Rückblicke

Chapter 23

Chapter 233,429 wordsPublic domain

Ich konnte auf den Quai gehen, jedenfalls um zu telefonieren. Das Geld für das Deposit hatte ich nicht, ich war zuversichtlich, Herbert würde mich da auslösen, aber anscheinend hatte ich nur drei Stunden, dann sollte das Schiff nach Alexandria weiterfahren. Es kam schon ein Matrose, der mein Gepäck wieder an Bord nehmen wollte. Man hatte viel gehört über Flüchtlinge, die monatelang auf dem Mittelmeer herumkreuzten, von manchen hatte man nie wieder gehört. Ich hatte ja schon manches mitgemacht, aber geriet in ziemliche Panik. Sobald ich annehmen konnte, daß Hermann Safir und die Przedpelskis schon in Tel Aviv angekommen sind, rief ich dort an und erklärte meine Lage, hörte, wie er mit Przedpelski sprach, und dann sagte er zu, das Deposit für mich vorzuschießen und sofort alles Nötige zu veranlassen. Das Schiff wurde schon zur Abreise gerüstet, ich aufgefordert, wieder an Bord zu gehen, da kam zur Zeit noch die Bestätigung, daß mein Deposit bezahlt worden war. Ich konnte an Land bleiben (4).

Aufenthalt in Palästina

Jetzt war ich also in Palästina, eine sehr wichtige, neue Begegnung. Einmal das Land altzeitlicher jüdischer Vergangenheit, sehnsüchtiges Ziel zionistischer Hoffnungen auf jüdische nationale Existenz, ein Thema, dem ich neuerdings mit viel Sympathie, aber als wirkliche persönliche Identifikation doch mit angeborenen Hemmnissen und Vorbehalten bisher begegnet war. Ich wollte es nun wirklich ganz unvoreingenommen und mit soviel Idealismus wie möglich erleben. Der andere Aspekt, und vom Standpunkt meines Erlebens des Krieges ebenso wichtig, ich war jetzt auf englischem Gebiet, auf der Seite, von wo der Kampf gegen Hitler geführt wurde, die Seite der Alliierten, die die Hoffnung aller Gegner des Nationalsozialismus wurde.

Meine Kontakte sollten sehr mannigfach sein, und da war die Frage, ob ich werde bleiben wollen, und ob überhaupt bleiben können. Aussichten für Weiterreise nach Brasilien waren ganz undeutlich, im Gegensatz zu Bolivien hatte Herbert schon geschrieben, daß er in Brasilien keine passenden Verbindungen hätte und mir dorthin nicht helfen kann. Man hatte mir für die Nacht ein Hotel am Hafen in Haifa genannt, es gehörte Arabern. Die arabische Umgebung im Hafengebiet und Hotel war natürlich recht fremd. Ich wußte von einigen alten und neueren Bekannten in Palästina, aber von wenigen in Haifa. Ich sah den FWFer Grünpeter, auch aus Oberschlesien, der bei einer Bank arbeitete, mir erste Informationen und auch die Adressen von Bekannten gab, und beschloß, nach Jerusalem zu fahren.

Es war nicht leicht, dort Unterkunft zu finden, und ich weiß nicht, wer mich ins Hotel Zion brachte. Es wurde von einem vollbärtigen Besitzer streng orthodox geführt, so streng, das war wieder soviel fremder als alle die guten Bekannten und Freunde, die ich in Jerusalem wiedertraf. Das Klima schien mir gar nicht zu bekommen, ich hatte das stärkste Asthma und andere allergische Krämpfe, Freitagabend ging das Licht aus, und man konnte es auch nicht mehr anzünden im Hotel. Die Wirtsfamilie nahm auch gar keine Notiz davon, daß es einem schlecht ging, etwelcher Enthusiasmus über die neue Umgebung wurde bald gedämpft.

