die Arbeit hat mich auch interessiert. Diese Viehwirtschaft hatte schon ihre anregenden Seiten. Es handelte sich um große vertragliche Verpflichtungen. In diesen halbtropischen Gebieten konnte Vieh nur in bestimmten krankheitsfreien Zonen gehalten werden. Das Vieh für den Copperbelt mußte zum Teil über große Entfernungen z.B. aus Bechuanaland (heute Botswana) herangebracht werden, dazu über den Zambesi Fluß getrieben und dann auf dafür gekauften Ranchen vorübergehend gehalten werden. Der energische Junior Partner der Firma war Harry Wulfsohn in Livingstone, ein sehr begabter junger Mensch, mit dem ich gut auskam. Er war zu mir ausgesprochen freundschaftlich. Es war verabredet, daß ich als Nebenbeschäftigung weiter die Bücher des Kontraktorgeschäfts meiner griechischen Freunde führen konnte, es gab sogar noch einen Bauunternehmer in Mufulira, für den ich das auch tat, ich habe also sehr hart dort gearbeitet. Man fühlte sich auch wohl.

Der VE Day und wie sich Dinge, wo ich in Europa her kam, zu gestalten schienen, machten eine Rückkehr nach Hause nicht ratsam. Als dauernde Lösung aber fand ich Nordrhodesien wohl doch nicht richtig, weder für meine beruflichen Ambitionen noch die kulturellen Interessen. Ich ging zunächst einmal im September 1945 auf Ferien nach Johannesburg und fand Atmosphäre und Leben dort sehr angenehm. Unter den Verwandten, die ich auf der Durchreise im Oktober 1941 auf dem Bahnhof wiedergesehen hatte, war Mia, nun Mary, Weissenberg, unterdeß mit Herbert Priebatsch verheirat. Sie hatten einen Sohn Norman, Kurt Kingsfield war verheiratet mit Violet. Was 1941 noch gemeinsame Besorgnis war um die Familie, die unter Hitlers Gewalt zurückblieb, nun war es Trauer und unbeschreiblicher Schmerz, manchmal auch noch Ungewißheit und Warten auf weitere Informationen. Volles Begreifen, was die Nationalsozialisten mit der jüdischen Bevölkerung getan hatten, die ihnen in die Hände fiel, kam ja doch erst nachdem alliierte Truppen diese Gebiete Europas befreit hatten. Die Geographie dieser Vernichtungsgreuel nahm langsam Gestalt an vor den Augen der Welt. Da waren die Berichte über Lager wie Bergen­Belsen, Buchenwald und andere, dann über Auschwitz und Birkenthal, so nah bei Kattowitz, und man hörte immer mehr über die Vernichtungslager weiter in Polen.

Mary und Kurt waren sicher, die Familie, die sie in Beuthen zurückgelassen hatten, lebte nicht mehr, waren deportiert worden, Mary's Eltern und Großeltern, Kurts Schwester Erika und ihre Familie. Ich hatte von Marianne nichts mehr gehört, es war jetzt fünf Monate nach Kriegsende in Europa, sie war wohl nicht mehr am Leben. Hatte man noch, gegen alles Wissen, gehofft? Es gab ja einige wenige Überlebende, die sich hatten verbergen können. Es schrieb dann ihre Kollegin, Mary Edwards, von ihrem Arbeitsplatz in Guernsay. Marianne hatte ihr noch nach ihrer Deportation aus Frankreich 1942 geschrieben, sie war dann vom Sammellager Drancy im August 1942 nach Auschwitz deportiert worden. Solche Tragik des Schicksals, von den englischen Channel Islands zu dieser Greuelstätte, so nahe ihrem zu Hause, wo sie geboren war und aufwuchs, und wir alle waren schon lange weg (11).

Von den in Berlin zurückgebliebenen Mitgliedern der Grünfeld Familie überlebte als einziger Hans Hirschel. Er hatte eine wundersame Rettung durch die mutige und aufopfernde Haltung und Tätigkeit von Maria Gräfin von Maltzan, die ihn verbarg und ihm das Leben retten konnte. Sie heirateten nach Kriegsende (12). Ich hatte auch bald Briefe von Hans Hirschel und nahm Anteil an dem Wunder seiner Rettung. Von den anderen Mitglieder der Familie waren die älteren Luzie Hirschel und Felix Benjamin nach Theresienstadt, die vier Kusinen, Kaiser und Epstein, nach dem Osten deportiert worden, Paul und Mimi Grünfeld nach Lodz. Sie kamen alle um. Walter Oettinger wurde, wie ich erst nach vielen Jahren feststellen konnte, im August 1942 zum Ghetto Riga als "Jude" durch die Gestapo Berlin "evakuiert, ein Todesnachweis...liegt nicht vor".

