Chapter 24
Meine Hoffnung war, daß entgegen den Ansichten von Jozef Winiewicz, auf polnischer Seite die Konzeption eines starken Polens in einer Europäischen Union, aber letzten Endes eben unausweichlich als guter Nachbar eines reformierten, demokratischen Deutschlands Anklang finden könnte. Ich sprach häufig mit Ludwik Berger über mein Thema, er verstand das gut. Außerhalb des Zirkels, in dem wir uns trafen, hatte er auch Verbindungen zu Kreisen der Londoner Exilsregierung. Mein Entwurf für ein Memorandum wurde ganz umfangreich, ich gab es ihm zu lesen, aber er kam zurück und fand, es sei für die damalige Lage viel "zu liberal" und würde seine Wirkung verfehlen. Ich hatte es auf deutsch geschrieben, weder mein Polnisch noch damals mein Englisch waren gut genug, ohne diesen Umweg auszukommen, ich hätte es noch übersetzen lassen müssen.
Die "damalige Lage" hatte sich in diesen Wochen ganz entscheidend geändert, schwerwiegendst durch den Einfall Hitlers in die Sowietunion am 22.Juni 1941. Es war eine Überraschung, eine, meiner Ansicht nach, nicht rational erklärliche Entscheidung Hitlers. Auch dabei machten also seine Generäle mit. Da hatten Hitlers Gegener gewartet, daß Rußland und die Alliierten sich doch noch zusammenfinden, jetzt sorgte Hitler selbst dafür. Die Chancen, daß der Krieg gegen Hitler nicht nur in ein stalemate verwandelt, daß er auch gewonnen werden könnte, schienen nun weit besser. Die ersten Nachrichten von der russischen Front waren allerdings beängstigend, es war furchtbar von dem neuen riesigen Blutvergießen zu hören, das Hitler da angefangen hatte. Näher, im Mittelmeerraum, hatten die Deutschen aber vorher nicht nur Kreta erobert, auch in Nordafrika waren sie unter Rommel bis an die ägyptische Grenze vorgestoßen und stellten eine akute Bedrohung dar. Auf Cypern fühlten sich nach dem Fall Kretas alle bedroht, die Grund hatten, vor Hitler zu fliehen, und die britische Regierung veranlaßte ihre Evakuation, mit ihnen auch die Familie Weingrün. Es handelte sich aber um eine sehr viel umfangreichere Aktion für polnische Flüchtlinge, denn die britische Regierung hatte früher 500 polnische Flüchtlinge aus Rumänien nach Cypern evakuiert, wobei es sich um die im Falle einer deutschen Besetzung Rumäniens politisch am meisten bedrohten Personen handeln sollte. Die polnische Exilregierung in London war unter General Sikorski als breite Koalition aller der Parteien von den Nationaldemokraten bis zu den Sozialisten entstanden, die sich in Opposition gegen die Sanacjagruppierung um Pilsudski gehalten hatten. Deren Anhänger wurden von der Exilregierung so gut wie ausgeschlossen. Dafür wurden sie vornehmlich berücksichtigt, als die Liste für die Evakuation von 500 Flüchtlingen nach Cypern aufgestellt wurde. Die eigenen Anhänger wollten die Parteien der Exilsregierung lieber in wichtigere Zentren bringen. Lotte und ihre Familie wurden nun bei ihrer Evakuation von Cypern dieser polnischen Cyperngruppe angeschlossen. Für mich wurde es eine sehr bewegende Veränderung, daß ich jetzt Lotte und ihre Familie wiedersehen sollte. Die erste Station der Evakuierung sollte Palästina sein. Zygmunt Weingrün wurde bei Landung gleich zur polnischen Armee eingezogen, er hatte einst seinen Armeedienst gemacht. Er war nicht der einzige, die Gruppe war also kleiner geworden, es hieß bald, die Engländer würden sie nach Nordrhodesien weiterevakuieren, um die Zahl der polnischen Flüchtlinge in Palästina nicht weiter anschwellen zu lassen.