Es war anders mit den vielen Freunden und Bekannten, die ich wiedertraf. Da war Erich Markus aus Gleiwitz, Musikenthusiast; als Zahnarzt hatte er wohl Telefon, das war dort gar nicht so selbstverständlich damals. Otto Lilien selbst war bei der Royal Airforce in Kairo, aber Lore Lilien war da, auch der einstige Schulkamerad und FWV Bundesbruder Hans Roman. Ganz große Hilfe in meinen Krankheitsproblemen wurde der FWVer Max Altmann, einstiger Mitarbeiter und Nachfolger von Kurt Lange in der Krankenkasse der Studentenhilfe der Universität Berlin, jetzt Assistenzarzt am Hadassahhospital bei seinem Onkel, dem Laryngologen Dr. Lachmann aus Berlin. Bald traf ich auch Franz Goldstein, von seinem ersten Exil Prag noch rechtzeitig nach Jerusalem gelangt, mit seiner großen Bibliothek, und als Musik­ und Filmkritiker bei der Palästine Post tätig.

Mein Asthma nahm aber in wenigen Tagen solche Formen an, daß Max Altmann mich ins Hadassahhospital in die 2. Medizinische Abteilung bei Dr. Rachmilewitz einlieferte, der sich für mich als wunderbarer Arzt erwies. Ich teilte das Krankenzimmer mit einem jungen Kibbutznik. Mit seiner guten Stimme hatte sein Kibbutz ihn zur Ausbildung nach Jerusalem geschickt. Er schien ein einfacher Mensch, aber sehr geweckt, gut gebildet, mit großem Enthusiasmus für die Ideen des Kibbutz und das neue jüdische Palästina. Meine Aussprache der ersten hebräischen Worte fand er zwischen bedauernswert und belustigend. Ich sollte am Wort "bachur" versuchen, mich von meinem hochdeutschen Akzent dabei zu befreien. Es schien hoffnungslos. "Jecke potz" sagte er verzweifelt, ich mußte an Daniec's Ausspruch über meine preußische Akzentfahne denken, anscheinend blieb man Fremder überall. Verstehen lernte ich gut in den wenigen Tagen dort, wie auch in einem bewußt nichtreligiösen Kibbutz jüdische biblische Überlieferung ganz wie gegenwärtig als Folklore, wie Sagenüberlieferung oder Märchen weitergelebt, ja erlebt wird, und es wurde eine meiner wichtigsten Erfahrungen in Palästina.

Mein Aufenthalt war diesmal recht kurz, ich konnte bald entlassen werden und zog in die Pension Shalwa, von polnisch­jüdischen Einwanderen aus Sosnowitz geführt. Die Gäste waren mehr im gewohnten Stil, auch deutsch­jüdische, auch von der Universität. Nun hatte ich einige Wochen vor mir, in denen ich am Leben in Jerusalem teilnehmen konnte. Franz Goldstein war wieder ein interessanter Kontakt (5). Seine Bibliothek war gut installiert, ganz anheimelnd für Besucher, oft kam zum Beispiel Else Lasker­Schüler, schon sehr alt, mit viel Zauber und Humor.

Eines Tages wollte sie eine Art Séance vorbereiten, so viele wie möglich sollten zusammensitzen und durch ganz starke Konzentration ein Ereignis herbeiwünschen, das den Fall des Hitlerregimes nach sich zieht. Sie war sicher, durch starke Konzentration könnte man das erreichen. Ihre Idee war, man muß sich ganz auf die Person Hitlers konzentrieren und wünschen, daß er eine ganz große Dummheit begeht, zum Beispiel in einem Argument mit einem seiner Generäle diesen ohrfeigt. Bin ich nicht auch der Ansicht, fragte sie mich, daß Hitler dann gestürzt werden würde? Das habe ich schon bestätigt, aber taktvolle Zweifel angemeldet, daß man so etwas tatsächlich herbeiwünschen kann. Mit einem so wundersamen Menschen wie ihr mußte man ja behutsam umgehen. Das Thema wurde auch allgemein akzeptiert, die Session fand später auch statt, aber ich mußte mich entschuldigen.