Mein Vetter Hans Gerber war noch 1939 nach England emigriert, diente als Arzt in der englischen Armee, nach Indien und Burma gesandt als Antimalaria­ und Bilharzia Spezialist. Er blieb auch später ein Fachmann auf diesem Gebiet. Bald nach dem Krieg arbeitete er für UNRA auch in Europa, wußte, daß sein Bruder Wolfgang im Konzentrationslager umkam.

In Johannesburg lernte ich 1945 als weitere Verwandte Robert Grünfeld und Joan kennen, er der jüngere Bruder des zum bekannten Bankier in London gewordenen Vetters Henry Grünfeld aus der Zalenzer Linie der Familie. Ich traf weitere Freunde aus der FWV, Fred Rothberg und Frau Grete geb. Schild, Heinz Kretschmer und andere Breslauer mit ihren Familien. Auch durch meine Kontakte in Mufulira machte ich Bekanntschaften in Johannesburg. Es war gut, andere Menschen, auch Zeitungen und Buchhandlungen zu sehen, in einer größeren Stadt mal zu sein, mit Naturschönheit mußte Johannesburg ja nicht unbedingt mit der subtropischen Landschaft Nordrhodesiens konkurrieren. Auf der Bahnfahrt zurück entlang durch Bechuanaland machte ich die interessante Bekanntschaft des Anthropologen Max Gluckmann, der damals das Rhodes­Livingstone Institute in Livingstone leitete. Durch meine anthropologische Lektüre noch auf der Farm Savory war ich auf dessen Arbeiten und Veröffentlichungen aufmerksam geworden und ein Leser geblieben. Wir hatten eine sehr angeregte Unterhaltung, er stand sehr links, wie mir schien. Ihn interessierte, daß ich etwas über Max Weber wußte, er meinte, ich könnte vielleicht am Institut mitarbeiten, denn das würde gut passen.

Das hätte mich schon interessiert, aber ich dachte doch mehr an eine Tätigkeit in der Wirtschaft. Ich fühlte, ich hatte mich da gut eingearbeitet und hatte Erfolg und Anerkennung gehabt. Ich fragte meinen Vetter Herbert, ob er Möglichkeiten in Südafrika und Rhodesien für mich sehe z.B. für Einkauf von Erzen. Ich berichtete ihm auch über die Pläne für Bau eines Staudammes entweder am Zambesi vor der Kariba Gorge oder am Kafue Fluß in Nordrhodesien, durch den billiger Strom unter anderem für die Produktion von Ferrochrome aus südrhodesischen Chromerzen bereitgestellt werden sollte. Für das nordrhodesische Kafue­Projekt trat besonders der Ingenieur Morris ein, Mitglied des Legislative Councils für Mufulira, den ich auch besuchte. Herbert zeigte sich damals sehr interessiert; seine Gruppe sei eine der ganz wenigen im Britischen Commonwealth mit Erfahrung in Ferrochrome Produktion. Morris zeigte sich auch sehr interessiert, aber die Pläne waren noch sehr unbestimmt. Für Einkauf von Erzen im südlichen Afrika erwähnte Herbert, daß er diese viel durch die Firma Derby & Co. Ltd in London gekauft hätte, einer deren Direktoren, Frederik Rau, käme demnächst nach Salisbury in Südrhodesien und würde mich gern kennenlernen. Ich traf ihn dort im Mai 1946.

Er erschien mir ganz als der gebürtige Engländer, der er war und den ich erwartet hatte, aber dann stellte sich heraus, daß er einer sehr frommen jüdischen Familie angehörte; der Vater war aus Fürth gekommen, er sprach auch fließend Deutsch. Fred Rau machte einen starken Eindruck auf mich und ich konnte sehen, daß er das auf viele machte, geschäftlich sowohl wie als Persönlichkeit. Herberts Firma schien ein wichtiger Kunde Derbys für ihre rhodesischen und südafrikanischen Erze zu sein, und die Beziehungen sehr freundschaftlich. Rau hatte das Geschäft von Derby im südlichen Afrika besonders gepflegt, hatte viele Monate im Krieg dort mit einem Auftrag des British Ministry of Supply für die Beschaffung kriegswichtiger Rohstoffe zugebracht. Derby dachten daran, jetzt eine Vertretung in Johannesburg einzurichten, ich war daran natürlich sehr interessiert, er würde das erwägen, sagte er, als ich an meinen Posten im Copperbelt zurückflog. Nur nach wenigen Tagen bekam ich dort ein Telegram von ihm aus Johannesburg, ob ich dort zu einer weiteren Besprechung sofort hinkommen könnte. Ich mußte nochmals um kurzen Urlaub bitten und fuhr mit der Bahn.