Unerwartet stellte sich für mich nun dieselbe Frage. Ich hatte beantragt, auf die Liste der polnischen Kriegsflüchtlinge gesetzt zu werden, die vorläufig in Palästina bleiben konnten und als Flüchtlinge betreut wurden. In Istanbul hatte ich nur im polnischen Konsulat einen neuen Paß bekommen und mich dabei auch zum Militär nochmals stellen müssen, wurde aber nicht genommen; es war nun wieder so. Dann kam Bescheid, für Kriegsflüchtlingsstatus könnten sie mich in Palästina nicht annehmen, aber mich als "War Evacuee" auf die Listen für den Transport der Britischen Regierung nach Nordrhodesien setzen. Das war eine frappierende Entwicklung, da Lotte und ihre Tochter auch dorthin gehen sollten. Ich entschloß mich dazu. Die Weiterreise nach Nordrhodesien schien gar nicht so populär bei manchen Mitgliedern der Cyperngruppe zu sein. Einige der zum Militär eingezogenen Männer hofften, ihre Familien könnten ihnen näher in Palästina bleiben, auch andere zogen das vor, es wurde nur in Ausnahmefällen erlaubt.
Immerhin ergaben sich verschiedene freie Plätze in der Gruppe, unter den neu in Palästina hinzukommenden waren auch einige andere jüdische Flüchtlinge aus Polen. Alter und sehr gern wiedergesehener Bekannter aus Kattowitz war der Tierarzt Dr. Ignacy Mann, er hatte unterdeß eine rumänische Architektin geheiratet, und dann war dort das mir aus Kattowitz bekannte polnischjüdische Arztehepaar Berman. Lotte, die von Cypern her schon viele Bekannte in der Gruppe hatte, versäumte aber die Abreise der ersten Teilgruppe, Zyga wollte sehr, daß sie in Palästina bleibt. Vor der Abreise der weiteren Gruppe wurde sie krank, ich stieg allein in den Zug, ohne sie. Es war ein schmerzlicher Abschied gewesen.
Der Transportleiter war Ing. K., Bekannter von Mersin und der Bridgepartie auf der Schiffsreise, und es war gut, daß Dr. Manns da waren. Einige Tage vorher war ich noch nach Jerusalem gefahren, um von Freunden Abschied zu nehmen. Franz Goldstein benutzte immer noch die Schreibmaschine, die ich ihm 1937 bei seinem Weggang von Kattowitz gegeben hatte. Nun borgte ich sie, um mir einige meiner Artikel aus der Wirtschaftskorrespondenz abzuschreiben. Ich dachte, da ich jetzt auch ein Flüchtling war und weit weg ging, könnte ich nicht jetzt die Maschine wiederhaben. Er hatte eine Redaktion in Jerusalem, ich dachte an mein Manuskript, an dem ich weiter arbeiten wollte. Er war sehr bestürzt, es ist doch sein Brot, sagte er, ohne diese Maschine wäre er vollkommen gelähmt. Ich habe sie dort gelassen.
Eine Bekannte in einer Pension etwas außerhalb Jerusalems sagte mir, es wäre ein Verwandter von mir da, Dr. Erich Sachs, von der Berliner Konzertdirektion Wolf & Sachs, wir hatten uns nie kennengelernt. Der Weg zur Pension führte durch das Quartier Mea Shearim der Ultraorthodoxen Juden, noch heute oft erwähnt und umstritten, und so lernte ich noch einen weiteren Aspekt des jüdischen Palästinas kennen. Besucht hatte ich auch von Tel Aviv aus verschiedene genossenschaftliche Siedlungen, Moshaws, deutschjüdische Hühnerfarmen, aber zu einem Kibbutz brachte ich es damals nicht. Vor der Abreise hatte man natürlich versucht, etwas über Nordrhodesien zu erfahren. Geographische Nachschlagewerke mußten her, etwas Geschichte, aber Augenzeugen fanden wir nicht, es wurde doch weitgehend eine Reise ins Unbekannte.
Reise nach Nordrhodesien
Die Eisenbahnfahrt in Palästina ging vorüber an einigen Siedlungen, noch mit viel Grün, dann Wüste, bei El Kantara kamen wir an den Suezkanal und Grenzkontrolle nach Ägypten, britische Militärverwaltung. Meine Korrespondenz und andere Papiere wurden wieder eingehend geprüft, man nahm einige meiner Artikel aus der Wirtschaftskorrespondenz für Polen und den Entwurf für das Memorandum an die polnische Exilregierung weg, versprach, ich würde es später wiederbekommen. Ich war perplex, wie hatte man ausgesucht, welche meiner Artikel zu weiterer Prüfung mitzunehmen und welche mir zu belassen? Aber es gab genug, was einen zunächst jetzt beschäftigte. Der neue Zug, der uns nach Cairo bringen sollte, hielt auf einem Bahnhof, als Alarm wegen eines deutschen Luftangriffs ertönte. Schneller konnte es einem nicht klargemacht werden, daß man in Kriegsgebiet war. Es wurden ängstliche Minuten, umso mehr, als das Gerücht aufkam, der Zug, der neben unserem stand, sei ein Munitionszug.