Heute weiß ich nicht einmal mehr, nach aller Literatur, die es über die Reaktionen und Nichtreaktionen der Generäle in der Hitlerzeit gibt, ob solch eine Entgleisung Hitlers damals wirklich zu seinem Sturz geführt hätte.

In seinen Anschauungen hatte sich Franz Goldstein, er schrieb immer noch als "Frango", immer besonders mit Max Brod und Arnold Zweig verbunden gefühlt und war in Kontakt mit beiden geblieben. Max Brod blieb eine Säule zionistischer Gesinnung, aber Arnold Zweig war, so erzählte Frango, von viel stärkeren Zweifeln und Entfremdung befallen. Frango war es ähnlich ergangen, seit er von Prag nach Palästina weiterreisen mußte. Er hatte in Jerusalem durchaus Anklang und Anschluß gefunden, materiell aber war es noch problematisch, aber da war er nicht allein.

Außer für die Palästine Post schrieb er dann auch für die Zeitschrift "Orient" (6), die von Arnold Zweig und Wolfgang Yourgrau herausgegeben wurde und sich stark für jüdisch­arabische Verständigung einsetzte. Darin gehörte sie zu der vom Rektor der Universität Dr. Magnes geführten Bewegung, der auch Martin Buber nahestand. Dessen Rolle im damaligen jüdischen Palästina schien mir bezeichnend für die Schwierigkeiten, einige Züge deutsch­jüdischer Tradition in den Strom der Entwicklung zionistischen Denkens einzufügen. Das betraf nicht nur solch geistige Prominenz, auch alte oberschlesische Zionistenführer, die ich traf, fühlten sich deutlich ausgelassen, als ob sie nicht Jahrzehnte lang für den Zionismus gearbeitet hätten. Es gab nur wenige, die damals ihren Begabungen und früherem Wirkungskreis entsprechende Stellungen einnahmen, z.B.in der Verwaltung Fritz Naphtali und im Bildungswesen Ernst Simon. Durch Lore Lilien lernte ich im jüdischen Bezalel Museum in Jerusalem Jakob Steinhardt kennen, einen alten Freund des Malers E.M. Lilien, und eine andere interessante Begegnung arrangierte sie für mich mit der Witwe Eliezer ben Jehudas, Pioniers der neuen Hebräischen Sprache, nach dem prominente Straßen in allen Städten benannt waren. Die eindrucksvolle alte Dame kam wie ihr Mann aus Rußland, sprach fließendes Deutsch, verwaltete sehr aktiv die Herausgabe des Hebräischen Lexikons und anderer Werke. In der lebhaften Unterhaltung stellte ich auch Fragen über weitere Entwicklungen, denn ich wußte, daß ein Sohn in Tel Aviv für die Übernahme lateinischer Schrift für das Neue Hebräisch eintrat, ein paralleles Thema war mir ja vom Aufenthalt in der Türkei her geläufig. Es schien mir nicht, daß sich die Frau Elieser ben Jehudas mit den Bestrebungen des Sohnes identifizierte. Sie erwähnte aber ein anderes Thema, Reform der hebräischen Grammatik, das hätte ihrem Mann sehr am Herzen gelegen, aber, sagte sie, wie mir schien etwas kryptisch, jetzt während des Krieges kann dafür ohnehin nichts getan werden. Wieso, fragte ich. Ihr Mann hatte immer gesagt, daran würde er nur mit Hilfe eines bestimmten deutschen Philologen arbeiten können, und den könnte man ja jetzt während des Krieges eben nicht hinzuziehen. Ich war erstaunt, es schlug da ein Cord an, der mir ja von meiner Beschäftigung mit der Literatur deutscher Alttestamentler über israelitische Geschichte und Religion so vertraut war, aus der ich ja eigentlich glaube, mein bestes Verständnis für diese mir so wichtigen Themen gewonnen zu haben. So fühlte ich mich unerwartet recht zu Hause bei dieser Unterhaltung.