In Kairo kamen wir zunächst in ein Lager, ein Teil des Transports reiste weiter, aber das nächste Schiff mit Platz für unsere Restgruppe ging erst in einigen Wochen. Wir wurden ins Hotel Lunapark, gut gelegen in der Stadt, einquartiert. Natürlich bekam ich kein Einzelzimmer, ich mußte es teilen, mein Zimmergenosse war der Senator Rudolf Kornke, prominent in Oberschlesien als Vorsitzender des Verbands der polnischen Aufständischen. Als wenn sich das jemand ausgedacht hätte. Um mich klar zu identifizieren, habe ich gleich gesagt, wer ich bin, nämlich der Sohn meines Vaters, dessen Namen er ja gut kannte. Er war ein sehr ruhiger Mann nicht vieler Worte, aber mit sehr bestimmten Ansichten. Bei einer Unterhaltung über die Kriegslage, die Nachrichten von der russischen Front waren weiter schlecht, fragte ich, hätte der Eintritt Rußlands in den Krieg auf Seiten der Alliierten nicht die Aussichten auf eine Niederlage Hitlers entscheidend verbessert? Es entsprach der allgemeinen Stimmung. Nein, sagte Kornke, ohne den Eintritt der USA in den Krieg kann Hitler nie besiegt werden. Aber, meinte ich, Roosevelt hat ja schon die vollste industrielle Unterstützung für die gegen Hitler vereinigten Kriegspartner organisiert. Nein, sagte Kornke, das genügt nicht, nur Einsatz amerikanischer Truppen in Europa kann die Situation wenden. Es schien die nüchternste Analyse, die ich bis dahin gehört hatte. Die Japaner haben ja dann dafür gesorgt, daß es dazu kam. Als sie in Pearl Harbour angriffen, mußte ich an den Senator Kornke denken.
Unseres war ein Turmzimmer, direkt unter dem Dach. Es gab damals auch in Kairo deutsche Luftangriffe. Bei einem Alarm, und es wurde ziemlich heiß, wollte ich ins Vestibül des Hotels gehen, wo in Mangel eines Luftschutzkellers sich die Bewohner versammeln sollten. Kornke bestand darauf, oben zu bleiben. Sind Sie wahnsinnig, sagte er, dort unten fällt das ganze Haus auf Sie, wenn wir getroffen werden, hier oben ist es vielleicht halb so schlimm. Er klang sehr überzeugend, ich blieb mit ihm oben, ungemütlich wie es wurde.
Tagsüber sahen wir uns kaum, er hatte seine Kreise und Freunde, und ich hatte meine gefunden. Mit den Manns und anderen meistens jüdischen Evacuees machte ich Ausflüge zu den Pyramiden, auch den Ausgrabungen in Sakara, die Museen waren leider wegen des Krieges geschlossen oder sogar evakuiert. Man besuchte Moscheen in der Stadt, aber ich hatte auch noch meine eigenen, deutschjüdischen Kontakte. Otto Lilien war im Stab der Royal Air Force als Experte für Aerial Photography. Er nahm mich in den jüdischen Servicemen Club mit, ins Haus des FWV Bundesbruder Dr. Hermann Engel, als bekannter Orthopädischer Chirurg aus Berlin nach Kairo emigriert und dort sehr anerkannt, so war der Internist Dr. Rosenberg, den ich durch meinen Onkel Walter Oettinger in Berlin kannte. Ich ging in Synagogen, wie ich es auch in Istanbul und Palästina getan hatte, der sephardische Gottesdienst war schon vertraut geworden. Assimilation gab es, viele gute Bürger kamen mit Fez als Kopfbedeckung in die Synagoge. Man merkte sie aber auch sonst, es gab da reiche und vornehme Kaufmannsfamilien, deren Häupter den Paschatitel trugen und gute Beziehungen zum Königshof hatten.
Dann sah ich Dr. Hans Nissel, verwandt mit Familie Landshut in Jerusalem, Verwandschaft unserer Sachs Familie. Er war deutschjüdischer Emigrant, Elektroingenieur, arbeitete in einer dieser jüdischen Firmen und wohnte mit seiner Familie im schönen Gartenvorort Madi. Es waren viele Engländer da, zum ersten Mal kam ich mit ihm auf einen Bowlinggreen. Er war auch ein passionierter Cellospieler, ich sah so auch Leben in Kairo von angenehmster Seite. Aber der Krieg war furchtbar nahe, die Nazis machten nicht nur Luftangriffe, sie waren vor der Tür, und der König, der es mit den Engländern hielt, im Lande stark umstritten.