Eine, wie mir schien, wichtige Perspektive für Palästina wurde mir nahegebracht, als ich mich um eine Aufenthaltsgenehmigung bemühte. Einer meiner Bekannten aus dem Demokratischen Studentenbund Berlin war in Jerusalem erfolgreich geworden in einer der deutsch­jüdischen Privatbanken. Deren Anwalt arrangierte für mich einen Besuch im Immigrationsdepartment der Britischen Mandatsverwaltung, wo ich von einem Mitglied der arabischen Familie Nashashibi empfangen wurde. Im Gegensatz zu dem Großmufti aus der Familie Husseini, der scharf gegen England Stellung nahm, waren Mitglieder der arabischen Familie Nashashibi auf Seite der Alliierten und, so meinte man, vielleicht eher zu einem Zusammenleben mit den Juden in Palästina bereit. Die Unterhaltung spielte sich in vollendeter Höflichkeit ab, und ich habe mich oft an die Haltung dieses damals noch jüngeren Mannes erinnert. Sie vermittelte mir den Eindruck der starken, alteingesessenen Stellung der arabischen Palästinenser, aber, so dachte ich, auch eine mögliche Hoffnung, daß bei gegenseitigem Respekt es eine Möglichkeit für ein Zusammenleben geben könnte. Ich erhielt eine mehrmonatige Aufenthaltsverlängerung für mein Transitvisum.

In diesen Wochen konnte ich auch die Altstadt, Klagemauer und andere berühmte Stätten in Jerusalem besuchen, die Hebräische Universität und die Bibliothek. Aber meine Zeit dafür lief bald ab. Von der Pension Shalwa war ich grade in eine Wohnung im gleichen Haus umquartiert worden, und die Frau Justizrat aus Köln war, wie sich herausstellte, die Schwester des Dirigenten Otto Klemperers, es waren all die alten Möbel da. Mein Asthma nahm wieder bedrohliche Formen an, Max Altmann nahm mich wieder in die Hadassah, diesmal in die 1. Medizinische Klinik, wo mich ein deutscher Professor behandelte. Ich wurde dort vier Wochen gehalten, quälend und mit nachhaltigem Schaden, trotz des Vorgangs der früheren erfolgreichen Behandlung. Zum Schluß entschied der Professor, man müßte einfach einen Tag wählen, wo es mir einigermaßen ging, und dann sollte ich schnell packen und nach Tel Aviv übersiedeln in der Hoffnung, daß es mir dort besser gehen wird. Ich hatte durch Beobachtungen festgestellt, daß ich, wenn dem in Jerusalem besonders heftigen Chamsinwind zugekehrt, mehr litt als abgekehrt vom Wind. Es bestätigte sich auch, daß es mir dann in Tel Aviv weit besser, wenn auch nie wirklich gut ging.

Im Hotel Hayarkon an der Ben­Yehuda­Straße in Tel Aviv war erster neuer Eindruck die vielen Leute von der jüdischen "Bürgerwehr"­Truppe der Haganah, die dort ein und ausgingen. Diese jüdische Selbstverteidigungsbewegung war gegenüber den schon so lange anhaltenden Angriffen arabischer bewaffneter Gegner des Zionismus entstanden. Die jüdische Arbeiterbewegung schien ihre Hauptstütze zu sein. Meine Erinnerung aus diesen Tagen in Tel Aviv bleibt an vernünftige und entschlossene Leute, oft schon gesetzteren Alters, man fühlte die große Zuverlässigkeit ihres Einsatzes. Unterdeß war der Krieg dem östlichen Mittelmeer immer näher gerückt. Die Deutschen waren nach einem Proachse­Staatsstreich in Jugoslawien eingefallen, machten die anfänglichen Rückschläge der Italiener in Griechenland und Nordafrika wieder gut. Tel Aviv war schon von deutschen Luftangriffen bedroht, und Anfang Mai gab es in Irak einen pro Hitler Putsch gegen die Engländer durch Raschid Ali, vom Jerusalemer Mufti Husseini unterstützt, man war wieder im Feld äußerster Spannungen. Der Putsch im Irak wurde von den Engländern bald unterdrückt, aber im Mittelmeer spitzte die deutsche Invasion Kretas die Lage weiter zu.

In Tel Aviv hatte ich Verwandte wiedergefunden. Meine Tante Edith Samuelssohn aus Königsberg, Arztwitwe, selber einst schriftstellernd und Mitglied des Deutschen Penclubs dort gewesen, war eine Lieblingskousine meiner Mutter. Ihre Tochter Eva war diejenige, die sich für den Zionismus begeistert und bei Paltreu, der in Deutschland entstandenen Treuhandgesellschaft für Auswanderer nach Palästina, gearbeitet hatte. So kam dann auch ihre Mutter, recht unwahrscheinliche Kandidatin dafür von ihrem bisherigen Leben her, nach Palästina, und auch Schwester Lilly, Goldschmiedin, mit zweitem Vornamen Margarethe, die mit einem Arzt verheiratet war. Ich lernte in ihrem Haus viele ihrer meist Königsberger Freunde kennen und hatte oft guten Rat und Zuspruch. Tante Ediths Bruder war Paul Riesenfeld aus Breslau, ein Musikkritiker und ­lehrer, etwas exzentrisch, der nun für eine in deutscher Sprache erscheinende kleine Emigrantenzeitung in Tel Aviv schrieb.

Zu meinen bereicherndsten neuen Bekanntschaften in Tel Aviv gehörte Conrad Kaiser, der entfernt verwandt war. Als Lotte später auch nach Tel Aviv kam, wohnte sie mit Nina bei Kaisers, und ich nahm am Mittagstisch teil. Er war ein alter Zionist, KIVer, aber auch mit erfolgreicher Karriere im preußischen Staatsdienst, zuletzt Regierungsdirektor im Berliner Polizeipräsidium, mit weitem Horizont und Interessen, besonders Geschichte, hatte eine ausgewählte, große Bibliothek. In seinen Ansichten war er ein Beispiel konsequenter zionistischer Einstellung und Reaktionen auf alles was vorkam, und er versuchte mir, das jeweils ganz klar zu machen. Ich glaube, es war ein Raubmord in Tel Aviv über den die Zeitungen berichteten. Er brach in Jubel aus, das war es, nun gab es auch jüdische Verbrecher, die Juden waren auf dem Weg, ein normales Volk zu werden (7), das war die Essenz des Zionismus. Er konnte sehen, wie diese Interpretation mich überraschte und mir gegen den Strich ging, aber er ließ nicht locker. Eine starke Bewunderung, die ich teilte, verband ihn mit dem Werk Jakob Burkhardts, aber was für ein schrecklicher Antisemit er gewesen sei. Da war alle Literatur in seiner Bibliothek, auch Burkhardts Briefwechsel mit seinem Freund Prehn, es war wirklich so. Ein gemeinsames Interesse mit Conrad Kaiser war die Betrachtung jüdischer Ursprünge und Geschichte im Lichte der Erkenntnisse der alttestamentlichen Bibelkritik, auch hier war seine Bibliothek reich versehen.

Einige der alten Freunde Conrad Kaisers lernte ich auch kennen und besuchte auch Dr. Badt, den früheren Ministerialdirektor beim preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun. Er war selbst Sozialdemokrat aber auch immer alter Zionist gewesen stark angegriffen von der Rechten. Seine Schwester Bertha Badt­Strauss, Schriftstellerin, hatte ich oft in Dahlem gesehen, eine Schulfreundin meiner Tante Grete, so auch eine Jugendbekanntschaft des Dr. Badt, und er sprach von ihr. Ich hatte wieder denselben Eindruck; Badt, trotz großer Erfahrung in Politik und Verwaltung und alter Zionist, wurde wie mancher andere deutsch­jüdische Einwanderer damals außerhalb des zionistischen Establishment gehalten.