Die Britische Armee und ihre Verwaltung war überall sichtbar. Es war ein eindrucksvoller Apparat, der da zur Verteidigung Ägyptens und des Mittleren Ostens aufgebaut wurde. Die polnische Armee, die im mittleren Osten gebildet wurde, war auch dabei, mein Schwager Weingrün war damals bei Tobruk stationiert, ich habe ihn während unseres Aufenthalts in Kairo nicht sehen können. Es kamen dann die Tage, wo wir stündlich auf den Befehl zur Weiterreise warteten. Es sollte ein nächtlicher Konvoy zur Hafenstadt Suez sein, sobald ein Schiff zur Abfahrt bereit ist, und es durfte dann niemandem gesagt werden, wann wir abfahren. Es konnte also gar keine Abschiede geben. Indem man selbst Abschied von Kairo nahm, wurde man nachdenklich. Jetzt hatte ich seit Kriegsbeginn vom altbekannten mitteleuropäischen Gebiet weg soviele alte Kulturstätten, Rom, Istanbul, Jerusalem und Kairo gesehen, und nun ging es wirklich weit weg, ins Innere Afrikas, wie mir schien. Aber auch der Besuch in Kairo war ganz unter dem Zeichen des Krieges, die Sorge, wie er weiter geht, und um all die Lieben, die weiter in großer Not oder Bedrohung waren, die Mutter in Rußland. Von Marianne hatte man nur Rotkreuznachricht, sie war unter Naziokkupation in Guernsey gekommen, und soviel Familie doch noch in Deutschland, Beuthen, Breslau und Berlin zurückgeblieben. Man fuhr schweren Herzens in die unbekannte neue Welt.
Der Konvoy fuhr mit viel Vorsicht durch die Wüstennacht, in Suez erwartete uns die "New Amsterdam", größtes, neugebautes holländisches Passagierschiff gewesen, jetzt von den Alliierten als wichtiges Truppentransportschiff benutzt. Unsere polnische Evacuee Gruppe war zusammen untergebracht, aber in den allgemeinen Räumen traf man sich mit vielen Soldaten, die das Gros der Passagiere waren. Die meisten waren Urlauber, viele auch aus Südafrika. Das wurde also gleich ein Hauch der neuen Welt, in die wir reisten. Gleich auf den Anfang der Reise fiel das jüdische Neujahrsfest. Einige in unserer Gruppe legten Wert darauf, ich tat es auch, und so war es auch bei einigen der Soldaten und Offiziere aus England und Südafrika, es gab einen gut besuchten Gottesdienst. Natürlich gab es dann auch viele Unterhaltungen über Leben in Südafrika, wie war es im Vergleich dazu in Nordrhodesien, wollten wir wissen. Es war aber niemand da, der wirklich dort gewesen war.
Auch die Schiffsreise stand ganz unter Vorsicht vor dem Feind, nicht nur das Rote Meer, auch der Ozean bis nach Süden hinunter galt als bedrohtes Gewässer. Wir erfuhren, daß das Schiff uns nach Durban bringen und wir von dort ohne Aufenthalt mit dem Zug nach Nordrhodesien fahren würden. Die Reise nach Durban dauerte wohl etwas über zehn Tage, das kann ich noch gut schätzen, denn der letzte Tag der Reise war der Versöhnungstag, es gab wieder Gottesdienst und ich fastete, aber aß noch das letzte frühe Abendbrot, bevor wir in Durban landeten.
In Afrika gelandet
Eine nächtliche Zugfahrt sollte unsere Gruppe zunächst von Durban nach Johannesburg führen. Dort hatten wir einige Stunden Aufenthalt. Ich wußte, dorthin waren die Verwandten Mia Weissenberg und Kurt Koenigsfeld emigriert und die Freunde Hans Kunz mit Frau Margot, deren Eltern und ihr Bruder Ernst Koenigsfeld (EK). Ich hatte die Adresse von Kunz, alle kamen schnell auf den Bahnhof, mich zu sehen, ich war ja von soviel näher ihrer Heimat frisch angekommen. Sie wollten viel von mir hören, aber es war auch schon Monate her, daß ich von Kurts Schwester Erika Schlesinger aus Beuthen vor meiner Abreise aus der Türkei noch gehört und Kurt nach Pretoria darüber geschrieben hatte. Es wurde ein sehr bewegtes Wiedersehen, dann ging der Zug mit unserer polnischen Evacuee Gruppe weiter nach Bulawayo im damaligen Südrhodesien. Ich bekam noch die Adresse von Franz Schalscha, ursprünglich aus Kattowitz, der zu den dort eingewanderten deutschen Emigranten gehörte. Wir mußten dort den Zug wechseln, mit mehreren Stunden Aufenthalt konnte ich mich bei den Schalschas melden, wurde sehr herzlich begrüßt und hatte nun einen freundschaftlichen Kontakt in Bulawayo, der Stadt, die für das ganze damalige Nordrhodesien die nächste "Metropole" war, zu der Eisenbahnverbindung bestand. Die ging über die Viktoria Falls, erste vorüberfahrende Begegnung mit diesem großen Naturschauspiel, und dann Livingstone, unser erster Halt in Nordrhodesien. Auf dem Bahnhof erste Neugier, man trifft einen Transportunternehmer, der Taxis hat, Furmanovsky, Jude, das gibt es also auch.
Einige von unserem Transport waren dort platziert worden und stiegen aus. Ein Teil unserer "Cypern Gruppe" war ja schon vorher angekommen, auf verschiedene Orte in Nordrhodesien verteilt worden, meist nicht in Lagern, sondern in Hotels, und unsere Gruppe wurde auf diese Orte nun auch verteilt. Ich aber kam zu einer kleinen Gruppe, etwa zwölf, die auf einer Farm 15 Meilen von dem Ort Monze wohnen sollten. Auf der Reise hatte uns von der nordrhodesischen Regierung aus Major McKee, ein Geschäftsmann aus der Hauptstadt Lusaka begleitet, der dem Parlament (Legislative Council) angehörte und uns nicht nur empfangen, sondern auch beraten wollte. Es hieß, natürlich wird arbeiten können, wer eine Stellung finden kann. Ich verwies weniger auf meinen nationalökonomischen Doktor, als mein Diplom Kaufmanns Grad, mit Betonung auf Buchhaltungskenntnisse; er meinte, wenn das so etwas wie ein Chartered Accountant wäre, dann würde ich bestimmt gleich eine Stellung finden. Nordrhodesien war eine britische Kronkolonie, deren Verwaltung und Beamte dem Colonial Office in London unterstanden. Im Norden hatte sich bedeutender Kupferbergbau entwickelt, der die Kolonie kriegswichtig machte. Neben Kupfer, Zink und Blei fielen auch Kobalt und Vanadium an.
Der Farmer H.L. Savory erwartete uns an der Station Monze, wo auch eine größere Gruppe ausstieg, die dort im Hotel untergebracht wurde. Die Farm der Familie Savory war schon alt und für nordrhodesische Begriffe ehrwürdig, ursprünglich vom Vater Savory angelegt, einstigem Landvermesser der ersten englischen Kolonialregierung Nordrhodesiens. Man hatte für uns sogenannte Rondavels (9) errichtet, ich bewohnte eins allein. Im alten Farmhaus hatte unsere Gruppe ihr Eßzimmer und Aufenthaltsräume mit sehr schönem Garten, eine lange Allee mit riesengroßen alten Bäumen führte vom Farmhaus des jetzigen Farmerehepaars Savory zu unserem kleinen Evacuee Compound. Von meinen Freunden und Bekannten in unserer Reisegesellschaft hatte ich mich in Monze verabschieden müssen, von der kleinen Gruppe auf der Farm Savory kannte ich niemanden, es waren zum Teil etwas schwierige Leute, aber ich kam gut aus. Die Farm war für unsere Begriffe riesengroß, hatte einen Viehbestand von etwa 2000 und großen Maisanbau. Die Schwarzen wohnten mit ihren Familien in Dörfern um die Farm, zu der sie zur Arbeit kamen.