Als wie eine persönliche Ermahnung blieb am stärksten in Erinnerung von allen deutsch­jüdischen Begegnungen mein FWV Bundesbruder Max Pinn. Er hatte sich in Berlin dem Kreis um Robert Weltsch angeschlossen, war überzeugter Zionist geworden, arbeitete bei Paltreu und war erst im letzten Moment nach Palästina gekommen, studierte nun nochmals für sein juristisches Examen dort. Wir hatten einige lange abendliche Spaziergänge in lebhafter Meinungsverschiedenheit. Ich mußte mich an meine Spaziergänge in München mit Walther Seuffert erinnern, aber diesmal ging es um ein anderes Thema. Ich hatte große Schwierigkeiten nicht nur für mich selbst, sondern auch vom Standpunkt des deutsch­jüdischen Assimilanten, und das waren wir ja beide gewesen, eine positive Bilanz über das, was ich dort sah, zu ziehen. Zuviel schien mir verloren zu gehen, nicht bei der zionistischen Zielsetzung an sich, sondern wie ich es empfand, daß sich die Dinge im Lande tatsächlich entwickelten. Sein Enthusiasmus war so groß, daß er all das bei Seite schob. Das ist die geschichtliche Entwicklung, sagte er, was Du dabei empfindest, ist ohne Belang, wenn die Zeit über in der Diaspora entwickeltes Gedankengut hinweggeht, dann muß es halt sein, das wichtige ist, daß es ein jüdisches Palästina geben wird. Strenge Ermahnungen, er war ein Mensch geneigt zu einer Art eiserner Disziplin, eigentlich sehr preußisch in seinem Charakter (8). Wir haben uns nicht geeinigt, ich fand, entscheidend muß sein, wie so ein neues Judentum aussehen, sich gestalten kann. Vor dieser großen Frage war ich so skeptisch, ja vielleicht kann man sagen, entfremdet geworden. Das war noch ganz unabhängig von dem großen Problem des Verhältnisses zionistischer territorialer Ziele zu der arabischen Umwelt.

Ich hatte natürlich auch lebhafte Kontakte mit polnisch­jüdischen Kreisen. Abgesehen von vielen Kattowitzer Bekannten, zum Teil schon in kurzer Zeit als Neuankömmlinge erfolgreich, so in der jungen Diamantenindustrie, aber auch viele, die sich sehr quälten, sah ich beinahe täglich einen Kreis, zu dem der mir von vielen Vorkriegsartikeln bekannte Krakauer Nationalökonom Dr. Ludwik Berger gehörte. Ich hatte da schon einige gemeinsame Anschauungen über polnische wirtschaftliche Probleme gefunden, und auch jetzt verstanden wir uns gut über nun aktuelle Fragen. Zu dem Kreis, den ich fast täglich in einem Caffee am Dyzengoff Platz traf, ich war unterdeß aus dem Hotel in ein möbliertes Zimmer in dieser Gegend gezogen, gehörte auch Zygmunt Hochwald, Herausgeber der Krakauer jüdischen Tageszeitung "Nowy Dziennik", eine der repäsentativsten der großen jüdischen Minderheit in Polen. Sie war prozionistisch, säkular, für bürgerliche, assimilierte polnische Juden mit jüdischem politischen Bewußtsein. Es waren mehrere Journalisten da, und das heißt ja oft, daß die Stimmung aufsässig ist, so gab es auch manche Kritik an jüdischer Entwicklung und Politik in Palästina. Die offizielle Spitze der jüdischen Präsenz in Palästina war die Jewish Agency, Sochnuth im jüdischen Sprachgebrauch dort. Weitzmann war ja im Ausland, der Statthalter war Ben Gurion. Einige prominente Vertreter der polnischen Juden gehörten zur Spitze. Meine Stammtischfreunde am Dyzengoff Platz schienen einen ganz guten "Draht" dorthin zu haben. Eines Tages kam jemand zurück aus Jerusalem und sagte, wenn man da in die Sochnuth kommt, die sprechen schon so, als ob sie morgen die Regierung des Landes sein werden. Ich war bestürzt. Das hatte nie zu meinem Blickfeld gehört.

Die Balfour Deklaration hatte eine "Heimstätte" für das jüdische Volk in Palästina proklamiert, es war daraus schon eine starke jüdische Siedlung entstanden, der Jischuw genannt. Juden konnten auf vieles dabei stolz sein und weitere gute Hoffnung haben, aber die Idee eines jüdischen Staates anstelle eines Schutzes wie des von England ausgeübten Mandates, das schien mir ein verwegener Gedanke mit all den alteingesessenen Arabern herum. Man war im ganz arabischen Jaffa gewesen, im Bus von Jerusalem nach Tel Aviv durch ganz arabische Gegenden gefahren, sollte, ja konnte es da einen jüdischen Staat geben, war das sinngemäß, im wirklichen Interesse der Zukunft des Jischuws? Man schien auch etwas skeptisch an dem Caffeehaustisch, ob solche Stimmung in der Sochnuth zeitgemäß oder wirklichkeitsfremd ist, aber meine Reaktion war viel stärker, für mich ging schon die Konzeption eines jüdischen Staats als Staat in Palästina zu weit. Ereignisse seitdem haben meine damalige Reaktion ja weitgehend überholt. Ich frage mich heute, war das mein Wirklichkeitsempfinden nach mehrmonatigem Aufenthalt in Palästina, oder ist da ein Ideologieverdacht: die Idee einer Zionistischen Heimstätte schon, aber die eines jüdischen Staates konnte meine assimilierte Grundhaltung schwer vertragen. Von dem eigentlichen Holocaust mit Millionen jüdischen Lebens vernichtet, wußte man damals im frühen Sommer 1941 noch nicht. Es ging alles darum, daß Hitler besiegt wird und das Hitlerregime von der politischen Szene Europas verschwindet.

Die Frage der Gestaltung der Nachkriegswelt in Europa beschäftigte mich immer mehr. Die Unterhaltung mit Winiewicz war da ein Stachel. Mit solchen polnischen Zielsetzungen schien es mir schwer, sich ein friedliches neues Europa vorzustellen. Ich versuchte für solch ein Europa eine Konzeption zu entwerfen und das sozusagen als ausführliche Antwort in die Form eines Memorandums an die polnische Exilsregierung in London zu bringen. Ein wesentlicher Gedanke war, die Formulierung von Kriegszielen der Alliierten dürfe sich nicht im luftleeren Raum bewegen, eine Schlüsselfrage mußte sein, wie man sich die Entwicklung in einem besiegten und von den Nazis befreiten Deutschland vorstellen kann. Das Postulat einer zunächst vollständigen Entwaffnung Deutschlands nach diesem 2.Weltkrieg schien unabweisbar, politisch sah ich die Antwort damals im Sommer 1941 in der sofortigen Gründung einer Europäischen Union mit Einschluß Englands. Nach Wiederherstellung Frankreichs müßten auch die mittel­ und osteuropäischen Nachbarn Deutschlands so gestärkt werden, daß sie eine wichtige Stütze für eine Europäische Union wären. Deutschland, zunächst unvermeidlich ganz entmachtet, könnte dann in eine solche Union hineinwachsen. Für WiederIdentifikation und gute Nachbarschaft wäre das der hoffnungsvollste Weg. Darauf, daß dies dann auch gelingt, muß man aber bedacht sein, daß drastische Grenzrevisionen auf Kosten Deutschlands da nichts Gutes für die Zukunft bringen würden.