Natürlich war bei der Ankunft in Afrika diese Frage, wie es mit den Schwarzen stand, ein Hauptgegenstand meines Interesses. Ich erinnerte mich an ein Buch, wohl etwa 1931 verfaßt, des damals sozialdemokratischen Geographen Walter Pahl, der die Frage der Schwarzen in Afrika als ein kritisches Problem der nahen Zukunft beschrieben hatte. Ich selbst hatte ja einmal diesen Seminarvortrag über die Zukunft des Britischen Empires halten müssen, aber da schienen etwaige Probleme auf den zentrifugalen Tendenzen in einigen weißen Dominien und Indien, und nicht so stark auf der Frage der Schwarzen in afrikanischen Kolonien zu liegen. Pahl hat das wenig später mit Blick auf Südafrika anders dargestellt. Es war eine ganz neue Begegnung für mich, nun inmitten dieser Fragestellung zu leben, und da waren rein menschlich nun auch die ersten Kontakte mit Schwarzen, zunächst einfach zu den Bediensteten, die für unsere Gruppe in dem kleinen Evacuee Compound beschäftigt wurden, oder dann auch die Hausangestellten des Ehepaars Savory oder Arbeiter auf der Farm.
Die sechs Monate dort waren eine gute Einführung ins Leben in Afrika (10), seine Reize als Gegensatz zum Leben in Europa, viele seiner Probleme, Leben mit englischen Menschen in den Kolonien. Mein Englisch verbesserte sich entscheidend, ich hatte soviel Zeit dafür und viel Verständnis und Hilfe von den Savorys. Mit einigen aus unserer Gruppe, die auch etwas Englisch konnten, hielten wir engen Kontakt mit der Farmer Familie, spielten auch Bridge dort oder sollten sie zum "Sundowner" besuchen. Das waren die abendlichen "Drinks" bei Sonnenuntergang, eine typisch koloniale Sitte, wurde mir gesagt, man mußte um die Zeit seine Chininpillen nehmen, und dazu mußte man natürlich etwas trinken. Die Pillen mußte ich auch nehmen, aber bekam trotzdem bald meine erste Malaria.
Als Tageszeitung brachte die Post das "Bulawayo Chronicle" mit kurzer Verspätung, auch gab es die "Sunday Times" aus Johannesburg, aber für wirkliche tägliche Nachrichten versorgte uns die BBC. Man konnte sich, wie es die Savorys taten, Bücher aus den guten Beständen der öffentlichen Bibliothek in Bulawayo kommen lassen. In diesen sechs Monaten wurde ich in meinem Rondavel, es hatte eine typische hohe Decke, die auch das Dach war, aus Gras, ein unermüdlicher Leser, natürlich nur englischer Bücher, viel Anthropologie, das war ja ein sehr aktuelles Interesse in der neuen Umgebung, aber auch alle politischen Fragen, die mit Afrika oder dem Kriegsgeschehen und seiner Vorgeschichte zu tun hatten.
Es war ein großes Programm, aber bald nahm ich auch wieder mein Memorandum über das erhoffte Nachkriegseuropa zur Hand. Ich weiß nicht mehr, wieviel mir davon nach der Grenzkontrolle am Suezkanal noch übrig geblieben war, ich bekam meine Papiere von dort nie zurück, ich machte wohl eine ziemlich neue Fassung jetzt, konnte eine Schreibmaschine der Savorys dazu benutzen. Ich konnte es doch vorläufig erst in Deutsch schreiben, ein früherer polnischer Richter jüdischer Herkunft hatte zugesagt, es mir ins Polnische zu übersetzen, es kam aber nie dazu.
Im April 1942 fing ich dann an, in der Wirtschaft des "Copperbelt" zu arbeiten, und da gab es neue Prioritäten. Auch wurde dann klarer, daß mein Bild einer Europäischen Union mit Rußland ruhig hinter seinen alten Grenzen sitzend, kaum den Realitäten entsprechen würde. Ich hatte es so erhofft, als beste Sicherheit nach dem Kriege für alle, ich hatte beiseite geschoben, daß am 17. September 1939 ich ja so spontan und panisch auf den russischen Einmarsch in Ostpolen mit der Vermutung reagiert hatte, sie würden erst am Rhein Halt machen.
Durch die polnische Vertretung in Lusaka erhielt man auch regelmäßig die in London erscheinende Exilpresse und Literatur. Als wir in Nordrhodesien ankamen, gab es dort eine Welle von Sympathie für die Russen, die unter den heftigen Angriffen Hitlers verzweifelt kämpften, und man konnte sich dem gar nicht verschließen. Für mich kam noch das Gefühl dazu, daß meine Mutter nun in deren Obhut war, durch die Deportation vor den Nazis gerettet. Die Freunde, die in Lemberg blieben, waren den Nazis in die Hände gefallen, die ja in von den Russen eroberten Gebieten sofort mit systematischen Massenmorden begannen.